Rezension: Ragdoll - Dein letzter Tag (Ein New-Scotland-Yard-Thriller 1) | Daniel Cole

Mittwoch, 24. Mai 2017 0 Kommentare

Wolf im Regen



Der umstrittene Detective William Oliver Layton-Fawkes, genannt Wolf, ist nach seiner Suspendierung wieder in den Dienst bei der Londoner Polizei zurückgekehrt. Wolf ist einer der besten Mordermittler weit und breit. Er dachte eigentlich, er hätte schon alles gesehen. Bis er zu einem grausigen Fund gerufen wird. Sechs Körperteile von sechs Opfern sind zusammengenäht zu einer Art Lumpenpuppe, einer »Ragdoll«. Gleichzeitig erhält Wolfs Exfrau eine Liste, auf der sechs weitere Morde mit genauem Todeszeitpunkt angekündigt werden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, doch der Ragdoll-Mörder ist der Polizei immer einen Schritt voraus. Und der letzte Name auf der Liste lautet: Detective William Oliver Layton-Fawkes ... [Text & Cover: © Ullstein Buchverlage]  

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ACHTUNG: Diese Rezension enthält wesentliche SPOILER.


William-Oliver Layton-Fawkes ... was für ein sperriger Name für eine Hauptfigur. Praktisch, daß er mit seinen Initialen abgekürzt werden kann. Praktisch, daß der Autor den Leser damit gleich zu einem Tier führt, dessen Attribute implizit der Hauptfigur zugeschrieben werden. Nachdem er öffentlichkeitswirksam einen brualen Serienmörder beinahe zu Tode geprügelt hat, lebt Wolf, wie er genannt wird, nach seiner Wiederaufnahme in den Dienst der Londoner Polizei in einer "klaustrophobisch engen Schuhschachtel" (S. 21). Sein Äußeres ist verwahrlost, sein Umgangston ruppig, und an Regeln hält er sich nur, wenn sie seinen Methoden nicht zuwiderlaufen. "Gibt es eigentlich eine Vorschrift, gegen die dieser Mensch nicht verstoßen hat?" (S. 371), fragt da seine Vorgesetzte zurecht. Dennoch ist der vom Leben gezeichnete Veteran der einzige, der den titelgebenden Ragdoll-Fall lösen kann ... eine Rolle, die im Kino üblicherweise von Bruce Willis verkörpert wird.

Auf der Leinwand konzentriert sich für gewöhnlich auch die gesamte Aufmerksamkeit auf den Helden des Films, während die Welt um ihn herum verblasst. Nicht so im vorliegenden Roman:

"Wenn aufsehenerregende Fälle das Leben der Beteiligten zum Stillstand brachten, vergaß man leicht, dass der Rest der Welt ganz normal weitermachte." (S. 47)

Wiewohl der Fall um eine aus den Teilen von sechs Leichen zusammengenähte menschliche Puppe ungewöhnlich bizarr ist, stehen der Polizei für seine Aufklärung nicht unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung. Etliche andere Delikte müssen untersucht, Verwaltungsstrafen bearbeitet werden. Wolfs Kollegen sind chronisch überarbeitet, reagieren gereizt und sind weit von ehrfürchtiger Heldenverehrung entfernt. Sie kämpfen mit gewöhnlichen Widrigkeiten wie Verkehrsstaus, Bröseln auf der Tastatur und Fertigerichten, deren Verfallsdatum überschritten ist. Alle Figuren, Orte, Situationen wirken verbraucht, angeschlagen, wie von einer Patina aus Alltagsfrust überzogen. Bei Daniel Cole gibt es keine Helden, die Polizeiarbeit ist kein ins Glorreiche verklärtes Detektivspiel, und bei weitem nicht unter jeder rauhen Schale steckt auch ein weicher Kern. Strömender Dauerregen unterstreicht außerdem in den nicht seltenen Momenten der Niederlage die auf die Figuren einprasselnde Bedrückung.

