Aufgelesen #28: Zurückgehört [1/2]

Dienstag, 17. Januar 2017 0 Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser, vielen Zeitgenossen hat das Feuerwerk in den ersten Sekunden des Jahres einen Stoßseufzer entlockt: 2016 ist überstanden. Ich nutze nun die Gelegenheit für einen ganz und gar subjektiven Rückblick. Analog zu Kollege Sebastians Rückblick werde ich mich mit den in archaischer Form übermittelten Geschichten widmen, den Hörbüchern

© kaboompics.com







In dieser Hinsicht hielt das abgelaufene Jahr so viele Kostbarkeiten bereit, dass ich eine Einschränkung auf fünf Titel wie beim letzten Mal nicht mehr verantworten kann. Und auch, wenn Ranglisten oft sensationslüstern als künstlicher Wettbewerb inszeniert werden, wage ich doch diese Form. Sie motiviert nämlich dazu, sich noch einmal in einer Weise mit den einzelnen Titeln auseinanderzusetzen, dass sie gegeneinander abgegrenzt, miteinander verglichen werden können. Anders ausgedrückt: Ich lade euch ein, die besten Geschichten noch einmal mit mir im Schnelldurchlauf zu erleben:

10. Owen Sheers: I Saw A Man


Ein Hörbuch, dessen Handlung sich in zwei Sätzen zusammenfassen lässt (lest dazu gerne meine Rezension) und dennoch begeistert, das muss etwas Besonderes sein.
Wobei ... begeistern ist der falsche Begriff, der Autor verströmt keine Euphorie, er weckt Interesse an den unterschiedlichen Lebensgeschichten, die einander in diesem kurzen Moment begegnen, als das Mädchen das Gleichgewicht verliert und die Treppe hinunterstürzt. Und mit ihm geraten auch die Pläne, Wünsche, Ordnungen anderer Menschen aus ihrer Balance. Eine in angemessen nüchternem Tonfall vorgetragene Parabel auf das verästelte Netz aus Kontakten und Schicksalen, aus dem unsere Welt gesponnen ist.




9. Ramez Naam: Nexus


Wenn man an einem heißen Sommertag im Gebirge unterwegs ist, kein Blatt sich bewegt, man schon mit neugierigem Rotwild rechnen könnte ... und dann erschrocken zusammenzuckt, weil aus den Kopfhörern Uve Teschners schneidende Stimme peitscht ... dann ist das ein starkes Argument für das Hörbuch. Teschner reißt seine Hörer aus dem Alltag, wirft sie in das von einem KI-Experten entworfene Szenario einer möglichen Zukunft, geprägt von Regierungen, die sich nicht mehr mit den natürlichen Grenzen des Menschen zufriedengeben. Das Genre des Wissenschafts- und Technikthrillers lebt von fundierten Sachinformationen, verständlich aufbereitet und zu einer spannenden Geschichte verarbeitet. "Nexus" erkundigt sich außerdem bei Protagonisten und Hörern nach den ethischen Grenzen der Forschung und einem offensichtlich exakt auf das Thema vorbereiteten Sprecher. Authentisch genug, um mich letzten Sommer am steinigen Boden unter den Sohlen zweifeln zu lassen. 
Meine vollständige Rezension zu diesem Hörbuch findet ihr HIER.


8. Noah Hawley: Vor dem Fall


Ich bin mir nicht sicher, was ich mir erwartet habe, vermutlich wohl eine spannende Geschichte über einen Flugzeugabsturz und dessen Aufklärung, vielleicht eine Verschwörungstheorie eingestreut, vielleicht Geplänkel unter Geheimdiensten. Das Buch hat meine Erwartungen letzlich nicht erfüllt. Stattdessen wurde vor meinem inneren Auge ein Mosaik aus unterschiedlichen Lebensgeschichten gelegt, die sich nach und nach zu einem Gesamtbild vervollständigen. Die Lebenslinien unterschiedlicher Persönlichkeiten, eines Künstlers, eines Medientycoons, einer Stewardess, eines Piloten und seines Copiloten überschneiden sich in einer Katastrophe, die nur zwei von ihnen überleben. Das Ereignis wird medial ausgeschlachtet, die Pesonen zu willenlosen Puppen degradiert, die beiseite geworfen werden, wenn man ihrer überdrüssig ist. Noah Hawley erzählt zugleich feinsinnig und zynisch von Träumen, Hoffnungen, großen Plänen, zeichnet seine Figuren so differenziert, daß schlußendlich die Aufklärung des Unglücks nur mehr marginal interessant ist. 

