Rezension: Der Knochenraub von San Marco | Stefan Maiwald

Dienstag, 16. Januar 2018 0 Kommentare

Das zweite Abenteuer des venezianischen Spions Davide Venier


1570. Carnevale – ganz Venedig spielt verrückt! Die Stadt ist ein einziges rauschendes Fest, eine gewaltige Orgie. Doch Davide Venier hat keine Zeit für Vergnügungen. Diebe haben den Ausnahmezustand genutzt und die Knochen des Heiligen Markus aus dem Dom entwendet – Venedigs Daseinsberechtigung! Bevor der Fall publik wird, muss Davide die Reliquie wiederbeschaffen. Schnell stellt sich heraus: Eine fremde Macht will der Serenissima schaden. Doch wer unter den vielen Feinden Venedigs ist es? Die Genueser? Die Osmanen? Etwa der Papst persönlich? [© Text und Cover: dtv Verlag]

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„Der Spion des Dogen" war der Auftakt einer Romanreihe, die im Venedig des 16. Jahrhundert spielt. Der erste Teil war gut in die Historie eingebettet und hat mich mit einem flotten Plot überzeugt. „Der Knochenraub von San Marco" ist das zweite Buch mit Davide Venier, dem Mann für Sonderaufgaben im Auftrag des Kanzlers von Venedig. 

Davide soll ermitteln, wer die Überreste des Heiligen Markus gestohlen hat und sie möglichst wiederbeschaffen, bevor der Verlust bekannt wird. Die Reliquien haben zu dieser Zeit eine große Bedeutung und man befürchtet politische Instabilität, wenn bekannt wird, dass sie weg sind. Bald schon treffen Nachrichten über Diebstähle religiöser Artefakte auch aus anderen Städten ein. Davide bekommt den Auftrag, sich dort umzusehen, um Hinweise auf die Täter und auf Zusammenhänge zu dem Raub in Venedig zu finden. Mit seinem tapferen Diener Hasan macht er sich auf den Weg.




Die Reise führt die beiden von Venedig über Padua, Augsburg und Köln bis nach Paris. Hier liegen die Stärken des Romans: die Beschreibungen der Örtlichkeiten, der Paläste und Gotteshäuser sind so intensiv, dass ich mir fast so vorkomme, als wäre ich selbst dort. Stefan Maiwald vermittelt auch ein gutes Bild der politischen und religiösen Situation im Europa des 16. Jahrhunderts. Ob der drohende Krieg gegen die Osmanen, Einblicke in das Herrscherhaus in Frankreich oder die Lage der katholischen und protestantischen Kirchen, die historischen Gegebenheiten wirken sehr authentisch.

Leider bleibt dabei die eigentliche Handlung auf der Strecke. Die Ermittlungen zu den verschwundenen Reliquien gehen gar nicht voran. Der Plot erfährt keinerlei Wendungen und nimmt erst sehr spät Fahrt auf. Gerade im Vergleich zu dem spannenden ersten Buch ist das enttäuschend.

„Und er war den Reliquienräubern noch keinen Schritt näher gekommen, obwohl er viele Hundert Meilen durch Europa geritten war." (S. 309)

Wie schon bei „Der Spion des Dogen" schreibt Stefan Maiwald sehr flüssig. Das trägt dazu bei, dass die Beschreibungen sehr lebendig wirken. Den ersten Teil muss man nicht unbedingt gelesen haben, denn der Plot setzt nicht daran an und es gibt kurze Erläuterungen, wo es notwendig ist. Ich würde ihn aber nicht auslassen, der lohnt sich nämlich wirklich.







