Rezension: Kleine Feuer überall | Celeste Ng

Freitag, 20. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Es brennt! In jedem der Schlafzimmer hat jemand Feuer gelegt. Fassungslos steht Elena Richardson im Bademantel und den Tennisschuhen ihres Sohnes draußen auf dem Rasen und starrt in die Flammen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Erfahrung gemacht, »dass Leidenschaft so gefährlich ist wie Feuer«. Deshalb passte sie so gut nach Shaker Heights, den wohlhabenden Vorort von Cleveland, Ohio, in dem der Außenanstrich der Häuser ebenso geregelt ist wie das Alltagsleben seiner Bewohner. Ihr Mann ist Partner einer Anwaltskanzlei, sie selbst schreibt Kolumnen für die Lokalzeitung, die vier halbwüchsigen Kinder sind bis auf das jüngste, Isabel, wohlgeraten. Doch es brennt. Elenas scheinbar unanfechtbares Idyll – alles Asche und Rauch? [© Text und Cover: dtv Verlag][klappentext ende] 

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Mit „Was ich euch nicht erzählte" hat Celeste Ng ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt. Die Familiengeschichte mit dem dramatischen Ende hat mich überzeugen können. Jetzt ist mit „Kleine Feuer überall" ihr zweiter Roman erschienen. Klar, dass ich den nicht verpassen wollte.
  

Das neue Buch ist ähnlich strukturiert wie das erste: es beginnt mit dem Brand des Hauses der Richardsons recht dramatisch und geht dann in der Zeit zurück, um zu erklären, wie es dazu kam. Wir lernen die Richardsons und ihre vier Kinder kennen, ihre Vorlieben, ihre Wünsche und Hoffnungen, aber auch ihre Macken und Schwächen. Sie führen ein Leben, das man wohlsituiert nennen kann: angenehme Nachbarn, die besten Schulen, ein großes Haus und ein ansehnliches Einkommen. Das ist genau das Leben, das Mrs Richardson immer für sich vorgestellt hat. Ein Leben mit einer großen Familie in Shaker Heights, einem Retortenvorort von Cleveland, in dem man sich nicht mit den Problemen, wie sie in anderen Stadtteilen bestehen, rumärgern muss. Eine wunderbare Vorlage für soziale Konflikte! 

„Wer das Glück hatte, in Shaker zu wohnen, durfte sich in der schönsten Gemeinde Amerikas wähnen. Wenn man dort, wie ein Bewohner einmal sagte, beim Schneeschaufeln in der Einfahrt seinen wertvollen Diamant-Hochzeitsring verlor, kam im nächsten Moment ein Service und brachte die gesamte Schneewehe in eine städtische Autowerkstatt, wo sie zur Bergung des Schatzes unter Wärmelampen geschmolzen wurde." (S. 181)

Elena Richardson gehört ein weiteres kleines Haus am Rand von Shaker Heights. Und weil sie sich selbst als guten Menschen sieht, vermietet sie es gerne an mehr oder weniger Bedürftige. Man hilft ja, wo man kann! Ihre neuesten Mieter sind Mia Warren und ihre Tochter Pearl. Die schüchterne Pearl freundet sich mit dem gleichaltrigen Moodie Richardson an. Damit beginnt eine Verbindung zwischen den beiden Familien, die mit der Zeit immer stärker wird und alle vier Kinder der Richardsons einbindet. Dabei prallen zwei Lebenskonzepte aufeinander: Elena Richardsons perfektes Vorortleben und Mia Warrens unstetes Nomadendasein. Lieber arm und frei als reich und gebunden? Als Elena den Grund für Mias fluchtartigen Lebensstil herausfinden will, tritt sie Ungeahntes los. 
  



  
Celeste Ng stellt auch bei ihrem zweiten Roman ihre Stärken unter Beweis: die Charakterisierung ihrer Protagonisten ist sehr lebensnah und deren Entscheidungen absolut nachvollziehbar. Das bringt mich sehr nah an sie heran und dementsprechend verfolge ich gebannt ihre Lebenswege. Sie nimmt sie ernst, auch bei dummen Entscheidungen, und wird nie besserwisserisch. Außerdem verwebt sie die Geschichten der Familien klug miteinander und packt einiges hinein wie soziale Differenzen, verschiedene Lebenskonzepte oder Fragen nach Fehlern und Schuld. Ihre Erzählweise ist dabei sehr kurzweilig. 

