Eine Buchperle: Die Graphic Novel `Brodecks Bericht´ von Manu Larcenet

Mittwoch, 21. Februar 2018 0 Kommentare


[klappentext start]Es ist Winter kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Abseits von einem kleinen Dorf im deutsch-französischen Grenzgebiet lebt Brodeck. Als er eines Abends in das Wirtshaus geht, trifft er auf eine schauerliche Szene: Die Dorfgemeinschaft hat soeben kollektiv einen Fremden ermordet. Brodeck ist entsetzt, doch die Männer zwingen ihn, einen Bericht zu verfassen, der ihre Tat rechtfertigen soll. Widerwillig beginnt er für die Dorfbewohner zu schreiben und während er mehr und mehr von den Abgründen der Tat erfährt, gerät er allmählich selbst ins Visier ihrer Drohungen… [Text + Cover: Reprodukt Verlag][klappentext ende]


Eine Graphic Novel nach einem Roman von Philippe Claudel

Die Graphic Novel kommt mit wenig Text aus, dafür sprechen die unglaublich ausdrucksstarken Bilder in schwarz-weiß. Manu Larcenet versteht es meisterhaft, die düstere und bedrohliche Stimmung der Romanvorlage aufzugreifen und gekonnt umzusetzen.

Der Ich-Erzähler Brodeck kam selbst vor Jahren als Fremder in das abgelegene Dorf nahe der französichen Grenze, in dem die Wunden des Krieges längst noch nicht verheilt sind und alte Vorurteile nicht vergessen. Die Dorfbewohner haben sich eines schrechlichen Verbrechens schuldig gemacht und versuchen nun, mithilfe Brodecks, sich zu rechtfertigen. Brodeck habe schließlich als einziger studiert und wisse, wie man solch einen Bericht abfasst. Sich zu weigern, kommt nicht in Frage und so schreibt er Seite um Seite einem ungewissen Ende entgegen.



"Ich bin schlicht in dem Augenblick ins Gasthaus gekommen, da man sich an den erstbesten hält, der durch die Tür tritt.
Sei es, ihn als Retter zu erwählen oder um ihn zu massakrieren.
Ich sage es noch einmal, ich hätte lieber geschwiegen. Aber ihre Fäuste schlossen sich um das Heft der Messer.
Jene Fäuste, jene Messer, die eben noch gebraucht worden waren."

Doch auch seine eigene, tragische Lebensgeschichte findet einen Weg zu Papier, er schreibt sie heimlich. Niemand soll etwas davon mitbekommen und auch nicht, dass er sich weigert, die Tat der Dörfler zu beschönigen. Sein Ziel ist einzig die Wahrheit. Etwas anderes kann er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren.

Wir erfahren, wie dieser Fremde, den alle nur den Anderen nennen, in die Dorfgemeinschaft kam und er nie wirklich angenommen wurde.
Zu anders sei er. Zu fremd. Wollte zuviel wissen. Habe sich zuviel eingemischt.
So sei es schließlich passiert, man hatte keine andere Wahl. Das müsse man doch verstehen.




Die Szenerie des Bergdorfes ist karg, kalt, abweisend. Es liegt Schnee und die Menschen sind mürrisch. Sie sind arm und haben nichts zu verschenken, schon gar nicht so etwas wie Mitgefühl. Sie zeigen sich dadurch von ihrer hässlichsten Seite. Jeder ist sich selbst der Nächste, nur in der Ausnahmesituation, diesem kollektiven Verbrechen, halten sie zusammen. Die Parallelen zum Nationalsozialismus und zum Holocaust sind nicht zu übersehen.

Persönliches Fazit

Diese kunstvolle Graphic Novel ist sicherlich kein Wohlfühlbuch, aber eindringlich und nachhallend. Sie wirft Fragen auf. Wie weit geht Gruppenzwang, wie sehr darf man sich hinter der Meinung Einzelner verstecken? Wann ist man Mitläufer und wann Täter? Und wie schnell kippt Angst vor dem Fremden in Gewalt um?
Für alle, die Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" gelesen haben und für alle, die sich mit dem Thema Fremdenhass auseinandersetzen. Und erst recht für alle, die starke, kraftvolle Bilder mögen.
Ein Buch, das nachklingt...

© Rezension 2018, Corinna Klein








Graphic Novel nach einem Roman von Philippe Claudel | Reprodukt Verlag
Manu Larcenet, Philippe Claudel
Titel der Französischen Originalausgabe: La rapport de Brodeck (La livre de Poche)
Übersetzung: Deutsch von Ulrich Pröfrock
Lettering: Dirk Rehm | Font: Manu Larcenet
Seiten: 328, schwarz-weiß | Format: Hardcover mit Schuber, 29 x 23,5 cm | ISBN: 978-3-95640-132-9

[corinna]

Rezension: Immerschuld | Roman Klementovic

Montag, 19. Februar 2018 0 Kommentare


[klappentext start] Tödliches Schweigen  Sie fanden ihn am Waldrand in der Nähe des Dorfes. Die brütende Hochsommerhitze der letzten Tage hatte ihm schwer zugesetzt. Der Fäulnisgeruch war kaum zu ertragen. Hektisches Fliegensummen, überall Parasiten und Blut. Es sah so aus, als wäre er mit einem Messer massakriert worden, vielleicht auch mit einer Axt. Doch es war etwas anderes, das ihre volle Aufmerksamkeit auf sich zog. Etwas, das ihnen noch viel mehr Angst machte ... [Text & Cover: Gmeiner Verlag] [klappentext ende]

[trennlinie]

Sowohl der Titel "Immerschuld", als auch der Inhalt des neuen Romans von Roman Klementovic knüpfen an den erfolgreichen Vorgänger "Immerstill" an. Wenig Zeit ist seit den Ereignissen um verschwundene Jugendliche vergangen, nach kurzer Prominenz in den nationalen Schlagzeilen ist der kleine Ort Grundendorf in seine langsame Agonie zurückgefallen. Auch diesmal wird ein junges Mädchen vermißt, zudem werden zwei brutal zu Tode gequälte Hunde aufgefunden. Auch diesmal wird in der ersten Person von einer verzweifelten Suche und dem Anrennen gegen kleinkarierte Gleichgültigkeit erzählt. Mit Patrick, dem inwzsichen suspendierten Polizisten aus "Immerstill", befördert der Autor eine Neben- zur Hauptfigur und entwickelt damit eine flüchtige Bekanntschaft zu enger Vertrautheit.

Wüßte man nicht, daß "Immerschuld" in Niederösterreich spielt, man würde den Text spontan in Kärnten verorten. Roman Klementovic stattet seine Dorfbewohner mit einer niederträchtigen Triebhaftigkeit aus und zeigt sich in einer Weise von dumpfer Provinzialität angewidert, die an Literaten wie Peter Handke und Josef Winkler erinnert, die aus dem südlichsten Bundelsand Österreichs stammen. Der alltägliche Tratsch ist wie ein permanent tagendes Dorfgericht, dessen jederzeit verhängte Urteile endgültig sind.

"Tratschweiber patrouillierten auf ihren Fahrrädern durch Grundendorf. Ihre Pensionistenhandys griffbereit im an der Lenkstange befestigten Korb, um Neuigkeiten sofort berichten zu können." (S. 80)

Obwohl die Kritik diesmal gemäßigter, weniger tiradenhaft als noch im Vorgänger vorgetragen wird, ist es gerade diese Nüchternheit, die ihr die Schärfe verleiht. Das Dorf ist keine idyllische Zuflucht, sondern ein Ort der Zwietracht, an dem um des Friedens willen stets das Individuelle einem kollektiven Konsens untergeordnet werden muß. Mit Haßliebe, die sich wie Stacheldraht in der geschlossenen Faust anfühlt, wird "Immerschuld" somit zu einem aktuellen Antiheimatroman.

