Rezension: Ein Mann der Tat | Richard Russo

Dienstag, 6. Juni 2017 0 Kommentare

Ein entlarvender Blick hinter die Fassaden einer Kleinstadt


In North Bath passiert normalerweise nicht viel. Die Einwohner der Stadt gehen ihrer Arbeit nach und abends in die Kneipe. Ihr Leben verläuft geordnet, und ein Tag ohne besondere Ereignisse ist ein guter Tag. Doch an diesem Memorial-Day-Wochenende ist alles anders. Ein Gebäude stürzt ein, eine Giftschlange entkommt, ein Grab wird geschändet. Die Stadt ist in Aufruhr – und Chief Raymer versucht, Ordnung in das verheerende Chaos zu bringen. [© Text und Cover: Dumont Verlag]

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Bath ist eine ziemlich durchschnittliche Kleinstadt in den USA. Nachdem ihre gesundheitsfördernden Quellen versiegt sind, ist sie in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht. Neidisch schauen die Einwohner auf die Nachbarstadt Schuyler, die mehr zu bieten hat und einfach hipper ist. Genau das macht auch die Bewohner von Bath aus, zumindest die, die wir kennenlernen. Sie sind nicht gerade auf der Gewinnerstraße unterwegs. Sie scheinen eher durchs Leben zu stolpern, unter ständigem Bemühen, sich über Wasser zu halten.

So geht es auch dem Polizeichef Douglas Raymer. In so einer Position erwartet man einen gestandenen, selbstbewussten Mann. Was nach außen so scheinen mag, sieht in seinem Inneren ganz anders aus. Er ist ein verunsicherter Mann voller Selbstzweifel, der sich in seinem Job überfordert fühlt. Über den Tod seiner vor einem Jahr gestorbenen Frau ist er noch lange nicht hinweggekommen. Was aber wirklich an ihm nagt ist, dass sie eine Affäre hatte, und er nicht weiß, mit wem. Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, dass er herausfinden will, wer der Kerl ist. Die Entscheidungen, die er dabei trifft, sind nicht immer die klügsten, aber er macht das aus voller Überzeugung.








Donald Sullivan bekommt vom Arzt die vernichtende Diagnose, dass er maximal noch zwei Jahre zu leben hat. Zeit für den ehemaligen Soldaten, sein Leben zu hinterfragen. Hätte er mehr daraus machen müssen? Eigentlich war er doch immer zufrieden damit, nach einem Arbeitstag mit seinem Kumpel Rub abends in der Kneipe ein paar Biere zu heben. Seinen Gesundheitszustand behält er für sich, nicht einmal seinem Sohn oder seinem Enkel erzählt er davon. Typisch für ihn: als er unerwartet ein Haus erbt, lässt er seinen Sohn dort wohnen, ihm selbst genügt ein Wohnwagen. Aber völlig selbstlos ist er dann doch nicht: die Affäre mit einer verheirateten Frau schadet dann doch wohl zumindest ihrem Ehemann. Ob das gutgeht?






Spätestens nach der Hälfte des Buchs fällt mir auf, dass nicht so sehr die Handlung im Mittelpunkt steht, sondern die vielfältigen Charaktere, ihre inneren Konflikte und ihre Beziehungen zueinander. Ob mehr oder meist weniger schlaue Kleinkriminelle, ein Frauenheld und erfolgloser Bauunternehmer, der den Anforderungen seiner Eroberungen nicht mehr gerecht werden kann oder die Mutter, die ihre Tochter vor ihrem gewalttätigen Exmann schützen will – alle kämpfen sie sich durch ihren Alltag als Glücksritter der meist eher erfolglosen Art. 

„Sie hatte Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass sich die meisten anderen Leute auch nicht gut fühlten, dass der Gang der Welt offenbar darauf abzielte, einem das Gefühl zu geben, man sei eine einzige Enttäuschung, dass man nie wirklich irgendwelche Erwartungen erfüllen könne." (S. 469)

Wie Richard Russo seinen Protagonisten in die Köpfe und Herzen sieht, ist von beeindruckender Intensität. So nah fühle ich mich den Helden eines Buchs nur selten. Er lässt mit seiner unkomplizierten aber präzisen Sprache die Stadt zum Leben erwachen, mit allem was dazu gehört: Hoffnungen, Ängste, Leidenschaften, Resignation etc. Das ganze wird mit einer Prise Humor und einigen philosophischen Anwandlungen abgerundet.

Persönliches Fazit

Richard Russo ist ein feinsinniger Beobachter und großartiger Erzähler. Trotz des Umfangs des Buchs wurde es mir zu keinem Zeitpunkt langweilig. Ich konnte mich kaum davon lösen, die scheinbar so gewöhnlichen und doch so interessanten Bewohner seiner Kleinstadt zu begleiten. 


© Rezension: 2017, Marcus Kufner

Ein Mann der Tat | Richard Russo | Dumont Verlag
2017, gebunden, 688 Seiten, ISBN: 9783832198428
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
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[marcus]



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