Rezension: Frühstück mit Elefanten | Gesa Neitzel

Montag, 31. Oktober 2016 0 Kommentare

Als Rangerin in Afrika

Gesa Neitzel wagt sich von Berlin in den Busch. Ihr Ziel: die Ausbildung zur Safari-Rangerin in Afrika. Das bedeutet zwölf Monate in einem einfachen Zeltlager. Ohne Internet, ohne Badezimmer, ohne Türen — dafür aber mit Zebras, Ameisenbären und Skorpionen. Die Ausbildungsinhalte bestehen aus Fährtenlesen, Überlebenstraining, Schießübungen. Wie schlägt sich eine junge Frau in dieser fremden Welt? Kann sie sich auf ihre Instinkte verlassen? Funktionieren die eigentlich noch? Sie erzählt von atemberaubenden Begegnungen mit Elefanten und Löwen, vom Barfußlaufen durch die Savanne, von langen Nächten unterm Sternenhimmel — und von einem Leben, das endlich richtig beginnt. [Text & Cover: © Ullstein Verlag]

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Wenn Gesa Neitzel nicht gerade im Busch Elefanten beobachtet, dann schreibt sie auf wonderfulwild.com über ihre Erfahrungen, ihre Zeit und Arbeit in Afrika. Als Fernseh-Redakteurin, Reise-Autorin und Safari-Guide entdeckt sie die letzten wilden Orte dieser Erde und lässt uns daran teilhaben, will uns motivieren und inspirieren. Ihre Erfahrungen und Eindrücke während ihrer Ausbildung zum Safari-Guide hat sie nun auch in dem Buch „Elefanten zum Frühstück“ festgehalten, dass sich uns als eine Art Tagebuch präsentiert. 

Sie reiste schon immer viel. Wann immer es möglich war, nutze sie die Gelegenheit, die Welt zu erkunden. Leben tut sie in Berlin, aber so richtig Heimat ist es einfach nicht. So viel Hektik und Konsum, so viel Freiheit und sich dabei doch nicht frei fühlen. Ihr fällt die Decke auf den Kopf, sie will das Leben wieder bewusster wahrnehmen und nicht an sich vorbeirauschen lassen. Sie muss raus, das wahre Leben spüren, die Natur um sich herum wieder bewusster erleben und eine Idee festigt sich in ihrem Kopf.

So viel weiß ich: Ich will raus aus der Stadt. Ich will Holz hacken und Lagerfeuer machen und Stockbrot über den Flammen rösten. Ich will mich auf einfache Freuden und naturbewusste Lebensweisen besinnen und ich will nicht länger in dieser Blase leben, in der Unzufriedenheit mit Konsum betäubt wird. Ich will durch Wälder wandern und wilden Tieren begegnen und Steinchen übers Wasser springen lassen. Ich will mit der Sonne aufstehen und der Welt zuschauen, wie sie jeden Morgen aufs Neue erwacht. Ich will wieder Kind sein und mich über die Welt wundern. 

Sie hat keine Erfahrung mit Tieren, ekelt sich vor Krabbeltieren und weiss nicht wirklich viel über Afrika - aber ihr Herz schlägt dennoch in diese Richtung und dann ist es vollbracht und sie meldet sich für eine Ausbildung zur Rangerin an. Ein Wechselbad der Gefühle prallt auf sie ein. Vorfreude wird von Selbstzweifel abgelöst, je näher der Reisetermin kommt. aber sie geht trotzdem und lässt sich auf ein faszinierendes Abenteuer ein. 

Sie lernt alles über Elefanten und die vielfältige Vogelwelt, sie übt sich im Spurenlesen und im Zusammenleben mit Mutter Natur. Sie lernt, die Sterne zu lesen und findet nach einiger Zeit mühelos ohne Navigationsgeräte ins Camp zurück. Sie muss Prüfungen absolvieren, die sie nervös werden lassen, aber die sie eben auch herausfordern. Sie läuft barfuss durch die Savanne und findet viele Freunde, mit denen sie die Abende am Lagerfeuer unterm Sternenhimmel verbringt. 
Handy und Laptop werden zur Nebensache, wenn nicht sogar völlig uninteressant. Die faszinierende Tierwelt und die Natur halten sie so in Atem, dass sie das bisher Gewohnte gar nicht vermisst. Sie blickt Gefahren ins Auge, die sie meistern muss und die ihr auch den nötigen und wichtigen Respekt lehren. 

Je weiter ich in ihren Tagebucherträgen lese, desto mehr merke ich selbst dieses Kribbeln in mir, dass Fernweh macht sich breit. Ich stöbere auf ihrer Website und lasse mich inspirieren und ich bewundere ihren Mut, diesen Weg gegangen zu sein. Irgendwann stellt sich dann auch für sie die Frage, wie es weitergehen soll, wie man alles miteinander verbinden kann. Gesa Neitzel hat einen Weg gefunden, Berufung mit Beruf zu verbinden. Aktuell bildet sie sich zum Trail Guide fort und ich bin gespannt, ob sie auch diesen Weg in einem weiteren Buch festhalten wird. 

Persönliches Fazit

Gesa Neitzel hält in „Elefanten zum Frühstück“ ihre persönliche Erfahrungen auf dem Weg zur Rangerin fest und nimmt und mit auf eine faszinierende Reise in die Wildnis und die atemberaubende Tierwelt Afrikas. Ein sehr inspirierender und auch motivierender Erfahrungsbericht mit Fernweh-Garantie! 
Letztlich kommt man gar nicht umhin, sein eigenes Leben reflektieren zu lassen - und ich wünschte mir während des Lesens mehr als nur einmal, es ihr einfach gleich zu tun und auszubrechen aus dem ständigen hinterher hetzen der Zeit. Ihre Geschichte motivierte mich sehr, wieder viel bewusster das Augenmerk auf die wirklich wesentlichen Dinge im Leben zur richten und sich nicht vollends der Schnelllebigkeit und dem Konsumrausch hinzugeben, Dinge in der Natur um sich herum bewusst wahrzunehmen und einfach öfter mal innezuhalten … 

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Frühstück mit Elefanten | Gesa Neitzel | Ullstein Verlag
Gelesen über NetGalley
2016, Erzählendes Sachbuch, 368 Seiten, ISBN-13 9783843714495
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[alexandra]

Buchvorstellung DiY: Emoji Häkeln #emojidiy

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Sag`s ohne Worte!
Gehäkelte Emojis für jede Stimmungslage


Lustige emoji Accessoires oder coolen Smiley häkeln: Anleitung für trendige Schlüsselanhänger uvm. im angesagten emoji-Look.
Dieses Häkelbuch hilft Ihnen die Emotionen ganz ohne Worte auszudrucken. Emojis, die heiteren runden Kerlchen, begleiten unseren Alltag jetzt auch in selbst gehäkelter Form. Als selbst gehäkelte Schlüsselanhänger oder Taschen-Charm machen sie unser Leben jetzt auch außerhalb der digitalen Welt bunter. Ganz einfach gehäkelt und mit aus Filz ausgeschnittenen Gesichtern. Lachen wir, bis die Tränen kommen, dann lacht das Emoji mit. Sind wir cool as hell, begleitet uns das Sonnenbrillen-Emoji. Sind wir verknallt, dann verschenken wir natürlich Herzchenaugen. [Text + Cover: frechverlag]

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Das ist ja mal eine super Idee: Emojis zu häkeln! Die kleinen Kerlchen sehen lustig aus, ein jeder kennt sie aus dem WWW und sind zudem kinderleicht anzufertigen. Das ist auch was für Häkelanfänger. Du brauchst nur aus festen Maschen eine Kugel zu häkeln, was in der dazugehörigen Anleitung genau beschrieben ist, stopfst sie aus und klebst aus Filz die entsprechenden Gesichter auf – fertig! Das geht einfach und schnell.

Die Tier-Emojis sind dann schon etwas schwieriger. Aber mit den detaillierten Anleitungen schaffst Du das auch. Zudem gibt es ab Seite eine Häkelschule als Hilfestellung.

Damit Du weißt, wie einfach oder schwierig die Teile sind, findest Du eine Einteilung in Schwierigkeitsgrade:
  • 1 Emoji = schnell und einfach
  • 2 Emojis = braucht etwas Übung
  • 3 Emojis = für Anspruchsvolle
Aus den gelben Kugeln kann man noch viel mehr Emojis zaubern. Dazu gibt es auf den Einbandklappen ein Emoji-Lexikon mit vielen weiteren Anregungen.
Zum ersten Nacharbeiten habe ich mich für 3 Emojis und die 3 Affen (nix hören, nix sehen, nix sagen) entschieden. Die Ergebnisse sind auf den Fotos zu sehen, was haltet ihr davon? :-) 




Bei der Grundanleitung für die Affen ist allerdings ein kleiner Fehler aufgetreten und zwar bei den Händen. Hier stimmt die Farbangabe nicht. Sie schreiben zwar nicht, mit welcher Farbe man beginnen soll, aber in der 8. Runde soll man zu beige wechseln (also demnach mit braun beginnen). Das muss aber gerade umgekehrt sein: ,mit beige beginnen und in der 8. Runde zu braun wechseln . Ansonsten ist die Hand braun und der Arm beige und die Finger auch beige. Das passt nicht.

