Der Buchblog-Award 2017 - wir zählen auf Dich // ACHTUNG UPDATE!!!

Dienstag, 29. August 2017 2 Kommentare

::: UPDATE 05.09.2017 ::: 

Liebe Leser, wir möchten Euch mitteilen, dass wir zurückgetreten sind von unserem Platz auf der Longlist. Die Veranstalter sind informiert und unsere Votes werden nicht mehr gewertet. Das hat einige Gründe, vor allem Persönliche. Wir schreiben bei Gelegenheit ausführlicher dazu. Aktuell wünschen wir allen Teilnehmern viel Erfolg und drücken die Daumen!
Vielen Dank für Euer Verständnis. Und keine Sorge, hier ist alles in Ordnung! :-D 

„Happiness is a cup of Coffee and a really good Book.“ 


Wir leben dieses Zitat in vollen Zügen, geniessen das Lesen und sind immer auf der Suche nach DEN besonderen Buchperlen in dieser fabelhaften Welt der Bücher. Wir stöbern in den verschiedensten Genres und entdecken immer wieder tolle Schätze für Euch. Lesen fasziniert uns, bereichert uns, fordert uns. Geschichten nehmen uns mit auf eine Reise voller Abenteuer rund um die Welt und darüber hinaus, lassen uns diese Welt besser verstehen, erweitern unseren Horizont, bringen uns zum Lachen und zum Weinen und erlauben uns eine Auszeit aus dem Alltag. Und genau dies möchten wir auch Dir hier im BücherKaffee vermitteln. 

Wenn Du Dich hier wohl fühlst, Dir schöne Buchtipps mitnehmen kannst und wir Dir im hektischen Alltag Lust auf ein wenig Auszeit mit Genuss machen können - dann freuen wir uns sehr über Deine Stimme für das BücherKaffee. Merci!

HIER geht es ab 01.09.2017 zur Abstimmung für die Shortlist des Buchblog Awards 2017

Ein paar Informationen rund um den Buchblog-Award

Was ist das überhaupt - der #bubla17? 

Der Hashtag #Bubla17 steht für „Buchblog-Award 2017“ 
In diesem Jahr wird auf der Frankfurter Buchmesse erstmals ein Buchblog-Award für einen deutschsprachigen Blog vergeben. Initiatoren sind NetGalley und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die mit diesem Award auf das breite Spektrum der Buchblogs hinweisen und ihr besonderes Engagement honorieren möchten. Prämiert wird ein Blog, der Literatur auf besondere Weise vermittelt und seine Zielgruppe charakteristisch anspricht. Ein Sonderpreis wird für einen Vlog, Instagram-Account oder Podcast zum Thema Bücher vergeben. Die Preisverleihung findet am 13. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse statt.

Und wie kann man da nun teilnehmen? 

Alle, die über Bücher bloggen, youtuben, instagrammen oder podcasten waren bzw. sind noch bis zum 30.August herzlich dazu aufgerufen, ihre Bewerbung für den Buchpreis-Award 2017 einzureichen. Wer die vorgegebenen Bewerbungskriterien erfüllt, erhält einen Platz auf der Longlist.

Welche Kriterien müssen erfüllt sein? 

  • Der Blog, Youtube-Kanal, Instagram-Account oder Podcast ist deutschsprachig und beschäftigt sich hauptsächlich mit Büchern 
  • Er besteht seit mindestens 6 Monaten. 
  • Zwischen Dezember 2016 und Juli 2017 wurden auf ihm mindestens 15 Beiträge veröffentlicht. (6 Beiträge bei Podcasts und Vlogs) 
  • Der letzte Beitrag liegt zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht mehr als einen Monat zurück. 
  • Der/Die Teilnehmerin ist mindestens 16 Jahre alt und wohnt in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. 

Und was passiert, wenn man es auf die Longlist geschafft hat? 

Je Kategorie (also Blog/Vlog/Instagram/Podcast) sieben Longlist-Kandidaten schaffen den Sprung auf die Shortlist für den Haupt- und den Sonderpreis. Dies erfolgt über eine öffentliche Abstimmung - Leser und Fans unterstützen nun mit ihrer Stimme den jeweiligen Favoriten auf dem Weg zum Buchblog-Award 2017. Pro Blog kann nur ein Mal abgestimmt werden. Die Abstimmung endet am 11. September 2017.

Die Shortlist steht - und dann? 

Dann kommt eine fünfköpfige unabhängige Jury ins Spiel, die die Gewinner bestimmen. 
Jeder der fünf Experten bringt individuelle Erfahrungen aus den verschiedenen Bereichen der Buch- und Medienwelt in die Entscheidungsfindung ein.
In der Jury sind: 
  • Felicitas von Lovenberg / Verlegerin Piper Verlag 
  • Sarah Reul / Buchhändlerin und Bloggerin 
  • Elisabeth Rank / Autorin und Redakteurin 
  • Dirk von Gehlen / Leiter Social Media / Innovation Süddeutsche Zeitung 
  • Frank Krings / PR Manager Frankfurter Buchmesse 

Und wann findet die Preisverleihung statt? 

Der Preis wird auf der Frankfurter Buchmesse vergeben. Die Preisverleihung findet am 13. Oktober 2017, 12 Uhr im Forum Börsenverein, Halle 3.1 H65 statt.


Eine persönliche Anmerkung des BücherKaffee-Teams: 
Wir freuen uns sehr, dass die Arbeit der Buchblogger auf diese Weise eine Anerkennung bekommt, dass NetGalley und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels so etwas möglich machen.
Diese Preisvergabe findet in diesem Jahr erstmalig statt und es wird sich erst in der Praxis zeigen, wie es sich entwickelt. Etwas Bauchschmerzen haben wir bekommen, als wir erfahren haben, wie die Abstimmung zur Shortlist verlaufen wird, denn letztlich wird es wohl auf eine große Stimmfang-Aktion hinauslaufen. Und genau das ist so gar nicht unser Ding … Wir lassen uns nun selbst überraschen und werden unsere Information zum Award auf diesen Beitrag beschränken.
Und natürlich freuen wir uns sehr für alle weiteren Teilnehmer und drücken allen die Daumen - denn sind wir ehrlich: hat nicht jeder, der Buchliebe verbreitet, diesen Award verdient? 



Bildquelle: www.kaboompic.com / Logo Buchblog-Award: www.buchblog-award.de 
[alexandra]

Rezension: Das Ohr des Kapitäns | Gisbert Haefs

Montag, 28. August 2017 4 Kommentare

Schlacht in der Karibik







Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs im Jahr 1713 erhalten englische Händler das Monopol für die Belieferung des spanischen Kolonialreichs in Südamerika mit schwarzen Sklaven. Eines Tages weigert sich der »Händler« Jenkins (de facto wohl Schmuggler), sich von der spanischen Küstenwache vor Kuba kontrollieren zu lassen, worauf der spanische Kapitän dem Zeternden kurzerhand das linke Ohr abschneidet. Als Jenkins das Beweisstück in London vorlegt, ist das in der aufgeheizten Stimmung für England Grund genug, mit dem größten Flottenaufgebot seit der Armada zu reagieren. Es kommt zum Kolonialkrieg in der Karibik. Der später berühmte Romanautor Tobias Smollett nimmt als junger Assistenzarzt an Bord eines britischen Linienschiffs an der Unternehmung teil. [© Text und Cover: Heyne Verlag]

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Es brodelt zwischen England und Spanien auf politischer Ebene Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Ungern beobachten die Engländer, wie die Spanier Mittel- und Südamerika ausbeuten und Unmengen von Edelmetallen und anderen wertvollen Gütern einsacken. Da braucht es nicht viel, um ein militärisches Eingreifen zu veranlassen, vor allem, wenn man sich überlegen fühlt. Da werden gern auch Dinge aufgebauscht, wie eben die Geschichte mit dem Ohr des englischen Kapitäns, um die Abneigung gegen den Rivalen zu schüren. Die Wahrheit biegt sich da schon sehr auf dem langen Weg über den Atlantik. So wird ein Ohr zum Politikum.

