Rezension: Die Insel der Freundschaft | Durian Sukegawa

Freitag, 29. September 2017 2 Kommentare



Der junge Ryosuke, der seine Stelle als Koch verloren hat, nimmt einen Job als Bauarbeiter an – auf einer Insel mitten im Pazifik. Die Arbeit ist hart und einzig die Freundschaft zu zwei seiner Kollegen stellt einen Lichtblick dar. Doch dann trifft er den alten Hashi, der eine kleine Ziegenherde besitzt, selbst Käse herstellt und sich zudem als Fischer verdingt. Durch ihn bekommt Ryosuke eine Ahnung davon, wie ein Leben aussehen könnte, das ihn erfüllt: ein Leben mit einer Aufgabe, im Einklang mit der Natur und ohne das stetige Hadern mit sich. Aber ist ein Neuanfang möglich, wenn die Verletzungen der Vergangenheit noch nicht verwunden sind? [© Text und Cover: Dumont Verlag]

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Nachdem mich Durian Sukegawa mit „Kirschblüten und rote Bohnen" begeistern konnte, war ich schon sehr auf sein neues Werk gespannt. Auch bei „Die Insel der Freundschaft" stehen Außenseiter im Mittelpunkt. Als ein solcher sieht sich Ryosuke, den wir auf eine kleine Pazifikinsel begleiten. Bald ist klar, dass der Job, den er dort angenommen hat, eine Flucht für ihn darstellt. Es ist spürbar, dass er etwas mit sich herumschleppt, das ihn belastet. Kann er dieser Pein entfliehen oder vielleicht sogar seinen Frieden finden, indem er das gewohnte Leben in der Großstadt hinter sich lässt? Aber nicht nur diese Fragen ziehen ihn zu diesem Eiland, er ist auf der Suche nach einer bestimmten Person, die sich dort niedergelassen haben soll und wohl etwas mit seiner Vergangenheit zu tun hat. 

„Man glaubt, eine Insel im Süden, das muss doch das Paradies sein, aber das stimmt ganz und gar nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Wir leben hier außerhalb der Gesellschaft, als Außenseiter. Fast jeder auf der Insel ist auf irgendeine Art und Weise gescheitert." (S. 113)

Ryosuke ist ein stiller Mensch. Nur zögerlich öffnet er sich seinen Kollegen und so bildet sich auch nur langsam eine Freundschaft mit ihnen. Er fühlt sich den Ziegen, die frei auf der Insel leben, wesentlich mehr verbunden. Deshalb kommt ihm die Idee, aus Ziegenmilch Käse herzustellen. Bald merkt er aber, dass dieses Vorhaben wesentlich schwieriger umzusetzen ist, als er es sich vorstellt. Ich bewundere seine Beharrlichkeit, dieses Ziel trotzdem zu verfolgen. Er zieht den Unwillen der Bewohner auf sich, die durch ihn ihre Traditionen gefährdet sehen. Auf einer solch kleinen Insel herrscht eine besondere soziale Ökonomie, in die er nicht hineinzupassen scheint. Soll er sich dem stellen oder die Insel doch lieber wieder verlassen?




Durian Sukegawa erweist sich auch bei diesem Buch wieder als Meister der ruhigen Töne. Es ist bemerkenswert, wie er sich dem Seelenleben seiner Figuren nähert und uns Leser hinter die Fassaden blicken lässt. Wie im echten Leben sind es auch in seiner Geschichte nicht immer nur die großen, schicksalhaften Momente, die von Bedeutung sind, sondern auch die kleineren, die einem nur mit der notwendigen Aufmerksamkeit nicht entgehen. 

Persönliches Fazit

Wer gerne Geschichten über Leute liest, die normalerweise nicht im Mittelpunkt stehen, ist bei „Die Insel der Freundschaft" genau richtig. Durian Sukegawa beweist ein besonders feines Gespür für seine Figuren und schreibt in einer angenehm unaufgeregten Art.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Die Insel der Freundschaft | Durian Sukegawa | Dumont Verlag
2017, gebunden, 350 Seiten, ISBN: 9783832198619
Aus dem Japanischen von Luise Steggewentz


[marcus]

Es ist bald wieder soweit: Die #Leseparty zur FBM17 steht in den Startlöchern!

Dienstag, 26. September 2017 1 Kommentar


Viele von euch haben diese Ankündigung schon erwartet und das freut uns unglaublich. Lange haben wir überlegt, ob wir überhaupt eine Leseparty abhalten. Zum ersten Mal seit Beginn der Leseparty sind sowohl Jess von primeballerina´s books , als auch Petzi von Die Liebe zu den Büchern - die beiden Hauptorganisatorinnen der Leseparty - auf der Messe und ihr könnt euch vorstellen, dass so ein Event doch ziemlich zeitaufwendig ist. Eure lieben Rückmeldungen und Anfragen haben Jess und Petzi jedoch so motiviert, dass sie geplant und überlegt haben und nun auch dieses Jahr die Leseparty mit euch feiern.

Auch in dieser Ausgabe werden Evi von Literat(o)ur und wir vom BücherKaffee die beiden wieder tatkräftig unterstützen. 

Die Leseparty hat dieses Mal den Zusatz light, weil die gewohnten Blitzverlosungen zwischendurch wegfallen. Das heißt aber nicht, dass es nichts zu gewinnen gibt. Natürlich haben wir uns auch hier wieder tolle Dinge überlegt. Darauf dürft ihr euch jetzt schon freuen. Und das wichtigste ist sowieso der gemeinsame Austausch und das Netzwerken miteinander. Den Samstag könnt ihr euch übrigens ab 20 Uhr blockieren, denn da feiern wir unsere Liebe zum Buch wieder mit einer gemeinsamen Lesenacht

Unsere Leseparty startet am Donnerstag, 12. Oktober um 18 Uhr und endet am Sonntag, 15. Oktober, um 20 Uhr. Der Einstieg ist selbstverständlich jederzeit möglich, natürlich auch dann, wenn ihr selbst auch auf der Messe wart. 

