Rezension: Hotel Honolulu | Paul Theroux

Montag, 3. Oktober 2016 0 Kommentare


Das Hotel Honolulu auf Hawaii, nicht weit vom Strand, hat seine besten Tage lange hinter sich. Achtzig Zimmer - achtzig Gäste - achtzig Geschichten: ein eigenes Universum. Hier wird ein Schriftsteller unverhofft Manager und findet in den Geschichten der liebenswert-exzentrischen Hotelgäste genug Stoff für ein ganzes Leben. Im Hotel Honolulu steigen Hochzeitsreisende, Strandurlauber, ruhelose Seelen und notorische Lügner ab. Hier treffen sich Hawaiianer und Urlaubsgäste, und sie alle sind auf der Suche nach etwas: Sonne, Liebe, Glück - und manche Sehnsüchte bleiben namenlos. [Text & Cover: © Hoffmann und Campe Verlag

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Paradise Lost - ein Neuanfang. Für den vom Leben gebeutelten namenlosen Schriftsteller kommt es gerade recht, dass der Besitzer des Hotels Honolulu - Buddy Hamstra - einen neuen Manager sucht. Er überlegt nicht lange, nimmt den Job sofort an, obwohl im jegliche Erfahrung in dieser Branche fehlt. Aber egal. Weg von seinem alten Leben, weg von der Schriftstellerei, weg von dieser Schreibblockade, die ihn fest im Griff hat. Er schließt eine Tür mit lautem Knall und öffnet eine Neue. 

"Ich kenne nichts Erotischeres als Hotelzimmer – Räume der Liebe und des Todes“ (erster Satz)

80 Gästezimmer umfasst das Hotel Honolulu, dass auch schon bessere Tage gesehen hatte (vermutlich), zumindest laut den ausschweifenden Erzählungen des exzentrischen, vulgären und verschwenderischen Buddy. „Wir sind mehrgeschossig“ erzählt er stolz über den recht hässlichen, aber praktischen Anbau. In zweiter Reihe, kein Meerblick, von den Ratten hier und da angefressene Zimmer. Dennoch bleiben die Gäste nicht aus. Oft sind es wiederkehrende Gäste, manche haben sich sogar dauerhaft einquartiert, so wie der sehr geräuschvolle „Don Juan“, der nie aus seinem Zimmer kommt und dessen Tun bei dem Schriftsteller wilde Phantasien auslöst.






Aber nicht nur er ist es, der den Schriftsteller beschäftigt. So viele Gäste gehen ein und aus und hinterlassen ihre Spuren. Mal ganz offensichtlich - mal aber auch nur durch Worte und Gesten. Skurril erscheinen sie, aber sind sie das wirklich? Oder trifft man hier schlechtweg einfach nur auf das wahre, grundehrlich Leben, abseits des Glamours und der Urlaubsparadies-Maskerade? 

Viel zu tun hat der neue Hotelmanager nicht, die Arbeiten sind unter den Angestellten aufgeteilt und diese haben das Hotel auch fest im Griff, wie es scheint. Also beobachtet er. Er beobachtet Sweetie, die ebenfalls im Hotel lebt und die Zimmer in Ordnung hält. Später wird sie seine Frau und die Mutter seiner Tochter. 
Er beobachtet die Klatschkolumnistin Madame Ma, die sich ebenfalls dauerhaft einquartiert hat und aus deren verhalten und Auftreten er lange nicht schlau wird, bis ihre Geschichte dramatisch endet.
Er beobachtet all seine Gäste, studiert sie und blickt sprichwörtlich „durchs Schlüsselloch“, riskiert einen Blick hinter die Türen bzw. die aufgerichteten Fassaden. 
Was er findet, sind ein Kaleidoskop voller Geschichten über erfüllte und unerfüllte Liebe, über Erfolge und über Versagen, über gescheiterte Ehen, geplatzt Träume und spannenden Lebenserfahrungen und kuriosen Begegnungen.  Was er findet, ist die Literatur des echten Lebens. Ganz ohne sein Zutun.

„Trotz der Palmen waren die die Menschen hier genauso grausam, gewalttätig und hinterlistig wie anderswo, aber sie waren langsamer und wirkten dadurch sanfter. Aus der Nähe betrachtet waren die Inseln unordentlich, unorganisiert und sensationell vermüllt, mit bröckelnden Klippen, zu vielen verwilderten Katzen und Stränden, die von der tosenden Brandung nach und nach ins Meer gezogen wurden.“ (Seite 16)

Lost in Paradise - wie viele träumen nicht diesen ganz großen Traum von der Freiheit auf der Insel voller Sonnenschein, wo die Welt noch heil und ohne Sorgen zu sein scheint. Die Hochglanzprospekte der Reiseveranstalter zeigen es uns ja, das muss schon stimmen. Oder?
Paul Theroux gelingt es, dieses verzerrte Bild auf eine sehr ironische und sarkastische, aber durchaus sehr gelungene Weise etwas gerade zu rücken. Wir entfernen uns nie sehr weit vom Hotel Honolulu, dennoch erhaschen wir einen sehr tiefgründigen Blick auf die ganze Insel. Man muss nur lauschen…

„Es heisst, das Motto Hawaii´s sei: Hele I Loko, Haole `Ino, Aka Ha`awi Mai Kala - geh nach Hause, du haole vom Festland, aber lass dein Geld hier“, sagte Buddy. „Aber das echte Motto ist noch lustiger. Ua Mau Ke Ea O Ka Aina I Ka Pono - das Leben des Landes ist auf ewig von Rechtschaffenheit geprägt. Einen Scheiß ist es!“ (Seite 17)



Persönliches Fazit

Ein Roman mit Biss über das wahre, ehrliche und immer wieder sehr brutale Leben. Eine Milieustudie, schillernd, bunt und vielfältig, ohne jeglichen Schnörkel, ohne Schönreden. Und ohne die rosarote Brille des Urlaubsparadieses Hawaii. Am besten sofort ins Hotel Honolulu einchecken und lesen.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Hotel Honolulu | Paul Theroux | Hoffmann und Campe
Aus dem Amerikanischen von Theda Krohm-Linke
2016, HC, 528 Seiten, ISBN 978-3-455-40556-9
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[alexandra]

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