Rezension: Mutterland | Paul Theroux

Donnerstag, 12. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Alle in Cape Cod halten Mutter für eine wunderbare Frau: fleißig, fromm, genügsam. Alle außer ihrem Ehemann und ihre sieben Kinder. Für sie ist sie eine engstirnige und selbstsüchtige Tyrannin. Der Erzähler Jay, Reiseschriftsteller mittleren Alters, ist eines der sieben Kinder. Zusammen mit den Geschwistern findet er sich bei der Mutter ein, als der Vater stirbt – die erstickende Enge dort, im wortwörtlichen Mutterland, evoziert eine Bandbreite an Gefühlen, die dem Leser auf unheimliche Weise genau das präsentieren, was sonst immer nur der Horror der anderen ist. [© Text und Cover: Hoffmann und Campe Verlag][klappentext ende] 


Es ist nicht gerade einfallsreich, wenn ein Autor, der als Reiseschriftsteller bekannt ist, als Ich-Erzähler für seinen Roman ebenfalls einen Reiseschriftsteller einsetzt. Natürlich kennt er sich hervorragend aus in diesem Metier und kann dadurch Autobiografisches einfließen lassen, in welchem Umfang auch immer. Ich schätze Theroux' Reiseberichte sehr. Seine ehrliche, stets hinterfragende und manchmal auch provokante Art finde ich erfrischend und bereichernd. Für seine Romanreise nach Mutterland erfindet er sich nicht neu, auch hier ist seine Sprache genauso direkt und schnörkellos. 

Nach zwei Ehen und vielen Reisen rund um den Globus zieht Jay zurück in die Heimat. Der Anlass dafür ist, dass sein Vater im Sterben liegt. Von hier ab verfolgen wir die Entwicklung der Beziehungen von Jay zu seiner Mutter und zu seinen sechs Geschwistern. Der Umgang miteinander ist nicht wirklich liebevoll. Jay sieht in seiner Mutter eine manipulative Matriarchin, die nur nach außen den schönen Schein wahrt. Innerhalb der Familie spielt sie ihre Kinder gegeneinander aus und hält sie klein. Theroux attackiert das Bild der liebevollen Mutter, aber trotz der Abneigung und des Misstrauens seines Erzählers ihr gegenüber kann er sich nicht von ihr lösen. 

„Wir waren Untertanen im Mutterland, in Mutters Diktatur, und jeder von uns ein mürrischer Dissident. Mutter hatte uns alle Feinheiten des Betrugs beigebracht. Lektion eins war, Bindung ist immer ein Fehler. Lektion zwei, Gefühl ist Schwäche. Lektion drei, Vertrauen ist dumm und fatal, und der Schlüssel zur Macht ist das Wissen um die Geheimnisse der anderen Geschwister." (S. 500)

Das diffizile und wandelbare Verhältnis von sieben Geschwistern aufzuzeichnen, ist sicherlich herausfordernd. Familien dieser Größe sind ja in unseren Breiten selten und eine Besonderheit geworden. Die Charakterisierung von Jays Geschwistern ist authentisch, mit ihren Macken sind wirken sie sehr lebensecht. Der Umgang untereinander und wie sie immer älter (und breiter) werden, ist scharfsinnig beobachtet und entlarvt ihren Egoismus auf eine fatalistische Art. 

„In meiner Familie arbeitete niemand an Beziehungen. Sie lächelten, sie erzählten Lügen, sie tratschten, sie stießen einander Messer in den Rücken, sie sagten immer ja und meinten es nie." (S. 170)

Jeder, der mehrere Geschwister hat, wird wohl die eine oder andere Wahrheit in diesem Roman wiederfinden. Allerdings sind Jays Ansichten ziemlich pessimistisch. Das kann einen als Leser schon etwas runterziehen. Mir war es auch zu viel des Gezeters, das wiederholt sich etwas zu oft. Theroux arbeitet die Beziehung von Jay zu seiner Familie zwar sehr feinsinnig heraus, da wir aber zum größten Teil nur dessen sehr subjektive Sicht erfahren, fehlt mir da ein Gegenpol. Ist wirklich immer nur seine Mutter schuld daran, wenn etwas in seinem Leben schief läuft oder wenn er sich als Verlierer fühlt? Auch wenn die elterliche Erziehung erheblichen Einfluss hat, ist mir das zu einseitig. 








  

Persönliches Fazit

Ich bin bei „Mutterland" zwiegespalten: einerseits ist das Verhältnis von Jay zu seiner Familie ausgezeichnet herausgearbeitet und regt zum Reflektieren an, besonders wenn man selber Geschwister hat. Andererseits wird mir Jays Gejammer irgendwann zu viel und ist mir zu destruktiv. Wer Paul Theroux' stets hinterfragende und manchmal provokante Art zu schreiben mag, ist hier aber trotzdem gut aufgehoben. 

© Rezension: 2018, Marcus Kufner 


Mutterland | Paul Theroux | Hoffmann und Campe Verlag
Aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke
2018, gebunden, 656 Seiten, ISBN: 9783455002904 

[marcus]

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