Rezension: Magnus Chase: Das Schwert des Sommers | Rick Riordan

Montag, 28. November 2016 4 Kommentare


Entdecke, was in dir steckt!




Magnus schlägt sich nach dem Tod seiner Mutter allein auf der Straße durch, denn seinen Vater hat er nie gekannt. Bis er eines Tages etwas Unglaubliches erfährt: Er stammt von einem der nordischen Götter Asgards ab! Leider rüsten diese Götter gerade zum Krieg; auch Trolle, Riesen und andere Monster machen sich bereit. Ausgerechnet Magnus soll den Weltuntergang Ragnarök verhindern. Dafür muss er ein magisches Schwert finden, das seit 1000 Jahren verschollen ist. Noch hat er keine Ahnung, was für Abenteuer auf ihn warten! [© Text und Cover: Carlsen Verlag]

[trennlinie] 

Rick Riordan, Autor unter anderem der Percy-Jackson-Bücher, startet mit Magnus Chase: Das Schwert des Sommers eine neue Fantasy-Reihe. Diesmal geht es um die Wikinger und ihre Götter. Wir reisen dabei keineswegs in der Zeit zurück. Die uns bekannte Welt ist nur eine von neun, und nur weil wir die anderen acht nicht kennen, heißt das nicht, dass sie nicht existieren. Das hat das Potenzial für viele Szenarien und noch mehr Geschichten.

Magnus Chase heißt der zum Helden berufene. Auch er hat keine Ahnung von den unbekannten Lebensformen in anderen Sphären oder was ihn damit verbindet. An seinem 16. Geburtstag ändert sich das schlagartig. Seine letzten lebenden Verwandten sind auf der Suche nach ihm, um ihn zu warnen, denn jemand trachtet ihm nach dem Leben. Mit furioser Action beginnt Magnus' großes Abenteuer. Welche Aufgaben erwarten ihm im Kampf Gut gegen Böse? Kann er dabei helfen, die Götterdämmerung zu verhindern?

Immer wieder lernen wir neue Teile der komplexen Welten der nordischen Mythologie kennen, wobei das Glossar am Ende des Buchs zum Nachschlagen eine gute Hilfe ist. Durch dieses dosierte Vorgehen komme ich gut rein in die Geschichte und entdecke wie Magnus verwundert zahlreiche fantastische Geschöpfe. Dabei sind erstaunlich viele unserem Helden und seinen Freunden feindlich gesinnt. Das bringt ordentlich Tempo ins Buch, denn zum Ausruhen gibt es dadurch nur selten Zeit. Das schweißt Magnus und seine Begleiter zusammen, denn nur gemeinsam haben sie eine Chance, im Kampf um Leben und Tod zu bestehen.

Da Magnus uns seine Geschichte erzählt, ist der Schreibstil des Buchs sehr jugendlich und kommt frisch und flott daher. Besonders amüsant fand ich seine sarkastischen Kommentare, das bringt einige Lacher mit sich.

„Alles, was der Donnergott unternahm, unternahm er mit Begeisterung. Er fand es wunderbar, seine Ziegen zu braten. Er fand es wunderbar, viel zu essen und Met zu trinken. Er fand es wunderbar, Geschichten zu erzählen. Und er fand es wunderbar zu furzen. Mann, fand er es wunderbar zu furzen!" (S. 406)

Hin und wieder werde ich als Leser auch direkt von ihm angesprochen. Das bringt mich noch mal näher an Magnus und seine Geschichte heran. 

Persönliches Fazit

Leser ab 12 Jahren, die auf fantasiereiche und spannende Geschichten stehen, sollten sich „Magnus Chase" nicht entgehen lassen. Die actionreiche Handlung im Reich der nordischen Götter mit seinen fantastischen Charakteren hat mir viel Spaß gemacht.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Magnus Chase: Das Schwert des Sommers | Rick Riordan | Carlsen Verlag
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
2016, broschiert, 560 Seiten, ISBN: 9783551556684
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[marcus]

Rezension: Das fünfte Opfer | Bettina Wagner

Sonntag, 27. November 2016 0 Kommentare


Marlies Mittermann ist Kommissarin bei der Wiener Kriminalpolizei. Sie liebt ihren Beruf sehr und setzt ihren ganzen Ehrgeiz daran, die ihr anvertrauten Fälle zu lösen - sehr zum Leidwesen ihrs Mannes Helmut, der ebenfalls bei der Kripo arbeitet und mit der Konkurrenz im eigenen Haus nicht fertig wird. Marlies entschließt sich, die Scheidung einzureichen.

Als eine Serie von Frauenmorden Wien in Atem hält, betreut zunächst Helmut diese Fälle. Da er bei seinen Ermittlungen nicht weiterkommt, wird ihm der Fall entzogen und Marlies übergeben. Diese hat es nun nicht mehr nur mit einem rätselhaften Frauenmörder zu tun, sondern auch mit einem Ehemann, der all ihre Bemühungen sabotiert. [Text & Cover: Digital Publishers]

[trennlinie]
Marlies Mittermann ist 34 Jahre alt, großgewachsen, attraktiv und verheiratet. Sie stammt aus gutem Hause - ihr Vater bekleidet einen lukrativen Posten im Innenministerium - und hat zwei Universitätsabschlüsse in Kunstgeschichte und Germanistik. Sie ist willensstark bis hin zur Sturheit, zeigt Anzeichen von Perfektionismus und erlaubt sich eine Schwäche nur in Ausnahmefällen. Sie kann nicht kochen und hadert mit der überstarken Vaterfigur. Außerdem arbeitet sie bei der Kriminalpolizei in Wien ... alles zusammen also eine ideale, vorbildtaugliche Romanfigur.
Wären da nicht die Rivalitäten innerhalb ihrer Dienststelle. Von ihren Kollegen wird sie für arrogant gehalten, hinter ihrer Position wird väterliche Protektion vermutet. Ihr Gatte, mit dem sie in Scheidung lebt, arbeitet ebenfalls in ihrem Team, ist ihr jedoch rangmäßig untergeordnet. Diese Konstellation führt dazu, daß sie sich selbst permanent unter Druck setzt, in jeder Situation ihren hohen Ansprüchen an sich selbst gerecht zu werden.

"Sie wollte beweisen, dass sie eine gute Polizistin war. Dass sie eine ebenso gute Polizistin war wie die Männer. Dass sie eine bessere Polizistin war als die Männer." (Kapitel 1)

Die Autorin konfrontiert die Leser also mit dem auf dem Krimimarkt gewiß nicht unbekannten Stereotyp der ehrgeizigen Kriminalbeamtin, die sich in einer testosterondurchsetzten Branche behaupten muß. Zu dessen prominenteste Vertreterinnen zählen etwa Jane Rizzoli von Tess Gerritsen, Clara Vidals von Veit Etzold oder Kate Beckett aus der TV-Serie "Castle". Überspitzt ausgedrückt, ist es derzeit eine Herausforderung, auf dem Markt für eBooks unter den Krimiautoren einen zu finden, der nicht mit diesem Klischee kokettiert. Variationen dieses Bildes sind wahrlich keine Seltenheit, und auch, wenn Bettina Wagner ihre Leser an einem in der Dienstzeit ausgetragenen Rosenkrieg teilhaben läßt, nutzt sie doch die Gelegenheit nicht, angenehm zu überraschen.

Der Roman selbst wirkt wie auf die Hauptfigur zugeschnitten. Die Differenzen mit ihrem Ehemann stellen einen Roten Faden dar, mindestens ebenso deutlich erkennbar wie die aufzuklärenden Mordfälle. Diese Serie an Gewalttaten weist schließlich eine so starke persönliche Verbindung auf, wie sie in einer Romanserie erst nach der Etablierung der Hauptfigur über mehere Teile üblich ist.

Ebenso wie in der Wahl des Hauptmotivs scheint die Autorin auch stilistisch vorerst auf Bewährtes zu setzen. Die Sprache ist stark deskriptiv, auf das Visuelle fokussiert, läßt kaum Spielraum für Interpretationen. Indizien, die den Verdacht des Lesers in eine bestimmte Richtung lenken sollen und so zum Spannungsaufbau eingesetzt werden, finden sich nicht, jene Hinweise, die auf den Täter deuten, sind wenig subtil plaziert, sodaß die Auflösung lange vorhersehbar ist. Die Präsenz der Hauptfigur dominiert den Roman so stark, daß deren dauerhafte Frustration wesentlich die emotionale Färbung des Romans bestimmt. Andere Personen wirken mangels charakterlicher Tiefe eher wie allegorische Figuren. Neben dem vor Rivalität zerfressenen Ehemann finden sich beispielsweise eine esoterisch angehauchte Künstlerin ohne Bodenhaftung, Angehörige des österreichischen Amtsadels, für die allein Titel und Etikette zählen oder zwei mit Hüten und dunklen Mänteln bekleidete Agenten der Staatspolizei, die wortkarg und sehr bestimmt ihre Arbeit verrichten. Insgesamt erweckt die Ausarbeitung des Romans also den Eindruck, als sei die Autorin noch auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Stil.