„Sie alle, dachte er, mochten von grausamen Spaniern, Schmähungen englischer Ehre und anderen Phantasmen faseln, bis ihnen der Geifer ihre Rüschenhemden durchtränkt hatte, aber er wußte, worum es ihnen wirklich ging: Geld. Sie gierten danach, den Reichtum von Spaniens Kolonien in die Hände zu bekommen." (S. 54)

Viele Jahre später trifft der spanische Kapitän Belmonte den irischen Fischer O'Leary, der ihm von einem Schatz aus Gold und Edelsteinen erzählt, den Schmuggler in der Nähe von Cartagena versteckt haben sollen. Ist das nur Seemannsgarn oder gibt es ihn wirklich? Sie suchen den Dichter Smollett in der Hoffnung auf, Details dazu zu erfahren. Denn der war damals bei der Schlacht um Cartagena als Arzt dabei und hat O'Learys Vater, der zu den Schmugglern gehörte, behandelt. Um die Erinnerungen aufzufrischen, erzählen sich Belmonte und Smollett von ihren Kriegserfahrungen. So erfahren wir als Leser sowohl von der spanischen wie auch von der englischen Seite von diesem entscheidenden Kampf um die Festung von Cartagena.






Für mich ist es bei einem historischen Roman wichtig, dass ich mir hineinversetzen kann in die Zeit und in die Gegebenheiten der jeweiligen Epoche. Gisbert Haefs gelingt das mit einer akkuraten und fundierten Art. Er erklärt die Zusammenhänge größtenteils angenehm straff und keineswegs lehrerhaft. Einzig der Bericht Belmontes über die Verteidigung Cartagenas war mir zu sachlich. Die seitenweise Aufzählung der Anzahl der vorhandenen Kanonen und anderen Details war mir etwas zu langatmig. Umso anregender ist dagegen das Treffen mit Smollett. Mit seiner schroffen Art macht er keinen Hehl daraus, dass er weder Spanier noch Iren leiden kann. Das führt zu einem herrlichen Schlagabtausch. Solche lebhaften Dialoge und die gut gezeichneten Persönlichkeiten machen den Roman lebendig.

Persönliches Fazit

„Das Ohr des Kapitäns" ist ein historischer Roman, der mit einigen guten Zutaten aufwartet: Intrigen, große Schlachten und sogar eine Schatzsuche findet statt. Trotz ein paar Längen konnte er mich mit seinen spitzfindigen Dialogen gut unterhalten und mit seiner geschichtlichen Genauigkeit überzeugen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Das Ohr des Kapitäns | Gisbert Haefs | Heyne Verlag
2017, gebunden, 400 Seiten, ISBN: 9783453269309
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Blumen der Nacht I V.C. Andrews

Freitag, 25. August 2017 1 Kommentar

38 Jahre später immer noch ein starkes Buch! 





Von der Außenwelt abgeschlossen, vergessen von der Mutter, leben Cathy, Chris und die Zwillinge Carrie und Cory jahrelang im Halbdunkel eines Dachbodens. Die Mutter hält ihre eigenen Kinder von der Außenwelt fern, aus purer Geldgier. Sie wird nicht erben, wenn der Großvater von der Existenz seiner Enkel etwas erfährt... [Text & Cover: © Edel Elements]

[trennlinie]

Bereits 1979 ist „Blumen der Nacht“ unter dem Original Titel „Flowers in the Attic" in den USA erschienen und brachte der bekannten Autorin V. C. (Virginia Cleo) Andrews den großen Durchbruch. Er ist der Auftakt einer fünfteiligen Famailiensaga - der Foxworth-Saga. Im Zeitraum von 6 weiteren Jahren erschienen „Wie Blüten im Wind“ (Petals on the Wind), „Dornen des Glücks“ (If there be thorns), „Schatten der Vergangenheit“ (Seeds of Yesterday) und „Gärten der Nacht“ (Garden of Shadows)

Mittlerweile kann man einige Bücher der Autorin - darunter eben auch die ersten drei Bände der Foxworth-Saga als Ebook im Edel Verlag erstehen und als ich dies sah, dachte ich sofort daran, wie sehr mir damals die Bücher gefallen haben.

Cover_VCAndrews_Foxworthsaga


Meine Mutter las schon gerne ihre Romane und die Foxworth-Saga stand daher auch in unserem Wohnzimmerschrank. Mittlerweile ist es über 20 Jahre her, dass ich diesen ersten Band „Blumen der Nacht“ zum ersten mal von ihr bekommen und gelesen habe. Ich war damals schon sehr begeistert von dem Buch sodass ich es nun gerne erneut lesen wollte. Das Leben der vier Geschwister Cathy, Chris, Carrie und Corry zog mich in den Bann, auch wenn es andererseits sehr beklemmend war. V.C. Andrews hatte ein Talent, ihre Leser an die Geschichte zu fesseln und man konnte sich in die Protagonisten hineinversetzen. Sie hauchte ihnen Leben ein, gab ihnen Ecken und Kanten und baute die einzelnen Charaktere sehr gut aus. Sie traf einen Nerv, denn ich litt regelrecht mit den Kindern, hasste mit ihnen zusammen die tyrannische und eiskalte Großmutter und war schockiert über das Verhalten der Mutter, die ihren eigenen Kindern solch etwas antun konnte, geleitet vom dem starken Wunsch nach Reichtum und Luxus. 

Nachdem der Vater bei einem schweren Autounfall ums Leben kommt, trifft die Mutter eine folgenschwere Entscheidung für die Zukunft der Familie. Sie ist nicht fähig, selbst für den Unterhalt aufzukommen und zieht mit den Kindern nach Foxworth Hall zu ihren eigenen Eltern. Da sie in den Augen des Großvaters etwas Unverzeihliches getan hat, muss sie erst wieder seine Gunst zurück gewinnen. Einerseits duldet er keine Enkelkinder, andererseits wartet da ein riesiges Vermögen als Erbe. Die Geschwister müssen sich daher auf dem stickigen Dachboden verstecken, werden aber von der Mutter beruhigt mit dem Hinweis, dass Großvater quasi schon im Sterben liegt. Seine Tage sind gezählt und nach seinem Tod ist alles wieder gut. Doch aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate … 

Das Leben der Kinder spielt sich nur noch in einem kleinen Zimmer samt angrenzendem Dachboden ab. Die Vorhänge sind zugezogen, die Fenster geschlossen, denn kein Laut darf nach draussen dringen. Das Essen wird ihnen morgens von ihrer fanatisch religiösen Großmutter gebracht, deren Strenge und Härte unnachgiebig ist. Es gibt viele Regeln, die nicht gebrochen werden dürfen, da sonst harte Strafen drohen. 

Cathy hält das triste Leben auf dem Dachboden, ihre Erlebnisse und Erfahrungen in einem Tagebuch fest. Sie ist es auch, die uns Lesern diese Erfahrungen erzählt und nahe bringt. Die schire Verzweiflung der Kinder ist fast spürbar, die Beschreibung ihres „Zuhauses“ lässt einen nach dem Wasserglas greifen, da man diese staubtrockene Luft beinahe selbst im Hals fühlen kann. Die Geschwister werden älter, verändern sich und versuchen, sich selbst zu helfen, sich am Leben zu erhalten und sich weiter zu entwickeln, so gut ihnen das eben irgendwie möglich ist. Nicht allen gelingt das … 

Geschwisterliebe, das Erwachsenwerden, Familie und Zusammenhalt - all das sind Themen, die in „Blumen der Nacht“ aufgegriffen werden. Aber zentrales Thema ist Reichtum, Macht und Machtmissbrauch. Wie sehr beeinflusst Geld den Charakter. Wie weit würde jemand tatsächlich gehen, dem großer Reichtum winkt. Wiegt viel Geld gegen die Liebe, gegen die Familie auf? 

Persönliches Fazit

Blumen der Nacht ist ein wahrlich sehr gelungener Auftakt der Foworth-Saga, die einen mitreisst. Man durchlebt eine Achterbahn der Emotionen und dennoch kann man das Buch kaum aus der Hand legen. Beklemmend und doch auch in eine gewissen Weise faszinierend. V.C. Andrews hat mich mit diesem Buch stark beeindruckt - damals wie heute! 

>> Ein Eindruck zum zweiten Band „Wie Blüten im Wind“ folgt. 


