Rezension: Schwarzer Dolch. Chroniken der Seelenfänger 1 | Alexey Pehov

Mittwoch, 1. Februar 2017 0 Kommentare

Barock-Ghostbusters


Ludwig van Normayenn wird geachtet und doch gefürchtet. Als Seelenfänger verfügt er über die Gabe, dunkle Seelen zu erkennen, die noch nicht bereit sind, das Reich der Sterblichen zu verlassen. Oft ist er die letzte Hoffnung der Menschen, die von den Ausgeburten des Dunkels heimgesucht werden. Auf der Jagd nach den ruhelosen Seelen zieht er von Fürstentum zu Fürstentum - doch auf seiner Reise erwarten ihn Feinde, die noch schrecklicher und gefährlicher sind, als er sich vorzustellen vermag ...
[Text & Cover: © Piper-Verlag] 

[trennlinie]

Die Ordnungszahl 1 als Teil des Untertitels ... das muß der Auftakt einer neuen Serie sein.
Eine ideale Gelegenheit, mit einem Autor Bekanntschaft zu schließen, der sich bereits mit den "Chroniken von Hara" und den "Chroniken von Siala" Respekt im Fantasy-Genre erwarb.
Und wie stets, wenn ein Ausmaß an Kreativität in die Ausgestaltung einer Umgebung investiert wurde, um mehrere Bände zu füllen, erweist sich die wahre Talentprobe für den Autor darin, seinen Lesern einen einladenden Zugang zu schaffen. Alexey Pehov agiert dabei behutsam. Anhand einzelner Episoden erschließt er eine von rastlosen Seelen bevölkerte, vorindustrielle Welt.

Wenn in dieser Welt ein Mensch zu seinen Lebzeiten Schuld auf sich geladen hat, kann es passieren, daß seine Seele diese nicht verlassen kann und als Geistwesen die Lebenden heimsucht. Die Aufgabe eines Ordens von Seelenfängern besteht darin, diese Seelen einzufangen und zu bannen. Der Autor entwirft zwar begeistert eine Topographie mit eigenen Provinzen und Ortschaften, siedelt diese jedoch in einem zeitlichen Kontext an, der dem Barockzeitalter entsprechen dürfte. Die Kirche steht in der Blüte ihrer Macht, einzelne Orden und Gruppierungen intrigieren intern gegeneinander, Bischöfe und Klerus sind mit einer Vielzahl weltlicher Befugnisse und Annehmlichkeiten ausgestattet. Auch mit den Namen seiner Figuren (beispielsweise Karl, Wilhelm oder Rosalinde) sucht der Autor eher den Kontext eines historischen als eines phantastischen Romans. Der Unterschied zu der in unseren Geschichtsbüchern verzeichneten Epoche besteht jedoch darin, daß Magie von der Kirche nicht nur anerkannt sondern als Teil ihres Repertoires genutzt wird.

Jedes magiebegabte Wesen wird mit charakteristischen Talenten wie mit einer Signatur ausgestattet. Hexen beherrschen etwa mächtige, farbenfrohe Überraschungszauber, Zauberer wirken ihre Sprüche mit pragmatischer Kälte. Kirchliche Inquisitoren beziehen ihre Kraft aus Reliquien und der Stärke ihres Glaubens und kämpfen gegen dämonische Wesen, während die titelgebenden Seelenfänger sich als Fallensteller und gewandte Nahkämpfer erweisen. Ihre Zauber sind komplex gezeichnete Figuren und bedürfen oft längerer Vorbereitung, bevor mit ihrer Hilfe rastlose Geister gefangen und schließlich mit einem für den Besitzer personalisierten Dolch gebannt werden.

Obwohl der Autor die Kunst des direkten Einstiegs beherrscht - der Leser findet sich zu Beginn einer jeden Episode mitten in einer Situation, die volle Aufmerksamkeit aller Protagonisten fordert - entspricht es nicht seinem Stil, unmittelbar Spannung zu erzeugen und über längere Zeit zu halten. Stattdessen nimmt er sich die Zeit, die konkrete Situation detailreich auszumalen, den Leser sukzessive wie beim Erlernen einer Sprache mit neuen Aspekten, neuem Vokabular und neuer Grammatik der von ihm erschaffenen Welt vertraut zu machen. Jedes Kapitel stellt einen neuen Auftrag für den Seelenfänger Ludwig van Normayenn dar, und jeder Auftrag ist wie ein geschickt konstruierter Kriminalfall von einer Vielzahl an Rahmenbedingungen definiert.

Dies bewirkt, daß in jedem der sechs Kapitel das jeweils erforderliche Wissen neu erarbeitet werden muß, ehe ein farbenprächtiges Showdown-Feuerwerk entzündet wird. Auf jeden Höhepunkt folgt durch den Wechsel der Geschichte ein abrupter Abfall der Spannung. Wer auf eine durchgängige, sich kontinuerlich entwickelnde Geschichte wert legt, sollte sich also an den anderen Werken des Autors orientieren. Im Falle von "Schwarzer Dolch" gibt der Untertitel den Takt vor: Der Plural in "Chroniken der Seelenfänger" deutet an, daß es sich weniger um einen Roman, als um eine Anthologie handelt, deren Teile durch hauchzart geknüpfte rote Fäden miteinander verbunden sind.

Persönliches Fazit

"Schwarzer Dolch" wirkt wie eine Sammlung auf auf den ersten Blick unzusammenhängender Episoden einer Serie für das Fernsehen im Kopf, in der die Abenteuer eines Ordens von Geisterjägern in einer Variation des Barockzeitalters erzählt werden.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner

Schwarzer Dolch. Chroniken der Seelenfänger 1 | Alexey Pehov | Piper-Verlag
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
2016, Klappbroschur, 480 Seiten, ISBN: 978-3-492-70396-3
Buch bestellen bei Amazon.de*


*Affiliate Link
[wolfgang]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wir freuen uns, wenn ihr unsere Beiträge kommentiert, denn dadurch wird dieser Blog lebendig! Bitte habt Verständnis, dass Beiträge vorab geprüft werden, um Spam zu verhindern. Daher kann es einen Moment dauern, bis Kommentare sichtbar werden. Lieben Dank.