Rezension: Nicht mehr | Evelina Jecker Lambreva

Dienstag, 1. November 2016 0 Kommentare



Gertrud steigt in eine Mülltonne, um sich entsorgen zu lassen. Zurückgezogen in ihr groteskes Grab wartet sie auf den Tod, um endlich loszuwerden, was ihr unerträglich geworden ist: sich selbst. Doch inmitten des Gestanks urbaner Abfälle und ihres verlorenen Selbstwertgefühls fällt ihr plötzlich das Leben zu. Was macht unser Dasein aus und wie viel ist es uns tatsächlich wert? Der Zynismus des unbarmherzigen Lebens scheint grenzenlos.

Das Schicksal hat die gegensätzlichen Akteure dieses Romans – die lebensverdrossene Gertrud, ein ungeliebtes Baby, einen Banker, der in einer Extremsituation zu seiner wahren Identität findet, und ein ehemaliges Liebespaar – eng miteinander verknüpft. [© Text und Cover: braumüller Verlag]

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Eigentlich ist es doch nur konsequent von Gertrud. Sie fühlt sich wie Müll, unnütz und überflüssig, also wirft sie sich weg. So ungewöhnlich und grotesk der Roman beginnt, setzt er sich aber nicht fort. Wir lernen eine Reihe verschiedener Personen kennen, die ebenso unterschiedliche Probleme mit sich herumschleppen. Da ist eben diese Gertrud, die alleine lebt und in ihrem fortgeschrittenen Alter keinen Platz mehr in der modernen Gesellschaft findet.

„Einzig ihr Gehirn arbeitete unentwegt, scheinbar bemüht, das qualvolle Gedankenkarussell am Drehen zu halten. Was war der Sinn dieses leeren Daseins? Wie sollte es weitergehen? Der Sinn … der Sinn …? WAS WAR DER SINN?" (S. 110)

Es gibt einen Banker, der für seinen Job lebt, viele Überstunden macht und sich selbst enorm unter Druck setzt. Bis es nicht mehr weitergeht und sein Körper ihn ausbremst. Wir haben eine Mutter, die Angst hat, ihre Rolle nicht auszufüllen, sie will einfach alles perfekt machen für ihr Kind, was nun mal nicht möglich ist. Solche Fälle aus dem echten Leben beschreibt die Autorin in diesem Roman aus ihrer Praxiserfahrung als Psychiaterin und Psychotherapeutin und erzeugt damit einen Spiegel der heutigen Gesellschaft. Irgendwo findet man sich als Leser auch selbst mit dem einen oder anderen Problem der Protagonisten konfrontiert. Mir gefällt das Realistische daran sehr gut. Wie gehen die Beteiligten damit um? Gibt es sinnvolle Lösungsansätze? Ein weites und interessantes Feld.

Es wird aber noch ein anderes Thema diskutiert: dabei geht es um Organspende. Sollte das weiterhin freiwillig sein oder sollte es gesetzlich vorgegeben werden, dass jeder Spender ist, solange er nicht widerspricht? Hierzu werden einige gegenläufige Ansichten ausgetauscht. Auch wenn das ein wichtiges Thema ist, mir kam es in diesem Roman doch eher fehl am Platz vor. Es bildet sich ein zweiter Faden durch die Geschichte, der mit dem ersten nicht korrespondiert.

Passend zur Sachlichkeit des Romans ist der Schreibstil. Es gibt kein blumiges Geschwafel oder ausufernde Emotionen. Evelina Jecker Lambreva beschreibt die Dinge wie sie sind. Das macht den Text sehr glaubwürdig und die Ängste und Hoffnungen der Figuren nachvollziehbar.

Persönliches Fazit

Burnout, Depression, Phobien, Leistungsdruck – in „Nicht mehr" kommt eine große Bandbreite psychischer Probleme zum Tragen, die in unserer Gesellschaft immer relevanter werden. Damit spiegelt die Autorin basierend auf ihren Erfahrungen realitätsnah die Schwierigkeiten, die sich hinter idyllischen Fassaden verbergen. Auch wenn für mich das Thema Organspende hier nicht dazu passt, gibt mir der Roman einige Denkanstöße.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Nicht mehr | Evelina Jecker Lambreva | braumüller Verlag
2016, gebunden, 280 Seiten, ISBN: 9783992001668
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[marcus]

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