Rezension: Der Reisende | Ulrich Alexander Boschwitz

Samstag, 10. Februar 2018 0 Kommentare



Deutschland im November 1938. Otto Silbermanns Verwandte und Freunde sind verhaftet oder verschwunden. Er selbst versucht, unsichtbar zu bleiben, nimmt Zug um Zug, reist quer durchs Land. Inmitten des Ausnahmezustands. Er beobachtet die Gleichgültigkeit der Masse, das Mitleid einiger Weniger. Und auch die eigene Angst. [© Text und Cover: Klett-Cotta Verlag]

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Dreiundzwanzig Jahre war Ulrich Boschwitz alt, als er 1938 diesen Roman schrieb. Nach Veröffentlichungen in England, USA und Frankreich in den dreißiger und vierziger Jahren gibt es jetzt erstmals eine Ausgabe auf Deutsch. Gut für uns! Boschwitz, der Deutschland bereits 1935 verlassen hatte, starb leider schon mit siebenundzwanzig, als sein Schiff von einem deutsches U-Boot versenkt wurde.

Otto Silbermann ist Kaufmann, Deutscher, Ehemann, Vater – und Jude. In der Hoffnung, dass die Zeiten wieder besser werden würden, hat er Berlin noch nicht verlassen. Leider hat er sich darin getäuscht, als Jude konnte man jetzt jederzeit verhaftet werden und in ein Konzentrationslager gebracht werden. Als Nazis seine Wohnung stürmen, kann er gerade noch entkommen. Zu seinem Glück sieht er nicht jüdisch aus, er kann sich zunächst noch in der Öffentlichkeit bewegen, ohne gleich denunziert zu werden. Aber wie lange kann das gut gehen?



Für mich ist es unfassbar, dass ein Staat eine ganze Gruppe zu „Unmenschen" erklärt. Aber viele haben das damals als angemessen empfunden, weggesehen oder mitgemacht. Auch die Nachbarländer wollten die Juden nicht aufnehmen. Jetzt steht Silbermann auf der Straße und weiß nicht wohin. Zurück in die Wohnung geht nicht, jüdische Freunde sind bereits verhaftet oder ausgereist und arischen Freunden und Geschäftspartnern kann er nicht mehr trauen. Seine Situation ist unglaublich beklemmend. Er darf auf keinen Fall auffallen, jeder SA-Mann könnte ihn kontrollieren und ihn auffliegen lassen. Wenigstens hat er noch Geld, aber über die Grenze kommt er damit auch nicht.

„Mir ist der Krieg erklärt worden, mir persönlich. Das ist es. Eben ist mir nun endgültig und wirklich der Krieg erklärt worden, und jetzt bin ich allein – in Feindesland." (S. 35)

Durch das Zugfahrten bleibt in Bewegung, es beginnt für ihn eine Odyssee durch Deutschland. Wenigstens kann er im Abteil schlafen. Wo ist er am sichersten? In der ersten, zweiten oder dritten Klasse? Jede Begegnung ist spannend, kann sie doch verhängnisvoll für ihn enden. Ich weiß nicht, wie ich mit dieser Situation umgehen würde. Diese Beklemmung und was sie mit Silbermann macht, hat Boschwitz hervorragend eingefangen. In den Dialogen und im Umgang mit anderen merkt man zwar, dass die Ereignisse schon eine Weile zurückliegen. Das Erzähltempo ist aber, vor allem zu Beginn, hoch und hat mich gepackt. Die Überarbeitung ist sehr gut gelungen und lässt mich nachvollziehen, was diese Hetze für die Betroffenen bedeutet hat.


    

Persönliches Fazit

„Der Reisende" ist ein eindringliches und intensives Zeitdokument und hoffentlich ein Beitrag dazu, dass eine solche unmenschliche Verfolgung von Minderheiten nicht mehr vorkommt. Mich hat der Roman von Beginn an gepackt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Es ist ein Gewinn, dass er jetzt auch auf Deutsch verfügbar ist.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Der Reisende | Ulrich Alexander Boschwitz | Klett-Cotta Verlag
Herausgegeben von Peter Graf
2017, gebunden, 304 Seiten, ISBN: 9783608981230


[marcus]

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