Rezension: Ready Player One | Ernest Cline

Mittwoch, 26. Juli 2017 0 Kommentare

DER Science-Fiction-Roman zur Virtual-Reality-Revolution und Vorlage für den großen Kinoblockbuster von Steven Spielberg.


Im Jahr 2044 ist die Welt ein hässlicher Ort: Die Erdölvorräte sind aufgebraucht, ein Großteil der Bevölkerung lebt in Armut. Einziger Lichtblick ist die OASIS, eine virtuelle Ersatzwelt, in der man leben, arbeiten, zur Schule gehen und spielen kann. Die OASIS ist ein ganzes Universum, es gibt Tausende von Welten, von denen jede ebenso einzigartig wie phantasievoll ist. Und sie hat ein Geheimnis.
Der exzentrische Schöpfer der OASIS hat tief im virtuellen Code einen Schatz vergraben, und wer ihn findet, wird seinen gesamten Besitz erben - zweihundertvierzig Milliarden Dollar. Eine Reihe von Rätseln weist den Weg, doch der Haken ist: Niemand weiß, wo die Fährte beginnt. Bis Wade Watts, ein ganz normaler Junge, der am Stadtrand von Oklahoma City in einem Wohnwagen lebt, den ersten wirklich brauchbaren Hinweis findet. Die Jagd ist eröffnet ...  [Text & Cover: © Fischer TOR Verlag]

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Gleich vorweg: Wer nicht in den 1980er-Jahren seine Jugend oder zumindest seine Kindheit verbracht hat, wird sich mit "Ready Player One" langweilen und den Roman wohl als unterhaltsam aber belanglos einstufen. Denn "Ready Player One" ist in erster Linie eines: eine Hommage an die Populärkultur der genannten Dekade.

Wie um alle Leser, die sich ob des Klappentextes hochtechnisierte Science-Fiction oder eine gesellschaftskritische Dystopie erwarten, vorzuwarnen, sind die ersten Kapitel prall gefüllt mit Namen von Filmen, Konsolenspielen und Artefakten aus der (verklärten) Erinnerung. Star Wars ist ebenso prominent vertreten wie "Dungeons & Dragons", "Pac Man", die "Goonies" und der gute alte VHS-Recorder. Die zentralen Figuren fachsimpeln äußerst emotional über die "Highlander"-Filme, die Ewoks und längst vergessene Pen & Paper-Rollenspiele. 

Eine Hommage an die Populärkultur der 1980er-Jahre.

Wie aber motiviert man die Bevölkerung einer in Trümmern liegenden Welt des Jahres 2044 - die gewiß von drängenderen Problemen geplagt wird - dazu, sich bis hin zur Selbstaufgabe mit einem vergangenen Jahrzehnt zu beschäftigen? Dazu bedient sich der Autor, 1972 geboren und somit selbst ein Kind dieser Zeit, einer interessanten Wendung. Die Online-Welt OASIS stellt für jene, die sich in ihr bewegen, einen vollständigen Ersatz der realen dar. Wie in "Second Life" (zur Entstehungszeit des Romans 2011 noch populärer als heute) kreiert der Benutzer seine Spielfigur, den Avatar, und kann sich zwischen Planeten, Städten, Landschaften frei bewegen, kann dort die Schule besuchen, Geschäfte abschließen, sich verlieben oder mit anderen Spielern gegen Monster kämpfen. Der Name OASIS gewinnt somit eine zweite Bedeutung: Wo die reale Welt durch ökologische und ökonomische Katastrophen in Trümmern liegt, flüchten die Menschen sich in eine Oase. Deren Schöpfer, der verstorbene James Halliday, hat nun in seinem Testament verfügt, daß jener Spieler, der eine Serie von Aufgaben löst und einen versteckten Schatz (ein sogenanntes Easter Egg) findet, sein gesamtes, unvorstellbar großes Vermögen erben wird. Der betreffende Betrag würde es dem Gewinner erlauben, auch in der realen Welt fundamentale gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen, weshalb sich nicht nur zahlreiche Einzelpersonen, sondern auch eine nach Allmacht strebende Firma namens Innovative Online Industries auf die Suche begeben. Da nun Halliday besessen von den 1980er-Jahren war, gehört umfangreiches Wissen darüber ebenso zur Grundausstattung der suchenden Jäger wie hochgerüstete Spielfiguren. 