Obwohl die Geschichte in Wien spielt, wirkt auch die regionale Prägung noch ausbaufähig. Außer Straßennamen finden sich weder Manifestationen ortstypischer Mentalität, noch das charakteristische lokale Idiom. Nach anfänglichen einzeln eingestreuten Ausdrücken, scheint der Mut der Autorin diesbezüglich rasch zu schwinden. Das Glossar am Ende des Buches, das üblicherweise zur Erklärung derartiger Termini dient, enthält demzufolge gerade zwei Einträge ...

Persönliches Fazit

"Das fünfte Opfer" ist ein garantiert überraschungsfreier, auf die Hauptfigur maßgeschneiderter Krimi, zaghaft in der Ausarbeitung, geeignet als Gutenachtlektüre.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Das fünfte Opfer | Bettina Wagner | Digital Publishers
2016, e-Book, ca. 165 Seiten, ISBN: 9783960870586
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[wolfgang]

Rezension: Allein unter Amerikanern | Tuvia Tenenbom

Mittwoch, 23. November 2016 0 Kommentare


Eine Reise durch das Land der (un)begrenzten Möglichkeiten...




Seit über drei Jahrzehnten lebt Tuvia Tenenbom in New York. Als er sich 2015 für seine neue Großreportage erstmals auf eine Reise quer durch die USA begab, ahnte er nicht, was ihn erwarten würde: »Ich hätte nie gedacht, dass die Vereinigten Staaten so völlig anders sind, als ich immer angenommen hatte. Lange Jahre war ich überzeugt, dass ich sie ziemlich gut kennen würde. Aber ich bin mir da nicht mehr so sicher. Erst jetzt entdecke ich so nach und nach das wahre Amerika, Stück für Stück, Mensch für Mensch, Staat für Staat.« 
Tenenbom reiste von Florida bis nach Alaska, von Alabama bis nach Hawaii, vom Deep South und Bible Belt bis an die Großen Seen und die Westküste, sprach mit Politikern und Predigern, mit Evangelikalen, Mormonen und Quäkern, mit Rednecks und Waffennarren, Kriminellen und Gefängnisinsassen, mit Indianern und Countrymusikern, Antisemiten und Zionisten, mit Obdachlosen und Superreichen und vielen, vielen mehr. 
Die USA rühmen sich, »das Land der Freien und die Heimat der Tapferen« zu sein. Das wahre Amerika jedoch, so Tenenboms bestürzende Erkenntnis, ist weder frei noch tapfer, sondern ängstlich darauf bedacht, alle Freiheiten einzuschränken. Es ist in sich zutiefst gespalten, rassistisch und hasserfüllt. »Kann sich die Menschheit auf die USA verlassen? Ich würde es nicht tun.« [© Text und Cover: Suhrkamp Verlag]

[trennlinie] 

Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten, wie konnte das nur passieren? Wie ticken die Amis nur? Wie kommen sie zu der Ansicht, dass sie anderen moralisch überlegen sind und sich als Weltpolizei gebaren? Antworten auf diese und viele weitere Fragen nähert sich Tuvia Tenenbom mit seinem Buch an. Seine Idee, quer durch die USA zu fahren um mit den Menschen vor Ort zu sprechen, finde ich äußerst interessant und funktioniert gut. Das bringt mir mal andere Ansichten von Land und Leuten als das, was ich meistens im Fernsehen sehe.

Er schafft es zwar nicht, alle Bundesstaaten der USA zu besuchen, aber gut die Hälfte erreicht er auf seinem Trip. Das ergibt einen spannenden Querschnitt – nicht nur wegen der Bewohner sondern auch landschaftlich. Ob die unbewohnten Weiten Montanas oder Nationalparks in Utah, er ist begeistert von der Szenerie, die sich ihm unterwegs darbietet. 

Das beschreibt er aber nur am Rande, im Fokus des Buchs stehen andere Themen. Es geht hauptsächlich um Politik, Religion, Rassismus, Armut und Gewalt, um den Klimawandel und um den Israel-Palästina-Konflikt. Tenenbom stellt die Fragen, auch wenn sie seinem Gegenüber unangenehm sind und eine Antwort zunächst oft verweigert wird. Er legt gnadenlos den Finger in die Wunde, auch wenn das mehr als einmal bei seinem Gesprächspartner Empörung auslöst. Selbst von Drohungen lässt er sich nicht abschrecken. Er entlarvt damit einige abstruse Ansichten. Die albernsten lässt er für sich stehen, andere kommentiert er mit einem lässigen, trockenen Humor. 

„Ich stupse die Leute nun mal gerne an. Ich wurde so geboren." (S. 335)

Tenenbom hat den Mut, dort hin zu fahren, wohin sich Touristen nicht verirren sollten. Wenn ihm ein Busfahrer oder Polizist dringend abrät, ein bestimmtes Viertel zu besuchen, macht er es erst recht. Dass dort rivalisierende, bewaffnete Gangs leben und regelmäßig Morde geschehen, hält ihn nicht auf. Das bringt Meinungen von ungewöhnlichen Seiten.

Auch wenn das Buch auf rund 450 Seiten kommt, hatte ich anfangs den Eindruck, dass manche Aussagen nur angerissen werden und sich das Gespräch nur oberflächlich in den Zeilen wiederfindet. Das ist sicherlich der immensen Zahl von Eindrücken, die der Autor auf der Reise gewinnt, geschuldet. Es war bestimmt nicht einfach zu entscheiden, was verwendet wird und was nicht. Allerdings bildet sich am Ende aus den vielen Puzzleteilen einzelner Gespräche ein sehr weitreichendes Gesamtbild des gesellschaftlichen Zustands der USA. Und das ist, was ich mir von dem Buch versprochen hatte.

Persönliches Fazit

Wer sich einen Eindruck über die politische und gesellschaftliche Situation in den Vereinigten Staaten machen will, ist mit „Allein unter Amerikanern" gut versorgt. Mit journalistischer Schärfe und einer Prise trockenem Humor befragt Tuvia Tenenbom viele Menschen unterschiedlichster ethnischer, religiöser, politischer und sozialer Angehörigkeit. Auch wenn ich mir manche Abschnitte ausführlicher gewünscht hätte, war die Lektüre für mich sehr erkenntnisreich.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Allein unter Amerikanern | Tuvia Tenenbom | Suhrkamp Verlag
Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Adrian
2016, broschiert, 464 Seiten, ISBN: 9783518467343
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[marcus]





Aufgelesen 24: Der Weltraum, unendliche Weiten.

Dienstag, 22. November 2016 2 Kommentare


Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.


Buchtipp / Affiliate 

Im letzten Monat feierte das Bücherkaffee sein fünfjähriges Bestehen.
Ganze fünfzig Jahre ist es her, daß diese berühmten einleitenden Worte zum ersten Mal aus dem Fernseher zu hören waren (Erstausstrahlung 1966 "Star Trek" in den Vereinigten Staaten). Sie stehen am Beginn einer jeden Episode der Serie Star Trek ("Raumschiff Enterprise" in der deutschen Übertragung). Anläßlich des Jubiläums wurden  vielerlei Betrachtungen über die Einflüsse dieser Space Opera auf Fernsehen, Kino, Wissenschaft und Technologie angestellt. Im kollektiven Unterbewußtsein sind die Abenteuer um Kirk, Picard und ihre Kollegen bereits derartig stark verankert, daß kaum eine Zeitung, kaum eine Nachrichtensendung dieses Jubiläum ignorieren konnte. So wurde vielfach die Biographie des Erfinders Gene Roddenberry skizziert, der mit seiner pazifistischen Vision gesellschaftliche Tabus brach. 
Die Führungsriege der Enterprise ist kosmopolitisch unter anderem mit einem Russen, einem Japaner, einer Frau mit schwarzer Hautfarbe und sogar einem Außerirdischen besetzt - und das in Zeiten, in denen die Kuba-Krise noch frisch in Erinnerung war und der Kalte Krieg heiße Ressentiments schürte. Vielfach wurde berichtet über den einen Filmkuß zwischen zwei Charakteren unterschiedlicher Hautfarbe in der Episode "Platons Stiefkinder", über die unterschiedlichen Spezies (von denen Vulkanier und Klingonen wohl die bekanntesten sind), über die unterschiedlichen Interpretationen einer fiktiven zukünftigen Welt beim Entwurf jeder neuen Serie. Schließlich gilt Star Trek als Inspirationsquelle für heute gebräuchige Technolgien wie Mobiltelephon und Tablet-PC.