Aber von dieser Kleinigkeit abgesehen sind die Anleitungen sehr ausführlich und leicht verständlich.
Mit den beiliegenden Vorlagebögen für die Gesichter ist dies dann auch kein Problem.

Also, wagt Euch ruhig mal dran. Ihr werdet sehen, es klappt. Postet eure eigenen Kreationen mit dem Hashtag #emojidiy in den sozialen Netzwerken. Viel Spaß!

© 2016 Gitta Handarbeitsfee


Emojis Häkeln - Esther Konrad - Frechverlag, TOPP-Reihe
ISBN 978-3-7724-6466-9
2016, 47 Seiten, € 9,99
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[gitta]

Rezension: Die letzten vier Tage des Paddy Buckley | Jeremy Massey

Freitag, 28. Oktober 2016 0 Kommentare




Paddy Buckley ist Bestatter – und zwar mit Leib und Seele. Als eine attraktive Witwe intensive Zuwendung braucht, gibt er sie ihr. Doch er hätte nicht damit gerechnet, dass sie seinen körperlichen Trost nicht überlebt. Zu allem Überfluss läuft ihm auf dem Heimweg noch ein Mann ins Auto – es ist der Bruder des gefährlichsten Gangsters von Dublin, und auch er ist auf der Stelle tot. Es wird eng für Paddy, denn nun hat er eine tote Witwe und einen toten Gangster am Hals – deren Beerdigungen er auch noch ausrichten muss …. [© Text und Cover: carl's books]

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Was für ein Künstlerpech: eigentlich wollte Paddy die Beerdigung des Ehemanns besprechen, und schon wird unversehens eine Doppelbeerdigung daraus. Noch bevor er sich von diesem Schock erholen kann, steht die Tochter vor der Türe. Jetzt muss der Arme ihr auch noch verkünden, dass sie beide Elternteile verloren hat. Dabei will er doch nach einem Weg suchen, zu vermeiden, dass bei der drohenden Obduktion seine, nun ja, „Spuren" gefunden werden.

Als wenn das noch nicht genug Probleme bereiten würde, läuft ihm auch noch einer der führenden Mitglieder eines gnadenlosen Gangstersyndikats vor das Auto. Paddy ist gleich klar: Unfall hin oder her, die werden ihn fertig machen. Die Straße liegt ruhig mitten in der Nacht, es ist kein Zeuge zu sehen. Also flüchtet Paddy kurzerhand und macht weiter mit seinem Alltag in der trügerischen Hoffnung, dass es nicht rauskommt. Damit nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf. 

Eigentlich steht ja schon im Titel, wie es für Paddy ausgeht. Trotzdem ist es spannend, wie es mit ihm weitergeht. Es ist ein Drahtseilakt, wenn er dem überlebenden Bruder des Unfallopfers begegnet, immer darauf achtend, ob es Anzeichen dafür gibt, dass der seine Schuld erkennt. Schließlich ist der Tod sein ständiger Begleiter, der würde ihm dann sicher auch auf schmerzhafte Weise drohen. Dabei ist Paddy ein sehr sympathischer Typ, äußerst geschätzt von den Kollegen, stets korrekt zu den Kunden und, was wir schnell merken, sehr beliebt bei den Frauen. Als Experte macht er sich aber auch Gedanken über das Ableben.

„Der Tod lässt uns über die Kürze und das Wesen des Lebens nachdenken, stirbt aber jemand in unmittelbarer Nähe, werden wir – unser Herz zuerst – vom Schmerz überwältigt und in die Tiefe gerissen; unsere bisherige Sicht auf die Welt wird uns genommen, während wir versuchen, eine neue Verbindung zu dem Leben ohne die geliebte Person, die unsterblich schien, aufzubauen." (S. 217)

Dass der Autor als einst im Bestattungsgeschäft tätig war und sich in der Branche auskennt, merkt man an vielen Details. Er nutzt das Morbide daran, um seine abstruse Geschichte mit einer ordentlichen Portion schwarzem Humor anzureichern. Trotz oder gerade wegen der ständigen Beschäftigung mit dem Tod ist die Geschichte sehr amüsant. Dazu passt das irische Flair mit seinen Pubs und charakteristischen Menschen. 

Persönliches Fazit

Paddys Geschichte ist mit dem zum Thema passenden schwarzen Humor flott und amüsant erzählt. Das Leben eines Bestatters kann offensichtlich sehr spannend sein. Wer auf schräge Geschichten steht, ist hier sehr gut aufgehoben.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Die letzten vier Tage des Paddy Buckley | Jeremy Massey | carl's books
Aus dem Englischen von Herbert Fell
2016, broschiert, 274 Seiten, ISBN: 9783570585559
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[marcus]

Rezension: Mind Control | Stephen King

Donnerstag, 27. Oktober 2016 0 Kommentare

Der perfide Höhepunkt der Mr.-Mercedes-Trilogie

In Zimmer 217 ist etwas aufgewacht. Etwas Böses. Brady Hartsfield, verantwortlich für das Mercedes-Killer-Massaker, liegt seit fünf Jahren in einer Klinik für Neurotraumatologie im Wachkoma. Seinen Ärzten zufolge wird er sich nie erholen. Doch hinter dem Sabbern und In-die-Gegend-Starren ist Brady bei Bewusstsein - und er besitzt tödliche neue Kräfte, mit denen er unvorstellbares Unheil anrichten kann, ohne sein Krankenzimmer zu verlassen. [Text & Cover: © ... Random House Audio]

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Mit dem abschließenden Teil seiner Trilogie um den Privatermittler und ehemaligen Polizisten Bill Hodges vollzieht Stephen King erneut einen Wechsel in der Grundstimmung. Handelt es sich bei "Mr. Mercedes" noch um einen ebenso bodenständigen wie biederen Kriminalroman, trägt "Finderlohn" schon nur mehr das Gewand eines Krimis, in dem sich eine Hommage an die Literatur verbirgt. Mit "Mind Control" bewegt sich King nun wieder in Richtung jenes Genres, in dem er seinen Ruhm erlangt hat, nämlich Schauergeschichten mit übernatürlichen Elementen. Die thematische Einordnung in die Reihe erfolgt auch hier wieder über einen klassischen Krimi-Plot als Ausgangssituation.

Als zündender Funke dient dabei eine Idee, wie sie origineller kaum sein könnte: 


Ein soeben aus dem Koma erwachter (und in seiner Bewegungsfreiheit noch sehr eingeschränkter) Serienmörder entdeckt die Fähigkeit, über eine Game Boy-artige Spielkonsole in den Geist anderer Menschen einzudringen und diese zu steuern. Indem King einen banalen Alltagsgegenstand als Quelle des Schreckes nutzt, spielt er subtil auf mehrere menschliche Urängste an. Zunächst ist es die Angst, die Kontrolle über die eigene Schöpfung zu verlieren, zum Sklaven der Technik zu werden. Als nächstes ist es jene vor dem Verlust der eigenen Identität. Nicht mehr Herr im eigenen Körper zu sein, Stück für Stück die intimsten Erinnerungen zu verlieren, das zelebriert der Mörder hier mit seinen Opfern. Außerdem mag man die Karikatur eines Suchtverhaltens erkennen, wenn Menschen ganz und gar einem Videospiel verfallen.

Wenn auch die Idee dem Bereich des Phantastischen entspringt, so relativiert der Autor diesen Eindruck geschickt, indem er die Geschichte durch zahlreiche beiläufig eingeflochtene Elemente in den Kontext der Zeit ihrer Entstehung einbettet, sie immer wieder erdet. Beispielsweise lesen jugendliche Figuren Romane wie "Divergent" oder "Mockingjay" und benutzen E-Reader der Marken "Kindle" und "Nook". Von technikaffinen Geistern wurde der Notizblock längst schon vom iPad ersetzt, zur Illustration einer schreckenserregenden Vorstellung wird der von Tolkien ersonnene Drache Smaug beschworen, und scherzhaft wird mit der aus Star Wars stammenden Anrede "Padawan" einer Figur mangelnde Erfahrung attestiert. Schließlich hält der Autor mit "Uns bleibt immer noch Paris" ein Zitat aus einem nicht mehr ganz aktuellen Film bereit ...

Ein (literarisches) Werk ist stets in den Kontext der Zeit eingebettet, sowohl der Zeit seiner Entstehung als auch der Zeit seiner Rezeption. So werden wohl jene Werke, die Generationen überdauern, von jeder auf ihre eigene Weise interpretiert, wird das Licht einer jeden Epoche andere Facetten eines Werkes zutage treten lassen. Daher wird die Rezeption sowohl vom Erfahrungshorizont des Rezipienten als auch vom medialen Kontext beeinflußt. Im aktuellen Fall fällt das Erscheinen von Stephen Kings neuem Roman in unmittelbare zeitliche Nähe eines aufsehenerregenden Prozesses am Straflandesgericht der steirischen Hauptstadt Graz. Dabei wurde über einen Mann zu Gericht gesessen, der im Juni 2015 in einer belebten Einkaufsstraße mit einem Geländewagen zahlreiche Menschen verletzt und getötet hat. In "Mind Control" steht nun jene Figur wieder im Mittelpunkt der Geschichte, die im ersten Teil der Trilogie, "Mr Mercedes", mit einem Wagen der titelgebenden Marke in eine Menge wartender Personen gerast war. Durch die Berichterstattung über den tatsächlichen Prozeß gewinnt also der Roman auf tragische Weise an Aktualität und wird seiner tröstlichen Illusion des Fiktionalen beraubt.

