Rezension: Gott ist nicht schüchtern | Olga Grjasnowa

Samstag, 15. April 2017 0 Kommentare



Als die syrische Revolution ausbricht, feiert Amal ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und träumt von kommendem Ruhm. Zwei Jahre später wird sie im Ozean treiben, weil das Frachtschiff, auf dem sie nach Europa geschmuggelt werden sollte, untergegangen ist. Sie wird ein Baby retten, das sie fortan ihr Eigen nennen wird.
Hammoudi hat gerade sein Medizinstudium beendet und eine Stelle im besten Krankenhaus von Paris bekommen. Er fährt nach Damaskus, um die letzten Formalitäten zu erledigen. Noch weiß er nicht, dass er seine Verlobte Claire niemals wiedersehen wird. Dass er mit hundert Wildfremden auf einem winzigen Schlauchboot hocken und darauf hoffen wird, lebend auf Lesbos anzukommen. In Berlin werden sich Amal und Hammoudi wiederbegegnen: zwei Menschen, die alles verloren haben und nun von vorn anfangen müssen. [© Text und Cover: Aufbau Verlag]

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Zum Thema Flüchtlinge sind in letzter Zeit sehr viele Publikationen erschienen. Aber trotz dieser Schwemme ist es wichtig, sich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen, das unsere Gesellschaft zu spalten scheint und die Europäische Gemeinschaft auf eine harte Probe stellt. Im Gegensatz zu den nackten Zahlen und anonym wirkenden Fakten der Nachrichtensendungen sind es Biografien oder Romane wie „Gott ist nicht schüchtern", die einen Blick auf die Einzelschicksale und auf die Hintergründe gewähren.

Hammoudi kehrt nach seinem Medizinstudium in Frankreich mit einem Arbeitsvertrag einer der besten Pariser Kliniken im Jahr 2011 in seine Heimat Syrien zurück, um seinen Pass verlängern zu lassen. Diese Formalität verbindet er mit einem Wiedersehen mit Familie und Freunden. Er geht davon aus, dass er in Kürze wieder zurückfliegen wird in sein gewohntes Leben und zu seiner Freundin. Das lässt die Willkür der syrischen Behörden allerdings nicht zu, seine Ausreisegenehmigung wird kurzerhand und ohne Begründung gestrichen. Als in Tunesien und Ägypten der sogenannte „Arabische Frühling" seinen Anfang nimmt, kommt es auch in Syrien zu Demonstrationen. Hammoudi gerät inmitten der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Protestierenden und dem Militär. Als Arzt sieht er sich verpflichtet, zu helfen. Da es verboten ist, die Demonstranten medizinisch zu versorgen, begibt er sich unter ständiger Lebensgefahr in den Untergrund.

„Vor Hammoudi steht ein kleiner Junge mit einer dunklen Lockenmähne und blauen Augen. Der Junge starrt ihn an und fragt ihn schließlich: »Werden wir sterben?« Hammoudi muss schlucken, dann versucht er, Zuversicht in seine Stimme zu legen und antwortet: »Nein« »Kannst du etwas tun?« Hammoudi schüttelt den Kopf. »Weißt du, es ist nicht schlimm, wenn wir sterben, ich will nur nicht zurück«, sagt der Junge." (S. 260)

Auch Amal nimmt an den Demonstrationen gegen das Regime teil. Wie so viele andere hat sie genug von der Willkür und Ungerechtigkeit des Assad-Clans. Der Überwachungsapparat ist allerdings massiv. Amal gerät ins Visier der Fahnder. Nur knapp und mit viel Bestechungsgeld kann sie dem Gefängnis entkommen.

„In der Minute, die sie brauchen, um die schmale Treppe ihres Hauses hochzukommen, malt Amal sich aus, was sie heute verlieren könnte: ihre Wohnung, Geld, Schmuck, Zähne, ihre Würde, ihre Freiheit, ihr Leben. Sie beschließt, überhaupt nicht mehr zu denken oder zu fühlen. Sie ist nicht traurig. Sie ist nicht ängstlich. Sie ist nicht wütend. In ihr sind keine Gefühle mehr." (S. 118)

Olga Grjasnowa verknüpft die Wege der beiden Hauptfiguren locker miteinander. Dadurch sind es zwei Schicksale, die wir in ihrem Roman verfolgen können. Hautnah erleben wir mit, wie schnell es vorbei sein kann mit der gewohnten Existenz. Plötzlich hängt das Leben an einem seidenen Faden. Um die Macht zu behalten gehen die Regierenden skrupellos gegen die eigene Bevölkerung vor. Es gibt immer wieder Stellen im Buch, die nur schwer zu ertragen sind. Die Autorin benutzt dabei einen nüchternen und unsentimentalen Schreibstil. Gerade das wirkt auf mich sehr eindringlich und aufwühlend.



Ich kann mir durch „Gott ist nicht schüchtern" annähernd ein Bild davon machen, wie es ist, wenn man seine Heimat verlassen muss - sich auf einen Weg ohne konkretes Ziel zu begeben, sich nirgends willkommen zu fühlen und sprachliche Barrieren überwinden zu müssen. Und dazu ständig diese unsägliche Angst vor Übergriffen, Gewalt und Gefängnis. Damit sollten sich die Zyniker beschäftigen, die diesen Menschen pauschal jede Hilfe verweigern wollen.

Persönliches Fazit

Olga Grjasnowa wirft mit ihrer klaren und unsentimentalen Sprache einen schonungslosen Blick hinter die Flüchtlingszahlen der Nachrichtensendungen. Mich hat sie damit sehr beeindruckt und auch aufgewühlt, ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. „Gott ist nicht schüchtern" ist ein herausragendes Buch zum Flüchtlingsthema.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner

Gott ist nicht schüchtern | Olga Grjasnowa | Aufbau Verlag
2017, gebunden, 309 Seiten, ISBN: 9783351036652
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[marcus]

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