Eine Buchperle: Die Graphic Novel `Brodecks Bericht´ von Manu Larcenet

Mittwoch, 21. Februar 2018 0 Kommentare


[klappentext start]Es ist Winter kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Abseits von einem kleinen Dorf im deutsch-französischen Grenzgebiet lebt Brodeck. Als er eines Abends in das Wirtshaus geht, trifft er auf eine schauerliche Szene: Die Dorfgemeinschaft hat soeben kollektiv einen Fremden ermordet. Brodeck ist entsetzt, doch die Männer zwingen ihn, einen Bericht zu verfassen, der ihre Tat rechtfertigen soll. Widerwillig beginnt er für die Dorfbewohner zu schreiben und während er mehr und mehr von den Abgründen der Tat erfährt, gerät er allmählich selbst ins Visier ihrer Drohungen… [Text + Cover: Reprodukt Verlag][klappentext ende]


Eine Graphic Novel nach einem Roman von Philippe Claudel

Die Graphic Novel kommt mit wenig Text aus, dafür sprechen die unglaublich ausdrucksstarken Bilder in schwarz-weiß. Manu Larcenet versteht es meisterhaft, die düstere und bedrohliche Stimmung der Romanvorlage aufzugreifen und gekonnt umzusetzen.

Der Ich-Erzähler Brodeck kam selbst vor Jahren als Fremder in das abgelegene Dorf nahe der französichen Grenze, in dem die Wunden des Krieges längst noch nicht verheilt sind und alte Vorurteile nicht vergessen. Die Dorfbewohner haben sich eines schrechlichen Verbrechens schuldig gemacht und versuchen nun, mithilfe Brodecks, sich zu rechtfertigen. Brodeck habe schließlich als einziger studiert und wisse, wie man solch einen Bericht abfasst. Sich zu weigern, kommt nicht in Frage und so schreibt er Seite um Seite einem ungewissen Ende entgegen.



"Ich bin schlicht in dem Augenblick ins Gasthaus gekommen, da man sich an den erstbesten hält, der durch die Tür tritt.
Sei es, ihn als Retter zu erwählen oder um ihn zu massakrieren.
Ich sage es noch einmal, ich hätte lieber geschwiegen. Aber ihre Fäuste schlossen sich um das Heft der Messer.
Jene Fäuste, jene Messer, die eben noch gebraucht worden waren."

Doch auch seine eigene, tragische Lebensgeschichte findet einen Weg zu Papier, er schreibt sie heimlich. Niemand soll etwas davon mitbekommen und auch nicht, dass er sich weigert, die Tat der Dörfler zu beschönigen. Sein Ziel ist einzig die Wahrheit. Etwas anderes kann er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren.

Wir erfahren, wie dieser Fremde, den alle nur den Anderen nennen, in die Dorfgemeinschaft kam und er nie wirklich angenommen wurde.
Zu anders sei er. Zu fremd. Wollte zuviel wissen. Habe sich zuviel eingemischt.
So sei es schließlich passiert, man hatte keine andere Wahl. Das müsse man doch verstehen.




Die Szenerie des Bergdorfes ist karg, kalt, abweisend. Es liegt Schnee und die Menschen sind mürrisch. Sie sind arm und haben nichts zu verschenken, schon gar nicht so etwas wie Mitgefühl. Sie zeigen sich dadurch von ihrer hässlichsten Seite. Jeder ist sich selbst der Nächste, nur in der Ausnahmesituation, diesem kollektiven Verbrechen, halten sie zusammen. Die Parallelen zum Nationalsozialismus und zum Holocaust sind nicht zu übersehen.

Persönliches Fazit

Diese kunstvolle Graphic Novel ist sicherlich kein Wohlfühlbuch, aber eindringlich und nachhallend. Sie wirft Fragen auf. Wie weit geht Gruppenzwang, wie sehr darf man sich hinter der Meinung Einzelner verstecken? Wann ist man Mitläufer und wann Täter? Und wie schnell kippt Angst vor dem Fremden in Gewalt um?
Für alle, die Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" gelesen haben und für alle, die sich mit dem Thema Fremdenhass auseinandersetzen. Und erst recht für alle, die starke, kraftvolle Bilder mögen.
Ein Buch, das nachklingt...

