Rezension: Winterschwimmer | Alexander Osang

Freitag, 17. November 2017 0 Kommentare

Weihnachtsgeschichten in urbaner Vielfalt


In Alexander Osangs Weihnachtsgeschichten haben die Protagonisten ihre besten Jahre hinter sich, wenn sie überhaupt je beste Jahre hatten. Da ist der Immobilienmakler, der am Weihnachtsabend seine eigene Wohnung vermittelt. Oder die bekannte Fernsehmoderatorin, die sich beim Saunieren ausschließt und, nur mit einer Mülltüte bekleidet, hofft, dass ihr jemand die Tür öffnet. Und da ist ein Geschäftsführer, der verzweifelt versucht, sein Jackett aus dem Altkleidercontainer zu fischen, denn die Kette, das Weihnachtsgeschenk für seine Frau, steckt noch in der Tasche. Mit seinen Geschichten fängt Alexander Osang Fallende und Gefallene ein. Weihnachten zeichnet er nie als pompöses oder grundgutes Fest. Er versteht es als eine Zeit der Inventur, da man überprüft, was eigentlich noch im Regal des Lebens steht. Oft steht, ganz hinten, etwas Bemerkenswertes. [© Text und Cover: Aufbau Verlag]

[trennlinie]

Jedes Jahr schreibt Alexander Osang eine Weihnachtsgeschichte, vierzehn davon sind in diesem Band enthalten. Was mich neugierig gemacht hat war, dass es sich nicht um rührselige Erzählungen handelt, wie sie gerne passend zur Adventszeit veröffentlicht werden. Die Darsteller sind Leute, die nicht besonders auffallen. Die Einblicke in ihr Leben lassen erkennen, dass die meisten von ihnen recht einsam sind, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint. Sie kämpfen um ihre Existenz, auch wenn sie längst auf dem absteigenden Ast sind. Oder sie müssen sich damit abfinden, dass ihre Beziehung vorbei ist. Das erzeugt oft einen melancholischen Grundton, dem ein tapferes, stilles Weitermachen mit einer dezenten Hoffnung gegenübersteht.



Osangs Geschichten sind in und um Berlin angesiedelt, dem Zentrum deutsch-deutscher Geschichte. Das tangiert einige der Protagonisten. Mal ist es eine Managerin aus dem Westen, der der Sinn des Karrierestrebens und des Kapitalismus verloren geht, mal ein Ostdeutscher, der sich noch immer nicht an die neuen Gegebenheiten gewöhnt hat. Aber auch aktuelle Themen spielen eine Rolle wie beispielsweise der Terroranschlag vom Breitscheidplatz.

„Er dachte an den Angstforscher, der im Radio erzählt hatte, dass er jetzt auf den Weihnachtsmarkt gehen würde, obwohl er Weihnachtsmärkte nicht mochte. Mussten wir mit dem Luftgewehr auf Papierblumen schießen, kandierte Äpfel essen und Kettenkarussell fahren, bis uns schlecht wurde? Als Zeichen gegen Terrorismus? Durfte man schon lachen, oder musste man bereits lachen?" (S. 114)

In der Adventszeit wünschen wir uns doch alle Zufriedenheit und eine Wohlfühlatmosphäre. Dass das in Wahrheit oft anders aussieht, zeigt uns Alexander Osang auf. Seine Geschichten spielen alle zur Weihnachtszeit, in der Wünsche und Sehnsucht noch deutlicher zu Tage treten als sonst. Er beschreibt das sachlich und unemotional und ist dabei ein feinsinniger Beobachter. Wer in jeder einzelnen Geschichte eine große moralische Erkenntnis erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die drängt sich keineswegs auf. Bei der einen oder anderen Erzählung habe ich mich schon gefragt, was mir der Autor sagen will, da ist bei mir nichts hängengeblieben. Dass jede der vierzehn Geschichten für mich die Büchse der Pandora öffnet, wäre auch etwas zu viel erwartet.

Persönliches Fazit

Alexander Osang beweist sich als feinsinniger Beobachter seiner Berliner Protagonisten. Zwar konnte mich nicht jede seiner Geschichten fesseln, wer aber in der Adventszeit etwas lesen mag, das nicht auf die Tränendrüsen drückt und klug geschrieben ist, sollte einen Blick in „Winterschwimmer" werfen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Winterschwimmer | Alexander Osang | Aufbau Verlag
2017, gebunden, 240 Seiten, ISBN: 9783351036881

[marcus]

Rezension: Teufelskälte (Ein Fall für Tommy Bergmann 2) | Gard Sveen

Mittwoch, 15. November 2017 0 Kommentare

Vor dem Lesen auftauen.