Auch unter den Figuren gibt es keine deklarierten Sympathieträger, keine von ihnen agiert durchgehend moralisch integer, jede von ihnen ist zuweilen des Lesers Liebling, in anderen Momenten hingegen abstoßend. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man jeden aus dem bekannten Personenkreis als Täter in Betracht gezogen hat. Wovon viele Autoren berichten, dürfte aber auch diesem widerfahren sein, nämlich daß Figuren sich gegen die Pläne ihrer Schöpfer zur Wehr setzen. Ganz offensichtlich sollte der vom Betrugsdezernat in Wolfs Team versetzte junge Detective Edmundsen vom ehrgeizigen Amateur-Profiler zum nervenstrapazierenden Musterschüler entwickelt werden. Das Vorhaben mißlingt, vermutlich, weil Edmundsen am besonnensten, am wenigsten cholerisch auf seine Kollegen reagiert.

Die im Klappentext beschriebene Ausgangssituation weckt eine initiale Neugier, die zum Buch greifen, sich in den Seiten verlieren läßt. Die größte Gefahr droht der Aufmerksamkeit des Lesers in jenem Moment, da der erste Sensationsdurst gestillt ist. Viele Autoren des Genres lassen an diesem Punkt ihren Serienmörder erneut zuschlagen. In "Ragdoll" kündigt er seine Taten anhand einer Liste an und erzeugt damit hohen Druck. Der nächste Mord ist nur eine Frage der Zeit. Zudem nimmt der Leser immer wieder an den Besprechungen der Ermittler teil, wird immer wieder mit der Aufstellung der tatsächlichen und potentiellen Opfer konfrontiert. Somit wird man bei der Lektüre förmlich zum Schlußfolgern und Mitraten gezwungen, möchte den Beamten Hinweise geben oder sie zur Vernunft auffordern, wenn sie sich wieder einmal gegenseitig anbrüllen anstatt ihre Kräfte zu bündeln.

Welch ein erhebendes Gefühl kann dem Leser zuteil werden, wenn seine Vermutung über den Täter sich schlußendlich als richtig herausstellt. Welche Bewunderung kann ihm ein geschickter Autor aber auch abringen, wenn die Hinweise so dezent plaziert werden und die Verwirrung so raffiniert gestiftet ist, daß der Leser rückblickend feststellt, wie präzise die einzelnen Puzzleteile ineinandergreifen. In diesem Fall verzeiht man sich auf der letzten Seite großzügig auch eine falschen Vermutung. In "Ragdoll" nimmt das Geflecht aus Personen und Motiven rund um den ursprünglichen Fall eines pyromanischen Mädchenmörders sukzessive konkretere Formen an, daß der Leser mit jedem neuen Indiz seinen aktuellen Verdacht neu bewertet. Dieses Geflecht dürfte für den Autor jedoch die Ausmaße eines gordischen Knotens angenommen haben, der nur mit einer Auflösung durchschlagen werden kann, die wie ein unerwarteter Themenwechsel wirkt: Der wahre Täter entpuppt sich nicht als ein Mitglied des bekannten Personenkreises und wird relativ spät eingeführt. Dazu verstärkt ein Abstecher ins Metaphysische den schalen Geschmack eines Stilbruchs.

Immerhin mündet die Jagd schließlich in einem filmreichen Showdown, der mit Symbolen überfrachtet aber gerade deshalb überaus passend ist.

Persönliches Fazit

"Ragdoll" ist ein hochspannender Debütroman, dessen Auflösung zwar nicht vollends befriedigt, der den Leser jedoch mit seiner bedrückenden Stimmung und einem verzwickten Fall zum Mitraten zwingt.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Ragdoll | Daniel Cole | Ullstein Buchverlage
Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch.
2017, Klappbroschur, 480 Seiten, ISBN-13 9783548289199
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[wolfgang]  