Folgt unserer Veranstaltung auf Facebook um keine Neuigkeiten zu verpassen. Mit dem Hashtag #Leseparty darf aber natürlich auch fleißig getwittert werden. Wer während der Leseparty tolle Fotos bei Instagram hochladen möchte, darf gerne denselben Hashtag benutzen, damit wir eure Beiträge auch finden.

Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr euch unserer Leseparty anschließt und vier Tage lang mit uns die Bücherliebe feiert.


[alexandra]

Rezension: Herr Origami | Jean-Marc Ceci

Sonntag, 24. September 2017 1 Kommentar

Manchmal ist weniger mehr ...


Ein junger Japaner reist auf der Suche nach seiner großen Liebe nach Italien. Als er sie nicht finden kann, wählt er ein Leben in Abgeschiedenheit. In der Toskana widmet er sich ganz der Meditation und der Herstellung von Washi, traditionellem japanischem Papier, das zum Falten von Origami benötigt wird. Jahrzehnte später besucht ihn ein junger Uhrmacher. Der Mann arbeitet an einer hochkomplizierten Uhr, die sämtliche Zeitmessungen abbilden soll. Die Begegnung gibt dem Leben beider Männer eine völlig neue Richtung. Ein verzaubernder, poetischer Roman, so klar und formvollendet wie ein Origami. [© Text und Cover: Hoffmann und Campe Verlag]

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Das erste, was mir bei „Herr Origami" auffällt, ist die Länge, besser gesagt, die Kürze. Die meisten Abschnitte lassen viel unbeschriebenen Platz auf den Seiten. Ein Roman muss ja nicht zwangsläufig durch viele Seiten beeindrucken, um seinen Inhalt zu transportieren. Das erreicht Jean-Marc Ceci durch eine Schlichtheit, die an Zen-Buddhismus erinnert. Den praktiziert sein Protagonist Meister Kurogiku auch. Da passt die Tätigkeit der Papierherstellung und das Ausüben des Origami bestens dazu. 

„Meister Kurogiku stellt das Papier nicht her, um davon zu leben, sondern um seine Leidenschaft zu stillen. Er stellt das Washi nicht her, um es zu verkaufen, sondern um es zu falten. Denn Meister Kurogikus wahre Leidenschaft im Leben ist: das Origami." (S. 46)




Das Leben, das Kurogiku für sich wählt, ist für die meisten für uns kaum vorstellbar. Während wir medial von Reizen überflutet werden und uns ständig die Zeit ausgeht, zieht er in eine einsam gelegene Ruine in der Toskana und bleibt dort für Jahrzehnte. Er scheint ganz im Hier und Jetzt zu leben und konzentriert sich nur auf die Papierherstellung. Ist es vielleicht nicht besser, etwas schlichter aber zufriedener zu leben als immer nach noch mehr zu streben? 

„Meister Kurogiku schweigt. Länger. Schließt die Augen. Atmet. Spricht dann:
- Was nützt uns alles Haben, wenn es uns an Sein fehlt." (S. 139)

Die kurzen Abschnitte haben bei mir den Effekt, dass ich mir mehr Zeit nehme für sie. Anstatt über den Text zu fliegen nehme ich die Passagen bewusster und intensiver wahr. Damit wird aus diesem Büchlein, das man doch so schnell durchlesen kann, eines, dessen Inhalt nachwirkt und zum Reflektieren anregt. Eines, das ich in Zukunft mit Sicherheit gerne wieder zur Hand nehmen werde.

Persönliches Fazit

Jean-Marc Ceci beweist, dass inhaltliche Tiefe nicht mit Quantität in Verbindung steht. Sein „Herr Origami" beeindruckt mich mit einer poetischen Schlichtheit, die nachwirkt.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Herr Origami | Jean-Marc Ceci | Hoffmann und Campe Verlag
2017, gebunden, 160 Seiten, ISBN: 9783455001518
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer

[marcus]

Rezension: Und plötzlich schreibt das Meer zurück | Alex Shearer

Mittwoch, 20. September 2017 4 Kommentare

So traurig, so amüsant, so schön!


Toms Vater wird seit einem Jahr auf See vermisst. Er war Seemann, und auch Tom fühlt sich zum weiten Ozean mit seinen vielen Geheimnissen hingezogen. Als er einen besonderen Song im Radio hört, beschließt er, eine Flaschenpost zu schreiben und sie ins Meer zu werfen. Er erwartet nicht, jemals eine Antwort zu bekommen. Trotzdem schreibt er weitere Nachrichten, um sie in den Gezeitenstrom zu werfen und die Wellen nach einer Antwort abzusuchen. Und dann, eines Tages, findet er tatsächlich eine Flaschenpost, mit einem Brief, der offenbar von einem Geist am Meeresgrund geschrieben wurde. Der mysteriöse Briefschreiber behauptet, dass Toms Vater noch lebt. Doch wo ist er dann? Eine wunderschöne und humorvoll geschriebene Geschichte über Trauer, Hoffnung und Wunder. [© Text und Cover: Knesebeck Verlag]

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Hin und wieder gibt es Bücher, bei denen man vom Umschlag auf einen ganz anderen Inhalt schließt. Bei diesem passt das aber außergewöhnlich gut zusammen. Ein sehr stimmungsvolles Jugendbuch, das sich hauptsächlich ums Meer dreht, und um Geheimnisse, die ihm auch heute noch zugeschrieben werden.

