Rezension: Der Boxer | Szczepan Twardoch

Freitag, 26. Januar 2018 0 Kommentare






[klappentext start]Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein. (© Text und Cover: Rowohlt Verlag) [klappentext ende]


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1987 sitzt Mojzesz Bernstein in Israel und schreibt seine Erinnerungen auf an die Zeit vor fünfzig Jahren, an das Jahr 1937, als er als Siebzehnjähriger in Warschau den Boxer Shapiro kennenlernt. Dieses erste Treffen ist kein angenehmes, denn Shapiro kommt im Auftrag des Paten, um an Mojzesz' Vater ein grausames und tödliches Exempel zu statuieren, da der seine Schulden nicht zahlen kann. So ändert sich für Mojzesz alles an diesem Tag. Er verliert seinen Vater und verlässt seine Mutter und seinen Bruder, wird aber von Shapiros Familie aufgenommen. So kommt der Sohn eines frommen Juden in ein kriminelles Milieu, in dem Shapiro für ihn zum Vorbild wird und in dem er sich vielen Formen von Gewalt gegenübersieht. Mal sind es Schlägertruppen bei politischen Demonstrationen, mal schmerzhafte Verwarnungen beim Schutzgeld eintreiben bis zu Prügel und Schlimmeres gegen Ehefrauen oder Prostituierte, es ist eine gnadenlose Welt des Stärkeren, in die Mojzesz sich wiederfindet.

„An dem Tag, an dem wir Marylka gerächt haben, müssen wir noch in eine weitere Wohnung eindringen, das Rad des Todes weiterdrehen, Gewalt säen und Gewalt ernten, wie beim Boxen, du steckst einen Schlag ein, gibst zurück, isst und wirst gefressen, du stammst von Gott und kehrst zu Gott zurück, du kommst aus der Erde und wirst zu Erde, wenn dich die Mikroben fressen, das ist Gewalt, alles ist Gewalt…" (S. 213)

Twardoch setzt seine Geschichte äußerst gekonnt in die politischen und sozialen Umstände Polens zu jener Zeit. Die junge Republik ist noch wackelig, sozialistische und nationalistische Bewegungen stehen sich gegenüber. Es gibt Kräfte, die die Juden aus allen öffentlichen Ämtern oder am besten ganz aus dem Land treiben wollen. Es wird für den Paten immer schwerer, die Fäden in der Hand zu halten, nicht zuletzt, da auch in den eigenen Reihen an seinem Stuhl gesägt wird. Tatsächliche Gegebenheiten und Personen der polnischen Historie werden damit sehr glaubhaft verwoben.




Treue und Verrat, Schuld und Gewissen, Vernunft und Leidenschaft, Twardoch setzt alles stimmig um, mit einer Sprache, die ihren Teil dazu beiträgt, dass die dreißiger Jahre wieder lebendig werden. Genauso lebendig und greifbar wirken seine Darsteller, für deren wirkungsvolle Charakterisierung er sich die nötige Zeit nimmt. Vor allem die einfallsreichen Wendungen, die mein Bild des Boxers wiederholt neu formten, haben mich beeindruckt. 

Persönliches Fazit

Mit „Der Boxer" ist Szczepan Twardoch ein starkes Stück Literatur gelungen. Wie er seine Akteure in die gesellschaftlichen und politischen Umstände einbindet und daraus ein schonungsloses und intensives Gangsterdrama komponiert, hat mich begeistert.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


[klappentext start]Der Boxer | Szczepan Twardoch | Rowohlt Verlag
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
2017, gebunden, 468 Seiten, ISBN: 9783737100083 [klappentext ende]

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