       

Persönliches Fazit

„Der Knochenraub von San Marco" punktet beim Lesefluss und bei den Beschreibungen der historischen Gegebenheiten. Im Vergleich zum spannenden Vorgänger enttäuscht mich aber die dünne Handlung, die viel zu lange stillsteht.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Der Knochenraub von San Marco | Stefan Maiwald | dtv Verlag
2017, broschiert, 416 Seiten, ISBN: 9783423261715

[marcus]

Rezension: Über den wilden Fluss | Philip Pullman

Freitag, 12. Januar 2018 2 Kommentare

Die Vorgeschichte zu »Der Goldene Kompass«


Der 11-jährige Malcolm lebt mit seinen Eltern und seinem Dæmon Asta in Oxford und geht in dem Kloster auf der anderen Seite der Themse aus und ein. Als die Nonnen ein Baby aufnehmen, von dem keiner wissen darf, ist es mit der Ruhe in dem alten Gemäuer vorbei. Auch Malcolm schließt das kleine Wesen, das in großer Gefahr zu sein scheint, sofort in sein Herz und setzt alles daran, es zu schützen. Es heißt: Lyra Belacqua. Die Vorgeschichte zum Weltbestseller »Der Goldene Kompass« [© Text und Cover: Carlsen Verlag]

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Es ist schon einige Jahre her, dass Philip Pullman mich mit seiner „His Dark Materials"-Trilogie begeistert hat. Ich fand auch die Verfilmung von „Der Goldene Kompass", dem ersten Band, richtig gut. Jetzt startet mit „Über den wilden Fluss" eine neue Trilogie, die zeitlich vor der ursprünglichen spielt. Ich war gespannt darauf, ob Pullman meine Erwartungen erfüllen kann.

Die Geschichte spielt in England, allerdings nicht in dem England, das wir kennen. Es ist eine Art Paralleluniversum, das Pullman erschafft, in dem es weit mehr fantastische Dinge gibt als in unserer Welt. Das auffälligste sind die Daemonen, die mit den Menschen eine Symbiose eingehen. Jeder hat von Geburt an eines dieser Wesen in Tierform an seiner Seite. Es wird im Buch nicht groß erklärt, was es mit ihnen auf sich hat, das erfährt man im Laufe der Handlung. Auch das Alethiometer, wie ein goldener Kompass auch genannt wird, und seine schwer zu durchschauenden Eigenschaften spielen wieder eine Rolle. Diese Mischung aus Magie und Physik finde ich sehr spannend, das verschafft der Geschichte ein besonderes Flair.




Pullman nimmt sich viel Zeit für die Einführung seiner Charaktere und in die politischen Umstände. Die Kirche ist sehr mächtig im Land. Ihre Vollstreckungsabteilung, das „Geistliche Disziplinargericht", schüchtert die Bevölkerung ein. Es gibt aber auch eine Untergrundorganisation, die im Geheimen für die Freiheit kämpft. Mit der kommt auch Malcolm in Kontakt, als er Gerüchte hört, dass im benachbarten Kloster ein Baby aufgenommen worden sein soll. Das Baby ist Lyra, die in „Der Goldenen Kompass" die Hauptrolle spielt. Es ist aber nicht notwendig, die alte Reihe zu kennen, um den Ereignissen im neuen Buch folgen zu können. 

„»Wir werden einen Weg finden. Es gibt bestimmt einen, wir kennen ihn nur noch nicht.«" (S. 435)

Die Begegnungen, die den Plot aufbauen, sind zwar interessant, mir hat es aber zu lange gedauert, bis die Geschichte fahrt aufgenommen hat. Dann kann Malcolm allerdings seinen Mut beweisen, er begegnet mit seinen Gefährten mystischen Wesen und tödlichen Gefahren und er erlebt ein mitreißendes Abenteuer. Dranbleiben lohnt sich also. Bei Büchern, die fortgesetzt werden, besteht die Gefahr, dass sie mit einem Cliffhanger enden. Das tut uns Pullman nicht an, ich bin mit dem Ende sehr zufrieden und freue mich darauf, zu erfahren, wie es mit Malcolm weitergeht.