Meine persönlichen Gedanken gelten daher kleinen Ausschnitten dieses riesigen Geschichtenuniversums, das ständig durch TV-Serien, Filme, Bücher und Beiträge aus dem Bereich Fan-Fiction erweitert wird. Im folgenden widme ich mich einzelnen Episoden, die ich für erachtenswert halte:


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Star Trek: "Kenn Sie Tribbles?" (Staffel 2, Episode 15):

Eine der berühmtesten und meistausgestrahlten Episoden ist zugleich eine, in der die Auseinandersetzung mit unbekannten Lebensformen nicht ganz so ernst genommen wird. Lieutenant Uhura erwirbt von einem Händler ein handtellergroßes pelziges Tierchen, das der Spezies der Tribbles angehört. Diese Wesen wirken leicht unbeholfen, geben Piepslaute von sich und wecken somit den menschlichen Beschützerinstinkt. Außerdem vermehren sie mit hoher Geschwindkeit, sodaß sie sich rasch zu einer wahren Plage entwickeln. Aus heutiger Sicht könnte man meinen, Star Trek habe mit dieser Episode bereits den Film "Gremlins" oder das Phänomen der Katzenvideos im Internet vorhergesehen.

Star Trek: Das nächste Jahrhundert: "In den Händen der Borg" / "Angriffsziel Erde" (Staffel 3, Episode 26, Staffel 4, Episode 1):

Wenn man das inflationär gebrauchte Attribut "Klassiker" verwenden darf, dann bei Star Trek für diese Doppelepisode. Die Borg, die bis zu diesem Punkt der Geschichte gefährlichsten Feinde der Föderation, verursachen Ängste, die wahrhaft unter die Haut kriechen. Bis dahin haben wir sie als unerbittliche Zerstörungsmaschinen kennengelernt, die ganze Siedlungen auslöschen und sich vermehren, indem sie andere Wesen mit kybernetischen Implantaten ausrüsten und sie somit zu ihresgleichen machen. Nun erfahren wir zum ersten Mal, was das genau bedeutet: Die verzweifelten Verteidigungsmaßnahmen der Enterprise bleiben wirkungslos, die Führungsoffiziere müssen hilfos zusehen, wie Captain Picard, ein humanistisch gebildeter Gentleman von den Borg assimiliert und seiner Seele beraubt wird. Fortan wird er als Locutus ein Teil des Kollektivs sein und die Unterwerfung der Menschheit vorantreiben.
Selten war Star Trek schauriger.

Star Trek: Das nächste Jahhrundert: "Sherlock Data Holmes" / "Das Schiff in der Flasche" (Staffel 2, Episode 3 und Staffel 6, Episode 12)

Eine der nützlichsten Erfindungen im Star Trek-Universum war das Holodeck, in dem mittels dreidimensionaler holographischer Projektion sämtliche fiktiven Szenarien erzeugt werden konnten, quasi Virtual Reality ohne Brille. Eben weil man mit diesem narrativen Werkzeug nicht ganz erstzunehmende Geschichten erzählen, teure Kulissen sparen oder einfach nur Möglichkeiten ausprobieren konnte, spielen einige der interessantesten Episoden auf dem Holodeck, so auch diese beiden. In seiner Freizeit schlüpft der Androide Data in die Rolle von Sherlock Holmes, löst jedoch sofort alle Fälle, weil er den Inhalt sämlicher Doyle-Romane kennt. Der Computer wird daher angewiesen, einen Gegner zu kreieren, der es mit Data - anstelle von Holmes und Watson - aufnehmen kann. Die sprachliche Unschärfe erweist sich als folgenschwerer Fehler, denn der neu erschaffene Dr Moriarty muß somit nicht mehr den Grenzen der Welt des Sherlock Holmes genügen. Er wird sich seiner Eigenschaft als Romanfigur in einem fiktiven Szenario auf einem Raumschiff im 24. Jahrhundert bewußt und fordert nichts Geringeres als sein Naturrecht auf Existenz.
Die erste Episode und auch jene, in der irrtürmlich das Programm neu gestartet wird und Dr Moriarty erneut die Enterprise bedroht, servieren philosophische Überlegungen im Gewand der Populärkultur. Sie loten die Grenzen der Wirklichkeit aus, hinterfragen leichtfertig gebrauchte Begriffe wie Bewußtsein und Existenz und leuchten in den Gedanken nach, auch wenn der Fernseher bereits ausgeschaltet ist.

[to be continued...]

So, liebe Leserinnen und Leser, nun seid ihr an der Reihe: 

Welches sind eure liebsten Star Trek-Episoden und was verbindet ihr mit ihnen?

Freudiges Weiterlesen, oder, wie es die Vulkanier ausdrücken würden:  \\//


© Wolfgang Brandner

[wolfgang]

Rezension: Federgrab | Samuel Bjork

Montag, 21. November 2016 2 Kommentare

 Federgrab
Aus einem Jugendheim bei Oslo verschwindet ein siebzehnjähriges Mädchen. Einige Zeit später wird sie tot im Wald gefunden - gebettet auf Federn, umkränzt von einem Pentagramm aus Lichtern und mit einer weißen Blume zwischen den Lippen. Die Ermittlungen von Kommissar Holger Munch und seiner Kollegin Mia Krüger drehen sich im Kreis, bis der IT-Spezialist des Teams von einem mysteriösen Hacker kontaktiert wird. Der zeigt ihm ein verstörendes Video, das neue Details über das Schicksal des Mädchens enthüllt. Und am Rande der Aufnahmen ist der Mörder zu sehen, verkleidet als Eule, der Vogel des Todes ... [Text & Cover: © der Hörverlag]

[trennlinie]

Ein Fall für Kommissar Munch 


Wie bereits im ersten Roman von Samuel Bjork, ENGELSKALT, bildet auch hier ein bizarrer Leichenfund den Ausgangspunkt des Falles. Die auf Federn gebettete Leiche, das Lichterarrangement, das Pentagramm lassen an einen Ritualmord denken und führen den Leser von einem Déjà-Vu zum nächsten: Auch im Vorgängerband weckte ein ungewöhnliches Verbrechen die Aufmerksamkeit, auch dort führten die Spuren rasch zu einer isoliert lebenden religiösen Gruppierung. Der Autor scheint also seinen Stil gefunden zu haben, arbeitet mit ihm vertrauten Elementen.

Und auch diesmal spielt er auf zahlreiche aktuelle Problemfelder an, von denen vermutet werden darf, daß zumindest einige von ihnen der bloßen Ablenkung dienen. Wie geht etwa die Gesellschaft mit traumatisierten oder geistig beeinträchtigten Jugendlichen um? In der Phase der Persönlichkeitsentwicklung treten naturgemäß Spannungen auf, die kanalisiert werden müssen. Mit einer Gärtnerei, die als geschützte Arbeitsumgebung dient, wird hier ein wahres Biotop an möglichen Verdächtigen präsentiert. Aufgrund der Symbolkraft der gefundenen Leiche wird auch gegen satanistische Bewegungen ermittelt, und dann wären da noch Tierschutzaktivisten, die im Eifer des Gefechts des öftern die Grenze des Erlaubten überschreiten. Um auch die IT-affine Leserschaft anzusprechen, darf in einem heutigen Krimi auch eine entsprechende Komponente nicht mehr fehlen, das Martyrium der Ermordeten wurde als Livestream einer ausgewählten Gruppe zahlungskräftiger Kunden im Netz übertragen. Für sich genommen, böte jeder dieser Bereiche ausreichend Potential, um eine eigenständige Geschichte zu tragen, vielleicht sogar tatsächlich den Anspruch zu erheben, Fehlentwicklungen in der Gesellschaft aufzuzeigen. Die hier präsentierte Mischung wirkt jedoch für eine solche Aufgabe zu beliebig, zu oberflächlich bearbeitet und bietet keinen Roten Faden, an dem sich der Leser orientieren könnte.

Das Verbrechen selbst ist gewiß grausam, es so lange wie möglich vor dem Leser zu verbergen, verstärkt jedoch nicht seine Intensität. Davon scheint der Autor jedoch auszugehen, wenn zunächst nur die körperlichen Reaktionen der Ermittler und ihre Tiraden auf den Täter geschildert werden. Indem der Bewertung mehr Platz eingeräumt wird als der eigentlichen Beschreibung, fühlt sich der Leser bevormundet, als spräche ihm der Autor die Fähigkeit ab, eine solche Bewertung selbst vorzunehmen.

