Rezension: 13 Stufen | Kazuaki Takano

Montag, 5. Februar 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Ein unschuldig wegen Mordes zum Tod Verurteilter soll hingerichtet werden. Der ehemalige Gefängnisaufseher Kihara und der auf Bewährung entlassene Jun'ichi erhalten den Auftrag, den wahren Täter zu finden. Für das ungleiche Ermittlerduo beginnt damit nicht nur ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, sondern beide müssen sich auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen. (Text & Cover: Penguin Verlag) [klappentext ende]

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Vor zwei Jahren überraschte der Japaner Kazuaki Takano mit seinem Thriller "Exctinction", der zugleich mit hohem Tempo und tiefgreifenden Gedanken ausgestattet war, damals mein Hörbuch-Highlight des Jahres [zur Kolumne]. Nun veröffentlichte der Penguin-Verlag seinen bereits im Jahr 2001 erstmals erschienenen Roman "13 Stufen". 
Die schlechte Nachricht: Ein das menschliche Selbstverständnis infrage stellendes Hochgeschwindigkeitsrennen durch die Seiten wie "Exctinction" sollte man sich nicht erwarten, die beiden Romane unterscheiden sich fundamental.
Die gute Nachricht: "13 Stufen" entzieht sich dem Vergleich, indem es eine weitaus intimer dimensionierte Geschichte erzählt, die eine interessierte Leserschaft weit in die japanische Kultur führt. 

Der soeben aus dem Gefängnis entlassene Jun'ichi wird mit einer ungewöhnlichen Aufgabe betraut. Gemeinsam mit dem Strafvollzugsbeamten Nango - im Klappentext fälschlicherweise mit dem Verurteilten verwechselt -  soll er die Unschuld eines Häftlings beweisen, der im Todestrakt seiner Hinrichtung entgegensieht. Dem verurteilten Ryo Kihara wird nämlich der Mord an seinem Bewährungshelfer zur Last gelegt. Üblicherweise werden als Protagonisten in einem Krimi hauptamtliche Ermittler gewählt, da diese einerseits die größtmögliche Handlungsfreiheit und andererseits einen jederzeit umfassenden Informationsstand gewährleisten. Nicht so im vorliegenden Werk. Die resultierende Einschränkung wird jedoch durch das Spezialwissen der beiden Hauptfiguren, ihre Erfahrungen innerhalb einer Haftanstalt, kompensiert. Diese ermöglichen nicht nur Empathie mit Kihara und unkonventionelle Gedankengänge zum Tathergang, sondern erlauben es dem Autor auch, Überlegungen zum japanischen Vollzugssystem anzustellen, die tief unter die Oberfläche reichen. Insbesondere die berührende Betrachtung der Todesstrafe zwingt den Leser förmlich, Stellung zu beziehen. 

"Ist das Gesetz gerecht? Ist es wirklich unparteiisch?" (S. 390)

Die beiden Hauptfiguren Jun'ichi und Nango symbolisieren die gegensätzlichen Standpunkte zum Hauptthema des Romans. Nango als Justizwachebeamter ist mit der Unerbittlichkeit eines hochbürokratischen Systems konfrontiert, dessen Anfälligkeit für Fehler im Laufe der Berufsjahre seine Zweifel genährt haben. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt den Fall von "Nummer 160" - Gefangene werden depersonalisiert - in dem Nango eigenhändig das Urteil vollstrecken mußte, womit er in seinen Augen selbst zum Mörder wurde. 
Jun'ichi hingegen hat in seiner Zeit auf der anderen Seite der Zellentür einerseits Zeitgenossen kennengelernt, die er für nicht resozialisierbar hält und andererseits die persönlichkeitszerbrechende Isolation von der Gesellschaft am eigenen Leib erfahren. Seiner Meinung nach ist der Todestrakt als Endstation die einzig wirksame Abschreckung. 
Diese beiden ähnlichen und in ihren Ansichten doch unterschiedlichen Figuren repräsentieren zugleich auch die Gesellschaft, die zwar offen die Todesstrafe ablehnt, sie jedoch insgeheim befürwortet. 

Die zahlreichen Überlegungen zum japanischen Justizsystem, die detaillierten Abläufe und der behördliche Schriftverkehr drosseln zwar in der ersten Hälfte des Romans das Tempo, zwingen den Leser jedoch, zu wohldefinierten und vielstrapazierten Begriffen wie Gerechtigkeit, Justiz und Sühne Stellung zu beziehen. Wie beim Erlernen einer Fremdsprache ruft man sich das Vokabular und die Grammatik des eigenen Rechtssystems ins Gedächtnis, blättert zurück, um Passagen ein weiteres Mal zu lesen, vergleicht, dringt tiefer in die Geschichte ein. Jun'ichi muß etwa für seine Tat um Entschuldigung bitten, damit die Strafe als vollständig abgegolten gilt ... für europäische Verhältnisse eher ungewöhnlich. 

"Angenommen, sein eigenes Kind wäre ermordet worden, dann würde er dem Verbrecher das Gleiche antun wollen. Aber wenn nun jeder Selbstjustiz üben würde, stürzte dies die gesamte Gesellschaft ins Chaos." (S. 191)

Nangos Zweifel werfen weitere Fragen auf: Kann es ein letigimes Motiv für Mord geben? Wie soll der Staat mit Schwerverbrechern umgehen? Was, wenn Zweifel an der Schuld bestehen? Was, wenn ein Verurteilter aufrichtige Reue zeigt? Was, wenn hingegen keine Aussicht auf Resozialisierung besteht, er den Hinterbliebenen ins Gesicht spuckt? Ist der Akt der Hinrichtung selbst auch Mord? Inwieweit kann blinder Gehorsam ohne Augenmaß ein Verbrechen sein? 



Mit einem nachdenklichen, sachlichen Erzählstil orientiert sich der Autor an seinem schwierigen Thema, das ihm so wichtig ist, daß er Faktisches nicht mit zu viel Fiktivem verwässern will. Die Sprache ist oft von erfrischend naiver Direktheit, die zudem nahelegt, daß dem Autor mit seinem Debütroman die Botschaft ein größeres Anliegen ist als der literarische Anspruch. Erst als ein stabiles Fundament gelegt ist, scheint Kazuaki Takano auch bereit, darauf eine Geschichte zu errichten, die gerade im Ausklang noch mit raffinierten Wendungen überrascht. 

Persönliches Fazit 

"13 Stufen" wirkt anfangs wie ein Essay mit dramaturgischen Elementen, erweist sich jedoch nach und nach als knifflige Detektivarbeit vor einer detailliert ausgestalteten japanischen Kulisse.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner



Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Originaltitel: Jusan Kaidan
Taschenbuch, Broschur, 400 Seiten, ISBN: 978-3-328-10153-6

[wolfgang]

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