Persönliches Fazit

Nach einer zu langen Einführung nimmt „Über den wilden Fluss" richtig Fahrt auf, dann habe ich sehr mit Malcolm mitgefiebert. Es entwickelt sich ein fantastisches und actionreiches Abenteuer in einem Setting mit besonderem Flair, empfehlenswert nicht nur für jugendliche Freunde des Genres.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Über den wilden Fluss | Philip Pullman | Carlsen Verlag
Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger
2017, gebunden, 560 Seiten, ISBN: 9783551583932
ab 14 Jahren

[marcus]




Rezension: Die Eroberung von Ismail | Michail Schischkin

Montag, 8. Januar 2018 0 Kommentare



Es beginnt mit der Erschaffung der Welt – in einem Abteil der Belebeier Schmalspurbahn, tief in der russischen Provinz. Und damit, dass Alexander Wassiljewitsch, gestandener Provinzadvokat und Anwalt der Erniedrigten und Beleidigten, seinen Lebenslauf fürs Kompendium der Gerichtsrede zu schreiben hat. Daraus erwächst eine große Abrechnung, etwas wie Russlands Jüngster Tag. Im Zeugenstand die hohe Literatur: von Tolstois »Auferstehung«, dem berühmtesten aller russischen Gerichtsromane, über Dostojewskis »Verbrechen und Strafe« bis hin zu Olga, Katja, Mascha, Larissa, all den tapfer beharrenden und tragisch vergehenden Frauen im Roman wie im Leben. Und immer wieder schieben sich die Erlebnisse eines jungen Mannes dazwischen, der Michail Schischkin heißt und vom chaotischen Moskau der 1990er Jahre einen langen Abschied nimmt. [© Text und Cover: DVA Verlag]

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Als ich mit diesem Buch begonnen habe, war mir schon klar, dass es ein eher komplexes sein wird. Nach den ersten Abschnitten habe ich mich dann auch gefragt, wovon der da denn nur schreibt, da bin ich zunächst nicht so recht reingekommen. Aber keine Sorge: das wurde schnell besser, es hat sich dann sogar eine regelrechte Sogwirkung eingestellt. Ich habe den Roman dann fast nicht mehr aus der Hand gelegt.

Der Beginn ist aber auch ziemlich abstrakt, bei dem slawische Gottheiten im Zug auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung die Welt erschaffen. Diese Verhandlung bildet den groben Rahmen, bei der die Kultur und die Gesellschaft Russlands des 20. Jahrhunderts im Fokus stehen. Demzufolge kommen Anwälte zu Wort, die in ihren Plädoyers auch mal ausschweifend werden. Der größte Teil des Textes beschäftigt sich aber mit dem Leben von Angeklagten, Zeugen, Geschädigten oder des Autors selbst. Schischkin kommt diesen Einzelschicksalen sehr nahe und gibt damit einen Einblick in den Alltag der Russen verschiedener Epochen der letzten gut hundert Jahre. Er hat den Roman 1998 beendet, reicht damit zeitlich nicht bis zur aktuellen Situation. Die Perestroika ist aber dabei.

„auf diesem Land liegt ein Fluch, hier wird nie etwas anders werden, sie geben dir zu fressen, bis du platzt, aber dich als Mensch zu fühlen wird dir auf ewig verwehrt sein, hier zu leben ist eine einzige, fortwährende Demütigung, von morgens bis abends, von der Geburt bis zum Tod, und wenn wir jetzt nicht ausbrechen, dann bleibt es unseren Kindern überlassen, und wenn nicht sie, so werden unsere Enkel es tun…" (S. 157)


Eine beachtliche Leistung liefert der Übersetzer. Schischkin wechselt gerne mitten im Abschnitt die Sprache von modern zu altmodisch bis hin zu Versformen. Das ist ein gutes Stilmittel, um in der Zeit zurückzureisen, ohne das explizit zu erwähnen. Sehr hilfreich waren für mich die Anmerkungen im Anhang des Buchs. Schischkin verwendet eine Unzahl von Zitaten von griechischen Philosophen, römischen Rednern, russischen Dichtern und vielen anderen. Immer wieder nach hinten blättern stört zwar etwas den Lesefluss, aber mit diesen Erläuterungen habe ich die Zusammenhänge besser erkannt, denn auch wenn ich Tolstois Krieg und Frieden gelesen habe, bin ich mit der Historie russischer Literatur nur bruchstückhaft bewandert. Der Verlag hat ergänzend eine Internetseite mit weiteren Hintergrundinformationen und einer Übersicht aller verwendeten Zitate eingerichtet. Da hat sich Schischkin mal richtig ausgetobt.