© Rezension: 2017, Alexandra Stiller


Blumen der Nacht I V.C. Andrews I Edel Verlag
Übersetzung: Michael Görden
2016, EBook, 432 Seiten, ISBN: 978-3-95530-848-3
Buch bestellen bei Amazon.de [Affiliate Link]

[alexandra]

Rezension: Der Junge auf dem Berg | John Boyne

Donnerstag, 24. August 2017 4 Kommentare



Als Pierrot seine Eltern verliert, nimmt ihn seine Tante zu sich in den deutschen Haushalt, in dem sie Dienst tut. Aber dies ist keine gewöhnliche Zeit: Der zweite Weltkrieg steht unmittelbar bevor. Und es ist kein gewöhnliches Haus: Es ist der Berghof – Adolf Hitlers Sommerresidenz. Schnell gerät der Junge unter den direkten Einfluss des charismatischen Führers. Um ihm seine Treue zu beweisen, ist er zu allem bereit – auch zum Verrat. [© Text und Cover: Fischer Verlag]

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Nach dem Bestseller „Der Junge im gestreiften Pyjama" begibt sich John Boyne mit „Der Junge auf dem Berg" wieder in die Zeit, als die Nationalsozialisten Deutschland und Europa mit ihrer Terrorherrschaft überzogen. So wie damals wählt er auch jetzt wieder die Perspektive eines Jungen, der in einem gewissen Fenster mit wichtigen Ereignissen in Berührung kommt.

Pierrot ist sieben Jahre alt und lebt in Paris, als seine Mutter stirbt. Sein deutscher Vater hat die Familie, schwer traumatisiert von seinen Erlebnissen als Soldat im Ersten Weltkrieg, schon vor einiger Zeit verlassen. Über Umwege gelingt es, seine Tante Beatrix ausfindig zu machen, die als Hauswirtschaftlerin in Hitlers Berghof angestellt ist. Und weil der Herr Hitler so ein gutes Herz hat, darf sie ihren Neffen zu sich holen. So wird aus dem französischen Kind Pierrot ein deutscher Peter.










Pierrot kennt das, was er vom Führer hört, schon von seinem Vater: Deutschland soll wieder groß werden. Die schmachvolle Niederlage des Großen Krieges soll ausgemerzt werden. Pierrot ist eher klein für sein Alter und wurde deswegen in der Schule gehänselt. Jetzt sieht er die Möglichkeit, diese Wehrlosigkeit abzulegen. Unter dem Einfluss von Hitlers Ausstrahlung erliegt er der Verlockung, Macht über andere ausüben zu können. Wie so viele wird auch er in dessen Bann gezogen.

„je lauter er schlug, desto lauter jubelten die Menschen und rissen die Arme in die Luft, alle gleichzeitig, als wären sie ein einziges Wesen, das von einem einzigen Kopf gesteuert wurde, und riefen: »Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!« Pierrot saß in ihrer Mitte, und seine Stimme war genauso laut wie die aller anderen, seine Begeisterung genauso groß, sein Glaube genauso stark." (S. 226)

Dass ein Siebenjähriger nicht ganz versteht, was um ihn vorgeht, ist verständlich. Pierrot ist allerdings schon sechzehn, als Hitlers Herrschaft endet. Kann er sich da wirklich noch damit herausreden, dass er doch nur ein Kind war und nicht verstanden hat, was vorging? Nach alldem, was er bei den Treffen der Nazigrößen auf dem Obersalzberg mitbekommen hat? John Boyne stellt sehr differenziert die Frage der Schuld – stellvertretend für viele, die mitgemacht haben, ohne das Vorgehen in Frage zu stellen. Das Buch gibt damit eine Erklärung, wie es dazu kommen konnte, dass so viele diesem Treiben zugestimmt haben. Es ruft aber auch auf, solche populistischen Äußerungen zu hinterfragen und ist damit auch ein wichtiger Beitrag, sich mit aktuellen politischen Tendenzen auseinanderzusetzen.

Persönliches Fazit

Mit Pierrot können sicherlich hauptsächlich junge Leser mitempfinden. Aber nicht nur für die ist „Der Junge auf dem Berg" lesenswert und muss sich nicht hinter „Der Junge im gestreiften Pyjama" verstecken. Mich hat die Frage, wieviel Schuld Pierrot auf sich geladen hat, sehr beschäftigt. Das Buch ist ein gelungener Beitrag, um zumindest partiell zu erklären, wie es damals so weit kommen konnte und ist damit auch eine Mahnung, populistische Aussagen von heute zu hinterfragen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Der Junge auf dem Berg | John Boyne | Fischer Verlag
2017, gebunden, 304 Seiten, ISBN: 9783737340625
Aus dem Englischen von Ilse Layer
ab 12 Jahren
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Die Lieferantin | Zoë Beck

Dienstag, 22. August 2017 2 Kommentare

Auch Verbrecher gehen mit der Zeit


London, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Ein Drogenhändler treibt tot in der Themse, ein Schutzgelderpresser verschwindet spurlos. Ellie Johnson weiß, dass auch sie in Gefahr ist - sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert.
Die Sache hat nur einen Haken - die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will "Die Lieferantin" tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen - ihre Gegner sind mächtig, und sie lauern an jeder Straßenecke. [Text & Cover: Suhrkamp Verlag]

[trennlinie]

Die Zeitangabe am Beginn des Romans ist diffus: "London, vielleicht bald". Der Brexit, der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, ist gerade dabei, verarbeitet zu werden, nationalistische Kräfte, gut erkennbar in den Landesfarben rot, weiß und blau marodieren mit kaum verhaltener Aggression gegen Ausländer durch die Straßen der Metropole an der Themse, ein Gefühl von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit liegt beinahe greifbar in der Luft. Elektroautos, deren Einführung aktuell (Juli 2017) beschlossen wird, haben im Stadtbild ihre älteren Geschwister mit Verbrennungsmotoren vollständig verdrängt. Das öffentliche Netz der Überwachungskameras ist inzwischen so engmaschig geworden, daß jeder Winkel abgedeckt wird. Der Widerstand dagegen ist längst erlahmt, die Menschen haben sich damit abgefunden und agieren unter ständiger Beobachtung: 

"Wenn sich jemand die CCTV-Aufzeichnungen ansah, würde es aussehen, als hätte sie ein bestimmtes Ziel und sich anfangs nur verlaufen." (S. 68)

Dennoch würde es dem Werk nicht gerecht, es als Science-Fiction zu klassifizieren, vielmehr handelt es sich um eine Gesellschaftsutopie, die im Begriff ist, realisiert zu werden . Die Autorin charakterisiert den Lebensstil von Menschen, deren Selbstverständnis in einer modernen Urbanität begründet ist. Sie beziehen (TV-)Serien über Streaming-Dienste, benutzen Selftracking-Apps, um ihre Krankenversicherung gewogen zu stimmen und abstrahieren das Geschehen außerhalb der eigenen vier Wände durch wahllosen Nachrichtenkonsum:

"Alles schien weit weg. So als wären die Britischen Inseln in den Ozean getrieben und vergessen worden." (S. 95)

Die Isolation ist nicht nur geopolitischer Natur, sie hat sich tief in die Seelen gegraben. Der Handel mit Suchtgift floriert, doch nicht mehr Partydrogen und Aufputschmittel, sondern Opiate und beruhigende Substanzen zählen zu den beliebtesten Produkten der Dealer. In diese kollektive Lethargie platzen die Rotweißblauen, britische Nationalisten, die anfangs verstören, sich jedoch nach und nach in das Inventar der Stadt fügen. An dieser, vorwiegend aus dem studentischen Umfeld stammenden Gruppe, spiegelt die Autorin die schrittweise Eskalation der Geschichte selbst. Während sie am Beginn noch den Anschein skandierender Demonstranten wahren, sinkt ihre Hemmschwelle immer weiter. Sie pöbeln wahllos Passanten an und ziehen am Ende mordend und plündernd durch die Straßen.

