Rezension: Der letzte König von Osten Ard: Die Hexenholzkrone 1 | Tad Williams

Sonntag, 17. September 2017 0 Kommentare

Vielversprechender Start der neuen Reihe im Fantasyreich Osten Ard.


Osten Ard ist in Aufruhr. Seit 30 Jahren regieren König Simon und Königin Miriamel mit Weisheit und Güte über ihr Land. Doch die dunklen Mächte sammeln sich um die Nornenkönigin und wollen sich Osten Ard untertan machen.
Vor allem Prinz Morgan ist in Gefahr, denn die Feinde wollen seine Thronbesteigung verhindern und selbst die Macht erlangen. Da ruft König Simon seine alten Freunde zu Hilfe, und Binabiq, Aditu, Jiriki und Jeremias treten gemeinsam mit ihm gegen die Nornen und andere Widersacher an. Wird es einen gerechten Kampf geben? Können die Freunde Osten Ard verteidigen? Und wird Prinz Morgan unversehrt aus der Schlacht zurückkehren? [© Text und Cover: Klett-Cotta Verlag]

[trennlinie]

Hier ist er jetzt also endlich, der erste Band der neuen Fantasyreihe von Tad Williams, die uns wieder auf den Kontinent Osten Ard mitnimmt. Nachdem mich die alte Trilogie begeistern konnte, habe ich mich schon darauf gefreut, mehr von Simon und seinen Freunden lesen zu können. Der Autor schreibt in seinem Vorwort, dass es nicht notwendig sei, die Reihe um das „Geheimnis der Großen Schwerter" zu kennen. Dem kann ich im Prinzip zustimmen, allerdings bleibt dann die ein oder andere Bemerkung unklar. Das hat zwar auf das Verständnis der neuen Geschichte keine Auswirkung, das Gefühl, etwas verpasst zu haben, bleibt aber zurück. Deshalb empfehle ich Osten Ard-Neueinsteigern, mit der alten Reihe zu beginnen. Es wäre auch wirklich schade, die zu verpassen!

Folgende Bücher über Osten Ard sind bisher erschienen:
Das Geheimnis der Großen Schwerter 1: Der Drachenbeinthron
Das Geheimnis der Großen Schwerter 2: Der Abschiedsstein
Das Geheimnis der Großen Schwerter 3: Die Nornenkönigin
Das Geheimnis der Großen Schwerter 4: Der Engelsturm
Das Herz der verlorenen Dinge

Zunächst ist es schon etwas ungewohnt, dem damals recht unbedarften Küchenjungen Simon dreißig Jahre nach dem Kampf gegen die Nornen als König und Großvater wieder zu begegnen. Aber nicht nur er ist älter geworden, auch seine Mitstreiter strotzen nicht mehr so voller Kraft wie zu der Zeit, als sie gemeinsam auf dem Schlachtfeld standen. Trotzdem ist es schön, die geschätzten Helden der alten Bücher wieder zu treffen. 

„Mit jedem Jahrzehnt, so schien es, verschwanden mehr von den alten Mitspielern von der Bühne, aber ihre Nachfolger übernahmen dieselben Rollen, vollführten die gleichen Rituale von Habgier und Torheit." (S. 343)

Jahrzehnte lang herrschte Frieden in Simons und Miriamels Reich. Doch das scheint sich jetzt zu ändern. Gerüchte erreichen das Königspaar, dass sich etwas tut im Land der Nornen. Werden die erbitterten Gegner von einst wieder eine Gefahr für die Menschen? Aber nicht nur im Norden gibt es Unruhe. Auch bei den Menschen droht Ungemach. Es drängen Leute an die Macht, die sich dem Königshaus nicht verpflichtet fühlen. Eine schwere Aufgabe für Simon und seine Berater, das Reich zusammen zu halten. Es entfalten sich mehrere Handlungsstränge, denen zu folgen mir aber keine Schwierigkeiten gemacht hat. Ich kann mir vorstellen, dass die Komplexität mit den folgenden Büchern noch zunehmen wird. 