Persönliches Fazit

Wer eine Affinität zur russischen Literatur hat und sich von der Komplexität nicht abschrecken lässt, ist bei „Die Eroberung von Ismail" gut aufgehoben. Mich hat das Werk jedenfalls sehr beeindruckt, auch wenn ich sicher noch nicht alles erfasst habe, was im Roman behandelt wird. Ein zweites Mal lesen lohnt sich für mich auf jeden Fall.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Die Eroberung von Ismail | Michail Schischkin | DVA Verlag
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
2017, gebunden, 512 Seiten, ISBN: 9783421046437

[marcus]

#BSBP17 - DIE 9. BUCHSAITEN BLOGPARADE

Samstag, 6. Januar 2018 1 Kommentar

Die BuchSaiten Blogparade ist aus der Bloggerwelt mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Katrin von BuchSaiten hat diese sieben Mal in Folge veranstaltet und seit zwei Jahren findet diese Blogparade nun bei der fabulösen Petzi vom Blog  Die Liebe zu den Büchern statt. 


Auch ich möchte natürlich in diesem Jahr wieder teilnehmen, denn so kann ich mein eigenes Lesejahr noch einmal reflektieren und ein Fazit ziehen. Und ich lese mir jedes Jahr sehr gerne in Ruhe die Beiträge der anderen teilnehmenden Blogger*innen durch, denn ich nehme ich mir dabei immer schöne Buchtipps für meine eigene Wunschliste mit.

Habt Ihr die Blogparade gerade erst entdeckt und möchtet auch gerne teilnehmen? Kein Problem, bis heute um Mitternacht ist das noch möglich! Alle Informationen rund um die Blogparade findet ihr HIER. Bücher, Hörbücher und E-Books aller Sprachen und Sparten sind erlaubt! Ihr könnt außerdem mit Blogs aller Art teilnehmen, es muss also kein reiner Buchblog sein. Der offizielle Hashtag ist #BSBP17

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Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat? 


Ich habe kürzlich DAS GENIE - ein Debüt von Klaus Cäsar Zehrer - gelesen und dieses Buch hat mich wahrlich SEHR positiv überrascht. Ich war sehr skeptisch zu Beginn, ob dieser biografische Roman über das Genie und Wunderkind William James Sidis (1898–1944) wirklich etwas für mich ist, und habe doch etwas zögerlich zu lesen begonnen. 

Aber ich wurde schon nach wenigen Seiten eines Besseren belehrt und habe das Buch letztlich regelrecht verschlungen. Mein Interesse war sehr schnell geweckt und ich verfolgte gespannt und fasziniert das Leben der exzentrischen Familie Sidis. William James Sidis beherrschte bereits als Sechsjähriger zehn Sprachen und soll intelligenter als Einstein, Newton und Da Vinci gewesen sein. Als Zehnjähriger referierte er schließlich vor Professoren in Harvard über seine Theorie der vierten Dimension. Aber wie kommt als Genie mit dem Leben zurecht? Was bewegt ihn, was treibt ihn an? Wie meistert er sein Leben und ist er glücklich? Ein kluger, fesselnder aber auch tragischer Roman, den ich wirklich sehr empfehlen kann. 

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat? 


Jean-Philippe Blondel konnte mich vor einiger Zeit mit seinem Roman 6 UHR 41 richtig begeistern. Dementsprechend gespannt war ich nun auch auf DIE LIEBESERKLÄRUNG. Aber meine persönlichen Erwartungen waren etwas zu hoch. Ich habe dieses Buch leider abgebrochen. 

Corentin, selbst rastlos und kein Glück in der Liebe, ist Hochzeitsfotograf und begleitet Brautpaare bei ihrem großen Tag. Eines Tages filmt er eine Liebeserklärung einer Braut an ihren Zukünftigen und ihre Worte treffen ihn im Innersten und inspirieren ihn. Fortan filmt er Menschen aus seinem Bekanntenkreis, die bereit sind, ein Geständnis vor seiner Kamera zu machen. Es geht um Liebe, um Freundschaft, um Erfahrungen ... . 
Die Idee dahinter gefiel mir sehr gut. Eigentlich mag ich auch Blondels Stil, aber in diesem Fall konnte ich einfach keine Bindung zu den Protagonisten aufbauen, der Funke sprang nicht über. Letztlich plätscherte das Gelesene an mir vorbei, ohne mich in irgend einer Form zu berühren, ich empfand eine gewisse Monotonie. Zwar hat das schmale Buch gerade mal 160 Seiten, dennoch habe ich schon früher abgebrochen, da ich selbst merkte, dass ich immer wieder abschweife. 

Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum? 




Dank Florian (@LiterarischerNerd) habe ich ROSE TREMAIN für mich entdeckt. Ich hatte vorher leider noch kein Buch der Autorin gelesen, obwohl ich tatsächlich "Und damit fing es an" im Regal stehen habe. (Ungelesen, Schande über mich!) Florian brachte mich dazu, DER WEITE WEG NACH HAUSE zu lesen und ich bin ihm sehr dankbar dafür.

Lev ist ein Glückssucher: Er ist nach London gekommen, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Fremd und einsam denkt er zurück an seine jung verstorbene Frau Marina, seine kleine Tochter Maya und die verrückten Erlebnisse mit seinem Freund Rudi. Doch Lev ist entschlossen, sich eine Zukunft zu erkämpfen: Er entdeckt ein ungeahntes Talent, findet Freunde und sogar eine neue Liebe. (Suhrkamp)

Dieses herzerwärmende Buch begeisterte, bewegte mich sehr. Ich habe mit Lev auf der Suche nach seinem Glück gelebt, gelitten, mitgefiebert, eine emotionale Achterbahn! Der Roman machte mir nun Lust auf mehr. Habt ihr denn schon Bücher der Autorin gelesen?


Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum? 


Ich war sehr angetan von der Covergestaltung zum Roman KUKOLKA von Lana Lux. Hier passte einfach alles, es ist schrill und passt hervorragend zum Inhalt. Ein großer und sehr ergreifender Roman. Definitiv kein Buch für Zartbesaitete, so ehrlich muss man sein.  Es schmerzt, man mag schreien - aber man liest weiter. Immer mit diesem kleinen Fünkchen Hoffnung, dass da noch was kommen muss. Dass es das Leben doch auch mal gut meinen muss mit Kukolka. 

Ich habe „Kukolka“ an einem Stück gelesen und für den Rest des Tages keine Ruhe mehr gefunden, war am umherwandern, war innerlich vollkommen aufgewühlt. Mich wird die kleine Heldin Samira noch sehr lange beschäftigen und das ist auch gut. Ein so schonungsloses, ergreifendes und doch so starkes Buch, dass sensibilisiert. Wer das Buch gelesen hat und danach noch einmal in Ruhe das Cover anschaut, der wird verstehen. 
(HIER findet ihr meine Rezension zum Buch.)

Welches Buch wollt ihr unbedingt in 2018 lesen und warum?


Murakami. Selbstverständlich den neuen Murakami! Ich bin ein großes Fangirl und fiebere der Erscheinung von DIE ERMORDUNG DES COMMENDATORE (Band 1. Eine Idee erscheint) sehr entgehen. Am 22. Januar hat das Warten endlich ein Ende. BAND 2. Eine Metapher wandelt sich wird dann schon im April erscheinen. 

Ein gesichtsloser Mann – und sein Porträtist
Nach der Trennung von seiner Frau reist ein erfolgreicher junger Maler ziellos durch Japan. Schließlich zieht er sich in das abgelegene Haus eines berühmten Künstlers zurück. Eines Tages erhält er ein lukratives Angebot: Er soll das Porträt eines reichen Mannes anfertigen. Nach einigem Zögern nimmt er an, und Wataru Menshiki sitzt ihm fortan Modell. Doch der Ich-Erzähler findet nicht zu seiner alten Fertigkeit zurück. Wer ist dieser Mann, dessen Bildnis er keine Tiefe verleihen kann? Durch einen Zufall entdeckt der Maler auf dem Dachboden ein meisterhaftes Gemälde. Es trägt den Titel ›Die Ermordung des Commendatore‹. Er ist wie besessen von dem Bild, mit dessen Auffinden zunehmend merkwürdige Dinge um ihn herum geschehen, so als würde sich eine andere Welt öffnen. Mit wem könnte er darüber reden? Er kennt nur Menshiki, doch soll er sich ihm wirklich anvertrauen? Als er es tut, erkennt der Ich-Erzähler, dass Menshiki einen ungeahnten Einfluss auf sein Leben hat. (Dumont)



