Rezension: Abschlussball | Jess Jochimsen

Samstag, 24. Juni 2017 0 Kommentare

Eine Außenseitergeschichte mit ruhigen Tönen







Für Marten ist der Friedhof der richtige Ort: Friedhöfe sind ruhig, gut ausgeschildert und bieten ausreichend Schatten. Schon als Kind hat er die Befürchtung, nicht in diese Welt zu passen – und als sich die Möglichkeit auf ein Dasein frei von Unwägbarkeiten bietet, greift er zu: Er wird Beerdigungstrompeter auf dem Nordfriedhof in München und spielt den Toten das letzte Lied. Als Marten die Bankkarte seines soeben zu Grabe getragenen Klassenkameraden Wilhelm findet, beginnt eine groteske Irrfahrt. Ohne eigenes Zutun wird er in einen Strudel merkwürdiger Ereignisse gezogen und lernt all das kennen, wovon er sich Zeit seines Lebens so mühsam ferngehalten hat: andere Menschen, Geld, Abenteuer, die Liebe. [© Text und Cover: dtv Verlag]

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Wie kann man denn nur jahrelang in der Bibliothek arbeiten und selber keine Bücher lesen? Eigentlich ist das typisch für Marten, ihm ist das viel zu anstrengend. Alles was er will, ist ein bescheidenes, aufgeräumtes Leben. Er macht nicht mit bei dem ewigen Wettstreit um das größte Haus, das nobelste Auto oder den spektakulärsten Urlaub. Er ist zufrieden mit seiner winzigen Wohnung, obwohl die noch nicht mal ein Bad hat. Und auch sein erster Job ist perfekt für ihn: als Bibliothekarassistent hat er selbst kaum Verantwortung und wenig mit anderen Menschen zu tun. Alles folgt einer peniblen Ordnung. So mag er es am liebsten. Ich schwanke hin und her, ob ich diesen Minimalismus beneiden oder ihn doch eher bemitleiden soll.

In der Ich-Form erzählt Marten uns von seinem Leben. Vom zu frühen Tod seiner Mutter und die Auswirkungen auf seine Familie. Er blickt zurück auf die Schulzeit, wo er als Freak angesehen wurde und keine Freunde hatte. Das Besondere an ihm ist, dass ihm diese Isolation nichts ausmacht. Er hat zwar immer mal wieder Erschöpfungszustände, die ihn tagelang lähmen. Diese Depressionsphasen sind für ihn aber nie ein Grund, aufzugeben. Er hält sie durch und macht weiter. 

„»Das Leben muss weitergehen« war der eine Satz, den ich zu dieser Zeit oft hörte und dem ich immer weniger Glauben schenkte, der andere lautete: »Du schaffst das allen schon, Marten.«" (S. 68)

Ein wichtiger Faktor in Martens Leben ist die Musik. Auch wenn er im Trompetenunterricht oft gar nicht spielen will, beschäftigt er sich intensiv mit seinem Instrument. Gerade später als Friedhofstrompeter beobachtet er, wie gut Musik Emotionen tragen und vermitteln kann. Durch die ständige Konfrontation mit dem Tod macht Marten sich Gedanken, was das Leben ausmacht. Macht überhaupt etwas Sinn? Wer gestaltet sein Leben wirklich bewusst? Was bereut man auf dem Sterbebett? Es gibt viele Ansätze im Buch, die zum Philosophieren anregen.






In einer Welt voller Geschwätz und Lärm ist einer, der nur Ruhe sucht, sehr angenehm. Der Ton des Buchs würde ich als „bluesig" beschreiben. Jess Jochimsen verfällt trotz der wenig erbaulichen Themen nie in Gejammer oder Verzweiflung. Er zeigt durch die Sichtweise seines Protagonisten, dass der Tod zum Leben gehört und man mit ihm umgehen kann. Und dass man seine Existenz nicht nach der Meinung anderer ausrichten muss, sondern seinen eigenen Weg finden sollte.