Oslo, 1988. Der eiskalte Winter hat die Stadt fest im Griff, als der junge Kommissar Tommy Bergmann einen grausigen Fund macht: Im Wald liegt, halb unter Schnee begraben, die brutal verstümmelte Leiche einer jungen Frau. Sie ist die erste in einer langen Reihe von Morden. Die Spur führt Tommy Bergmann in den einsamen Norden Norwegens. Jahrzehnte später, Tommy Bergmann ist inzwischen dafür bekannt, selbst die schwierigsten Fälle zu lösen. Doch sein erster Mordfall bereitet ihm bis heute Alpträume. Auch wenn er den Mörder eigentlich sicher verwahrt hinter Gittern weiß. Ein neuer Leichenfund lässt seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden: Wieder ist eine junge Frau gestorben, und alles sieht aus wie damals. Ein Nachahmer? Oder hat er den Falschen verhaftet und dafür gesorgt, dass ein bestialischer Mörder seit Jahren frei herumläuft?
[Text & Cover: Ullstein Buchverlage]

[trennlinie]

Der Titel sagt es bereits: Es ist kalt. Die Welt des Romans von Gard Sveen ist ein düsterer, unwirtlicher Ort, an dem jede jede menschliche Geste, jedes seltene Lächeln wie ein einsames Lagerfeuer in einer eisigen Wüste wirkt, kaum in der Lage, jene zu wärmen, die sich darum kauern. Anhaltender Schneefall erzeugt eine bizarre, monochromatische Landschaft, deckt Worte, Geräusche, Gefühle zu.

"Tommy Bergmann dachte für einen Moment, dass es tief im Wald keine Farben gab und die Sonne nicht einmal im Sommer bis hierher vordringen würde (...)." (S. 11)

Dabei prägen nicht nur die niedrigen Umgebungstemperaturen eine unwirtliche Landschaft, besonders grausam ist die menschliche Kälte, die sich in grausamen Morden, wie jenen an der jungen Kristiane, sechzehn Jahre vor der eigentlichen Handlung des Romans, manifestiert. Doch wenn jede Tat, mit der Kommissar Bergmann konfrontiert wird, die Raumtemperatur senkt, gibt es keine Cold Cases. Gard Sveen schreibt seine Geschichte mit der Tinte tiefer Trostlosigkeit:

"Die Welt war so schlecht, so armselig und so wenig zu verstehen, dass ihre Existenz in sich schon ein Beweis dafür war, dass es keinen Gott gab." (S. 176)

Auch auf formaler Ebene gestattet es der Autor in seinem zweiten Roman seinen Lesern nicht, rasch mit seiner Geschichte warm zu werden. Eine Vielzahl norwegischer Namen gilt es vorerst im Gedächntnis zu halten, ehe sich die Hauptfiguren als solche zu erkennen geben. Einer internationalen Leserschaft sind Namen wie Halgeir Sorvaag oder Arne Furuberget gewiß weniger geläufig als dem Autor selbst. Die Perspektiven wechseln außerdem von Kapitel zu Kapitel, wobei jeweils erst nach einigen Sätzen erkennbar wird, aus wessen Sicht die aktuellen Ereignisse geschildert werden. Dadurch muß sich der Leser jedes Mal die gedankliche Orientierung neu erarbeiten, als müßte man auf einer ohnehin beschwerlichen Wanderung im winterlichen Halbdunkel an jeder Gabeldung denn Wegweiser von seiner weißen Last befreien. Gerade der Beginn des Romans gleicht damit eher dem Haltsuchen auf einer eisigen Felswand als einer rasanten Schlittenfahrt ins Tal.

Ähnliches gilt für den Aufbau der Spannung: Der Autor läßt sich Zeit, seine Bühne aufwendig auszugestalten, bevor diese bespielt werden kann. Der Leser lernt die schauderhaften Einzelheiten des Falles und die teils furchteinflößenden, teils gebrochenen Persönlichkeiten kennen, die daran beteiligt gruppiert sind. Sind jedoch erst die Ausgangssituationen definiert, die Beziehungen der handelnden Personen zueinander abgesteckt, entwickelt sich die Geschichte wie eine Kettenreaktion dem Finale entgegen. Das Buch scheint somit tiefgefroren beim Leser einzutreffen, taut langsam auf und versengt schließlich die Finger beim Blättern, wenn die erzeugten Konflikte sich entladen.

