Rezension: Betrunkene Bäume | Ada Dorian

Samstag, 25. Februar 2017 2 Kommentare

Der erste Titel des neuen Programms von Ullstein fünf





Erich ist über achtzig und verliert Stück für Stück seine Unabhängigkeit. Außerdem trauert er um die Liebe seines Lebens. Als junger Forscher hatte Erich eine Expedition in die Taiga unternommen. In jener Zeit hat er Schuld auf sich geladen, die bis heute nachwirkt und Erich vereinsamen lässt. Dann jedoch tritt Katharina in sein Leben. Sie ist von zu Hause ausgerissen, als ihr Vater die Familie verlassen hat. [© Text und Cover: Ullstein Verlag]

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Zwei einsame Seelen sind es, die sich in dem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus treffen. Je mehr Schwierigkeiten Erich bekommt, den Alltag zu bewältigen, desto mehr vermisst er seine Frau, von der er sich im Stich gelassen fühlt. Zwar sieht seine Tochter immer wieder nach ihm, sie gibt ihm aber das Gefühl, nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu sein und würde ihn am liebsten im Altersheim unterbringen. Um seine Freiheit zu erhalten engagiert er Katharina, die für ihn Einkaufen gehen und die Wohnung in Schuss halten soll.

Katharina ist verzweifelt, dass ihr Vater sie im Stich gelassen hat und ins ferne Russland zum Arbeiten gezogen ist. Sie haut von zu Hause ab und geht auch nicht mehr zur Schule. Der Drogendealer Hugo liest sie auf der Straße auf und quartiert sie in die leere Wohnung gegenüber von Erich ein. Bald schon soll sie für die Miete Tabletten verticken. Kann die Bekanntschaft zu Erich sie vor diesem ganz schlechten Weg bewahren?

„Er konnte sich nicht erinnern. Bewegungslos stand er vor der leeren Kaffeedose. Sah noch einmal hinein, als könnte er sich getäuscht haben. Dann musste er sich setzen, weil das Bein seine Überlegungen nicht länger stützen wollte. Erich ließ sich auf die Küchenbank fallen. Gestern erst, er war sich ganz sicher, hatte er ein Pfund Kaffee im Supermarkt gekauft." (S. 67)

Ada Dorian fängt die Sehnsüchte und Verlustgefühle ihrer Protagonisten mit einer wunderbaren Sprache ein. Kein Satz erscheint unnötig, womit sie eine hohe Präzision erreicht und das Handeln und Denken der Charaktere sehr nachvollziehbar macht. Der melancholische Grundton lässt immer noch Raum für etwas Hoffnung. Nie ist die Verzweiflung endgültig, es scheint immer noch einen Ausweg zu geben.



Zu dieser Stimmung passt Erichs Faszination für Bäume. Er hat sein Leben deren Erforschung gewidmet und beschäftigt sich auch jetzt im Alter noch mit ihnen. In Rückblenden begleiten wir ihn auf seine Expedition nach Sibirien. Die endlosen Wälder und die unwirtlichen Lebensbedingungen sind eine andere Welt. Diese Reise und die Menschen, denen er begegnet, haben für ihn erhebliche Auswirkungen. Am Ende fügt sich dann das alles wie bei einem Puzzle zu einem stimmigen Bild zusammen. 

Persönliches Fazit

„Betrunkene Bäume" habe ich sehr gern gelesen. Das Buch bietet eine sehr gekonnt komponierte Geschichte, ist sprachlich überzeugend und nahe an den Charakteren. Ein würdiger Auftakt des neuen Programms von Ullstein fünf.


© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Betrunkene Bäume | Ada Dorian | Ullstein Verlag
2017, gebunden, 272 Seiten, ISBN: 9783961010011
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[marcus]

Kommentare:

  1. Habe mir lange, lange überlegt, ob ich es lesen soll oder nicht und das Leseexemplar immer wieder zur Hand genommen. Aber ich glaube, du hast mich überzeugt! Vielleicht nehme ich mir das für's nächste Wochenende vor :)

    Viele liebe Grüsse
    Paula

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    1. Liebe Paula,

      ich war auch skeptisch, man weiß bei dem wenig aussagekräftigen Cover nicht so richtig, was einen erwartet. Mich konnte das Buch dann aber doch fesseln. Ich hoffe, es wird dir genauso gehen.

      Herzliche Grüße,
      Marcus

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