Rezension: Fuchsteufelsstill | Niah Finnik

Montag, 8. Mai 2017 7 Kommentare





Die siebenundzwanzigjährige Juli steht mitten im Leben – manchmal sogar ein bisschen zu sehr. Sie ist Autistin und jeder Tag bedeutet eine gewaltige Masse an Emotionen, die es zu meistern gilt. Als Juli nach einem missglückten Suizidversuch auf eine psychiatrische Station kommt, trifft sie dort auf die überschwänglich-herzliche Sophie und auf Philipp, der mal mehr und mal weniger er selbst, aber stets anziehend für Juli ist. Die drei nehmen Reißaus und verbringen ein gemeinsames Wochenende, nachdem nichts mehr so ist wie zuvor. [© Text und Cover: Ullstein Verlag]

[trennlinie]

Einen geregelten Alltag mit einer dosierten Anzahl an Begegnungen, abends immer zu Hause, das ist das Leben, das Juli braucht, um ihre Ängste einigermaßen kontrollieren zu können. Zwei Monate nach ihrem Selbstmordversuch bekommt sie einen Platz in einer psychiatrischen Klinik, in der sie tagsüber an verschiedenen Therapieformen teilnehmen kann. Es fällt ihr besonders schwer, so etwas Neues und Unbekanntes mit vielen Fremden anzugehen. Juli funktioniert nicht so wie „normale" Menschen. Ihr Verstand folgt seiner eigenen Logik.

„Meine Gedanken rannten völlig kreuz und quer umher, kamen außer Atem, oft rempelten sie sich gegenseitig an, und wenn sie meinen Mund erreichten, sahen sie sich verwundert um und suchten ihr Ende, das längst auf der Strecke liegen geblieben war. Laut ausgesprochen, fanden sie das Ende manchmal wieder. Oder sie entdeckten etwas Neues." (Kap. 5)

In der Klinik lernt sie Sophie und Philipp kennen. Völlig gegen ihre Gewohnheiten macht sich Juli mit den beiden am therapiefreien Wochenende zu einem Trip durch Berlin auf. Eine Autistin, eine Bipolare und ein Schizophrener bilden ein sehr ungewöhnliches Trio. Genauso ungewöhnlich gehen sie miteinander und mit anderen um. Das ist erfrischend anders, aber kann das gutgehen?

Ich kann mir das kaum vorstellen wie es ist, wenn das Gehirn ständig Vollgas gibt. Niah Finnik schafft es mit ihrem Buch aber, mir die abstrakte Denkweise einer Autistin näherzubringen und mein Verständnis dafür zu vergrößern. Sie ist dabei eine nüchterne Beobachterin. Gerade dadurch, dass sie nichts romantisiert, wirkt der Text auf mich glaubhaft und echt. Wie schwer muss es schon als Kind sein, wenn man versucht, wie die anderen zu sein, das aber nicht schaffen kann, und seine eigenen und die Erwartungen der Familie zu enttäuschen? Es ist eine schwere Aufgabe, einen Weg zu finden, um mit dem Wissen, anders zu sein und dass andere die Denk- und Handlungsweisen nicht nachvollziehen können, zurecht zu kommen.










Wo ist die Grenze zwischen „normal" und „verrückt"? Das ist eine zentrale Frage, die die Autorin stellt. Gibt es „Normale" überhaupt? Wir agieren doch alle hin und wieder irrational. Es gibt zweifellos viel mehr Menschen mit psychischen Störungen, als man meint, ist das doch etwas, das man besser unter Verschluss hält, denn anders als bei körperlich sichtbaren Krankheiten fehlt dabei oft das Verständnis. Als wenn der Betroffene selber Schuld wäre daran. 

„Manchmal kam es mir auch so vor, als wären die Kranken die Gesunden. Die, die vor den Defiziten der Gesellschaft in die Knie gingen." (Kap. 6)

Herrlich entwaffnend, wie Niah Finnik mit einer Prise Humor den „Normalen" den Spiegel vorhält, in dem sie die weit verbreitete Krankheit mit der höchst wissenschaftlichen Bezeichnung „Intolerantitis" vorhält! 

Persönliches Fazit

„Fuchsteufelsstill" ist kein Buch, das man mal so eben kurz wegliest. Dafür sind die Julis Gedankengänge zu komplex. Niah Finnik hat aber eine Balance gefunden, dass ich denen durchaus folgen kann und einen Einblick in ihre Welt gewinne. Für mich ist ihr Roman eine Bereicherung!

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Fuchsteufelsstill | Niah Finnik | Ullstein Verlag
2017, ebook, 304 Seiten, ISBN: 9783843714921
Buch bestellen bei Amazon.de*


*Affiliate Link


[marcus]

Kommentare:

  1. Mir hat das Buch sehr gefallen. Schöne Rezension.

    Liebe Grüße,
    Yvonne

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, liebe Yvonne.
      Freut mich, dass dich dieses ungewöhnliche Buch auch begeistern konnte.

      Viele Grüße,
      Marcus

      Löschen
  2. Hallo,
    schön besprochen! Empfand ich auch so. Es ist zwischenzeitlich verwirrend gewesen, der Handlung folgen zu können. Aber eine sehr süffige, poetische Schreibe. Und ein interessanter Blick auf das Thema Angst und Nervenkrankheit.

    Viele Grüße,
    Sandy

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Sandy,
      ich finde auch, dass der Blickwinkel interessant ist. Dass die Betroffenen eben nicht als "Irre" abgestempelt und weggesperrt werden sollten, sondern von anderen und auch von sich selbst so angenommen werden sollten, wie sie sind, mit allem, was bei ihnen anders ist. Das hat Niah Finnik gut hinbekommen.

      Herzliche Grüße,
      Marcus

      Löschen
  3. Hey Marcus!
    Tolle Rezension, das Buch befindet sich auf meiner Wunschliste und ich möchte es bald lesen. Die Thematik finde ich richtig interessant, insbesondere wegen meines Berufes in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo Autismus nicht fremd ist.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Nicci,
      danke für das Lob! Da hast du ja eine professionellere Sicht auf das Thema. Ich finde, Niah Finnik geschafft, dass ich so einiges von den Gedankengängen eines Autisten nachvollziehen kann. Bis gespannt, ob du es dann genauso siehst.

      Viele Grüße,
      Marcus

      Löschen
    2. Darauf bin ich auch sehr gespannt! Vielleicht kann ich sogar etwas für den Job mitnehmen, im Idealfall.

      Alles Liebe!

      Löschen

Wir freuen uns, wenn ihr unsere Beiträge kommentiert, denn dadurch wird dieser Blog lebendig! Bitte habt Verständnis, dass Beiträge vorab geprüft werden, um Spam zu verhindern. Daher kann es einen Moment dauern, bis Kommentare sichtbar werden. Lieben Dank.