Bei der Ausgestaltung der Örtlichkeiten beschränkt sich Roman Klementovic auf das Notwendigste, dafür widmet er sich mit besonderer Aufmerksamkeit seinen Figuren. Zahlreiche Dialoge treiben die Handlung voran und wandeln sich oft von reinem Informationsaustausch zu brisanten Sprachduellen. Je aufgeheizter die Situation, desto klarter treten auch die Eigenheiten der einzelnen Charaktere zutage. Gefühle werden intensiv verkörperlicht, mit allen Sinnen erspürt, was einiges an Erzählzeit beansprucht:

"Mein Herz hämmerte wie verrückt. In meinen Schläfen pochte es. Das Blut rauschte mir in den Ohren. Kurz wurde mir schwarz vor Augen, ich musste alle Kraft aufbringen, um die Übelkeit zu unterdrücken." (S. 237)

Obwohl die Drosselung des Erzähltempos das Inneleben der Figuren akzentuiert, vollziehen sich die Ereignisse der Außenwelt in einem anderen Takt. Der Autor setzt zur Steigerung der Spannung außerdem auf das Stilmittel der Vorausdeutung, das in manchen Passagen etwas zu großzügig eingsetzt ist. Bis das Rätsel um die Vermißte schließlich gelöst ist, weist jedes Kapitel auf die seit ihrem Verschwinden verstrichenen Stunden und Minuten hin. Die Zeit wird zu einem kritischen Aspekt, der Leser ist ständig in Alarmbereitschaft.

Persönliches Fazit

"Immerschuld" ist ein Antiheimatroman mit scharf gezeichneten, lebendigen Figuren, in dem oft Vorausdeutungen mit der eigentlichen Handlung ringen.

© Rezension: 2018, Wolfgang Brandner

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Bibliografie: Immerschuld | Roman Klementovic | Gmeiner Verlag
2017, Klappbroschur, 347 Seiten, ISBN: 978-3-8392-2066-5
[wolfgang]  

Rezension: Summer Girls | Jobien Berkouwer

Samstag, 17. Februar 2018 4 Kommentare




[klappentext start]Die Profilerin Lot van Dijk wird aus Amsterdam in eine verschlafene Gemeinde auf dem Land versetzt. Die männlichen Kollegen nehmen die junge Frau nicht ernst, und abgesehen von ausgebrochenen Pferden gibt es für die Polizei nur selten etwas zu tun. Doch dann wird in einer Waldhütte nach einem Sturm eine Leiche gefunden. Lot sieht ihre Chance, sich zu behaupten, und erstellt ein Täterprofil. Es weist eindeutig auf einen Serienkiller hin, aber sie wird nur müde belächelt. Bis im Wald ein zweites ermordetes Mädchen gefunden wird. Denn nun liegt es an Lot, den Mörder aufzuhalten, bevor er sein nächstes Opfer findet … [© Text und Cover: Penguin Verlag][klappentext ende]

Ein Thriller mit Stärken und Schwächen

Eine Neue, frisch von der Akademie, die von ihren Kollegen nicht ernst genommen wird, ist ein ziemlich abgedroschenes Szenario. Dass der eine oder andere von ihnen Lot lieber in der Küche als im Dezernat sehen würde, entspringt einem Frauenbild, das es sicher noch gibt, aber bei mir kein großes Interesse mehr weckt. Aber so geht es Lot nun mal, selbst ihr Vorgesetzter will von ihren neuen Ideen nichts wissen. Im ländlichen Twente will man sich von dem Mädel aus der Großstadt nichts sagen lassen. Als die erste Leiche gefunden wird, sieht Lot ihre Chance, zu beweisen, was sie kann.

In den meisten Kapiteln begleiten wir Lot bei ihren Ermittlungen. Aber wir erfahren auch einiges über den Täter, von seiner Kindheit, aber auch was er aktuell erlebt. Je besser ich ihn kennenlerne, desto mehr graut es mir dabei. Die psychologische Hinführung zu seinem geistigen Zustand ist zwar nicht sehr raffiniert, das Ergebnis daraus aber sehr wirkungsvoll. Wenn ich mir vorstelle, dass so ein Bekloppter frei herumläuft, wird es mir schon anders.

„Um ihn herum ist es still. Die Stille der Nacht. Die Stille des Todes." (S. 283)

Es wird schnell klar, dass die Ermittlungen zu einem Wettlauf gegen die Zeit werden, denn man muss davon ausgehen, dass der Mörder wieder zuschlagen wird. Das will Lot mit ihren Kollegen unbedingt verhindern. Was mir dabei richtig gut gefallen hat, ist die akribische Ermittlungsarbeit. Lot ist kein Wunderkind, die um drei Ecken denken kann. Sie erarbeitet sich ihre Erkenntnisse mit viel Einsatz und analytischem Denken. Da macht sich die Erfahrung der Autorin als Profilerin bemerkbar. Auf mich wirkt das angenehm realistisch. Der Spannungsbogen dehnt sich dabei zwar nicht übermäßig, steigert sich aber mit der Zeit. Die flüssige Schreibweise und die kurzen Kapitel machen die Lektüre durchaus kurzweilig.

Persönliches Fazit

„Summer Girls" besticht durch realistische Ermittlungsarbeit und einen psychisch schwer gestörten Täter. Das Setting um die junge Profilerin ist zwar wenig einfallsreich, spannend wird der Fall aber trotzdem. Auch wenn dieser Thriller das Genre sicher nicht neu erfindet, hat er mich durchaus fesseln können.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Summer Girls | Jobien Berkouwer | Penguin Verlag
Aus dem Niederländischen von Simone Schroth
2018, Klappenbroschur, 352 Seiten, ISBN: 9783328102229

[marcus]

Aufgelesen #33 | Meine Hörbuch-Highlights 2017 inklusive Gewinnspiel

Donnerstag, 15. Februar 2018 11 Kommentare

Das Jahr 2018 ist inzwischen schon einige Neuerscheinungen alt, höchst an der Zeit also, noch einmal einen Blick zurück auf das vergangene zu werfen. Oder besser gesagt, die Ohren nach hinten auszurichten. Wie bereits zuvor lausche ich zurück auf die zwölf mit "2017" etikettierten Monate und erinnere mich an jene Hörbücher, die mich ganz besonders beeindruckt, mitgerissen, berührt, mir die Zeit verkürzt, meine Momente mit Erinnerungen aufgeladen haben. Ob beim Sport, beim Spazieren oder abends, wenn die Augenlider schon schwerer als die Gedanken sind, Hörbücher sind inzwischen zu einem Bestandteil meines Tagesablauf geworden, dem Lesen annähernd gleichwertig. Vor allem aber kann man sich in der zur Verfügung stehenden Zeit mit weitaus mehr Büchern beschäftigen, als dies sonst möglich wäre. Doch, wie die Entwicklung der Rezeptionsgewohnheiten zeigt, ist es müßig, die Vorzüge dieses zweiten Geschichtenkanals zu preisen ...



Die Bestätigung von Bewährtem und Wiederentdeckungen, das hielt das letzte Jahr vor allem für mich bereit, die Überraschung bestand darin, dass die tatsächliche Überraschung in Form einer mich des festen Standes beraubenden Neuentdeckung wie etwa in den Vorjahren ("Touch" von Claire North oder "Extinction" von KT) ausgeblieben ist. Somit, blicken ... hören wir zurück, um uns auf das Kommende zu freuen!

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10. Blake Crouch: Dark Matter - der Zeitenläufer

gesprochen von: Florian Lukas, Karoline Schuch | Dauer: 09h 59min

Was, wenn ich diese eine bestimmte Entscheidung anders getroffen hätte? Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich mich an der Kreuzung für den anderen Weg entschieden hätte?

Wohl jedem sind solche Überlegungen vertraut, jeder kann Wendepunkte in seiner Biographie identifizieren. Die Vielweltentheorie der Quantenmechanik besagt, dass die Realität durch jede Entscheidung in eine Vielzahl an parallelen Universen aufgespalten wird, sodass jeder mögliche Ausgang mit all seinen Konsequenzen verwirklicht ist.
Jason Dessen, der genau diese Grenzbereiche der Wissenschaft erkundet, hat eine Möglichkeit gefunden, von einer Parallelwelt in die andere zu reisen. Von Arbeit und Karriere ausgebrannt, beschließt er, jene Welt zu finden, in der er sich sein perfektes Familienglück geschaffen hat - und löst damit eine katastrophale Ereigniskette aus.

In einer actionreichen Geschichte, die an die TV-Serie "Sliders" erinnert, entwirft der Autor phantasievoll ausgestaltete Szenarien, von der verheerten Dystopie bis zum technologischen Idyll. Dabei läßt er auch die unterschiedlichen Versionen der Persönlichkeit seiner Hauptfigur aufeinandertreffen, die durch ihre jeweilige Umwelt unterschiedlich geformt wurden. Der wahre Verdienst des Romans besteht darin, nicht nur bestens zu unterhalten, sondern den Leser / Hörer zum Nachdenken anzuregen, jenen Punkt in der Erinnerung zu suchen, an dem sich die Frage stellt: Was wäre, wenn ...