In einer Dramaturgie, die bestimmt nicht zufällig an alte Geschichten erinnert, treten somit unerschrockene Helden gegen einen mit schier unerschöpflichen Ressourcen ausgestatteten Konzern an, der auch vor Mord in der realen Welt nicht zurückschreckt. Auf dem Spiel steht zwar nicht die Weltherrschaft, aber etwas, das ihr sehr nahe kommt. Auch in der Figurenzeichnung orientiert sich der Autor an den betreffenden Jahren. Hauptfigur Wade (dessen Spielfigur übrigens den Namen Parzival trägt) und seine Freunde weisen in etwa so viel Tiefgang und charakterliche Entwicklung wie ihre digitalen Abbilder auf. Doch ebenso wie in den Geschichten, die zuhauf referenziert werden wie Ghostbusters, War Games oder Indiana Jones liegt das erzählerische Hauptaugenmerk deutlich erkennbar nicht auf komplexen, ineinander verwobenen Handlungssträngen, sondern auf klaren Strukturen, die keine Aufmerksamkeit von der knallbunten Achterbahnfahrt durch die Erinnerung ablenken. Ernest Cline will in erster Linie unterhalten und führt seine Leser dazu in ein typisches Kinderzimmer mit Postern, Taschenbüchern, Comics und einem Home-Computer. Zuweilen leidet darunter auch die innere Logik. Die Hauptfigur Wade verfügt beispielsweise über ein enzyklopädisches Wissen und meisterhafte Fertigkeiten in nahezu allen Automatenspielen, die sich anzueignen in seinem jugendlichen Alter von 18 Jahren nur schwer vorstellbar sind. Auch die Kosten, die durch die aufwendige Suche nach dem gralsartigen Osterei für die abgrundtief böse Organisation IOI anfallen, dürften wohl durch den zu erwartenden Gewinn nur schwer zu decken sein. (Zum Leidwesen des Rezensenten wird außerdem eine persönliche Lieblingsfigur aus dieser Zeit, MacGyver, kein einziges Mal erwähnt). 

Letztendlich sind es aber die zahlreichen kleinen Anspielungen im Roman, die nicht gesondert erklärt werden, die dem Leser jedes Mal ein kleines Glücksgefühl bescheren, wenn er sie erkennt und die über genannte Ungereimtheiten hinwegsehen lassen. Wade fürchtet etwa, den Kobayashi Maru-Test absolvieren zu müssen. Als Computerinterface für seinen vollautomatisierten Haushalt stünde die Stimme von Majel Barrett zur Verfügung. Zur Wahl in den OASIS-Nutzerrat stellen sich Spieler mit den Namen Wil Wheaton und Cory Doctorow. Aech, Wades bester Freund imitiert die Grammatik von Jar Jar Binks oder artikuliert seine Bewunderung, indem er ihm "Eier aus purem Adamantium" zuerkennt. Die Passage, in der Wade die Hierarchie von IOI mit dem Decknamen Harry Tuttle unterwandert, liest sich wie eine modernisierte Version von "Das Geheimnis meines Erfolges". Letztendlich ist Rache ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. 

Persönliches Fazit

Ready Player One ist eine Freifahrt im DeLorean zurück an den Sehnsuchtsort der Kindheit, zu "Trio mit vier Fäusten" und Pacman, "Knight Rider" und sogar Falco.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Ready Player One | Ernest Cline | Fischer TOR
Aus dem Amerikanischen von Sara & Hannes Riffel
2017, Taschenbuch, 544 Seiten, ISBN: 978-3596296590
Buch bestellen bei Amazon.de [Affiliate Link]
[wolfgang]

Rezension: Sommer in Villefranche | Birgit Hasselbusch

Dienstag, 25. Juli 2017 0 Kommentare

Eine erfrischender Ausflug an die Côte d'Azur.