Stephen King zu lesen ist ein Genuß. Stephen King zu lauschen ein noch viel größerer - vor allem dann, wenn es David Nathan ist, der vorliest. Den vielfach ausgzeichneten Synchronsprecher für seine King-Interpretation zu loben ist inzwischen ähnlich originell wie Sean Connery zum besten Bond-Darsteller zu küren. Nichtsdestotrotz, der Dank eines weiteren Hörers für kurzweilige Stunden soll ihm nicht vorenthalten werden.

Persönliches Fazit

Stephen King schließt einen sich über drei Romane spannenden Bogen und beweist, wie souverän er das spielerische Tänzeln zwischen den Subgenres beherrscht. Einen bitteren Beigeschmack erhält die Geschichte durch den aktuellen lokal-medialen Kontext.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Mind Control | Stephen King | Random House Audio
Aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt
2016, Hörbuch MP3-CD, 2CDs, ca 834 Minuten, ISBN: 978-3-8371-3570-1
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[wolfgang]

Rezension: Die Stunde des Schmetterlings | Pieter Webeling

Sonntag, 23. Oktober 2016 0 Kommentare















 
Im Juli 1915 steht Julius Reinhardt in den Trümmern einer Kirche und setzt sich die Pistole an die Kehle. Ein alter Mann tritt von hinten an ihn heran und sagt, dass der Tod nie eine Lösung sei. Es ist der Pfarrer, einer der wenigen Überlebenden des fast vollständig zerstörten Dorfes. Er führt Julius ins Pfarrhaus und zeigt ihm seine Schmetterlingssammlung. Diese Tiere, die ihre Schönheit in einem sehr kurzen Leben und vergeblichen Überlebenskampf verschwenden, und nicht die Menschen, die Kriege anzetteln, sind für ihn die Krone der Schöpfung.

Julius fasst Vertrauen und erzählt dem Pfarrer von seiner Seelennot. Sein Kamerad, sein bester Freund, ist ausgerechnet in einer Feuerpause, als Franzosen und Deutsche Fußball spielten statt aufeinander zu schießen, mit einem Bajonett im Rücken tot aufgefunden worden. Julius fühlt sich dafür verantwortlich. Nach und nach gibt er sich seinen Erinnerungen hin: an vier unzertrennliche Freunde, die arglos in einem Dorf aufwuchsen, an eine große Liebe und an eine Enttäuschung, die übermächtig war ... [© Text und Cover: Blessing Verlag]

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Wie anders war doch das Leben noch vor rund einhundert Jahren: die meisten Menschen waren noch mit Pferdekutschen unterwegs, es gab noch einen Krämer im Dorf und eine Ziegelei war in der ländlichen Gegend der Gipfel der Industrialisierung. Julius und seine drei Freunde sind siebzehn. Sie verbringen viel Zeit miteinander und haben, wie es sich für dieses Alter gehört, hauptsächlich Mädchen im Kopf. Pieter Webeling schildert aber auch die harten Seiten der Jugend jener Zeit. Wenn der Sprössling nicht macht, was von ihm erwartet wird oder gar widerspricht kann ein Vater auch gewalttätig werden. 

Als die Nachricht der Mobilmachung zum Krieg gegen Frankreich das Dorf erreicht, sind die meisten Bewohner erfreut. Endlich wird den Franzosen ihre Arroganz heimgezahlt, meinen sie. 

„Dieser Krieg schien uns unvermeidlich. Ein grandioses Ereignis, über das mit Sicherheit noch viel gesprochen würde. Und wir durften dabei sein. Welch ein Privileg" (S. 91)

Julius und seine Freunde lassen sich wie die viele andere rekrutieren. Für sie ist es die Gelegenheit, der Enge des Dorfs und des Elternhauses zu entfliehen und sich zu beweisen. In diesem Alter hält man sich ja vermeintlich für unsterblich. Dass die Idealisierung des Krieges und die markanten Sprüche der Anwerber nichts mit der Realität gemein haben, lernt Julius im Gemetzel auf den Schlachtfeldern schnell. Bald schon wünscht er sich, er wäre zu Hause geblieben.

Pieter Webeling findet einen wunderbaren Erzählton. Seine Geschichte, die Julius als Ich-Erzähler dem Priester schildert, wirkt damit sehr bildhaft und lässt die damalige Zeit atmosphärisch dicht wieder aufleben. Dabei wird weder etwas beschönigt noch frisiert. Die Grausamkeiten des Krieges, die Julius erlebt, beschreibt er eher nüchtern. Gerade dadurch wird mir die Trostlosigkeit seiner Situation bewusst, die sich tatsächlich überhaupt nicht heldenhaft anfühlt. Keine Ideologie rechtfertigt diese Unmenschlichkeit.

„Ich hatte die Grenze zwischen Leben und Tod bereits überschritten, war über Angst, Erschöpfung und Schuld hinaus gewesen. Halt an, liebe Welt, ich will aussteigen!" (S. 101)

Dass es aber auch in Kriegszeiten noch Hoffnung gibt, zeigt die bekannte Szene, als die französischen und deutschen Soldaten am Weihnachtstag ihre Stellungen verlassen, um gemeinsam zu feiern. Hier bin ich mit Julius hautnah dabei. Das ist wahrlich eine besondere Art der Völkerverständigung und zeigt, dass es nur etwas Mut und Willen braucht, um aufeinander zu zu gehen.

Persönliches Fazit

Gekonnt verstrickt Pieter Webeling das Schicksal von vier Freunden mit dem Irrsinn der Schlachten des Ersten Weltkriegs. Mit seinem bemerkenswerten Erzählton erschafft er sympathische und authentische Charaktere und eine dichte Atmosphäre. Ein Pageturner, der mich beeindruckt und gefesselt hat.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Die Stunde des Schmetterlings | Pieter Webeling | Blessing Verlag
Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt
2016, gebunden, 304 Seiten, ISBN: 9783896675682
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[marcus]

Rezension: Smith & Wesson | Alessandro Baricco

Sonntag, 16. Oktober 2016 4 Kommentare



Tom Smith und Jerry Wesson haben mit der Waffenfabrik nur die Nachnamen gemein. Echte Abenteurer brauchen keine Waffen. Die Habenichtse lernen sich bei den Niagarafällen kennen, wo sich der eine als Erfinder und Meteorologe, der andere als »Leichenfischer« verdingt. Und dann ist da noch die Journalistin Rachel, die der erste Mensch sein will, der einen Sturz von den Fällen überlebt. Zu dritt wollen sie der Welt eine unvergessliche Geschichte liefern und zu Helden werden. [© Text und Cover: Hoffmann und Campe Verlag]

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Nach dem fabelhaften Mr. Gwyn war ich schon gespannt auf Alessandro Bariccos neuestes Werk. Diesmal entführt er uns in das Jahr 1902 an den Rand der Niagarafälle. Die Freunde Tom und Jerry (wie kam er wohl auf die Vornamen?) gehen ihrer mehr oder weniger sinnvollen Beschäftigungen nach, als sie von der jungen Journalistin Rachel aufgesucht werden. Wobei die Bezeichnung „Journalistin" noch zu hoch gegriffen ist. Ihr Job bestand bisher hauptsächlich aus Kaffee kochen und ähnlichem. Jetzt ist sie hier, um sich mit einer Top Story zu etablieren.

„Es gibt keine Nachrichten an diesem aufsehenerregenden Arsch der Welt? In Ordnung. Dann werde ich die Nachrichten schaffen." (S. 32)

Kurzerhand spannt sie die Smith und Wesson ein, um den spektakulären Ritt über den Wasserfall zu planen. Was veranlasst Menschen zu solchen Taten, die jeder Vernunft entbehren? Für Rachel geht es nicht nur um einen Aufhänger für ihre Zeitung. Es geht auch darum, Spuren zu hinterlassen. Und fühlt man sich nicht auch lebendig, wenn man sich an der Grenze zum Tod entlang hangelt? 

„Wir hatten große Erwartungen an das Leben, und wir haben nichts zustande gebracht, wir sind dabei, ins Nichts abzurutschen, und das tun wir am Arsch der Welt, in einem miesen Loch, wo ein herrlicher Wasserfall uns jeden Tag daran erinnert, dass die Erbärmlichkeit eine Erfindung der Menschen ist und die Großartigkeit der normale Lauf der Welt." (S. 37)

Baricco hat diese Geschichte nicht in Romanform, sondern als Theaterskript inszeniert. Der Text besteht daher fast nur aus Dialogen. Die sind sehr pointiert und amüsant, ich hätte ihnen noch lange weiter folgen können. Leider ist das hübsche, in Leinen gebundene Büchlein recht kurz und damit schnell gelesen. Dafür ist kein Wort zu viel verschwendet, die drei Protagonisten verfallen nie in unnötiges Geschwafel.

