Rezension: Nexus | Ramez Naam

Samstag, 24. September 2016 3 Kommentare


Die Nano-Droge ermöglicht es einem, sich mental mit anderen Menschen und mit den Datenströmen des Internets zu verbinden. Der US-Behörde ERD ist Nexus jedoch ein Dorn im Auge. Sie zwingen den jungen Programmierer Kaden Lane, einen der Miterfinder von Nexus, sich bei einer skrupellosen chinesischen Wissenschaftlerin einzuschleusen. Sie plant, die gesamte Menschheit zu unterwerfen. Doch auch die Behörden gehen für Nexus über Leichen. [Text & Cover: © Ronin-Hörverlag]  

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Ramez Naam, geboren in Kairo, emigrierte im Alter von drei Jahren in die USA und war 13 Jahre lang bei Microsoft in leitender Funktion tätig. Er war beteiligt an der Entwicklung von Produkten wie Microsoft Outlook, dem Internet Explorer und der Suchmaschine Bing. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Bevor er mit "Nexus" den Auftatk zu einer Science-Fiction-Trilogie setzte, publizierte er zwei Sachbücher zu eben diesen Themen.

Nicht jeder kompetente Sachbuchautor ist zugleich auch ein begnadeter Erzähler, gelten doch gänzlich unterschliedliche Anforderungen an den Stil der jeweiligen Gattung. Ramez Naam gehört zu jenen Geistern, die in beiden Fächern reüssieren: Ihm ist es gelungen, ein spannendes Forschungsgebiet in einen mindestens ebenso spannenden Roman zu verpacken. Aus seiner fachlichen Kompetenz macht er dabei keinen Hehl, nur allzu gerne verliert er sich in technischen Details. Bei dem titelgebenden "Nexus" handelt es sich um zweierlei. Zum einen ist es ein Betriebssystem, das als Hardware den menschlichen Körper benutzt und zur Steuerung von dessen Funktionen Schnittstellen für Programme bereitstellt. Zum anderen ist Nexus eine oral einzunehmende Droge, die den Körper empfänglich für die Befehle des Betriebssystems macht. Der Autor stellt dabei detaillierte Überlegungen zum Design und den Eigenschaften dieses Betriebssystems an, sodaß eine Vorbildung des Hörers auf dem Gebiet der Computerwissenschaften sicher von Vorteil ist, um die jeweiligen Passagen nicht als zu theoretisch zu empfinden. In eben jenen Passagen setzt sich der Autor dabei der Gefahr aus, jenen Teil seiner Leser zu verlieren, die über entsprechende Grundkenntnisse nicht verfügen. Umgekehrt verleiht gerade die Kompetenz des Autors und die Reife seiner Überlegungen der Geschichte einen Grad an Authentizität, der die Grenze zwischen Fakt und Fiktion auf beunruhigende Weise verschwimmen läßt.

(Recht kurios in sachlicher Hinsicht ist übrigens der Umstand, daß die Geschichte zwar im Jahr 2040 spielt, wo hochkomplexe Problemstellungen aus dem Bereich der Bioinformatik (natural computation) bereits gelöst sind, das Nexus-Betriebssystem aber immer noch die von Microsoft bekannte auf Verzeichnissen und sequentiellen Dateien beruhende Filesystem-Struktur nutzt. Hier dürfte die berufliche Karriere den Autor stark beeinflußt haben.)

Neben den technologischen Aspekten einer solchen Revolution auf dem Gebiet der Computerwissenschaften sind Ramez Naam ganz offensichtlich die ethischen ein bedeutendes Anliegen. Wiederholt fragt er nach den Grenzen der Wissenschaft. Gibt es so etwas wie moralische rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen, oder hat der Mensch die Verpflichtung, alles umzusetzen, was realisierbar ist? Ist die Wissenschaft per se wertfrei, oder kann sie unter gewissen Umständen auch gut oder böse sein? Wenn es Maßstäbe gibt, anhand derer eine solche Wertung vorgenommen wird, wer besitzt dann die Autorität diese festzulegen und ihre Einhaltung zu überprüfen? Und nicht zuletzt: Wie weit reicht die Verantwortung eines Forschers für die Konsequenzen seiner Entdeckungen? Der Autor legt sich hier deutlich fest:

"Ein Wissenschafter ist für die Konsequenzen seiner Forschung verantwortlich"

ist jenes Mantra, das die Hauptfigur Kaden Lane immer wieder für sich wiederholt. Sakrosankt wird dieser Leitsatz außerdem dadurch, daß es sich dabei um das moralische Vermächtnis seines Vaters handelt.