Persönliches Fazit 

Celeste Ng beweist sich wieder als gute und feinfühlige Beobachterin. Bei der ausgezeichneten Charakterisierung erkenne ich bei ihrem zweiten Buch ihre Handschrift wieder. Das in Verbindung mit einem gut gewobenen Plot macht „Kleine Feuer überall" zu einer fesselnden Lektüre. 

© Rezension: 2018, Marcus Kufner 


Kleine Feuer überall | Celeste Ng | dtv Verlag 
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
2018, gebunden, 368 Seiten, ISBN: 9783423281560 
[marcus]

Rezension: Borne | Jeff VanderMeer

Dienstag, 17. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Ein riesiger Bär, der eine zerstörte Stadt terrorisiert. Eine junge Frau, die in den Ruinen nach biotechnologischem Abfall sucht. Ein Drogendealer, der daraus psychoaktive Drogen herstellt. Ein undefinierbares Wesen, das diese Welt für immer verändern wird … Borne sprengt alle Genregrenzen und zeigt, wie fantastisch Literatur heute sein kann. [© Text und Cover: Verlag Antje Kunstmann][klappentext ende] 

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Mit seinem Roman „Auslöschung", der kürzlich auch verfilmt wurde, konnte mich Jeff VanderMeer sehr fesseln. Seine visionäre Darstellung einer bedrohlichen Zukunft hat mich in ihren Bann gezogen. Da wollte ich mir seinen aktuellen Roman nicht entgehen lassen. 

Auch in „Borne" ist die Atmosphäre beklemmend. Rachel haust mir ihrem Freund Wick abgeschottet in einem verlassenen und teilweise zerstörten Wohnkomplex in einer größtenteils verwüsteten Stadt. Ihre Ausflüge nach draußen zur Beschaffung von Lebensmitteln und anderen brauchbaren Materialien sind sehr gefährlich. Marodierenden Banden oder herumstreunenden Tieren sollte sie lieber aus dem Weg gehen. Aber Rachel ist keine Anfängerin: sie traut sich sogar an „Mord" heran, einen riesigen, biologisch modifizierten Bären, in dessen Umfeld es meist Brauchbares einzusammeln gibt. Dass Rachel dabei auf Messers Schneider agiert, ist ihr bewusst. 

Bei Mord findet sie auch dieses schwer zu definierende Wesen, dem sie den Namen „Borne" gibt. Vor der Apokalypse wurde viel an Biotechnologie geforscht und experimentiert. Daher ist Rachel nicht verwundert, eine unbekannte Form zu finden. Sie nimmt Borne mit in ihre Unterkunft. Davon ist Wick gar nicht begeistert, denn eine zentrale Frage ist: wer oder was ist Borne? Wick sieht in ihm eine mögliche Bedrohung, Rachel dagegen will Borne helfen und ihn großziehen. Borne wächst und lernt tatsächlich schnell. Aus der Kreatur, die einer Kreuzung zwischen Seeanemone und Tintenfisch gleicht, wird ein Gestaltwandler, der sogar sprechen kann. 

„»Weißt du, warum es dich gibt?« Bornes neu ausgebildete Augenstiele, die ständig hervorschossen und sich dann wieder zurückzogen, sahen mich fragend an. »Der Grund«, sagte ich. »Du weißt schon – warum man überhaupt am Leben ist. Bist du zu einem bestimmten Zweck gemacht worden?« »Muss alles einen Zweck haben, Rachel?«" (S. 78) 

Dass Machtbestreben und Gier die Menschheit an den Rand der Existenz bringen würde, ist sicherlich nicht weit hergeholt. Hier scheint bei der Entwicklung von Biotechnologie etwas schief gegangen zu sein. VanderMeer nutzt das, um Wesen zu erschaffen, die über Fähigkeiten verfügen, die weit über menschliche Beschränkungen hinausgehen. Damit erschafft er eine gleichzeitig beklemmende wie faszinierende Welt. Eine Welt, die nicht mehr von Menschen beherrscht wird. Wie hält man es in diesen Verhältnissen überhaupt aus? Zählt da nur noch das nackte Überleben oder braucht man nicht doch noch eine zumindest wage Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit? 



