Rezension: Drecksspiel | Martin Krist

Samstag, 7. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]David Gross, ehemaliger Polizist und nun als Problemlöser für einen Anwalt tätig, ermittelt im Fall einer entführten Tochter aus gutem Hause. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Denn Berlin wartet mit finsteren Ecken, zwielichtigen Typen, bösen Gedanken und blutigen Taten. Warnung: Genial und ungewöhnlich, aber nichts für zarte Gemüter! Der Erfolgstitel von Bestsellerautor Martin Krist in neuer Austattung. (Text & Cover: © R&K) [klappentext ende]


Eines vorweg: Der Klappentext des Romans greift zu kurz. Nicht etwa, weil jemand den Leser mutwillig in die Irre führen will, sondern weil die wenigen Zeilen auf dem Buchrücken das Bedürfnis wecken sollen, noch im gleichen Moment in das Buch ein- und erst Stunden später wieder daraus aufzutauchen. Im vorliegenden Fall ist es nur schwer möglich, den Inhalt vollständig zu umreißen und gleichzeitig diese Aufgabe zu erfüllen. Drecksspiel handelt also, wie in der Beschreibung anklingt, von der Suche nach einem entführten Mädchen. Aber parallel dazu noch von einigen anderen Fällen und Figuren, für die der Autor sogar ein Personenregister bereitstellt.

Genau genommen ist der Roman ein kunstvoll gefertigtes Gewebe aus ineinander verflochtenen Handlungssträngen, von denen jeder zu einer eigenständigen Geschichte mit ausreichend Tiefe ausgearbeitet werden könnte. Den Kern, so etwas wie das auslösende Moment, bildet die genannte Entführung einer Jugendlichen aus gutbürgerlichem Hause. In chaostheoretischer Weise werden die Schicksale zahlreicher anderer Figuren beeinflusst, deren Aktionen und Entscheidungen sich komprimiert zu einem stimmigen Ganzen konstituieren. Die einzelnen Episoden sind in rascher Abfolge ineinander geschnitten, wodurch sich der Leser ständig der Parallelität der Ereignisse bewusst ist. An entscheidenden Punkten im Handlungsverlauf überlappen sich die Szenen, ein Moment wird in einem Aufblitzen aus zwei verschiedenen Perspektiven erlebt. Diese Momente sind auch jene, in denen der Leser glaubt, die Verbindungen zwischen den Handlungssträngen zu erkennen, sich darüber freut, den gehetzten Figuren eine Nasenlänge voraus zu sein ... um schließlich nach dem nächsten Richtungswechsel doch wieder schmunzelnd den Kopf zu schütteln.

Wenn man beim Lesen innehält, um sich den aktuellen Wissensstand zu vergegenwärtigen, die Figuren auf der mentalen Schautafel neu anzuordnen, entwickelt sich die Vorstellung von einem Autor, der am Reißbrett jeden einzelnen der Handlungsstränge konzipiert. Diese miteinander in eine stimmige Szenenfolge zu verflechten, muss eine spannend-kreative Arbeit gewesen sein.

Den meisten Figuren glaubt man bereits in anderen Bücheren oder Filmen begegnet zu sein. Da ist der ehemalige Polizeibeamte, der sich als privater Ermittler verdingt und von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Da ist der (noch) im aktiven Dienst befindliche Polizist, der den Umfang seiner Kompetenzen weiter fasst als vorgesehen. Da sind die Straßengauner, die ein Auto stehlen und mit dem Geld im Kofferraum sich selbst und die ursprünglichen Besitzer in Schwierigkeiten bringen. Und über allem thront mit dem Phlegma eines Marlon Brando (nun, eigentlich wird er ja mit Bill Murray verglichen) ein sauberer Geschäftsmann, unter dessem Tisch alle unsauberen Fäden zusammenlaufen. All diese sind bekannte Stereotypen, die mit sichtbarem Vergnügen überstrapaziert werden und die dazu dienen, den Lesern von Beginn an eine bekannte Umgebung zu bieten. Der Autor weckt gezielt Ewartungen, lässt seine Handlungsorte von der Phantasie der Leser mitgestalten. Die Figuren agieren im moralischen Halbschatten, niemand ist vollkommen böse, genau so, wie sich niemand als ideale Identifikationsfigur eignet.

Der heimliche Hauptdarsteller des Romans, außerhalb von Sympathie und Moral, ist jedoch die Kulisse, die Stadt Berlin. Jede Adressangabe ist präzise wie auf einem Stadtplan, jedes Viertel unterscheidet sich vom anderen durch seine Hausfassaden, durch die Passanten auf den Straßen, durch die Höhe der Gartenzäune. 

"Vor der Franz-Stenzer-Straße 5 waren schrottreife Autos abgestellt. Mülltonnen reihten sich aneinander. Abfall quoll aus den Behältern. Das Surren der Fliegen war bis auf die Straße zu hören. Die Eingangstür, deren Glas zersplittert war, stand sperrangelweit offen." (S. 106)
[Zitate, Beispiele]

Wie Michael Mann in seinem Film "Collateral" hetzt Martin Krist Figuren und Leser durch eine launische Stadt, die ebenso charmant wie abweisend sein kann. Und im Hintergrund hängen als Soundtrack stets Wortfetzen von Rap-Songs in der Luft, die von Street Credibility und einem besseren Leben handeln ...

Im Englischen gibt es die Redewendung "If you can't stand the heat, get out of the kitchen". Martin Krists Küche ist die Berliner Nacht, und seine Figuren tragen ihre Brandwunden wie Rangabzeichen.

Persönliches Fazit 

Drecksspiel ist ein Roman im Gewand eines reißerischen Gangsterthrillers, der aber dazu herausfordert, die fein gesponnenen Handlungsstränge gedanklich entwirren. Drecksspiel ist "Sin City" zum Lesen.

© Rezension: 2018, Wolfgang Brandner

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Drecksspiel | Martin Krist | R&K
2018, Taschenbuch, 342 Seiten, ISBN: 978-3746704265

[wolfgang]   

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