Plötzlich Französin! Insa Nicolaisen (40) befindet sich gerade in einer Phase im Leben, in der man sich für a) durchhalten oder b) die Flucht nach vorn entscheiden kann. Insa entscheidet sich für Variante b), nimmt die Flucht wörtlich und wandert aus. Und zwar genau dorthin, wo sie die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hat: Südfrankreich. Was malerisch klingt, ist es auch – bis einige unvorhergesehene Dinge geschehen... [Text + Cover: dtv Velag]
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Eine herrliche lange Reise, jawohl – ich komme gerade von einer Reise zurück. Ich war in Frankreich, bin leicht gebräunt und wundervoll entspannt. 
Nein, aber im Ernst - dieser Roman las sich so wunderbar fließend und die bildhaften Beschreibungen der handelnden Orte waren so greifbar nah - wie eine wirkliche Reise. Ich las dieses Buch unter anderem einmal im Wartezimmer meines Arztes und schlug es direkt dort auf um weiterzuschwelgen. Eine ältere Dame meinte: „Das muss ja spannend sein, dass sie sofort und so schnell weiterlesen.“ Meine Antwort: „Ich bin gerade in Frankreich.“ Wir grinsten uns an. 

Bereits nach nur wenigen Zeilen hat mich die Geschichte um Insa und ihre Lieben gepackt. Auch wenn ich der französischen Sprache nicht mächtig bin und mir ehrlicherweise das eine oder andere Wort übersetzt habe, bzw. die Aussprache, fand ich mich gut in die Geschichte.
Insa erzählt und führt uns durch diesen Roman. Sie blickt hinter die Kulissen der Franzosen, in ihre Denkweisen und Charaktere. Sie blickt auf eine Zeit voller Glück vor sechzehn Jahren zurück und grübelt, was wär wenn gewesen. Sie war schwer verliebt und hat sich dennoch gegen diese Liebe und für eine andere entschieden. Ob Fehler oder nicht, verrate ich an dieser Stelle nicht. Nur so viel, wer an der Liebe zweifelt und nach seinem persönlichen Sinn und Sein sucht, dem wird dieses Buch vielleicht sogar die Augen öffnen. Erschreckender- oder erstaunlicherweise finde ich mich in diesem Buch wieder. Ich hab schwer gegrübelt und glaube, dass jeder Mensch sein Happy End – seinen Weg finden kann. Dies glaubte ich bisher natürlich auch schon, dieses Buch unterstreicht dieses aber auf eine wunderbare Weise.

Nach einer Kurve kamen wir an einem kleinen Hafen vorbei. Kurz darauf hatte man einen sensationellen Blick auf das blaueste Blau der Côte d` Azur. Auf Jetskifahrer, auf Kreuzfahrtschiffe, auf kleine Buchten. „Ich hatte vergessen, wie blau das Wasser hier ist“, murmelte ich. [Seite 28]

Insa lässt ihr Liebesleben also zurück in Hamburg und bricht auf in ein Abenteuer, nach Frankreich. Sie begibt sich an den Ort, den sie vor sechzehn Jahren Hals über Kopf verlassen hatte. In Villefranche und dem Haus, welches sie verwalten soll, angekommen trifft sie auf die Hausherrin, die eigentlich nicht mehr vor Ort sein sollte. Nach einigen Reibereien und Wortgefechten kommen sich die Frauen näher und schmieden Pläne. 

Insa glaubt, dass ihre Schwester ein wunderbares Leben mit ihrem Mann Markus und ihrer Tochter Mia führt. Doch nicht alles was nach außen hin harmonisch wirkt, ist auch so.  Jana nimmt sich eine Auszeit und folgt Insa nach Frankreich. Nach und nach kommen sich die Schwestern näher. Auch entstehen wundervolle Freundschaften und beruflich tut sich einiges.
Und dann ist da ja auch noch die große Liebe von vor sechzehn Jahren. Insa und Matthieu, Matthieu und Insa. Fast nach jedem Kapitel ist ein Facebook-Eintrag abgedruckt. Matthieu denkt also genauso stark an Insa, wie sie an ihn. Jedoch sieht sie diese Einträge nicht, die einiges vereinfacht hätten.

Matthieu Dupont
2. August 2006 | Nizza | Frankreich
Ich bin ja der Typ, der nicht mal mehr weiß, was er gestern zum Abendbrot hatte. Aber an einen Tag hier erinnere ich mich ganz genau. An das schöne, an das Hässliche. Ich hätte dich einfach festhalten sollen.
Aber du warst schon immer schneller, lapine!
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Die handelnden Orte, Figuren und Geschehnisse sind so wirklich – als wäre man mittendrinn. So muss ein Buch geschrieben sein. Egal ob man das Buch auf dem Sofa, im Garten, in einem Wartezimmer oder sogar am Strand liest - so oder so ist man voll dabei, in Frankreich an der Côte d` Azur.