Tom lebt zwar mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammen, ist aber trotzdem ein ziemlich einsamer Junge. Nachdem sein Vater nicht mehr nach Hause kam, ist das Leben in der Familie verständlicherweise nicht mehr so, wie es einmal war. Wie große Schwestern nun mal so sind, hat Marie meist keine Lust, sich mit ihrem kleinen Bruder und seinen Ideen zu beschäftigen. Und so wird das Flaschenpostschreiben ein Ventil für Tom, um seine Ängste und Hoffnungen loszuwerden. Seine Briefe sind sehr drollig aber zugleich auch traurig. Es ist einfach schön, sie mitzulesen.

Das Härteste für Tom ist es, auf Antworten zu warten. Kommt da überhaupt etwas? Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand seine Flaschen findet? Noch unwahrscheinlicher ist, dass ihn eine Antwort über das Meer erreicht. Und doch hält er jeden Tag Ausschau nach etwas Glänzendem in den Wellen.

„Weitere lange Tage vergingen. In dem Wunsch, vernünftig zu sein, wurde Tom immer unvernünftiger, und beim Versuch, geduldig zu bleiben, ließ seine Geduld immer weiter nach. Während er sich ermahnte, nichts zu erwarten, erwartete er ständig, dass plötzlich eine auf dem Wasser schaukelnde Flasche auftauchen würde, eine Antwort." (S. 51)
Umso aufregender für ihn, als er tatsächlich eine Nachricht aus dem Meer fischt. Die ist äußerst mysteriös und auch etwas unheimlich. Kann diese Botschaft wirklich echt sein? Spielt ihm vielleicht jemand damit einen Streich? Wer wäre denn so gemein?




Der Text des Buchs ist quasi in Toms Sprache verfasst. Durch diesen kindlichen Ton kann ich mich gut in seine Lage versetzen und seine Emotionen mitfühlen. Seine Fantasie lässt die Grenzen der Vernunft nur allzu gerne hinter sich und hilft ihm, an Dinge zu glauben, die eigentlich nicht sein können. Eine bewundernswerte Eigenschaft!

Persönliches Fazit

Toms Flaschenpostbriefe sind mal traurig und mal amüsant, aber auch die Antworten sind herrlich formuliert. „Und plötzlich schreibt das Meer zurück" ist ein Buch, das Mut macht, auch wenn die Zeiten schwierig und trostlos sind. Ein schöner Text nicht nur für junge Träumer.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner

Und plötzlich schreibt das Meer zurück | Alex Shearer | Knesebeck Verlag
2017, gebunden, 192 Seiten, ISBN: 9783957280428
Aus dem Englischen von Gundula Müller-Wallraf
Ab 12 Jahre
Buch bestellen bei Amazon.de (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Der letzte König von Osten Ard: Die Hexenholzkrone 1 | Tad Williams

Sonntag, 17. September 2017 1 Kommentar

Vielversprechender Start der neuen Reihe im Fantasyreich Osten Ard.


Osten Ard ist in Aufruhr. Seit 30 Jahren regieren König Simon und Königin Miriamel mit Weisheit und Güte über ihr Land. Doch die dunklen Mächte sammeln sich um die Nornenkönigin und wollen sich Osten Ard untertan machen.
Vor allem Prinz Morgan ist in Gefahr, denn die Feinde wollen seine Thronbesteigung verhindern und selbst die Macht erlangen. Da ruft König Simon seine alten Freunde zu Hilfe, und Binabiq, Aditu, Jiriki und Jeremias treten gemeinsam mit ihm gegen die Nornen und andere Widersacher an. Wird es einen gerechten Kampf geben? Können die Freunde Osten Ard verteidigen? Und wird Prinz Morgan unversehrt aus der Schlacht zurückkehren? [© Text und Cover: Klett-Cotta Verlag]

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Hier ist er jetzt also endlich, der erste Band der neuen Fantasyreihe von Tad Williams, die uns wieder auf den Kontinent Osten Ard mitnimmt. Nachdem mich die alte Trilogie begeistern konnte, habe ich mich schon darauf gefreut, mehr von Simon und seinen Freunden lesen zu können. Der Autor schreibt in seinem Vorwort, dass es nicht notwendig sei, die Reihe um das „Geheimnis der Großen Schwerter" zu kennen. Dem kann ich im Prinzip zustimmen, allerdings bleibt dann die ein oder andere Bemerkung unklar. Das hat zwar auf das Verständnis der neuen Geschichte keine Auswirkung, das Gefühl, etwas verpasst zu haben, bleibt aber zurück. Deshalb empfehle ich Osten Ard-Neueinsteigern, mit der alten Reihe zu beginnen. Es wäre auch wirklich schade, die zu verpassen!

Folgende Bücher über Osten Ard sind bisher erschienen:
Das Geheimnis der Großen Schwerter 1: Der Drachenbeinthron
Das Geheimnis der Großen Schwerter 2: Der Abschiedsstein
Das Geheimnis der Großen Schwerter 3: Die Nornenkönigin
Das Geheimnis der Großen Schwerter 4: Der Engelsturm
Das Herz der verlorenen Dinge

Zunächst ist es schon etwas ungewohnt, dem damals recht unbedarften Küchenjungen Simon dreißig Jahre nach dem Kampf gegen die Nornen als König und Großvater wieder zu begegnen. Aber nicht nur er ist älter geworden, auch seine Mitstreiter strotzen nicht mehr so voller Kraft wie zu der Zeit, als sie gemeinsam auf dem Schlachtfeld standen. Trotzdem ist es schön, die geschätzten Helden der alten Bücher wieder zu treffen. 