Rezension: Ist Fat Bob schon tot? | Stephen Dobyns

Freitag, 19. Mai 2017 2 Kommentare

Ein Kriminalroman mit besonderem Humor


In der idyllischen Kleinstadt New London, Connecticut, wird Connor Raposo zufällig Zeuge eines grässlichen Unfalls zwischen einem Laster und einem Motorrad, bei dem der Biker eindeutig den Kürzeren zieht. Und ohne recht zu wissen, warum, gerät Connor im Lauf der nun folgenden Ereignisse von einer Kalamität in die nächste. Morde geschehen, rätselhafte Frauen und rabiate Ganoven kreuzen seinen Weg – und er muss zusehen, wie er aus der ganzen Sache wieder heil herauskommt. [© Text und Cover: C.Bertelsmann Verlag]

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Stephen Dobyns Geschichte beginnt nicht gerade zimperlich. Im Gegenteil: die Schilderung des Unfalls ist ziemlich drastisch. Der arme Motorradfahrer verteilt sich großflächig auf der Straße, und ich bin froh, da nicht dabei zu sein. Mit diesem intensiven Anfang zieht das Buch jedenfalls gleich meine volle Aufmerksamkeit auf sich. 

Nachdem die Detectives Vikström und Streeter die Ermittlungen aufnehmen, wird schnell klar, dass das, was nach einem tragischen Unfall aussieht, keineswegs Zufall ist. Es beginnt eine klassische Krimigeschichte, in der wir wie die Polizisten über die wahren Hintergründe rätseln. Es sind recht viele Figuren in die Handlung verstrickt, die ständig in Bewegung sind. Das macht das Spiel interessant und wenig durchschaubar.



Es gibt zwei Dinge, die den Kriminalfall zu einem ungewöhnlichen machen. Zum einen sind das die Protagonisten. Wenn die Interessen von Möchtegern-Gangsterbossen, Kleinganoven, Obdachlosen, Fahndern und ihren Ehefrauen aufeinanderprallen, löst das jede Menge Konflikte mit Gewaltpotenzial aus. Für jeden einzelnen ist sein Ansinnen das absolut Naheliegende. Der Autor lässt sich die nötige Zeit, um die Beteiligten ausgezeichnet zu charakterisieren. Die Denkweisen und Schlussfolgerungen sind dabei sehr amüsant.

Das zweite Besondere ist Stephen Dobyns Schreibstil. Er verwendet immer wieder ungewöhnliche Sprachwendungen, die eine ordentliche Portion Humor mitbringen. Seine Gedankenspiele und Abschweifungen sind so ausgefallen wie clever. Gleichzeitig übertreibt er es damit aber nicht, er bringt damit durchaus auch die Handlung voran.










„Sie saßen im Vernehmungsraum: ein grauer Tisch, graue Plastikstühle, graue Wände und ein Glasfenster. Auf einer Skala von eins bis zehn würde man den Charme-Pegel dieses Zimmers unter null verorten. Das einzige Bild an der Wand war ein NO SMOKING-Schild. Es stammte nicht von Andy Warhol." (S. 356)

Von dem ulkigen Cover darf man sich übrigens nicht täuschen lassen: Katzen spielen im Buch keine Rolle. Da geht es eher um Hunde, Beagles, genaugenommen. Und nein, es kommen keine Tiere zu Schaden (soweit ich mich erinnere). 

Persönliches Fazit

„Ist Fat Bob schon tot?" erzählt eine interessante Kriminalgeschichte, besticht aber hauptsächlich durch eigenwillige Charaktere und vor allem durch einen ausgefallenen Schreibstil. Mir gefällt Stephen Dobyns Humor sehr, ich habe mich gut amüsiert. Wer etwas skurrile, nicht zu abgedrehte Geschichten mag, sollte einen Blick riskieren.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner

Ist Fat Bob schon tot? | Stephen Dobyns | C.Bertelsmann Verlag
2017, gebunden, 464 Seiten, ISBN: 9783570102305
Deutsch von Rainer Schmidt
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[marcus]