Persönliches Fazit

Ein Ritt über die Niagarafälle als Metapher für das Leben. Alessandro Baricco hat einen Dialog erschaffen, der aberwitzig und sehr amüsant ist. Mich hat sein Büchlein wunderbar unterhalten, wegen mir hätten es gerne ein paar Seiten mehr werden können.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Smith & Wesson | Alessandro Baricco | Hoffmann und Campe Verlag
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
2016, gebunden, 112 Seiten, ISBN: 9783455405774
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[marcus]

Rezension: Todesmärchen | Andreas Gruber

Samstag, 15. Oktober 2016 2 Kommentare

Sneijder und Nemez sind zurück!


In Bern wird die kunstvoll drapierte Leiche einer Frau gefunden, in deren Haut der Mörder ein geheimnisvolles Zeichen geritzt hat. Sie bleibt nicht sein einziges Opfer. Der niederländische Profiler Maarten S. Sneijder und BKA-Kommissarin Sabine Nemez lassen sich auf eine blutige Schnitzeljagd ein - doch der Killer scheint ihnen immer einen Schritt voraus. Währenddessen trifft die junge Psychologin Hannah im norddeutschen Steinfels ein, einem Gefängnis für geistig abnorme Rechtsbrecher. Sie soll eine Therapiegruppe leiten, ist jedoch nur an einem einzelnen Häftling interessiert: Piet van Loon. Der wurde einst von Sneijder hinter Gitter gebracht. Und wird jetzt zur Schlüsselfigur in einem teuflischen Spiel ... [Text & Cover: © der Hörverlag]

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WARNUNG: Diese Rezension enthält massive SPOILER.

Maarten S. Sneijder ... mit dieser Figur ist Andreas Gruber ein Coup gelungen, um den ihn wohl einige seiner schreibenden Kollegen beneiden. Mit Attributen ausgestattet, die es einem real existierenden Menschen erschweren würden, spontane Freundschaften zu knüpfen, ist er paradoxerweise zum Liebling der Leserschaft avanciert. Er ist arrogant, behandelt andere von oben herab und bekämpft seine chronischen Kopfschmerzen mit dem Konsum von Marihuana, was die Kommunikation mit ihm oft zu einem abenteuerlichen Unterfangen werden lässt. Und dennoch - oder gerade weil er damit weder dem Bild des biederen Dorfpolizisten, noch jenem des unverwüstlichen Actionhelden entspricht, sticht er aus der Masse der fiktiven Verbrechensbekämpfer hervor, bleibt dem Leser im Gedächtnis.

Diese Eigenschaft teilt er sich - dieser Exkurs sei gestattet - mit der Figur Jefferson Winter von James Carol. Bei näherem Hinsehen zeigen sich noch weitere Gemeinsamkeiten: Beide sind von sich selbst eingenommen, beide sind in direkter Linie mit einem Serienmörder verwandt und beide beschäftigen sich gerade mit ihrem jeweils dritten Fall ("Prey" lautet der Titel des dritten Bandes um Jefferson Winter). Zu diesem Anlass beschlossen beide Autoren, Gruber und Carol unabhängig voneinander, ihrem brillanten Protagonisten einen Erzfeind gegenüber zu stellen, der die volle Bandbreite ihrer Fähigkeiten ausreizt und sie persönlich tief involviert. Während Carols Ausarbeitung der Geschichte jedoch nicht an die Qualität der Idee heranreicht, überzeugt Andreas Gruber mit einer bis ins letzte Detail durchdachten Geschichte, die dem spannungshungrigen Thriller-Leser schauriges Vergnügen bereitet.

Sneijders Gegenüber verfügt über einen ähnlich scharfen Verstand wie dieser selbst, plant minutiös lange im voraus und ist mit ihm auf eine Weise verbunden, die einem der ältesten Erzähl-Topoi entspricht. Damit werden einerseits sämtliche Klischees des Genres bedient und die Erwartungen des Lesers erfüllt, andererseits mit geringem Aufwand dessen Nerven dauerhaft unter Strom gesetzt. Der Mörder folgt mit seiner Serie an Grausamkeiten einem klar vorgegebenen, originellen Schema. Konkret orientiert er sich an den Märchen des dänischen Erzählers Hans Christian Andersen, indem die Hinrichtungsmethoden und die Arrangements seiner Opfer auf jeweils eine bestimmte Geschichte verweisen. "Das hässliche Entlein", "Die Schneekönigin" oder "Die Prinzessin auf der Erbse" werden da beispielsweise auf gar nicht kindgerechte Art pervertiert. Damit wird der Täter auch dahingehend berechenbar, dass der Höhepunkt klar absehbar und der Showdown, die finale Konfrontation unvermeidlich ist.

Der Autor dürfte sich außerdem die zahlreichen positiven Reaktionen seiner Leser auf seine kontroversielle Hauptfigur zu Herzen genommen haben. Zwar kultiviert er zum Leidwesen seiner Mitmenschen genüsslich seine irritierenden Gewohnheiten, wie psychologisch annähernd geschulte Rezipienten allerdings längst vermuten, handelt es sich dabei um ausgeklügelte Mechanismen, um sich gegen emotionale Nähe abzuschotten. Sabine Nemez, seine junge Studentin aus den ersten beiden Teilen, wird ihm diesmal als gleichberechtigte Ermittlungspartnerin zur Seite gestellt. Ihrer neuen Position in der Rangordnung bewusst, wird diese Sneijder gegenüber zunehmend selbstbewusster: Stets mit Respekt, aber bestimmt stellt sie seine Entscheidungen infrage, widerspricht ihm offen und parodiert sogar seine Handlungsmuster. In weiterer Folge wird Sneijders unsichtbarer Panzer brüchig. Zunächst erlahmt sein Widerstand gegen Sabines Spitzen, dann betraut er sie mit Aufgaben, für die er üblicherweise jeden außer sich für inkompetent hielte, um ihr schließlich zutiefst persönliche Informationen anzuvertrauen, die zur Lösung des Falles essentiell sind. Gerade letzterer Aspekt spricht für die Raffinesse in der Konstruktion der Geschichte.

Wie für "Todesurteil" konnte auch diesmal Achim Buch als Sprecher für die Hörbuchfassung gewonnen werden. Dessen dezente, zurückhaltende - keineswegs jedoch leidenschaftslose - Art läßt die Geschichte in den Vordergrund treten. Einzig beim holländischen Akzent läßt er allerdings so etwas wie persönliche Begeisterung erkennen, immerhin gelingt es ihm, insgesamt drei verschiedene niederländischstämmige Figuren allein aufgrund ihrer Artikulation unterscheidbar zu gestalten.

Persönliches Fazit

Andreas Gruber nutzt bekannte Thriller-Topoi, etwa die Erzfeind-Situation durch die persönliche Verbindung von Mörder und Ermittler, sowie ein Thema, an dem sich die Morde orientieren und stellt damit einmal mehr unter Beweis, dass er er zu den derzeit besten Erzählern des Spannungsgenres zählt. Für Freunde seiner Hauptfigur Maarten S. Sneijder hält er einen emotionalen Höhepunkt am Ende des Romans bereit.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Todesmärchen | Andreas Gruber | der Hörverlag
2016, Hörbuch MP3-CD (gekürzt), ISBN: 978-3-8445-2137-5
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[wolfgang]

Rezension: Null K | Don DeLillo

Donnerstag, 13. Oktober 2016 3 Kommentare

Ein inspirierender Blick in die Zukunft




Ross Lockhart ist ein Milliardär in den Sechzigern mit einer viel jüngeren Frau, Artis Martineau, die schwer krank ist. Er ist Großinvestor eines geheimen, im Verborgenen agierenden Unternehmens, das den Tod ausschalten will. Das Businessmodell: Menschliche Körper werden so lange konserviert, bis Medizin und Technik so weit sind, dass der Mensch ein Leben ohne Krankheiten und zeitliche Begrenzungen führen kann. Als Artis plant, ihren Körper aufzugeben, reist Ross' Sohn Jeffrey an, um Abschied von seiner Stiefmutter zu nehmen, auf unbestimmte Zeit. [© Text und Cover: Verlag Kiepenheuer & Witsch]

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Wir begleiten Jeffrey, den Ich-Erzähler, bei seinem Besuch der geheimen Forschungsanstalt, die sich irgendwo im Nirgendwo weit abseits der Zivilisation in Zentralasien befindet. Sein Vater hat die besten Wissenschaftler verschiedenster Richtungen zusammengebracht, um sein kühnes Vorhaben zu verwirklichen: seine Frau so lange einzugefrieren, bis nichts geringeres als das ewige Leben möglich ist. 

Theoretisch gibt es bei Null Grad Kelvin keine Teilchenbewegung mehr. Ob es damit physisch tatsächlich möglich ist, den menschlichen Körper zu erhalten, kann ich nicht beurteilen. Die Idee, die besten Forscher der Welt konzentriert zusammenarbeiten zu lassen, klingt aber interessant. Könnten die großen Probleme der Erde damit nicht effizienter angegangen werden? Oder könnte man tatsächlich, wie es Ross mit seinen Investoren versucht, alle Probleme, auch einen wahrscheinlichen Untergang der Menschheit, im „Schlafmodus" überstehen?