Wie schwer eine qualitative Bewertung vorgenommen kann, läßt Ramez Naam den Leser auch gleich selbst nachvollziehen. Kaden Lane, Entwickler des Nexus-Betriebssystems wird nämlich von einer amerikanischen Behörde zur Kontrolle revolutionärer Technologien dazu gebracht, eine brilliante chinesische Wissenschafterin auszuspionieren, deren Arbeit - so wird ihm weisgemacht - verheerenden Schaden in der internationalen Politik verursacht. Der Chinesin gelingt es schließlich, Kaden ihre persönliche Sicht zu vermitteln, die sich natürlich fundamental von jener der USA unterscheidet, für den Leser aber mindestens ebenso nachvollziehbar ist. Schließlich verschwimmen die zunächst noch klar definierten Grenzen zwischen Gut und Böse in einen diffusen Graubereich. Der Leser wird geradezu herausgefordert, Ziele und Mittel gegeneinader abzuwägen und Position zu beziehen. Letztendlich steht nichts Geringeres als die Weiterentwicklung des Menschen durch einen künstlich herbeigeführten Schritt in der Evolution im Zentrum aller Konflikte und damit verbunden auch die Frage, wie sich der Homo Sapiens Sapiens angesichts einer überlegenen Spezies verhält. Dieses Thema teilt der Roman auch mit dem 2011 im Original (und 2015 auf dem deutschen Buchmarkt) erschienenen "Extinction" von Kazuaki Takano. Ein bemerkenswertes Detail am Rande: Ramez Naam vermeidet konsequent die ideologisch konnotierte Bezeichnung "Übermensch" und verwendet stattdessen "Transhumaner".

Ambivalent präsentiert sich der Stil des Romans. Während der Autor immer wieder, oft im Übermaß, in Phraseologismen zur Beschreibung von Emotionen verfällt, die in der englischen Sprache häufiger als in der deutschen verwendet werden ("Stirn runzeln", "Brauen heben"), überrascht er den Leser mit einer bunten Vielfalt an Metaphern bei der Beschreibung synästhetischer Sinneswahrnehmungen in den Rauszuständen der Protagonisten

Besonders gelungen und offensichtlich mit großem Aufwand produziert ist die Hörbuch-Fassung des Romans durch den Ronin-Hörverlag. Mit Uve Teschner konnte ein hochkarätiger Sprecher gewonnen werden, der immer wieder lustvoll das Spiel mit verschiedenen Akzenten (hier etwa des chinesischen) betreibt. Zur mentalen Kommunikation der Figuren durch die Nexus-Droge wird außerdem ein Echo-Effekt eingesetzt, der die entsprechenden Dialoge zusätzlich akzentuiert und dem Hörer regelrecht unter die Haut kriecht.

Persönliches Fazit

Nicht jedem gelingt es, ein hochkomplexes wissenschaftliches Thema in einem spannenden Roman verständlich zu verpacken - Ramez Naam ist einer der wenigen Begabten. Die Hörbuchfassung veredelt diesen durch dezent eingesetzte akustische Effekte und einen Sprecher, der zu den besten seines Fachs zählt.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Nexus | Ramez Naam | Ronin Hörverlag
Aus dem Englischen von Bernhard Kempen
2013, Ungekürztes Hörbuch, 15 Stunden 9 Minuten, ISBN: 978-3-453-31560-0
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[wolfgang]  

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diese tolle und fundierte Rezension, lieber Wolfgang!
    Wir sind selbst auch immer wieder begeistert von Ramez Naams spannendem Werk und Uve Teschners genialer Interpretation.
    Zum Weiterhören empfehlen wir "Crux", das Folgewerk.
    Der dritten Teil der Trilogie (Titel: "Apex") erscheint im Frühjahr 2017, zeitgleich mit der Printausgabe.

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  2. Liebes Ronin-Team,
    danke auch für die prompte Rückmeldung ... und das spannende Hörbuch. Ich denke, man kann es meinen Zeilen entnehmen, daß mir Raam & Teschner hier einige spannende Stunden beschert haben. (Und sie haben mich bei einigen Radtouren dieses Sommers regelrecht den Berg hinauftetrieben, weil das Aufhören schwer fiel *g*)
    Mit dem Nachfolger habe ich ohnehin bereits geliebäugelt ... wenn ihr mir den schon nahelegt, were ich so frei sein und mich dann per Mail bei euch melden. Immerhin habe ich ja nach Teil 1 schon meine Erwartungen.

    Liebe Grüße vorerst
    Wolfgang

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  3. Sehr gerne, Wolfgang.
    Wir freuen uns auf Post von Dir!
    Vielleicht ist "Crux" dann die treibende Kraft fürs Herbsttraining...
    ;)
    Herzliche Grüße aus Franken

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