Zentrales Thema des Romans ist der Handel mit Drogen und die kontroversielle Frage, ob es so etwas wie einen moralisch korrekten Umgang mit ihnen geben kann. Analog zum Brexit, steht ein Referendum zum "Druxit", zum Ausstieg aus der Kriminalisierung von Drogen und somit ihrer weitgehenden Legalisierung bevor. Ellie Johnson, die titelgebende Lieferantin, läßt ihre Kunden mit technologisch weit fortgeschrittenen Drohnen beliefern und legt größten Wert auf die hohe Qualität ihrer Ware. Ihr Bruder starb an verunreinigtem Heroin, mit den Erlösen aus ihren Geschäften finanziert sie die Kampagne zur Legalisierung, sowie eine Entzugsklinik. Ihre Absicht ist es also, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Ihre Motive sind ehrbar, ihre Methoden jedoch zweifelhaft. Die Autorin schildert Ellie als willensstark, entschlossen, hält sich jedoch weitgehend mit wertenden Einschätzungen zurück, sodaß es dem Leser überlassen bleibt, sie zu be- oder verurteilen.

Das Innovative an Ellies Geschäftsmodell ist die Übergabe der verbotenen Ware garantiert ohne persönlichen Kontakt. Autonome Fluggeräte kämpfen sich derzeit als Spielzeuge, Transportmittel, als Waffen und als Werkzeuge zur Überwachung in unseren Alltag, der entsprechende rechtliche Rahmen ist aktuell noch unvollständig und bestenfalls als Halbwissen bekannt. Der Umstand, daß aktuelle Technologie auch von Kriminellen verwendet wird, ist somit eine logische Konsequenz dieser Entwicklung, verleiht jedoch dem Roman seine besondere Originalität.

Die Menschheitsgeschichte ist geprägt von Übergangsprozessen, in denen bis dahin gültige Wahrheiten außer Kraft gesetzt werden. Jene Kräfte, die danach trachten, den bisherigen Zustand zu bewahren, finden sich auf einem Rückzugsgefecht, während jene, die von der Veränderung profitieren, ihre Chance ergreifen. So lange, bis auch sie zum Establishment werden und von der nächsten Generation abgelöst werden. "Die Lieferantin" spielt genau in einer solchen Zeit des Umbruchs. Der Brexit ist noch nicht in all seinen Konsequenzen wirksam, das Referendum zur Drogenlegalisierung nicht entschieden, und neue Technologien verändern radikal alte Märkte. Zwei Figuren verkörpern dabei extreme Positionen dieser Übergangszeit. Auf der einen Seite steht Walter Boyce, Oberhaupt einer der Unterweltfamilien, der über die neuen Methoden im Drogengeschäft wenig erfreut ist und seine Gegner ganz konservativ mit pikanten Informationen unter Druck setzt. Auf der anderen Seite steht die junge Mo Humphries, deren natürliches Biotop das Londoner Nachtleben ist und die mit ihrem analytischen Verstand die Drohnen der Lieferantin mit entwickelt. Durch ihre schwarze Hautfarbe ist sie den rassistischen Angriffen der Rotweißblauen besonders ausgesetzt. Zwischen diesen beiden findet sich eine überschaubare Menge von Figuren, die in ihren Biographien so geschickt plaziert sind, daß sie der Autorin ermöglichen, die Geschichte aus einer Vielzahl von Blickwinkeln zu erzählen.

Persönliches Fazit

"Die Lieferantin" ist vordringlich eine originelle Gangstergeschichte erzählt mit britischer Coolness, die in einer Situation gesellschaftlicher Anspannung spielt. Die melancholischen Zwischentöne einer beunruhigenden Gesellschaftsutopie wirken wie eine freundschaftliche Warnung der Autorin vor dem Ungewissen.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Die Lieferantin | Zoë Beck | Suhrkamp
2017, Taschenbuch, 324 Seiten, ISBN: 978-3-518-46775-6
Buch bestellen bei Amazon.de [Affiliate Link]

[wolfgang]  

Rezension: Die Wölfe kommen | Jérémy Fel

Sonntag, 20. August 2017 2 Kommentare

Nichts für schwache Nerven


Was verbindet einen Jugendlichen, der in den 70er Jahren in Kansas das Haus seiner schlafenden Eltern anzündet, einen New Yorker Stricher, der Jahrzehnte später den dreijährigen Sohn einer Kundin entführt, die Kellnerin in Indiana, die von einem grauenhaften Ereignis aus ihrer Vergangenheit eingeholt wird, und den Ehemann, der auf der anderen Seite des Atlantiks rasend vor Eifersucht seine Frau umbringt? Kapitel für Kapitel, Geschichte für Geschichte führt J. Fel den Leser hinein in ein beängstigendes Labyrinth: Im Epizentrum des von den USA bis nach Europa wabernden Bösen steht der Psychopath, eiskalte Mörder und Gangsterboss Walter Kendrick. [© Text und Cover: dtv Verlag]

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Wenn ich sehe, wie Daryl das Haus seiner Eltern anzündet und ihnen einen grausamen Tod beschert, läuft es mir schon kalt den Rücken runter. Da weiß man gleich, in welche Richtung dieses Buch geht. Menschen, die so emotionslos und ohne Mitgefühl morden, nennt man wohl Psychopathen. Von diesen ebenso abstoßenden wie faszinierenden Persönlichkeiten treffen wir in diesem Thriller gleich mehrere, jede mit einem anderen Hintergrund. Was sie gemeinsam haben, ist, dass ihre Hemmschwelle zum Töten sehr gering ist.

„Als er das hört, dachte er daran, wie ihn manchmal die Angst überkam, eines Tages selbst in der Klapse zu landen, denn wenn seine Eltern ihn aus irgendeinem Grund ausschimpften, bereitete es ihm bisweilen ein geradezu diabolisches Vergnügen, sich vorzustellen, dass die beiden dasselbe Schicksal ereilte wie die Eltern von Daryl Greer." (S. 253)



Was mir an Jérémy Fels Debüt sehr gut gefallen hat, ist die ungewöhnliche Struktur. Er erzählt mehrere Geschichten gleichzeitig, und das verteilt auf England, Frankreich und die USA. Da drängt sich mir die Frage auf, was die miteinander zu tun haben. Ein großes Finale, an dem die Fäden alle zusammenlaufen, bleibt allerdings aus. Die Verbindungen bleiben eher lose. Und doch scheint Daryls Tat im Jahr 1979 eine Art Auslöser gewesen zu sein. Das ergibt einen cleveren Plot, der alles andere als von der Stange kommt und mich zum Mitdenken herausfordert.



„Die Wölfe kommen" hat auf mich eine starke Sogwirkung. Das liegt zum einen an den packenden Ereignissen, aber auch an der gekonnten Schreibweise. Jérémy Fels weiß, wie man Spannung erzeugt. Ständig habe ich das Gefühl, dass gleich etwas Übles passiert, vor allem, wenn es sich gerade zum Guten zu wenden scheint. Genau das erwarte ich von einem guten Thriller. Für mich darf es in einem Buch auch mal härter zur Sache gehen, mit ein paar brutalen Szenen wartet der Roman schon auf. Das allerdings nicht, um Gewalt zu verherrlichen, sondern um Abscheu davor hervorzurufen. Bei mir hat das jedenfalls funktioniert. Wenn ich mir vorstelle, dass es Leute unter uns geben könnte, die ein solches Potenzial haben und man es ihnen nicht ansieht, erzeugt das bei mir Gänsehaut.

Persönliches Fazit

„Die Wölfe kommen" ist ein harter Thriller, der mich mit seiner ungewöhnlichen Struktur und seiner packenden Erzählweise sehr fesseln konnte. Ein überzeugendes Debüt.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner

Die Wölfe kommen | Jérémy Fel | dtv Verlag
2017, broschiert, 400 Seiten, ISBN: 9783423261432
Aus dem Französischen von Anja Nattefort
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Das Leben des Vernon Subutex | Virginie Despentes

Donnerstag, 17. August 2017 5 Kommentare



Wer ist Vernon Subutex? Eine urbane Legende, der letzte Zeuge einer Welt von Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Gerade noch ein Plattenladenbesitzer mit Erfolg und besten Kontakten, steht er jetzt auf der Straße und quartiert sich mithilfe von Facebook und einer Notlüge bei alten Freunden und Weggefährten ein – und er beginnt eine Reise zu den Abgründen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Es entsteht ein Sittengemälde, das kein gesellschaftliches Thema unberührt lässt, die Islamismusdebatte ebenso wenig wie den Aufstieg der Rechten. [© Text und Cover: Verlag Kiepenheuer & Witsch]

[trennlinie]

Es ist sicher nicht einfach sich beruflich völlig neu auszurichten, wenn man schon auf die fünfzig zugeht. So geht es zumindest Vernon, für den sein Plattenladen seine Existenz bedeutete. Seine Versuche, anderweitig Fuß zu fassen, sind nur halbherzig, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihm das Geld ausgeht. Er hat nicht die Energie, sich gegen die Pleite und damit auch gegen den Rauswurf aus der Mietwohnung zu wehren.

„Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, erst war es wie in Zeitlupe, dann legte der Absturz an Tempo zu. Aber Vernon hat weder die Gleichgültigkeit noch die Eleganz aufgegeben." (S. 7)



Wenigstens hat er durch seinen Laden jede Menge Bekannte und Freunde, auf die er sich jetzt besinnt. Die meisten sind gerne bereit, ihm für ein paar Tage eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten. Es ist tatsächlich eine ziemlich große Zahl von Leuten, die wir auf diesem Weg kennen lernen. Mit ihnen erhalten wir quasi einen Querschnitt durch die französische Gesellschaft. Wir treffen rechte Schläger, ein Mädchen, das zum Islam konvertiert ist, ehemalige Pornodarstellerinnen, Obdachlose, einen stinkreichen Wertpapierhändler, Filmemacher und viele mehr. Das spannende daran ist, dass die Autorin uns mitnimmt in die Gedankenwelt dieser Protagonisten, und das auf schonungslose Weise. Da gibt es so einiges, was die Grenzen der Political Correctness deutlich hinter sich lässt. Sozusagen „dem Volk auf Maul geschaut". Das ist schon schmerzhaft, wenn es beispielsweise rassistisch wird, verdeutlicht aber ausgezeichnet, was tatsächlich in den Köpfen mancher Zeitgenossen vor sich geht. Dass Virginie Despentes die Charaktere dabei nicht überzeichnet, macht sie enorm authentisch.

„Sie sagen, integriert euch, und zu denen, die es versuchen, sagen sie, ihr seht doch, dass ihr nicht zu uns gehört." (S. 258)





Zu dem Roman könnte man eine wunderbare Playlist kreieren, denn die Personen werden meistens über ihren Musikgeschmack definiert. Ich hätte die Bandnamen mitschreiben sollen, die Atmosphäre wäre bestimmt noch intensiver, wenn die passende Musik nebenher läuft. Es ist außerdem spürbar, dass wir uns in Paris befinden. Eine solche Vielfalt verschiedener Menschen findet sich nicht an vielen Orten. Auch wenn das Buch die französische Gesellschaft im Blick hat, gibt es so einiges, was auch bei uns aktuell ist, wie das Erstarken der Rechten oder die Integration von Flüchtlingen. Es gibt aber auch viele Emotionen zwischen den Protagonisten, Leidenschaften und Enttäuschungen, Erfolg und Unglück, einfach alles, was das Leben ausmacht. Virginie Despentes erzählt das mit einer hohen sprachlichen Präzision, scharfsinnig, entlarvend und ohne Schnörkel. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Da ist es für mich eine gute Nachricht, dass Vernon Subutex' Geschichte mit einem zweiten Buch weiter gehen wird.

Persönliches Fazit

Virginie Despentes hält uns ungeschminkt den Spiegel vor, ohne dabei den Zeigefinger zu heben. Ihren erfrischend frechen und schonungslosen Schreibstil fand ich sehr ansprechend. „Das Leben des Vernon Subutex" ist eine scharfsinnige und sehr lesenswerte Reflexion der französischen Gesellschaft.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Das Leben des Vernon Subutex | Virginie Despentes | Verlag Kiepenheuer & Witsch
2017, gebunden, 400 Seiten, ISBN: 9783462048827
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Aus der Küche: Pure Life. Rezepte, Yoga, Meditation | Simone Wille

Montag, 14. August 2017 2 Kommentare

Ein Kochbuch für ein gelassenes Leben voller Genuss. 


Natürlich kochen, bewusst genießen, gelassen leben: Pure Life begleitet dich durch den Tag. Neben einer Fülle von vegetarischen Rezepten für jede Jahreszeit, sorgen sanfte Yogaübungen und kurze Meditationen dafür, dass du morgens aufgeweckt, nachmittags motiviert und abends entspannt bist. Nimm dir Zeit für dich!  [Text & Cover: © Hölker Verlag]

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Ich koche wirklich sehr gerne und in den meisten Fällen bedeutet für mich das Werkeln in der Küche Entspannung pur. Hier kann ich abschalten, kann den stressigen Tag vergessen, während ich das Gemüse schneide - oder Frust abbauen, während ich den Teig knete. Während des Koch- bzw. Backprozesses reduziert sich alles auf genau eben diesen Prozess, alles andere rückt in den Hintergrund. 

Als ich dieses Kochbuch „pure life“ sah, war sofort klar, dass es ein Buch wie für mich gemacht ist. Für Simone Wille ist Kochen etwas Schönes, das ihr ein besonderes Wohlgefühl vermittelt. Ungestört in ihrer Küche experimentiert sie, genießt die Ruhe, verlässt sich auf ihre Kreativität und daraus entstehen frische, leichte Rezepte, die man sehr gut nachkochen kann, die man aber auch als Inspiration für eigene Kreationen hernehmen kann. Ihr Tipp: sich einfach entspannen beim Kochen, Mengenangaben und Rezepte nie allzu streng nehmen und sich auf seine Intuition verlassen. 

„Wir kochen, wir essen, wir fühlen - untrennbar verbunden.“ 

Kochen und Essen ist Genuss, Genuss lässt uns entspannen. Wenn man es zulässt und im oftmals prall gefüllten Terminkalender einfach ein wenig Platz freischaufelt, damit man mit Zeit und Ruhe Essen zubereiten kann, dann wird man merken, dass dies eine Wohltat ist, dass man dafür gerne etwas anderes opfert. 

Ergänzen kann man dies ganz wunderbar mit den Basic Yogaübungen von Catherine Moll, die man zu Hause oder im Freien machen kann. (Oder wenn es die Räumlichkeiten zulassen, auch mal kurz während der Arbeit). In diesem Buch findet man die Yogaübungen ausführlich erklärt und bebildert, wie zum Beispiel den Sonnengruß, um den Tag dynamisch und kraftvoll zu beginnen. Wer einen klaren Kopf braucht, der übt die Yogasequenz „Asanas“ oder findet sein inneres Gleichgewicht mit dem „Drehsitz“. Mit ein wenig Übung lassen sich diese Sequenzen alle gut erlernen und helfen, gelassener durch den Tag zu gehen. 
Zudem gibt es noch zahlreiche Tipps und Anleitungen wie zum Beispiel für die richtige Bauchatmung, für Meeresatmung, für eine befreiende Entspannungsmeditation oder entschleunigende Herzmeditation. Die Texte sind übersichtlich und leicht verständlich und laden zum Mitmachen ein. 

Unterteilt ist das ganze Buch in die vier Rubriken „auf-wachen“, „da-sein“, „weiter-machen“ und „los-lassen“. So begleitet einen das Buch durch den ganzen Tag, liefert tolle Ideen für Frühstück, Mittagessen, Leckereien zwischendurch und Abendessen.  Die Rezepte sind übersichtlich auf hellem Untergrund dargestellt, ohne viel ablenkenden Schnickschnack auf das Wesentliche konzentriert und die ansprechenden Fotografien wecken die Lust zum Kochen. Meist werden alternative Möglichkeiten wie z. B. verschiedene Kräutervariationen, Milchprodukte, Süssungsmittel etc. mit aufgelistet, sodass man nach eigenem Geschmack und Bedürfnis (Allergien, Unverträglichkeiten) die Rezepte gut anpassen bzw. umwandeln kann.  Besonders gefällt mir bei den Rezepten, dass zuerst das Basisrezept vorgestellt wird und man dann auf der nächsten Seite Jahreszeiten-Variationen dazu findet. 

Ich habe mich zum Beispiel an der Nussmilch versucht. Ich trinke keine Kuhmilch und kaufe mir immer Alternativen wie Mandelmilch, Kokosmilch etc. Nun wollte ich es selbst einmal versuchen, denn Nussmilch lässt sich hervorragend selbst herstellen. Zuerst habe ich die Basis-Variante gemacht und dann auch gleich eine Variation getestet, in der ich die Nussmilch mit Mandeln, Kokoswasser und Erdbeeren herstellte. Sehr köstlich und erfrischend!  Im Herbst werde ich dann die Haselnuss-Kakao-Kokosblütenzucker-Variante testen und bin schon sehr gespannt auf den Geschmack. 