„Mit jedem Jahrzehnt, so schien es, verschwanden mehr von den alten Mitspielern von der Bühne, aber ihre Nachfolger übernahmen dieselben Rollen, vollführten die gleichen Rituale von Habgier und Torheit." (S. 343)

Jahrzehnte lang herrschte Frieden in Simons und Miriamels Reich. Doch das scheint sich jetzt zu ändern. Gerüchte erreichen das Königspaar, dass sich etwas tut im Land der Nornen. Werden die erbitterten Gegner von einst wieder eine Gefahr für die Menschen? Aber nicht nur im Norden gibt es Unruhe. Auch bei den Menschen droht Ungemach. Es drängen Leute an die Macht, die sich dem Königshaus nicht verpflichtet fühlen. Eine schwere Aufgabe für Simon und seine Berater, das Reich zusammen zu halten. Es entfalten sich mehrere Handlungsstränge, denen zu folgen mir aber keine Schwierigkeiten gemacht hat. Ich kann mir vorstellen, dass die Komplexität mit den folgenden Büchern noch zunehmen wird. 




Bei mir entfaltet „Die Hexenholzkrone" dieselbe Sogwirkung wie schon die alten Bücher. Tad Williams' wunderbarer Erzählstil zieht mich rein in diese Welt von Menschen, Feen, Trollen und Riesen. Da fliegen die Seiten nur so dahin. Dabei ist es keineswegs so, dass sich die Geschichte vor lauter Action überschlägt. Aber die Darstellung der Umgebung ist so greifbar und die Zeichnung der Figuren so anschaulich, dass mir trotz der über siebenhundert Seiten nie langweilig wird. Dass dieses Buch nicht mit einem dramatischen Höhepunkt endet, war mir klar, schließlich wurde der erste Teil der Trilogie auf zwei Bücher verteilt. Gut, dass das zweite bereits im November erscheint, denn ich bin mir sicher: da kommt noch Großes auf uns zu.

Persönliches Fazit

„Die Hexenholzkrone" hat mich wie die Vorgänger von Beginn an gefesselt und eine Sogwirkung auf mich entfaltet. Ein Lesefest für Freunde der klassischen Fantasy.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Der letzte König von Osten Ard: Die Hexenholzkrone 1 | Tad Williams | Klett-Cotta Verlag
2017, gebunden, 750 Seiten, ISBN: 9783608949537
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Rezension: Palast der Finsternis | Stefan Bachmann

Donnerstag, 14. September 2017 2 Kommentare



Die Außenseiterin Anouk ist mit vier anderen Kandidaten nach Paris gekommen, um einen lange verschütteten unterirdischen Palast zu erforschen, den ein verrückter Adliger zur Zeit der Französischen Revolution als Versteck für seine Familie erbauen ließ. Doch nachdem die Jugendlichen einmal durch die Tür mit dem Schmetterlingswappen getreten sind, erwartet sie in jedem weiteren Raum ein neuer Abgrund, den sie nur gemeinsam bezwingen können. [© Text und Cover: Diogenes Verlag]

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Das klingt doch mal aufregend: einen Palast erforschen zu dürfen, den seit über zweihundert Jahren kein Mensch mehr betreten hat. Welche Kunstwerke, Reichtümer und Kuriositäten warten dort unter der Erde wohl auf ihre Entdecker? Eine sehr reizvolle Aufgabe für die fünf jungen Leute, die extra dafür nach Frankreich eingeflogen werden. Anouk ist von Natur aus ein recht misstrauischer Mensch. Ihr drängt sich schon die Frage auf, wieso die Eigentümer des Anwesens diese Forschung nicht an renommierte Wissenschaftler vergeben haben. Klar, dass das, was sie dort finden, etwas ganz anderes und viel gefährlicheres ist, als sie und ihre Gruppe erwartet haben. Eine atemlose Jagd beginnt, die mich bis zum Ende gepackt hat.






Meistens finde ich Charaktere besonders interessant, wenn sie eine verzweifelte, unglückliche Seite haben. Anouk ist eine Person dieser Art. Mit ihren siebzehn Jahren flüchtet sie von ihrem Elternhaus in dieses Abenteuer, ohne zu sagen, wo sie hinfährt. Irgendetwas muss sie sehr verletzt haben. Das ist eine der Fragen, die den Spannungsbogen hochhalten, schließlich will ich wissen, was sie so belastet und sie zur Außenseiterin gemacht hat. Ihre vier Mitstreiter bleiben dagegen etwas blass.

„Ich glaube einfach nicht daran, dass die Menschen im Grunde ihres Herzens gut sind. Im Gegenteil: Ich glaube, dass die Leute im Grunde ihres Herzens am allerschlimmsten sind." (Kapitel 5)

Der Roman wechselt hin und wieder zwischen heute und dem Jahr 1789, der Zeit der Französischen Revolution. Die Familie Bessancourt, denen das Schloss gehört, ist wie jeder Adelige zu der Zeit in akuter Lebensgefahr. Viele von denen werden in Paris und anderen Städten getötet. Es ist nicht die Frage, ob der Mob das Landgut erreicht, sondern wann. Nach und nach werden mir die Zusammenhänge zwischen damals und heute klar. Das ergibt einen ausgefeilten Plot mit Menschen, die Gott spielen wollen und nicht bedenken, was sie in ihrem Größenwahn anrichten. Das hat ordentlich Tempo und ist sehr spannend.

Persönliches Fazit

Der „Palast der Finsternis" zieht mich von Beginn an in seinen Bann. Schließlich will ich auch wissen, was da unter der Erde wartet. Ein sehr spannender und temporeicher Kampf um Leben und Tod mit einem gut konstruierten Plot. 

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Palast der Finsternis | Stefan Bachmann | Diogenes Verlag
2017, ebook, 320 Seiten (Printausgabe), ISBN: 9783257608052
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Rezension: Luana | Luiza Sauma

Samstag, 9. September 2017 1 Kommentar

Sommer in Brasilien...


