Rezension: Das fünfte Opfer | Bettina Wagner

Sonntag, 27. November 2016 0 Kommentare


Marlies Mittermann ist Kommissarin bei der Wiener Kriminalpolizei. Sie liebt ihren Beruf sehr und setzt ihren ganzen Ehrgeiz daran, die ihr anvertrauten Fälle zu lösen - sehr zum Leidwesen ihrs Mannes Helmut, der ebenfalls bei der Kripo arbeitet und mit der Konkurrenz im eigenen Haus nicht fertig wird. Marlies entschließt sich, die Scheidung einzureichen.

Als eine Serie von Frauenmorden Wien in Atem hält, betreut zunächst Helmut diese Fälle. Da er bei seinen Ermittlungen nicht weiterkommt, wird ihm der Fall entzogen und Marlies übergeben. Diese hat es nun nicht mehr nur mit einem rätselhaften Frauenmörder zu tun, sondern auch mit einem Ehemann, der all ihre Bemühungen sabotiert. [Text & Cover: Digital Publishers]

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Marlies Mittermann ist 34 Jahre alt, großgewachsen, attraktiv und verheiratet. Sie stammt aus gutem Hause - ihr Vater bekleidet einen lukrativen Posten im Innenministerium - und hat zwei Universitätsabschlüsse in Kunstgeschichte und Germanistik. Sie ist willensstark bis hin zur Sturheit, zeigt Anzeichen von Perfektionismus und erlaubt sich eine Schwäche nur in Ausnahmefällen. Sie kann nicht kochen und hadert mit der überstarken Vaterfigur. Außerdem arbeitet sie bei der Kriminalpolizei in Wien ... alles zusammen also eine ideale, vorbildtaugliche Romanfigur.
Wären da nicht die Rivalitäten innerhalb ihrer Dienststelle. Von ihren Kollegen wird sie für arrogant gehalten, hinter ihrer Position wird väterliche Protektion vermutet. Ihr Gatte, mit dem sie in Scheidung lebt, arbeitet ebenfalls in ihrem Team, ist ihr jedoch rangmäßig untergeordnet. Diese Konstellation führt dazu, daß sie sich selbst permanent unter Druck setzt, in jeder Situation ihren hohen Ansprüchen an sich selbst gerecht zu werden.

"Sie wollte beweisen, dass sie eine gute Polizistin war. Dass sie eine ebenso gute Polizistin war wie die Männer. Dass sie eine bessere Polizistin war als die Männer." (Kapitel 1)

Die Autorin konfrontiert die Leser also mit dem auf dem Krimimarkt gewiß nicht unbekannten Stereotyp der ehrgeizigen Kriminalbeamtin, die sich in einer testosterondurchsetzten Branche behaupten muß. Zu dessen prominenteste Vertreterinnen zählen etwa Jane Rizzoli von Tess Gerritsen, Clara Vidals von Veit Etzold oder Kate Beckett aus der TV-Serie "Castle". Überspitzt ausgedrückt, ist es derzeit eine Herausforderung, auf dem Markt für eBooks unter den Krimiautoren einen zu finden, der nicht mit diesem Klischee kokettiert. Variationen dieses Bildes sind wahrlich keine Seltenheit, und auch, wenn Bettina Wagner ihre Leser an einem in der Dienstzeit ausgetragenen Rosenkrieg teilhaben läßt, nutzt sie doch die Gelegenheit nicht, angenehm zu überraschen.

Der Roman selbst wirkt wie auf die Hauptfigur zugeschnitten. Die Differenzen mit ihrem Ehemann stellen einen Roten Faden dar, mindestens ebenso deutlich erkennbar wie die aufzuklärenden Mordfälle. Diese Serie an Gewalttaten weist schließlich eine so starke persönliche Verbindung auf, wie sie in einer Romanserie erst nach der Etablierung der Hauptfigur über mehere Teile üblich ist.

Ebenso wie in der Wahl des Hauptmotivs scheint die Autorin auch stilistisch vorerst auf Bewährtes zu setzen. Die Sprache ist stark deskriptiv, auf das Visuelle fokussiert, läßt kaum Spielraum für Interpretationen. Indizien, die den Verdacht des Lesers in eine bestimmte Richtung lenken sollen und so zum Spannungsaufbau eingesetzt werden, finden sich nicht, jene Hinweise, die auf den Täter deuten, sind wenig subtil plaziert, sodaß die Auflösung lange vorhersehbar ist. Die Präsenz der Hauptfigur dominiert den Roman so stark, daß deren dauerhafte Frustration wesentlich die emotionale Färbung des Romans bestimmt. Andere Personen wirken mangels charakterlicher Tiefe eher wie allegorische Figuren. Neben dem vor Rivalität zerfressenen Ehemann finden sich beispielsweise eine esoterisch angehauchte Künstlerin ohne Bodenhaftung, Angehörige des österreichischen Amtsadels, für die allein Titel und Etikette zählen oder zwei mit Hüten und dunklen Mänteln bekleidete Agenten der Staatspolizei, die wortkarg und sehr bestimmt ihre Arbeit verrichten. Insgesamt erweckt die Ausarbeitung des Romans also den Eindruck, als sei die Autorin noch auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Stil.

Obwohl die Geschichte in Wien spielt, wirkt auch die regionale Prägung noch ausbaufähig. Außer Straßennamen finden sich weder Manifestationen ortstypischer Mentalität, noch das charakteristische lokale Idiom. Nach anfänglichen einzeln eingestreuten Ausdrücken, scheint der Mut der Autorin diesbezüglich rasch zu schwinden. Das Glossar am Ende des Buches, das üblicherweise zur Erklärung derartiger Termini dient, enthält demzufolge gerade zwei Einträge ...

Persönliches Fazit

"Das fünfte Opfer" ist ein garantiert überraschungsfreier, auf die Hauptfigur maßgeschneiderter Krimi, zaghaft in der Ausarbeitung, geeignet als Gutenachtlektüre.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Das fünfte Opfer | Bettina Wagner | Digital Publishers
2016, e-Book, ca. 165 Seiten, ISBN: 9783960870586
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