Als entscheidender Brandbeschleuniger dieser Kettenreaktion wirkt dabei Kommissar Tommy Bergmann. Er ist wegen häuslicher Gewalt in psychologischer Behandlung und somit alles andere als eine bequeme Identifikationsfigur. Er ist kein schlitzohriger Playboy, sondern schlicht jemand, der seine Aggressionen nicht unter Kontrolle hat. Er ist zielstrebig und effizient in seinen polizeilichen Ermittlungen, die Redewendung vom "Herz am rechten Fleck" kann jedoch auf ihn nicht angewendet werden.
Ihm gegenüber ist Anders Rask als Antagonist plaziert, ein ehemaliger Lehrer, der aufgrund der Morde in der Vergangenheit verurteilt wurde und seine Strafe in der Sicherheitsabteilung einer psychiatrischen Klinik verbüßt. Er ist ein hochintelligenter, narzißtischer Psychopath, der von einer Aura permanenter Bedrohung umgeben wird. Er liebt nichts mehr, als sein Gegenüber mit taxierendem Blick aus dem Gleichgewicht zu bringen, diesem das Gefühl zu vermitteln, jederzeit tödliche Gewalt anwenden zu können. In einer Art heimlichem Höhepunkt des Romans kommt es schließlich zur unvermeidlichen Konfrontation der beiden Persönlichkeiten, die an "Das Schweigen der Lämmer" erinnert. Bei dem waffenlos ausgetragenen Duell kämpft Rask in der sterilen Welt der Klinik auf vertrautem Boden, dominiert die Situation, ehe schließlich ...

Die dritte exponierte Persönlichkeit schließlich ist Elisabeth Thorstenson, Mutter des ersten Mordopfers aus 1998, Kristiane. In ihr manifestiert sich die zu eisigem Wahnsinn gefrorene Verzweiflung. Der Verlust des geliebten Menschen hat tiefe Wunden geschlagen, die keine Zeit mehr heilen kann. Ihrem Schicksal kann sich der Leser am allerwenigsten entziehen, wenn sie seitenlang alle Nuancen ihrer Depression durchlebt, wenn ihr Sehnen nach Seelenfrieden zu einem dauerhaften Schmerz wird. Nur ein Beispiel dazu:

"Elisabeth Thorstensen setzte sich inmitten des Zeitungschaos auf den Boden und begann mit den Fingern durch die Seiten zu wühlen, als glaubte sie, Kristiane darunter finden zu können." (S. 177)

Persönliches Fazit

"Teufelskälte" von Gard Sveen hält treu seinem Titel wenig Licht und wenig Wärme für den Leser bereit, Winterkleidung oder Wolldecke werden also zum Lesen empfohlen. Der spannungsgeladene Aufstieg zum Gipfel des Wahnsinns ist beschwerlich, doch oben angekommen, erwartet der Ausblick auf ein explosives Finale.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Teufelskälte (Ein Fall für Tommy Bergmann 2) | Gard Sveen | Ullstein Buchverlage
Aus dem Norwegischen übersetzt von Günther Frauenlob.
2017, Hardcover Klappbroschur, 416 Seiten, ISBN: 9783471351499

[wolfgang]  

Rezension: Unsere Frau in Pjöngjang | Jean Echenoz

Montag, 13. November 2017 0 Kommentare



Constance, attraktiv, ungebunden, einem Abenteuer nicht abgeneigt, wird überfallen und verschleppt – im Auftrag des französischen Geheimdienstes: Sie soll die Schlüsselrolle in einer riskanten Mission spielen. Ziel: die Destabilisierung Nordkoreas. Constance erweist sich als Idealbesetzung und läuft in Pjöngjang als Geliebte eines hochrangigen Funktionärs zur Hochform auf. Doch als ihre Entführer plötzlich versuchen, ihr zur Flucht zu verhelfen, läuft alles aus dem Ruder. Einige Verfolgungsjagden und Schießereien später weiß niemand mehr, wer hier welche Strippen zieht und warum. "Unsere Frau in Pjöngjang" ist in jeder Zeile beides: Agentenroman und dessen Unterwanderung – und vor allem ein grandioses Spiel. [© Text und Cover: Hanser Berlin]

[trennlinie]

Normalerweise hat man bei Spionagegeschichten doch das Gefühl, dass die Beteiligten ganz selbstsicher genau wissen, was sie tun. Bei den Strippenziehern und ihren Handlangern in diesem Roman ist das nicht immer der Fall. Eine Frau entführen, um sie zur Spionin zu machen? Das kann doch niemals funktionieren! Bei dieser Persiflage auf klassische Spionagethriller geht das sehr wohl. Da gibt es einige Entscheidungen, die nur über Umwege zum Erfolg führen. Jean Echenoz hat offensichtlich einen Mordsspaß daran, seine Figuren ihrem Schicksal zuzuführen. Es scheint so, dass keiner von denen wirklich den Durchblick hat, jeder versucht in seinem Sinne das Richtige zu tun. Ihre dabei enttarnten Schwächen machen die Protagonisten sehr sympathisch.