Selbst nach Jahrzehnten in London kann André seine Heimat nicht vergessen: Rio de Janeiro und der sonnengetränkte Strand von Ipanema. Besonders verfolgen ihn die Erinnerungen an den Sommer 1985, als sein wohlbehütetes und sorgenfreies Leben jäh endete: Es war der Sommer, als seine Mutter starb. Und der Sommer, als er sich in das Dienstmädchen Luana verliebte. Eine geheime, eine unmögliche Liebe. Dreißig Jahre später schreibt Luana ihm einen Brief, und André reist nach Brasilien. Er will sich endlich der Verantwortung stellen, vor der er als junger Mann geflohen war, und muss die schmerzhafte Erfahrung machen, dass manche Versäumnisse unwiederbringlich sind. [© Text und Cover: Hoffmann und Campe Verlag]

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Wie prägend sind doch die Jugendjahre! Als André den Brief von Luana erhält, kommen die Erinnerungen zurück. Er erzählt in der Ichform von seinem Leben in Rio der achtziger Jahre. Nachdem seine Mutter bei einem Autounfall starb, lebt er mit seinem Bruder und seinem Vater mit Sichtweite zum Strand in komfortablen Umständen. Sein Vater ist Chef einer chirurgischen Klinik, daher ist die Familie ganz gut situiert. Auch Andrés Freunde bewegen sich in diesen Kreisen, die die armseligen Lebensbedingungen in den Favelas gekonnt ausblenden können. André hat Zeit und Muße, mit seiner Clique abzuhängen und seine Jugend zu genießen.






Er muss sich um nichts kümmern, schließlich haben sie zwei Hausmädchen, die den Haushalt schmeißen. Das ist André schon immer so gewohnt, er macht sich keine Gedanken darüber, wo Rita und ihre Tochter Luana herkommen und wie sie leben.

„Rückblickend wird mir klar, dass jemand – eine empregada – dort vor unserem Besuch sauber gemacht haben musste. Doch damals fielen mir solche Dinge gar nicht auf. Mahlzeiten tauchten auf, Häuser putzten sich von selbst, Betten wurden gemacht." (S. 37)

Die ethnischen und sozialen Differenzen nimmt André als gegeben hin. Luana entwickelt sich allerdings zu einer wahren Schönheit. Und obwohl er genau weiß, dass er auf jeden Fall die Finger von ihr lassen muss, kann er nicht verhindern, dass er sich in sie verliebt. So nimmt das Schicksal seinen Lauf…

„Wir waren dem Untergang geweiht." (S. 189)


Zugegeben, der Plot, den Luiza Sauma hier aufgestellt hat, sprüht nicht gerade vor Einfallsreichtum. Eine schicksalhafte Liebe zwischen Ober- und Unterklasse wurde schon oft erzählt. Lesenswert finde ich den Roman trotzdem, denn zum einen verknüpft die Autorin die Erlebnisse der Jugend sehr gut mit der Tragödie um den Tod von Andrés Mutter. Keine Spur also von einer Liebesschnulze. Zum anderen stellt sie die Bedeutung von Schuld und Reue und die Auswirkungen der damaligen Geschehnisse durch die Zeitsprünge gut dar. Letztendlich fängt sie auch die Atmosphäre des heißen und schwülen Brasiliens und die Hoffnungen und Leidenschaften des jungen André sprachlich gut ein und macht die Geschichte dadurch lebendig.

Persönliches Fazit

„Luana" ist die Geschichte einer schicksalhaften Liebe, die im Kern nichts Neues erzählt. Ich fand sie trotzdem lesenswert, denn Luiza Sauma verbindet sprachlich ansprechend Drama und Leidenschaft, ohne Gefahr zu laufen, ins Kitschige abzudriften.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Luana | Luiza Sauma | Hoffmann und Campe Verlag
Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt
2017, gebunden, 304 Seiten, ISBN: 9783455000016
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Rimini | Sonja Heiss

Mittwoch, 6. September 2017 2 Kommentare

Eine ganz normale Familie, normal dysfunktional.


Hans ist Anwalt, reich und erfolgreich. Doch auf einmal kehrt diese irrationale Wut in ihm zurück. Seine Ehe funktioniert nicht mehr und statt mit seiner neuen Psychoanalytikerin Frau Doktor Mandel-Minkic an seinen Problemen zu arbeiten, verliebt sich Hans in sie. Seine Schwester Masha ist 39 Jahre alt, als sie beschließt, ein Kind mit ihrem Freund zu bekommen. Doch plötzlich geht er ihr schrecklich auf die Nerven. Masha begibt sich auf die panische Suche nach einem neuen Mann, doch ihre Idee, im Bett den zukünftigen Vater ihres Kindes zu finden, ist zum Scheitern verurteilt.
Alexander und Barbara, die Eltern der ungleichen Geschwister, sind seit über vierzig Jahren leidlich glücklich verheiratet und müssen sich jetzt im Alltag eines Rentnerpaars einrichten. Während Alexander sich schon einsam fühlt, wenn seine Frau in ein anderes Zimmer geht, bleibt für sie nur die Flucht. Sie ahnt nicht, was sie damit in Gang setzt. [Text & Cover: © Kiepenheuer & Witsch]

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„Rimini“ lockte mich mit seinem Cover an, anders kann man es nicht sagen. Ich war auf Anhieb ganz angetan von dieser herrlich schrägen Gestaltung und wurde neugierig, um was es denn in diesem Buch geht. Ich habe den Klappentext gelesen und beschlossen, das ist ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Nanni vom Blog Fantasie & Träumerei erging es genau gleich und wir beschlossen spontan, „Rimini“ gemeinsam zu lesen und uns darüber auszutauschen. Gesagt - getan! Witzigerweise hatten wir immer ganz ähnliche Gedanken und Empfindungen, das Buch hat auf uns beide quasi gleichermassen gewirkt. 