Bald schon eröffnet er Jeffrey, dass er nicht vorhat, sein Leben ohne Artis weiterzuführen und sich ebenfalls konservieren zu lassen. Der ist mit dieser Situation zunächst überfordert, und mir geht es dabei ganz ähnlich. DeLillo stößt hier eine große Tür auf und lässt eine Menge Fragen herein: Ist es moralisch vertretbar, dass der Mensch gottgleich in dieser Weise über das Leben bestimmt? Ist es denn überhaupt erstrebenswert, ewig zu existieren? Macht das Leben ohne den Tod überhaupt Sinn?

„Ist der Tod nicht ein Segen? Bestimmt er nicht von Minute zu Minute, von Jahr zu Jahr den Wert unseres Lebens?" (S. 71)

Es gibt viele Stellen in diesem Buch, an denen ich verweile und mir erst mal Gedanken zum Text machen oder ihn nochmal lesen muss. Das liegt nicht zuletzt auch an DeLillos Sprachstil. Er macht es uns nicht leicht, seine Wortwahl ist einerseits komplex, aber auch sehr präzise. Er wirft mit Jeffreys Gedanken geradezu um sich.

„Denkst Du an die Zukunft? Wie wird die Rückkehr sein? Derselbe Körper, ja, oder ein verbesserter Körper, aber was ist mit dem Geist? Ist das Bewusstsein unverändert? Bist du derselbe Mensch?" (S. 50)

Die Antworten auf all diese Fragen bekommen wir natürlich nicht im Buch. Damit muss sich jeder Leser selbst auseinandersetzen, und so werden auch die Antworten sehr individuell ausfallen. 


Persönliches Fazit

Ist es erstrebenswert, ewig zu leben? Don DeLillo konfrontiert uns bei „Null K" mit vielen tiefsinnigen Fragen dieser Art. Sein Roman ist ein literarisches Konzentrat, sprachlich genauso fordernd wie inspirierend.


© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Null K | Don DeLillo | Verlag Kiepenheuer & Witsch
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert
2016, gebunden, 288 Seiten, ISBN: 9783462049459
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[marcus]

Film vs. Buch || Die Insel der besonderen Kinder

Mittwoch, 12. Oktober 2016 2 Kommentare

Jetzt im Kino!





Manche Großeltern lesen ihren Enkeln Märchen vor. Aber was Jacob von seinem Opa hörte, war etwas ganz anderes: Abraham erzählte ihm von einer Insel, auf der abenteuerlustige Kinder mit besonderen Fähigkeiten leben, und von Monstern, die auf der Suche nach ihnen sind.
Erst Jahre später, als sein Großvater unter mysteriösen Umständen stirbt, erinnert Jacob sich wieder an die Schauergeschichten und entdeckt Hinweise darauf, dass es die Insel wirklich gibt. Er macht sich auf die Suche nach ihr und findet sich in einer Welt wieder, in der die Zeit stillsteht und er die ungewöhnlichsten Freundschaften schließt, die man sich vorstellen kann. Doch auch die Ungeheuer sind höchst real – und sie sind ihm gefolgt … [© Text und Buchcover: Knaur Verlag, © Plakat: Fox]

Bereits im Jahr 2011 erschien dieses wundervolle Buch (s. Rezension von Alexandra). Mit seinen mysteriösen Fotos und der bedrohlichen Geschichte hat es mich auch in seinen Bann gezogen. Jetzt wurde der Stoff vom Regisseur Tim Burton, der schon einige Fantasyfilme wie Alice im Wunderland oder Charlie und die Schokoladenfabrik gedreht hat, verfilmt. Da war ich auf das Ergebnis sehr gespannt.

 

   © Knaur Verlag

Für mich das Wichtigste: der Film schafft es, die recht düstere, leicht gruselige Atmosphäre der Vorlage zu übernehmen. Es geht schließlich um Leben und Tod, da wären allzu bunte Bilder fehl am Platz. Dramaturgisch holt uns die Geschichte ganz klassisch in Jacobs Alltag ab und lässt uns dann Stück für Stück mit der Welt der besonderen Kinder in Berührung kommen. Dabei schlägt der Film genau das richtige Tempo an, schließlich sollen ja auch Nichtkenner des Buches die clevere Story verstehen. 

Herausragend finde ich die Besetzung: Eva Green ist als verantwortungsbewusste und fürsorgliche Miss Peregrine sehr überzeugend. Auch die Darsteller der Kinder passen ausgezeichnet zu ihren Rollen und wecken Sympathie. Und Samuel L. Jackson ist ein perfekter Bösewicht. Nur Judy Dench bleibt blass, ihre kleine Nebenrolle gibt für sie einfach nicht viel her. 

  © Knaur Verlag

Bleibt die Frage, wie nah die Verfilmung denn am Buch ist. Je weiter die Geschichte voran kommt, desto mehr entfernt sie sich vom Original. Da sind beispielsweise besondere Eigenschaften der Kinder vertauscht und das Finale ist beinahe völlig neu erfunden. Hier kommt der Film zu einem klaren Abschluss, während das Ende des Buchs nicht alles löst. Schließlich ist es der erste Teil einer Trilogie, deren dritter Band diesen Herbst bei uns in die Buchläden kommt. 

Persönliches Fazit

„Die Insel der besonderen Kinder" ist bestes Hollywood-Kino. Die Geschichte wird gut erzählt, die Besetzung ist toll und die Technik einwandfrei – auch in 3D. Die Abweichungen vom Original kann ich verzeihen, denn sie bringen mehr Tempo und etwas mehr Staunen ins Finale. Eine Empfehlung für einen unterhaltsamen Kinoabend für Jugendliche und Junggebliebene.


Website:
http://www.fox.de/die-insel-der-besonderen-kind
Facebook:
https://www.facebook.com/PeregrinesMovieDE
Regie:
Tim Burton
Darsteller:
Eva Green als Miss Peregrine
Asa Butterfield als Jacob Portman
Ella Purnell als Emma
Samuel L. Jackson als Barron
Judi Dench als Miss Avocet




[marcus]

Gastland Niederlande & Flandern | Der Eismacher von Ernest van der Kwast

Montag, 10. Oktober 2016 0 Kommentare


Niederlande & Flandern zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse 2016

Im Zuge von Ramonas Blogprojekt „ #littripNL16 - Auf den Spuren von Tulpen und Windmühlen“, das sich mit dem Ehrengast der Frankfurter Buchmesse beschäftigt, habe ich mir „Die Eismacher“ von Ernest van der Kwast einmal genauer angeschaut:




Der niederländische Autor Ernest van der Kwast wurde 1981 in Bombay geboren und ist halb indischer, halb niederländischer Herkunft. Mit seinem ersten Buch, »Mama Tandoori«, schrieb er sofort einen Bestseller. Der autobiografische Roman verkaufte sich in den Niederlanden und in Italien mehr als 100.000 Mal und wurde als Theaterstück adaptiert. Auf Deutsch erschien bisher »Fünf Viertelstunden bis zum Meer«, der auch hierzulande zum in der Presse gefeierten Bestseller wurde. Mit "Die Eismacher" gelang Ernest van der Kwast schließlich der absolute Durchbruch. Er ist einer der meistverkauften Romane in den Niederlanden und entzückt Leserinnen und Leser weltweit. Van der Kwast lebt in Südtirol. [Quelle: btw Verlag]

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Wenn Liebe auf der Zunge zergeht.

In dem kleinen Eiscafé in Rotterdam gibt es alles, was das Herz begehrt: zartschmelzendes Grappasorbet, sanftgrünes Pistazieneis, zimtfarbene Schokolade, Eis aus Fenchel mit Birne und Basilikum, Roseneis und vieles mehr!


Eine berührende, über mehrere Generationen übergreifende Familiengeschichte der aus dem Norden Italiens stammenden Familie Talamini. Alles beginnt mit dem Urgroßvater Guiseppe Talamini, der im Cadore-Tal in den Dolomiten aufwächst und seine Leidenschaft entdeckte: Die Herstellung von köstlicher Eiscreme! Dieser Leidenschaft verschrieb er sich voll und ganz und gab sie seinen Nachkommen weiter. Über fünf Generationen hinweg beherrscht die Eismanufaktur das Leben der Talaminis. Im Winter lebt die Familie in Italien, vom Frühling bis zum Ende des Sommers zieht es sie in die Niederlande und sie produzieren und verkaufen Eis in Rotterdam. Das kleine, aber gut laufende Eiscafé nimmt die Familie voll und ganz ein und es ist selbstverständlich, dass jeder in der Familie seinen Beitrag dazu leistet.