Im hinteren Teil des Buches befindet sich noch ein Kapitel mit Grundrezepten wie z. B. Pesto, Hummus, Nussmus, Chia-Marmelade etc., diese kann man dann immer in den verschiedenen Rezepten mit anwenden. Solch eine Basis finde ich immer sehr hilfreich.  Auch ein vollständiges Rezeptregister ist hier zu finden. 

Ein schönes Gadget ist dem Buch auch beigefügt: Auf der Rückseite befindet sich ein Umschlag, gefüllt mit zehn wunderschönen Karten mit Wohlfühlgedanken, die man perfekt in der Wohnung verteilen kann, wo sie einem immer wieder ins Auge fallen. 



Persönliches Fazit

„Pure Life“ gehört zu den Büchern, die ich definitiv nicht mehr in meiner Küche missen möchte. Abwechslungsreiche, saisonale und leicht bekömmliche Küche, gespickt mit vielen Yoga-Übungen und tollen Tipps zum Entspannen und Entschleunigen. Das passt so herrlich zusammen, denn das Kochen ist in gewissem Sinne auch eine Art von Meditation, wenn man sich darauf einlässt. Ein sehr empfehlenswertes Buch, dass ein ganzheitliches Lebensgefühl vermittelt. 

© Rezension: 2017, Alexandra Stiller


pure life. Rezepte, Yoga, Meditation | Simone Wille | Völker Verlag
Rezepte und Lebensstil: Simone Wille
Yoga: Catherine Moll
Fotografien: Alexandra Kasper
2016, HC, 240 Seiten, ISBN 978-3-88117-994-2
Buch bestellen bei amazon.de [Affiliate Link]

[alexandra]

Rezension: Sieben Nächte | Simon Strauss

Donnerstag, 10. August 2017 4 Kommentare




Es ist Nacht, ein junger Mann sitzt am Tisch und schreibt. Er hat Angst. Davor, sich entscheiden zu müssen. Für eine Frau, einen Freundeskreis, einen Urlaubsort im Jahr. Er hat Angst, dass ihm das Gefühl abhandenkommt. Dass er erwachsen wird. Doch ein Bekannter hat ihm ein Angebot gemacht: Sieben Mal um sieben Uhr soll er einer der sieben Todsünden begegnen. Er muss gierig, hochmütig und wollüstig sein, sich von einem Hochhaus stürzen, den Glauben und jedes Maß verlieren. Sieben Nächte ist ein Streifzug durch die Stadt, eine Reifeprüfung, die vor zu viel Reife schützen soll, ein letztes Aufbäumen im Windschatten der Jugend. [© Text und Cover: Blumenbar Verlag]

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So wie dem namenlosen Protagonisten des Buchs geht es vielen: er spürt, dass er in ein Leben driftet, das fremdgesteuert, vorberechnet und geradezu bedeutungslos sein wird. Er hat Angst davor, so zu werden, wie alle anderen: unauffällig, immer den bequemsten Wege gehend, im Alltagstrott festgefahren. Er ist noch nicht bereit für Haus, Familie und Festanstellung. Dabei spart er aber nicht an Selbstkritik, verschiebt er den Zeitpunkt, mutig zu sein, doch immer wieder auf später. Aber er merkt, dass es immer unwahrscheinlicher wird, dass dieser Tag noch kommen wird. 

„Mein Inneres ist bedroht durch den farblosen Rahmen, der auf mich wartet. Er hängt schon rechts oben an der weißen Wand. Bereit, mich einzupassen, mein Leben still zu halten." (S. 13)



Er ist eine Stimme einer Generation, die es scheinbar nicht gelernt hat, für etwas zu kämpfen. Kein Krieg, kein Wiederaufbau und keine Revolution gibt den Weg vor. Er kann viel und er hat viel, aber wofür setzt er das ein? Dass jemand, der von Geburt an satt und verwöhnt ist, über so viel jammern kann, scheint absurd. Die psychologischen und philosophischen Ansätze, die Simon Strauss anführt, sind allerdings sehr treffend beobachtet. In den sieben Kapiteln nutzt er jeweils eine Todsünde als Schablone, die er ebenso spitzzüngig wie spitzfindig an das Leben eines Dreißigjährigen anlegt. Besonders amüsant fand ich seine Aufzählungen, die das gut wiedergeben.


„Ich habe Angst vor Eheverträgen und stickiger Konferenzluft. Angst vor Gleittagen und dem ersten vorgetäuschten Lächeln. Angst vor dem Ende des freien Lebens, vor Festanstellung, Rentenversicherung, Spa-Wochenenden im Mai. Angst vor dem Lebenslauf, vielleicht." (S. 15)

Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Buchcover so gut zum Inhalt passt wie hier. Dieser leicht irre Blick, der aber voller Energie steckt. So stelle ich mir den Helden vor, und so empfinde ich auch den Inhalt. Enthusiastisch und gehaltvoll, manchmal etwas verrückt. Simon Strauss formuliert das mit präzise gesetzten Worten und Sätzen. Seine starke Ausdrucksweise macht die Gedankengänge des Protagonisten sehr greifbar.



Persönliches Fazit

„Sieben Nächte" ist ein Aufruf zu mehr Mut, um eigene Wege zu gehen. Ein Buch das dazu einlädt, die Gedanken zu reflektieren und mitzuphilosophieren. Nicht zuletzt die sprachliche Präzision konnte mich dabei überzeugen. 

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Sieben Nächte | Simon Strauss | Blumenbar Verlag
2017, gebunden, 144 Seiten, ISBN: 9783351050412
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Rezension: Als wir fast mutig waren | Jen White

Montag, 7. August 2017 1 Kommentar




Stell dir vor, du bist zwölf Jahre alt und wirst von deinem Vater nach einem Streit an einer Tankstelle zurückgelassen, mitten in der Wüste von Arizona. Es ist mörderisch heiß, du hast Durst und eine kleine Schwester an deiner Seite, die nur Flip-Flops trägt und genauso große Sehnsucht nach eurer Mutter hat wie du. Aber immer, wenn du nicht mehr weiterweißt, holst du dein Notizbuch heraus und machst dir einen genauen Plan: Vertrau deinem Instinkt. Hör auf dein Herz. Sei mutig, wenn du kannst. – Dies ist die Geschichte von Liberty und ihrer kleinen Schwester Billie, die mehr als nur fast mutig sein mussten, auf ihrem abenteuerlichen Weg zurück nach Hause. [© Text und Cover: Carlsen Verlag]

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Es ist ein Schock für Liberty, dass sie sich mit ihrer Schwester völlig auf sich allein gestellt an dieser Tankstelle am Rande der Zivilisation wiederfindet. Sie waren es immer gewohnt, dass es jemanden gab, der sich um sie kümmert. Liberty hat allerdings von ihrer Mutter gelernt, dass sie als die Ältere für ihre kleine Schwester verantwortlich ist. Das hat sie so verinnerlicht, dass sie jetzt in dieser Situation nicht in Verzweiflung gerät, sondern auf ihre Art versucht, Bedrohungen zu erkennen und Lösungen zu finden. 

„»Wir sind auf der Suche nach zwei kleinen Mädchen, die hier waren. Möglicherweise wurden sie ausgesetzt.«
Sofort hasste ich das Wort: ausgesetzt. Als hätten wir niemanden auf der ganzen Welt, der sich um uns kümmert. Wusste der nicht, dass ich die Verantwortung hatte?" (S. 55)

Das Abenteuer der beiden Mädchen wird von Liberty in der Ich-Perspektive erzählt. Die Gefahren sind also aus ihrer Sicht eher subjektiv. Ob beispielsweise der Tankstellenwärter ihnen tatsächlich Böses will, ist nicht sicher. Allerdings ist ihr dieser schmuddelige Typ so unheimlich, dass die Mädchen lieber vor ihm weglaufen und ihn nicht um Hilfe bitten. Im Buch wird damit plakative Gewalt vermieden, was es zu einer kindgerechten Lektüre macht. Spannend ist der Trip allemal. Es ist nicht vorherzusehen, was die beiden auf ihrem Weg erleben werden und wie es für sie ausgehen wird.






