Rezension: Zwei Sekunden | Christian von Ditfurth

Montag, 7. November 2016 0 Kommentare

Kommissar de Bodts zweiter Fall


Terroranschlag beim Staatsbesuch in Berlin. Nur um zwei Sekunden verpasst die Bombe die deutsche Bundeskanzlerin und den russischen Präsidenten. Die Russen behaupten, dass tschetschenische Terroristen hinter dem Anschlag stecken - doch eine Bekennerbotschaft gibt es nicht. Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Berliner Polizei tappen im Dunkeln. Öffentlichkeit und Politik fordern Ergebnisse. Der Druck wächst. Widerwillig akzeptiert das BKA, dass Hauptkommissar Eugen de Bodt eigene Ermittlungen anstellt. Vor allem in höheren Polizeikreisen ist de Bodt unbeliebt bis verhasst. Doch will sich niemand nachsagen lassen, nicht alles unternommen zu haben. De Bodt und seine Mitarbeiter suchen verzweifelt eine Spur zu den Tätern. Aber erst, als er alle Gewissheiten in Frage stellt, bekommt de Bodt eine Idee, wer die Drahtzieher sein könnten. Doch um sie zu entlarven, muss er mehr einsetzen, als ihm lieb ist: das eigene Leben. [Text & Cover: © carl's books]

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Der Autor verliert keine Zeit, bereits zu Beginn werden mit der Ausgangssituation harte Fakten geschaffen: Um Haaresbreite entkommen die deutsche Kanzlerin und der russische Präsident einen Bombenanschlag. Die Ermittler arbeiten unter Hochdruck, nur allzu schnell erkalten die wenigen Spuren wieder. An diesen Vorgaben orientiert sich nun auch der Erzählstil. In knappen, elliptischen Sätze, vielfach ohne Prädikat werden dem Leser die Fakten vorgesetzt, nein, geradezu ins Gesicht geworfen, sodaß kein Zweifel besteht, daß er sich mitten in einer hochkarätigen Spionageaffäre befindet, deren Verstrickungen in höchste politische Kreise noch nicht einmal ansatzweise abzuschätzen sind. Wahrnehmungen werden aneinandergereiht, viele Informationen auf engen Raum gepackt, das Innenleben der Figuren vorerst ausgespart. Dadurch gewinnen die wenigen gesprochenen Sätze an Bedeutung, die Geschichte selbst an Härte, Authentizität. Ebenso kurz sind die einzelnen Kapitel gehalten, die Zeit ist knapp bemessen, Atem geholt wird später.

Erst, nachdem der erste Staub sich gelegt hat, erlaubt der Autor mit grammatikalisch vollständigen Sätzen und häufigeren Dialogen seinen Lesern, ihre Lungen wieder ausgiebig zu befüllen. Nun tritt auch Eugen de Bodt, Protagonist des Romans, in den Vordergrund. De Bodt entspricht dem humanistischen Bildungsideal, ist mit antiken Philosophen wie Plato und Seneca ebenso vertraut wie mit Kant und Schopenhauer. Er beobachtet still, sammelt Eindrücke, um sie in seinem Gedächtnis abzulegen, bis sie sich dort zu einem Bild konstituieren. Durch seine Kopflastigkeit wirkt er auf seine Umwelt kauzig, ein Eindruck, der auch durch seine schon unbewußt angewendete Strategie verstärkt wird, durch vermeintliche Passivität sein Gegenüber zu Reaktionen zu provozieren.

Beispielsweise findet de Bodt einen Lösungsansatz bei Hegel:

"Die Angst läuft vorweg, sie entdeckt die Folge, ehe denn sie kommt, so, wie man es an sich selber spüren kann, dass ein Wetter im Anzuge ist." (S. 189)

De Bodt gegenüber ist ein russischer Verbindungsagent namens Merkow positioniert, der als ein Vertrauter seines Präsidenten über alle Ermittlungsschritte informiert ist. Unscheinbar in seinem Äußeren, undeutbar in seinem Auftreten, bewegt er sich außerhalb eines Wertekanons. Nicht gut und böse bilden die Bezugspunkte seines Handelns, sondern Pragmatik und Effizienz, wodurch er gerade für die deutschen Beamten dauerhaft ein Rätsel darstellt. Nicht Freundschaft ist es, das die beiden Männer letztlich verbindet, auch nicht berufliche Kollegialität, vielmehr so etwas wie gegenseitiger Respekt, die wechselseitige Erkenntnis, zu den wenigen zu gehören, die hinter die Fassade des jeweils anderen blicken können. Für den Moment verlaufen ihre Absichten durch ein gemeinsames Ziel parallel, doch beide wissen um die Konsequenzen, sollte dieser Umstand sich ändern.