Die eigentliche Geschichte ist gar nicht das Wesentliche des Buchs, die wäre schnell erzählt. Es dauert auch fast zweihundert Seiten, bis man nach Nordkorea aufbricht. Die Vorbereitungen bis dahin sind aber sehr kurzweilig, so kurios wie sie sind. Vor allem begeistert mich aber Jean Echenoz' Schreibstil. Sein Humor ist unglaublich treffsicher. Ich folge wahnsinnig gern seinen Abschweifungen, bei denen er die Sprache wie einen Bumerang verwendet, um präzise wieder zum Thema zurückzufinden. Ich habe mich beim Lesen herrlich amüsiert.

„Hubert Coste ist größer als Lou Tausk, schlanker als er, strahlender, gebräunter, muskulöser, der Komparative ist kein Ende, und da ersparen wir Ihnen noch seine sauschöne, wirklich irre attraktive Frau und die verflucht wohlgeratenen Kinder." (S. 40)

Wie kann man mit Humor ausgerechnet über das als „Schurkenstaat" bezeichnete Nordkorea schreiben? Die absurde Diskrepanz zwischen der hungernden Bevölkerung und dem maßlosen Luxus der Parteibonzen bleibt nicht unerwähnt. Echenoz verändert seinen Ton dabei nicht. Egal ob eiskalter Mord oder ein Auftritt des Diktators, er schreibt, als ob es nur nebensächlich wäre. Dabei sind doch einige satirische Spitzen zu entdecken. Es scheint beispielsweise so, dass der die steilste Karriere im Staatsapparat macht, dessen Frisur der von Kim Jong-un am meisten ähnelt. Ich bin sicher, der würde die Lektüre des Romans, im Gegensatz zu mir, nicht mit einem Grinsen genießen.

Persönliches Fazit

Jean Echenoz' Humor hat mich komplett vereinnahmt. Nur selten hat mich der Umgang mit der Sprache so amüsiert wie in „Unsere Frau in Pjöngjang". Dass man die Kleinganoven und ihre Bemühungen nicht wirklich ernst nehmen kann, passt da genau ins Bild.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Unsere Frau in Pjöngjang | Jean Echenoz | Hanser Berlin
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
2017, gebunden, 288 Seiten, ISBN: 9783446256798

[marcus]




Rezension: Bruderlüge | Kristina Ohlsson

Sonntag, 12. November 2017 0 Kommentare

Komplex-konstruierter Nervenkrieg im Finale 


Martin Benner befindet sich in der Hand von Unterweltboss Lucifer, der ihm den Auftrag erteilt, Mio zu finden - den Sohn der Serienmörderin Sara Texas. Wohl fühlt sich Benner damit nicht, schließlich arbeitet er nun für denjenigen, der Sara solche Angst einjagte, dass sie von einer Brücke gesprungen ist. Doch damit nicht genug: Jemand ist dabei, Benner zwei Morde anzuhängen, und er hat keine Ahnung, wer das ist. Als Benner von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt wird, begreift er, dass er nicht durch Zufall in die ganze Geschichte geraten ist, sondern dabei eine wichtige Rolle spielt. [Text & Cover: © Limes Verlag] 

[trennlinie] 
Wir erinnern uns, Schwesterherz, der erste Teil der Geschichte endete mit einem offenen Ausgang, an dem ... ja, was eigentlich?
Es soll ja Zeitgenossen geben, die es fertigbringen, die beiden neuen Romane von Kristina Ohlsson nicht unmittelbar hintereinander zu verschlingen. Für eben jene werden gleich zu Beginn die bisherigen Ereignisse zusammengefaßt - die zwar das Gedächtnis auffrischen, nicht jedoch die Lektüre ersetzen sollen. 