9. Sebastian Fitzek: AchtNacht

gesprochen von: Simon Jäger | Dauer: 8h 39min

Vom jenem Autor, der das Genre des deutschen Psychothrillers in den letzten Jahren maßgeblich geformt hat, Sebastian Fitzek, sind im letzten Jahr zwei Titel erschienen, beide souverän nervenkitzelnd vorgetragen von Simon Jäger. Wiewohl beide hochspannend die subjektiv wahrgenommene Hörzeit auf einen Bruchteil der tatsächlichen Spieldauer verkürzten, gestaltet sich AchtNacht doch im wahrsten Sinne des Wortes als bodenständiger: Zum einen steht den Figuren, anders als in "Flugangst 7A", durchwegs mehr Bewegungsfreiheit als in der Abgeschlossenheit eines Flugzeugs zur Verfügung, zum anderen gleichen die Wendungen in der Geschichte eher scharfen Kurven als magenbeeinträchtigenden Loopings.

Das Szenario einer öffentlichen, straffreien Menschenjagd garantiert eine action- und temporeiche Geeschichte und löst gleichzeitig Beklemmung aus: Gerade im Lichte politischer Debatten auf Social Media und den sich gegenseitig in Echokammern bestärkenden Meinungen kann verbale Gewalt eskalieren und in körperliche umschlagen. Wie eine Karikatur ist der Roman überzeichnet, doch das bedeutet auch, dass seine Handlung in ähnlicher Form nicht gänzlich unwahrscheinlich ist ...

8. Jens Henrik Jensen: Oxen - das erste Opfer

gesprochen von: Dietmar Wunder | Dauer: 13h 23min


Der dänischer Kriegsvetran Oxen zieht sich, seelisch schwer gezeichnet von den erlebten Grausamkeiten, aus der Zivilisation zurück und lebt gemeinsam mit seinem Hund als Einsiedler in den Wäldern. Als ein einflussreicher Poliitiker ermordet und der Verdacht auf Oxen gelenkt wird, erklärt er sich gezwung enermaßen bereit, seine besonderen Fähigkeiten in den Dienst der Aufklärung des Falles zu stellen. Dass er im Fall des Scheiterns als universeller Sündenbock dienen soll, bemerkt er erst, als er bereits in den Mühlrädern der Geheimdienste steckt. Ihm bleibt nur die Flucht nach vorn ... wo er auf eine Verschwörung einflussreicher Persönlichkeiten stößt ...

Mit dem traumatisierten Elitesoldaten hat der Autor eine interessante Figur geschaffen: einen cholerischen Eigenbrödler, dessen Bekanntschaft man nicht machen möchte, aber den man gerne dabei beobachtet, wie er in Rambo-Manier lautlos in den Reihen seiner Feinde wütet. Die schnell geschnittenen Actionsequenzen werden durch den emotionalen Vortrag von Dietmar Wunder zu einem intensiven Kopfkinoabend. Und auch, wenn der Handlungsverlauf zunächst nach austauschbarer Unterhaltung klingt, gewinnt er mit zunehmendem Verlauf an Tiefe und entpuppt sich schließlich als Spitze eines Eisbergs und weckt die Neugier auf die folgenden Teile. 

7. Markus Heitz: Des Teufels Gebetbuch

gesprochen von: Uve Teschner | Dauer: 18h 15min

Markus Heitz ist mit einem bewundernswerten Erzähltalent gesegnet. Er beschäftigt sich mit einem Thema so eingehend, dass am Ende eine Geschichte steht, die verästelt ist wie das Leben selbst, sich dabei aber stets an einem erkennbaren roten Faden orientiert. Der Titel des Romans ist eine mittelalterliche Bezeichnung des Kartenspiels, aus der bereits das Wissen um die gefährliche Wirkung spricht. Diesen Namen nimmt der Autor wörtlich, als Ausgangspunkt dient ein Ende des 18. Jahrhunderts im Auftrag des Höllenfürsten angefertigtes Spiel, dazu bestimmt, Zwietracht unter den Menschen zu säen.

Auf der Suche nach den einzelnen Karten schickt Heitz in der Gegenwart seine Protagonisten um die Welt und erzählt dabei peu à peu die Kulturgeschichte des Kartenspiels. In unterschiedlichem Ausmaß der diabolischen Wirkung verfallen, verfolgt jede Figur ihr eigenes Ziel und mischt so die Handlung immer wieder neu. Die folkloristische Mystik rund um Sucht und Glück, um Gewinn und Verlust ganzer Existenzen an den Wirtshaus- und Casinotischen wird dabei durch eine wohldosierte Menge an phantastischen Elementen verstärkt und abgerundet. Und ein ganz besonderes Gustostück sind die Passagen um den jungen Goethe, der auf den Weg in Auerbachs Keller einem furchteinflößenden schwarzen Pudel begegnet ...

6. Omar El Akkad: American War

gesprochen von: Uve Teschner | Dauer: 13h 10min

Was ich aufgrund der Beschreibung des Romans erwartet habe, war ein gesellschaftskritisches Zukunftsszenario, in dem die vorhergesagten Auswirkungen des Klimawandelns eingetreten sind und die Menschheit im Kampf um die verbliebenen natürlichen Ressourcen liegt.

Was ich mit diesem Hörbuch durchlebt habe, war ... anders.

Der Titel verrät es eigenltich bereits, "American War" handelt von einem amerikanischen Bürgerkrieg in nicht allzuferner Zukunft. Der politische und ökologische Kontext dient dabei nur als Rahmen für die eigentliche Geschichte der Soldatin Sarat Chestnut. (Kein Schreibfehler, das "t" hat sie sich an ihren Vornamen genagelt.) In den Wirren der Schlachten wird sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus ihrem Haus vertrieben und verbringt ihre Jugend in einem Flüchtlingslager, wo sie sich zu behaupten lernt und erstmals mit den einander bekämpfenden Ideologien in Berührung kommt. Als das Lager angegriffen wird, überlebt sie als eine der wenigen und schwört Vergeltung.

Anhand dieser Figur erlebt der Leser, weldche körperlichen und seelischen Wunden ein andauernder Kriegszustand schlägt, wie Tod und Zerstörung eine Kindheit vergiften, wie verheerende Erlebnisse traumatisieren, in blinden Fanatismus führen und Lebensfreude in Verbitterung verwandeln. Der nüchterne, weitgehend emotionslos-dokumentarische Erzählstil vermittelt den Eindruck größtmöglicher Objektivität und verstärkt gerade dadurch den dargestellten Wahnsinn. Der Begriff "Gänsehaut" greift zu kurz, "American War" verstört und erschüttert.

5. Neil Gaiman: American Gods

gesprochen von: Stefan Kaminski | Dauer: 22h 44min

Der nordamerikanische Kontinent wurde von Einwanderern aus aller Welt besiedelt und kolonialisiert. Neben Sprachen, Wertvorstellungen und Geschichte trugen die Einwanderer auch ihre Religionen mit im mentalen Gepäck. Hier treffen slawische Gottheiten auf haitianischen Voodoo, hier finden sich irische Leprechauns neben hinduistischen Brahmanen. Doch die Lebenskraft dieser mythologischen Figuren, die in Gestalt sterblicher Menschen durch die Straßenschluchten von New York schlendern, schwindet, der Glaube an sie gerät immer mehr in Vergessenheit. Sie werden verdrängt durch moderne Gottheiten, jene Ideale, denen die Menschen ihre Verehrung schenken, wie Technologie und Internet, Fernsehen oder den Kapitalismus.

Die Hauptfigur Shadow, ein sterblicher Mensch, wird von einem geheimnisvollen Mr. Wednesday angeheuert, die alten Götter aus ihrer Lethargie zu reißen und sie für die finale Schlacht anzustacheln. Neil Gaiman, der sich intensiv mit der nordischen Mythologie beschäftigt - und auch ein eigenes Werk dazu verfasst hat - inszeniert eine Götterdämmerung mit aktuellen Bezügen, in der Odin und Loki als Regisseure fungieren.

Vokalvirtuose Stefan Kaminski verwebt die einzelnen Handlungsstränge zu einem vielstimmigen Hörerlebnis mit überraschenden Wendungen. Denn, was für ein Feldherr wäre der nordische Göttervater, hielte er nicht die eine oder andere Kriegslist bereit ..?

