Rezension: Bist du glücklich? | Kai Hensel

Sonntag, 2. April 2017 0 Kommentare

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Welchen Preis zahlen Menschen für ihr Glück?
Welchen Preis zahlen sie für ihr Leben?

Berlin. Laura und Patrick unterwegs auf einer Cabrio-Fahrt ins Wochenende. Sie sind jung, sehen gut aus und sind auf dem Sprung zum großen Geld, denn Patricks App-Spiel "Bist du glücklich?" erobert die Welt. Weil der Spieler sein eigenes Leben neu sieht: Er muss ausbrechen, Mauern einreißen, Grenzen überschreiten. Eine Stalkerin lässt sich nicht abschütteln. Sie scheint etwas über Patrick zu wissen, das Laura nicht weiß. Ist sie wirklich Krankenschwester? Warum hat sie im Wagen einen Koffer voller Medikamente?
Ihr Ziel: ein einsames, verfallenes Schloss in Brandenburg. Laura und Patrick planen die Restaurierung. Doch im Dachgeschoss findet Laura Blutspuren, in Patricks Sporttasche eine Axt. Ein Kampf um die Wahrheit beginnt. Und um diesen Kampf zu gewinnen, um diese Nacht zu überleben, muss Laura Mauern einreißen, Grenzen überschreiten - in den eigenen Abgrund blicken. [Text & Cover: © Hoffmann und Campe]

Fünf Personen.
Siebzehn Stunden.
Eine Frage, die über Leben und Tod entscheidet.


[trennlinie]

Verpackt in einem Cover, das nach unschuldiger Jugend-Dystopie aussieht, präsentiert sich der Roman als Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus und Social Media, die ihre Kritik in kleinen Stichen austeilt:

Laura ist jener Typ Mensch, der manchmal abschätzig, manchmal selbstironisch als "Bobo" bezeichnet wird, eine Kombination aus bourgeois und bohémien, ein urbanes Mitglied der Oberschicht, das durch nonkonformistischen Lebensstil eine salonfähige Form der Rebellion pflegt.
"Sie achtete auf Sport, gesunde Ernährung, sie wählte Grün und unterschrieb Proteste gegen Genitalverstümmelung" (S. 58)
In gutbürgerlichen Verhältnissen in einer Großstadt aufgewachsen, verfügt sie über umfangreiches lexikalisches Wissen beispielsweise über Zecken, fühlt sich aber ohne Wirkstoffpflaster und Pumpsprays der Gefahr aus dem Gebüsch hilflos ausgeliefert. Als eine Art Lifestyle- und Gesundheitscoach beschäftigt sie sich mit der Kulturgeschichte der Ernährung und ist mit der Recherche zu einem Buch über Entgiftung ("Detox" genannt) beschäftigt ... und stellt somit für den Autor die ideale Figur dar, den Kontrast zwischen anonymem Stadt- und ursprünglichem Landleben im Roman zu symbolisieren. Laura bereitet das Abendessen an einem Gasherd zu und überprüft gleichzeitig die Facebook-Likes zu ihrem Artikel über jüdische Speisegesetze. Laura personifiziert jenen Teil der Gesellschaft, für den die Grenze zwischen der sogenannten virtuellen und realen Welt verschwimmt, der eher den Wetterdienst im Internet konsultiert, als einen Blick durch das Fenster zu wagen.



Social Networks dienen als Abstraktion des Lebens, als ein Ausschnitt der Wirklichkeit, der für das eigene Leben relevant ist. Als Art artifizieller Natürlichkeit wird die Komplexität der Welt gezähmt. Das Posten von Photos und Nachrichten dient als eigene, die Resonanz darauf als fremde Wahrnehmung. Lebenszeichen einer Person stehen für deren Leben, nach Descartes könnte man die Devise "Ich poste, also bin ich." formulieren. Ebenso wie das Sozialleben virtualisiert ist, gilt dies auch für Gefühle.
"Wer etwas ersteigern wollte, klickte auf Ebay. Wer Sex suchte, blätterte auf Tinder." (S. 78)
Mit dem Konsum wird die nagende Frage nach dem Sinn betäubt, das resultierende Gefühl der Befriedigung ist kurzfristig und hinterläßt Orientierungslosigkeit. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Patentrezept für Lebensglück, ein Algorithmus zur Seligkeit so etwas wie ein Stein der Weisen der Social Networks.