Die Figuren haben gegenüber dem ersten Teil deutlich an Strahlkraft eingebüßt. Der väterlich-gemütliche Holger Munch wirkt diesmal schwerfällig und ist in den meisten Situationen auf seine junge Kollegin Mia Krüger angewiesen. Diese gilt als kriminalistisches Wunderkind und hatte in "Engelskalt" neben dem aufzuklärenden Mordfall außerdem den Tod ihrer Schwester zu verarbeiten. Da dies nun weitgehend erledigt sein dürfte - nur noch gelegentliche Gedankensplitter verweisen auf den Schicksalsschlag - hängt die Figur Mia Krüger in der Luft, wenn sie nicht gerade unter Einfluß von zu viel Alkohol die Gedankengänge des Mörders nachzuvollziehen sucht. Auch die übrigen Mitglieder des Ermittlerteams erscheinen austauschbar, einzig der Computerspezialist Gabriel Morck wirkt für einen kurzen Moment zwischen autoritätsablehnendem Hackerethos und beruflicher Verpflichtung hin- und hergerissen.

So kommt es also, daß die Kriminalbeamten Verdächtige verhören, Aufnahmen von Überwachungskameras und nützliche Hinweise auswerten, vor sich hin recherchieren. Irgendwann ist der Täter gefunden, am Ende laufen alle Handlungsfäden in einer Weise zusammen, die Aha-Erlebnisse auslösen soll, und als Showdown fungiert noch einmal eine brenzlig-persönliche Situation. Da das ganze weitgehend spannungsfrei abläuft, bleibt der Leser mehr unbeteiligter Beobachter am Rande, als ein tatsächlicher Teilnehmer am Geschehen. Ein letztes Mal stellt sich das Gefühl von Bekanntheit beim Vorgehen des Täters ein, der als Vogel verkleidet, seine Opfer umtanzt. Einen Mörder mit ähnlicher Fixierung ließ nämlich der deutsche Autor Max Bentow in seinem 2011 veröffentlichten Roman "Der Federmann" sein Unwesen treiben.

Persönliches Fazit

FEDERGRAB ist eine für einen Thriller ungewöhnlich spannungslose Zusammenstellung halb ausgearbeiteter Themen und Figuren, die weit unter ihrem Potential bleiben. 

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Federgrab | Samuel Bjork | der Hörverlag
Übersetzt von Gabriele Haefs
Original Verlag: Goldmann Paperback
2016, Hörbuch MP3-CD (gekürzt), 538 Minuten, ISBN: 978-3-8445-2309-6
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[wolfgang]  

LOVELYBOOKS LESERPREIS 2016: Stimme jetzt für deine Lieblingsbücher ab!

Sonntag, 20. November 2016 0 Kommentare

Die besten Bücher 2016. Von Lesern nominiert, von Lesern prämiert!

Die ABSTIMMPHASE des 8. DER LESERPREIS hat begonnen. Über 6000 Bücher sind nominiert und ihr könnt noch  bis zum 22. November 2016 unter https://www.lovelybooks.de/leserpreis EURE für eure Favoriten des Jahres 2016 abstimmen. Sei dabei und entscheide mit, wer in den unten genannten Kategorien den diesjährigen Lovelybooks Leserpreis gewinnen soll. Jede Stimme zählt! 📚

➤ Romane
➤ Krimi und Thriller
➤ Fantasy & Science Fiction
➤ Jugendbücher
➤ Kinderbücher
➤ Liebesromane
➤ Erotische Romane
➤ Historische Romane
➤ Humor
➤ Sachbuch und Ratgeber
➤ Bestes Hörbuch
➤ Bestes eBook ONLY
➤ Bester Buchtitel 
➤ Bestes Buchcover

    Warum der LOVELYBOOKS Leserpreis vergeben wird:

    Auf den Bestsellerlisten stehen Bücher, die sich gut verkaufen. Kritikerpreise gewinnen Bücher, die eine Fachjury überzeugend findet. Beim Leserpreis jedoch bestimmen allein die Leser, welche Bücher ihnen dieses Jahr besonders gut gefallen haben.
    Der Preis ist ein Dankeschön der Leser an die Autoren, die mit ihren Geschichten und Texten unser Leben bereichern. Bücherfans bietet "Der Leserpreis" eine Orientierung, eine Empfehlung von Lesern für Leser, die klar sagt, welche Bücher im Jahr 2016 wirklich lesenswert sind.
    In diesem Jahr wird der Leserpreis bereits zum achten Mal vergeben. Die Resonanz in den vergangenen Jahren war riesig und macht den Leserpreis zum größten von Lesern vergebenen Buchpreis im deutschsprachigen Raum.

    Wie läuft DER LESERPREIS 2016 genau ab? 

    31. Oktober - 10. November 2016: Nominierungsrunde

    In der Nominierungsrunde kannst du in den einzelnen Kategorien bis zu drei Bücher nominieren, bei denen du der Meinung bist, dass sie den Leserpreis verdient haben. Die Bücher müssen zwischen November 2015 und Oktober 2016 erstmalig auf Deutsch erschienen sein.

    14. November - 22. November 2016: Abstimmungsrunde

    In der Abstimmungsrunde werden in jeder Kategorie die 35 Bücher mit den meisten Nominierungen angezeigt, unter denen du deine finalen Stimmen für den Leserpreis verteilen kannst. Du kannst in jeder Kategorie drei Stimmen abgeben.

    24. November 2016: Bekanntgabe der Preisträger

    Am 24. November werden die Gewinner aller Kategorien in Gold, Silber und Bronze bekannt gegeben. Die Bücher, die während der Abstimmung die meisten Stimmen erhalten, gewinnen.

    Wie kann ich Bücher nominieren? Wie kann ich abstimmen?

    Beim Leserpreis wird zwischen zwei Runden unterschieden:

    Nominierungsrunde

    In der Nominierungsrunde kannst du in den einzelnen Kategorien bis zu drei Bücher nominieren, bei denen du der Meinung bist, dass sie den Leserpreis verdient haben. Die Bücher müssen zwischen November 2015 und Oktober 2016 erstmalig auf Deutsch erschienen sein. Jeder Titel kann nur in einer der Hauptkategorien nominiert werden sowie zusätzlich in mehreren Sonderkategorien. Sollte eine deiner Nominierungen besser in eine andere der Hauptkategorien passen, behalten wir uns vor diese zu verschieben.
    JEDE NOMINIERUNG ZÄHLT! Bitte nominiere deine Lieblingsbücher auch, wenn sie schon in der Liste aller Nominierungen vertreten sind, da wir am Ende alle Einreichungen pro Buch zusammenzählen! Falls du deine Nominierungen noch einmal ändern möchtest, lösche dazu die Nominierungen für die Bücher, die du nicht mehr wählen möchtest und reiche dafür neue ein.

    Abstimmungsrunde

    In der Abstimmungsrunde werden in jeder Kategorie die 35 Bücher mit den meisten Nominierungen angezeigt, denen du deine finale Stimme für den Leserpreis geben kannst. Pro Kategorie kommen 35 Bücher auf die Shortlist. Am Montag, den 14. November, startet die Abstimmung. Alle Leser können bis zum 22. November darüber abstimmen, welche Bücher den Leserpreis 2016 erhalten. Dabei hast du erneut in jeder Kategorie 3 Stimmen für unterschiedliche Bücher.

    Wie viele Nominierungen kann ich einreichen? / Wie viele Stimmen habe ich in der Abstimmungsrunde?

    Pro Kategorie kannst du bis zu drei Bücher nominieren. In der Abstimmungsrunde kannst du ebenso 3 Stimmen pro Kategorie vergeben.

    Muss ich bei LovelyBooks registriert sein, um Bücher zu nominieren / für Bücher abzustimmen?

    Ja, um bei DER LESERPREIS 2016 mitbestimmen zu können, musst du bei LovelyBooks.de registriert sein. Nur so können wir sicherstellen, dass jeder nicht mehr als die offiziellen drei Stimmen pro Kategorie abgibt.

    Wann werden die Preisträger bekannt gegeben?

    Am 24. November werden die Gewinner aller Kategorien in Gold, Silber und Bronze bekannt gegeben. Die Bücher, die während der Abstimmung die meisten Stimmen erhalten, gewinnen.


     [alexandra]

    Rezension: Marco Polo: Bis ans Ende der Welt | Oliver Plaschka

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    Historienepos im Reich der Mitte.




    Ein heldenhafter Abenteurer? Ein geistreicher Berater der Mächtigen? Oder doch nur ein einfacher Betrüger? Die einzige Romanbiografie über eine der schillerndsten Figuren des Mittelalters: Marco Polo.
    Ist dieser Mann ein Held, ein Genie oder nur ein Lügner? Diese Fragen gehen dem Geschichtenerzähler Rustichello durch den Kopf, als er der Erzählung seines Mitgefangenen Marco Polo lauscht. Hat dieser Marco es wirklich bis an den Hof des Kublai Khan geschafft?
    Doch diese Fragen verblassen mehr und mehr, je stärker der geschickte Geschichtenerzähler Marco seinen Zuhörer mit seinen Schilderungen gefangen nimmt. Und so reist Rustichello mit Marco zurück in die Vergangenheit, bestaunt mit ihm die Wunder Asiens, hört von dem Geschick, mit dem der Venezianer alle kulturellen Gräben überwinden und zu einem der wichtigsten Männer Chinas aufsteigen konnte ... [© Text und Cover: Droemer Knaur Verlag]

    [trennlinie]

    Wenn ich einen so dicken historischen Roman wie diesen in die Hand nehme, dann erwarte ich davon, dass er mich in fremde Länder, zu spannenden Figuren und in geschichtliche Zusammenhänge entführt, dabei aber nicht langweilig wird. Und gleich vorweg: das gelingt Oliver Plaschka mit seinem Buch vorzüglich.