4. Peter Swanson: Die Gerechte

gesprochen von: Christiane Marx, Britta Steffenhagen, Oliver Brod, Uve Teschner  | Dauer: 11h 06min

Eine Wendung in einem Thriller ist gelungen, wenn sie an einer Stelle erfolgt, an der der Rezipient am wenigsten mit ihr rechnet und sich trotzdem genau passend in die Geschichte fügt.
Eine Figur in einem Roman ist interessant, wenn sie weder dezidiert gut noch böse, sondern charakterlich so nuanciert ist, dass sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln unterschiedlich auftritt.

"Die Gerechte" bietet genau das, nämlich gelungene Wendungen, die einiges an Mut vom Autor erfordern und interessante Figuren, denen man umso weniger persönlich begegnen möchte, je näher man sie kennenlernt.
In einer Flughafenbar trifft Ted Seversen auf eine attraktive Rothaarige und klagt ihr sein Leid über seine zu Seitensprüngen neigende Gattin. Nach einigen Getränken schmieden die beiden den Plan, die Untreue zu ermorden ...

Was vorerst nach einer geradlinigen Handlung klingt, erweist sich nach und nach als kunstvoll konstruiertes erzählerisches Geflecht, in dem die einzelnen Figuren auf mehr als eine Art miteinander in Beziehung stehen. Dass die Begegnung am Flughafen nicht zufällig ist, das ist noch die harmloseste der zahlreichen Überraschungen des Romans. Schließlich wird auch die Entscheidung, welcher Figur man seine Sympathie schenken soll, zum moralischen Dilemma, und auf beiden Seiten des Buchdeckels gibt es keine richtigen Entscheidungen mehr ...

3. Brent Weeks: Schwarzes Prisma (Die Licht-Saga 1)

gesprochen von: Bodo Primus | Dauer: 25h 47min

Den Kern des Romans bildet die Idee, die sieben Farben des (sichtbaren) Spektrums in Materie umzuwandeln. Magisch Begabte können dafür eine oder (selten) mehrere Farben benutzen. In jeder Generation gibt es genau einen Menschen, der in der Lage ist, aus reinem Licht alle Farben zu wandeln. Er ist das sogenannte Prisma, das religiös verehrt wird. Die Geschichte folgt nun Kip, einem ungeschickten, dicklichen Jugendlichen, der sich als unehelicher Sohn des Prismas entpuppt und der von der Absicht getrieben wird, den gewaltsamen Tod seiner Mutter zu rächen.

Die Qualität eines Fantasy-Romans bemisst sich unter anderem daran, wie detailliert der Autor seine Welt gestaltet ("Worldbuilding" wird dieser Vorgang genannt) und wie er dem Leser von einm kleinen initialen Ausschnitt den Gesamtkontext erschließt. Brent Weeks' akribisch ausgearbeitetes Konzept fügt sich Stück für Stück zu einer faszinierenden Geschichte mit ihren gewöhnlichen, alltäglichen und außergewöhnlichen, ruhmreichen Momenten, aus der man nicht mehr auftauchen möchte ... und die zum Glück noch mehrere Fortsetzungen bereithält. 

2. Don Winslow: Corruption

gesprochen von: Dietmar Wunder | Dauer: 13h 20min

Denny Malone sitzt im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess.
Er ist tief gefallen, und es gibt eine Menge einflussreicher Leute, die er mit in den Abgrund reißen könnte.

Als Leiter der "Force", einer Spezialeinheit der New Yorker Polizei war er so etwas wie der ungekrönte König der Straße, entschlossen, nicht wählerisch bei seinen Mitteln, unerbittlich gegenüber dem Verbrechen. Nur, dass die Grenze zwischen Recht und Unrecht, zwischen legitimen Verhörmethoden und Polizeibrutalität, zwischen Kuhhandel und Kompetenzüberschreitung irgendwann nicht mehr klar erkennbar war. Am Anfang wird einem jungen ehrgeizigen Polizisten erklärt, dass es im Interesse seiner eigenen Familie ist, wenn er im richtigen Moment in die andere Richtung schaut, am Ende betreibt er jene üblen Geschäfte, die er sich geschworen hat zu bekämpfen und fragt sich verzweifelt, wie es so weit kommen konnte.
Dreckig, brutal, abstoßend zeichnet Don Winslow jenen Weg voller fauler Kompromisse, die eine integre Persönlichkeit bis ins Mark korrumpieren, in zotigen Dialogen und Revierverteidigungsritualen, die direkt aus den Departments und U-Bahn-Stationen stammen könnten. Am Anfang steht ein Cop mit den besten Absichten. Am Ende brennt die Stadt. 
  

1. Andreas Pflüger: Niemals

gesprochen von: Nina Kunzendorf | Dauer: 13h 08min

In meiner kürzlich im Bücherkaffee erschienenen Rezension zu diesem Titel ist etwas ausführlicher dargelegt, warum "Niemals" für mich das Hörbuch der letzten Zeit schlechthin und jede Minute ein Genuss ist. Jenny Aaron, bekannt aus "Endgültig" ergreift die Gelegenheit zu einem Rachefeldzug gegen den Mörder ihres Vaters. Doch was rechtfertigt diese Rache? Wie weit darf sie gehen - und wird sie es erkennen, wenn es zu weit ist?

An dieser Frage reifen Figur und Sprecherin, währen knallharte Action und eine auf Selbsterkenntnis ausgerichtete Kampfphilosophie einander abwechseln. Jenny ist in einem Biotop beheimatet, in der man ohne die Persönlichkeit eines Alpha-Mannes nicht überlebt ... vielleicht ist sie deshalb von jenen Mutterinstinkten überwältigt, die ihr Recht einfordern. Andreas Pflüger übersetzt die Wahrnehmung seiner Hauptfigur in eine visuelle Sprache, die die Grenzen zwischen Hörbuch, gedrucktem Buch und Film verschwimmen lassen. 

[trennlinie] 

* GEWINNSPIEL *


[klappentext start]Wenn ihr das Jahr 2017 in ähnlicher Weise - also halb lesend, halb lauschend verbracht habt, erzählt mir von eurem Lieblingstitel der letzten Zeit, ich freue mich über neue Ideen. Unter allen inspirierenden Kommentaren wird ein Titel von Andreas Pflügers "NIEMALS" verlost.[klappentext ende]

Mitmachen könnt ihr bis einschließlich Samstag den 24.02.2018 um 23.59 Uhr. Die Gewinner*In werden dann am Sonntag, den 25.02.1018 hier in diesem Beitrag bekannt gegeben. Viel Glück!




Freudiges Weiterlesen ... und -hören!

© Wolfgang Brandner

Das Kleingedruckte zum Gewinnspiel: 

  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Eine Person nimmt am Gewinnspiel teil, indem sie die innerhalb des Gewinnspiels genannten Bedingungen erfüllt. Der Teilnehmer ist für die Richtigkeit seiner Daten selbst verantwortlich. 
  • Jeder Kommentar nimmt automatisch an der Auslosung teil. Mehrfache Kommentare derselben Person werden als nur eine Teilnahme gezählt und erhöhen nicht die Gewinnchance. Teilnahmeberechtigt ist jede natürliche Person mit Wohnsitz in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, die das 14. Lebensjahr vollendet hat. Minderjährige Teilnehmer benötigen für die Teilnahme die ausdrückliche Einwilligung der Erziehungsberechtigten. 
  • Ausgelost wird via Random.org bzw. dem klassischen Losverfahren. 
  • Gewinnen kann nur, wen wir nach der Aktion auch erreichen können. Die Gewinnerin / der Gewinner wird unter dem jeweiligen Gewinnspiel-Post bekannt gegeben. 
  • Sendet uns im Falle des Gewinns eure Adresse via eMail innerhalb von 7 Tagen an buecherkaffee@yahoo.de Sofern der Gewinner nicht erreichbar ist und er sich nicht innerhalb von 7 Tagen nach der Kontaktaufnahme zurückmeldet, behalten wir uns vor, den Gewinnanspruch verfallen zu lassen und gegebenenfalls einen neuen Gewinner zu ermitteln. Wir sind ist nicht verpflichtet, bei einem erfolglosen Kontaktaufnahme- oder Sendungszustellversuch Nachforschungen anzustellen. 
  • Der Gewinn wird direkt von dem jeweiligen Verlag versendet. 
  • Keine Barauszahlung oder Kompensation möglich. 
  • Der Anspruch auf den Gewinn oder Gewinnersatz kann nicht abgetreten werden 
  • Der Gewinn wird nur innerhalb der EU versendet. 
  • Wir behalten uns das Recht vor, das Gewinnspiel ganz oder zeitweise auszusetzen, wenn Schwierigkeiten auftreten, die die Integrität des Gewinnspiels gefährden. 
  • Das BücherKaffee haftet nicht für technische oder sonstige Probleme, die außerhalb des Einflussbereichs stehen. Verlorene Post wird nicht ersetzt. 
  • Durch die Teilnahme an der Aktion akzeptiert der Teilnehmer diese Teilnahmebedingungen. 
  • Viel Spaß! 