Mich interessiert jetzt natürlich sehr: 

Welche Bücher begeisterten und welche Bücher enttäuschten Euch im Lesejahr 2017?
Auf welches Buch freut Ihr euch 2018 ganz besonders?
[alexandra]

Rezension: Hinterhofleben | Maik Siegel

Mittwoch, 3. Januar 2018 2 Kommentare

Dem Volk aufs Maul geschaut




Was passiert mit einer Hausgemeinschaft, wenn auf einmal statt Mülltrennung Weltpolitik diskutiert wird? Die Linde im Hinterhof grünt gerade erst, als die Bewohner der Nummer 68 im Prenzlauer Berg entscheiden, dem syrischen Kriegsflüchtling Samih Unterschlupf zu bieten. Über die Aufnahme von Samih entscheiden alle Hausbewohner: Inga und Jan wollen ihn retten. Die Studentinnen Nikola und Julia möchten schon irgendwie helfen. Die alten Berliner Günther und Ute wollen, dass sich nichts ändert. Das gutbürgerliche Paar Anne und Sven sorgt sich um die Sicherheit seiner Tochter. Der scharfzüngige Schriftsteller Ott und der Amerikaner Will spotten. Und die Eltern der kenianischen Familie Massawe bleiben skeptisch, während ihr Sohn ein großes Abenteuer wittert. Bevor das letzte Blatt der Linde im Herbst fällt, hat jeder der Bewohner einiges über sich offenbart. [© Text und Cover: Divan Verlag]

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Eine interessante Hausgemeinschaft hat Maik Siegel für seinen Roman zusammengestellt. Vom smarten Ami, der sich gern auf Grindr herumtreibt, über die aus Kenia stammende Migrationsfamilie bis hin zum Rentnerpaar, die überwachen, was die Nachbarn so treiben und falsch machen, ist einiges dabei, was unsere Gesellschaft widerspiegelt. Die Unterschiede bieten viel Konfliktpotenzial, man belauert sich eher gegenseitig als sich miteinander anzufreunden.

„Ott schien aus zwei Gründen zu atmen: um zu schreiben und um zu spotten. Im Haus war er gefürchtet – entsprächen Nachbarn Katastrophen, Ott wäre Tschernobyl: Wo er wandelte, wuchs kein frohes Leben mehr." (S. 16)

Inga kommt auf die Idee, einen Flüchtling bei sich und ihrem Partner aufzunehmen. Sie beräumt eine Versammlung der Bewohner ein, um ihren Vorschlag zu unterbreiten. Dass sie dabei nicht nur auf Zustimmung stößt, war zu erwarten. Der eine oder andere sieht seine Wohlfühlzone bedroht. Aber natürlich will keiner als schlechter Mensch dastehen und man lässt den Syrer einziehen. Man behält sich jedoch ein „das habe ich doch gleich gesagt" vor, denn wie bei der sich selbst erfüllenden Prophezeiung geht man davon aus, dass es Probleme geben wird.




Durch die über Jahre präsenten Bilder des Krieges in Syrien neigt man dazu, diesem Konflikt gegenüber abzustumpfen. Die unübersichtliche Lage dort macht es nicht leicht, sich zu positionieren. Wie begegnet man einem, der Krieg und Flucht hinter sich hat? „Flüchtling" klingt immer so nach einem unmündigen Menschen, der nichts hat und nichts kann. Wenn man genauer hinsieht, merkt man schnell, dass das nicht so ist. Samihs neue Nachbarn bleiben aber erstmal auf Distanz, und das nicht nur, weil er kein Deutsch kann. Sie wissen einfach nicht, wie sie ihm begegnen sollen.