Beppi Talamini hat zwei Söhne großgezogen und auch ihnen alles über die Handwerkskunst vermittelt. Eigentlich möchte er sich langsam zurückziehen, sich seiner eigentlichen Leidenschaft der Erfinderei und seinem heiss geliebten Werkzeug widmen - und endlich einmal einen Sommer erleben. Ohne Eis. Ohne Eiscafé. Ohne stundenlanges arbeiten…

Aber Giovanni hat andere Pläne, denn er hat seine ganz eigene Leidenschaft entdeckt, die so rein gar nichts mit Eis zu tun hat. Die Poesie hat sein Herz erobert! Er möchte lesen, studieren, sich der Lyrik widmen und als er ein dementsprechendes Angebot erhält, muss eine Entscheidung treffen. Er bricht mit der Tradition und geht seinen eigenen Weg. Er studiert Literatur und wird letztlich auch Direktor des World Poetry Festival. Er reist ständig um die Welt, geht zu Veranstaltungen - immer auf der Suche nach Talenten und nach herausragender Poesie. Sein Büro befindet sich gegenüber dem Eiscar in Rotterdam - zwei Welten prallen quasi aufeinander.



Sein Bruder Luca verzeiht im diese Entscheidung nicht und redet fast zwölf Jahre nicht mehr mit ihm. Als Kinder haben sie ein enges brüderliches Verhältnis gepflegt und immer davon geträumt, welche besonderen Eiskreationen sie einmal erfinden werden, wenn sie zusammen - ganz gemäß der Familientradition - das Eissafe übernehmen. Jetzt sitzt Giovanni auf der anderen Straßenseite und Luca steht alleine in der Küche vor den Eismaschinen.

Beide vergraben sich in Arbeit, beide jagen dem perfekten Ergebnis hinterher - ob nun eine besonders köstliche und extravagante Eiscreme-Sorte oder eben einem tiefgründigen, alles vereinenden Gedicht. Nur miteinander reden klappt nicht mehr, sie leben nebeneinander her. Luca heiratet die schöne Sophie, die den Brüdern im Jugendalter den Kopf verdreht hat. Giovanni hangelt sich von einer Affäre in die nächste. Doch dann bricht Luca plötzlich sein Schweigen und hat eine äussert ungewöhnliche Bitte an seinen Bruder …

Ernest von der Kwast schafft es, zwei völlig unterschiedliche Leidenschaften hervorragend zu vereinen. Die Geschichte ist zum einen eine Liebeserklärung and die Kunst des perfekten Eishandwerks und zum anderen an die facettenreiche Lyrik. Beides hält sich wunderbar die Waage und man bekommt nach einer Weile das Bedürfnis, es sich mit einem großen Eisbecher und einem guten Buch dabei gemütlich zu machen. Die einnehmende Sprache und die Feinfühligkeit seinen Charakteren gegenüber begeistern ungemein.

Erzählt wird diese Familiengeschichte von Guiseppe aus der Ich-Perspektive, der uns Lesern seine innige Liebe zur Poesie wunderbar vermitteln kann. Aber er kann auch seine Herkunft nicht leugnen und es zieht ihn immer wieder zum Eiscafé der Familie. Familienbande sind schwer zu lösen, Traditionen nicht einfach zu brechen. Wie soll man damit umgehen, wenn einer plötzlich entscheidet, seinem Herzen zu folgen. Keine kann und will so recht loslassen, das schlechte Gewissen kämpft sich immer wieder an die Oberfläche. Aber muss man überhaupt ein schlechtes Gewissen haben?
Er zitiert im Laufe der Geschichte aus vielen Gedichten und wer sich für diese ausführlicher interessiert, der findet im Anhang auch eine Auflistung der Quellen.

Persönliches Fazit: 

Ein generationsübergreifender Familienroman mit einer tief gehenden und authentischen Atmosphäre, der ruhig daherkommt, aber ungemein berührt. Eine Geschichte, die zeigt, dass man seinen eigenen Weg im Leben gehen und seinem Herzen folgen muss. Dass dies aber auch nicht immer einfach ist und oftmals gegen die Erwartungen der Familie geht, muss man akzeptieren lernen. Es ist die ganz eigene Lebensentscheidung, die man trifft, mit all seinen Konsequenzen.

© 2016, Alexandra Zylenas





Ihr möchtet mehr über das Gastland Niederlande & Flandern erfahren? Dann schaut euch unbedingt auch die anderen Beiträge des Blogprojeks  #littripNL16 - Auf den Spuren von Tulpen und Windmühlen an, bei Ramona von eltragalibros.de erfahrt ihr mehr darüber.

#littripNL16 – Der Terminplan

  • 2. Oktober: DAS MAG – Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden (Sarah: Pinkfisch)
  • 3. Oktober: „Ferne/Sehnsucht nach Kapstadt“ von Otto de Kat (Heike: Umblättern)
  • 4. Oktober: Wie bereitet sich ein Verlag auf den FBM-Ehrengast vor? Ein Interveiw mit dem Verlag Klaus Wagenbach (Ramona: El Tragalibros)
  • 5. Oktober: Niederlande/ Flandern kulinarisch – ein weiteres Blogprojekt zum Ehrengast(Barbara: Eintopf Heimat – Koch dich um die Welt)
  • 6. Oktober: Boekenbon vs BücherScheck. Die Büchergutscheine im Vergleich + Gewinnspiel(Anja: Der Bücherblog)
  • 7. Oktober: Ein niederländischer Comic: „In the Pines – 5 Murder Ballads“ von Erik Kriek(Simone: Papiergeflüster)
  • 8. Oktober: ‚Pas op, boekenworm! Snel lezen!‘ – Die Gastlandreihe aus dem Verlag Klaus Wagenbach (Malu: Buchbüchse)
  • 9. Oktober: Welche niederländischen Bücher finden sich im Bücherregal? (Dani: Brösels Bücherregal)
  • 10. Oktober: Buchvorstellung: „Die Eismacher“ von Ernest van der Quast (Alexandra: BücherKaffee)
  • 11. Oktober: Niederländischer Frühstückskuchen (Daniela & Heiko: Teekesselchen)
  • 12. Oktober: Abschluss-Gewinnspiel: Die Wagenbach-Gastlandreihe – Wer hat noch nicht genug Bücher im Regal? (schaut auf der Fanseite von El Tragalibros vorbei!)

Macht mit! #littripNL16 & die Facebook-Veranstaltung


Dieses Blogprojekt soll aber nicht festgefahren nach Terminplan verlaufen, sondern jeder von euch kann mitmachen. Ihr seid auch schon im Buchmessefieber und habt euch über die Niederlande & Flandern informiert? Oder ihr seid völlig blank, was den diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse betrifft? In eurem Regal steht vielleicht schon seit längerem ein niederländisches Buch, nur habt ihr noch nicht den richtigen Zeitpunkt abgepasst, es zu lesen?
Dann macht mit beim Gastland-Blogprojekt #littripNL16!
Auf Facebook erwartet euch nicht nur die passende Veranstaltung, sondern auch einige Blitzverlosungen mit tollen Büchern & mehre wird es dort geben. Mit dem Hashtag #littripNL16 ist die Aktion auch auf allen anderen Social-Media-Kanälen vertreten.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Entdecken! 


[alexandra]

Rezension: Feuerrot | Nina Blazon

Samstag, 8. Oktober 2016 0 Kommentare



Ein mysteriöser Gast kommt ins Haus des Ravensburger Kaufmannes Humpis. Schon am ersten Tag flirtet Lucio mit der schönen Magd Magdalene. Doch er ist ihr nicht geheuer, in seinen Bernsteinaugen lodert ein gefährliches Feuer. Ihre Ahnung soll sie nicht täuschen: Als sie nicht auf Lucios Verführungskünste hereinfällt, nennt er sie eine Hexe. In Zeiten der Inquisition kommt dies einem Todesurteil gleich... [Text & Cover: © Ravensburger Verlag

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Die Autorin Nina Blazon entwickelt sich zu einer meiner Lieblingsautorinnen. Bereits das sechste Buch aus ihrer Feder habe ich nun verschlungen und ich bin positiv überrascht. Überrascht, weil ich bisher lediglich ihre Fantasy Romane gelesen habe, dieses hier ist ein historischer Roman.

Mir gefallen die detaillierten Beschreibungen der Schauplätze, die Wahl der sympathischen Protagonisten die die Autorin immer wieder auf ein Neues findet und der flüssige Schreibstil. Für den Roman Feuerrot hat die Autorin sich viel Zeit für die Recherche genommen und wahre überlieferte Fakten und Geschehnisse verarbeitet. Natürlich hat sie auch ihre persönlich Note und eigene Magie einfließen lassen. Geschrieben ist die Geschichte gleich dreierlei in der Erzählform, aus der Sicht von Magdalene, Elisabeth und Beno. Das Buch führt durch 30 Kapitel jeweils mit einem Zitat aus alter Zeit beginnend. Der Schutzumschlag ist sehr schön gestaltet und funkelt und flirrt bei Lichteinfall.

Hexenverfolgungen hat es auch in Deutschland wirklich gegeben. Eine schlimme und sehr schreckliche Zeit. Heute kaum vorstellbar, aber im 15. Jahrhundert leider sehr real und bis ins 18. Jahrhundert ein ungeheuerliches Phänomen. Dies ist auch das Hauptthema in dieser Geschichte. Alltagszauber und Schutzmagie vor bösen Dämonen waren zur damaligen Zeit fast normal, doch heilende Kräuter und Tränke ließen vermuten, dass das Böse im Spiel wäre. Auch Frauen die sich verweigerten wurden schnell angeschwärzt und angeprangert.

