Rezension: Und plötzlich schreibt das Meer zurück | Alex Shearer

Mittwoch, 20. September 2017 0 Kommentare

So traurig, so amüsant, so schön!


Toms Vater wird seit einem Jahr auf See vermisst. Er war Seemann, und auch Tom fühlt sich zum weiten Ozean mit seinen vielen Geheimnissen hingezogen. Als er einen besonderen Song im Radio hört, beschließt er, eine Flaschenpost zu schreiben und sie ins Meer zu werfen. Er erwartet nicht, jemals eine Antwort zu bekommen. Trotzdem schreibt er weitere Nachrichten, um sie in den Gezeitenstrom zu werfen und die Wellen nach einer Antwort abzusuchen. Und dann, eines Tages, findet er tatsächlich eine Flaschenpost, mit einem Brief, der offenbar von einem Geist am Meeresgrund geschrieben wurde. Der mysteriöse Briefschreiber behauptet, dass Toms Vater noch lebt. Doch wo ist er dann? Eine wunderschöne und humorvoll geschriebene Geschichte über Trauer, Hoffnung und Wunder. [© Text und Cover: Knesebeck Verlag]

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Hin und wieder gibt es Bücher, bei denen man vom Umschlag auf einen ganz anderen Inhalt schließt. Bei diesem passt das aber außergewöhnlich gut zusammen. Ein sehr stimmungsvolles Jugendbuch, das sich hauptsächlich ums Meer dreht, und um Geheimnisse, die ihm auch heute noch zugeschrieben werden.

Tom lebt zwar mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammen, ist aber trotzdem ein ziemlich einsamer Junge. Nachdem sein Vater nicht mehr nach Hause kam, ist das Leben in der Familie verständlicherweise nicht mehr so, wie es einmal war. Wie große Schwestern nun mal so sind, hat Marie meist keine Lust, sich mit ihrem kleinen Bruder und seinen Ideen zu beschäftigen. Und so wird das Flaschenpostschreiben ein Ventil für Tom, um seine Ängste und Hoffnungen loszuwerden. Seine Briefe sind sehr drollig aber zugleich auch traurig. Es ist einfach schön, sie mitzulesen.

Das Härteste für Tom ist es, auf Antworten zu warten. Kommt da überhaupt etwas? Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand seine Flaschen findet? Noch unwahrscheinlicher ist, dass ihn eine Antwort über das Meer erreicht. Und doch hält er jeden Tag Ausschau nach etwas Glänzendem in den Wellen.

„Weitere lange Tage vergingen. In dem Wunsch, vernünftig zu sein, wurde Tom immer unvernünftiger, und beim Versuch, geduldig zu bleiben, ließ seine Geduld immer weiter nach. Während er sich ermahnte, nichts zu erwarten, erwartete er ständig, dass plötzlich eine auf dem Wasser schaukelnde Flasche auftauchen würde, eine Antwort." (S. 51)
Umso aufregender für ihn, als er tatsächlich eine Nachricht aus dem Meer fischt. Die ist äußerst mysteriös und auch etwas unheimlich. Kann diese Botschaft wirklich echt sein? Spielt ihm vielleicht jemand damit einen Streich? Wer wäre denn so gemein?




Der Text des Buchs ist quasi in Toms Sprache verfasst. Durch diesen kindlichen Ton kann ich mich gut in seine Lage versetzen und seine Emotionen mitfühlen. Seine Fantasie lässt die Grenzen der Vernunft nur allzu gerne hinter sich und hilft ihm, an Dinge zu glauben, die eigentlich nicht sein können. Eine bewundernswerte Eigenschaft!

Persönliches Fazit

Toms Flaschenpostbriefe sind mal traurig und mal amüsant, aber auch die Antworten sind herrlich formuliert. „Und plötzlich schreibt das Meer zurück" ist ein Buch, das Mut macht, auch wenn die Zeiten schwierig und trostlos sind. Ein schöner Text nicht nur für junge Träumer.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner

Und plötzlich schreibt das Meer zurück | Alex Shearer | Knesebeck Verlag
2017, gebunden, 192 Seiten, ISBN: 9783957280428
Aus dem Englischen von Gundula Müller-Wallraf
Ab 12 Jahre
Buch bestellen bei Amazon.de (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Der letzte König von Osten Ard: Die Hexenholzkrone 1 | Tad Williams

Sonntag, 17. September 2017 0 Kommentare

Vielversprechender Start der neuen Reihe im Fantasyreich Osten Ard.


