Aufgelesen 27: Aus. Bildung.

Dienstag, 3. Januar 2017 0 Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

inzwischen dürften wohl alle farbenprächtigen Himmelsmalereien zum Jahreswechsel wieder verblichen, alle Walzerklänge wieder verklungen und alle körperlichen Nebenwirkungen intensiven Feierns durchgestanden sein. Somit wünschen wir uns allen ein friedliches Jahr 2017, somit hoffen wir, daß jene Ereignisse, an die wir uns in knapp 365 Tagen erinnern werden, überwiegend erfreulicher Natur sein werden.



Ein Schlüssel für eine friedliche Zukunft, so herrscht weitgehender Konsens, ist Bildung. Umfangreiche Kenntnisse erweitern das Spektrum der eigenen Möglichkeiten, das Verständnis globaler Zusammenhänge bildet ein Gegengewicht zu irrationalen Ängsten, das Wissen um das eigene kulturelle und religiöse Fundament schützt vor Verblendung. 

Aber was genau ist das eigentlich, Bildung? 


Ist es jener Grundstock an sogenanntem Allgemeinwissen, ergänzt um berufsspezifische Fähigkeiten, die wir in den Schulen vermittelt bekommen? Wikipedia definiert den Bildungsbegriff einleitend als "...  lebensbegleitenden Entwicklungsprozess des Menschen, bei dem er seine geistigen, kulturellen und lebenspraktischen Fähigkeiten sowie seine persönlichen und sozialen Kompetenzen erweitert." (https://de.wikipedia.org/wiki/Bildung, Stand 28.12.2016)

Mit einem Kollegen führte ich kürzlich einen interessanten Austausch über unsere Musikgeschmäcker: Während der Name einer von ihm favorisierten Gruppe aus dem Bereich der elektronischen Musik bei mir lediglich ein unwissendes Stirnrunzeln auslöste, brachte der von mir ins Gespräch gebrachte Name Mozart in ihm keine Saite zum Klingen. Dieses beinahe schon generationsbedingte Deckungsungleichheit des Wissens mag auf unterschiedliche Geschmäcker zurückzuführen sein, offenbart aber eine Grundproblematik: Was darf in einer Situation omnipräsenter Information als Grundstock eines gemeinsamen geteilten Wissens vorausgesetzt werden? Werden die Elemente eines solchen Kanons nach ihrer Dauerhaftigkeit oder aktuellen Nützlichkeit bemessen? Und ist es überhaupt zulässig, Prioritäten zu setzen, zwischen relevantem und irrelevantem Wissen zu unterscheiden?

In Ausgabe 22 der Kolumne "Aufgelesen" wurde der Philosoph Konrad Paul Liessmann zitiert, der eine "Output-Optimierung des derzeitigen Bildungssystems kritisierte. In seinem essayistischen Buch "Theorie der Unbildung" erkennt er als Charakteristikum der sogenannten Wissensgesellschaft:

"In ihr, in dieser Gesellschaft lernt niemand mehr, um etwas zu wissen, sondern um des Lernens selbst willen. Denn alles Wissen (...) veraltet rasch und verliert seinen Wert." (S. 26)

Er legt außerdem Wert darauf, die Begrifflichkeiten klar voneinander zu unterscheiden. Wissen, so Liessmann, sei "eine mit Bedeutung versehene Information". (S. 27) Jene Informationen, die tagtäglich auf uns einprasseln, seien also per se noch kein Wissen, weil sie in den meisten Fällen für uns keine unmittelbare Bedeutung haben. Eine Instanz der Filterung und Interpretation ist also erforderlich. Erst in einen Kontext gesetzt, erst durch ihre Verarbeitung und ihr Verständnis wird eine Information tatsächlich zu Wissen. Anders ausgedrückt: "Wissen bedeutet immer, eine Antwort auf die Frage geben zu können, was und warum etwas ist." (S. 31) Das Internet als universeller Informationsspeicher fördert die Auslagerung. Die Fähigkeit, situativ erforderliches Wissen rasch aufspüren zu können, sei wichtiger als das Wissen selbst, sabotiere die eigentliche Entwicklung von Wissen. Universitäten unterwerfen sich mittlerweile dem Diktat der Ökonomie und werden zu Unternehmen, die von Wissensmanagern geführt werden und Wissensbilanzen legen. Das von Ihnen industriell produzierte Wissen wird anhand des Verhältnisses von Input und Output bewertet. Jedoch stößt diese Einstellung an ihre Grenzen:

"Überall dort, wo es um Erkenntnisse geht, die keinen standardidiserten und reproduzierbaren Methoden entsprechen, weil Begabungen, Individualität und (...) Genialität eine Rolle spielen, lassen sich auch keine derartigen Verfahren für deren Gewinnung angeben (...)." (S. 41)


Das Prinzip der Universitäten sei also Konformität geworden, der moderne Werkstoff sei nicht mehr Eisen und Stahl, sondern Wissensgebiete wie das Genom und die zellulare Mikrostruktur. Darunter leidet, so Liessmann die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, die einstigen Institutionen der Wissenschaft verkommen zu willfährigen Unternehmensberatungen, die bereitwillig das gerade gültige Vokabular übernehmen, die Bildung selbst werde durch ihre Unterwerfung entmündigt.

"Bildung ist das Mittel, mit dem Vorurteile, Diskriminierungen, Arbeitslosigkeit, Hunger, Aids, Inhumanität und Völkermord verhindert, die Herausforderungen der Zukunft bewältigt (...) werden sollen". (S. 50)

Liessmann beschwört einen Bildungsbegriff, der auf dem humanistischen Ideal von Humboldt beruht und macht die rasche Abfolge von Bildungsreformen in letzter Zeit für die Schwächen des Bildungssystems verantwortlich. Möglichst große Nähe zur Praxis, gepaart mit einer Orientierung an Leistungsevaluierungen und Rankings stattet Schüler mit Wissen kurfristiger Haltbarkeit aus und fördere damit indirekt den "Triumph des Meinungsjournalismus" (S. 53). Liessmann nahm damit beits 2008 jenes Phänomen vorweg, das heute plakativ als "postfaktisch" beschríeben wird. Sprache als hohes Kulturgut beinhaltet die Fähigkeit, differenzierte Gedankengänge exakt zu formulieren und steht somit im Widerspruch zur marktschreierischen Nivellierung von Unterschieden im heutigen Journalismus. Theodor Adorno subsummiert die "Vergegenständlichung der Bildung" zu einem konsumierbaren "Sammelsurium von Kulturgütern" (S. 68) unter dem Begriff der "Halbbildung". Liessmann führt den Gedanken fort und gelangt zum Begriff der "Unbildung". Nicht die Abwesenheit von Wissen oder gar Dummheit sei damit gemeint, sondern die Orientierung der Bildungsziele auf Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Flexibilität und Kommunikationsbereitschaft. Unbildung sei dem Verstehen entgegengesetzt, Allgemeinbildung oder Persönlichkeitsbildung würden Technolgien und Kennzahlen untergeordnet. Das pointierte Resumee dazu lautet:

"Das, was sich im Wissen der Wissensgesellschaft realisiert, ist die selbstbewußt gewordene Bildungslosigkeit." (S. 73)

Liebe Leserinnen und Leser, wie ist eure Meinung zu dem Thema? 

Ist die Ausrichtung der Ausbildung vom humanistischen Ideal hin zu beruflich relevanten "skills" tatsächlich jene Kulturtragödie, als die Liessmann sie darstellt, oder lamentiert hier ein Elfenbeinturmwissenschafter über den Verlust bürgerlicher Ideale? Ist es tatsächlich so schlimm, gut für den künftigen Beruf gerüstet zu sein, oder beeinträchtigen die gleichzeitig erworbenen Scheuklappen Lebensqualität und kritisches Denken?

Ich bin gespannt auf eure Meinungen.

Freudiges Weiterlesen!
Wolfgang Brandner

Literatur:



Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft.*

Zsolnay, Wien 2006, ISBN 978-3-552-05382-3
(2.-6. Aufl. 2006, 7. -15. Aufl. 2007, 17. Aufl. 2008; Taschenbuchausgabe (Piper) 2008)
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[wolfgang]

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