Sonja Heiss führ uns Leser erst einmal recht oberflächlich in die Geschichte ein. Man merkt jedoch, dass sie rasant schnell Fahrt aufnimmt und uns ihre Protagonisten schnell näher bringt. Ich spürte dieses Tempo, wollte ich doch auch immer schneller lesen, am Ball bleiben. Sie wechselt hin und her zwischen den einzelnen Handlungssträngen bzw. den Protagonisten und ihren Erlebnissen/Gedanken. Man versetzt sich gerade noch in eine Person hinein und wird direkt wieder herausgerissen und es geht zur nächsten Person - und wieder zurück. Das sorgt dafür, dass man „dranbleibt“, das Buch nicht aus der Hand legen mag.



Hans - ein erfolgreicher Anwalt mit Haus und Familie - ein echt klischeebeladener Mensch auf den ersten Blick, zu dem ich keinen besonderen Draht hatte. Die anfängliche Antipathie legt sich aber recht zügig, denn man bekommt mehr Einblick. Hans könnte der eigene Kollege/Nachbar/Kumpel sein, so lebensnah erscheint er - und nicht nur er, das passt auch auf seine Schwester Marsha, die zu Beginn eine recht anstrengende Persönlichkeit ist. Und da wären ja auch noch die Eltern der beiden, Barbara und Alexander. 

Nanni und ich hatten beide einen heimlichen Liebling: nämlich besagten Alexander, den Vater von Hans. Barbara und Hans befinden sich im Ruhestand und können so gar nicht damit umgehen, sich nun den ganzen Tag lang zu sehen. Die beiden haben ein grundlegendes Problem: es hapert an der Kommunikation - und das schon ihr ganzes Eheleben lang. Aber nun im Ruhestand wird es ihnen zum Verhängnis. Beide suchen nach einer Lösung aus dieser Misere - natürlich jeder für sich selbst, wie sollte es auch anders sein. Barbara ergreift die Flucht und Alexander holt sich einen Wellensittich…

Zitat von Nanni aus unseren gemeinsamen Gesprächen zu dem Buch: 

"Alexander ist meine Lieblingsfigur. Seine Versuche alles richtig zu machen, Barbara zu umsorgen und seine Liebe auszudrücken, war so einengend und gleichzeitig so rührend. Barbara hingegen hätte ich gerne mal geschüttelt und ihr gesagt, dass sie eben einfach mal den Mund aufmachen muss, statt in ihrer Lethargie und dem Wunsch nach dem perfekten Mann zu verharren."

Sonja Heiss lässt das Leben der Familie in Teilen Revue passieren und zeigt uns so auf, wie sich „der ganz normale Familienwahnsinn“ entwickelt hat und wie die Kinder ganz unbewusst die Eigenschaften oder Charakterzüge der Eltern übernehmen. Wenn man es dann entdeckt, kann gerne mal der Ärger hochkommen. Marsha und ihre Mutter Barbara sind das beste Beispiel dafür, dass man wohl im Laufe des Erwachsenwerdens irgendwann den Spiegel vorgehalten bekommt, wenn man den Eltern gegenüber steht.

Nanni hatte hierzu die gleichen Gedanken: 

„Interessant, wie die Autorin darstellt, dass Kinder sich immer wieder in die Rollen fügen, die schon ihren Eltern auferlegt wurden bzw. wie sie Gewohnheiten der Eltern übernehmen, ohne von diesen zu wissen. Es gibt immer wieder Handlungen und Erlebnisse, die sich über Generationen wiederholen.“

Persönliches Fazit

Seien wir ehrlich: jede Familie ist doch ein klein wenig dysfunktional. Die eine mehr, die andere weniger. Sonja Heiss hat es geschafft, die Leser genau vor der eigenen Haustüre abzuholen. Eine Geschichte, wie sie realer kaum sein kann. 
Es gibt immer wieder gewisse Punkte, wo man das Gefühl hat, sich oder jemand anderen aus der eigenen Familie wieder zu erkennen. Kleinigkeiten, aber dennoch. Die perfekte Familie gibt es nicht, auch wenn man denkt, dass die Maier/Müller/Schmitts von Gegenüber ja die Traumfamilie schlechthin sein müssen, so wie sie alle offensichtlich miteinander harmonieren, immer lächeln und ein erfülltes Leben zu haben scheinen. Familien versuchen gerne, nach aussen hin zu funktionieren, aber Heiss blickt ganz schonungslos und mit einer besonderen psychologischen Raffinesse hinter die Kulissen und das Ganze mit einem ganz tollen sarkastischen Ton versehen. Mal bitter-komisch, mal traurig, mal schwermütig, mal zum lachen - auf jeden Fall sehr unterhaltend! 


Es war mir eine Freude, das Buch gemeinsam mit Nanni zu lesen und der Austausch dazu hat großen Spaß gemacht. Nanni hat natürlich auch ihre Gedanken zu „Rimini“ aufgeschrieben - HIER geht es zu ihrer Rezension. 

© Rezension: 2017, Alexandra Stiller


Rimini | Sonja Heiss | Kiepenheuer & Witsch
2017, HC, 400 Seiten, ISBN 978-3-462-05044-8
Buch bestellen bei amazon.de [Affiliate Link]

[alexandra]

