Rezension: Das Leben des Vernon Subutex | Virginie Despentes

Donnerstag, 17. August 2017 3 Kommentare



Wer ist Vernon Subutex? Eine urbane Legende, der letzte Zeuge einer Welt von Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Gerade noch ein Plattenladenbesitzer mit Erfolg und besten Kontakten, steht er jetzt auf der Straße und quartiert sich mithilfe von Facebook und einer Notlüge bei alten Freunden und Weggefährten ein – und er beginnt eine Reise zu den Abgründen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Es entsteht ein Sittengemälde, das kein gesellschaftliches Thema unberührt lässt, die Islamismusdebatte ebenso wenig wie den Aufstieg der Rechten. [© Text und Cover: Verlag Kiepenheuer & Witsch]

[trennlinie]

Es ist sicher nicht einfach sich beruflich völlig neu auszurichten, wenn man schon auf die fünfzig zugeht. So geht es zumindest Vernon, für den sein Plattenladen seine Existenz bedeutete. Seine Versuche, anderweitig Fuß zu fassen, sind nur halbherzig, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihm das Geld ausgeht. Er hat nicht die Energie, sich gegen die Pleite und damit auch gegen den Rauswurf aus der Mietwohnung zu wehren.

„Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, erst war es wie in Zeitlupe, dann legte der Absturz an Tempo zu. Aber Vernon hat weder die Gleichgültigkeit noch die Eleganz aufgegeben." (S. 7)



Wenigstens hat er durch seinen Laden jede Menge Bekannte und Freunde, auf die er sich jetzt besinnt. Die meisten sind gerne bereit, ihm für ein paar Tage eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten. Es ist tatsächlich eine ziemlich große Zahl von Leuten, die wir auf diesem Weg kennen lernen. Mit ihnen erhalten wir quasi einen Querschnitt durch die französische Gesellschaft. Wir treffen rechte Schläger, ein Mädchen, das zum Islam konvertiert ist, ehemalige Pornodarstellerinnen, Obdachlose, einen stinkreichen Wertpapierhändler, Filmemacher und viele mehr. Das spannende daran ist, dass die Autorin uns mitnimmt in die Gedankenwelt dieser Protagonisten, und das auf schonungslose Weise. Da gibt es so einiges, was die Grenzen der Political Correctness deutlich hinter sich lässt. Sozusagen „dem Volk auf Maul geschaut". Das ist schon schmerzhaft, wenn es beispielsweise rassistisch wird, verdeutlicht aber ausgezeichnet, was tatsächlich in den Köpfen mancher Zeitgenossen vor sich geht. Dass Virginie Despentes die Charaktere dabei nicht überzeichnet, macht sie enorm authentisch.

„Sie sagen, integriert euch, und zu denen, die es versuchen, sagen sie, ihr seht doch, dass ihr nicht zu uns gehört." (S. 258)





Zu dem Roman könnte man eine wunderbare Playlist kreieren, denn die Personen werden meistens über ihren Musikgeschmack definiert. Ich hätte die Bandnamen mitschreiben sollen, die Atmosphäre wäre bestimmt noch intensiver, wenn die passende Musik nebenher läuft. Es ist außerdem spürbar, dass wir uns in Paris befinden. Eine solche Vielfalt verschiedener Menschen findet sich nicht an vielen Orten. Auch wenn das Buch die französische Gesellschaft im Blick hat, gibt es so einiges, was auch bei uns aktuell ist, wie das Erstarken der Rechten oder die Integration von Flüchtlingen. Es gibt aber auch viele Emotionen zwischen den Protagonisten, Leidenschaften und Enttäuschungen, Erfolg und Unglück, einfach alles, was das Leben ausmacht. Virginie Despentes erzählt das mit einer hohen sprachlichen Präzision, scharfsinnig, entlarvend und ohne Schnörkel. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Da ist es für mich eine gute Nachricht, dass Vernon Subutex' Geschichte mit einem zweiten Buch weiter gehen wird.

Persönliches Fazit

Virginie Despentes hält uns ungeschminkt den Spiegel vor, ohne dabei den Zeigefinger zu heben. Ihren erfrischend frechen und schonungslosen Schreibstil fand ich sehr ansprechend. „Das Leben des Vernon Subutex" ist eine scharfsinnige und sehr lesenswerte Reflexion der französischen Gesellschaft.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Das Leben des Vernon Subutex | Virginie Despentes | Verlag Kiepenheuer & Witsch
2017, gebunden, 400 Seiten, ISBN: 9783462048827
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Aus der Küche: Pure Life. Rezepte, Yoga, Meditation | Simone Wille

Montag, 14. August 2017 2 Kommentare

Ein Kochbuch für ein gelassenes Leben voller Genuss. 