   
Rachel in dieser postapokalyptischen Welt zu begleiten hat mich sehr in den Bann gezogen. Dazu trägt auch VanderMeers besondere Schreibweise bei, die durchaus Aufmerksamkeit erfordert, dafür aber auch intensive Bilder im Kopf entstehen lässt. 

Persönliches Fazit

Mit „Borne" erschafft Jeff VanderMeer eine ebenso bedrohliche wie faszinierende postapokalyptische Welt mit Wesen, deren Fähigkeiten das, was wir kennen, weit hinter sich lassen. Ein beklemmender, packender Roman, ein geradezu cineastisches Leseerlebnis! 

© Rezension: 2018, Marcus Kufner 


Borne | Jeff VanderMeer | Verlag Antje Kunstmann
Aus dem Englischen von Michael Kellner
2017, gebunden, 367 Seiten, ISBN: 9783956141973


[marcus]

Rezension: Armageddon | Wolfgang Hohlbein

Freitag, 13. April 2018 0 Kommentare


[klappentext start] Auf dem Flug nach Tel Aviv begegnet Beka dem gleichermaßen faszinierenden wie undurchschaubaren Luke. Doch bevor sie sein Geheimnis ergründen kann, zerreißt eine gewaltige Druckwelle das Flugzeug. Das Undenkbare ist geschehen: Eine Atombombenexplosion vernichtet weite Teile Israels. Aber Beka und Luke überleben. Sie finden sich in einem unterirdischen, verlassenen Tempel wieder, der von geheimnisvollen Symbolen übersät ist. Und alles deutet darauf hin, dass Armageddon begonnen hat - die letzte Schlacht ... [Text & Cover: Piper Verlag] [klappentext ende] 

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Wolfgang Hohlbein ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren, der auf ein beeindruckend umfangreiches Gesamtwerk verweisen kann, mit dem er zahlreiche Nuancen des Fantasy-Genres ausgelotet hat. Als sein besonderes Verdienst gilt es, junge Leser mit seinen Geschichten zu verzaubern und in der Welt der Bücher willkommen zu heißen. Gerade in den mit seiner Frau ersonnenen Geschichten arbeitet er mit jugendlichen Protagonisten und projiziert den Reifeprozeß der Persönlichkeit auf einen epischen Kampf Gut gegen Böse.
Und ... was wäre ein Hohlbein-Roman ohne die Lieblingswendung des Autors zum Ausdruck sehnsüchtiger Begierde:

"Aber was allen Schreckensgestalten und Special-Effects, für die Roland Emmerich wahrscheinlich seinen rechten Arm geopfert hätte ..." (S. 384)

Mit seinem aktuellen Roman "Armageddon" wendet er sich (nach dem Thriller "Mörderhotel") wieder an die Leserschaft an der Schwelle zum Erwachsenenalter. Hauptfigur Beka, kurz für Rebecca, ist weitgehend eigenschaftsfrei und somit eine typische Hohlbein-Heldin. Indem er nämlich seine Charaktere bewußt unscharf zeichnet, konzipiert der Autor sie als universelle Identifikationsfiguren. Allerdings wird Beka als "fast 20 Jahre, eine erwachsene Frau, keine pubertierende Dreizehnjährige" beschrieben, womit sie deutlich über dem Altersschnitt des Zielpublikums liegen dürfte. Zunächst relativiert Hohlbein diesen Vorsprung, indem er Bekas Gemütszustand angesichts eines etwa gleichaltrigen jungen Mannes in eben jene Phase hormonellen Erwachens zurückversetzt. Schließlich trifft sie auf Jugendliche (im betreffenden Altersbereich), die in Stämmen organisiert, um ihr Überleben kämpfen. Nun löst der Autor die Diskrepanz zwischen Leser und Hauptfigur endgültig auf, indem er diese wesentlich infantiler agieren läßt, als man es sich angsichts ihres Alters erwarten würde. Mit der Ausgangssituation - sieben Jahre in die Zukunft in eine verwüstete Welt geworfen zu werden - findet sich Beka erstaunlich schnell ab, ihre Neugier ist im Gegensatz zu jener des Lesers allzu rasch gestillt. Dazu wirken ihr Sarkasmus und ihre übertriebene Coolness unangebracht für jemanden, dessen Flugzeug nach Israel ungeplant in einer Umgebung ohne zivilisatorische Errungenschaften wie Strom und fließendes Wasser notlanden mußte.