    Von Beginn an werde ich hineingezogen in die Welt des jungen Marco Polo, der elternlos im Venedig des 13. Jahrhunderts aufwächst. Als völlig unerwartet sein verschollener Vater und dessen Bruder auftauchen ist er gerade fünfzehn Jahre alt, und doch steht für ihn gleich fest, dass er die beiden bei der nächsten Reise begleiten wird. Und so machen sich die drei nach einiger Zeit tatsächlich auf den Weg, um den halben Erdball zu umrunden und den großen Herrscher Kublai im fernen Kithai aufzusuchen um mit ihm Handelsbeziehungen aufzubauen.

    Es sind sehr faszinierende Orte, die sie auf ihrer Reise erreichen. Sie kommen beispielsweise durch Akkon im Heiligen Land, das zu dieser Zeit noch von den Kreuzritterorden gehalten wurde. Oder Hormuz im persischen Reich, bis hin zu den großen Städten des Khans im tiefsten Asien. Ich benutze gern das Internet, um mir ein Bild dieser Orte zu machen. Es fesselt mich, wenn ich feststelle, dass es diese Städte und ihre Geschichte tatsächlich gab. Der historische Kontext ist in diesem Roman absolut gegeben. 

    Ich bin in der chinesischen und mongolischen Geschichte nicht sonderlich bewandert. Umso interessanter sind für mich ihre Herrscher und ihr Hofstaat. „Andere Länder – andere Sitten" trifft es perfekt. Ich erhalte einen tiefen Einblick in eine mir nur wenig bekannte Welt samt ihren Mythen und Legenden. Der Autor verfängt sich dabei nie in Details. Seine Beschreibungen genügen, um sich ein gutes Bild von Land und Leuten zu machen, werden aber nicht langatmig. Das liegt auch am flüssigen Schreibstil. Ich werde weder von verschachtelten Sätzen noch von zu vielen Fremdwörtern ausgebremst. Auch die Anzahl der Protagonisten überfordert mich nicht. Es treten im Laufe der Handlung schon einige auf, ich hatte aber keine Probleme, sie einzuordnen. Falls das doch mal passieren sollte, hilft das Figurenverzeichnis im Anhang.

    Der Rahmen der Erzählung ist, dass Marco Polo selbst seine Geschichte seinem Zellennachbarn im Gefängnis von Genua erzählt. Wie viel Wahrheit darin enthalten ist, wird also dem Erzähler überlassen. Es ist aber bei weitem keine Baron-Münchhausen-Geschichte. Die vielen Ereignisse sind durchaus glaubhaft und möglich. Die tatsächlichen Aufzeichnungen aus dem Leben von Marco Polo lassen wohl einiges an Interpretationsspielraum zu. Den nutzt der Autor, um eine sehr lebendige Chronik zu entwerfen.

    Persönliches Fazit

    „Marco Polo: Bis ans Ende der Welt" ist ein historischer Roman, der mich von Beginn an gepackt hat. Er bietet alles, was ich davon erwartet habe: Freundschaft und Intrigen, Liebe und Verrat, exotische Orte und große Schlachten. Ich habe es sehr genossen, in dieses dicke Buch abzutauchen und mich ins ferne Asien entführen zu lassen.

    © Rezension: 2016, Marcus Kufner


    Marco Polo: Bis ans Ende der Welt | Oliver Plaschka | Droemer Knaur Verlag
    2016, gebunden, 864 Seiten, ISBN: 9783426281383
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    [marcus]







    Rezension: Mr. Sapien träumt vom Menschsein | Ariel S. Winter

    Sonntag, 13. November 2016 0 Kommentare

    Die Frage nach dem Sinn des Daseins.







    Mr. Sapien, der Held von Ariel S. Winters Science-Fiction-Roman, ist ein Roboter – lebensmüde und völlig aus der Mode gekommen, weil noch von Menschen gemacht –, der sich gezwungen sieht, aus der Stadt zu fliehen, weil ihm die Abschaltung droht. Als ausgewiesener Menschenliebhaber war der Android dort zudem immer mehr der sozialen Ausgrenzung ausgesetzt gewesen. Nun zieht er sich an die einsame englische Küste zurück, um in einem angemieteten Strandhaus auf dringend benötigte Ersatzteile zu warten. Sein halbherziger Suizidversuch hat ihn etwas beschädigt zurückgelassen. Dabei hängt er doch eigentlich so sehr am Leben. Da wird er auf seine einzigen Nachbarn in der Umgebung aufmerksam, eine rätselhafte Patchwork-Androidenfamilie, die ›Asimovs‹, die ein Geheimnis zu verbergen scheint: Unter ihnen soll einer der letzten Menschen leben … Hat er die Antworten, nach denen Mr. Sapien sucht? Oder ist es die Familientragödie der Asimovs, die ihm mehr über das Menschsein verrät, als es ein Mensch je könnte? [© Text und Cover: Droemer Knaur Verlag]

    [trennlinie] 

    Was für ein faszinierendes Science-Fiction-Szenario: die Welt ist hauptsächlich von Androiden bevölkert – allerdings leben auch noch Menschen unter ihnen. Die letzten Überlebenden der ursprünglichen Erschaffer spielen allerdings kaum noch eine Rolle. Die Roboter können sich bereits selbst vermehren und haben längst die Kontrolle übernommen. Die Menschen werden gerade so geduldet.

    Ist es nicht interessant, wie schnell wir einer Maschine ein Bewusstsein zugestehen, wenn sie einen Namen hat? Der Roboter „Mr. Sapien" lernt die Asimovs kennen, um die es im Roman hauptsächlich geht. In Rückblenden erfahren wir wie es kam, dass diese Androidenfamilie ein menschliches Kind aufgenommen und großgezogen hat. Dass eine solche Konstellation Probleme mit sich bringt, ist naheliegend. Entscheidend dafür ist, dass die Maschinen über eine komplexe emotionale Bandbreite verfügen. Sie streben sehr danach, dem Menschen ähnlich zu sein, obwohl sie sie eigentlich für minderwertig halten.

    „So zerbrechlich, diese Bioformen. So nutzlos." (S. 147)

    Sie bemessen dem menschlichen Leben keinen Wert bei. Einen davon umzubringen ist für die meisten keine große Sache. Klar, denke ich da, sind ja Maschinen. Ich muss aber doch nur die Nachrichten einschalten, um zu erkennen, dass es zu viele Menschen gibt, die das auch so sehen. Ariel S. Winter hält uns hier sehr treffend den Spiegel vor. 

    Eigentlich sind die Androiden für die Ewigkeit gebaut, die neueren Modelle sind nahezu unzerstörbar. Und doch sterben immer wieder welche. Sie lassen sich einfach abschalten, weil sie sich nicht mehr als nützlich empfinden. Die Neuen können ja so viel mehr, da räumen sie freiwillig das Feld. Deprimierte Roboter? Maschinen, die verzweifelt den Sinn ihres Daseins suchen? Klingt kurios und ist doch auch eine distanzierte Betrachtung des Menschen. Ist es wirklich erstrebenswert, das ewige Leben zu erreichen oder macht nicht gerade das Bewusstsein des Sterbens den Wert des Lebens aus? Diese und andere moralischen Fragen drängen sich bei der Lektüre des Romans auf.

    Die Atmosphäre des Buchs ist sehr gelungen. Von Beginn an ist diese neue Welt für mich glaubhaft und nachvollziehbar. Durch die Emotionen erhalten die Androiden einen starken Charakter. Das weckt bei mir wiederum Sympathie und Antipathie. Sogar Liebe hat in diesem Zukunftsszenario noch Platz.

    Persönliches Fazit

    „Mr. Sapien träumt vom Menschsein" bietet ein sehr glaubhaftes Science-Fiction-Szenario mit vielen Emotionen und starken, hauptsächlich androiden Charakteren. Trotz seiner unkomplizierten Schreibweise wirft der Roman tiefgründige Fragen auf. Ich habe das Buch geradezu verschlungen.

    © Rezension: 2016, Marcus Kufner


    Mr. Sapien träumt vom Menschsein | Ariel S. Winter | Droemer Knaur Verlag
    Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka
    2016, broschiert, 240 Seiten, ISBN: 9783426519325
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    [marcus]

    Rezension: Foxcraft – Das Geheimnis der Ältesten | Inbali Iserles

    Dienstag, 8. November 2016 2 Kommentare

    Der zweite Teil der Foxcraft-Trilogie.