Natürlich kochen, bewusst genießen, gelassen leben: Pure Life begleitet dich durch den Tag. Neben einer Fülle von vegetarischen Rezepten für jede Jahreszeit, sorgen sanfte Yogaübungen und kurze Meditationen dafür, dass du morgens aufgeweckt, nachmittags motiviert und abends entspannt bist. Nimm dir Zeit für dich!  [Text & Cover: © Hölker Verlag]

[trennlinie]

Ich koche wirklich sehr gerne und in den meisten Fällen bedeutet für mich das Werkeln in der Küche Entspannung pur. Hier kann ich abschalten, kann den stressigen Tag vergessen, während ich das Gemüse schneide - oder Frust abbauen, während ich den Teig knete. Während des Koch- bzw. Backprozesses reduziert sich alles auf genau eben diesen Prozess, alles andere rückt in den Hintergrund. 

Als ich dieses Kochbuch „pure life“ sah, war sofort klar, dass es ein Buch wie für mich gemacht ist. Für Simone Wille ist Kochen etwas Schönes, das ihr ein besonderes Wohlgefühl vermittelt. Ungestört in ihrer Küche experimentiert sie, genießt die Ruhe, verlässt sich auf ihre Kreativität und daraus entstehen frische, leichte Rezepte, die man sehr gut nachkochen kann, die man aber auch als Inspiration für eigene Kreationen hernehmen kann. Ihr Tipp: sich einfach entspannen beim Kochen, Mengenangaben und Rezepte nie allzu streng nehmen und sich auf seine Intuition verlassen. 

„Wir kochen, wir essen, wir fühlen - untrennbar verbunden.“ 

Kochen und Essen ist Genuss, Genuss lässt uns entspannen. Wenn man es zulässt und im oftmals prall gefüllten Terminkalender einfach ein wenig Platz freischaufelt, damit man mit Zeit und Ruhe Essen zubereiten kann, dann wird man merken, dass dies eine Wohltat ist, dass man dafür gerne etwas anderes opfert. 

Ergänzen kann man dies ganz wunderbar mit den Basic Yogaübungen von Catherine Moll, die man zu Hause oder im Freien machen kann. (Oder wenn es die Räumlichkeiten zulassen, auch mal kurz während der Arbeit). In diesem Buch findet man die Yogaübungen ausführlich erklärt und bebildert, wie zum Beispiel den Sonnengruß, um den Tag dynamisch und kraftvoll zu beginnen. Wer einen klaren Kopf braucht, der übt die Yogasequenz „Asanas“ oder findet sein inneres Gleichgewicht mit dem „Drehsitz“. Mit ein wenig Übung lassen sich diese Sequenzen alle gut erlernen und helfen, gelassener durch den Tag zu gehen. 
Zudem gibt es noch zahlreiche Tipps und Anleitungen wie zum Beispiel für die richtige Bauchatmung, für Meeresatmung, für eine befreiende Entspannungsmeditation oder entschleunigende Herzmeditation. Die Texte sind übersichtlich und leicht verständlich und laden zum Mitmachen ein. 

Unterteilt ist das ganze Buch in die vier Rubriken „auf-wachen“, „da-sein“, „weiter-machen“ und „los-lassen“. So begleitet einen das Buch durch den ganzen Tag, liefert tolle Ideen für Frühstück, Mittagessen, Leckereien zwischendurch und Abendessen.  Die Rezepte sind übersichtlich auf hellem Untergrund dargestellt, ohne viel ablenkenden Schnickschnack auf das Wesentliche konzentriert und die ansprechenden Fotografien wecken die Lust zum Kochen. Meist werden alternative Möglichkeiten wie z. B. verschiedene Kräutervariationen, Milchprodukte, Süssungsmittel etc. mit aufgelistet, sodass man nach eigenem Geschmack und Bedürfnis (Allergien, Unverträglichkeiten) die Rezepte gut anpassen bzw. umwandeln kann.  Besonders gefällt mir bei den Rezepten, dass zuerst das Basisrezept vorgestellt wird und man dann auf der nächsten Seite Jahreszeiten-Variationen dazu findet. 

Ich habe mich zum Beispiel an der Nussmilch versucht. Ich trinke keine Kuhmilch und kaufe mir immer Alternativen wie Mandelmilch, Kokosmilch etc. Nun wollte ich es selbst einmal versuchen, denn Nussmilch lässt sich hervorragend selbst herstellen. Zuerst habe ich die Basis-Variante gemacht und dann auch gleich eine Variation getestet, in der ich die Nussmilch mit Mandeln, Kokoswasser und Erdbeeren herstellte. Sehr köstlich und erfrischend!  Im Herbst werde ich dann die Haselnuss-Kakao-Kokosblütenzucker-Variante testen und bin schon sehr gespannt auf den Geschmack. 



Im hinteren Teil des Buches befindet sich noch ein Kapitel mit Grundrezepten wie z. B. Pesto, Hummus, Nussmus, Chia-Marmelade etc., diese kann man dann immer in den verschiedenen Rezepten mit anwenden. Solch eine Basis finde ich immer sehr hilfreich.  Auch ein vollständiges Rezeptregister ist hier zu finden. 

Ein schönes Gadget ist dem Buch auch beigefügt: Auf der Rückseite befindet sich ein Umschlag, gefüllt mit zehn wunderschönen Karten mit Wohlfühlgedanken, die man perfekt in der Wohnung verteilen kann, wo sie einem immer wieder ins Auge fallen. 