Rezension: Ein Festtag | Graham Swift

Montag, 15. Mai 2017 0 Kommentare



Jane, das junge Dienstmädchen von Beechwood, und Paul, der Spross aus begütertem Haus, haben ein Verhältnis. Heimliche Botschaften, verschwiegene Treffen, doch heute, an diesem sonnigen Märzsonntag 1924, darf Jane – Familie und Dienerschaft sind ausgeflogen – ihr Fahrrad einfach an die Hausmauer des Anwesens lehnen, durchs Hauptportal herein und ins Bett ihres Geliebten kommen. Ein erstes und ein letztes Mal, denn Paul wird bald – standesgemäß – heiraten. Später, gegen Mittag, wird sie leichtfüßig und nackt durch das weitläufige Haus streifen, beseelt von der rauschhaften Innigkeit dieses herausgehobenen Morgens und nicht ahnend, dass ihr Leben am Ende dieses Tages zu zerbrechen droht. [© Text und Cover: dtv Verlag]

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Neu ist die Geschichte über ein leidenschaftliches Verhältnis zwischen einem Gutsherrn und einer Bediensteten sicher nicht, aber das Tabu, der Reiz des Unmoralischen, bringt doch immer wieder prickelnde Spannung. Graham Swift fokussiert sich auf einen Tag, Muttertag in England, an dem die Familien außer Haus sind und die Dienerschaft ihre Familien besuchen können. Eine einmalige Gelegenheit, sturmfreie Bude. Und das auch noch bei schönstem Frühlingswetter. Ein glücklicher, ein perfekter Tag für Jane, die diese Gelegenheit mit Paul voll auskostet.

„Zu hören war nur das Vogelgezwitscher draußen und die merkwürdig vernehmbare, den Atem stocken lassende Stille des leeren Hauses, der schwache Luftzug, der über ihre Körper strich und sie daran erinnerte, während ihre Blicke zur Decke gerichtet waren, dass sie vollkommen nackt waren." (S. 39)

Die Bedeutung dieses Tages wird noch deutlich erhöht, weil klar ist, dass es keinen weiteren in dieser Art geben wird. Denn Pauls Hochzeit mit Emma steht kurz bevor, und die beiden werden danach nach London ziehen. Der Schatten der Vergänglichkeit schwebt über diesen gemeinsamen Stunden und sie wissen, dass nur das Hier und Jetzt zählt. Jane ist keineswegs naiv, sie weiß, dass sie keine Zukunft zusammen haben. 



Swift streut latent dramatische Ereignisse mit ein. Was ist damals mit Janes Mutter passiert? Wieso musste sie als Waise aufwachsen? Welche Auswirkung hatte der Tod von Pauls Brüdern im 1. Weltkrieg für die Familie? Das sind alles kleine Puzzleteile, die Auswirkungen auf Entscheidungen und Handlungen haben. 

Die soziale Diskrepanz zwischen den Ständen ist erheblich. Während Paul seine Kleidung im Ankleidezimmer aussuchen kann, passt Janes Habe in einen Karton. Eine offene Verbindung zwischen ihnen ist undenkbar. Und doch ist die Gesellschaft im Wandel. Die Gutshäuser tragen sich nicht mehr von alleine, viele Adelige haben bereits Personal entlassen müssen und Paul macht eine Ausbildung zum Anwalt, um das benötigte Einkommen zu sichern. 

„Die Dienenden dienten und die Bedienten, sie lebten. Aber manchmal schien es ehrlich gesagt genau andersherum zu sein. Das Dienstpersonal hatte ein Leben, und das war hart, während die Bedienten oft nicht zu wissen schienen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. Manche von ihnen waren ziemlich verloren …" (S. 98)

Graham Swift hat einen herrlichen Schreibstil, der die ganz besondere Atmosphäre dieses Tages trägt. Er ist einer jener Autoren, denen es mit Leichtigkeit zu gelingen scheint, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, die durch Klarheit und Intensität bestechen. 

Persönliches Fazit

„Ein Festtag" hat mich mit einer intensiven und leidenschaftlichen Atmosphäre überzeugt, die Graham Swift mit seiner Schreibweise wunderbar eingefangen hat. Aber auch die dramatischen Untertöne tragen dazu bei, dass dieser Ausflug nach England ins Jahr 1924 ein lohnender ist.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Ein Festtag | Graham Swift | dtv Verlag
2017, gebunden, 144 Seiten, ISBN: 9783423281102
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
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[marcus]