Magdalene und einige weiter Frauen in Ravensburg müssen sich verantworten. Vor der Kirche, den Menschen in ihrem Umfeld und dem hohen Gericht. Das Herz kommt nicht zu kurz und so dürfen wir teilhaben am Beginn einer zarten Liebe, an einer Liebe von Kindertagen an und an einer wunderbaren Zwischenmenschlichkeit in Ravensburg.



Sehr interessant und informativ ist aber auch, die Recherche über die damaligen Geschehnisse die in diesen Roman wunderbar einfließen. Den Insitoris Heinrich Kramer hat es wirklich gegeben und auch sein Handbuch, von dem immer wieder die Rede ist und welches er in der Geschichte schreibt, hat es gegeben bzw. gibt es dieses heute noch. Sein erster Hexenprozess war in Ravensburg. Es wird Euch bei Interesse nicht schwerfallen, selbst zu recherchieren.

Die Geschichte ist spannend geschrieben und zieht den Leser so sehr in den Bann, dass man an der einen Stelle in der Geschichte ein gutes Gefühl hat, dass alles gut werden wird, an anderer Stelle ist man nur noch wütend und fassungslos. Nur schwer mag man sich vorstellen, was damals in den Menschen vorging.

Nur eines hat mich an diesem Roman gestört. Der Klappentext verrät mir zu viel. Denn erst im letzten Drittel des Buches kommt es zu den beschriebenen Szenarios. Bis dahin wartet man direkt, dass gleich gleich gleich etwas passiert. Nicht unbedingt zum Nachteil, denn es ist umso spannender zu raten, ob es gleich soweit ist. Aber schon leicht gemein den Leser so an der Nase herumzuführen.

Persönliches Fazit

Eine Geschichte die das Leben im 15. Jahrhundert schrieb. Durch die Autorin gut recherchiert und spannend erzählt. Hexenverfolgen darf sich wie so vieles in der Geschichte unserer Welt nicht wiederholen. Lest dieses Buch und urteilt selbst, lasst euch von der Magie und dem Schreibstil von Nina Blazon einfangen.
Mein Fazit daher: ein gelungenes Buch und lesenswertes Buch einer großartigen Autorin.

© Rezension: 2016, Susa


Feuerrot | Nina Blazon | Ravensburger Verlag
Geeignet ab 12 Jahren
2016, Gebundenes Buch, 512 Seiten, ISBN: 978-3-473-40133-8
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[susa]

Rezension: Kinder des Nebels | Brandon Sanderson

Freitag, 7. Oktober 2016 0 Kommentare


Seit über eintausend Jahren ist die Welt von Asche bedeckt. Seit über eintausend Jahren herrscht der unsterbliche Lord Ruler und versklavt das Volk der Skaa. Die Hoffnung scheint längst verloren, bis eines Tages ein junger Mann mächtige Fähigkeiten entwickelt und eine Schar von Rebellen versammelt. Sein Plan: Er will sie ebenfalls die Kontrolle über die magischen Kräfte lehren - und den allmächtigen Lord Ruler stürzen... [©Text und Cover: Randomhouse Audio, Deutschland]

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Das Letzte Reich wird von seinem Herrscher mit harter Hand regiert, die Gesellschaft teilt sich in zwei Klassen. Während der Adel sich in dekadenten Bällen und harmlosen Ränken ergeht, muß ihm das Volk der Skaa ergeben dienen und alle Demütigungen über sich ergehen lassen. Kein Wunder also, daß sich unter diesen Widerstand regt und sich mit einem Mann namens Kelsier ein mutiger Rebellionsführer findet. Die Geschichte eines solchen Auflehnens gegen die herrschende Ordnung dient üblicherweise als Allegorie für einen notwendigen Teil des persönlichen Reifungsprozesses. Eine Phantasiewelt bietet dabei eine dankbare Projektionsfläche, auf der mentale Stellvertreterkriege geführt werden können. Der erste Teil von Brendan Sandersons "Mistborn"-Serie setzt also auf ein bekanntes Thema.

Sehr viel origineller hingegen ist das von ihm eigens entworfene Magiesystem. Magisch begabte Figuren, ein essentieller Bestandteil eines jeden Fantasy-Universums, bilden üblicherweise einen auserwählten Bruchteil der Gesamtbevölkerung und wirken ihre Kräfte verbal mittels Zauberspruch, kinetisch mit einem Zauberstab oder mit magischen Tränken. Sandersons Allomantie beruht auf winzigen Metallpartikeln, die vom Körper absorbiert werden. Abhängig von der Art des Metalls können dabei die Gefühle anderer Personen beeinflußt, die eigenen Wahrnehmungsfähigkeiten geschärft oder die Körperkräfte gestärkt werden. Besonders faszinierend ist auch die Fähigkeit, metallische Gegenstände in Relation zum eigenen Körper zu manipulieren. Dadurch können beispielsweise Münzen als tödliche Waffen eingesetzt oder - bei einem entsprechend starken Anker - akrobatische Sprünge vollbracht werden.

Die englische Redewendung "to raise (a few) eyebrows" bedeutet der Online-Version des Cambridge Dictionarys zufolge "to cause surprise or shock", ist also Ausdruck des Erstaunens oder der Überraschung. Diese Redewendung mag im amerikanischen Raum nicht ungewöhnlich sein, im Deutschen wird "eine Braue heben", so die wörtliche Übersetzung, allerdins nur in Ausnahmefällen gebraucht. Sandersons Phantasiewelt mag für Außenstehende voller Überraschungen sein, so oft, wie diese Phrase zu hören ist, liegt der Schluß nahe, daß entweder seine Figuren reichlich unerfahren sind oder der Autor selbst nur ein eingeschränktes Vokabular anwendet. In der Hörbuchfassung intoniert Detlef Bierstedt diesen mimischen Reflex so, als bedürfe es dazu größerer phyischer Anstrengung, oder als sei dies Teil einer magischen Handlung. Etwa ab der Hälfte des Romans dürfte der Autor jedoch bemerkt haben, daß das Brauenheben zum Breitensport geworden ist. Ab diesem Zeitpunkt übernehmen dann nicken und stirnrunzeln dessen Funktion als universelle Emotionsausdrücke. Das geht so weit, daß gefühlt jeder dritte Satz lautet "Vin nickte" oder "Kelsier runzelte die Stirn." Im Text mag das noch recht abstrakt scheinen, in der konkreten Gesprächssituation dürfte es aber stark irritieren, wenn sich einer der Beteiligten benimmt wie ein Heavy Metal-Fan bei einem Konzert seiner Lieblingsband.
Die nicht gerade seltenen Konversationen sind also durchzogen von stets gleichen Stehsätzen nach folgendem Schema:
- Figur A runzelte die Stirn.
- Figur B nickte.
- Figur C hob eine Braue.
Mit der Zeit entsteht so ein akustisches Abbild dieser Phrasen im Bewußtsein des Hörers analog zu einem Röhrenbildschirm, auf den sich ein Bild eingebrannt hat. Wenn noch lange nachdem der Hörbuchspieler deaktiviert wurde, im Geist Bierstedts Stimme bedeutungsschwer verkündet "Kelsier hob eine Braue. Vin nickte.", hat der Roman die Grenze von der ernsthaften Phantasygeschichte zu einer Parodie seiner selbst überschritten. In anderen Worten: Irgendwann verkommt dann die Geschichte zur Nebensache und man wartet nur mehr lächelnd darauf, bis wieder eine Figur eine Braue hebt oder unablässig zu nicken beginnt.

Persönliches Fazit

"Kinder des Nebels" ist die spannende Geschichte einer Rebellion typischerweise angesiedelt im Fantasy-Genre mit einem faszinierend kreativen Magiesystem. Leider erschöpft sich jedoch die Kreativität des Autors darin, sodaß von dieser wertvollen Ressource für den sprachlichen Stil nicht mehr viel bleibt.

@ Rezension 2016, Wolfgang Brandner


Kinder des Nebels | Brandon Sanderson | Random House Audio (Über Audible)
Aus dem Amerikanischen von Michael Siegener
Gesprochen von: Detlef Bierstedt
2012 | ungekürzt Hörbuch | Spieldauer: 26 Std. 41 Min.
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[wolfgang]

Rezension: Wenn du magst | Helle Helle

Dienstag, 4. Oktober 2016 0 Kommentare

Die Kunst der Schlichtheit.




 
Es ist Ende Oktober, und Roar nutzt bei einer Tagung auf dem Lande die Gelegenheit und geht das erste Mal in seinem Leben joggen. Die Schuhe dazu hat er in einem Geschäft aus dem Korb gezogen und in der Eile nicht bemerkt, dass sie verschiedene Größen haben. Als Erstes läuft er sich eine schmerzende Blase. Unterwegs verläuft er ich und trifft auf eine ebenfalls joggende Frau, die sich auch verlaufen hat. Gemeinsam probieren sie die unterschiedlichsten Wege aus, ohne Erfolg. [© Text und Cover: Dörlemann Verlag]

[trennlinie]

„Wenn du magst" ist das erste Buch, das ich von der dänischen Autorin Helle Helle gelesen habe. Anfangs hatte ich so einige Schwierigkeiten, mit ihrem sehr besonderen Schreibstil zurecht zu kommen. Sie schreibt in teils sehr knappen Sätzen, was abgehackt, kühl und unemotional bei mir ankommt. 