[wolfgang] 

#LiterarischerKaffeesatz | Wie alles begann ...

Dienstag, 13. Februar 2018 20 Kommentare





Euer Themenwunsch aus dem Januar: Wie alles begann ...

Wer meinen Instagramaccount schon länger verfolgt, kennt sicher schon die ein oder andere Geschichte aus meiner Lese(r)biografie. Zusammenhängend habe ich noch nie wirklich darüber geschrieben – es ist eine Entwicklung, die viele meiner Kunden immer und immer bestaunen. Heute erfahrt ihr also diese Geschichte und lernt dabei einige meiner absoluten Herzensbücher kennen. Bücher, die mich geprägt haben, die meine Leselust geweckt habe, und die mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin…
Bevor ich richtig loslege, möchte ich Alex und dem ganzen Team vom Bücherkaffee für die Aufnahme und die Möglichkeit, mir endlich längere Texte von der Seele schreiben zu können, danken.

Will der Junge nichts Vernünftiges machen?

Aufgewachsen bin ich in einem Viertel von Trier, das viele meiner späteren Schulfreunde abends nicht freiwillig betreten hätten. Für alle, die sich nicht in Trier auskennen – Neukölln wäre wohl ein guter Vergleich. Bücher gab es eigentlich keine bei mir zuhause, bzw. waren sie Mangelware.  Von 40 Grundschulkindern war ich eines von Zweien, die das Gymnasium besuchen durften – und somit wurde ich das allererste Familienmitglied überhaupt, welches das Abitur machte – als ich meiner Familie eröffnete, dass ich studieren werde, war die Reaktion like: „Will der Junge nichts Vernünftiges machen?“ Als ich mein Studium abbrach, kam der nächste Schock – eine Ausbildung zum Buchhändler? Ähnlich schockierend. Kurzum: „Lesen“ war (und ist) kein allzu beliebtes Hobby in Trier Nord.
Nun gut, ich schweife ab – zurück zu den Büchern – meine erste Erinnerung ist Preußler´s Die kleine Hexe. Die wurde uns nämlich im Kindergarten im Stuhlkreis vorgelesen.


Die Episode rund um den Ochsen Korbinian könnte ich wohl heute noch aus dem Kopf rezitieren. Dazu kann ich auch nur sagen: Hier bildete sich auch schon zum ersten Mal der Nerd in mir heraus: Der Legende nach saß ich, während die anderen Kindern spielten, auf einem Stuhl, fuhr mit meinen Fingern die Zeilen entlang und „las“ vor – ohne lesen zu können – offensichtlich konnte ich mir das alles auswendig merken und so „vorlesen“. Meine Kindergärtnerin war total aus dem Häuschen. Ansonsten hatten wir nur noch den Michel aus Lönneberga zuhause – mehr „klassische“ Kinderliteratur habe ich in meinen frühen Jahren nicht konsumiert. Ich habe viel, viel fern gesehen – und Comics gelesen – ich habe hunderte von „Gespenster-“ und „Spukgeschichten“ gehabt – echter Schund – aber ich habe sie wie verrückt geliebt und so meiner „Horror-Leidenschaft“ schon früh fröhnen können.

Die Ducks und andere Guilty-Pleasures

...und natürlich die lustigen Taschenbücher (die ich heute noch besitze) – auch da eine frühe Erinnerung, ich stand immer früh morgens am Wochenende mit meinem Vater auf – dann fuhren wir zum Angeln. Nun ja, ER angelte, ICH saß auf einer Decke daneben und versank in meinen Taschenbüchern – ich habe jedes davon wahrscheinlich an die 10 x gelesen… mein allererstes LTB war „...die Ducks, vom Winde verweht“. Heute noch große Liebe. 
Irgendwann in der Grundschule entbrannte meine Liebe für den kleinen Vampir… Ich erinnere mich noch, dass wir in der Buchhandlung (in der ich heute arbeite) die ersten fünf Bände bestellten und ich ganz aufgeregt war und es kaum abwarten konnte, dass wir diese endlich abholen konnten…


In meiner Teenagerzeit fröhnte ich einem anderen Guilty-Pleasure: Mistery und Mistery Thriller – monatlich erscheinende Heftchen aus dem Cora Verlag - ultra trashig - aber auch die habe ich wie verrückt geliebt – Erinnerungen an heiße Sommer, Schwimmbad, Chlor und Wasserflecken auf billigem Papier… ich hatte diese Hefte sogar abonniert! Immer war leicht abzusehen, wohin die Geschichte ging, aber diese uramerikanischen Stories haben einfach mein Herz gewonnen – wahrscheinlich liebe ich heute deswegen Serien wie „Pretty little liars“ und „Gossip Girl“ immer noch so sehr. Ich blieb solchen Heftchen treu, wechselte aber dann irgendwann zu Bastei-Lübbe und direkt zu Jason Dark und "John Sinclair" - „Judys Spinnenfluch“ - nach all den Jahren immer noch mein Highlight….

Ein magischer Moment

Irgendwann fand ich dann doch mal ein Buch zuhause – meine lesende Tante aus Hamburg hatte es wohl einmal meiner Mutter dagelassen … Wochenlang schlich ich um diesen dicken Wälzer herum – ich muss 15/16 gewesen sein… eine seltsam entrückte Frau auf dem Cover … mit einer Stola bekleidet und eine riesige Schlange, die sich um sie schlängelt… Im Hintergrund eine brennende Stadt – und in großen Lettern: „Die Feuer von Troia“ - Marion Zimmer Bradley. Irgendwann blieb der Fernseher abends aus und ich griff zu diesem Buch – es war wohl ein magischer Moment – ich versank komplett in diesem 600 Seiten Wälzer und wenige Nächte später hatte ich die Geschichte der Seherin Kassandra, Königin & Amazone Hekabe, Paris und Helena und dem Untergang von Troia verschlungen. 


Was mir damals nicht so wirklich bewusst war, allenfalls unterschwellig, war die feministische Sicht Zimmer Bradleys - geprägt hat sie mich trotzdem, noch heute bin ich gerne von starken Frauen umgeben. Aber wieder schweife ich ab...

Meine Lust am Lesen war nun wirklich endgültig geweckt.

Es folgten weitere Schinken- natürlich: „Die Nebel von Avalon“-Trilogie, Clive Barker „Imagica“, Stephen King´s „Es“ und „Shining"... Ich war nun immer öfters in Buchhandlungen und in der Bücherei anzutreffen und verschlang alles, was gut klang, was ich sah, was mir passte - Horror, Krimis, Science Fiction. Minette Walters - „Die Schandmaske“ (!), Martha Grimes - die Inspector Jury-Reihe, Ray Bradbury: „Der illustrierte Mann“, „Fahrenheit 451“, Ingrid Noll - "Der Hahn ist tot" und und und…


Auch der Deutsch- und Englischunterricht gefiel mir immer besser, wenn Schullektüren anstanden. Salinger, Der Fänger im Roggen / Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns / Shakespeare, Hamlet /  Goethe, Faust / Fontane, Irrungen, Wirrungen / Atwood, Der Report der Magd / Marlen Haushofer, Die Wand / Kafka, Die Verwandlung / Sophokles, Antigone / Gotthelf, Die Schwarze Spinne – eigentlich gibt es keine Schullektüre, die ich nicht komplett gelesen habe.  Nachdem mein Studium mich nicht so wirklich begeisterte, gab es für mich also erst einmal auch nur eine Option: 

Ich lese gerne – warum werde ich also nicht Buchhändler?

Im Bewerbungsgespräch musste ich eine Buchbesprechung von meinem zuletzt gelesenen Buch machen: „Leider“ hatte ich über die langweiligen Weihnachtsferien „Vom Winde verweht“ gelesen ...nun gut, mein (zukünftiger) Chef war von meiner Besprechung offensichtlich so begeistert, dass ich danach direkt noch eine machen durfte/sollte – ich dachte schon, jetzt sei eh alles vorbei (ich hatte mich nämlich auf alles vorbereitet (sogar die Firmengeschichte hätte ich runterbeten können) – aber auf eine Buchbesprechung leider nicht) und sagte: „Dann würde ich gerne mein Lieblingsbuch vorstellen.“ - er schaute etwas verdutzt, als ich sagte: „Alice im Wunderland“ - ab da war ich nur noch der „Alice-Typ“ in der Firma (so wurde ich wohl auch schon in einer Mitarbeiterversammlung angepriesen - #nerdalarm). Aber offensichtlich gefiel es ihm.


