Rezension: König der Strasse | Nigel Bartlett

Sonntag, 28. August 2016 0 Kommentare



Eigentlich ist alles wie immer: Der elfjährige Andrew verbringt ein Wochenende bei seinem Onkel David – doch plötzlich verschwindet er spurlos. Eine düstere Vorahnung überkommt David, und er alarmiert die Polizei. Während die Ermittlungen voranschreiten, bleibt der Junge verschollen. Stattdessen tauchen immer mehr Indizien auf, die einen schrecklichen Verdacht auf David selbst lenken. Als sich die Schlinge um seinen Hals langsam zuzieht, sucht er fieberhaft nach einem Weg, den Jungen zu retten, und ihm bleibt keine andere Wahl, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: Ohne konkreten Plan flieht er vor den Anschuldigungen der Polizei und den Vorwürfen seiner eigenen Familie und begibt sich auf eine gefährliche Reise mit ungewissem Ausgang… [© Text und Cover: Albino Verlag]

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Was für eine fiese, erdrückende Situation: Andrew ist verschwunden, und David trifft sich mit seiner Familie. Sein Bruder, seine Schwägerin, seine Eltern, die Schwiegermutter...bei jedem einzelnen spürt man förmlich die Anspannung und den unterdrückten Vorwurf. Wo ist Andrew? David kann das nicht beantworten, und die Vorwürfe an ihn brodeln kaum verborgen unter der Oberfläche. Eine auch für mich als Leser spürbare explosive Stimmung.

Immer wieder taucht bei mir die Frage auf, ob David wirklich so unschuldig ist, wie er selbst beschreibt. Die Indizien lassen ihn nicht gut aussehen, und er reitet sich immer tiefer hinein. Da schwanke ich immer wieder zwischen den beiden Möglichkeiten.

Dabei ist mir David eigentlich sehr sympathisch. Es ist nachvollziehbar, dass er nicht nur dasitzen will, die Grübelei macht ihn irre. Daher macht er sich selbst auf die Suche nach seinem Neffen. Er hat eigentlich keinen Plan wo er anfangen soll, und er macht immer wieder Fehler, die er sich selbst nicht erklären kann. Die außergewöhnliche Situation belastet ihn mit einer ständigen Anspannung. Kein Wunder, dass er kaum einen kühlen Kopf behalten kann. Das macht ihn zu einem Helden wider Willen, mit dem ich gut mitfühlen kann.



Ich verfolge gespannt seine Suche, seine Begegnungen und sein Versteckspiel mit der Polizei. Und was ist mit Andrew geschehen? Lebt er überhaupt noch? Die Geschichte entwickelt sich dramatisch und wird dabei durch eine klare und unkomplizierte Sprache unterstützt. Da fliegen die Seiten schnell dahin.

Persönliches Fazit

Das Verschwinden des elfjährigen Andrew entwickelt von Beginn an eine spannende Atmosphäre. Es ist ja auch eine sehr emotionale Sache, wenn Kinder plötzlich weg sind. Sein Onkel David ist ein sympathischer Charakter mit seiner Planlosigkeit und seinen Fehlentscheidungen. Ein sehr spannendes Buch, ich konnte mich kaum davon losreißen.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


König der Strasse | Nigel Bartlett | Albino Verlag
Aus dem Englischen von Andreas Diesel
2016, gebunden, 384 Seiten, ISBN: 9783959850803
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[marcus]

Rezension: Im Jahr des Affen | Que Du Luu

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"Hast du heute schon Reis gegessen?"


Mini ist eine Banane: außen gelb und innen weiß. Ihr Vater hingegen bleibt durch und durch gelb: Er spricht nur gebrochen Deutsch und betreibt ein Chinarestaurant.
Als ihr Vater ins Krankenhaus kommt, muss Mini im Restaurant schuften, sich mit dem trotzigen Koch streiten – und sie kann Bela nicht wiedertreffen, bei dem sie so viel Ruhe gefunden hat. Dann reist auch noch Onkel Wu an. Der traditionsbewusste Chinese holt die Vergangenheit wieder hoch: das frühere Leben, die gefährliche Flucht als Boatpeople aus Vietnam. [Text & Cover: © Carlsen Verlag, Königskinder]