    Eine dunkle Gefahr bedroht die Welt der wilden Füchse: Der grausame Fuchsmagier will alle vernichten, die sich ihm in den Weg stellen! Auf der Suche nach ihrem Bruder begibt sich die junge Füchsin Isla mitten hinein in die gefahrvollen Wälder. Doch reicht ihre Magie aus, um sich gegen ihre Feinde zu wehren? Und was hat es mit den sieben Ältesten auf sich, die der Sage nach als Einzige den Magier besiegen können? Isla ist bereit, alles zu wagen, um ihren Bruder zu retten. [© Text und Cover: Fischer KJB]

    [trennlinie]

    Endlich ist der zweite Teil der Foxcraft-Trilogie verfügbar! Nachdem Isla in „Die Magie der Füchse" von ihrer Familie getrennt wurde und sich durch die Stadt der Menschen kämpfen musste, betritt sie jetzt die Wildlande. Sie hofft, dass die legendären Ältesten ihr bei ihrer Suche nach ihrem Bruder helfen können. Leider sind die nicht so leicht zu finden.

    In der fremden Umgebung lauern neue Gefahren, wie beispielsweise menschliche Jäger, auf Isla. Sie trifft aber auch auf alte und neue Freunde, die ihr beistehen. Isla ist jedoch misstrauisch. Nachdem sie schon einmal belogen wurde bleibt sie sicherheitshalber auf Distanz. Es entwickelt sich eine Geschichte von Freundschaft und Verrat und, ganz klassisch, Gut gegen Böse. Denn der Magier will die Welt der Füchse unter seine Kontrolle bringen. Die Füchse müssen gemeinsam gegen diesen mächtigen Feind für ihre Freiheit kämpfen. Gut, dass es die fantastische Fuchsmagie gibt. Die spielt im Laufe der Geschichte eine immer wichtigere Rolle. 


    Oft passiert bei einem zweiten Teil einer Trilogie nicht so viel, da er nur auf den finalen letzten Band hinarbeitet. Das ist bei Foxcraft nicht so, hier passiert viel Dramatisches. Die Geschichte kommt mit ordentlich Tempo voran und ist sehr spannend. Mit der jungen und tapferen Isla können sich Kinder ab 10 Jahren sehr gut identifizieren. Wem der erste Teil gefallen hat, dem kann ich auch den zweiten empfehlen. Mich hat auch die Fortsetzung der Geschichte sehr gefesselt. Wer Foxcraft noch nicht kennt, sollte mit dem Vorgänger „Die Magie der Füchse" einsteigen.


    Persönliches Fazit

    Eine Fortsetzung, die meine Erwartungen erfüllt hat. Nach dem gelungenen ersten Band wird Islas Suche auch im zweiten Foxcraft-Teil temporeich und spannend weitererzählt. Ich freue mich schon auf das Finale!

    © Rezension: 2016, Marcus Kufner


    Foxcraft – Das Geheimnis der Ältesten | Inbali Iserles | Fischer KJB
    Aus dem Englischen von Katharina Orgaß mit Vignetten der Autorin
    Ab 10 Jahren
    2016, gebunden, 384 Seiten, ISBN: 9783737351805
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    [marcus]




    Rezension: Zwei Sekunden | Christian von Ditfurth

    Montag, 7. November 2016 0 Kommentare

    Kommissar de Bodts zweiter Fall


    Terroranschlag beim Staatsbesuch in Berlin. Nur um zwei Sekunden verpasst die Bombe die deutsche Bundeskanzlerin und den russischen Präsidenten. Die Russen behaupten, dass tschetschenische Terroristen hinter dem Anschlag stecken - doch eine Bekennerbotschaft gibt es nicht. Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Berliner Polizei tappen im Dunkeln. Öffentlichkeit und Politik fordern Ergebnisse. Der Druck wächst. Widerwillig akzeptiert das BKA, dass Hauptkommissar Eugen de Bodt eigene Ermittlungen anstellt. Vor allem in höheren Polizeikreisen ist de Bodt unbeliebt bis verhasst. Doch will sich niemand nachsagen lassen, nicht alles unternommen zu haben. De Bodt und seine Mitarbeiter suchen verzweifelt eine Spur zu den Tätern. Aber erst, als er alle Gewissheiten in Frage stellt, bekommt de Bodt eine Idee, wer die Drahtzieher sein könnten. Doch um sie zu entlarven, muss er mehr einsetzen, als ihm lieb ist: das eigene Leben. [Text & Cover: © carl's books]

    [trennlinie]

    Der Autor verliert keine Zeit, bereits zu Beginn werden mit der Ausgangssituation harte Fakten geschaffen: Um Haaresbreite entkommen die deutsche Kanzlerin und der russische Präsident einen Bombenanschlag. Die Ermittler arbeiten unter Hochdruck, nur allzu schnell erkalten die wenigen Spuren wieder. An diesen Vorgaben orientiert sich nun auch der Erzählstil. In knappen, elliptischen Sätze, vielfach ohne Prädikat werden dem Leser die Fakten vorgesetzt, nein, geradezu ins Gesicht geworfen, sodaß kein Zweifel besteht, daß er sich mitten in einer hochkarätigen Spionageaffäre befindet, deren Verstrickungen in höchste politische Kreise noch nicht einmal ansatzweise abzuschätzen sind. Wahrnehmungen werden aneinandergereiht, viele Informationen auf engen Raum gepackt, das Innenleben der Figuren vorerst ausgespart. Dadurch gewinnen die wenigen gesprochenen Sätze an Bedeutung, die Geschichte selbst an Härte, Authentizität. Ebenso kurz sind die einzelnen Kapitel gehalten, die Zeit ist knapp bemessen, Atem geholt wird später.

    Erst, nachdem der erste Staub sich gelegt hat, erlaubt der Autor mit grammatikalisch vollständigen Sätzen und häufigeren Dialogen seinen Lesern, ihre Lungen wieder ausgiebig zu befüllen. Nun tritt auch Eugen de Bodt, Protagonist des Romans, in den Vordergrund. De Bodt entspricht dem humanistischen Bildungsideal, ist mit antiken Philosophen wie Plato und Seneca ebenso vertraut wie mit Kant und Schopenhauer. Er beobachtet still, sammelt Eindrücke, um sie in seinem Gedächtnis abzulegen, bis sie sich dort zu einem Bild konstituieren. Durch seine Kopflastigkeit wirkt er auf seine Umwelt kauzig, ein Eindruck, der auch durch seine schon unbewußt angewendete Strategie verstärkt wird, durch vermeintliche Passivität sein Gegenüber zu Reaktionen zu provozieren.

    Beispielsweise findet de Bodt einen Lösungsansatz bei Hegel:

    "Die Angst läuft vorweg, sie entdeckt die Folge, ehe denn sie kommt, so, wie man es an sich selber spüren kann, dass ein Wetter im Anzuge ist." (S. 189)

    De Bodt gegenüber ist ein russischer Verbindungsagent namens Merkow positioniert, der als ein Vertrauter seines Präsidenten über alle Ermittlungsschritte informiert ist. Unscheinbar in seinem Äußeren, undeutbar in seinem Auftreten, bewegt er sich außerhalb eines Wertekanons. Nicht gut und böse bilden die Bezugspunkte seines Handelns, sondern Pragmatik und Effizienz, wodurch er gerade für die deutschen Beamten dauerhaft ein Rätsel darstellt. Nicht Freundschaft ist es, das die beiden Männer letztlich verbindet, auch nicht berufliche Kollegialität, vielmehr so etwas wie gegenseitiger Respekt, die wechselseitige Erkenntnis, zu den wenigen zu gehören, die hinter die Fassade des jeweils anderen blicken können. Für den Moment verlaufen ihre Absichten durch ein gemeinsames Ziel parallel, doch beide wissen um die Konsequenzen, sollte dieser Umstand sich ändern.