© Rezension 2018, Corinna Klein








Graphic Novel nach einem Roman von Philippe Claudel | Reprodukt Verlag
Manu Larcenet, Philippe Claudel
Titel der Französischen Originalausgabe: La rapport de Brodeck (La livre de Poche)
Übersetzung: Deutsch von Ulrich Pröfrock
Lettering: Dirk Rehm | Font: Manu Larcenet
Seiten: 328, schwarz-weiß | Format: Hardcover mit Schuber, 29 x 23,5 cm | ISBN: 978-3-95640-132-9

[corinna]

Rezension: Immerschuld | Roman Klementovic

Montag, 19. Februar 2018 0 Kommentare


[klappentext start] Tödliches Schweigen  Sie fanden ihn am Waldrand in der Nähe des Dorfes. Die brütende Hochsommerhitze der letzten Tage hatte ihm schwer zugesetzt. Der Fäulnisgeruch war kaum zu ertragen. Hektisches Fliegensummen, überall Parasiten und Blut. Es sah so aus, als wäre er mit einem Messer massakriert worden, vielleicht auch mit einer Axt. Doch es war etwas anderes, das ihre volle Aufmerksamkeit auf sich zog. Etwas, das ihnen noch viel mehr Angst machte ... [Text & Cover: Gmeiner Verlag] [klappentext ende]

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Sowohl der Titel "Immerschuld", als auch der Inhalt des neuen Romans von Roman Klementovic knüpfen an den erfolgreichen Vorgänger "Immerstill" an. Wenig Zeit ist seit den Ereignissen um verschwundene Jugendliche vergangen, nach kurzer Prominenz in den nationalen Schlagzeilen ist der kleine Ort Grundendorf in seine langsame Agonie zurückgefallen. Auch diesmal wird ein junges Mädchen vermißt, zudem werden zwei brutal zu Tode gequälte Hunde aufgefunden. Auch diesmal wird in der ersten Person von einer verzweifelten Suche und dem Anrennen gegen kleinkarierte Gleichgültigkeit erzählt. Mit Patrick, dem inwzsichen suspendierten Polizisten aus "Immerstill", befördert der Autor eine Neben- zur Hauptfigur und entwickelt damit eine flüchtige Bekanntschaft zu enger Vertrautheit.

Wüßte man nicht, daß "Immerschuld" in Niederösterreich spielt, man würde den Text spontan in Kärnten verorten. Roman Klementovic stattet seine Dorfbewohner mit einer niederträchtigen Triebhaftigkeit aus und zeigt sich in einer Weise von dumpfer Provinzialität angewidert, die an Literaten wie Peter Handke und Josef Winkler erinnert, die aus dem südlichsten Bundelsand Österreichs stammen. Der alltägliche Tratsch ist wie ein permanent tagendes Dorfgericht, dessen jederzeit verhängte Urteile endgültig sind.

"Tratschweiber patrouillierten auf ihren Fahrrädern durch Grundendorf. Ihre Pensionistenhandys griffbereit im an der Lenkstange befestigten Korb, um Neuigkeiten sofort berichten zu können." (S. 80)

Obwohl die Kritik diesmal gemäßigter, weniger tiradenhaft als noch im Vorgänger vorgetragen wird, ist es gerade diese Nüchternheit, die ihr die Schärfe verleiht. Das Dorf ist keine idyllische Zuflucht, sondern ein Ort der Zwietracht, an dem um des Friedens willen stets das Individuelle einem kollektiven Konsens untergeordnet werden muß. Mit Haßliebe, die sich wie Stacheldraht in der geschlossenen Faust anfühlt, wird "Immerschuld" somit zu einem aktuellen Antiheimatroman.

Bei der Ausgestaltung der Örtlichkeiten beschränkt sich Roman Klementovic auf das Notwendigste, dafür widmet er sich mit besonderer Aufmerksamkeit seinen Figuren. Zahlreiche Dialoge treiben die Handlung voran und wandeln sich oft von reinem Informationsaustausch zu brisanten Sprachduellen. Je aufgeheizter die Situation, desto klarter treten auch die Eigenheiten der einzelnen Charaktere zutage. Gefühle werden intensiv verkörperlicht, mit allen Sinnen erspürt, was einiges an Erzählzeit beansprucht:

"Mein Herz hämmerte wie verrückt. In meinen Schläfen pochte es. Das Blut rauschte mir in den Ohren. Kurz wurde mir schwarz vor Augen, ich musste alle Kraft aufbringen, um die Übelkeit zu unterdrücken." (S. 237)

Obwohl die Drosselung des Erzähltempos das Inneleben der Figuren akzentuiert, vollziehen sich die Ereignisse der Außenwelt in einem anderen Takt. Der Autor setzt zur Steigerung der Spannung außerdem auf das Stilmittel der Vorausdeutung, das in manchen Passagen etwas zu großzügig eingsetzt ist. Bis das Rätsel um die Vermißte schließlich gelöst ist, weist jedes Kapitel auf die seit ihrem Verschwinden verstrichenen Stunden und Minuten hin. Die Zeit wird zu einem kritischen Aspekt, der Leser ist ständig in Alarmbereitschaft.