Offensichtlich, um sich des Kontaktes zu den Lesern zu versichern, flicht der Autor immer wieder Referenzen auf die Populärkultur ein, die allerdings leicht anachronistisch wirken. Die Leserschaft mag mit der klingonischen Grußformel aus Star Trek noch vertraut sein, ob der Film "Highlander" aus den 1980er-Jahren allerdings noch bekannt ist, darf bezweifelt werden ...

In dieser in Trümmern liegenden Welt - als Ursache wird vage eine Atombombe genannt - verbündet sich Beka schließlich mit ihren neuen kindlichen Gefährten, um sich auf eine abenteuerliche Suche zu begeben. Aber wonach eigentlich? Nachdem das Jerusalem in seiner neuen Gestalt mit all seinen Gefahren erkundet wurde, ist es wohl als obligater Akt der Rebellion zu verstehen, daß Beka und zwei ihrer neuen Freunde dem Einfluß eines übermächtigen Engels entfliehen. Allerdings scheinen weder die kleine Reisegruppe, noch der Roman selbst ein konkretes Ziel anzustreben. Ein Finale oder eine Auflösung ist nicht in Sicht, der Roman funktioniert wie eine postapokalyptische Sightseeing-Tour, in der die Helden von einem Schauplatz zum nächsten getrieben werden. Jedes Mal, wenn die Fragen nach Sinn des Unterfangens oder gar der Ursache der Lage zu drängend werden, sorgt der Autor für Action und verscheucht seine Figuren mit einer neuen Gefahr aus ihrer Kontemplation.

Dazu kommt Hohlbeins lockerer Umgang mit dem Thema Religion. Der Roman wirkt wie ein bizarres Sammelsurium christlich-jüdischer Symbole, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und neu arrangiert wurden. Damit mag der Autor vielleicht die Neugier wecken, dazu motivieren, die tatsächlichen Hintergründe in der Bibel und im Talmud nachzuschlagen. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß er mit seinen Anspielungen bestenfalls auf fragmentarisches Halbwissen im Kreise seiner Leser treffen wird. Man könnte ihm durchaus unterstellen, diese unvollständigen Kenntnisse bewußt zu nutzen: Wo Religion im Jahr 2017 vielfach als mystisch verklärte Brauchtumspflege wahrgenommen wird, ist es leicht, sie in eine per se nicht zu erklärende Form von Magie umzudeuten, die einem jeden Fantasy-Roman als Grundlage dient. Ein Schutzengel, der sich als mordlüsterner Dämon entpuppt, ein unversehrtes Becken mit Weihwasser, das alle Wunden in Sekundenschnelle heilt oder aus dem Jüdischen stammende Vornamen wie Yoram oder Thora ... hier  wird eine neue Mythologie im Baustein-Prinzip konstruiert.

Persönliches Fazit

"Armageddon" bietet zwar kurzweilige Action in einem endzeitlichen Szenario, für den Umfang des Romans jedoch überraschend wenig Handlung. Was verbleibt, sind viele offene Fragen und der diffuse Eindruck mutwillig uminterpretierter Symbolik.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner

Armageddon | Wolfgang Hohlbein | Piper
2017, Hardcover mit Schutzumschlag, 608 Seiten, ISBN: 978-3-492-70441-0

[wolfgang]