Und was musste ich in den ersten Wochen meiner Ausbildung lernen?

Mein Lesepensum war ein Witz. Was die Kollegen vorlegten, war der Wahnsinn--- Was ich heute bin und wo ich heute stehe, da musste ich erst hineinwachsen. Aber das ist sicherlich Stoff für einen zukünftigen Blogbeitrag hier im Bücherkaffee!

Verratet mir: Mit welchem Buch bzw. mit welchem Erlebnis hat EURE Leseliebe begonnen? 


© 2018, Florian Valerius @LiterarischerNerd




Was ist das eigentlich - #literarischerkaffeesatz? Ich schreibe jeden Monat über Themen, die IHR mir vorschlagt. Das können Rezensionen zu Büchern, Themenwelten, Buchhandel, Geschichten aus meinem Leben, Gedanken sein ... Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt - fordert mich heraus! Monatlich sammele ich nach Veröffentlichung des aktuellen Posts eine Woche lang EURE Themenwünsche auf meinem Instagram-Account @Literarischernerd oder direkt hier in der Kommentarfunktion. Wir wählen zwei Themen aus und stellen diese in meinen Instagram-Stories 24h zur Abstimmung zur Verfügung. Ich bin gespannt auf Eure Vorschläge! 



[florian]

Rezension: Der Reisende | Ulrich Alexander Boschwitz

Samstag, 10. Februar 2018 0 Kommentare



Deutschland im November 1938. Otto Silbermanns Verwandte und Freunde sind verhaftet oder verschwunden. Er selbst versucht, unsichtbar zu bleiben, nimmt Zug um Zug, reist quer durchs Land. Inmitten des Ausnahmezustands. Er beobachtet die Gleichgültigkeit der Masse, das Mitleid einiger Weniger. Und auch die eigene Angst. [© Text und Cover: Klett-Cotta Verlag]

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Dreiundzwanzig Jahre war Ulrich Boschwitz alt, als er 1938 diesen Roman schrieb. Nach Veröffentlichungen in England, USA und Frankreich in den dreißiger und vierziger Jahren gibt es jetzt erstmals eine Ausgabe auf Deutsch. Gut für uns! Boschwitz, der Deutschland bereits 1935 verlassen hatte, starb leider schon mit siebenundzwanzig, als sein Schiff von einem deutsches U-Boot versenkt wurde.

Otto Silbermann ist Kaufmann, Deutscher, Ehemann, Vater – und Jude. In der Hoffnung, dass die Zeiten wieder besser werden würden, hat er Berlin noch nicht verlassen. Leider hat er sich darin getäuscht, als Jude konnte man jetzt jederzeit verhaftet werden und in ein Konzentrationslager gebracht werden. Als Nazis seine Wohnung stürmen, kann er gerade noch entkommen. Zu seinem Glück sieht er nicht jüdisch aus, er kann sich zunächst noch in der Öffentlichkeit bewegen, ohne gleich denunziert zu werden. Aber wie lange kann das gut gehen?



Für mich ist es unfassbar, dass ein Staat eine ganze Gruppe zu „Unmenschen" erklärt. Aber viele haben das damals als angemessen empfunden, weggesehen oder mitgemacht. Auch die Nachbarländer wollten die Juden nicht aufnehmen. Jetzt steht Silbermann auf der Straße und weiß nicht wohin. Zurück in die Wohnung geht nicht, jüdische Freunde sind bereits verhaftet oder ausgereist und arischen Freunden und Geschäftspartnern kann er nicht mehr trauen. Seine Situation ist unglaublich beklemmend. Er darf auf keinen Fall auffallen, jeder SA-Mann könnte ihn kontrollieren und ihn auffliegen lassen. Wenigstens hat er noch Geld, aber über die Grenze kommt er damit auch nicht.

„Mir ist der Krieg erklärt worden, mir persönlich. Das ist es. Eben ist mir nun endgültig und wirklich der Krieg erklärt worden, und jetzt bin ich allein – in Feindesland." (S. 35)

Durch das Zugfahrten bleibt in Bewegung, es beginnt für ihn eine Odyssee durch Deutschland. Wenigstens kann er im Abteil schlafen. Wo ist er am sichersten? In der ersten, zweiten oder dritten Klasse? Jede Begegnung ist spannend, kann sie doch verhängnisvoll für ihn enden. Ich weiß nicht, wie ich mit dieser Situation umgehen würde. Diese Beklemmung und was sie mit Silbermann macht, hat Boschwitz hervorragend eingefangen. In den Dialogen und im Umgang mit anderen merkt man zwar, dass die Ereignisse schon eine Weile zurückliegen. Das Erzähltempo ist aber, vor allem zu Beginn, hoch und hat mich gepackt. Die Überarbeitung ist sehr gut gelungen und lässt mich nachvollziehen, was diese Hetze für die Betroffenen bedeutet hat.


    

Persönliches Fazit

„Der Reisende" ist ein eindringliches und intensives Zeitdokument und hoffentlich ein Beitrag dazu, dass eine solche unmenschliche Verfolgung von Minderheiten nicht mehr vorkommt. Mich hat der Roman von Beginn an gepackt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Es ist ein Gewinn, dass er jetzt auch auf Deutsch verfügbar ist.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Der Reisende | Ulrich Alexander Boschwitz | Klett-Cotta Verlag
Herausgegeben von Peter Graf
2017, gebunden, 304 Seiten, ISBN: 9783608981230


[marcus]

#Buchtipps-To-Go | der schnelle Weg, Buchperlen zu entdecken

Dienstag, 6. Februar 2018 8 Kommentare



Immer wieder möchten wir euch, kurz und prägnant zusammengefasst, Bücher vorstellen bzw. empfehlen, die wir sehr gerne gelesen haben und die für uns zu Buchperlen wurden. Unter dem Motto #Buchtipps-to-go erfahrt ihr zu einer kleinen Auswahl an Büchern, eBooks oder Hörbüchern unseren Eindruck bzw. unser persönliches Fazit. Das können Neuheiten auf dem Buchmarkt sein, aber auch immer wieder ältere Bücher, die wir vor einiger Zeit gelesen haben. Wir möchten dies nutzen, um auch Büchern abseits der Bestsellerlisten wieder ins Gespräch zu bringen. Außerdem gibt doch noch so viel Schätze in den Backlists zu entdecken. Vielleicht werdet auch ihr fündig?!

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„Wenn mein Bild nur fünf Menschen innehalten lässt, ja wenn es nur einen einzigen Menschen innehalten lässt, ist es nicht umsonst gewesen. Veränderung ist kein Flächenbrand, sondern das Aufflammen eines Streichholzes. Und Streichhölzer können wir entzünden.“

Max - Eine Buchperle, die es mir wirklich angetan hat. Markus Orths nimmt uns mit in die Welt des Künstlers Max Ernst und beweist hierbei ein großartiges und raffiniertes sprachliches Talent.
Wir tauchen ein in die Welt des Dadaismus und des Surrealismus, begegnen dabei vielen Größen wie Hans Arp, André Breton, Paul Eluard, Marcel Duchamp oder Meret Oppenheim, treffen Pablo Picasso und Leonardo daVinci. Das hauptsächliche Thema aber: Max Ernst und die Frauen - ein schillerndes, aufwühlendes Leben führte er, voller überbordender Leidenschaft. Geld interessierte ihn wenig, er wollte sehen, sehen, sehen! Sich finden, die Kunst begreifen und greifen, seine Muse finden, geistig mit ihr verschmelzen. Sechs Frauen - Leonora Carrington, Gala Eluard, Lou Straus, Marie-Berthe Aurenche, Peggy Guggenheim und Dorothea Tanning prägten sein Leben nachhaltig, auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Aber der Krieg holt Max Ernst ein, dunkle Zeiten brechen an. Er muss kämpfen, später ins Exil fliehen. Seine erste Frau Lou wird nach Auschwitz deportiert….