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Minh Thi - von ihren Freundinnen der Einfachheit halber Mini gennant - ist auf dem Weg, erwachsen zu werden und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Hin und her gerissen zwischen zwei Kulturen, weiß sie nicht so recht, wo ihr Platz ist im Leben. Was bedeutet Heimat? Muss sie sich für ihre Herkunft schämen?
Es ist ihr sehr peinlich, von ihren Mitschülern und Freundinnen arbeitend im chinesischen Restaurant ihres Vaters in Herford gesehen zu werden. Sie fängt an, sich für Jungs zu interessieren und vor allem Bela, der ihr Herz schneller schlagen lässt, soll sie dort nicht sehen. Ihr Vater schuftet regelrecht, es gibt keinen Ruhetag im Restaurant und kleine Pausen verbringt er liegend auf den Stühlen. Doch das wird irgendwann zu viel und er bricht zusammen, muss plötzlich mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus. Mini bleibt gar nichts anderes übrig, als für ihn einzuspringen und zu arbeiten. Dort muss sie sich aber auch dem Personal gegenüber beweisen. Und Onkel Wu ist auch keine wirkliche Unterstützung, denn auch er hat immer etwas an ihr auszusetzen. So kommt es ihr zumindest vor.

Onkel Wu hält Mini für eine Banane – außen gelb und innen weiß. Er sagt, sie sei vom Aussehen her eine Chinesin, aber von der Persönlichkeit her eher eine Deutsche. Er ärgert sich, dass sie fast nichts über ihre Abstammung und über die chinesische Kultur weiß bzw. gelernt hat.
Mini kämpft mit den kulturellen als auch sprachlichen Unterschieden, sie findet tatsächlich nicht so recht den Mut, sich mit ihrer Herkunft zu befassen, ahnt sie doch im tiefsten Inneren, dass es da ein Geheimnis geben muss. Nach und nach erfährt sie mehr, von Onkel Wu, vom Koch Bao, der sie immer ignorierte, erfährt mehr darüber, wie sie eigentlich nach Deutschland kam. Von der Flucht aus Südvietnam über den Aufenthalt in einem thailändischen Flüchtlingslager bis hin zur Ankunft in Deutschland.

Que Du Luus gewählter Sprachstil ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, aber es lohnt sich, sich auf diesen Stil einzulassen, denn gerade das macht es letztlich so sehr aus. Durch ihre kurze, knappe und teilweise - wie es scheint - emotionslose Sprache spiegelt sich gut Minis Innerstes wider. Dazu trägt natürlich auch bei, dass Mini als ich-Erzählerin auftritt.

IM JAHR DES AFFEN ist in Teilen ein autobiografischer Roman. Que Du Luu, 1973 geboren in Saigon/Südvietnam, ist chinesischer Abstammung. Nach Ende des Vietnamkriegs flüchtete sie wie Millionen andere Boatpeople über das Meer. In Bielefeld betrieb die Familie ein China-Restaurant.

Persönliches Fazit

Ein Jugendroman, der mit leisen Tönen daher kommt, aber deren Protagonistin Mini einem nach und nach ans Herz wächst. Klug und unterhaltsam, oftmals auch sehr nachdenklich stimmend, erzählt der Roman über die Schwierigkeit der Selbstfindung, der eigenen Identität und über die Suche nach Zugehörigkeit und Glück - und kommt dabei völlig ohne Action und Cliffhanger aus, was für ein Jugendbuch sehr mutig und ungewöhnlich ist, aber perfekt zur Thematik passt.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Im Jahr des Affen | Que Du Luu | Carlsen Verlag, Königskinder
ab 14 Jahren
2016, Hardcover, ISBN 9783551560193
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[alexandra]