7. Monster 1983


Bereits meiner Kolumne zum Jahresausklang habe ich von diesem Hörspiel geschwärmt, das die Tage meiner Kindheit wieder aufleben lässt. Die Besetzung liest sich wie eine Shortlist für die Nominierung zum besten Sprecher, neben David Nathan in der Hauptrolle, Ekkehardt Belle oder Luise Helm löst vor allem die befehlsgewohnte Stimme von Norbert Langer - bekannt als Synchronsprecher von Tom Selleck und Burt Reynolds - Erinnerungen aus. Das ausschließlich aus Filmen und Fernsehserien bekannte Amerika dieser Zeit bestand aus endlosen Highways, gemütlichen Diners und einem Sheriff als Verkörperung der Gerechtigkeit in jeder Stadt. Monster 1983 strapaziert ganz bewusst all diese Klischees, vernachlässigt dabei Realismus und Political Correctness und wirkt somit wie die x-te Wiederholung von MacGyver, The Goonies oder den Bud Spencer-Filmen. 

6. Tess Gerritsen: Totenlied


Die amerikanische Autorin verläßt das vertraute Terrain des Bostoner Police Departments, um einfühlsam eine Geschichte zu erzählen, die ihr - wie sie angibt - persönlich am Herzen liegt. Und dabei handelt es sich nicht um ein vom Verlag neu aufgelegtes Frühwerk, das vom Erfolg der Rizzoli-Isles-Serie profitieren möchte. Wie bereits in meiner ausführlichen Rezension festgestellt, ist die Beschreibung irreführend: Es ist kein Thriller über ein mordendes Kind oder eine verfluchte Partitur, sondern eine musikalische Reise in tieftraurigem Moll in das Venedig zur Zeit des Nationalsozialismus. Wenn auch Mechthild Großmann den Figuren diesmal nicht vollständig gerecht wird, fesselt doch die bewegende Handlung. Und ein von der Autorin selbst komponierter Walzer als akustischer Anhang, das wissen auch die wenigsten Hörbücher zu bieten. 



Die Nummerierung von zehn bis sechs lässt es bereits erahnen: The best is yet to come. Oder zumindest meine subjektive Auswahl der vertonten Titel aus dem Jahr 2016.
Jene fünf Hörbücher, die mich innerhalb der vergangenen zwölf Monate am stärksten beeindruckt, überrascht, mir nachhaltig in Erinnerung geblieben sind, findet ihr in zwei Wochen an dieser Stelle in der Kolumne "Aufgelesen". 
Möget ihr bis dahin stets von einem ansprechenden Buch begleitet werden.

Kommentierfrage: Welche Hörbücher begeisterten euch im vergangenen Jahr besonders - und warum? 

© Wolfgang Brandner
[wolfgang]

Rezension: Das Geheimnis der Großen Schwerter 2: Der Abschiedsstein | Tad Williams

Samstag, 14. Januar 2017 0 Kommentare

Weiter geht's mit dem zweiten Teil der Fantasy-Saga.



Der untote Elbenprinz Ineluki ist zurück und will sich für vergangenes Unrecht an den Menschen rächen. Für seine grausamen Ziele hat er sich mit Elias verbündet, der die Herrschaft auf dem Hochhorst übernommen hat. Josua, Elias Bruder und Konkurrent um die Thronfolge, ist nur knapp einem Anschlag entkommen. [© Text und Cover: Klett-Cotta Verlag]

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Es geht zurück nach Osten Ard mit dem zweiten Band des Geheimnisses der Großen Schwerter. Nach dem beeindruckenden ersten Teil mit dem Titel „Der Drachenbeinthron" bin ich sehr gespannt darauf, was Simon und die anderen in ihrer faszinierenden Welt noch erleben. Und das ist so einiges, denn dieses Buch bringt es immerhin auch auf knapp 900 Seiten. Damit und durch die kleine Schrift ist es ein Fantasywälzer im besten Sinne. Einer, der einen lange beschäftigt und in den man herrlich abtauchen kann. Am Anfang findet sich eine kurze Zusammenfassung des ersten Teils, das hilft beim wieder Reinfinden. Das ersetzt die Lektüre allerdings nicht, wer in das Geheimnis der Großen Schwerter einsteigen will, sollte unbedingt mit dem Drachenbeinthron beginnen. 