In der Struktur erzeugt die Autorin Konsistenz, indem sie dem bewährten Konzept treu bleibt: Die Erzählung versteht sich als ein Rückblick der Hauptfigur Martin Benner auf den Fall der verurteilten Mörderin Sara Tell, unterbrochen immer wieder von Auszügen eines Interviews mit einer Stockholmer Journalistin. Dies stattet die Figur einerseits als Akteur mit jeweils situativem, als auch als erzählende Instanz mit dem gesamten Wissen über den weiteren Verlauf aus, während die Einschübe immer wieder den Bezug zum gewählten Erzählrahmen herstellen und gleichzeitig als Zäsur wirken, um Spannung aufzubauen. Außerdem liefert diese Form (möglicherweise unbeabsichtigt) die Information, daß Martin Benner das Ende der Geschichte überleben wird ...

Zentrales Element in Schwesterherz war die charakterliche Entwicklung der Hauptfigur vom hedonistischen Lebemann zum verantwortungsbewußten Vater seiner vierjährigen Adoptivtochter. In "Bruderherz" ist Martin Benner von Beginn an sorgenbeladen und lebt nach seinem Kontakt mit dem Verbrecherpaten Lucifer in ständiger Angst. Er leidet unter Schlaflosigkeit, überinterpretiert alltägliche Banalitäten und verfügt inzwischen über eine Sammlung von Einweg-Mobiltelephonen, mit denen er Überwachung durch die Polizeit vermeiden will. 

"Es ist ein Geschenk, den ständigen Schrecken und Ängsten der Kindheit entwachsen zu sein und die Dinge besser einschätzen zu können. Das hat allerdings den einen Nachteil, dass es uns nur umso schmerzhafter bewusst macht, wovor es sich tatsächlich lohnt, Angst zu haben." (S. 21) 

Diese Wandlung ist also weitgehend abgeschlossen, womit Kristina Ohlsson neue Herausforderungen für ihren Protagonisten erkunden muß. Zunächst jedoch läßt sie die Situation weiter eskalieren, erhöht den Druck auf Benner. Dies gelingt ihr unter anderem auch, indem sie ein wesentliches Strukturelement des ersten Teils in die Geschichte hineinzieht. Fredrik Ohlander, jener Journalist, der in "Schwesterherz" für das Interview mit Benner verantwortlich zeichnete und somit immer wieder den distanzierten Blick von außen herstellte, wird nämlich ermordet aufgefunden. Damit fließen bewußt Form und Inhalt ineinander, die Bedrängnis Benners ist derart massiv, daß diese Trennung nicht mehr gewährleistet werden kann. 

Diese Bedrängnis manifestiert sich im vorliegenden zweiten Teil der Geschichte vordringlich durch die persönliche Involvierung der Hauptfigur in den Fall. Die Verbindung ist - wie so oft - in der Vergangenheit zu finden, als Martin Benner am Beginn seiner beruflichen Laufbahn noch kein Staatsanwalt in Schweden, sondern Streifenpolizist in Texas war. Seine Suche nach dem verschwundenen gemeinsamen Sohn von Sara Tell und Lucifer führt ihn dabei notwendigerweise wieder in die USA zurück - an jenen Ort, an dem er damals einen Mord beging. 

All den Ereignissen liegt nämlich ein ausgeklügelter Masterplan des Verbrecherkönigs zugrunde, dessen Ziel die persönliche Vernichtung Benners ist. Angesichts der zahlreichen Variablen, die es dabei zu berücksichtigen gilt und des langen Zeitraums zu dessen Umsetzung muß dieser jedoch einem überlegenen Intellekt entsprungen sein ... oder ist von seiten der Autorin schlicht sehr weit hergeholt. Dazu kommt, daß jene Figur, die sich hinter dem diabolischen Pseudonym verbirgt, erst nach etwa drei Viertel der gesamten Geschichte eingeführt wird. Somit besteht also nach der Lektüre von "Schwesterherz" keine Möglichkeit, mit einem Tip auf eine der bereits eingeführten Figuren richtig zu liegen, was so manchen Leser enttäuschen dürfte. 

Bis jedoch das Geheimnis um die Identität Lucifers gelüftet wird, ist Martin Benner - parallel zu "Schwesterherz" - mit einem Auftrag betraut, nämlich Sara Tells verschwundenen Sohn aufzuspüren. Dieser erweist sich als ein kontinuierliches Neubewerten der vielen Einzelinformationen, die auf ihn einprasseln. Wie Benner seinen nicht immer zuverlässigen Informanten, ist der Leser dabei der Autorin hilflos ausgeliefert. Immerhin verarbeitet Kristina Ohlsson diesmal die zahlreichen Details zu mehreren, gleichermaßen glaubhaften Szenarien, mit denen sich jedes Mal eine neue Konstellation aus Motiven, Tathergang und Identität der Täter ergibt. Im ständigen gedanklichen Experimentieren baut sich die Spannung subtil wie ein Sturm auf, der erst Blattwerk vor sich hertreibt, um schließlich seine unentrinnbare Kraft zu entfachen und eine erfrischende Reinheit zu hinterlassen. Symptomatisch konstatiert Martin Benner vor der finalen Konfrontation: 

"Man ist nie einsamer als ein einem Hotelzimmer. Hier war ich ein Soldat ohne Alliierte. Ohne Waffen. Ohne Antworten auf drängende Fragen."