„Wenn du verstehen willst, wie Samih sich gefühlt hat, musst du versuchen, dir etwas vorzustellen, was du dir eigentlich nicht vorstellen kannst. Das macht es für viele so schwierig, die Geschichten der Flüchtlinge zu verstehen und ihr Schicksal zu akzeptieren." (S. 214)

Die Ignoranz und die Besserwisserei der Nachbarschaft regt zum Nachdenken und Reflektieren an. Maik Siegel kreiert pointierte Situationen ohne sie zu überspitzen. Die verschiedenen Ansichten der Bewohner begegnen mir im echten Leben auch, die sind gut beobachtet. Die Dialoge unter ihnen brachten mich öfter zum Schmunzeln, sie sind einfach treffend formuliert. Der Ton wird trotz des Themas nicht schwer, das Buch lässt sich flott lesen und ist unterhaltsam. Und für ein paar Wendungen, vor allem in den Ansichten einiger Protagonisten, ist auch gesorgt.

Persönliches Fazit

„Hinterhofleben" setzt sich mit dem Schicksal von Flüchtlingen und ihrer Situation bei uns auseinander. Die Ansichten der Nachbarn spiegeln viele Meinungen und Ängste der Deutschen wider. Durch die gute Beobachtung der Hausgemeinschaft und den leichten Erzählton hat mich der Roman sowohl gut unterhalten als auch zum Nachdenken angeregt.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Hinterhofleben | Maik Siegel | Divan Verlag
2017, broschiert, 256 Seiten, ISBN: 9783863270469

[marcus]

Rezension: Housesitter | Andreas Winkelmann

Dienstag, 2. Januar 2018 0 Kommentare



Er will dein Haus. Er will deine Frau. Er will dein Leben. Er ist der Housesitter
Stell dir vor, du kommst mit deiner Freundin aus dem Urlaub in dein Haus zurück. Du merkst sofort, dass irgendetwas anders ist: Die Möbel sind verrückt. In der Küche stehen benutzte Töpfe. Die Handtücher riechen fremd.
Dann spürst du einen jähen Schmerz - und es wird Nacht um dich.
Stell dir vor, du wachst erst nach Tagen im Krankenhaus auf.
Deine Freundin ist verschwunden - entführt.
Denn da draußen ist jemand, der sich nach einem warmen Heim sehnt. Nach einer liebenden Frau. Nach deinem Leben. Und er ist zu allem entschlossen... [Text & Cover: Wunderlich]

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Ein Mann dringt in fremde Häuser ein, nachdem er die Gewohnheiten deren Bewohner ausspioniert hat. Während sie auf Urlaub sind, nimmt er deren Platz ein, erkundet deren Gewohnheiten anhand ihrer Alltagsgegenstände, dürchwühlt jede Schublade, lüftet jedes Geheimnis. Er durchbricht alle gesellschaftlich etablierten Grenzen der Privatsphäre, beraubt seine Opfer ihres intimsten Schutzes. Daß nach Einbrüchen die seelischen Schäden weitaus schwieriger zu beheben sind als die materiellen, ist bekannt. In seinem aktuellen Thriller wählt Andreas Winkelmann diesen Umstand als Ausgangspunkt und schafft mit einem Täter, der seinen Opfern eben diese Form intimen Leides zufügt, eine beängstigende Figur.

Die Biographie eines Mannes, dessen Kindheit und Jugend von Gewalt und unerfüllten Sehnsüchten geprägt ist, bildet dabei das Rückgrat des Romans. Episodenartig erzählt der Autor von einem rohen Stiefvater, ständig auf der Suche nach einem Ventil für seinen eigenen Frust, von erstickten kindlichen Hoffnungen, von beruflichen und amourösen Enttäuschungen. Mit der Zeit wird eine Persönlichkeit geschmiedet, deren soziale Entwicklung nicht mit der geistigen Schritt halten kann. Schließlich sind die empathischen Fähigkeiten des Mannes auf eine Weise unterentwickelt, die ihn zu einem kalten Wesen werden lassen, nicht in der Lage, den Schmerz zu begreifen, den es verursacht. Diese Geschichte wird in regelmäßigen Rückblenden erzählt, jeweils ausgelöst durch Sinneswahrnehmungen wie Gerüche oder Geräusche, einerseits eine stilistisch elegante Überleitung, andererseits das Instinkthafte des Täters noch verstärkend.

