Rezension: Lügnerin | Ayelet Gundar-Goshen

Montag, 23. Oktober 2017 1 Kommentar

Haben Lügen wirklich kurze Beine?


Manche Menschen werden durch die Wahrheit schön, andere durch die Lüge. Als die unscheinbare Eisverkäuferin eines Tages ein Missverständnis zu einer Lüge formt, richten sich plötzlich die Augen der ganzen Stadt auf sie. Im hellen Licht der Kameras blüht sie auf, und mit ihr wächst und gedeiht die Lüge. Doch wie lange kann sich eine prachtvolle Pflanze halten, wenn ihre Wurzeln in sandigem Grund stecken? Ayelet Gundar-Goshen (Löwen wecken) legt die menschliche Seele bloß und lässt die Grenzen zwischen Richtig und Falsch meisterhaft verschwinden. [© Text und Cover: Kein & Aber Verlag]

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Mit ihrem Roman „Löwen wecken" konnte mich Ayelet Gundar-Goshen schon begeistern, vor allem ihr Schreibstil hatte es mir damals angetan. Da wollte ich mir ihr neues Buch natürlich nicht entgehen lassen.

Die titelgebende „Lügnerin" heißt Nuphar, ist siebzehn Jahre alt, und hält sich selbst für äußerst unscheinbar. Ein bisschen zu pummelig und etwas zu pickelig findet sie kaum Beachtung in ihrem Umfeld, vor allem auch nicht bei den Jungs. Außerdem steht sie im Schatten ihrer jüngeren und hübscheren Schwester, die die Aufmerksamkeit von Familie und Mitschülern auf sich zieht wie ein Magnet. Das ändert sich auf einen Schlag, als ihr ein sehr unangenehmer Kunde von der Eisdiele auf die Toilette im Hinterhof folgt. Sie gerät in Panik und schreit. Schnell sind Helfer da, die von ihr wissen wollen, ob der Mann sie so bedrängt hat, wie es den Anschein hat. So rutscht sie rein in eine Sache, die eine ganz eigene Dynamik erhält, die nur Nuphar stoppen könnte. Doch sie entscheidet sich dagegen.

„Der Gemächlichkeit des menschlichen Wachstums steht die erstaunliche Geschwindigkeit gegenüber, mit der sich eine von Menschen gemachte Geschichte entwickelt: Jemand setzt sie in die Welt, und schon steht sie auf eigenen Beinen, besonders, wenn sie den Ruch des Skandalösen hat." (S. 35)




Jetzt steht Nuphar plötzlich im Mittelpunkt, alle bewundern das tapfere Mädchen. Sie profitiert erheblich von den Anschuldigungen gegen den unsympathischen Kunden, der auch schnell von den Medien vorverurteilt wird. Gundar-Goshen stellt hier die moralische Frage, wie weit man gehen darf, um eine Lüge zu seinem Vorteil zu nutzen. Macht das nicht jeder gelegentlich? Wer will Nuphar dafür verurteilen? Der Roman wird durch die Frage getragen, ob sie sich auf dieser Grundlage eine neue Existenz und Freundschaften aufbauen kann oder ob das Lügengebäude mit lautem Getöse einstürzen wird. Zeitweise geht es damit nicht so richtig voran. Das liegt auch an der Implementierung von Nebendarstellern, die allerdings ausgezeichnet charakterisiert werden. Ob der Oberst a.D. oder eine Schoa-Überlebende, die Autorin bindet damit unaufdringlich Besonderheiten der gesellschaftlichen und politischen Situation und Geschichte Israels ein. Sie beweist sich dabei als kluge Beobachterin.

„So vergingen die Minuten mit Befürchtungen und Bedenken. Wäre die Zeit eine gütigere Herrin, hätte sie ihren Lauf zweifellos verlangsamt. Aber Uhren waren unerbittliche Bürokraten, die unter keinen Umständen von den Regeln abwichen, und so standen beide Zeiger um zwölf Uhr genau auf zwölf." (S. 80)





Mit ihrer besonderen Schreibweise konnte Gundar-Goshen mich wieder begeistern. Sie ist einfallsreich, präzise und schnörkellos. Damit konnte Sie meine Erwartungen daran voll erfüllen.

Persönliches Fazit

Ayelet Gundar-Goshen entwirft ein entlarvendes Gesellschaftsbild, in dem sie uns Scheinheiligkeit und falschen Moralismus vor Augen führt. Vor allem aber ihre wunderbare Sprache machte das Lesen von „Lügnerin" für mich zu etwas Besonderem.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Lügnerin | Ayelet Gundar-Goshen | Kein & Aber Verlag
Aus dem Hebräischen von Helene Seidler
2017, gebunden, 336 Seiten, ISBN: 9783036957661


[marcus]

1 Kommentar:

  1. Das Zitat hinten auf dem Buchrücken ist besonders einprägend.

    Neri, Leselaunen

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