Rezension: Tierchen unlimited | Tijan Sila

Donnerstag, 16. Februar 2017 0 Kommentare


Die Geschichte eines Jungen im bosnischen Bürgerkrieg, seiner Flucht nach Deutschland und des Lebens unter deutschen Neonazis. Wild, bedrückend genau und dabei hoffnungsvoll komisch erzählt Tijan Sila von einem jungen Mann, für den Grenzen nur existieren, um sie zu übertreten. [© Text und Cover: Verlag Kiepenheuer & Witsch]

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Was ist das für ein Leben für ein Kind in einer eingekesselten Stadt? Sarajevo in den 1990ern, ein Wechsel zwischen Granateinschlägen und Waffenstillstand. Kalt ist es im Winter in den Wohnungen, denn die Fenster sind zerstört und Brennholz ist kaum zu bekommen. Die Nahrungsmittellieferungen der Hilfsorganisationen reichen kaum aus, viele verkaufen alles, was sie haben, um nicht zu hungern. Das ist kein geordnetes Umfeld, das man sich für Kinder vorstellt. Sicherlich würden diese sich den Alltag auch anders wünschen, aber sie kennen die Nachbarn und Mitschüler, sie scheinen zurecht zu kommen.

„Der Krieg änderte alles, auch unser Vorgehen beim Obstklau, denn der erste Winter war unerbittlich gewesen. Die Temperaturen sanken auf minus zwanzig Grad, die Heizungen funktionierten nicht, und jede einzelne Fensterscheibe der Stadt war entweder durch direkten Beschuss oder den Luftdruck naher Detonationen geborsten und notdürftig mit durchsichtiger Folie aus UN-Hilfspaketen ersetzt worden" (S. 29)

Anders ist es für den Ich-Erzähler in Deutschland, nachdem seine Eltern mit ihm geflohen sind. Eine andere Kultur, eine fremde Sprache und dann auch noch die beginnende Pubertät. Das ist für ihn keine einfache Aufgabe, sich da reinzufinden. Und wieweit beeinflusst ihn das Kriegstrauma? Auch wenn es ihm nicht so bewusst ist, scheint es ihn latent zu belasten und er hat Schwierigkeiten, sich in die neue Gesellschaft einzugliedern.












Eigentlich ist das mehr als genug Dramaturgie, um mich emotional mitzunehmen. Der Beginn des Buchs hat mich auch sehr angesprochen, hat dann aber leider nachgelassen. Das liegt zum einen an der Sprache, die auf mich etwas kühl und emotionsarm wirkt. Ich bin wahrlich kein Anhänger von Schnulzen, der Schreibstil hier ist mir aber oft zu sachlich und scheint, vielleicht ja absichtlich, immer wieder an den entscheidenden Punkten vorbeizugehen. Zum anderen springt der Erzähler des öfteren zwischen der Kindheit in Bosnien und seinem späteren Leben in Deutschland hin und her, was zwar durchaus ein legitimes Stilmittel ist, mich aber immer wieder aus der Geschichte herausnimmt.

Persönliches Fazit

„Tierchen unlimited" bringt mir das Leben im belagerten Sarajevo mitten im Balkankrieg und die Auswirkungen für den Erzähler als Geflohener und Fremder in Deutschland näher. Das ist zwar interessant, der Roman konnte mich aber sprachlich und dramaturgisch leider nicht in seinen Bann ziehen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Tierchen unlimited | Tijan Sila | Verlag Kiepenheuer & Witsch
2017, gebunden, 224 Seiten, ISBN: 9783462050264
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[marcus]

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