Persönliches Fazit

Wer Außenseitergeschichten mag und auch mal über das Leben und den Tod philosophieren will, ist bei „Abschlussball" gut aufgehoben. Mich hat die Geschichte des Friedhofstrompeters sehr angesprochen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Abschlussball | Jess Jochimsen | dtv Verlag
2017, gebunden, 312 Seiten, ISBN: 9783423281164
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[marcus]






Rezension: Ein bisschen wie Unendlichkeit | Harriet Reuter

Freitag, 23. Juni 2017 4 Kommentare

»So ist es, wenn man jemanden liebt.
So ist es, wenn man um jemanden trauert.
Ein bisschen wie Unendlichkeit.«


Als die Ferien anfangen, möchte Gottie eigentlich nur unter dem Apfelbaum liegen, in die Sterne schauen und über das Universum nachdenken. Sie kennt jede Theorie zu Raum und Zeit und kann alles mit einer Formel erklären. 
Außer, warum ihr bester Freund Thomas, der vor einigen Jahren weg­gezogen war, plötzlich wieder auftaucht. Warum niemand ihre Verzweiflung über den Tod ihres Großvaters Grey versteht. Und warum sie in Flashbacks ganze Szenen ihres Lebens erneut durchlebt. Verliert sie den Verstand oder wird sie wirklich in die Vergangenheit versetzt? Und wie kann sie in der Gegenwart bleiben – bei Thomas, dessen Küsse ihr Universum verändern? [Text & Cover: © S. Fischer Verlag]

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Der erste Gedanke: „Dieses Buch geht ans Herz.“ Eine zauberhaft erzählte Geschichte eines jungen Mädchens, welches erwachsen wird, mit ihren Gefühlen kämpft und sich quer durch die Zeit bewegt. Ab der ersten Zeile war ich gefangen von der Geschichte, der bildhaften Erzählung, mittendrinn halt. Mittendrinn in der schmerzhaften Schönheit des Lebens. Mein zweiter Gedanke galt direkt der Autorin. Ich hoffe sehr, dass sie weiterhin ihren Gedanken und Geschichten freien Lauf lässt und sie zu Papier bringt. Ich hoffe auf Nachschub. Für mich ist dieses Debüt durchaus gelungen. Chapeau. 

Auf dem Cover durfte natürlich die Schleife der Unendlichkeit nicht fehlen und somit ist die Gestaltung des Schutzumschlags bezaubernd schön, überwiegend in blau und weiß gehalten. Das Buch selbst ist lila eingefasst und der Buchrücken mit silberner Schrift verziert. Auch hier noch einmal die Schleife der Unendlichkeit.
Mit jedem Kapitel entfernt sie sich mehr und mehr von dem Tag - vor einem Jahr - als ihr geliebter Großvater Grey starb.

Ich fange an, mir Pi bis in die hundertste Dezimalstelle vorzusagen. Doch mein Hirn spielt nicht mit, es verheddert sich irgendwie: Und ich frage mich: Was wäre passiert, wenn Thomas mich vor fünf Jahren geküsst hätte? Oder wenn er niemals weggegangen wäre? Seite 151

Die Figuren sind passend gewählt und, wie ich finde, kann sich jeder Leser sehr gut in Gottie und ihr Umfeld hineinversetzen. Gottie ist fasziniert von der Welt der physikalischen Gesetze und der Mathematik, se setzt alles in Gleichungen, ein kleines Genie. Als ihr bester Freund Thomas sie von einen Tag auf den anderen verlässt und wegzieht bricht für sie eine kleine Welt zusammen. Sie hat leider schon sehr früh, wenige kostbare Momente nach ihrer Geburt, ihre Mam verloren, vor fünf Jahren ihren besten Freund und Nachbarn Thomas und nun vor einem Jahr ihren geliebten Großvater. Im letzten Sommer hatte sie einen heimlichen Freund von dem bisher keiner weiß, auch er trennt sich von ihr. Für Gottie läuft es also echt nicht gut. In der Schule bekommt sie für den kommenden Sommer eine Hausaufgabe, welche sie fortan beschäftigt. Auch Thomas kehrt nach Jahren plötzlich zurück. Alles fängt an sich zu verkomplizieren. Gottie findet sich immer wieder in der Vergangenheit wieder und verpasst dadurch die Gegenwart. Sie stellt sich die Frage nach dem Warum dies passiert und ob es Wurmlöcher gibt durch die man hin und her reisen kann. Sie ist traurig und einsam, obwohl sie nicht allein ist. Gottie zweifelt an sich und ihrem Verstand. Sie stellt Gleichungen auf um das was um sie herum und mit ihr geschieht zu verstehen.



