Rezension: Meine geniale Freundin | Elena Ferrante

Mittwoch, 11. Januar 2017 1 Kommentar

Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und frühe Jugend)


Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.
Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie auf, in einem armen, überbordenden, volkstümlichen Viertel, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Schustertochter Lila und die schüchterne, beflissene Elena, Tochter eines Pförtners, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater seine noch junge Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, eine Gelegenheit zu nutzen, die eigentlich ihrer Freundin zugestanden hätte.
[Text & Cover: © Suhrkamp Verlag]

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Elena Ferrantes erster Band der großen neapolitanischen Saga - Meine geniale Freundin - wurde zu einem wahrlich großen Erfolg. Unter dem Hashtag #ferrantefever kann man im Internet den weltweiten Erfolg samt den unendlich vielen positiven Kritiken und Eindrücken zu ihrer Saga verfolgen. Vier Bände wird die Saga im gesamten umfassen und jetzt ist auch zu Beginn des neuen Jahres schon der zweite Band - Die Geschichte eines neuen Namens - im Handel erschienen. Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes werden auch noch in diesem Jahr erhältlich sein. Das empfinde ich als sehr positiv, möchte man doch unbedingt und schnellstmöglich wissen, wie die Saga weitergeht.



„Ist der Hype denn wirklich berechtigt“, mag sich da sicher der ein oder andere fragen. Ich aus meiner ganz persönlichen Sicht kann nur sagen: JA, ist er! Ich tue mir wirklich schwer, gehypte Bücher sofort zu lesen. Meist überfordert es mich und ich verliere das Interesse, bis sich der allgemeine Sturm gelegt hat. Diesmal war das anders. Die Leseprobe hatte mich schon dermaßen überzeugt und ich schwamm freiwillig auf der großen Welle mit. Und es lohnte sich so sehr, denn dieses Buch entwickelte sich zu meiner persönlichen Buchperle 2016. 

Die Schriftstellerin schreibt unter Pseudonym und solch eine Entscheidung ist meiner Meinung nach immer voll und ganz zu respektieren, da es ihr persönlicher Wunsch war. Im vergangenen Oktober erschien in der FAZ ein Bericht des Journalisten Claudio Gatti, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Identität hinter dem Pseudonym Elena Ferrante zu lüften. „Warum denn nur“ war da mein erster in der Tat sehr erschrockener Gedanke und ich beschloss, diese Berichte und den ganzen Medienrummel darum vollkommen zu ignorieren. für mich persönlich ist es nicht wichtig, zu wissen, wer sich tatsächlich hinter dem Namen verbirgt. Ganz im Gegenteil: Es entstand sogar eher ein gewisser „Zauber“ des vollkommen unbekannten, den ich gar nicht recht in Worten beschreiben kann. Ich machte mir meine ganz eigenen Gedanken zu Elena Ferrante und überlegte, ob es eventuell auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte sein könnte und so entspann sich dann daraus (m)eine ganz eigene Geschichte zur Person hinter dem Buch. Dies wollte ich gerne auch für die folgenden Bände der Saga beibehalten und habe daher bis heute noch kein Bericht oder Statement zur Enthüllung des Pseudonyms „Ferrante“ gelesen.



Wer auch immer dieses Buch geschrieben hat, es ist einfach ein unglaublich einnehmendes und so ehrliches, intensives Werk geworden, dass mich wirklich sehr berührte. Ich fühlte mich schon nach wenigen Seiten ins Neapel der 50er Jahre versetzt - speziell in das ärmliche Viertel Rione - denn die Autorin versteht es wunderbar, ihre Leser auf diese besondere Reise abzuholen. Detaillierte, aber niemals langatmige Beschreibungen sorgen dafür, dass man einen sehr guten Einblick in die Gesellschaft dieser Zeit bekommt. Das Leben in dem kleinen neapolitanischen Dorf, in dem die zwei begabten Mädchen „Lila“ Raffaella und „Elena“, meist Lennucia oder Lenù genannt, aufwachsen, ist den Zeiten entsprechend rau und hart. Aber doch verbirgt sich hinter den oftmals brüsk erscheinenden, vom Leben geprägten Fassaden der Dorfbewohner immer wieder ein weicher, verletzlicher Kern. Die Zeiten sind noch sehr Männerdominierend und die Hierarchien innerhalb einer Familie daher klar und strikt. Auf die Bildung der Mädchen wird meist von oben herabgesehen oder sie wird erst gar nicht geduldet. 

Familie und Familienwerte, Freundschaft, Zusammenhalt - das sind große, aber auch sehr facettenreiche Themen. Wie entsteht eigentlich Freundschaft und was beeinflusst sie? Was bedeutet eigentlich „eine Bindung fürs Leben?“ Kann Konkurrenzdenken Freundschaft zerstören? Schaffen es die Mädchen, ihre Träume zu realisieren und dem Milieu zu entfliehen? Ferrante ist es gelungen, ein großartigen Porträt einer Mädchenfreundschaft mit all seinen zum Teil auch gesellschaftlich
aufgezwungenen Höhen und Tiefen zu erstellen. MEINE GENIALE FREUNDIN befasst sich mit der Kindheit und anfänglichen Jugend von Lila und Elena. Im nächsten Teil DIE GESCHICHTE EINES NEUEN NAMENS erleben wir die komplette Jugendzeit der beiden Freundinnen und ich bin sehr gespannt, wie es den beiden weiter ergehen wird.

Persönliches Fazit

Ein gradlinig, lebensnah geschriebenes Werk, dass durch seine atmosphärische Dichte vollkommen überzeugt und begeistert. Ich bin dem Ferrantefieber tatsächlich verfallen und kann nur jedem raten, sich diesem Sog einfach selbst hinzugeben. Es ist sehr lohnenswert! 

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Meine geniale Freundin - Band 1 der Neapolitanischen Saga | Elena Ferrante | Suhrkamp VerlagIm Original erschienen unter dem Titel L'amica genial
Übersetzung: aus dem Italienischen von Karin Krieger
2016, HC, 422 Seiten, ISBN 978-3-518-42553-4
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[alexandra]

1 Kommentar:

  1. Sehr schöne Rezi :)
    Ich vertraue nicht auf die allgemeine Meinung, sondern mache mir lieber mein eigenes Bild. Umso mehr überraschte mich der Sog, den dieses Buch auf mich ausübte. Ich konnte es kaum weglegen und bin sehr gespannt auf die Fortsetzungen. Im ersten Teil ist so viel geschehen, dass ich gar nicht weiß wie die Autorin das über vier Bände halten will. Ich traue ihr aber durchaus zu, dass sie es schafft.
    Liebe Grüße
    Nanni

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