Rezension: Die Lieferantin | Zoë Beck

Dienstag, 22. August 2017 0 Kommentare

Auch Verbrecher gehen mit der Zeit


London, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Ein Drogenhändler treibt tot in der Themse, ein Schutzgelderpresser verschwindet spurlos. Ellie Johnson weiß, dass auch sie in Gefahr ist - sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert.
Die Sache hat nur einen Haken - die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will "Die Lieferantin" tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen - ihre Gegner sind mächtig, und sie lauern an jeder Straßenecke. [Text & Cover: Suhrkamp Verlag]

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Die Zeitangabe am Beginn des Romans ist diffus: "London, vielleicht bald". Der Brexit, der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, ist gerade dabei, verarbeitet zu werden, nationalistische Kräfte, gut erkennbar in den Landesfarben rot, weiß und blau marodieren mit kaum verhaltener Aggression gegen Ausländer durch die Straßen der Metropole an der Themse, ein Gefühl von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit liegt beinahe greifbar in der Luft. Elektroautos, deren Einführung aktuell (Juli 2017) beschlossen wird, haben im Stadtbild ihre älteren Geschwister mit Verbrennungsmotoren vollständig verdrängt. Das öffentliche Netz der Überwachungskameras ist inzwischen so engmaschig geworden, daß jeder Winkel abgedeckt wird. Der Widerstand dagegen ist längst erlahmt, die Menschen haben sich damit abgefunden und agieren unter ständiger Beobachtung: 

"Wenn sich jemand die CCTV-Aufzeichnungen ansah, würde es aussehen, als hätte sie ein bestimmtes Ziel und sich anfangs nur verlaufen." (S. 68)

Dennoch würde es dem Werk nicht gerecht, es als Science-Fiction zu klassifizieren, vielmehr handelt es sich um eine Gesellschaftsutopie, die im Begriff ist, realisiert zu werden . Die Autorin charakterisiert den Lebensstil von Menschen, deren Selbstverständnis in einer modernen Urbanität begründet ist. Sie beziehen (TV-)Serien über Streaming-Dienste, benutzen Selftracking-Apps, um ihre Krankenversicherung gewogen zu stimmen und abstrahieren das Geschehen außerhalb der eigenen vier Wände durch wahllosen Nachrichtenkonsum:

"Alles schien weit weg. So als wären die Britischen Inseln in den Ozean getrieben und vergessen worden." (S. 95)

Die Isolation ist nicht nur geopolitischer Natur, sie hat sich tief in die Seelen gegraben. Der Handel mit Suchtgift floriert, doch nicht mehr Partydrogen und Aufputschmittel, sondern Opiate und beruhigende Substanzen zählen zu den beliebtesten Produkten der Dealer. In diese kollektive Lethargie platzen die Rotweißblauen, britische Nationalisten, die anfangs verstören, sich jedoch nach und nach in das Inventar der Stadt fügen. An dieser, vorwiegend aus dem studentischen Umfeld stammenden Gruppe, spiegelt die Autorin die schrittweise Eskalation der Geschichte selbst. Während sie am Beginn noch den Anschein skandierender Demonstranten wahren, sinkt ihre Hemmschwelle immer weiter. Sie pöbeln wahllos Passanten an und ziehen am Ende mordend und plündernd durch die Straßen.

Zentrales Thema des Romans ist der Handel mit Drogen und die kontroversielle Frage, ob es so etwas wie einen moralisch korrekten Umgang mit ihnen geben kann. Analog zum Brexit, steht ein Referendum zum "Druxit", zum Ausstieg aus der Kriminalisierung von Drogen und somit ihrer weitgehenden Legalisierung bevor. Ellie Johnson, die titelgebende Lieferantin, läßt ihre Kunden mit technologisch weit fortgeschrittenen Drohnen beliefern und legt größten Wert auf die hohe Qualität ihrer Ware. Ihr Bruder starb an verunreinigtem Heroin, mit den Erlösen aus ihren Geschäften finanziert sie die Kampagne zur Legalisierung, sowie eine Entzugsklinik. Ihre Absicht ist es also, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Ihre Motive sind ehrbar, ihre Methoden jedoch zweifelhaft. Die Autorin schildert Ellie als willensstark, entschlossen, hält sich jedoch weitgehend mit wertenden Einschätzungen zurück, sodaß es dem Leser überlassen bleibt, sie zu be- oder verurteilen.