Bei mir entfaltet „Die Hexenholzkrone" dieselbe Sogwirkung wie schon die alten Bücher. Tad Williams' wunderbarer Erzählstil zieht mich rein in diese Welt von Menschen, Feen, Trollen und Riesen. Da fliegen die Seiten nur so dahin. Dabei ist es keineswegs so, dass sich die Geschichte vor lauter Action überschlägt. Aber die Darstellung der Umgebung ist so greifbar und die Zeichnung der Figuren so anschaulich, dass mir trotz der über siebenhundert Seiten nie langweilig wird. Dass dieses Buch nicht mit einem dramatischen Höhepunkt endet, war mir klar, schließlich wurde der erste Teil der Trilogie auf zwei Bücher verteilt. Gut, dass das zweite bereits im November erscheint, denn ich bin mir sicher: da kommt noch Großes auf uns zu.

Persönliches Fazit

„Die Hexenholzkrone" hat mich wie die Vorgänger von Beginn an gefesselt und eine Sogwirkung auf mich entfaltet. Ein Lesefest für Freunde der klassischen Fantasy.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Der letzte König von Osten Ard: Die Hexenholzkrone 1 | Tad Williams | Klett-Cotta Verlag
2017, gebunden, 750 Seiten, ISBN: 9783608949537
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Wolfram Ströle
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Rezension: Palast der Finsternis | Stefan Bachmann

Donnerstag, 14. September 2017 1 Kommentar



Die Außenseiterin Anouk ist mit vier anderen Kandidaten nach Paris gekommen, um einen lange verschütteten unterirdischen Palast zu erforschen, den ein verrückter Adliger zur Zeit der Französischen Revolution als Versteck für seine Familie erbauen ließ. Doch nachdem die Jugendlichen einmal durch die Tür mit dem Schmetterlingswappen getreten sind, erwartet sie in jedem weiteren Raum ein neuer Abgrund, den sie nur gemeinsam bezwingen können. [© Text und Cover: Diogenes Verlag]

[trennlinie]

Das klingt doch mal aufregend: einen Palast erforschen zu dürfen, den seit über zweihundert Jahren kein Mensch mehr betreten hat. Welche Kunstwerke, Reichtümer und Kuriositäten warten dort unter der Erde wohl auf ihre Entdecker? Eine sehr reizvolle Aufgabe für die fünf jungen Leute, die extra dafür nach Frankreich eingeflogen werden. Anouk ist von Natur aus ein recht misstrauischer Mensch. Ihr drängt sich schon die Frage auf, wieso die Eigentümer des Anwesens diese Forschung nicht an renommierte Wissenschaftler vergeben haben. Klar, dass das, was sie dort finden, etwas ganz anderes und viel gefährlicheres ist, als sie und ihre Gruppe erwartet haben. Eine atemlose Jagd beginnt, die mich bis zum Ende gepackt hat.






Meistens finde ich Charaktere besonders interessant, wenn sie eine verzweifelte, unglückliche Seite haben. Anouk ist eine Person dieser Art. Mit ihren siebzehn Jahren flüchtet sie von ihrem Elternhaus in dieses Abenteuer, ohne zu sagen, wo sie hinfährt. Irgendetwas muss sie sehr verletzt haben. Das ist eine der Fragen, die den Spannungsbogen hochhalten, schließlich will ich wissen, was sie so belastet und sie zur Außenseiterin gemacht hat. Ihre vier Mitstreiter bleiben dagegen etwas blass.

„Ich glaube einfach nicht daran, dass die Menschen im Grunde ihres Herzens gut sind. Im Gegenteil: Ich glaube, dass die Leute im Grunde ihres Herzens am allerschlimmsten sind." (Kapitel 5)

Der Roman wechselt hin und wieder zwischen heute und dem Jahr 1789, der Zeit der Französischen Revolution. Die Familie Bessancourt, denen das Schloss gehört, ist wie jeder Adelige zu der Zeit in akuter Lebensgefahr. Viele von denen werden in Paris und anderen Städten getötet. Es ist nicht die Frage, ob der Mob das Landgut erreicht, sondern wann. Nach und nach werden mir die Zusammenhänge zwischen damals und heute klar. Das ergibt einen ausgefeilten Plot mit Menschen, die Gott spielen wollen und nicht bedenken, was sie in ihrem Größenwahn anrichten. Das hat ordentlich Tempo und ist sehr spannend.

Persönliches Fazit

Der „Palast der Finsternis" zieht mich von Beginn an in seinen Bann. Schließlich will ich auch wissen, was da unter der Erde wartet. Ein sehr spannender und temporeicher Kampf um Leben und Tod mit einem gut konstruierten Plot. 

