Rezension: Ein bisschen wie Unendlichkeit | Harriet Reuter

Freitag, 23. Juni 2017 3 Kommentare

»So ist es, wenn man jemanden liebt.
So ist es, wenn man um jemanden trauert.
Ein bisschen wie Unendlichkeit.«


Als die Ferien anfangen, möchte Gottie eigentlich nur unter dem Apfelbaum liegen, in die Sterne schauen und über das Universum nachdenken. Sie kennt jede Theorie zu Raum und Zeit und kann alles mit einer Formel erklären. 
Außer, warum ihr bester Freund Thomas, der vor einigen Jahren weg­gezogen war, plötzlich wieder auftaucht. Warum niemand ihre Verzweiflung über den Tod ihres Großvaters Grey versteht. Und warum sie in Flashbacks ganze Szenen ihres Lebens erneut durchlebt. Verliert sie den Verstand oder wird sie wirklich in die Vergangenheit versetzt? Und wie kann sie in der Gegenwart bleiben – bei Thomas, dessen Küsse ihr Universum verändern? [Text & Cover: © S. Fischer Verlag]

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Der erste Gedanke: „Dieses Buch geht ans Herz.“ Eine zauberhaft erzählte Geschichte eines jungen Mädchens, welches erwachsen wird, mit ihren Gefühlen kämpft und sich quer durch die Zeit bewegt. Ab der ersten Zeile war ich gefangen von der Geschichte, der bildhaften Erzählung, mittendrinn halt. Mittendrinn in der schmerzhaften Schönheit des Lebens. Mein zweiter Gedanke galt direkt der Autorin. Ich hoffe sehr, dass sie weiterhin ihren Gedanken und Geschichten freien Lauf lässt und sie zu Papier bringt. Ich hoffe auf Nachschub. Für mich ist dieses Debüt durchaus gelungen. Chapeau. 

Auf dem Cover durfte natürlich die Schleife der Unendlichkeit nicht fehlen und somit ist die Gestaltung des Schutzumschlags bezaubernd schön, überwiegend in blau und weiß gehalten. Das Buch selbst ist lila eingefasst und der Buchrücken mit silberner Schrift verziert. Auch hier noch einmal die Schleife der Unendlichkeit.
Mit jedem Kapitel entfernt sie sich mehr und mehr von dem Tag - vor einem Jahr - als ihr geliebter Großvater Grey starb.

Ich fange an, mir Pi bis in die hundertste Dezimalstelle vorzusagen. Doch mein Hirn spielt nicht mit, es verheddert sich irgendwie: Und ich frage mich: Was wäre passiert, wenn Thomas mich vor fünf Jahren geküsst hätte? Oder wenn er niemals weggegangen wäre? Seite 151

Die Figuren sind passend gewählt und, wie ich finde, kann sich jeder Leser sehr gut in Gottie und ihr Umfeld hineinversetzen. Gottie ist fasziniert von der Welt der physikalischen Gesetze und der Mathematik, se setzt alles in Gleichungen, ein kleines Genie. Als ihr bester Freund Thomas sie von einen Tag auf den anderen verlässt und wegzieht bricht für sie eine kleine Welt zusammen. Sie hat leider schon sehr früh, wenige kostbare Momente nach ihrer Geburt, ihre Mam verloren, vor fünf Jahren ihren besten Freund und Nachbarn Thomas und nun vor einem Jahr ihren geliebten Großvater. Im letzten Sommer hatte sie einen heimlichen Freund von dem bisher keiner weiß, auch er trennt sich von ihr. Für Gottie läuft es also echt nicht gut. In der Schule bekommt sie für den kommenden Sommer eine Hausaufgabe, welche sie fortan beschäftigt. Auch Thomas kehrt nach Jahren plötzlich zurück. Alles fängt an sich zu verkomplizieren. Gottie findet sich immer wieder in der Vergangenheit wieder und verpasst dadurch die Gegenwart. Sie stellt sich die Frage nach dem Warum dies passiert und ob es Wurmlöcher gibt durch die man hin und her reisen kann. Sie ist traurig und einsam, obwohl sie nicht allein ist. Gottie zweifelt an sich und ihrem Verstand. Sie stellt Gleichungen auf um das was um sie herum und mit ihr geschieht zu verstehen.