Das Innovative an Ellies Geschäftsmodell ist die Übergabe der verbotenen Ware garantiert ohne persönlichen Kontakt. Autonome Fluggeräte kämpfen sich derzeit als Spielzeuge, Transportmittel, als Waffen und als Werkzeuge zur Überwachung in unseren Alltag, der entsprechende rechtliche Rahmen ist aktuell noch unvollständig und bestenfalls als Halbwissen bekannt. Der Umstand, daß aktuelle Technologie auch von Kriminellen verwendet wird, ist somit eine logische Konsequenz dieser Entwicklung, verleiht jedoch dem Roman seine besondere Originalität.

Die Menschheitsgeschichte ist geprägt von Übergangsprozessen, in denen bis dahin gültige Wahrheiten außer Kraft gesetzt werden. Jene Kräfte, die danach trachten, den bisherigen Zustand zu bewahren, finden sich auf einem Rückzugsgefecht, während jene, die von der Veränderung profitieren, ihre Chance ergreifen. So lange, bis auch sie zum Establishment werden und von der nächsten Generation abgelöst werden. "Die Lieferantin" spielt genau in einer solchen Zeit des Umbruchs. Der Brexit ist noch nicht in all seinen Konsequenzen wirksam, das Referendum zur Drogenlegalisierung nicht entschieden, und neue Technologien verändern radikal alte Märkte. Zwei Figuren verkörpern dabei extreme Positionen dieser Übergangszeit. Auf der einen Seite steht Walter Boyce, Oberhaupt einer der Unterweltfamilien, der über die neuen Methoden im Drogengeschäft wenig erfreut ist und seine Gegner ganz konservativ mit pikanten Informationen unter Druck setzt. Auf der anderen Seite steht die junge Mo Humphries, deren natürliches Biotop das Londoner Nachtleben ist und die mit ihrem analytischen Verstand die Drohnen der Lieferantin mit entwickelt. Durch ihre schwarze Hautfarbe ist sie den rassistischen Angriffen der Rotweißblauen besonders ausgesetzt. Zwischen diesen beiden findet sich eine überschaubare Menge von Figuren, die in ihren Biographien so geschickt plaziert sind, daß sie der Autorin ermöglichen, die Geschichte aus einer Vielzahl von Blickwinkeln zu erzählen.

Persönliches Fazit

"Die Lieferantin" ist vordringlich eine originelle Gangstergeschichte erzählt mit britischer Coolness, die in einer Situation gesellschaftlicher Anspannung spielt. Die melancholischen Zwischentöne einer beunruhigenden Gesellschaftsutopie wirken wie eine freundschaftliche Warnung der Autorin vor dem Ungewissen.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Die Lieferantin | Zoë Beck | Suhrkamp
2017, Taschenbuch, 324 Seiten, ISBN: 978-3-518-46775-6
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[wolfgang]  

Rezension: Die Wölfe kommen | Jérémy Fel

Sonntag, 20. August 2017 2 Kommentare

Nichts für schwache Nerven


Was verbindet einen Jugendlichen, der in den 70er Jahren in Kansas das Haus seiner schlafenden Eltern anzündet, einen New Yorker Stricher, der Jahrzehnte später den dreijährigen Sohn einer Kundin entführt, die Kellnerin in Indiana, die von einem grauenhaften Ereignis aus ihrer Vergangenheit eingeholt wird, und den Ehemann, der auf der anderen Seite des Atlantiks rasend vor Eifersucht seine Frau umbringt? Kapitel für Kapitel, Geschichte für Geschichte führt J. Fel den Leser hinein in ein beängstigendes Labyrinth: Im Epizentrum des von den USA bis nach Europa wabernden Bösen steht der Psychopath, eiskalte Mörder und Gangsterboss Walter Kendrick. [© Text und Cover: dtv Verlag]

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Wenn ich sehe, wie Daryl das Haus seiner Eltern anzündet und ihnen einen grausamen Tod beschert, läuft es mir schon kalt den Rücken runter. Da weiß man gleich, in welche Richtung dieses Buch geht. Menschen, die so emotionslos und ohne Mitgefühl morden, nennt man wohl Psychopathen. Von diesen ebenso abstoßenden wie faszinierenden Persönlichkeiten treffen wir in diesem Thriller gleich mehrere, jede mit einem anderen Hintergrund. Was sie gemeinsam haben, ist, dass ihre Hemmschwelle zum Töten sehr gering ist.

