Rezension: Wenn du magst | Helle Helle

Dienstag, 4. Oktober 2016 0 Kommentare

Die Kunst der Schlichtheit.




 
Es ist Ende Oktober, und Roar nutzt bei einer Tagung auf dem Lande die Gelegenheit und geht das erste Mal in seinem Leben joggen. Die Schuhe dazu hat er in einem Geschäft aus dem Korb gezogen und in der Eile nicht bemerkt, dass sie verschiedene Größen haben. Als Erstes läuft er sich eine schmerzende Blase. Unterwegs verläuft er ich und trifft auf eine ebenfalls joggende Frau, die sich auch verlaufen hat. Gemeinsam probieren sie die unterschiedlichsten Wege aus, ohne Erfolg. [© Text und Cover: Dörlemann Verlag]

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„Wenn du magst" ist das erste Buch, das ich von der dänischen Autorin Helle Helle gelesen habe. Anfangs hatte ich so einige Schwierigkeiten, mit ihrem sehr besonderen Schreibstil zurecht zu kommen. Sie schreibt in teils sehr knappen Sätzen, was abgehackt, kühl und unemotional bei mir ankommt. 

„Ich will es kurz machen, ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich habe mich in diesem großen Wald verlaufen. Ich weiß nicht viel über Wälder, ich bin kein Naturbursche." (S. 6)

Die meist recht kurzen Kapitel beschleunigen den ohnehin schon zügigen Lesefluss. Erst als ich diesen bewusst gebremst habe und die knackigen Sätze mehr aufgenommen habe, wurde mir der Text zugänglicher und der Sprachstil sympathischer. 

So schnell wie die Kapitel wechseln, so sprunghaft sind manche Gedanken innerhalb einzelner Sätze:

„Einmal im Sommer stand das Fenster im Badezimmer weit offen, der kleine Krachmacher war über das Wochenende bei seiner Mutter. Das war in dem Jahr, als es mit dem Geschäft schwierig wurde – nicht, dass sie zu klagen hätten, seine Eltern hatten klug geplant." (S. 130)

Welche Bedeutung in diesem Abschnitt das offene Fenster hat, blieb mir unklar. Es kommen immer wieder solche Sätze vor, bei denen ich eine Bedeutung zwischen den Zeilen suche, meistens ohne eine zu finden.

Die Geschichte von Roar und der Frau, deren Name nie genannt wird, ist ähnlich schlicht. Nachdem sich die beiden getroffen haben und festgestellt haben, dass sie sich beide verlaufen haben, dämmert es auch schon. Zu ihrem Glück finden sie eine Schutzhütte, die ihnen Unterschlupf gewährt. Trotzdem machen ihnen Kälte, Hunger und Durst zu schaffen. Auch wenn daraus keine dramatische Survivalgeschichte wird, in den dänischen Wäldern sollte man sich besser nicht verirren.

In Rückblicken erfahren wir mehr über Roar und vor allem über die Frau. Die Charakterisierung gelingt vielschichtig und interessant. Beide haben ihren Platz im Leben wohl noch nicht gefunden, sie scheinen von einer inneren Unruhe beherrscht. Ob die Begegnung der beiden im Wald eine schicksalhafte ist?


Persönliches Fazit

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich mit dem kurzen, knappen und doch so besonderen Schreibstil der Autorin angefreundet hatte. Erst als ich mir beim Lesen mehr Zeit lies wurde mir die schlichte Art der Geschichte und Ausdrucksweise sympathisch. „Wenn du magst" ist sicher ein Blick wert für Freunde von Büchern, die ohne Krawall auskommen und Platz für Interpretationen lassen.


© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Wenn du magst | Helle Helle | Dörlemann Verlag
Aus dem Dänischen von Flora Fink
2016, gebunden, 192 Seiten, ISBN: 9783038200345
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[marcus]

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