Rezension: Der Sommer als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr | Elvis Peeters

Montag, 6. Februar 2017 3 Kommentare

Nichts für empfindsame Gemüter



Ein endloser Sommer, acht Freunde, vier Mädchen, vier Jungs, eine eingeschweißte Bande. Sie kommen aus guten Verhältnissen, haben keine Sorgen und unendlich viel Zeit. Das ganze Leben liegt vor ihnen. Eines Tages stellen sich die vier Mädchen auf eine Autobahnbrücke und heben ihre Röcke, sie wollen sehen, wie leicht sich die Erwachsenen ablenken lassen, wie viel Macht ihre Nacktheit besitzt. Die Jungs sehen vom Gebüsch aus zu und filmen. Erst geschieht nichts, dann ein schrecklicher Unfall, doch das ist erst der Anfang … [© Text und Cover: blumenbar Verlag]

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Wenn ich im chinesischen Restaurant ein Gericht mit der Beschreibung „scharf" bestelle, merke ich in den meisten Fällen, zumindest hierzulande, kaum etwas davon. So in etwa war meine Erwartung bei diesem Buch, das gemäß Beschreibung in Belgien und den Niederlanden einen Skandal ausgelöst haben soll. Ein wenig Provokation ist ja auch mal ganz interessant, wird schon nicht weh tun. Falsch gedacht! 

Fünfzehn Jahre alt sind die Mitglieder der eingeschworenen Clique. Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität, sie loten ihre Grenzen aus, sie machen einen Reifeprozess durch und entdecken ihren Körper und die Sexualität. Diese Gruppe macht das allerdings auf einem extremen Weg. Was die abziehen, lässt die Grenzen von Moral und Anstand weit hinter sich. Zwei Dinge intensivieren diesen Eindruck noch: zum einen haben sie keinerlei Gewissen, zum Beispiel die üblen Folgen des von ihnen verursachten Unfalls lässt sie völlig kalt, ist nur am Rande statistisch interessant. So einfach kann man das Leben von anderen beeinflussen. Zum anderen ist es die Ausdrucksweise: die Kapitel sind aus der Sicht verschiedener Protagonisten geschrieben, in einer jugendlichen Sprache, die hart, direkt und immer wieder vulgär ist. Und doch trägt sie zur Atmosphäre bei. Es gelingt dem Autor, das Gefühl der absoluten Freiheit und Unbesiegbarkeit der Jugend einzufangen. 

„Wir waren jung, nicht pervers. Wir wollten alles über die Welt in Erfahrung bringen, was man leicht herausfinden konnte – und dann weiterziehen, unseren eigenen Weg gehen." (S. 19)

Gut, dass sich das Buch nicht auf die Aufzählung von Obszönitäten beschränkt. Es begleitet die acht Freunde ein Stück beim Erwachsen werden. Dabei können sie mit diesem fernen Ziel gar nichts anfangen, denn schließlich leben sie jetzt, und jetzt sind die Erwachsenensachen für sie noch verboten. Aber sie sind schlau genug, den Eltern etwas vorzumachen, sie zu manipulieren und zu vertuschen, um ihre so wichtige Freiheit zu gewinnen. 

„Wie leer, wie langweilig ihr Leben ist. Immer sind sie damit beschäftigt, ihre Existenz zu füllen. Mit Beförderungen, Herausforderungen, Plänen, Umbauten. Dem Glück ihrer Ehe, ihrer Kinder. Immer ein und dasselbe Leben." (S. 48)




Es stellt sich mir die Frage, ob Literatur denn die Grenzen des guten Geschmacks so weit überschreiten darf, darf es Kunst generell? Ist es aber nicht auch ihre Aufgabe, diese Schranken zu durchbrechen, um die eigene Moral zu reflektieren und eventuell auch zu bestärken? Ein paar Passagen des Buchs haben bei mir Abscheu hervorgerufen, für mich ein ungewohntes Gefühl beim Lesen. Den Effekt, den er bei mir verursacht hat, fand ich allerdings beachtlich, es ist doch eigentlich nur ein Roman, nicht echt. Und doch ist die Realität manchmal leider nicht besser. Ob ein solcher Text letztendlich nötig ist oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich meine, so viel Freiheit muss sein. 

Persönliches Fazit

Ein sehr provokatives Buch, das die Grenzen von Moral und Ethik überschreitet. Es wirkt überzeichnet, fängt aber mit seiner präzisen Sprache die Energie der Jugend treffend ein und erreicht dabei eine hohe Intensität. Für mich hätte eine etwas weniger drastische Darstellung auch seinen Zweck erfüllt, aber umso aufgewühlter ließ mich das Buch zurück. 

© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr | Elvis Peeters | blumenbar Verlag
Aus dem Niederländischen von Heike Blatnik
2014, gebunden, 208 Seiten, ISBN: 9783351050092
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[marcus]

Kommentare:

  1. Das Buch klingt mehr als interessant & wandert nun gleich auf die WuLi!
    Eine wirklich gut geschriebene Rezension die sehr neugierig aufs Buch macht!

    Liebe Grüße!

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    1. Danke, liebe crumb. Freut mich, dass ich dein Interesse wecken konnte :-)

      Viele Grüße,
      Marcus

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    2. Gerne, gerne (=
      Werde mir das Buch nun zum Burzeltag wünschen!
      Wünsche einen entspannten Sonntag

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