Dieses Buch ging mir sehr nah. Ich glaube, nein ich weiß, jeder von uns Lesern dieses Buches wird seine eigene Trauer um einen geliebten verlorenen Menschen aus einer anderen Sicht betrachten. Mit anderen Augen. Ich habe leider schon sehr vielen Menschen Adieu sagen müssen, bzw. sind viele nicht mehr hier auf dieser Welt. Doch weiß ich, dass die Begegnungen, die Ereignisse und Erinnerungen, Berührungen und Umarmungen für immer mein sind. Tief in meinem Herzen. Diese Erinnerung an wundervolle Zeiten, diese Liebe kann mir keiner nehmen.

Ein Vater, der mal an-, dann wieder anwesend ist und eine Mutter, die ich niemals kennen werde. So ist es, wenn man jemanden liebt. So ist es, wenn man um jemanden trauert. Es ist ein bisschen wie ein Schwarzes Loch. Ein bisschen wie Unendlichkeit. Seite 377

Persönliches Fazit 

Die Jugend, die Liebe, die verzwickten Gefühle und das ganze Universum. Kurz, mal wieder eine ganz andere Liebesgeschichte. Ein Muss ist dieses Buch, ein Muss für jede Lesemaus ab 14 Jahren. Aber Achtung, Suchtgefahr. 
Ein Debüt, welches mich überrascht und überzeugt hat. Für mich ist es schon jetzt ein kleiner Buchschatz und ich weiß, dass ich es noch weitere Mal in die Hand nehmen und lesen werde. Lasst euch einfach verzaubern, lest dieses Buch und schwelgt in Erinnerungen.

© Rezension: 2017, Susa


Ein bisschen wie Unendlichkeit | Harriet Reuter Hapgood | S. Fischer Verlag GmbH
ab ca. 14 Jahren
23. Februar 2017 | Jugendbuch | 384 Seiten | ISBN 13: 978-3-7373-4033-5
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[susa]

Die Welt des Kaffees || "Das Kaffeebuch" von Johanna Wechselberger und Tobias Hierl

Mittwoch, 21. Juni 2017 0 Kommentare

Die Pflichtlektüre für Kaffee-Enthusiasten










                                                                                                                     © Cover: braumüller Verlag


Bücher und Kaffee, das gehört für uns vom Bücherkaffee zusammen. Da komme ich natürlich um ein Buch, das sich mit unserem Lieblingsgetränk beschäftigt, nicht vorbei. Mal sehen, ob es wirklich „für Anfänger, Profis und Freaks" geeignet ist.

Nach einigen Erläuterungen zur Kaffeepflanze und ihren Sorten machen wir uns auf zu einer Reise um den Globus und besuchen die Kaffeeproduzenten. Von Süd- und Mittelamerika über Afrika und Asien bis in den pazifischen Raum werden alle beteiligten Länder und ihre Bedeutung für den Weltmarkt beschrieben. Ich probiere sehr gern neue Sorten aus, was vor allem bei kleineren Röstereien gut möglich ist. So wohlklingende Sorten wie „Sulawesi Kalossi Grade 1" gehören zu meinen Favoriten. Durch den kleinen Atlas im Buch kann ich solche Röstungen noch besser ihrer Herkunft zuordnen und ihren Wert besser einschätzen.






Es finden sich noch viele detaillierte Informationen über Themen wie die Kaffeeverarbeitung, den Handel, das Rösten, die richtige Lagerung, Kaffeemaschinen, das richtige Aufschäumen der Milch und vieles mehr. Neu war für mich beispielsweise, dass es Röstmaschinen für zu Hause gibt. Ich denke, das werde ich aber trotzdem weiterhin den Röstmeistern überlassen. Das Kapitel über Latte Art und Etching zur Verschönerung des Milchschaums ist auch eher etwas für Profis, da gehört sicher einiges an Übung dazu, um ein vorzeigbares Ergebnis zu erreichen. Es sieht auf den Bildern aber beeindruckend aus. 






Sehr gut gefällt mir die Rezeptsammlung. Dort werden Klassiker wie Cappuccino oder Milchkaffee aber auch aufwändigere Kreationen mit und ohne Alkohol aufgeführt. Ich fand „Elisabeth" mit weißer Schokosauce und Amaretto richtig lecker! Da werde ich noch das eine oder andere Rezept ausprobieren.

Johanna Wechselberger lässt viel von ihrem Expertenwissen als Master Baristi in dieses Buch einfließen. Zusammen mit Tobias Hierl hat sie ein Buch kreiert, das mich sowohl inhaltlich wie auch qualitativ mit vielen tollen Fotos überzeugt hat. Eine Empfehlung für jeden, der über den Kaffeebecherrand hinaussehen möchte.