Persönliches Fazit 

Die Geschichte, die sich über zwei Bände zieht, wirkt wie eine längere Reise, bei der das Fahrzeug mit zu wenig Benzin betankt wurde. Mit dem Raketentreibstoff, der sich im Reservekanister findet, gelangt man zwar ans Ziel, wird aber auf dem letzten Abschnitt noch einmal in die Sitze gepreßt. 

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner

Bruderlüge | Kristina Ohlsson | Limes Verlag
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
2017, Papaerback, Klappbroschur, 448 Seiten, ISBN: 978-3-8090-2667-9

[wolfgang]

Rezension: Foxcraft 3 - Der König der Schneewölfe | Inbali Iserles

Montag, 6. November 2017 0 Kommentare

Das Finale der magischen Trilogie.





In den wilden Schneelanden, weit weg von Zuhause, ist die junge Füchsin Isla auf der Suche nach ihrem Bruder Pirie. Er ist der Einzige, der den bösen Fuchsmagier aufhalten kann. Der Magier bedroht mit dunklem Zauber die Welt der wilden Füchse und will sie für immer zerstören. Als ein Rudel Wölfe Isla findet und gefangen nimmt, schwebt sie in höchster Gefahr. Doch unerwartet tritt ein alter Bekannter auf den Plan: Der Wolf Farraklaue! Er hat ihr einst das Leben gerettet … wird er nun wieder zu ihr stehen? [© Text und Cover: Fischer KJB]

[trennlinie]

Hier ist es also endlich – das Finale der Foxcraft-Trilogie. In „Die Magie der Füchse" und „Das Geheimnis der Ältesten" habe ich Isla auf ihrer spannenden Suche nach ihrem Bruder begleitet. Wird sie ihn finden? Und können sie den mächtigen dunklen Magier aufhalten? 




Ihre Suche hat Isla bis weit in den Norden verschlagen, in ein Land aus Eis und Schnee, das ihr sehr lebensfeindlich erscheint. Wie kann man in so einer Kälte nur überleben? Bald schon trifft sie auf die gewaltigen Herrscher dieser Welt, die Schneewölfe. Eine junge, einsame Füchsin ist für die nur ein lästiger und unbedeutender Eindringling, dem sie sich schnell entledigen wollen. Nur knapp kann Isla dieser Bedrohung entgehen. Sie lernt dieses unbekannte Land mir seinen eigenen Gesetzen kennen und findet glücklicherweise neue und alte Freunde. Deren Hilfe hat sie auch dringend nötig, denn gegen das Böse, das sich immer weiter ausbreitet, hat sie trotz ihrer magischen Fähigkeiten allein keine Chance.

„Maha ist die Kraft, die alles durchströmt. Es ist in den Fluten des Zornigen Flusses, es lässt den Schneesturm brausen, das Gras wachsen und den Regen fallen. Es ist das Licht der Sterne. Jeder bedeutende Krieger strotzt vor Maha, und wenn er oder sie stirbt, verflüchtigt es sich und geht wieder in das große Ganze ein, in Erde und Luft." (S. 47)



Islas Abenteuer wird aus ihrer Perspektive erzählt. Diese Sicht lässt mich nachfühlen, wie die vielen Gefahren auf einen jungen Fuchs wirken. Der Mensch ist mit seiner Rücksichtslosigkeit nur eine davon. Ich bewundere Islas Mut, sich diesen Bedrohungen zu stellen. Sie lässt sich auch in ausweglosen Situationen nicht unterkriegen. Obwohl sie auch verraten wird, vertraut sie weiterhin ihren Freunden, um sich dem unausweichlichen finalen Kampf zu stellen. Mit Spannung und Action konnte mich auch der dritte Teil fesseln und lässt mich zufrieden den Buchdeckel zuschlagen. 

