Rezension: Ein mögliches Leben | Hannes Köhler

Mittwoch, 4. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Ein Wunsch, den Martin seinem Großvater Franz nicht abschlagen kann: eine letzte große Reise unternehmen, nach Amerika, an die Orte, die Franz seit seiner Gefangenschaft 1944 nicht mehr gesehen hat. Martin lässt sich auf dieses Abenteuer ein, obwohl er den Großvater eigentlich nur aus den bitteren Geschichten seiner Mutter kennt. Unter der sengenden texanischen Sonne, zwischen den Ruinen der Barackenlager, durch die Begegnung mit den Zeugen der Vergangenheit, werden in dem alten Mann die Kriegsjahre und die Zeit danach wieder lebendig. Und endlich findet er Worte für das, was sein Leben damals für immer verändert hatte. [© Text und Cover: Ullstein Verlag][klappentext ende] 

Sehr lange ist es her, dass Franz als neunzehnjähriger Soldat in Frankreich in Gefangenschaft geriet und in die USA verschifft wurde. So lange, dass er sich selbst wundert, dass viele der verschütteten Erinnerungen wieder an die Oberfläche kommen, als er mit seinem Enkel wieder dort ist. Wir reisen mit ihm in der Zeit zurück, denn der größte Teil des Romans erzählt von seinem Leben im Lager in Texas. 

Die ausgemergelten Soldaten scheinen es verhältnismäßig gut getroffen zu haben, denn die Speisekammern des Lagers sind voll. Allerdings spalten sich die Gefangenen in zwei Gruppen mit fatalem Konfliktpotenzial: in diejenigen, die noch an den Sieg der Deutschen durch welche Wunderwaffen auch immer glauben und in die, die die unabwendbare Niederlage kommen sehen. Zu denen gehört auch Franz. Nach dem Drill durch die Nazistrukturen ist es gar nicht so einfach, sich von diesem Dogma zu lösen. 


„Zu viele Geschichten vom Führer, vom lieben Onkel Adolf, zu viele Gesänge und Schwüre am Lagerfeuer, sie haben dich versaut, sie haben dich gründlich versaut, dein Vater und all die anderen. Versaut bis zum Ende." (S. 297) 

Für Franz ist die Gefangenschaft auch eine Chance. Er stellt sich vor, Deutschland hinter sich zu lassen und in den USA, diesem großen und freien Land, neu anzufangen. Damit geht es in diesem Buch auch um Möglichkeiten, um den Mut zu Veränderungen. Und auch um die Folgen von Entscheidungen. So erfahren wir auch, wieso das Verhältnis von Franz zu seiner Tochter so schwierig ist. Hannes Köhler verbindet das mit der Vergangenheit des alten Mannes angenehm unaufdringlich. 




Die ganz große Stärke des Romans ist die hohe Erzähldichte. Der Autor bringt mich damit ganz nah ran an seine Protagonisten. Kaum zu glauben, dass Franz' Geschichte Fiktion ist, es liest sich wie eine Biografie, so authentisch wirkt sie. Dazu trägt auch der präzise Schreibstil bei. Der macht es mir leicht, mir die jeweiligen Situationen vorzustellen und die Familienverhältnisse nachzuvollziehen. Da ist kein Wort zu viel und trotzdem sind die Formulierungen nicht belanglos. 

Persönliches Fazit

„Ein mögliches Leben" ist so authentisch wie eine Biografie. Die Geschichte des sympathischen Franz hat mich sehr gefesselt, vor allem seine Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Besonders beeindruckt haben mich Hannes Köhlers präziser Schreibstil und die hohe Erzähldichte, sie machen den Roman sehr lesenswert. 

© Rezension: 2018, Marcus Kufner 


Ein mögliches Leben | Hannes Köhler | Ullstein Verlag
2018, gebunden, 352 Seiten, ISBN: 9783550081859 

[marcus]

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