Rezension: Black Memory | Janet Clark

Montag, 27. Februar 2017 5 Kommentare

Amnesie & Action


Ein vermisstes Mädchen mit einer einzigartigen Inselbegabung.
Eine Ärztin, die sich an jedes Detail ihrer Ausbildung erinnern kann, aber nicht an ihren Namen und auch nicht an das Verbrechen, das sie begangen haben soll.
Als Clare orientierungslos auf einem Boot vor der indonesischen Küste erwacht, wird sie verhaftet. Sie soll ein kleines Mädchen entführt haben. Nur durch den Einsatz eines Mannes, mit dem sie angeblich verheiratet ist, kommt sie frei.
Zurück in London begreift sie, dass der Schlüssel zu dem Schicksal des vermissten Mädchens in ihrer Erinnerung vergraben ist. Doch diese ist verschüttet - von einem Trauma, so extrem, dass sich Clare mit einem völligen Blackout schützt. [Text & Cover: © Heyne Verlag]

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"Plätschern. Es ist das Erste, was ich wahrnehme."
Bereits der Auftakt des Romans läßt den Leser in die Rolle der Hauptfigur schlüpfen, die ohne Erinnerung an einem ihr unbekannten Ort das Bewußtsein erlangt. Vorerst dienen detailliert geschilderte Sinneswahrnehmungen als einziges Mittel zur Orientierung. Die Erzählzeit übersteigt dabei sogleich die erzählte Zeit, die Eindrücke wirken verzerrt und verlängert. Die Autorin verweigert dem Leser konsequent eine objektivierte Sicht von außen, er ist darauf angewiesen, der Protagonistin zu vertrauen, die im Präsens der ersten Person erzählt. Somit gilt es, die offensichtlichen Fragen aufzuklären: Jene nach  der Beschaffenheit der Situation, deren Zustandekommen und vor allem der eigenen Identität. Der Gedächtnisverlust wird hier als geschicktes Stilmittel genutzt, indem Handlung und Figur erst vor den Augen des Lesers entworfen und spielerisch ausprobiert werden. Der Schritt aus dem läuternden Dunkel eines Gefängnisses in eine relative Freiheit repräsentiert eine Wiedergeburt:

"Sogleich wird es heller. Anstatt der nackten Glühbirnen, (...), ist nun warmes, freundliches Tageslicht die vorherrschende Lichtquelle." (S. 28)

Mit den für den Heimflug nach London erforderlichen Reisepaßdaten (Clare Brent, 37) sind aber noch längst nicht alle Zusammenhänge erfaßt. Einmal die Neugier des Lesers geweckt, versteht es die Autorin, den Hunger nach Informationen in kleinen Portionen zu stillen, ohne ihn zu überfüttern. Jede vorerst befriedigend beantwortete Frage trägt bereits den Keim einer neuen in sich. Wie ist es um die angebliche übersinnliche Gabe von Clares Tochter Bonnie bestellt? Warum haben sich die beiden nach Indonesien abgesetzt? Welche Kette von Ereignissen hat gerade zu der Ausgangssituation geführt? Insbesonder jedoch: Wem kann Clare glauben?

Clares Ehemann Paul, der Portier Raphael - der ganz offensichtlich mehr ist als ein hilfreicher Geist -, die angebliche Freundin Angela, sie alle ringen um Clares Vertrauen. Sie alle versuchen, Clare mit rationalen und emotionalen Argumenten auf ihre Seite zu ziehen und das in einer Situation, in der das Fundament des Selbstbildes der Hauptfigur noch nicht wieder ausreichend gefestigt, sie noch leicht manipulierbar ist. Sowohl Paul, als auch Raphael sind gleichermaßen vertrauenerweckend und dubios, die differenzierte Figurenzeichnung beläßt auch den Leser in einem anhaltenden Zustand der Ungewißheit. Das wechselnde Erzähltempo, das den Roman fragmentiert, taucht ihn zuweilen in ein surreales Licht. Immer wieder eingestreute Andeutungen bestätigen den Eindruck, daß die Suche nach dem Gesamtbild noch nicht abgeschlossen ist:

"Bonnie hat auf die letzte verbliebene Ebene der Privatsphäre der Menschen Zugriff. Der letzte Bereich, der nicht erfasst und überwacht werden kann, weder legal noch illegal." (S. 261)

Auf formaler Ebene wird dieser Eindruck zudem durch eine Gratwanderung zwischen den Genres unterstützt. Die Anreicherung eines Psychothrillers mit mystischen Elementen, wirkt vorerst wie unentschlossen, erweist sich jedoch spätestens im actiongeladenen Finale als schlüssig und wohl durchdacht. Der Titel des Romans wird schließlich in einem charakteristischen Symbol wieder aufgegriffen: Das Memoryspiel, das erst vorüber ist, wenn alle Karten aufgedeckt, alle Bildpaare gefunden sind, symbolisiert den Zustand der Hauptfigur. Ergänzend werden geheime Botschaften als Rätsel getarnt, die natürlich nur von Clare entschlüsselt werden können. Ein bewährtes dramaturgisches Stilmittel, das hier jedoch - wie auch das hollywoodtaugliche Timing im Finale - sehr konstruiert wirkt.