Markus Orths erzählt in seinem lebendigen Roman von Liebe, von Freiheit, von Kunst, von den rauschenden zwanziger Jahren, von dem Wahnsinn des Kriegs. Absolut lesenswert!!! Eine Hommage an einen großen Künstler des vergangenen Jahrhunderts.
(Verlag: Hanser Literaturverlage)





„Faber verschwand eines Tages so, wie er damals aufgetaucht war: plötzlich und geräuschlos . Mehr als zehn Jahre später erreicht seine beiden Jugendfreunde Madeleine und Basile ein Hilferuf – und nicht nur in ihren Köpfen beginnt die ganze Geschichte von vorn …“

Der 1981 in Toulouse geborene Tristan Garcia ist Schriftsteller und Philosoph und das spiegelt sich in seinem Werk wider. 
Die Freunde Madeleine, Basile und Faber leben in einer kleinen fiktiven französischen Provinz Mornay, in der es an Ereignissen mangelt, in der alles einer Mittelmäßigkeit unterliegt. Medhi Faber ist ein Vorbild und Anti-Held in einem, er steht für Rebellion, Revolution und verfügt über ein diabolisch anmutendes Charisma. Er ist ein Freidenker, entwickelt sich zum Rächer der Unterdrückten, er erhebt sich zu etwas Besonderem. Madeleine und Basile verfallen ihrem Vorbild, bilden ein Bündnis mit ihm, die drei werden eins, beinahe unzertrennlich im Kampf für das Gute und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. 

Wie zerstörerisch aber diese Suche nach der Bestimmung, die Jagd nach dem Großen sein kann, zeigt dieser scharfsinnige Entwicklungsroman raffiniert auf. Dunkle Ereignisse werfen Schatten, Versprechen können nicht gehalten werden. Faber verschwindet und zurück bleiben Madeleine und Basile, verwirrt, ängstlich, plötzlich ihrem Vorbild entrissen. Freundschaft schlägt in Hass und Hass in Rache um.  Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive aller drei Freunde - und zum Schluss hin taucht noch ein vierter Erzähler auf, der nochmal alles auf den Kopf stellt. Sehr beeindruckend und lesenswert! 
(Verlag: Wagenbach Verlag)






„Als die Nacht für immer zu Ende war…“

Wir schalten das Licht ein, wenn es dunkel ist. Wir nutzen Elektrizität, ohne groß darüber nachzudenken, denn es ist selbstverständlich in unserer Zeit. Keiner von uns kann sich in vollem Umfang vorstellen, wie es ohne Elektrizität sein könnte.

1878 erfindet Thomas Edison die Glühbirne und sorgt für einen gewaltigen Wirbel in der Menschheitsgeschichte - das Zeitalter der Elektrifizierung bricht an. McCarten greift dieses Ereignis in diesem Roman auf und gibt den Machern dieser Zeit eine Bühne. Ein historischer Thriller ist entstanden, in dem es um Fortschritt, Umbruch, Geld, Kapitalismus und Moral geht - damals so aktuell wie heute. Was treibt die Menschen voran? Bei den einen ist es das Wissen, bei den anderen die Macht, die daraus entsteht. In dieser neuen Elektrizität steckt das Geld und die Macht, fördert aber auch die Korruption und die Unberechenbarkeit derer, die von dem neuen Markt profitieren, der sich auftut.

Wo gut ist, da ist auch böse - Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Thomas Edison, J. P. Morgan, Westinghouse, der Erfinder Tesla, die Vanderbilts - sie treffen aufeinander und ein Wettlauf um besagte Macht entsteht. McCartens etwas wirr gestreute Rückblenden spiegeln ein wenig die Zerrissenheit des Erfinders und Genies Edison wider, dessen seelischer Zustand mit der Herstellung des Elektrischen Stuhls immer näher an den Abgrund gerät …
Absolut lesenswert - ein McCarten eben!
(Verlag: Diogenes Verlag)


Quelle Titelbild: kaboompics.com
[alexandra] 

Rezension: 13 Stufen | Kazuaki Takano

Montag, 5. Februar 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Ein unschuldig wegen Mordes zum Tod Verurteilter soll hingerichtet werden. Der ehemalige Gefängnisaufseher Kihara und der auf Bewährung entlassene Jun'ichi erhalten den Auftrag, den wahren Täter zu finden. Für das ungleiche Ermittlerduo beginnt damit nicht nur ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, sondern beide müssen sich auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen. (Text & Cover: Penguin Verlag) [klappentext ende]

[trennlinie] 

Vor zwei Jahren überraschte der Japaner Kazuaki Takano mit seinem Thriller "Exctinction", der zugleich mit hohem Tempo und tiefgreifenden Gedanken ausgestattet war, damals mein Hörbuch-Highlight des Jahres [zur Kolumne]. Nun veröffentlichte der Penguin-Verlag seinen bereits im Jahr 2001 erstmals erschienenen Roman "13 Stufen". 
Die schlechte Nachricht: Ein das menschliche Selbstverständnis infrage stellendes Hochgeschwindigkeitsrennen durch die Seiten wie "Exctinction" sollte man sich nicht erwarten, die beiden Romane unterscheiden sich fundamental.
Die gute Nachricht: "13 Stufen" entzieht sich dem Vergleich, indem es eine weitaus intimer dimensionierte Geschichte erzählt, die eine interessierte Leserschaft weit in die japanische Kultur führt. 

Der soeben aus dem Gefängnis entlassene Jun'ichi wird mit einer ungewöhnlichen Aufgabe betraut. Gemeinsam mit dem Strafvollzugsbeamten Nango - im Klappentext fälschlicherweise mit dem Verurteilten verwechselt -  soll er die Unschuld eines Häftlings beweisen, der im Todestrakt seiner Hinrichtung entgegensieht. Dem verurteilten Ryo Kihara wird nämlich der Mord an seinem Bewährungshelfer zur Last gelegt. Üblicherweise werden als Protagonisten in einem Krimi hauptamtliche Ermittler gewählt, da diese einerseits die größtmögliche Handlungsfreiheit und andererseits einen jederzeit umfassenden Informationsstand gewährleisten. Nicht so im vorliegenden Werk. Die resultierende Einschränkung wird jedoch durch das Spezialwissen der beiden Hauptfiguren, ihre Erfahrungen innerhalb einer Haftanstalt, kompensiert. Diese ermöglichen nicht nur Empathie mit Kihara und unkonventionelle Gedankengänge zum Tathergang, sondern erlauben es dem Autor auch, Überlegungen zum japanischen Vollzugssystem anzustellen, die tief unter die Oberfläche reichen. Insbesondere die berührende Betrachtung der Todesstrafe zwingt den Leser förmlich, Stellung zu beziehen. 

"Ist das Gesetz gerecht? Ist es wirklich unparteiisch?" (S. 390)

Die beiden Hauptfiguren Jun'ichi und Nango symbolisieren die gegensätzlichen Standpunkte zum Hauptthema des Romans. Nango als Justizwachebeamter ist mit der Unerbittlichkeit eines hochbürokratischen Systems konfrontiert, dessen Anfälligkeit für Fehler im Laufe der Berufsjahre seine Zweifel genährt haben. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt den Fall von "Nummer 160" - Gefangene werden depersonalisiert - in dem Nango eigenhändig das Urteil vollstrecken mußte, womit er in seinen Augen selbst zum Mörder wurde. 
Jun'ichi hingegen hat in seiner Zeit auf der anderen Seite der Zellentür einerseits Zeitgenossen kennengelernt, die er für nicht resozialisierbar hält und andererseits die persönlichkeitszerbrechende Isolation von der Gesellschaft am eigenen Leib erfahren. Seiner Meinung nach ist der Todestrakt als Endstation die einzig wirksame Abschreckung. 
Diese beiden ähnlichen und in ihren Ansichten doch unterschiedlichen Figuren repräsentieren zugleich auch die Gesellschaft, die zwar offen die Todesstrafe ablehnt, sie jedoch insgeheim befürwortet. 

Die zahlreichen Überlegungen zum japanischen Justizsystem, die detaillierten Abläufe und der behördliche Schriftverkehr drosseln zwar in der ersten Hälfte des Romans das Tempo, zwingen den Leser jedoch, zu wohldefinierten und vielstrapazierten Begriffen wie Gerechtigkeit, Justiz und Sühne Stellung zu beziehen. Wie beim Erlernen einer Fremdsprache ruft man sich das Vokabular und die Grammatik des eigenen Rechtssystems ins Gedächtnis, blättert zurück, um Passagen ein weiteres Mal zu lesen, vergleicht, dringt tiefer in die Geschichte ein. Jun'ichi muß etwa für seine Tat um Entschuldigung bitten, damit die Strafe als vollständig abgegolten gilt ... für europäische Verhältnisse eher ungewöhnlich. 