    Eingangs wird Merkow folgendermaßen charakterisiert:

    "Er wusste, dass die Welt nicht geteilt war in Gute und Böse. Es gab alles auf allen Seiten. Die Welt war grau. (...) Manchmal verbarg sich das Gute hinter der Maske des Bösen. Merkow kannte die Wechselfälle der Geschichte. Mord ist nicht gleich Mord. Krieg ist nicht gleich Krieg." (S. 38)

    Das distinktive Merkmal in von Ditfurths Handlung ist, daß - unüblich für einen terroristischen Anschlag - kein Bekenntnis zu diesem, keine Forderungen der Terroristen, kein Ultimatum veröffentlicht wird. De Bodt und sein Team sind darauf angewiesen, aus den wenigen Fakten Schlüsse zu ziehen, Hypothesen zu erstellen, wieder zu verwerfen, weitere Aktionen abzuwarten, um die Annahmen zu verifizieren. Die Suche nach den Attentätern und deren Motiven gerät dadurch zu einem mehrdimensionalen Schachspiel, bei dem das Ziel darin besteht, den Gegner zu zermürben und möglichst wenig von sich selbst preiszugeben. Diese Abfolge von Aktion und Reaktion inszeniert der Autor vor dem Hintergrund behördlicher Rivalitäten um Kompetenzen. Sukzessive werden selbst Nebenfiguren scharf ausgearbeitet und mit individuellen Charakterzügen und Absichten ausgestattet, die in der gegenseitigen Konkurrenz die Geheim- und Polizeidienste zu schwerfälligen Apparaten degradieren.

    Dessen gewahr, wagt de Bodt den Ausbruch aus den starren Strukturen, um in Hochleistungsgehirnarbeit den Tätern über ihre Hintergründe auf die Schliche zu kommen. Damit bringt er einerseits die systemhörigeren Kollegen gegen sich auf und verbraucht andererseits nachdenkenderweise mindestens ebenso viel an Energie wie agilere Ermittler in halsbrecherischen Verfolgungsjagden. Nichtsdestotrotz beherrscht der Autor auch die Schilderung dynamischerer Handlungsabläufe, wobei das Hauptaugenmerk der Verhältnismäßigkeit gilt. Die einzelnen (noch folgenden) Attentate der Gegner werden nicht in allen Details ihrer Durchführung, wohl aber in ihren grausigen Folgen geschildert. Gewalt und Action sind für den Autor die letzte Stufe der Eskalation und werden entsprechend vorsichtig dosiert.

    Die beiden Spitzenpolitiker, denen zunächst die volle Aufmerksamkeit gilt, werden übrigens niemals mit Namen genannt, sondern stets nur als die "deutsche Kanzlerin" und der "russische Präsident" referenziert. Obwohl aufgrund der präzisen Charakteristika der beiden kein Zweifel an ihrer Identität besteht, vermag sich der Autor durch diesen Kunstgriff notfalls auf die Fiktion zurückzuziehen. Bemerkenswert ist auch, wie er Leser und Figuren zum Spiel mit Vorurteilen geradezu herausfordert. Wer wird im aktuellen politischen Kontext wohl spontan als Drahtzieher eines Bomenanschlags verdächtigt?

    Persönliches Fazit

    Der Historiker und erfahrene Autor von Ditfurth präsentiert einen hochintelligenten Krimi mit präzise dosierten Variationen im Tempo, authentischen Wendungen und einem exzentrischen, kopflastigen Hauptkommissar. Obwohl die Handlung über weite Strecken nur darin besteht, den Gegner Zug um Zug aus dem Konzept zu bringen, bleibt die Spannung dauerhaft erhalten und kulminiert stilgerecht in einer schwer vorherzusehenden Auflösung.

    © Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


    Zwei Sekunden | Christian von Ditfurth | carl's books
    2016, Klappbroschur, 464 Seiten, ISBN: 978-3-570-58567-2
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    [wolfgang]

    Rezension: Shark | Will Self

    Freitag, 4. November 2016 0 Kommentare



    Mai 1970: In der experimentellen psychiatrischen Kommune des Psychiaters Zack Busner in London treffen Menschen und Traumata aus dem Pazifikkrieg aufeinander: ein Überlebender des von den Japanern torpedierten Kriegsschiffes USS Indianapolis, das kurz zuvor die für Hiroshima bestimmte Atombombe transportiert hat, und ein britischer Beobachter, der an Bord des Bombers den Abwurf miterlebt hat. Gemeinsam mit Zack Busner begeben sich die Patienten auf einen LSD-Trip, in dem die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit endgültig zerfließen. Der Blutrausch der Haie, die beinahe die gesamte Schiffsmannschaft der USS Indianapolis verschlingen, und der Blick auf die grauenhafte Schönheit des Atompilzes über Hiroshima aus dem Bomber - in beiden Ereignissen kristallisiert sich eine neue Dimension des Krieges, die die Überlebenden in das treibt, was die Gesellschaft als Wahn tituliert. Zack Busner hat den Verdacht, dass nur seine Patienten den Irrsinn einer Welt, in der Massenvernichtung technologisch perfektioniert ist, durchschauen … [© Text und Cover: Hoffmann und Campe Verlag]

    [trennlinie]

    Eine Kommune als Therapieform klingt doch eigentlich sehr gut: die Patienten haben die Chance, statt gefängnisartig in einer Nervenheilanstalt mit Medikamenten ruhig gestellt zu werden, sich unter ärztlicher Aufsicht in einer sozialen Gemeinschaft in einem normalen Umfeld zu bewegen. Zu dem Zeitpunkt, als wir als Leser zu der Gruppe stoßen, ist den beiden Verantwortlichen Zack und Roger aber schon klar, dass das Projekt gescheitert ist. Das liegt sicherlich hauptsächlich daran, dass sie die Medikamente und Drogen, an die sie als Ärzte ran kommen, nicht nur an die Bedürftigen ausgeben, sondern vor allem auch selbst konsumieren. Wie sollen sie so den teils schwer traumatisierten Mitbewohnern helfen? Sie kommen offensichtlich mit ihren eigenen Problemen schon nicht zurecht.

    Durch Zeitsprünge tauchen wir ein in die Erinnerungen der Protagonisten und erfahren dadurch hautnah und subjektiv die Ursachen ihrer psychischen Probleme. Da ist beispielsweise Jeanie, der ihre Eltern keinen Halt geben und ihren Absturz in Prostitution und Heroinsucht fast noch fördern. Oder Claude, der im Zweiten Weltkrieg beim Untergang der USS Indianapolis dabei war und miterleben musste, wie viele andere elendig krepierten. Mit lockerem Faden verbindet der Autor die Schicksale der Beteiligten.

    Es gibt Bücher, die unterhalten und sich flott weg lesen lassen. Es gibt aber auch welche, die eine Herausforderung sind. Für mich gehört „Shark" in die zweite Kategorie, da musste ich mich erst mal rein finden. Will Self hält sich hier nicht an Konventionen. So gibt es zum Beispiel keine Kapitel oder Absätze. Der Text fließt von vorne bis hinten komplett am Stück durch. Zeitsprünge oder Wechsel der Personen werden nicht datiert, sie passieren einfach. Das verlangt meine volle Aufmerksamkeit, sonst gehe ich ganz schnell im Text verloren. Und er verbindet die Erzählform der 3. Person mit den Gedanken der Protagonisten innerhalb der Sätze. 

    „Michael muss wieder an die Nachtwache in der Winchester Cathedral denken – die stechende Kälte der Bodenplatten … die meine Organe anfressen … Beiß mir ins Herz, du Gott der Dreifaltigkeit! Verzehre mich! Das wär's gewesen – aber nichts dergleichen war geschehen … weil ich nicht schmackhaft genug bin, nicht einmal für IHN." (S. 366)

    Will Self spielt mit der Grenze zwischen literarischem Genie und Geschwafel. Mal driftet eine Abhandlung unter dem Einfluss von LSD in psychedelische Sphären, dann schreibt er wieder mit großer Präzision geradezu poetisch. Das war zweifellos auch eine besondere Aufgabe für den Übersetzer Gregor Hens, die er bemerkenswert gemeistert hat.

    Persönliches Fazit

    Will Self erhebt den Roman zur Kunstform. Er löst die konventionellen Erzählstrukturen auf, fordert mich heraus und erweitert meinen Horizont. Ein Trip der besonderen Art. Wer sich gern mit ungewöhnlichen Texten beschäftigt, ist hier genau richtig.

    © Rezension: 2016, Marcus Kufner 


    Shark | Will Self | Hoffmann und Campe Verlag
    Aus dem Englischen von Gregor Hens
    2016, gebunden, 512 Seiten, ISBN: 9783455405453
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    [marcus]

    LOVELYBOOKS LESERPREIS 2016: Nominiere jetzt deine Lieblingsbücher des Jahres!

    Mittwoch, 2. November 2016 1 Kommentar

    © Kaboompics.com: http://kaboompics.com



    Die besten Bücher 2016. Von Lesern nominiert, von Lesern prämiert!

    Die Nominierungsphase des 8. DER LESERPREIS hat begonnen. Ab sofort bis zum 10. November 2016 könnt IHR unter https://www.lovelybooks.de/leserpreis EURE Buch-Favoriten des Jahres 2016 nominieren. Sei dabei und entscheide mit, wer in den unten genannten Kategorien den diesjährigen Lovelybooks Leserpreis gewinnen soll.