Persönliches Fazit

Eine unter Amnesie leidende Ärztin muß ihr verschwundenes, mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattetes Kind finden, während sie von allen Seiten manipuliert wird. Durch die überlegte Dosierung von Informationen und geschickt eingesetzte Variationen im Erzähltempo fesselnd bis zur Auflösung.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Black Memory | Janet Clark | Heyne Verlag
2016, Paperback, Klappbroschur, 384 Seiten, ISBN: 978-3-453-41833-2
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[wolfgang]

Kommentare:

  1. Hallo Wolfgang,
    schön, dass du ebenso angetan von diesem Thriller bist wie ich. Mich hat er ebenfalls sehr gefesselt. Eine schöne, ansprechende Rezension!
    Liebe Grüße
    Anka

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  2. Liebe Anka,
    vielen Dank für den Zuspruch aus so berufenem Munde. Welch hohe Meinung Du von dem Roman hast, habe ich ja bei Dir ohnehin schon gelesen.
    Ich habe es ja genossen, wie die Autorin das Verhältnis der Nebenfiguren um Clare zu einer Sympathie-Affenschaukel gestaltet: Jedes Mal, wenn die eine in der Gunst des Lesers steigt, fällt zugleich eine andere, und einige Seiten später ist es wieder umgekehrt.

    Ich habe ja in letzter Zeit einige Bücher mit ähnlichem Setting gelesen (es scheint solche Phasen zu geben), und daher kann ich Dir "Fremdes Leben" von Petra Hammesfahr nur sehr empfehlen.

    Liebe Grüße
    Wolfgang

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    1. Lieber Wolfgang, vielen Dank für deine Antwort samt Buchtipp. Ich werde den Titel direkt auf meiner Wunschliste vermerken und bei meinem nächsten Bücherbummel berücksichtigen.
      Genau, ich fand die "Sympathie-Affenschaukel" (großartiger Ausdruck!) auch klasse.

      Liebe Grüße und bis bald
      Anka

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  3. Hallo!

    Ich finde Amnesie-Bücher immer sehr spannend. Eine schreckliche Vorstellung, wenn man plötzlich Teile des eigenen Gedächnis einfach nicht mehr abrufen kann. All die schönen Erinnerungen - einfach weg. Da bekomme ich Gänsehaut, selbst wenn sich die Person in einer augenscheinlich ungefährlichen Situation befindet.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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    1. Liebe Sabrina,
      vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Mir ergeht es da ähnlich, ich finde Romane zum Thema Amnesie ausgesprochen reizvoll. Gedächtnisverlust ist eine wunderbare Ausgangssituation ... gut, vielleicht nicht für die betroffene Figur, aber für den Leser, der damit in puncto Wissensstand dieser Figur gleichgestellt ist. Gemeinsam können die beiden die Geschichte rekonstruieren, die beiden, Leser und Figur, sind noch enger aneinander gebunden. "Black Memory" ist ein ausgezeichnetes Beispiel, da verschiedene andere Charaktere um die Gunst der Figur (und damit auch des Lesers) kämpfen und es lange nicht sicher ist, wer von den Beteiligten nun redliche Absichten hegt.
      Was Du auch ansprichst - gute Gedanke von Dir! - die Erinnerungen und damit ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit sind nicht mehr zugänglich. Die existentiellen Fragen müssen neu beantwortet werden: Wer bin ich, wie bin ich in diese Situation geraten, wie gehe ich intuitiv damit um?
      So kann es natürlich auch passieren, daß die Figur erfährt, daß sie eigentlich KEINE nette Person ist. Da Roman und Film schon etwas in die Jahre gekommen sind, kann ich ohne Spoilerwarnung auf eines meiner Lieblingsbeispiele verweisen: Total Recall, der Film bitte nur die Version mit Schwarzenegger und die Idee von Philip K. Dick.

      Liebe Grüße, viel Vergnügen beim Rätseln und Erinnerungensuchen!
      Wolfgang

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