Rezension: Die Kapitel meines Herzens | Catherine Lowell

Sonntag, 3. September 2017 5 Kommentare



Von klein auf wächst Sam mit Büchern auf: Wann immer sie in der Bibliothek ihres Vaters ein Buch findet, in dem sein Lesezeichen liegt, weiß sie, dass er es für sie versteckt hat. Zu Weihnachten schenkt er ihr eine Schnitzeljagd mit Zitaten aus der Weltliteratur. Sams Vater ist nicht nur Bestseller- Autor, sondern auch ein direkter Nachfahre der Brontë-Familie. Als er stirbt, ist Sam die letzte lebende Verwandte der Schriftsteller-Dynastie. Alles, was ihr Vater ihr hinterlassen zu haben scheint, ist ein abgegriffenes rotes Lesezeichen. Oder ist es ein Hinweis auf ein geheimes Erbe? Die Öffentlichkeit hat ihren Vater schon lange im Verdacht, wertvolle Gemälde, Briefe und Romanentwürfe der berühmten Schwestern zu verstecken. Antworten hofft Sam am Old College in Oxford zu finden. Dort hat Sam zwar nur Augen für Bücher, ihr Professor und ein attraktiver Mathe-Student lenken sie jedoch mehr ab, als sie es sich eingestehen möchte. [Text & Cover: © Atlantik Verlag]

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Sobald ein Buch das Gehirn eines Autors verlassen hatte, bekam es ein Eigenleben und wurde zur einzigen Verbindung zwischen Leser und Autor. Dem aufmerksamen Leser offenbarte ein Buch Geheimnisse aller Art – sei es über seine Figuren oder mitunter über den Schöpfer selbst. (Seite 126)

Samantha macht sich auf, von Boston nach Oxford, um dort Literatur zu studieren. Sie ist die letzte Nachfahrin der berühmten Brontë-Familie. Natürlich bleibt nicht lange geheim, wer sie ist. Schon bald weiß das ganze College Bescheid. Die dortige College-Zeitung ist ihr auch aus diesem Grund schon bald ein Dorn im Auge. Samantha wird ständig nach ihren Vorfahren ausgefragt, bzw. werden ihr immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Samantha ist genervt und es scheint ihr wie ein Fluch, mit den berühmtesten verstorbenen Frauen Englands verwandt zu sein. Sie selbst sieht ihre drei Cousinen, Anne, Charlotte und Emily ohnehin anders als der Rest der Welt. Samantha wurde jahrelang zu Hause unterrichtet, von Ihrem Vater und einer Privatlehrerin. Diese soll sie schon bald wiedersehen. Man trifft sich immer zweimal im Leben.

Es wird immer wieder gemunkelt, was wohl mit den einstigen Besitztümern passiert ist, wo sie abgeblieben sind. Eine Person interessiert sich dafür ganz besonders, John Booker. Samanthas Vater war nicht gut auf ihn zu sprechen und auch Samantha merkt schon bald, dass sie bei diesem Menschen kein gutes Gefühl hat. Er ist auf der Jagd nach allem materiellen, was die Familie Brontë hinterlassen hat und denkt, dass Samantha nach dem Tod ihres Vaters genau dieses geerbt und ihm - John Booker geben könnte. Samanthas Vater hinterlässt Samantha jedoch, ganz nach seiner spielerischen Manier, ein Lesezeichen und eine Nachricht. Natürlich ist die Neugierde groß. Dieses Erbe kann nicht alles sein.

Sir John hatte das Leben der Brontës studiert, um Interpretationshilfen für ihre Texte zu bekommen, mein Vater hingegen wollte anhand der Texte, und nur anhand der Texte, die Wahrheit über die Brontës herausfinden. (Seite 126)

Samantha selbst begibt sich auf eine jagt nach ihrem Erbe. Sie bekommt nach und nach Bücher vor ihre Tür und in ihren Turm gelegt. Samantha versucht herauszufinden, wer dies tat und … Nein, das verrat ich Euch natürlich nicht. Ihr Vater hat immer versucht Samantha beizubringen, Bücher und Geschichten richtig zu lesen. Auch ihr Tutor möchte, dass sie die Geschichten hinter den Geschichten hinterfragt, neue eigene Sichtweisen zu entdecken und zu entwickeln. Dass sich dies als schwierig entpuppt merkt man als Leser sehr schnell. Es ist teilweise sehr amüsant, den Wortgefechten zu folgen.

„Halten Sie mich für blöd, Samantha?“ „Soll ich auf diese Frage wirklich antworten?“, platze ich heraus. Er hielt inne. Mein Gesicht wurde Feuerrot. „Nun“, sagte er, „langsam kommen wir weiter.“ Und damit begann das Tutorium erst richtig. Die folgende Stunde verging in größtem Unbehagen. Orville sagte, meine Sätze seien fade, fragte, ob ich je so etwas wie Stilwörterbuch konsultiert hätte. Ich teilte ihm mit, dass ich lediglich künstlerische Freiheit für mich beanspruchte. (Seite 36)

Nicht nur verbal, auch in den zahlreichen Mails, die sich die junge Studentin Samantha und ihr Tutor Orville schreiben, sprühen vor Sticheleien, Herausforderung, Trotz und Hingabe. Einfach herrlich. Gerade dieses literarische Verhältnis lockert den ganzen Roman auf, der ansonsten sehr niveauvoll daherkommt.
Dieses Buch ist spannend geschrieben und geht an der einen oder anderen Stelle sehr ans Herz. Eine junge Frau, die auf der Suche ihrer selbst, ihrer Vergangenheit und Zukunft ist. Ich hatte immer wieder das Gefühl, das sich Samantha stark mit Anne Brontë identifiziert. Selbst am Ende dieses Romans zitiert sie sie noch einmal. Dann ist da auch noch ihr hinreißender Tutor. Ob sich da wohl mehr entwickelt, oder alles ganz anders kommt. Wer weiß. Nur so viel sei gesagt, der Anfang, die Mitte und das Ende dieses Romanes sind gut. So gut, dass ich Euch sagen kann, dieser Roman ist absolut empfehlenswert. Die Figuren/ Protagonisten sind alle bezaubernd beschrieben. Ich konnte die Geschichte förmlich vor meinen Augen sehen. Mittendrin statt nur dabei, oder wie sagt man? 