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Palast der Finsternis | Stefan Bachmann | Diogenes Verlag
2017, ebook, 320 Seiten (Printausgabe), ISBN: 9783257608052
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

Rezension: Luana | Luiza Sauma

Samstag, 9. September 2017 1 Kommentar

Sommer in Brasilien...


Selbst nach Jahrzehnten in London kann André seine Heimat nicht vergessen: Rio de Janeiro und der sonnengetränkte Strand von Ipanema. Besonders verfolgen ihn die Erinnerungen an den Sommer 1985, als sein wohlbehütetes und sorgenfreies Leben jäh endete: Es war der Sommer, als seine Mutter starb. Und der Sommer, als er sich in das Dienstmädchen Luana verliebte. Eine geheime, eine unmögliche Liebe. Dreißig Jahre später schreibt Luana ihm einen Brief, und André reist nach Brasilien. Er will sich endlich der Verantwortung stellen, vor der er als junger Mann geflohen war, und muss die schmerzhafte Erfahrung machen, dass manche Versäumnisse unwiederbringlich sind. [© Text und Cover: Hoffmann und Campe Verlag]

[trennlinie]

Wie prägend sind doch die Jugendjahre! Als André den Brief von Luana erhält, kommen die Erinnerungen zurück. Er erzählt in der Ichform von seinem Leben in Rio der achtziger Jahre. Nachdem seine Mutter bei einem Autounfall starb, lebt er mit seinem Bruder und seinem Vater mit Sichtweite zum Strand in komfortablen Umständen. Sein Vater ist Chef einer chirurgischen Klinik, daher ist die Familie ganz gut situiert. Auch Andrés Freunde bewegen sich in diesen Kreisen, die die armseligen Lebensbedingungen in den Favelas gekonnt ausblenden können. André hat Zeit und Muße, mit seiner Clique abzuhängen und seine Jugend zu genießen.






Er muss sich um nichts kümmern, schließlich haben sie zwei Hausmädchen, die den Haushalt schmeißen. Das ist André schon immer so gewohnt, er macht sich keine Gedanken darüber, wo Rita und ihre Tochter Luana herkommen und wie sie leben.

„Rückblickend wird mir klar, dass jemand – eine empregada – dort vor unserem Besuch sauber gemacht haben musste. Doch damals fielen mir solche Dinge gar nicht auf. Mahlzeiten tauchten auf, Häuser putzten sich von selbst, Betten wurden gemacht." (S. 37)

Die ethnischen und sozialen Differenzen nimmt André als gegeben hin. Luana entwickelt sich allerdings zu einer wahren Schönheit. Und obwohl er genau weiß, dass er auf jeden Fall die Finger von ihr lassen muss, kann er nicht verhindern, dass er sich in sie verliebt. So nimmt das Schicksal seinen Lauf…

„Wir waren dem Untergang geweiht." (S. 189)


Zugegeben, der Plot, den Luiza Sauma hier aufgestellt hat, sprüht nicht gerade vor Einfallsreichtum. Eine schicksalhafte Liebe zwischen Ober- und Unterklasse wurde schon oft erzählt. Lesenswert finde ich den Roman trotzdem, denn zum einen verknüpft die Autorin die Erlebnisse der Jugend sehr gut mit der Tragödie um den Tod von Andrés Mutter. Keine Spur also von einer Liebesschnulze. Zum anderen stellt sie die Bedeutung von Schuld und Reue und die Auswirkungen der damaligen Geschehnisse durch die Zeitsprünge gut dar. Letztendlich fängt sie auch die Atmosphäre des heißen und schwülen Brasiliens und die Hoffnungen und Leidenschaften des jungen André sprachlich gut ein und macht die Geschichte dadurch lebendig.

Persönliches Fazit

„Luana" ist die Geschichte einer schicksalhaften Liebe, die im Kern nichts Neues erzählt. Ich fand sie trotzdem lesenswert, denn Luiza Sauma verbindet sprachlich ansprechend Drama und Leidenschaft, ohne Gefahr zu laufen, ins Kitschige abzudriften.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Luana | Luiza Sauma | Hoffmann und Campe Verlag
Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt
2017, gebunden, 304 Seiten, ISBN: 9783455000016
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]