Persönliches Fazit

Das Finale eines tollen Abenteuers mit einer mutigen Heldin für Leser ab zehn Jahren. Wer die ersten beiden Teile noch nicht kennt, sollte unbedingt mit denen beginnen. Mich konnten alle drei Bücher begeistern. Eine Empfehlung für junge Leser, die tierische und magische Geschichten mögen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Foxcraft – Der König der Schneewölfe | Inbali Iserles | Fischer KJB
Aus dem Englischen von Katharina Orgaß
2017, gebunden, 416 Seiten, ISBN: 9783737351812


[marcus]

Rezension: Die Rose von Tibet | Lionel Davidson

Freitag, 3. November 2017 2 Kommentare



Januar 1949: Der britische Filmemacher Hugh Whittington soll auf einer Expedition in der Nähe des Mount Everest ums Leben gekommen sein. Doch sein Stiefbruder Charles gelangt an Informationen, die ihn an Hughs Tod zweifeln lassen. Er ist entschlossen, nach Tibet zu reisen und ihn zu finden, doch die Grenzen des Landes sind abgeriegelt. Auf gefährlichen Pfaden gelangt Charles schließlich ins verbotene Land, wo sein Bruder sich in einem Kloster aufhalten soll. Doch statt auf Hugh trifft er dort auf eine faszinierende Frau mit einem tödlichen Geheimnis … [© Text und Cover: Penguin Verlag]

[trennlinie]

Bereits bei „Der Rabe" konnte ich mich davon überzeugen, dass Lionel Davidson (1922-2009) spannende Romane schreiben konnte. „Die Rose von Tibet" ist 1962 erschienen, der Text wirkt aber keineswegs angestaubt.

Am Anfang überrascht mich Davidson damit, dass er nicht einfach die Biografie von Charles Houston erzählt. Er gestaltet das als Buch im Buch. Ihm als Schriftsteller wird Houstons Geschichte zugetragen und er prüft, ob man diese verlegen lassen kann. Davidson heftet sich an Houstons Fersen, um herauszufinden, ob die geschilderten Ereignisse der Wahrheit entsprechen oder ob sie und die beteiligten Figuren nur erfunden sind. Währenddessen begleiten wir Houston auf seiner außergewöhnlichen Reise ans Ende der Welt.




Als Charles Houston sich 1950 aufmacht, um seinen Stiefbruder zu suchen, kann er nicht einfach in ein Flugzeug steigen und nach Tibet fliegen. Die politische Situation dort ist sehr angespannt, das kommunistische China bedroht das kleine Land im Himalaya. Damit die Chinesen ihnen nicht unterstellen kann, mit dem Westen zu kollaborieren, schotten sich die Tibeter ab und lassen keine Ausländer einreisen. Houston fliegt nach Indien und sucht von dort aus einen Weg in das mythenumwobene Land. Wind und Wetter und die Luft in über viertausend Metern Höhe sind Strapazen, die ihn an den Rand seiner körperlichen Möglichkeiten bringen.

„Durch was für eine irrsinnige Abfolge von Missgeschicken hatte es dazu kommen können, dass der Kunstlehrer der Mädchenoberschule in der Edith Road sich verstohlen unter den Wassern eines tibetanischen Sees vorankämpfte, um mit einer Dämonin das Bett zu teilen?" (S. 228)



Was Houston in diesem fremden Land erlebt, hätte er sich selber so nicht ausmalen können. Allein die Leidenschaft, die das Treffen mit einer exotischen Schönheit bei ihm auslöst, lässt mich mitfiebern. Er gerät aber auch immer wieder in gefährliche Situationen, die ich atemlos mitverfolge. Sein Leben hängt mehr als nur einmal am seidenen Faden. Lionel Davidson beschreibt diese Momente sehr packend. Aber auch die Faszination der spektakulären Landschaft und der fremden Mythen und Gebräuche vermittelt er gekonnt. Die Stellen, bei denen er zu seinen Buchrecherchen zurückkehrt, nehmen zwar das Tempo etwas heraus, tut dem Abenteuer aber keinen Abbruch.

Persönliches Fazit

„Die Rose von Tibet" bietet Abenteuer mit packenden Momenten in einem fernen und exotischen Land. Dass der Roman schon über fünfzig Jahre alt ist, habe ich ihm nicht angemerkt. Wer sich gerne in die Fremde entführen lässt, sollte einen Blick riskieren.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Die Rose von Tibet | Lionel Davidson | Penguin Verlag
Aus dem Englischen von Ursula Gnade
2017, Taschenbuch, 448 Seiten, ISBN: 9783328100034


[marcus]

Rezension: Die Farbe von Milch | Nell Leyshon

Mittwoch, 1. November 2017 0 Kommentare

Mein Name ist Mary. M.A.R.Y. 
 Mein Haar hat die Farbe von Milch 
Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig.