Nachdem das Reich des verstorbenen Königs Johan im ersten Teil beginnt, auseinander zu fallen, nimmt jetzt die Bedrohung aus dem Norden weiter zu. Die Macht der Nornen wächst und drängt die Verbliebenen der „guten Seite" zur Flucht und in Verstecke. Es ist kaum vorstellbar, dass Prinz Josua mit seiner kleinen Schar Überlebender noch etwas dagegen ausrichten kann. Und ausgerechnet Simon, dem Küchenjungen soll es gelingen, die drei legendären Schwerter zusammen zu tragen, die vermutlich den Vormarsch der mystischen Feinde stoppen können? Da ist wohl nur noch der berühmte letzte Strohhalm übrig, der den Helden Zuversicht gibt.






Im Vergleich zum Vorband nimmt die Komplexität zu, es sind jetzt fünf bis sechs Handlungsstränge zu verfolgen. Das erfordert mehr Aufmerksamkeit, überfordert fühlte ich mich damit aber nicht. Durch die Wechsel werden mir sehr unterschiedliche Teile von Osten Ard näher gebracht. Von den eisigen Bergen des Nordens über geheimnisvolle Wälder bis zu den Häfen und Sümpfen des Südens lerne ich beeindruckende Schauplätze kennen. Und auch verschiedenste Völker und Wesen wie Riesen oder Trolle, die auf Widdern reiten. Das und auch die gut ausgearbeiteten Charaktere, die bis in die Nebenrollen stimmig sind, ziehen mich in die epische Geschichte hinein.

„Simon schüttelte den Kopf und pustete auf seine eiskalten Hände. Seine Ideen gingen ihm durch und hüpften herum wie Mäuse in einer unversperrten Speisekammer." (S. 222)

Bemerkenswert ist auch Tad Williams' Schreibstil. Besonders durch die Sprache der Protagonisten kommt ein gewisses Mittelalterflair auf. Das fördert die Atmosphäre von Mythen und Legenden. Williams lässt seine Helden gelegentlich sogar über das Leben, den Tod oder Gott philosophieren. Ein großartiger Erzähler! Der zweite Band ist zwar auch nicht wirklich actionreich, ich bin dennoch von der Dramaturgie und der stimmigen Fantasywelt gefesselt.


Persönliches Fazit 

Nach dem faszinierenden ersten Teil zieht mich auch der zweite in seinen Bann. Mehr Komplexität und mehr von den Ländern der Welt von Osten Ard, mehr Völker und mystische Wesen tragen zu einem ruhigen aber stimmungsvollen und wunderbar erzählten Fantasy-Leseerlebnis bei.


© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Das Geheimnis der Großen Schwerter 2: Der Abschiedsstein | Tad Williams | Klett-Cotta Verlag
Aus dem Amerikanischen von Verena C. Harksen
2013, gebunden, 891 Seiten, ISBN: 9783608938678
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[marcus]

Rezension: Die Wahrheit | Melanie Raabe

Freitag, 13. Januar 2017 0 Kommentare

Vor sieben Jahren ist der reiche und zurückgezogen lebende Geschäftsmann Philipp Petersen während einer Südamerikareise spurlos verschwunden. Seither zieht seine Frau Sarah (37) den gemeinsamen Sohn alleine groß. Doch dann erhält Sarah wie aus heiterem Himmel die Nachricht, dass Philipp am Leben ist. Die Rückkehr des vermeintlichen Entführungsopfers löst ein gewaltiges Medieninteresse aus. Sarah hat zwiespältige Gefühle, nach all der Zeit verständlich. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Gerade war sie dabei, sich von der Vergangenheit zu lösen. Ihr Ehemann taucht, wenn man so will, zur Unzeit auf. Was wird werden? Gibt es eine gemeinsame Zukunft? Sie ist auf alles vorbereitet, nur auf das eine nicht: Der Mann, der aus dem Flugzeug steigt, ist nicht der, als der er sich ausgibt. Es ist nicht ihr Ehemann. Es ist ein Fremder - und er droht Sarah: Wenn sie ihn jetzt bloßstelle, werde sie alles verlieren: ihren Mann, ihr Kind, ihr ganzes scheinbar so perfektes Leben ... [Text & Cover: © btb Verlag]

[trennlinie]

Ein Mann kommt nach Hause, und seine Frau erkennt ihn nicht mehr. Umgekehrt ist die panische Reaktion verständlich, denn der Fremde, der sich der Protagonistin vertraulich nähert, ist nicht jener, den sie geheiratet hat. Was ist hier los?