Osten Ard ist in Aufruhr. Seit 30 Jahren regieren König Simon und Königin Miriamel mit Weisheit und Güte über ihr Land. Doch die dunklen Mächte sammeln sich um die Nornenkönigin und wollen sich Osten Ard untertan machen.
Vor allem Prinz Morgan ist in Gefahr, denn die Feinde wollen seine Thronbesteigung verhindern und selbst die Macht erlangen. Da ruft König Simon seine alten Freunde zu Hilfe, und Binabiq, Aditu, Jiriki und Jeremias treten gemeinsam mit ihm gegen die Nornen und andere Widersacher an. Wird es einen gerechten Kampf geben? Können die Freunde Osten Ard verteidigen? Und wird Prinz Morgan unversehrt aus der Schlacht zurückkehren? [© Text und Cover: Klett-Cotta Verlag]

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Hier ist er jetzt also endlich, der erste Band der neuen Fantasyreihe von Tad Williams, die uns wieder auf den Kontinent Osten Ard mitnimmt. Nachdem mich die alte Trilogie begeistern konnte, habe ich mich schon darauf gefreut, mehr von Simon und seinen Freunden lesen zu können. Der Autor schreibt in seinem Vorwort, dass es nicht notwendig sei, die Reihe um das „Geheimnis der Großen Schwerter" zu kennen. Dem kann ich im Prinzip zustimmen, allerdings bleibt dann die ein oder andere Bemerkung unklar. Das hat zwar auf das Verständnis der neuen Geschichte keine Auswirkung, das Gefühl, etwas verpasst zu haben, bleibt aber zurück. Deshalb empfehle ich Osten Ard-Neueinsteigern, mit der alten Reihe zu beginnen. Es wäre auch wirklich schade, die zu verpassen!

Folgende Bücher über Osten Ard sind bisher erschienen:
Das Geheimnis der Großen Schwerter 1: Der Drachenbeinthron
Das Geheimnis der Großen Schwerter 2: Der Abschiedsstein
Das Geheimnis der Großen Schwerter 3: Die Nornenkönigin
Das Geheimnis der Großen Schwerter 4: Der Engelsturm
Das Herz der verlorenen Dinge

Zunächst ist es schon etwas ungewohnt, dem damals recht unbedarften Küchenjungen Simon dreißig Jahre nach dem Kampf gegen die Nornen als König und Großvater wieder zu begegnen. Aber nicht nur er ist älter geworden, auch seine Mitstreiter strotzen nicht mehr so voller Kraft wie zu der Zeit, als sie gemeinsam auf dem Schlachtfeld standen. Trotzdem ist es schön, die geschätzten Helden der alten Bücher wieder zu treffen. 

„Mit jedem Jahrzehnt, so schien es, verschwanden mehr von den alten Mitspielern von der Bühne, aber ihre Nachfolger übernahmen dieselben Rollen, vollführten die gleichen Rituale von Habgier und Torheit." (S. 343)

Jahrzehnte lang herrschte Frieden in Simons und Miriamels Reich. Doch das scheint sich jetzt zu ändern. Gerüchte erreichen das Königspaar, dass sich etwas tut im Land der Nornen. Werden die erbitterten Gegner von einst wieder eine Gefahr für die Menschen? Aber nicht nur im Norden gibt es Unruhe. Auch bei den Menschen droht Ungemach. Es drängen Leute an die Macht, die sich dem Königshaus nicht verpflichtet fühlen. Eine schwere Aufgabe für Simon und seine Berater, das Reich zusammen zu halten. Es entfalten sich mehrere Handlungsstränge, denen zu folgen mir aber keine Schwierigkeiten gemacht hat. Ich kann mir vorstellen, dass die Komplexität mit den folgenden Büchern noch zunehmen wird. 




Bei mir entfaltet „Die Hexenholzkrone" dieselbe Sogwirkung wie schon die alten Bücher. Tad Williams' wunderbarer Erzählstil zieht mich rein in diese Welt von Menschen, Feen, Trollen und Riesen. Da fliegen die Seiten nur so dahin. Dabei ist es keineswegs so, dass sich die Geschichte vor lauter Action überschlägt. Aber die Darstellung der Umgebung ist so greifbar und die Zeichnung der Figuren so anschaulich, dass mir trotz der über siebenhundert Seiten nie langweilig wird. Dass dieses Buch nicht mit einem dramatischen Höhepunkt endet, war mir klar, schließlich wurde der erste Teil der Trilogie auf zwei Bücher verteilt. Gut, dass das zweite bereits im November erscheint, denn ich bin mir sicher: da kommt noch Großes auf uns zu.