„Ich will es kurz machen, ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich habe mich in diesem großen Wald verlaufen. Ich weiß nicht viel über Wälder, ich bin kein Naturbursche." (S. 6)

Die meist recht kurzen Kapitel beschleunigen den ohnehin schon zügigen Lesefluss. Erst als ich diesen bewusst gebremst habe und die knackigen Sätze mehr aufgenommen habe, wurde mir der Text zugänglicher und der Sprachstil sympathischer. 

So schnell wie die Kapitel wechseln, so sprunghaft sind manche Gedanken innerhalb einzelner Sätze:

„Einmal im Sommer stand das Fenster im Badezimmer weit offen, der kleine Krachmacher war über das Wochenende bei seiner Mutter. Das war in dem Jahr, als es mit dem Geschäft schwierig wurde – nicht, dass sie zu klagen hätten, seine Eltern hatten klug geplant." (S. 130)

Welche Bedeutung in diesem Abschnitt das offene Fenster hat, blieb mir unklar. Es kommen immer wieder solche Sätze vor, bei denen ich eine Bedeutung zwischen den Zeilen suche, meistens ohne eine zu finden.

Die Geschichte von Roar und der Frau, deren Name nie genannt wird, ist ähnlich schlicht. Nachdem sich die beiden getroffen haben und festgestellt haben, dass sie sich beide verlaufen haben, dämmert es auch schon. Zu ihrem Glück finden sie eine Schutzhütte, die ihnen Unterschlupf gewährt. Trotzdem machen ihnen Kälte, Hunger und Durst zu schaffen. Auch wenn daraus keine dramatische Survivalgeschichte wird, in den dänischen Wäldern sollte man sich besser nicht verirren.

In Rückblicken erfahren wir mehr über Roar und vor allem über die Frau. Die Charakterisierung gelingt vielschichtig und interessant. Beide haben ihren Platz im Leben wohl noch nicht gefunden, sie scheinen von einer inneren Unruhe beherrscht. Ob die Begegnung der beiden im Wald eine schicksalhafte ist?


Persönliches Fazit

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich mit dem kurzen, knappen und doch so besonderen Schreibstil der Autorin angefreundet hatte. Erst als ich mir beim Lesen mehr Zeit lies wurde mir die schlichte Art der Geschichte und Ausdrucksweise sympathisch. „Wenn du magst" ist sicher ein Blick wert für Freunde von Büchern, die ohne Krawall auskommen und Platz für Interpretationen lassen.


© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Wenn du magst | Helle Helle | Dörlemann Verlag
Aus dem Dänischen von Flora Fink
2016, gebunden, 192 Seiten, ISBN: 9783038200345
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[marcus]

Rezension: Hotel Honolulu | Paul Theroux

Montag, 3. Oktober 2016 0 Kommentare


Das Hotel Honolulu auf Hawaii, nicht weit vom Strand, hat seine besten Tage lange hinter sich. Achtzig Zimmer - achtzig Gäste - achtzig Geschichten: ein eigenes Universum. Hier wird ein Schriftsteller unverhofft Manager und findet in den Geschichten der liebenswert-exzentrischen Hotelgäste genug Stoff für ein ganzes Leben. Im Hotel Honolulu steigen Hochzeitsreisende, Strandurlauber, ruhelose Seelen und notorische Lügner ab. Hier treffen sich Hawaiianer und Urlaubsgäste, und sie alle sind auf der Suche nach etwas: Sonne, Liebe, Glück - und manche Sehnsüchte bleiben namenlos. [Text & Cover: © Hoffmann und Campe Verlag

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Paradise Lost - ein Neuanfang. Für den vom Leben gebeutelten namenlosen Schriftsteller kommt es gerade recht, dass der Besitzer des Hotels Honolulu - Buddy Hamstra - einen neuen Manager sucht. Er überlegt nicht lange, nimmt den Job sofort an, obwohl im jegliche Erfahrung in dieser Branche fehlt. Aber egal. Weg von seinem alten Leben, weg von der Schriftstellerei, weg von dieser Schreibblockade, die ihn fest im Griff hat. Er schließt eine Tür mit lautem Knall und öffnet eine Neue. 

"Ich kenne nichts Erotischeres als Hotelzimmer – Räume der Liebe und des Todes“ (erster Satz)

80 Gästezimmer umfasst das Hotel Honolulu, dass auch schon bessere Tage gesehen hatte (vermutlich), zumindest laut den ausschweifenden Erzählungen des exzentrischen, vulgären und verschwenderischen Buddy. „Wir sind mehrgeschossig“ erzählt er stolz über den recht hässlichen, aber praktischen Anbau. In zweiter Reihe, kein Meerblick, von den Ratten hier und da angefressene Zimmer. Dennoch bleiben die Gäste nicht aus. Oft sind es wiederkehrende Gäste, manche haben sich sogar dauerhaft einquartiert, so wie der sehr geräuschvolle „Don Juan“, der nie aus seinem Zimmer kommt und dessen Tun bei dem Schriftsteller wilde Phantasien auslöst.






Aber nicht nur er ist es, der den Schriftsteller beschäftigt. So viele Gäste gehen ein und aus und hinterlassen ihre Spuren. Mal ganz offensichtlich - mal aber auch nur durch Worte und Gesten. Skurril erscheinen sie, aber sind sie das wirklich? Oder trifft man hier schlechtweg einfach nur auf das wahre, grundehrlich Leben, abseits des Glamours und der Urlaubsparadies-Maskerade? 

Viel zu tun hat der neue Hotelmanager nicht, die Arbeiten sind unter den Angestellten aufgeteilt und diese haben das Hotel auch fest im Griff, wie es scheint. Also beobachtet er. Er beobachtet Sweetie, die ebenfalls im Hotel lebt und die Zimmer in Ordnung hält. Später wird sie seine Frau und die Mutter seiner Tochter. 
Er beobachtet die Klatschkolumnistin Madame Ma, die sich ebenfalls dauerhaft einquartiert hat und aus deren verhalten und Auftreten er lange nicht schlau wird, bis ihre Geschichte dramatisch endet.
Er beobachtet all seine Gäste, studiert sie und blickt sprichwörtlich „durchs Schlüsselloch“, riskiert einen Blick hinter die Türen bzw. die aufgerichteten Fassaden. 
Was er findet, sind ein Kaleidoskop voller Geschichten über erfüllte und unerfüllte Liebe, über Erfolge und über Versagen, über gescheiterte Ehen, geplatzt Träume und spannenden Lebenserfahrungen und kuriosen Begegnungen.  Was er findet, ist die Literatur des echten Lebens. Ganz ohne sein Zutun.

„Trotz der Palmen waren die die Menschen hier genauso grausam, gewalttätig und hinterlistig wie anderswo, aber sie waren langsamer und wirkten dadurch sanfter. Aus der Nähe betrachtet waren die Inseln unordentlich, unorganisiert und sensationell vermüllt, mit bröckelnden Klippen, zu vielen verwilderten Katzen und Stränden, die von der tosenden Brandung nach und nach ins Meer gezogen wurden.“ (Seite 16)

Lost in Paradise - wie viele träumen nicht diesen ganz großen Traum von der Freiheit auf der Insel voller Sonnenschein, wo die Welt noch heil und ohne Sorgen zu sein scheint. Die Hochglanzprospekte der Reiseveranstalter zeigen es uns ja, das muss schon stimmen. Oder?
Paul Theroux gelingt es, dieses verzerrte Bild auf eine sehr ironische und sarkastische, aber durchaus sehr gelungene Weise etwas gerade zu rücken. Wir entfernen uns nie sehr weit vom Hotel Honolulu, dennoch erhaschen wir einen sehr tiefgründigen Blick auf die ganze Insel. Man muss nur lauschen…

„Es heisst, das Motto Hawaii´s sei: Hele I Loko, Haole `Ino, Aka Ha`awi Mai Kala - geh nach Hause, du haole vom Festland, aber lass dein Geld hier“, sagte Buddy. „Aber das echte Motto ist noch lustiger. Ua Mau Ke Ea O Ka Aina I Ka Pono - das Leben des Landes ist auf ewig von Rechtschaffenheit geprägt. Einen Scheiß ist es!“ (Seite 17)



Persönliches Fazit

Ein Roman mit Biss über das wahre, ehrliche und immer wieder sehr brutale Leben. Eine Milieustudie, schillernd, bunt und vielfältig, ohne jeglichen Schnörkel, ohne Schönreden. Und ohne die rosarote Brille des Urlaubsparadieses Hawaii. Am besten sofort ins Hotel Honolulu einchecken und lesen.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Hotel Honolulu | Paul Theroux | Hoffmann und Campe
Aus dem Amerikanischen von Theda Krohm-Linke
2016, HC, 528 Seiten, ISBN 978-3-455-40556-9
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