Persönliches Fazit

"Immerschuld" ist ein Antiheimatroman mit scharf gezeichneten, lebendigen Figuren, in dem oft Vorausdeutungen mit der eigentlichen Handlung ringen.

© Rezension: 2018, Wolfgang Brandner

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Bibliografie: Immerschuld | Roman Klementovic | Gmeiner Verlag
2017, Klappbroschur, 347 Seiten, ISBN: 978-3-8392-2066-5
[wolfgang]  

Rezension: Summer Girls | Jobien Berkouwer

Samstag, 17. Februar 2018 4 Kommentare




[klappentext start]Die Profilerin Lot van Dijk wird aus Amsterdam in eine verschlafene Gemeinde auf dem Land versetzt. Die männlichen Kollegen nehmen die junge Frau nicht ernst, und abgesehen von ausgebrochenen Pferden gibt es für die Polizei nur selten etwas zu tun. Doch dann wird in einer Waldhütte nach einem Sturm eine Leiche gefunden. Lot sieht ihre Chance, sich zu behaupten, und erstellt ein Täterprofil. Es weist eindeutig auf einen Serienkiller hin, aber sie wird nur müde belächelt. Bis im Wald ein zweites ermordetes Mädchen gefunden wird. Denn nun liegt es an Lot, den Mörder aufzuhalten, bevor er sein nächstes Opfer findet … [© Text und Cover: Penguin Verlag][klappentext ende]

Ein Thriller mit Stärken und Schwächen

Eine Neue, frisch von der Akademie, die von ihren Kollegen nicht ernst genommen wird, ist ein ziemlich abgedroschenes Szenario. Dass der eine oder andere von ihnen Lot lieber in der Küche als im Dezernat sehen würde, entspringt einem Frauenbild, das es sicher noch gibt, aber bei mir kein großes Interesse mehr weckt. Aber so geht es Lot nun mal, selbst ihr Vorgesetzter will von ihren neuen Ideen nichts wissen. Im ländlichen Twente will man sich von dem Mädel aus der Großstadt nichts sagen lassen. Als die erste Leiche gefunden wird, sieht Lot ihre Chance, zu beweisen, was sie kann.

In den meisten Kapiteln begleiten wir Lot bei ihren Ermittlungen. Aber wir erfahren auch einiges über den Täter, von seiner Kindheit, aber auch was er aktuell erlebt. Je besser ich ihn kennenlerne, desto mehr graut es mir dabei. Die psychologische Hinführung zu seinem geistigen Zustand ist zwar nicht sehr raffiniert, das Ergebnis daraus aber sehr wirkungsvoll. Wenn ich mir vorstelle, dass so ein Bekloppter frei herumläuft, wird es mir schon anders.

„Um ihn herum ist es still. Die Stille der Nacht. Die Stille des Todes." (S. 283)

Es wird schnell klar, dass die Ermittlungen zu einem Wettlauf gegen die Zeit werden, denn man muss davon ausgehen, dass der Mörder wieder zuschlagen wird. Das will Lot mit ihren Kollegen unbedingt verhindern. Was mir dabei richtig gut gefallen hat, ist die akribische Ermittlungsarbeit. Lot ist kein Wunderkind, die um drei Ecken denken kann. Sie erarbeitet sich ihre Erkenntnisse mit viel Einsatz und analytischem Denken. Da macht sich die Erfahrung der Autorin als Profilerin bemerkbar. Auf mich wirkt das angenehm realistisch. Der Spannungsbogen dehnt sich dabei zwar nicht übermäßig, steigert sich aber mit der Zeit. Die flüssige Schreibweise und die kurzen Kapitel machen die Lektüre durchaus kurzweilig.

Persönliches Fazit

„Summer Girls" besticht durch realistische Ermittlungsarbeit und einen psychisch schwer gestörten Täter. Das Setting um die junge Profilerin ist zwar wenig einfallsreich, spannend wird der Fall aber trotzdem. Auch wenn dieser Thriller das Genre sicher nicht neu erfindet, hat er mich durchaus fesseln können.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Summer Girls | Jobien Berkouwer | Penguin Verlag
Aus dem Niederländischen von Simone Schroth
2018, Klappenbroschur, 352 Seiten, ISBN: 9783328102229

[marcus]