Mein persönliches Fazit

Zeitweise lustig und spannend verfolgte ich die Geschehnisse. Dieses Buch macht wirklich Spaß. Es ist spannend, erfrischend, sehr herzlich und humorvoll. Ich hatte sogar Gänsehaut. Ihr müsst es einfach lesen. Hatten wir nicht alle schon einmal eine große Liebe und grübeln, was wäre wenn. Was wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte …

© Rezension: 2017, Susa


Sommer in Villefranche  |  Birgit Hasselbusch  |  dtv Verlagsgesellschaft
10. März 2017 / Roman / 288 Seiten / ISBN 13: 978-3423261227
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[susa]

Rezension: The Hate U Give | Angie Thomas

Montag, 24. Juli 2017 4 Kommentare

Eine starke Stimme gegen Rassismus




Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen... [© Text und Cover: cbt Verlag]

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Eigentlich ist Starr vollauf mit den Dingen beschäftigt, die die meisten von uns als Teenager beschäftigt haben: sie plagt sich mehr oder weniger mit ihren Eltern und Geschwistern rum, versucht, es ihren Freundinnen recht zu machen und überlegt, wie weit sie mit ihrem Freund Chris gehen kann. Sie wohnt im „Ghetto", wie sie ihr Viertel selber nennt, in dem Drogenhandel und Bandenkriminalität an der Tagesordnung sind. Ihre Eltern können es sich leisten, dass Starr auf eine Schule außerhalb geht. Die meisten ihrer Mitschüler sind weiß und ziemlich reich. Dieser Kontrast zur ihrem Zuhause nötigt sie dazu, eine Art Doppelleben zu führen. So wie in Garden Heights kann und will sie sich in der elitären Schule nicht verhalten.

„Ich hoffe, dass mich keiner nach meinen Ferien fragt. Die anderen waren in Taipeh, auf den Bahamas, in der Harry Potter World. Ich bin in meinem Viertel geblieben und habe mitangesehen, wie ein Cop meinen Freund erschoss." (S. 92)





Der Moment, als Starr und Khalil von einem Polizisten kontrolliert werden, ändert für sie alles. Sie ist dabei, als Khalil erschossen wird und auf der Straße stirbt. Wenn ein weißer Cop einen schwarzen Junger erschießt, sorgt das für Proteste bei der schwarzen Bevölkerung. Für die Medien ist Khalil allerdings schnell verurteilt, schließlich war ein Drogendealer. Starr ist mit ihm seit ihrer Kindheit befreundet, für sie ist er damit viel mehr als das. Als einzige Zeugin stellt sie sich die Frage, ob sie die Stimme für Khalil erheben soll. Kann sie bewirken, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt und sein sinnloser Tod gesühnt wird? Soll sie sich ins Rampenlicht der Medien begeben auch auf die Gefahr hin, dass ihr Hass und Häme entgegenschlagen könnten? Für so stark hält Starr sich selber nicht, aber sie findet sich in einer Rolle wieder, die sie sich nicht aussuchen konnte.

„Wozu hat man eigentlich eine Stimme, wenn man in den entscheidenden Momenten schweigt?" (S. 288)



Angie Thomas bringt uns mit ihrem Teenager-Drama ganz nah ran an das, was es bedeutet, mit Rassismus und Vorurteilen konfrontiert zu werden. Sie erschafft dabei einige emotionale Momente, ohne explizit auf die Tränendrüse zu drücken. Trotz der Dramatik gibt es aber auch einige Stellen, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. Die junge Sprache, die kurz und prägnant gefasst ist, vermittelt Starrs Gedanken und Gefühle unsentimental und authentisch. All das macht „The Hate U Give" zu einem äußerst empfehlenswerten Buch, nicht nur für Jugendliche.

Persönliches Fazit

Angie Thomas' Debütroman hat mich mit seiner Intensität restlos überzeugt. An der Seite ihrer Protagonistin erleben wir hautnah, was Rassismus bedeutet. Die jugendliche Sprache macht „The Hate U Give" sehr authentisch. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle ab 14 Jahren.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


The Hate U Give | Angie Thomas | cbt Verlag
2017, gebunden, 512 Seiten, ISBN: 9783570164822
Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner
Ab 14 Jahren
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[marcus]