Sein Name bleibt dem Leser lange Zeit unbekannt, was zusätzlich den Mangel an Selbstbewußtsein und Individualität verdeutlicht. Nicht zuletzt diese Unzulänglichkeiten will er kompensieren, indem er sich die Persönlichkeiten fremder Menschen wie deren nicht ganz passende Kleidung anlegen möchte. Gerade diesen Aspekt, den Raub all dessen, was einen Menschen unverwechselbar macht, durch einen Fremden, hätte der Autor noch stärker betonen und das unbehagliche Szenario noch verstörender gestalten können.

Diesem Täter gegenüber ist Thomas Bennett positioniert, der dessen Angriff nur mit Glück überlebt und der seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus alle Energie darauf richtet, seine entführte Freundin wiederzufinden. Durch die zuweilen zu naiv und stereotyp agierenden Nebenfiguren wird Thomas eine besonders breite Bühne geboten, seine Absichten schließlich bis zum Rachedurst eskalieren zu lassen. Zu Beginn lebt er mit seiner Frau in einem Teil der Stadt mit überdurchschnittlich hohen Grundstückspreisen. Als Eigentümer einer Personalvermittlungsfirma drücken ihn einerseits keine finanziellen Sorgen, und andererseits übt er in dieser Position genau jene Art von Macht aus, unter der sein Widersacher stets zu leiden hat. Thomas ist also das aktive Subjekt, während sein lange namenloses Gegenüber als passives Objekt verbleibt. Mit dem Überfall wird diese Rollenverteilung schlagartig umgekehrt.

Das aus dem Kontrast der beiden Persönlichkeiten erzeugte Spannungsfeld treibt schließlich die Geschichte an, die Reise gestaltet sich aber zuweilen als holprig, wenn sprachliche Unschärfen das hohe Tempo wieder drosseln. So spricht beispielsweise die neutrale Erzählerinstanz in einem Umgangston, der eigentlich den Figuren zuzuschreiben wäre:
"Sein Kopf steckte zwischen den Hortensien, den Hintern streckte er in die Höhe." (S. 180)

Auch erschließt sich die Bedeutung von Ausdrücken, die nur in Teilen des deutschen Sprachraums geläufig sind, oft nur aus dem Zusammenhang. Begriffe wie etwa Kreisel, Tinnef oder das sächliche Geschlecht für "Kaugummi" ziehen unnötig Aufmerksamkeit von der Handlung ab.

Zuweilen wirken Sätze aufgrund der Wortstellung ungelenk:
"... davor eine große Werbetafel, auf der eine hinreißende Schwarzhaarige Werbung machte für Magnum-Eis." (S. 162) In der vorliegenden Form klingt der Satz wie eine wörtliche Übersetzung aus dem englischen, die Form "... Werbung für Magnum-Eis machte", wäre die geläufigere. Während in der englischen Grammatik auch in Nebensätzen die Ordnung "Subjekt - Prädikat - Objekt" gilt, steht in deutschen das Prädikat an letzter Stelle.
Auch der Relativsatz "... dessen Gesicht verdeckt war von einer großen Teppichrolle ..." (S. 160) würde  durch Umgruppierung der Satzglieder ("... dessen Gesicht von einer großen Teppichrolle verdeckt war ...) den Erzählfluß nicht mehr in Stocken bringen.

Als wäre der Autor noch zaghaft, findet der Informationsaustausch zwischen den Figuren im Rückblick statt. Dialoge werden gerafft wiedergegeben, die dynamische direkte Rede wird oft durch die statische indirekte ersetzt. Indem Figuren anhand ihrer Eigenschaften beschrieben werden, anstatt diese in der jeweiligen Situation zu erproben, wird außerdem der Spielraum eingeschränkt, sie dem Leser lebendig vorzuführen.

Persönliches Fazit

Ein beklemmendes Szenario reißt den Leser in seinen Bann, stilistische Unschärfen in der Erzählung lösen diesen Bann wieder.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Housesitter | Andreas Winklemann | Wunderlich
2017, Hardcover, 496 Seiten, ISBN: 978-3-8052-5102-0

[wolfgang]