    Warum der LOVELYBOOKS Leserpreis vergeben wird:

    Auf den Bestsellerlisten stehen Bücher, die sich gut verkaufen. Kritikerpreise gewinnen Bücher, die eine Fachjury überzeugend findet. Beim Leserpreis jedoch bestimmen allein die Leser, welche Bücher ihnen dieses Jahr besonders gut gefallen haben.
    Der Preis ist ein Dankeschön der Leser an die Autoren, die mit ihren Geschichten und Texten unser Leben bereichern. Bücherfans bietet "Der Leserpreis" eine Orientierung, eine Empfehlung von Lesern für Leser, die klar sagt, welche Bücher im Jahr 2016 wirklich lesenswert sind.
    In diesem Jahr wird der Leserpreis bereits zum achten Mal vergeben. Die Resonanz in den vergangenen Jahren war riesig und macht den Leserpreis zum größten von Lesern vergebenen Buchpreis im deutschsprachigen Raum.

    Wie läuft DER LESERPREIS 2016 genau ab? 

    31. Oktober - 10. November 2016: Nominierungsrunde

    In der Nominierungsrunde kannst du in den einzelnen Kategorien bis zu drei Bücher nominieren, bei denen du der Meinung bist, dass sie den Leserpreis verdient haben. Die Bücher müssen zwischen November 2015 und Oktober 2016 erstmalig auf Deutsch erschienen sein.

    14. November - 22. November 2016: Abstimmungsrunde

    In der Abstimmungsrunde werden in jeder Kategorie die 35 Bücher mit den meisten Nominierungen angezeigt, unter denen du deine finalen Stimmen für den Leserpreis verteilen kannst. Du kannst in jeder Kategorie drei Stimmen abgeben.

    24. November 2016: Bekanntgabe der Preisträger

    Am 24. November werden die Gewinner aller Kategorien in Gold, Silber und Bronze bekannt gegeben. Die Bücher, die während der Abstimmung die meisten Stimmen erhalten, gewinnen.

    Wie kann ich Bücher nominieren? Wie kann ich abstimmen?

    Beim Leserpreis wird zwischen zwei Runden unterschieden:

    Nominierungsrunde

    In der Nominierungsrunde kannst du in den einzelnen Kategorien bis zu drei Bücher nominieren, bei denen du der Meinung bist, dass sie den Leserpreis verdient haben. Die Bücher müssen zwischen November 2015 und Oktober 2016 erstmalig auf Deutsch erschienen sein. Jeder Titel kann nur in einer der Hauptkategorien nominiert werden sowie zusätzlich in mehreren Sonderkategorien. Sollte eine deiner Nominierungen besser in eine andere der Hauptkategorien passen, behalten wir uns vor diese zu verschieben.
    JEDE NOMINIERUNG ZÄHLT! Bitte nominiere deine Lieblingsbücher auch, wenn sie schon in der Liste aller Nominierungen vertreten sind, da wir am Ende alle Einreichungen pro Buch zusammenzählen! Falls du deine Nominierungen noch einmal ändern möchtest, lösche dazu die Nominierungen für die Bücher, die du nicht mehr wählen möchtest und reiche dafür neue ein.

    Abstimmungsrunde

    In der Abstimmungsrunde werden in jeder Kategorie die 35 Bücher mit den meisten Nominierungen angezeigt, denen du deine finale Stimme für den Leserpreis geben kannst. Pro Kategorie kommen 35 Bücher auf die Shortlist. Am Montag, den 14. November, startet die Abstimmung. Alle Leser können bis zum 22. November darüber abstimmen, welche Bücher den Leserpreis 2016 erhalten. Dabei hast du erneut in jeder Kategorie 3 Stimmen für unterschiedliche Bücher.

    Wie viele Nominierungen kann ich einreichen? / Wie viele Stimmen habe ich in der Abstimmungsrunde?


    Pro Kategorie kannst du bis zu drei Bücher nominieren. In der Abstimmungsrunde kannst du ebenso 3 Stimmen pro Kategorie vergeben.

    Muss ich bei LovelyBooks registriert sein, um Bücher zu nominieren / für Bücher abzustimmen?


    Ja, um bei DER LESERPREIS 2016 mitbestimmen zu können, musst du bei LovelyBooks.de registriert sein. Nur so können wir sicherstellen, dass jeder nicht mehr als die offiziellen drei Stimmen pro Kategorie abgibt.

    Wann werden die Preisträger bekannt gegeben?


    Am 24. November werden die Gewinner aller Kategorien in Gold, Silber und Bronze bekannt gegeben. Die Bücher, die während der Abstimmung die meisten Stimmen erhalten, gewinnen.


     [alexandra]

    Rezension: Nicht mehr | Evelina Jecker Lambreva

    Dienstag, 1. November 2016 0 Kommentare



    Gertrud steigt in eine Mülltonne, um sich entsorgen zu lassen. Zurückgezogen in ihr groteskes Grab wartet sie auf den Tod, um endlich loszuwerden, was ihr unerträglich geworden ist: sich selbst. Doch inmitten des Gestanks urbaner Abfälle und ihres verlorenen Selbstwertgefühls fällt ihr plötzlich das Leben zu. Was macht unser Dasein aus und wie viel ist es uns tatsächlich wert? Der Zynismus des unbarmherzigen Lebens scheint grenzenlos.

    Das Schicksal hat die gegensätzlichen Akteure dieses Romans – die lebensverdrossene Gertrud, ein ungeliebtes Baby, einen Banker, der in einer Extremsituation zu seiner wahren Identität findet, und ein ehemaliges Liebespaar – eng miteinander verknüpft. [© Text und Cover: braumüller Verlag]

    [trennlinie]

    Eigentlich ist es doch nur konsequent von Gertrud. Sie fühlt sich wie Müll, unnütz und überflüssig, also wirft sie sich weg. So ungewöhnlich und grotesk der Roman beginnt, setzt er sich aber nicht fort. Wir lernen eine Reihe verschiedener Personen kennen, die ebenso unterschiedliche Probleme mit sich herumschleppen. Da ist eben diese Gertrud, die alleine lebt und in ihrem fortgeschrittenen Alter keinen Platz mehr in der modernen Gesellschaft findet.

    „Einzig ihr Gehirn arbeitete unentwegt, scheinbar bemüht, das qualvolle Gedankenkarussell am Drehen zu halten. Was war der Sinn dieses leeren Daseins? Wie sollte es weitergehen? Der Sinn … der Sinn …? WAS WAR DER SINN?" (S. 110)

    Es gibt einen Banker, der für seinen Job lebt, viele Überstunden macht und sich selbst enorm unter Druck setzt. Bis es nicht mehr weitergeht und sein Körper ihn ausbremst. Wir haben eine Mutter, die Angst hat, ihre Rolle nicht auszufüllen, sie will einfach alles perfekt machen für ihr Kind, was nun mal nicht möglich ist. Solche Fälle aus dem echten Leben beschreibt die Autorin in diesem Roman aus ihrer Praxiserfahrung als Psychiaterin und Psychotherapeutin und erzeugt damit einen Spiegel der heutigen Gesellschaft. Irgendwo findet man sich als Leser auch selbst mit dem einen oder anderen Problem der Protagonisten konfrontiert. Mir gefällt das Realistische daran sehr gut. Wie gehen die Beteiligten damit um? Gibt es sinnvolle Lösungsansätze? Ein weites und interessantes Feld.

    Es wird aber noch ein anderes Thema diskutiert: dabei geht es um Organspende. Sollte das weiterhin freiwillig sein oder sollte es gesetzlich vorgegeben werden, dass jeder Spender ist, solange er nicht widerspricht? Hierzu werden einige gegenläufige Ansichten ausgetauscht. Auch wenn das ein wichtiges Thema ist, mir kam es in diesem Roman doch eher fehl am Platz vor. Es bildet sich ein zweiter Faden durch die Geschichte, der mit dem ersten nicht korrespondiert.

    Passend zur Sachlichkeit des Romans ist der Schreibstil. Es gibt kein blumiges Geschwafel oder ausufernde Emotionen. Evelina Jecker Lambreva beschreibt die Dinge wie sie sind. Das macht den Text sehr glaubwürdig und die Ängste und Hoffnungen der Figuren nachvollziehbar.

    Persönliches Fazit

    Burnout, Depression, Phobien, Leistungsdruck – in „Nicht mehr" kommt eine große Bandbreite psychischer Probleme zum Tragen, die in unserer Gesellschaft immer relevanter werden. Damit spiegelt die Autorin basierend auf ihren Erfahrungen realitätsnah die Schwierigkeiten, die sich hinter idyllischen Fassaden verbergen. Auch wenn für mich das Thema Organspende hier nicht dazu passt, gibt mir der Roman einige Denkanstöße.

    © Rezension: 2016, Marcus Kufner


    Nicht mehr | Evelina Jecker Lambreva | braumüller Verlag
    2016, gebunden, 280 Seiten, ISBN: 9783992001668
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    [marcus]