Persönliches Fazit

Ich hatte schöne Lesestunden und einiges zum Grübeln. Literatur, wie ich sie mag.
Und Familie. Familie ist unsere Wurzel, alles aus dem wir sind entspringt unserer Familie. Ich glaube, erst wenn man selbst eine kleine Familie hat oder einen Teil seiner Wurzeln verliert, weiß man was Familie bedeutet. Geborgenheit, Offenheit, Echtheit und jede Menge Liebe. Aber auch Schmerz und Trauer. Es gehört alles zusammen. So ist es und so soll es sein. Dieser Roman hinterlässt Eindruck.

© Rezension: 2017, Susa

Die Kapitel meines Herzens | Catherine Lowell | Atlantik Verlag
aus dem amerikanisch Englisch von Gaby Wurster
2017, Broschiert, 352, ISBN: 978-3455650860
Buch bestellen bei Amazon.de (Affiliate Link)

[susa]

Rezension: Die junge Braut | Alessandro Baricco

Samstag, 2. September 2017 5 Kommentare



Eine Familie in einem alten Gutshaus: Da ist der Vater, der gar nicht der Vater ist. Da ist die bizarr schöne Mutter. Der Onkel, der ununterbrochen schläft. Die hinkende Tochter. Und eines Tages steht die junge Braut in der Tür, die sich dem Sohn versprochen hat – der unauffindbar ist. Sie bleibt bei der Familie und lernt, was es heißt, das eigene Schicksal zu bestimmen. Als sie genau darin die Katastrophe erkennt, rettet sie sich in die Liebe zu dem abwesenden Sohn und in das stoische Warten auf ihn. Doch eines Tages muss sie einsehen, dass sie nicht mehr warten kann. Alessandro Baricco führt uns in eine Welt, die zusammengesetzt ist aus Schicksalen, Geheimnissen, Erwartungen. Es ist ein Experiment: Was, wenn alles immer nur ein und dieselbe Geschichte ist, aus wechselnden Perspektiven erzählt, von verschiedenen Sehnsüchten geprägt, von unterschiedlichen Menschen gelebt? [© Text und Cover: Hoffmann und Campe Verlag]

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Nachdem mich die Titel „Mr. Gwyn" und „Smith & Wesson" von Alessandro Baricco schon begeistern konnten, war für mich klar, dass ich auch sein neuestes Werk lesen werde. Hier geht es um ein Mädchen, das mit fünfzehn Jahren dem Sohn einer wohlhabenden Industriellenfamilie versprochen wurde. Die beiden hatten sich damals kennen- und schätzen gelernt, bevor sie mit ihrer Familie nach Argentinien ausgewandert ist. Pünktlich an ihrem achtzehnten Geburtstag steht sie nun wie vereinbart an der Tür des Anwesens ihres Verlobten und der seinen, die davon allerdings überrascht werden. Nach der langen Zeit kann man ja mal einen Termin vergessen. Und noch schlimmer: der Sohn befindet sich auf Geschäftsreise in England. Sie nehmen die Schwiegertochter in spe natürlich trotzdem auf in der Annahme, dass der Sohn doch bald zurück sein werde. So lernt sie die reichlich extravaganten Mitglieder seiner Familie näher kennen.



Interessant, dass Baricco bei den wesentlichen Figuren auf Namen verzichtet. Es gibt den Vater, die Mutter, die Tochter, den Sohn und die junge Braut, die allesamt nicht anders bezeichnet werden. Ich finde das ja tatsächlich recht praktisch, weiß ich doch gleich, von wem die Rede ist, ohne mir Namen merken zu müssen. Trotzdem glänzt der Autor mit seiner unvergleichlich gekonnten Art der Charakterisierung: wir erhalten Einblick in ihre Seelen, die alle von komplexer Struktur sind. Ihre Leidenschaften leben sie sinnlich und intensiv aus. Ihr Zusammenspiel erinnert mich aufgrund der übersichtlichen Personenzahl an ein Kammerspiel. Die Tragik der Geschichte könnte allerdings auch einer Oper entsprungen sein. Jeder scheint dunkle Geheimnisse zu haben, die Stück für Stück aufgedeckt werden wollen. Garniert wird das mit einer Prise Humor.

„Er stand von seinem Sessel auf und blieb eine Weile stehen, um abzuwarten, bis sein Inneres sich aus irgendeinem mechanischen Grund wieder ordnete, wie es gewöhnlich bei gewissen Verstimmungen geschah, die ihn vor allem am Nachmittag plagten. Das Einzige, was er erreichte, war ein kontrollierbarer Drang zu furzen." (S. 75)

Für die Geschichte der jungen Braut installiert Baricco einen namenlosen Autor, der die Ereignisse heute, rund einhundert Jahre danach, festhält. Er nutzt das, um über einiges, was einen Schriftsteller umtreibt, zu philosophieren. Diese Passagen fand ich als Nichtschreibender nicht so spannend, konnte sie aber aufgrund ihres geringen Umfangs vernachlässigen. Bei den fließenden Übergängen musste ich dabei schon aufpassen, um mitzubekommen, wer gerade erzählt, wenn die Perspektive von der dritten in die erste Person wechselt. 

Restlos überzeugt hat mich wieder Alessandro Bariccos Sprachstil. Der ist so gewandt und präzise, dass die Figuren in meinem Kopf ganz schnell lebendig werden. Das ist auch bei diesem Buch wieder ein großes Vergnügen.

Persönliches Fazit

„Die junge Braut" hat mich mit seinen extravaganten und leidenschaftlichen Figuren und mit seiner Dramaturgie beeindruckt. Vor allem hat mir Bariccos herrlicher Sprachstil wieder einen hohen Lesegenuss beschert.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Die junge Braut | Alessandro Baricco | Hoffmann und Campe Verlag
2017, gebunden, 208 Seiten, ISBN: 9783455405781
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]