Rezension: Der Turm der Welt | Benjamin Monferat

Freitag, 26. August 2016 2 Kommentare

Spannender Spionagethriller in historischem Gewand


Oktober 1889: Die Pariser Weltausstellung geht dem Ende zu. Millionen von Menschen strömen in die Lichterstadt, um Zeuge des Spektakels zu werden. Die brisante internationale Lage scheint für einen Augenblick vergessen. Und doch würde gerade hier, im bunten Gewimmel der Nationen und Interessen, ein Funke genügen, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Ausgerechnet da werden zwei Ermittler des französischen Geheimdienstes tot aufgefunden - sie waren einer Verschwörung auf der Spur.
Was niemand weiß: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger Besucher der Ausstellung eng verknüpft: Eine französische Adelige - Königin der Pariser Salons - fürchtet um ihr Geheimnis: dessen Enttarnung würde weit mehr als nur einen gesellschaftlichen Skandal bedeuten. Ein deutscher Offizier, unterwegs in einer sehr persönlichen Agenda, wird zum Spielball der Großmächte. Ein junger Fotograf schließt einen folgenschweren Pakt, um das Herz seiner großen Liebe zu gewinnen. Ist die bildschöne Kurtisane in Wahrheit eine Spionin?
Schließlich versammelt sich alles, was Rang und Namen hat, an der Spitze des Eiffelturms, um das Abschlussfeuerwerk zu bestaunen. Wann wäre der Zeitpunkt für einen Anschlag besser gewählt, um die Welt im Chaos versinken zu lassen? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: zu Lande, zu Wasser – und in der Luft ... [© Text und Cover: Rowohlt Verlag]

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Nachdem ich von „Welt in Flammen" sehr begeistert war, war ich schon gespannt auf das neue Werk von Benjamin Monferat alias Stephan M. Rother. Diesmal entführt er uns also auf die Weltausstellung nach Paris in eine Zeit, als die meisten Häuser noch nicht einmal elektrischen Strom hatten. Die Technologie fasziniert die Menschen, Erfinder und Ingenieure wie Edison oder Daimler feiern große Erfolge. Das Highlight im doppelten Sinne ist natürlich der Eiffelturm, mit 300 Metern damals der höchste Turm der Welt. Es ist spürbar, wie die Menschen über diese fast unvorstellbaren Dinge staunen. Paris ist mit seiner Ausstellung der Nabel der Welt.

Spannend sind auch die politischen Verhältnisse in Europa. Deutschland hat sich mit vielen anderen Ländern verbündet. Bis auf eine Allianz mit den Briten steht Frankreich ziemlich isoliert da. Man spekuliert darüber, dass ein Krieg kurz bevor stehen würde, es fehlt nur noch der Funke, der die Lunte entzündet. Die französische Republik steht dazu momentan auch noch auf wackeligen Beinen. Verschiedene Gruppen wie beispielsweise die Monarchisten würden die Regierung gerne ersetzen und die Staatsform in ihrem Sinne ändern.

In diesem Umfeld strickt Monferat eine komplexe Spionagegeschichte. Deutsche, Briten und natürlich Franzosen verfolgen ihre gegenläufigen Interessen. Immer wieder kreuzen die verschiedenen Handlungsstränge, und wie ein großes Puzzle fügen sich Stück für Stück die Teile und Fragmente zusammen. Es gibt des Öfteren Wendungen, bis zum Ende bleibt es deshalb rätselhaft, wer den Anschlag am letzten Tag der Ausstellung plant. Dass etwas passieren wird, ist von Anfang an klar, denn jedes Kapitel ist mit dem aktuellen Count Down überschrieben. Ein gutes Spannungselement, die gesamten Ereignisse finden somit innerhalb von nur 60 Stunden statt.



Das brisante Umfeld ist aber nur ein Element für den Roman. Es sind die interessanten Figuren, die mich über die 700 Seiten fesseln. Von der prominenten Adeligen, die für ihre Tochter die beste Partie sucht, bis zum abgehalfterten Agenten, der dem Absinth erlegen ist, geht die Bandbreite. Da ist viel Platz für Emotionen und Leidenschaften. Die Protagonisten sind hervorragend in den historischen Kontext eingebunden, das macht die Geschichte glaubhaft und lebendig. Dazu trägt auch die Sprache bei, die sich in das historische Umfeld gut einfügt.

Persönliches Fazit

Bei „Der Turm der Welt" passt alles: interessante Figuren, eingebettet in eine spannende und wendungsreiche Spionagegeschichte, die in einer aufregenden Zeit spielt. Paris mit der Weltausstellung ist ein stimmungsvoller Schauplatz. Nach „Welt in Flammen" waren meine Erwartungen hoch, wurden aber voll erfüllt.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner

>> Rezension zu "Welt in Flammen"
>> Interview mit Benjamin Monferat



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