Mit seiner Smartphone-App "Bist du glücklich?" scheint Patrick, Lauras Lebensgefährte, diesem alchemistischen Ziel bereits sehr nahe gekommen zu sein. Die einzelnen Levels repräsentieren dabei unterschiedliche Lebenssituationen, die spielerisch bewältigt werden. Durch die Konzeption als Parabel auf das Leben löst es  Suchtverhalten aus, das die Spieler beeinflußt, sie Veränderungen in ihrem realen Leben vornehmen läßt. (Die Möglichkeit, gezielt eine große Anzahl von Menschen durch Soziale Netzwerke zu beeinflussen, wird bereits in Marc Elsbergs "Zero" warnend verarbeitet.) Paradoxerweise entsteht durch das Gefühl der Befreiung, das mit jedem gelösten Abschnitt im Spiel einhergeht, eine neue Art der Gefangenschaft, eine immer engere Bindung an das Spiel.



Der Autor ist in der Beschreibung von "Bist du glücklich?" bewußt vage, die Gestaltung der einzelnen Teile des Programms wird kaum erklärt, sodaß ein ausreichend großer Interpretationsspielraum verbleibt. In diesem Graubereich erfolgt auch der Übergang von nüchterner Technik zu metaphysischer Symbolik. Als wahrer Urheber der Software entpuppt sich nämlich ein verwahrloster Jugendlicher, der der Überzeugung ist, im Auftrag Gottes zu handeln und seine kreative Energie aus dem Blut anderer Menschen bezieht. Im übertragenen Sinne wandelt diese Figur also die Lebenskraft anderer in die Magie des Spiels um, die sich jeder Erklärung entzieht. In vampirischer Weise werden exemplarisch ukrainische Erntearbeiter ausgesaugt, die jene repräsentieren, die Hilfsrarbeiten verrichten und nicht in der Lage sind, sich zu artikulieren. Der Autor aktualisiert somit den Kontext einer längst zum Gemeinplatz gewordenen Kapitalismuskritik mit überdeutlicher Bildsprache. Zu dieser gehören auch überzeichnete Figuren wie eine füllige Krankenschwester, die mit einem Defibrillator jeden Widerspruch aus der Welt mordet und ein Bademeister, der mit Taucherbrille bekleidet, nachts auf der Straße vergebens auf seine Verabredung wartet. Charaktere wie diese könnten genausogut von Loriot ersonnen sein, werden jedoch durch die Handlung auf eine Weise pervertiert, die jedes Lachen erstickt.

Der Hauptzeitraum der Handlung erstreckt sich über eine Nacht, in der die bürgerliche Fassade genüßlich eingerissen wird und die Situation mehrmals eskaliert. Am Morgen sollte eigentlich ein amerikanischer Investor erscheinen und den ersehnten (Geld-)Segen bringen. Die Bezeichnung "Business Angel" verklärt ihn zum religiös konnotierten Erlöser, der sich mehrmals telephonisch meldet und vor überschäumendem Optimismus triefende Heilsversprechen verbreitet. Tatsächlich tritt er jedoch niemals persönlich in Erscheinung, all die Vorbereitungen auf sein Kommen bleiben vergebens. Der Roman könnte somit auch als Variation von Samuel Beckettts "Warten auf Godot" gelesen werden.

Persönliches Fazit

Der Titel des Romans, "Bist du glücklich?", wird provokant unmittelbar an den Rezipienten weitergereicht. Unscheinbar ansetzend, entpuppt sich der Roman als Kritik an Kapitalismus und Social Media, dessen überzeichnete Symbolik auch abgestumpfte Geister wieder hellhörig macht.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Bist du glücklich? | Kai Hensel | Hoffman und Campe
2016, Gebundene Ausgabe, 336 Seiten, ISBN: 978-3-455-40588-0
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[wolfgang]

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