Persönliches Fazit

„Die Hexenholzkrone" hat mich wie die Vorgänger von Beginn an gefesselt und eine Sogwirkung auf mich entfaltet. Ein Lesefest für Freunde der klassischen Fantasy.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Der letzte König von Osten Ard: Die Hexenholzkrone 1 | Tad Williams | Klett-Cotta Verlag
2017, gebunden, 750 Seiten, ISBN: 9783608949537
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Rezension: Palast der Finsternis | Stefan Bachmann

Donnerstag, 14. September 2017 1 Kommentar



Die Außenseiterin Anouk ist mit vier anderen Kandidaten nach Paris gekommen, um einen lange verschütteten unterirdischen Palast zu erforschen, den ein verrückter Adliger zur Zeit der Französischen Revolution als Versteck für seine Familie erbauen ließ. Doch nachdem die Jugendlichen einmal durch die Tür mit dem Schmetterlingswappen getreten sind, erwartet sie in jedem weiteren Raum ein neuer Abgrund, den sie nur gemeinsam bezwingen können. [© Text und Cover: Diogenes Verlag]

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Das klingt doch mal aufregend: einen Palast erforschen zu dürfen, den seit über zweihundert Jahren kein Mensch mehr betreten hat. Welche Kunstwerke, Reichtümer und Kuriositäten warten dort unter der Erde wohl auf ihre Entdecker? Eine sehr reizvolle Aufgabe für die fünf jungen Leute, die extra dafür nach Frankreich eingeflogen werden. Anouk ist von Natur aus ein recht misstrauischer Mensch. Ihr drängt sich schon die Frage auf, wieso die Eigentümer des Anwesens diese Forschung nicht an renommierte Wissenschaftler vergeben haben. Klar, dass das, was sie dort finden, etwas ganz anderes und viel gefährlicheres ist, als sie und ihre Gruppe erwartet haben. Eine atemlose Jagd beginnt, die mich bis zum Ende gepackt hat.






Meistens finde ich Charaktere besonders interessant, wenn sie eine verzweifelte, unglückliche Seite haben. Anouk ist eine Person dieser Art. Mit ihren siebzehn Jahren flüchtet sie von ihrem Elternhaus in dieses Abenteuer, ohne zu sagen, wo sie hinfährt. Irgendetwas muss sie sehr verletzt haben. Das ist eine der Fragen, die den Spannungsbogen hochhalten, schließlich will ich wissen, was sie so belastet und sie zur Außenseiterin gemacht hat. Ihre vier Mitstreiter bleiben dagegen etwas blass.

„Ich glaube einfach nicht daran, dass die Menschen im Grunde ihres Herzens gut sind. Im Gegenteil: Ich glaube, dass die Leute im Grunde ihres Herzens am allerschlimmsten sind." (Kapitel 5)

Der Roman wechselt hin und wieder zwischen heute und dem Jahr 1789, der Zeit der Französischen Revolution. Die Familie Bessancourt, denen das Schloss gehört, ist wie jeder Adelige zu der Zeit in akuter Lebensgefahr. Viele von denen werden in Paris und anderen Städten getötet. Es ist nicht die Frage, ob der Mob das Landgut erreicht, sondern wann. Nach und nach werden mir die Zusammenhänge zwischen damals und heute klar. Das ergibt einen ausgefeilten Plot mit Menschen, die Gott spielen wollen und nicht bedenken, was sie in ihrem Größenwahn anrichten. Das hat ordentlich Tempo und ist sehr spannend.

Persönliches Fazit

Der „Palast der Finsternis" zieht mich von Beginn an in seinen Bann. Schließlich will ich auch wissen, was da unter der Erde wartet. Ein sehr spannender und temporeicher Kampf um Leben und Tod mit einem gut konstruierten Plot. 

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Palast der Finsternis | Stefan Bachmann | Diogenes Verlag
2017, ebook, 320 Seiten (Printausgabe), ISBN: 9783257608052
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]