Rezension: Schwesterherz | Kristina Ohlsson

Dienstag, 11. Juli 2017 1 Kommentar

Wie ein Detektivfilm in Farbe


Staatsanwalt Martin Benner will Bobby Tell eigentlich schnellstmöglich wieder loswerden: Dieser ungepflegte, nach Zigaretten stinkende Kerl wirkt erst mal wenig vertrauenswürdig. Sein Anliegen ist nicht weniger prekär: Tells Schwester Sara - eine geständige fünffache Mörderin, die sich noch vor der Verfahrenseröffnung das Leben nahm - soll unschuldig gewesen sein, und Benner soll nun posthum einen Freispruch erwirken. Vor Gericht hätte die Beweislage damals nicht mal ausgereicht, um Sara zu verurteilen, doch unbegreiflicherweise legte sie ein umfassendes Geständnis ab und konnte sogar die Verstecke der Tatwaffen präzise benennen. Benners Neugier ist geweckt, und er nimmt das Mandat an ... [Text & Cover: © Limes Verlag]

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Ein verwahrlost wirkender Mann betritt das Büro eine Detektivs, der den Anschein einer bürgerlichen Existenz mit einem gefüllten Auftragsbuch zu wahren sucht, und bittet diesen, einen delikaten Fall zu übernehmen. 

Üblicherweise beginnt auf diese Weise ein Schwarzweißfilm aus dem Genre Hardboiled, und der Detektiv wird von Humphrey Bogart verkörpert. Tatsächlich wehrt sich die Autorin nicht gegegen diese Assoziation, so beginnt das erste Kapitel gleich mit "Bobby brachte das schlechte Wetter mit." (S. 9) und weiter:

"Ich erkenne ein Problem, sobald ich es vor Augen habe. Und in dem Augenblick, als ich Bobby zum ersten Mal vor Augen hatte, wittere ich auf der Stelle Unrat." (S. 9)

Gut, im Fall von Kristina Ohlssons Roman "Schwesterherz" liegt das Büro in Stockholm, und sein Eigentümer ist ein wohlsituierter Anwalt namens Martin Benner. Die Figur erinnert jedoch in ihren Grundzügen an Privatdetektive aus der Feder von Raymond Chandler, nur eben in Farbe. Als Erzähler in der ersten Person pflegt er eine straßentaugliche Sprache mit Formulierungen wie "Schotter auf der hohen Kante" haben und führt mit einem befreundeten Polizisten schlüpfrige Gespräche im gedämpften Licht eines Nachtclubs. Er fährt einen Porsche und verführt junge Frauen, an deren Vornamen er sich am Morgen nach der Eroberung nur mehr schwer erinnern kann. Kurz: Martin Benner ist als Identifikationsfigur ähnlich reizvoll wie James Bond, jedoch mit erheblich reduziertem Berufsrisiko. 

Gleichzeitig hat er aber noch eine andere Seite aufzuweisen: Als Adoptivvater eines vierjährigen Mädchens ist er auch tagtäglich mit elterlichen Sorgen wie der kindgerechten Gestaltung eines Samstagnachmittags oder der angemessenen Reaktion auf eine plötzliche Erkrankung.konfrontiert. Parallel zur geographischen Reise über einen Ozean begibt sich Benner auch auf eine innerliche, der spannungsgeladene Höhepunkt der Geschichte stellt auch für seine Persönlichkeit einen Wendepunkt dar. Als Belle, seine Tochter, bedroht wird, sind alle amourösen Abteneuer nebensächlich, die sich abzeichnende charakterliche Wandlung ist endgültig vollzogen. Jedoch handelt es sich dabei jedoch nicht um eine fundamentale Veränderung der Persönlichkeit, keine plakative Läuterung vom Saulus zum Paulus, wie sie aus viele Geschichten bekannt ist. Vielmehr läßt die Autorin eine Neugewichtung bereits vorhandener Mermale beobachten und verzichtet damit angenehmerweise auf schwer verdaulichen Zuckerguß. 

Zusätzlich zum behutsamen Umgang mit ihren Figuren, trägt auch das gewählte Erzähltempo zur Glaubwürdigkeit bei: Obwohl es eine logische Notwendigkeit der Geschichte ist, daß Benner sich des Falles der verurteilten Mörderin annimmt, fällt ihm seine Entscheidung nicht leicht. Seitenlang wägt er Für und Wider ab, recherchiert heimlich und wird erst dann aktiv, als er durch eine persönliche Verstrickung regelrecht in den Fall gezwungen wird. Von ungeduldigen Lesern wird die Autorin wohl kein Lob ernten, mit diesem langsamen Spannungsaufbau errichtet sie jedoch ein Fundament, das auch das Gewicht einer komplexen Geschichte mit ihren zahlreichen Wendungen trägt. 

Wie die Akte eines Theaterstücks strukturieren Interviews von Martin Benner mit einem Journalisten, die zeitlich nach der Handlung angesiedelt sind, den Roman. Durch diese erzwungenen Pausen wird einerseits jedesmal ein neuer Kontext geschaffen, andererseits ergibt sich eine interessante Ambivalenz im Informationsstand der Hauptfigur: Während er als Ich-Erzähler jeweils nur über situatives Wissen verfügt, darf er die Ereignisse im Interview rückblickend aus einer breiteren Perspektive betrachten. Dies ermöglicht sowohl emotionale Bewertungen wie auch Vorausdeutungen, die den Leser zusätzlich auf die Folter spannen. Dem finalen Abschnitt ist beispielsweise folgender Kommentar vorangestellt: 

"Sie haben gefragt, was dann passierte, und ich habe geantwortet: Das Schlimmste. Das Allerschlimmste überhaupt." (S. 334)

Persönliches Fazit

Kristina Ohlsson schreibt, daß man ihr die Biographie eines Don Winslow andichten möchte. In "Schwesterherz" baut sie Spannung hollywoodeffektfrei, ohne Abkürzungen und eindringlich auf, bis sie sich ... dann doch nicht entlädt, sondern mit Ungeduld auf den zweiten Teil der Reihe warten läßt.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner

Schwesterherz | Krstina Ohlsson | Limes VerlagAus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
2017, Paperback, 480 Seiten, ISBN: 978-3-8090-2663-1


[wolfgang]

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