Dieses Buch ging mir sehr nah. Ich glaube, nein ich weiß, jeder von uns Lesern dieses Buches wird seine eigene Trauer um einen geliebten verlorenen Menschen aus einer anderen Sicht betrachten. Mit anderen Augen. Ich habe leider schon sehr vielen Menschen Adieu sagen müssen, bzw. sind viele nicht mehr hier auf dieser Welt. Doch weiß ich, dass die Begegnungen, die Ereignisse und Erinnerungen, Berührungen und Umarmungen für immer mein sind. Tief in meinem Herzen. Diese Erinnerung an wundervolle Zeiten, diese Liebe kann mir keiner nehmen.

Ein Vater, der mal an-, dann wieder anwesend ist und eine Mutter, die ich niemals kennen werde. So ist es, wenn man jemanden liebt. So ist es, wenn man um jemanden trauert. Es ist ein bisschen wie ein Schwarzes Loch. Ein bisschen wie Unendlichkeit. Seite 377

Persönliches Fazit 

Die Jugend, die Liebe, die verzwickten Gefühle und das ganze Universum. Kurz, mal wieder eine ganz andere Liebesgeschichte. Ein Muss ist dieses Buch, ein Muss für jede Lesemaus ab 14 Jahren. Aber Achtung, Suchtgefahr. 
Ein Debüt, welches mich überrascht und überzeugt hat. Für mich ist es schon jetzt ein kleiner Buchschatz und ich weiß, dass ich es noch weitere Mal in die Hand nehmen und lesen werde. Lasst euch einfach verzaubern, lest dieses Buch und schwelgt in Erinnerungen.

© Rezension: 2017, Susa


Ein bisschen wie Unendlichkeit | Harriet Reuter Hapgood | S. Fischer Verlag GmbH
ab ca. 14 Jahren
23. Februar 2017 | Jugendbuch | 384 Seiten | ISBN 13: 978-3-7373-4033-5
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[susa]

Die Welt des Kaffees || "Das Kaffeebuch" von Johanna Wechselberger und Tobias Hierl

Mittwoch, 21. Juni 2017 0 Kommentare

Die Pflichtlektüre für Kaffee-Enthusiasten










                                                                                                                     © Cover: braumüller Verlag


Bücher und Kaffee, das gehört für uns vom Bücherkaffee zusammen. Da komme ich natürlich um ein Buch, das sich mit unserem Lieblingsgetränk beschäftigt, nicht vorbei. Mal sehen, ob es wirklich „für Anfänger, Profis und Freaks" geeignet ist.

Nach einigen Erläuterungen zur Kaffeepflanze und ihren Sorten machen wir uns auf zu einer Reise um den Globus und besuchen die Kaffeeproduzenten. Von Süd- und Mittelamerika über Afrika und Asien bis in den pazifischen Raum werden alle beteiligten Länder und ihre Bedeutung für den Weltmarkt beschrieben. Ich probiere sehr gern neue Sorten aus, was vor allem bei kleineren Röstereien gut möglich ist. So wohlklingende Sorten wie „Sulawesi Kalossi Grade 1" gehören zu meinen Favoriten. Durch den kleinen Atlas im Buch kann ich solche Röstungen noch besser ihrer Herkunft zuordnen und ihren Wert besser einschätzen.






Es finden sich noch viele detaillierte Informationen über Themen wie die Kaffeeverarbeitung, den Handel, das Rösten, die richtige Lagerung, Kaffeemaschinen, das richtige Aufschäumen der Milch und vieles mehr. Neu war für mich beispielsweise, dass es Röstmaschinen für zu Hause gibt. Ich denke, das werde ich aber trotzdem weiterhin den Röstmeistern überlassen. Das Kapitel über Latte Art und Etching zur Verschönerung des Milchschaums ist auch eher etwas für Profis, da gehört sicher einiges an Übung dazu, um ein vorzeigbares Ergebnis zu erreichen. Es sieht auf den Bildern aber beeindruckend aus. 






Sehr gut gefällt mir die Rezeptsammlung. Dort werden Klassiker wie Cappuccino oder Milchkaffee aber auch aufwändigere Kreationen mit und ohne Alkohol aufgeführt. Ich fand „Elisabeth" mit weißer Schokosauce und Amaretto richtig lecker! Da werde ich noch das eine oder andere Rezept ausprobieren.

Johanna Wechselberger lässt viel von ihrem Expertenwissen als Master Baristi in dieses Buch einfließen. Zusammen mit Tobias Hierl hat sie ein Buch kreiert, das mich sowohl inhaltlich wie auch qualitativ mit vielen tollen Fotos überzeugt hat. Eine Empfehlung für jeden, der über den Kaffeebecherrand hinaussehen möchte.

© 2017, Marcus Kufner














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