Ich frage mich natürlich, was zum Teufel in dem Vater nur vorgeht, dass er Liberty und Billie allein zurück lässt. Wie kann er nur so etwas herzloses tun? In Rückblenden erfahren wir mehr darüber, wieso die Beziehung der Eltern nicht funktioniert hat und was mit ihrer Mutter passiert ist. Allerdings wird das nur häppchenweise erzählt, so dass sich erst langsam und puzzleartig ein Gesamtbild ergibt. Meine Neugier wurde auf diese Weise jedenfalls geweckt und die kurzen Kapitel sind nur so dahingeflogen. 

Persönliches Fazit

„Als wir fast mutig waren" macht deutlich, was eine starke Bindung zwischen Schwestern bewirken kann. Sie geben sich gegenseitig Halt, um diese extreme Herausforderung zu bestehen. Ich fand es mal spannend und mal amüsant, wie sie sich auf ihre Art durchkämpfen. Eine Empfehlung gerade für junge Leser ab 12 Jahren, die die beiden Mädchen gerne auf ihrem unfreiwilligen Abenteuer begleiten möchten.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Als wir fast mutig waren | Jen White | Carlsen Verlag
2017, gebunden, 320 Seiten, ISBN: 9783551556806
Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister
Ab 12 Jahren
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Gedankensammelsurium #3 | Warum ich lese. Und manchmal halt auch einfach nicht.

Freitag, 4. August 2017 11 Kommentare

Warum ich lese. 

Schon Mitte des vergangenen Jahres hat sich Sandro Abbate vom Literaturblog Novelero ausführlich Gedanken dazu gemacht und diese Frage weiteren Literaturbloggern gestellt. Ein Stein kam dadurch ins Rollen und es ist daraufhin sogar eine Anthologie entstanden: 
Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur - so der Titel. Das Buch ist im Homunuculus Verlag erschienen und es ist das Gemeinschaftswerk 40 deutschsprachiger Buchblogger, die in persönlichen Geschichten erzählen, warum die Literatur zu ihnen und zum Menschsein überhaupt gehört wie die Luft zum Atmen. Im Übrigen eine ganz wunderbare Geschenkidee für Buchliebhaber! 

Ich habe damals auch darüber nachgedacht und überlegt, einen Beitrag zu der Frage hier auf dem Blog zu schreiben, aber zu dieser Zeit stand dann doch einiges an wie zum Beispiel der Relauch der Seite - und dann ging es tatsächlich auch unter. Der ein oder andere wird vielleicht denken: "Was für eine Frage ist das überhaupt, das ist doch klar!" Aber wenn man sich dann doch mal genauer damit befasst, so klar und selbstverständlich ist es gar nicht. Ausschlaggebend dafür, warum ich das Thema jetzt, ein gutes Jahr später, wieder aufgreife, ist eine Frage, die mir von einem Bekannten gestellt wurde und die mir wieder einmal vor Augen führte, dass Lesen nicht für jedermann die Erfüllung ist.  

"Warum liest du denn überhaupt? Das ist doch pure Zeitverschwendung!"

Wummm! Da saß ich nun. Mund offen stehend und ungläubig aus der Wäsche blickend habe das erst einmal sacken lassen. Habe dann den Blick doch etwas über den Tellerrand gewagt und mir ist wieder bewusst geworden, dass es doch einige gibt, die mit Büchern und Geschichten so rein gar nichts anfangen können. Dass ich in deren Augen eher der Nerd bin, der sich am liebsten zwischen den Buchdeckel versteckt und dass wahre Leben verpasst. Aber dem ist ja überhaupt nicht so und dann kam mir diese Frage wieder in den Sinn und warum sie gar nicht so oberflächlich ist wie sie vielleicht im ersten Moment erscheint. In der letzten Zeit habe ich mir dann viele Gedanken dazu gemacht, zu meinen Vorlieben, zu meinem persönlichen Leseverhalten und was das Lesen letztlich für mich bedeutet. 

Und ich habe für mich selbst herausgefunden, dass eine Pause, ein wenig Abstand die Leidenschaft wieder frisch entfachen kann, wenn man das Gefühl hat, dass es etwas lau geworden ist. Ganz wie in so manchen Liebesbeziehungen! 



Also sitze ich nun da, nach über einem Jahr, und schreibe meine Gedanken dazu nieder: Warum ich lese. Und manchmal halt auch einfach nicht. 

Bücher sind und waren schon immer ein Thema bei uns zu Hause. Als ich klein war, staunte ich immer über die vielen Bücher, die die Regale meiner Mutter zierten. Wenn meine Mutter las, durfte ich oft nicht stören und ich wollte dann natürlich wissen, warum man so gefangen davon sein kann, Papier umzublättern, zumal da nicht mal Bilder drin waren. Langweilig! Aber dann lernte ich selbst lesen und bekam meine eigenen Bücher geschenkt und fand es selbst nach und nach heraus. Da stecken unfassbar tolle Geschichten zwischen den Seiten! Das Lesefieber packte mich sehr schnell und ich entdeckte den Bücherwurm in mir. Noch heute kann ich mich an die kleine, aber ganz feine Bücherei in unserem Dorf erinnern, die ich wirklich geliebt habe. Diese wurde auch von meiner Deutschlehrerin aus der Grundschule betrieben - und die habe ich ebenfalls sehr gemocht! Was habe ich aus dieser Bücherei Bücher mit nach Hause getragen und verschlungen, Abgabetermine versäumt  und manche Bücher immer und immer wieder von Neuem ausgeliehen. Hach, das war einfach schön. Zu dieser Zeit klebten hinten in den Ausleihbüchern noch diese Papierkarten drin, auf denen der Name und das Entleih- und Rückgabedatum eingetragen wurde. Könnt ihr euch noch daran erinnern? In so einigen Büchern stand mein Name wirklich sehr häufig drin, unter anderem in "Ronja die Räubertochter", eines meiner Lieblingsbücher. 

Es hat mir einfach schon immer Freude gemacht, in die Geschichten abzutauchen, andere Welten zu erkunden und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Mein Kopfkino arbeitet schon seit jeher wunderbar und die Geschichten liefen vor meinem inneren Auge als Abenteuerfilme ab. 
Fernsehen war bei uns zu Hause kein großes Thema. Sehr lange gab es eh nur drei Programme und nachmittags war fernsehen auch nicht erlaubt. Wir spielten draußen und danach habe ich eben viel gelesen. Abends schauten meine Eltern Nachrichten, dann gab es ab und an "Familienprogramm" wie "Wetten dass" e.t.c. Ansonsten war ich gerne auf meinem Zimmer, habe es mir mit einem Buch gemütlich gemacht und war äußerst zufrieden damit. 

Natürlich kamen da auch andere Zeiten. Als Jugendliche rückten die Bücher eine ganze Weile in den Hintergrund. Nie ganz, aber jetzt erschienen mir dennoch andere Dinge erst einmal wichtiger. Das hielt relativ lange an und erst, als ich schon eine ganze Weile berufstätig war, packte es mich plötzlich wieder. Ich dachte immer öfter daran, dass ich doch einfach mal wieder einen schön langen und entspannten Leseabend machen könnte. Neue Bücher hatte ich zu diesem Zeitpunkt gerade nicht zu Hand, aber im Regal stand - von mir noch ungelesen - eine ganze Reihe der Karl May Bücher. Ich schnappte mir also einen Teil (ich gestehe, eher zögerlich) und legte los. Und siehe da, ich konnte nicht aufhören, bis ich etwas über vierzig Bände gelesen hatte. Ich war wieder voll und ganz leseinfiziert! 

Während ich dies schreibe, kann ich in Gedankens schon wieder meinen Bekannten vor mir sehen, der mit den Augen rollen und dabei sagen würde: "Oh Gott, was für eine Zeitverschwendung!" Aber das war und ist es für mich nicht. Ganz im Gegenteil. 