Diese Ausgangssituation haben Poznanski und Strobel jüngst zu einem Thriller mit dem Titel "Fremd" verarbeitet. Die kritischeren Rezensenten sind sich weitgehend einig: Die Ausarbeitung wird dem Potential des Stoffes nicht gerecht, zu naiv agiert die weibliche Hauptfigur, zu ratlos wirkt die Entwicklung des Plots, zu sehr an den Haaren herbeigezogen wirkt die Auflösung.
Melanie Raabes zweiter Roman wirkt nun, als hätte sie sich diese Kritik zu Herzen genommen und die Geschichte von Grund auf neu entworfen. Sie verzichtet auf seltsame Verschwörungstheorien und leinwandtaugliche Actionszenen, die beim deutsch-österreichischen Autorenduo den Eindruck erwecken,  damit sollte Ratlosigkeit überbrückt werden. Raabe nutzt ihre Geschichte vielmehr wie ein Gelenk, mit dem sie den Bewegungsspielraum in alle Richtungen auslotet, ohne es unnatürlich zu verdrehen. Mit einer einer neuen Information ändert auch die Grundannahme, auf der die Geschichte fußt, schlägt die Handlung eine neue Richtung ein. Raabe achtet dabei auf die Schmerzsignale ihres narrativen Gelenks, um den Rahmen des Glaubwürdigen nicht zu verlassen. Als bewährtes Stilmittel dazu dient ihr das Spiel mit unzuverlässigen Erzählinstanzen. Sorgfältig wird die Glaubwürdigkeit einer jeden Figur infrage gestellt, die Elemente der Geschichte neu arrangiert, sodass am Ende aus den anfangs bekannten Mosaiksteinen ein gänzlich neues Bild entstanden ist.



Anstatt wie in "Fremd" die Größenordnung und damit beinahe auch das Genre zu wechseln, konzentriert sich "Die Wahrheit" ganz auf das Gefühlsleben der Hauptfigur Sarah, erfasst jede Nuance ihrer Stimmungen um so ein authentisches Bild ihres Charakters zu erzeugen, der die Parameter für ihre Handlungen definiert. Was den Roman zudem auszeichnet ist Raabes feines stilistisches Sensorium. Zu Beginn markiert ein neuer Haarschnitt die Zäsur im Leben der Hauptfigur, ein Symbol, das bereits auf dem Cover angedeutet ist.

Dazu heißt es: "Ich beweine meine Haare mit drei großen, stummen Tränen, die zu Boden fallen wie der erste Schnee des Winters." (S. 13)

Die Wahrnehmung der Protagonistin nimmt breiten Raum ein, findet sich doch das Innere im Äußeren gespiegelt. Eine Zäsur, ein Stimmungsumschwung wird etwa folgendermaßen eingeleitet:

"Alles blendet mich. Die Welt sieht anders aus als zuvor. Jemand hat einen Filter über sie gelegt, der alles verändert. Der Himmel ist blauer als zuvor, kobaltblau. Die Blätter an den Bäumen sind neongrün, das Sonnenlicht so hell, daß es mir in den Augen schmerzt (...)." (S. 54)

Und die Dissonanz, die sich mit dem Auftauchen jenes Mannes einstellt, der ihr so fremd erscheint, manifestiert sich folgendermaßen:

"Seine Präsenz hat von meinem Zuhause Besitz ergriffen, es ist wie ein tiefer Ton, den man mehr mit dem Bauch wahrnimmt als mit den Ohren und der macht, daß sich einem alle Körperhärchen aufstellen." (S. 253)

Persönliches Fazit

Melanie Raabes zweiter Roman ist ein feinfühliges Psychogramm einer Zweifelnden, das Wendungen bietet, die den Leser über den Rahmen der Geschichte hinauskatapultieren, aber sicher wieder landen lassen. Letztendlich ist es jedoch die Freude der Autorin am Spiel mit der Sprache, die ansteckt, die den Geist entflammt.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner

Die Wahrheit | Melanie Raabe | btb Verlag
2016, Klappbroschur, 448 Seiten, ISBN: 978-3-442-75492-2
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