Mary ist harte Arbeit gewöhnt. Sie kennt es nicht anders, denn ihr Leben auf dem Bauernhof der Eltern verläuft karg und entbehrungsreich. Doch dann ändert sich alles. Als sie fünfzehn wird, zieht Mary in den Haushalt des örtlichen Dorfpfarrers, um dessen Ehefrau zu pflegen und ihr Gesellschaft zu leisten – einer zarten, mitfühlenden Kranken. Bei ihr erfährt sie erstmals Wohlwollen und Anteilnahme. Mary eröffnet sich eine neue Welt. In ihrer einfachen, unverblümten Sprache erzählt sie, wie ihr Schicksal eine dramatische Wendung nimmt, als die Pfarrersfrau stirbt und sie plötzlich mit dem Hausherrn alleine zurückbleibt. [Text & Cover: © Eisele Verlag] 

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In der letzten Zeit habe ich einige Bücher hintereinander gelesen, die mir sehr nahe gingen, mich emotional aufwühlten und lange beschäftigten. Dazu gehört auch dieses Werk „Die Farbe von Mich“, der zweite Roman der Schriftstellerin Nell Leyshon. 

Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von der jungen, gerade einmal fünfzehnjährigen Mary, die unter armen Verhältnissen auf einem Bauernhof aufwächst. Wir schreiben das Jahr des Herrn 1830-31. Das einzige, dass zählt, ist die Arbeit, Arbeit und nochmal Arbeit. Für Schule ist ein Geld und keine Zeit da, und ist sowieso unnütz, da das dort erlernte Wissen nicht notwendig ist für die Arbeit, die auf dem Hof wartet. Ihr Vater, der sich mit den Töchtern gestraft fühlt, kennt keine Gnade und Liebe sowieso nicht, er führt den Hof mit harter Hand. Doch Mary kennt kein anderes leben, war nie weiter weg vom Hof als bis zu den Feldern oder den Weiden, wo die Schafe grasen. Sie nimmt die Dinge hin, wie sie sind, erträgt sie mit fast stoischem Gleichmut. Sie liebt die Natur und die Tiere. Und letztlich auch irgendwie ihre Familie. 
Aber dennoch ist sie aufgeweckt, hinterfragt vieles und reizt so ihre Mutter, die keine Antworten geben kann oder mag. 

Als sie ins Haus des Pfarrers ziehen soll, um dessen kranke Frau zu pflegen, ändert sich ihr Leben radikal. Durch die Bibel lernt die Lesen und Schreiben, der Hausherr bringt es ihr auf eindringliche Weise bei. So eröffnet sich zwar eine neue Welt für Mary - aber auch eine Welt, in der dunkle Wolken aufziehen, als des Pfarrers Frau ihrer Krankheit erliegt. Der Pfarrer wünscht, dass Mary dennoch bei ihm im Haus bleibt und ihn versorgt. 

Die Geschichte wirkt so sehr eindringlich, weil es Mary selbst ist, die sie uns aufschreibt. Sie schreibt sich von der Seele, was sie belastet, was ihr widerfährt. Es geht sehr langsam, da sie erst schreiben gelernt hat. Es strengt sie an, aber sie kämpft weil sie es so sehr möchte. Sie weiss, ihre Geschichte muss erzählt werden. 




Mary ist ein sehr liebenswerter Charakter und ich habe sie sofort ins Herz geschlossen und ich schätzte sie sehr. Für ihre Stärke, ihren Mut, ihre Eigensinnigkeit und manchmal bissigen Humor - und für ihren Willen. Wissbegierig wie sie ist, ist sie in dem Jahr im Hause des Pfarrers über sich selbst hinausgewachsen und hat für ihre Würde gekämpft, auch wenn sie oft machtlos ist in dieser patriarchalischen Welt. Aber Mary ist konsequent, trotz oder gerade wegen des Versuches, sie zu brechen. Sie ist konsequent bis zum bitteren Ende... 

Persönliches Fazit

Eine poetische, sehr intensive Geschichte mit einer ganz wunderbaren Protagonistin. Ihre Art, uns ihre Leidensgeschichte nahe zu bringen, ist unvergleichlich - eindringlich schön und gleichzeitig unfassbar traurig und aufwühlend - vor allem, als sich das Jahr dem Ende neigt.  

© Rezension: 2017, Alexandra Stiller






Die Farbe von Milch | Nell Leyshon | Eisele Verlag
Übersetzung aus dem Englischen von Wibke Kuhn
Originaltitel: The colour of milk
2017, HC, 208 Seiten, ISBN 978-3-96161-000-6


[alexandra]