Lesen bildet mich, fasziniert mich, bereichert meinen Wortschatz, fordert meine Intelligenz und formt meinen Charakter. Geschichten nehmen mich mit auf eine Reise voller Abenteuer rund um die Welt und darüber hinaus. Geschichten lassen mich die Welt besser verstehen, erweitern meinen Horizont, bringen mich zum Lachen und zum Weinen und erlauben mir eine Auszeit aus dem Alltag. Nichts sonst kann mir das alles so sehr geben wie die fabelhafte und facettenreiche Welt der Bücher. Nichts lässt mich so gut abschalten, lässt mich einfach mal alles um mich herum vergessen und nichts gibt mir so viel mentale Kraft, wenn mal nichts mehr geht. Darum lese ich.


Aber manchmal lese ich aber auch einfach nicht. 

Manchmal sind da aber auch diese Momente, in denen ich innehalte und das Buch beiseitelege. Mal nur kurz, mal für ein paar Tage, zuletzt sogar fast einen ganzen Monat ( >> ich berichtete darüber kurz im letzten Gedankensammelsurium) . Zuerst fand ich es beängstigend. Nichts Schlimmeres als die Lust am Lesen zu verlieren, dachte ich mir. Als Bibliophile und Bloggerin machte ich mir da natürlich Gedanken und zwang mich zuerst zum Weiterlesen, dachte, diese "Flaute" geht dann wieder vorüber. Aber heute weiß ich es besser. Lesepausen tun mir zwischendrin einfach nur mal gut. Ich muss nicht jeden Tag lesen. Ich brauche ab und an einfach ein klein wenig Abstand, um zu reflektieren, anderes zuzulassen, Freiraum im Kopf zu schaffen, in dem sich die gelesenen Geschichten türmen.  Dann stürme ich in die Natur, gehe Mountainbiken, probiere neue Rezepte aus und treffe mich mit Freunden. 
Ich lasse dann die Bücher einfach mal Bücher sein, bedränge mich nicht, genieße meine anderen Hobbys und Lebensfreuden. Und plötzlich kann ich ihn wieder ganz von selbst hören, diesen leisen, aber intensiven Ruf der Bücher. "Lies mich!" Diesem verlockenden Ruf folge ich dann natürlich prompt. Alles ist gut. 


Liebe nichtlesenden Freude. Traut Euch und greift zu einem Buch. Werft Eure Vorurteile über Bord und probiert es einfach aus. Nicht immer springt der Funke über, dessen bin ich mir bewusst. Aber vielleicht eben doch - und DANN werdet Ihr verstehen, warum ich lese. 

Liebe lesende Freude. Warum lest Ihr? 

Bildquelle: kaboompics.com 
[alexandra]

Rezension: Soko Graz - Steiermark | Claudia Rossbacher

Dienstag, 1. August 2017 1 Kommentar

Kurzgeschichten zur Criminale 2017


Gekommen, um zu morden  Beschauliches Graz? Idyllische Steiermark? Das Böse ist bekanntlich immer und überall. Davon wusste schon die steirische Popgruppe EAV ein Lied zu singen. Und das gilt erst recht, wenn an die 200 Krimiautoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Graz einfallen, um dort die CRIMINALE 2017 zu veranstalten. Doch damit nicht genug. Ihre literarisch-kriminellen Spuren führen weiter durch die Steiermark, zu jenen Tatorten, die in spannenden Kurzkrimis verewigt wurden. [Text & Cover: © Gmeiner Verlag]

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Vom 02. bis zum 07. Mai 2017 fand die Criminale, eine Veranstaltungsreihe für Leser, primär jedoch Autoren von Kriminalromanen in der steirischen Landeshauptstadt Graz statt und gipfelte in der Gala zur Verleihung des Friedrich Glauser-Preises. Begleitend dazu ist, herausgegeben von Claudia Rossbacher der Band "SOKO Graz - Steiermark" erschienen, in dem in einer Reihe von Kurzgeschichten die Eignung der Region als Schauplatz für Literatur aus dem Genre demonstriert wird.

Ein Teil der Criminale war auch die vom Grazer Autor Robert Preis organisierte Nacht des Krimis mit dem Titel "Fine Crime". Dabei nutzte jeder der teilnehmenden Schreiber exakt sechs Minuten, um aus seinen Werken vorzugtragen. Und von diesem Gedanken scheint auch die vorliegenden Anthologie inspiriert zu sein: Die ausgewählten Kurzgeschichten vermitteln einen Eindruck von Stil, Themenwahl und Figurenzeichnung des jeweiligen Erzählers, ermöglichen auf diese Weise Vergleiche und motivieren zu einem vertiefenden Kennenlernen.

  • Beate Maxian führt an eine Burgruine, wo jährlich zum Fest der heiligen Anna die Personalsituation in der örtlichen Gastronomie gewaltsam neu strukturiert wird.
  • Mit Alexander Pfeiffer weht ein Hauch von organisiertem Verbrechen durch das radfahrerfreundliche Gleisdorf, wenn die Frühlingssonne das Gemüt eines Auftragstäters erhellt.
  • Bei Klaudia Blasl verzweifelt eine Frau beim Einparken vor einem Grazer Einkaufszentrum - bis die Aussicht auf die Versicherungsleistung beim Ableben des Gatten lockt.
  • In "Helloweenberg" läßt Carsten Sebastian Henn erahnen, wie wohl Quentin Tarantino das nächtliche Abernten eines Weinbergs inszenieren würde.
  • Reinhard Kleinl komprimiert auf engem sprachlichen Raum exemplarisch und intensiv das Schicksal geflüchteter Menschen, die in Kulturunterschieden aufgerieben werden.
  • Mit tiefschwarzem Humor schildert Isabella Archan den immer wieder mißlingenden Mord an einem lärmempfindlichen Grantler, schließlich mit einer Sterbeszene in Zeitlupe.
  • Die Aufklärung eines in der Redaktion der auflagenstarken "Kleinen Zeitung" verübten Mordes wird von Christine Brand aus mehreren Perspektiven geschildert, kurzweilig, spannend, wendungsreich.
  • Die Bluttat eines eifersüchtigen Bauern nutzt die Herausgeberin selbst, um das Naturell der Bewohner des steirischen Weinlandes bei Schilcher und Brettljause zu erproben.
  • Ein aktuell beliebtes Motiv bei Krimiautoren, der Stalker, belauert sein Opfer bei Christiane Franke in einer Grazer Wohnsiedlung ... am Ende ist das Küchenmesser blutverschmiert.
  • Robert Preis läßt eine Figur aus dem Umfeld seines Serienhelden Armin Trost in Eigeninitiative in einem Blumenladen ermitteln, ein Spin-Off wie eine Einstiegsdroge.
  • Wie Stalker sind auch Verschwörungstheoretiker prädestinierte Figuren, vor allem, wenn sie wie bei Elke Pistor ihre Überzeugungen mit tödlicher Vehemenz unterstreichen.
  • Constanze Denning führt den Leser auf eine Alm nördlich von Graz, wo ein wettergegerbter Eremit behördlich enteignet werden soll.
  • Bei Günther Neuwirt ist die Täterin sofort geständig, die Zeit ansonsten langwieriger Ermittlungen wird für Amouren, Archäologie und Amtsstubengeplauder lebendig genutzt.
  • Welch sprudelnde Quelle an Inspiration im finalen Umgang mit seinen Mitmenschen die Kriminalliteratur bietet, darüber weiß Christiane Dieckerhoff zu anekdotisch zu berichten.
  • Herbert Dutzler, sonst erzählerisch im Ausseerland beheimatet, läßt schließlich nach einer Verkostung in der Schokoladenmanufaktur Zotter die Bremsseile eines Oldtimers versagen ...

Persönliches Fazit

Fünfzehn kreative Persönlichkeiten, fünfzehn Geschichten ... manche von ihnen mögen den individuellen Lesergeschmack weit verfehlen, manche hingegen ihn genau treffen. Mit dieser kurzweiligen Kartographierung des kernölgetränkten Krimi-Kosmos' etabliert der auf Regionalkrimis spezialisierte Gmeiner-Verlag eine Region als literarische Bühne, die vielfach für Thermen, Wein und Wintertourismus bekannt ist.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Soko Graz - Steiermark | Claudia Rossbacher (Hrsg.) | Gmeiner Verlag
2017, Paperback, 320 Seiten, ISBN: 978-3-8392-2078-8
Buch bestellen bei Amazon.de [Affiliate Link]

[wolfgang]