Eingangs wird Merkow folgendermaßen charakterisiert:

"Er wusste, dass die Welt nicht geteilt war in Gute und Böse. Es gab alles auf allen Seiten. Die Welt war grau. (...) Manchmal verbarg sich das Gute hinter der Maske des Bösen. Merkow kannte die Wechselfälle der Geschichte. Mord ist nicht gleich Mord. Krieg ist nicht gleich Krieg." (S. 38)

Das distinktive Merkmal in von Ditfurths Handlung ist, daß - unüblich für einen terroristischen Anschlag - kein Bekenntnis zu diesem, keine Forderungen der Terroristen, kein Ultimatum veröffentlicht wird. De Bodt und sein Team sind darauf angewiesen, aus den wenigen Fakten Schlüsse zu ziehen, Hypothesen zu erstellen, wieder zu verwerfen, weitere Aktionen abzuwarten, um die Annahmen zu verifizieren. Die Suche nach den Attentätern und deren Motiven gerät dadurch zu einem mehrdimensionalen Schachspiel, bei dem das Ziel darin besteht, den Gegner zu zermürben und möglichst wenig von sich selbst preiszugeben. Diese Abfolge von Aktion und Reaktion inszeniert der Autor vor dem Hintergrund behördlicher Rivalitäten um Kompetenzen. Sukzessive werden selbst Nebenfiguren scharf ausgearbeitet und mit individuellen Charakterzügen und Absichten ausgestattet, die in der gegenseitigen Konkurrenz die Geheim- und Polizeidienste zu schwerfälligen Apparaten degradieren.

Dessen gewahr, wagt de Bodt den Ausbruch aus den starren Strukturen, um in Hochleistungsgehirnarbeit den Tätern über ihre Hintergründe auf die Schliche zu kommen. Damit bringt er einerseits die systemhörigeren Kollegen gegen sich auf und verbraucht andererseits nachdenkenderweise mindestens ebenso viel an Energie wie agilere Ermittler in halsbrecherischen Verfolgungsjagden. Nichtsdestotrotz beherrscht der Autor auch die Schilderung dynamischerer Handlungsabläufe, wobei das Hauptaugenmerk der Verhältnismäßigkeit gilt. Die einzelnen (noch folgenden) Attentate der Gegner werden nicht in allen Details ihrer Durchführung, wohl aber in ihren grausigen Folgen geschildert. Gewalt und Action sind für den Autor die letzte Stufe der Eskalation und werden entsprechend vorsichtig dosiert.

Die beiden Spitzenpolitiker, denen zunächst die volle Aufmerksamkeit gilt, werden übrigens niemals mit Namen genannt, sondern stets nur als die "deutsche Kanzlerin" und der "russische Präsident" referenziert. Obwohl aufgrund der präzisen Charakteristika der beiden kein Zweifel an ihrer Identität besteht, vermag sich der Autor durch diesen Kunstgriff notfalls auf die Fiktion zurückzuziehen. Bemerkenswert ist auch, wie er Leser und Figuren zum Spiel mit Vorurteilen geradezu herausfordert. Wer wird im aktuellen politischen Kontext wohl spontan als Drahtzieher eines Bomenanschlags verdächtigt?

Persönliches Fazit

Der Historiker und erfahrene Autor von Ditfurth präsentiert einen hochintelligenten Krimi mit präzise dosierten Variationen im Tempo, authentischen Wendungen und einem exzentrischen, kopflastigen Hauptkommissar. Obwohl die Handlung über weite Strecken nur darin besteht, den Gegner Zug um Zug aus dem Konzept zu bringen, bleibt die Spannung dauerhaft erhalten und kulminiert stilgerecht in einer schwer vorherzusehenden Auflösung.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Zwei Sekunden | Christian von Ditfurth | carl's books
2016, Klappbroschur, 464 Seiten, ISBN: 978-3-570-58567-2
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