"Angenommen, sein eigenes Kind wäre ermordet worden, dann würde er dem Verbrecher das Gleiche antun wollen. Aber wenn nun jeder Selbstjustiz üben würde, stürzte dies die gesamte Gesellschaft ins Chaos." (S. 191)

Nangos Zweifel werfen weitere Fragen auf: Kann es ein letigimes Motiv für Mord geben? Wie soll der Staat mit Schwerverbrechern umgehen? Was, wenn Zweifel an der Schuld bestehen? Was, wenn ein Verurteilter aufrichtige Reue zeigt? Was, wenn hingegen keine Aussicht auf Resozialisierung besteht, er den Hinterbliebenen ins Gesicht spuckt? Ist der Akt der Hinrichtung selbst auch Mord? Inwieweit kann blinder Gehorsam ohne Augenmaß ein Verbrechen sein? 



Mit einem nachdenklichen, sachlichen Erzählstil orientiert sich der Autor an seinem schwierigen Thema, das ihm so wichtig ist, daß er Faktisches nicht mit zu viel Fiktivem verwässern will. Die Sprache ist oft von erfrischend naiver Direktheit, die zudem nahelegt, daß dem Autor mit seinem Debütroman die Botschaft ein größeres Anliegen ist als der literarische Anspruch. Erst als ein stabiles Fundament gelegt ist, scheint Kazuaki Takano auch bereit, darauf eine Geschichte zu errichten, die gerade im Ausklang noch mit raffinierten Wendungen überrascht. 

Persönliches Fazit 

"13 Stufen" wirkt anfangs wie ein Essay mit dramaturgischen Elementen, erweist sich jedoch nach und nach als knifflige Detektivarbeit vor einer detailliert ausgestalteten japanischen Kulisse.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner



Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Originaltitel: Jusan Kaidan
Taschenbuch, Broschur, 400 Seiten, ISBN: 978-3-328-10153-6

[wolfgang]

2018 - Ein Jahr voller 'Book Blind Dates'

Sonntag, 4. Februar 2018 5 Kommentare

Ich liebe Überraschungen und ich mag dieses vorfreudige Kribbeln ... 

Wer mir auf Instagram folgt, der hat vielleicht schon mitbekommen, dass ich mir Ende letzten Jahres mal wieder ein 'Book Blind Date' gönnte. Ich bat Florian (@LiterarischerNerd), mich mit einem besonderen Buch zu überraschen. Florian ist Buchhändler mit Herz und Leidenschaft und arbeitet als Filialleiter in der Universitätsbuchhandlung Stephanus in Trier. Ich wusste, dass ich seinem Buchgeschmack vertrauen kann und freute mich schon sehr auf meine blind getätigte Bestellung. Das ist so aufregend, wenn man nicht weiß, was da kommen wird - ich finde das immer wieder sehr spannend! Er traf dann auch genau ins Schwarze mit seiner Auswahl, denn er überraschte mich mit dem Roman "Der weite Weg nach Hause" von Rose Tremain, den ich mit großer Begeisterung gelesen habe.

Und plötzlich entstand diese Idee... 





Ich hatte wieder so großen Spaß an der Aktion, dass ich kurzerhand beschloss, für das Jahr 2018 gleich ein ganzes Jahres-Abo an 'Book Blind Dates' abzuschließen. Gesagt - getan! Ich besprach mich mit Florian und die einzige Vorgabe, die ich machte, war ein monatliches finanzielles Limit. Ich habe es etwas höher angesetzt und er kann, muss es aber nicht ausschöpfen. Und wenn es mal weniger in einem Monat ist, so gibt es schon einen höheren Puffer für andere Monate - und es können  so auch mal zwei Bücher sein. Das sind nun Entscheidungen, die völlig bei Florian liegen.

Und ich - ja, ich darf mich nun zurücklehnen und jedem neuen Monat mit großer Vorfreude entgegenfiebern. Das ist herrlich, denn nun finde ich ein ganzes Jahr lang liebevoll verpackte Buchpost in meinem Briefkasten, mit Herz und Verstand für mich ausgesucht. 


Möchtet Ihr Euch auch einmal ein 'Book Blind Date' gönnen oder möchtet Ihr einen lieben Menschen überraschen?

Florian nimmt immer gerne Eure Bestellungen und Wünsche entgegen - sei es für ein einmaliges Erlebnis oder natürlich auch für ein Abo, nach Euren Vorstellungen gestaltet.
Überrascht doch - einfach mal so - Eure Liebsten mit einem 'Book Blind Date' im Briefkasten oder verschenkt ein Abo zum Geburtstag, denn liebevoll ausgesuchte Bücher sind doch immer die besten Geschenke, oder?

Ihr habt Interesse? Dann meldet Euch einfach direkt bei Florian Valerius: 
  • Telefon: 0651- 48499

Gerne möchte ich Euch über das Jahr hinweg meine erhaltenen Buchschätze zeigen und Euch so ein wenig an meinem Abo teilhaben lassen. Deshalb werde ich diesen Blogpost monatlich updaten. #staytuned! Vielleicht entdeckt Ihr dadurch auch die ein oder andere Buchperle für Euch selbst. Ich verlinke Euch die jeweiligen Bücher zum Onlineshop der Buchhandlung Stephanus, dort findet ihr weitere Informationen und könnt - wenn ihr mögt - das jeweilige Buch auch bei Florian bestellen. 
(Nein: keine bezahlte Werbung, kein Afilliate oder sonstiges - alles aus reiner Buchhandlungsliebe!

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Mein 'Book Blind Date' im Januar

Wir sprachen irgendwann über diese Autorin und ich stellte fest, dass ich bisher noch kein Buch von ihr gelesen hatte. Florian merkte sich das und überraschte mich mit dieser Perle. 

Um was es geht: 

Schicksalstausch zweier Schwestern. Armanda hat versprochen, nach Zeeland zu fahren, um dort ihr Patenkind zu besuchen. Am selben Wochenende will Lidy mit ihrem Mann in Amsterdam auf eine Party gehen. So sollte es ein, aber dann bricht Lidy an Armandas Stelle Richtung Schouwen-Duiveland auf, während Armanda die Tochter der Schwester hütet und sich mit deren Mann, in den sie unausgesprochen verliebt ist, auf der Fete vergnügt. Und so kommt es, dass Armanda zurückbleibt, während Lidy in die historische Flutkatastrophe von 1953 gerät, die fast den ganzen Südwesten der Niederlande von der Landkarte fegt. Dem äußeren Katastrophenszenario stehen die inneren Verhältnisse gegenüber. Die Zurückbleibende versucht ein richtiges Leben im falschen - ihrer Schwester - zu führen. [dtv Verlag]

Shoplink >> Sturmflut | Margriet de Moor | dtv Verlag 

Mein 'Book Blind Date' im Februar

Ich liebe die Abwechslung und die Vielfalt in dieser fabelhaften Bücherwelt und bin ich auch ein Freund von guten Comics und Graphic Novels!  

Um was es geht: 

Bei den PAPER GIRLS handelt es sich um vier Mädchen, die in einem amerikanischen Vorort im Jahre 1988, ausgestattet mit Walkie-Talkies, Tageszeitungen an Haushalte ausliefern. Wie es sich für selbstbewusste Teenie-Mädels gehört, möchten sie eines dieser Walkie-Talkies natürlich wieder zurückerobern, als es ihnen ausgerechnet in der Nacht nach Halloween von einer mysteriösen Gestalt entwendet wird. Doch schon bald müssen sie feststellen, dass in ihrer Kleinstadt Dinge vor sich gehen, die ihre bis dahin bekannte Vorstellungskraft weit übersteigt.
Was inhaltlich klingt, als träfe eine 80er-Jahre-Teeniekomödie auf AKTE X ist in Wahrheit das wohl Heißeste und Abgefahrenste, was der US-Comicmarkt derzeit zu bieten hat: die PAPER GIRLS werden nun bald auch in Deutschland Zeitungen und Fäuste fliegen lassen. [Cross Cult Verlag] 

Ausgezeichnet mit den Eisner-Awards 2016 als "Beste Neue Serie" und Cliff Chiang als "Bester Zeichner".

Shoplink >> Paper Girls 1 | Brian K. Vaughan, Cliff Chiang

Mein 'Book Blind Date' im März


#staytuned ...


[alexandra]