Rezension: Das Floss der Medusa | Franzobel

Freitag, 29. Dezember 2017 0 Kommentare

Was für ein Trip!


18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens? [© Text und Cover: Paul Zsolnay Verlag]

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Wenn ich das nächste Mal ein Schiff besteige, werde ich zumindest kurz einen kritischen Blick auf die Kapazität der Rettungsboote werden. Denn das, was Franzobel in seinem Roman schildert, will ich ganz sicher nicht erleben. Dabei startet die Reise von Frankreich in Richtung Senegal ganz zuversichtlich. Die Stimmung beim Auslaufen vom Hafen von Rochefort ist wie bei der Jungfernfahrt der Titanic. Alle freuen sich, dass es endlich losgeht.

In den ersten Kapiteln werden uns einige der vierhundert Passagiere und Besatzungsmitglieder der Medusa vorgestellt. Das ist alles andere als langweilig, Franzobel erstellt ein lebendiges Panoptikum der Eitelkeiten. Vom Ausreißer, der als Schiffsjunge anheuert, bis zum Kapitän, der sein Amt nur seiner adeligen Abstammung zu verdanken hat, sind viele soziale Schichten, Rassen und Religionen an Bord vertreten. Das geschieht in der Zeit, als Napoleon im Exil sitzt und die Royalisten wieder die Macht in Frankreich haben. Trotzdem brennen noch viele für die Ideen der Revolution. Jede Menge Zündstoff für Konflikte, die Lunte ist gelegt.


Wie man selbst in einer Extremsituation agiert, ist schwer vorherzusagen. Das, was dein 147 Leuten passiert, die nicht in die wenigen Rettungsboote passen, erinnert an das Schicksal von Flüchtlingen im Mittelmeer. Zusammengepfercht auf einem manövrierunfähigen Gefährt, der Sonne ausgesetzt und mit Hunger und Durst konfrontiert, können sie nur auf Hilfe warten. Diese Ohnmacht ist eine brutale Prüfung für den Verstand, die kaum zu bestehen ist. Das was die Überlebenden auf dem Floß sich gegenseitig antun, ist aus der Distanz nicht nachvollziehbar, einfach undenkbar. Franzobel führt die Ereignisse aber so, dass klar wird, dass selbst die stärksten Moralisten an ihren Überzeugungen nicht mehr festhalten können. Gebannt habe ich verfolgt, wie sie sich dagegen wehren und sich doch so verändern, dass sie sich selbst nicht wiedererkennen können.

„Wer hätte gedacht, dass fünfzig Stunden reichen würden, um Menschen in Kannibalen zu verwandeln? Kolonisten, die den Wilden die europäischen Werte vermitteln sollten, hatten sich in Menschenfresser verwandelt. Hatte dieses Grauen irgendeinen Sinn?" (S. 471)

Im Gegensatz zu den meisten historischen Romanen erzählt der Autor die Geschichte der Medusa aus dem Hier und Jetzt. Für mich hat das sehr gut funktioniert, denn zum einen kommt der Text dadurch frisch und modern daher, zum anderen drängen sich Parallelen auf, die nicht so leicht von der Hand zu weisen sind. Egal ob politische oder religiöse Konflikte, Gewalt ist auch heute noch eine Methode, zu der noch oft gegriffen wird. Wenn ich die Nachrichten verfolge frage ich mich oft, wie das ein Mensch einem anderen antun kann.

„Nichts für frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis. Gut, die Sache liegt mittlerweile mehr als zweihundert Jahre zurück. Wir können es uns also bequem machen und uns versichern, wir sind anders, bei uns kommt sowas nicht vor. Doch ist das wirklich so?" (S. 15)
   


Mich beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit Franzobel seine Figuren durch den Roman führt. Die Ironie und sein feinsinniger Humor lassen mich immer wieder Schmunzeln. Und trotzdem verursachen die dramatischen Ereignisse eine Gänsehaut bei mir. Denn so wie bei den Protagonisten gehen die nicht spurlos an mir vorüber.

Persönliches Fazit

Franzobel zeigt anhand einer historischen Tragödie, wie weit auch zivilisierte Menschen gehen, wenn sie einer extremen Situation ausgesetzt werden. Trotz der Dramatik hat er einen leichten, oft humorvollen Ton gefunden. Für mich war „Das Floss der Medusa" ein großes Leseerlebnis.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Das Floss der Medusa | Franzobel | Paul Zsolnay Verlag
2017, gebunden, 592 Seiten, ISBN: 9783552058163

[marcus]




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