Persönliches Fazit

„Pure Life“ gehört zu den Büchern, die ich definitiv nicht mehr in meiner Küche missen möchte. Abwechslungsreiche, saisonale und leicht bekömmliche Küche, gespickt mit vielen Yoga-Übungen und tollen Tipps zum Entspannen und Entschleunigen. Das passt so herrlich zusammen, denn das Kochen ist in gewissem Sinne auch eine Art von Meditation, wenn man sich darauf einlässt. Ein sehr empfehlenswertes Buch, dass ein ganzheitliches Lebensgefühl vermittelt. 

© Rezension: 2017, Alexandra Stiller


pure life. Rezepte, Yoga, Meditation | Simone Wille | Völker Verlag
Rezepte und Lebensstil: Simone Wille
Yoga: Catherine Moll
Fotografien: Alexandra Kasper
2016, HC, 240 Seiten, ISBN 978-3-88117-994-2
Buch bestellen bei amazon.de [Affiliate Link]

[alexandra]

Rezension: Sieben Nächte | Simon Strauss

Donnerstag, 10. August 2017 4 Kommentare




Es ist Nacht, ein junger Mann sitzt am Tisch und schreibt. Er hat Angst. Davor, sich entscheiden zu müssen. Für eine Frau, einen Freundeskreis, einen Urlaubsort im Jahr. Er hat Angst, dass ihm das Gefühl abhandenkommt. Dass er erwachsen wird. Doch ein Bekannter hat ihm ein Angebot gemacht: Sieben Mal um sieben Uhr soll er einer der sieben Todsünden begegnen. Er muss gierig, hochmütig und wollüstig sein, sich von einem Hochhaus stürzen, den Glauben und jedes Maß verlieren. Sieben Nächte ist ein Streifzug durch die Stadt, eine Reifeprüfung, die vor zu viel Reife schützen soll, ein letztes Aufbäumen im Windschatten der Jugend. [© Text und Cover: Blumenbar Verlag]

[trennlinie]

So wie dem namenlosen Protagonisten des Buchs geht es vielen: er spürt, dass er in ein Leben driftet, das fremdgesteuert, vorberechnet und geradezu bedeutungslos sein wird. Er hat Angst davor, so zu werden, wie alle anderen: unauffällig, immer den bequemsten Wege gehend, im Alltagstrott festgefahren. Er ist noch nicht bereit für Haus, Familie und Festanstellung. Dabei spart er aber nicht an Selbstkritik, verschiebt er den Zeitpunkt, mutig zu sein, doch immer wieder auf später. Aber er merkt, dass es immer unwahrscheinlicher wird, dass dieser Tag noch kommen wird. 

„Mein Inneres ist bedroht durch den farblosen Rahmen, der auf mich wartet. Er hängt schon rechts oben an der weißen Wand. Bereit, mich einzupassen, mein Leben still zu halten." (S. 13)



Er ist eine Stimme einer Generation, die es scheinbar nicht gelernt hat, für etwas zu kämpfen. Kein Krieg, kein Wiederaufbau und keine Revolution gibt den Weg vor. Er kann viel und er hat viel, aber wofür setzt er das ein? Dass jemand, der von Geburt an satt und verwöhnt ist, über so viel jammern kann, scheint absurd. Die psychologischen und philosophischen Ansätze, die Simon Strauss anführt, sind allerdings sehr treffend beobachtet. In den sieben Kapiteln nutzt er jeweils eine Todsünde als Schablone, die er ebenso spitzzüngig wie spitzfindig an das Leben eines Dreißigjährigen anlegt. Besonders amüsant fand ich seine Aufzählungen, die das gut wiedergeben.


„Ich habe Angst vor Eheverträgen und stickiger Konferenzluft. Angst vor Gleittagen und dem ersten vorgetäuschten Lächeln. Angst vor dem Ende des freien Lebens, vor Festanstellung, Rentenversicherung, Spa-Wochenenden im Mai. Angst vor dem Lebenslauf, vielleicht." (S. 15)

Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Buchcover so gut zum Inhalt passt wie hier. Dieser leicht irre Blick, der aber voller Energie steckt. So stelle ich mir den Helden vor, und so empfinde ich auch den Inhalt. Enthusiastisch und gehaltvoll, manchmal etwas verrückt. Simon Strauss formuliert das mit präzise gesetzten Worten und Sätzen. Seine starke Ausdrucksweise macht die Gedankengänge des Protagonisten sehr greifbar.



Persönliches Fazit

„Sieben Nächte" ist ein Aufruf zu mehr Mut, um eigene Wege zu gehen. Ein Buch das dazu einlädt, die Gedanken zu reflektieren und mitzuphilosophieren. Nicht zuletzt die sprachliche Präzision konnte mich dabei überzeugen. 

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Sieben Nächte | Simon Strauss | Blumenbar Verlag
2017, gebunden, 144 Seiten, ISBN: 9783351050412
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]