© 2017, Marcus Kufner














AA 



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[marcus]

Rezension: Mein Wille geschehe | Jennifer Benkau

Montag, 19. Juni 2017 0 Kommentare

Stilistische Experimente als Stalking-Story


Derya steckt nach der Scheidung von ihrem grausamen Mann in einer Krise. Immer mehr zieht sie sich in ihre eigene Welt zurück und lässt kaum jemanden an sich heran - bis eines Tages ihre Jugendliebe Jakob wieder vor ihr steht. Auch nach all den Jahren hat er nichts von seinem damaligen Charme eingebüßt, und zum ersten Mal seit langer Zeit ist Derya endlich wieder glücklich. Aber zeitgleich mit Jakobs Auftauchen beschleicht sie immer öfter eine unbestimmte Angst. Sie hat das Gefühl, beobachtet zu werden, und bald ist sie sich sicher, dass jemand sie verfolgt. Ist ihr Ex-Mann hinter ihr her? Doch dann offenbart Jakob Derya ein furchtbares Geheimnis, das sie daran zweifeln lässt, ob sie ihn wirklich kennt ... [Text & Cover: © Bastei Lübbe]

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Ganz offensichtlich empfindet die Autorin Vergnügen am Spiel mit der Sprache. So ist der Haupterzählstrang immer wieder von Textpassagen unterbrochen, die keinen unmittelbaren Zusammenhang zu diesem aufweisen, sich jedoch als Fragmente fiktiver Romane entpuppen. Diese unterscheiden sich in ihrer Sprachführung merklich von der Erzählung um die Hauptfigur Derya: Wie Masken legt sich die Autorin verschiedene Persönlichkeiten an, die sich in den individuellen Stilen manifestieren. Der flapsige, regional gefärbte Plauderton der zentralen Handlung legt als roter Faden jedoch den Schluss nahe, dass hier das wahre Gesicht der Autorin zu erkennen ist.

Viele Ereignisse werden nur angedeutet, bestenfalls kurz gestreift, sodass die Erzählung wie eine rasche Zugfahrt zwischen vorgegebenen Stationen wirkt, auf der die Konturen der draußen vorbeihuschenden Landschaft nur verwaschen erkennbar sind. Die Oberfläche der Geschichte wird dadurch zu glatt, als dass sich die Gedanken des Lesers daran festhalten könnten und Figuren und Situationen distanziert bleiben.

Andererseits stellt die Autorin eintönigen Wortwiederholungen sehr wohl kreative Metaphern ("Ihre Nevern hängen in Fetzen ...", "Hirnschalen voller Asche") gegenüber und widerlegt damit den Verdacht eines eingeschränkten Vokabulars. Sie reflektiert immer wieder über ihren eigenen Beruf der Schriftstellerin, erweist sich vertraut mit stilistischen Werkzeugen. Auch die Figuren, von denen ihre Protagonistin Derya flankiert ist, wirken in ihrer sorgfältigen Zeichnung beinahe allegorisch und repräsentieren die inneren Dialoge in einer äußeren Form.  Ihre Nachbarin, die den Spitznamen "Sonne" trägt, steht für Optimismus und Lebenslust. Eine junge obdachlose Ausreißerin verkörpert sowohl den auf das Notwendigste reduzierte Überlebensinstinkt, als auch eine vorsichtig warnende Stimme. Die Verlegerin schließlich spiegelt Derys Pflichtbewusstsein.

Die entstehende Ambivalenz zwischen schriftstellerischer Versiertheit und einem oft ungelenk erscheinenden Sprachduktus verleiht dem Roman stellenweise experimentellen Charakter. Die Geschichte selbst - eine junge Frau sieht sich von einem Unbekannten verfolgt - bietet wenig Originelles und wirkt unnötig in die Länge gezogen. Das Finale löst zwar alle aufgetretenen Ungereimtheiten auf, vermag aber die zuvor vermisste Spannung nicht zu kompensieren.

Persönliches Fazit

"Mein Wille Geschehe" wirkt wie eine Sammlung stilistischer Etüden im Gewand einer zeitgeistgeschuldeten Stalker-Geschichte.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Mein Wille geschehe | Jennifer Benkau | Bastei Lübbe
2017, Paperback, 334 Seiten, ISBN: 978-3-431-03981-8
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[wolfgang]