„Als er das hört, dachte er daran, wie ihn manchmal die Angst überkam, eines Tages selbst in der Klapse zu landen, denn wenn seine Eltern ihn aus irgendeinem Grund ausschimpften, bereitete es ihm bisweilen ein geradezu diabolisches Vergnügen, sich vorzustellen, dass die beiden dasselbe Schicksal ereilte wie die Eltern von Daryl Greer." (S. 253)



Was mir an Jérémy Fels Debüt sehr gut gefallen hat, ist die ungewöhnliche Struktur. Er erzählt mehrere Geschichten gleichzeitig, und das verteilt auf England, Frankreich und die USA. Da drängt sich mir die Frage auf, was die miteinander zu tun haben. Ein großes Finale, an dem die Fäden alle zusammenlaufen, bleibt allerdings aus. Die Verbindungen bleiben eher lose. Und doch scheint Daryls Tat im Jahr 1979 eine Art Auslöser gewesen zu sein. Das ergibt einen cleveren Plot, der alles andere als von der Stange kommt und mich zum Mitdenken herausfordert.



„Die Wölfe kommen" hat auf mich eine starke Sogwirkung. Das liegt zum einen an den packenden Ereignissen, aber auch an der gekonnten Schreibweise. Jérémy Fels weiß, wie man Spannung erzeugt. Ständig habe ich das Gefühl, dass gleich etwas Übles passiert, vor allem, wenn es sich gerade zum Guten zu wenden scheint. Genau das erwarte ich von einem guten Thriller. Für mich darf es in einem Buch auch mal härter zur Sache gehen, mit ein paar brutalen Szenen wartet der Roman schon auf. Das allerdings nicht, um Gewalt zu verherrlichen, sondern um Abscheu davor hervorzurufen. Bei mir hat das jedenfalls funktioniert. Wenn ich mir vorstelle, dass es Leute unter uns geben könnte, die ein solches Potenzial haben und man es ihnen nicht ansieht, erzeugt das bei mir Gänsehaut.

Persönliches Fazit

„Die Wölfe kommen" ist ein harter Thriller, der mich mit seiner ungewöhnlichen Struktur und seiner packenden Erzählweise sehr fesseln konnte. Ein überzeugendes Debüt.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner

Die Wölfe kommen | Jérémy Fel | dtv Verlag
2017, broschiert, 400 Seiten, ISBN: 9783423261432
Aus dem Französischen von Anja Nattefort
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[marcus]

Rezension: Das Leben des Vernon Subutex | Virginie Despentes

Donnerstag, 17. August 2017 5 Kommentare



Wer ist Vernon Subutex? Eine urbane Legende, der letzte Zeuge einer Welt von Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Gerade noch ein Plattenladenbesitzer mit Erfolg und besten Kontakten, steht er jetzt auf der Straße und quartiert sich mithilfe von Facebook und einer Notlüge bei alten Freunden und Weggefährten ein – und er beginnt eine Reise zu den Abgründen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Es entsteht ein Sittengemälde, das kein gesellschaftliches Thema unberührt lässt, die Islamismusdebatte ebenso wenig wie den Aufstieg der Rechten. [© Text und Cover: Verlag Kiepenheuer & Witsch]

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Es ist sicher nicht einfach sich beruflich völlig neu auszurichten, wenn man schon auf die fünfzig zugeht. So geht es zumindest Vernon, für den sein Plattenladen seine Existenz bedeutete. Seine Versuche, anderweitig Fuß zu fassen, sind nur halbherzig, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihm das Geld ausgeht. Er hat nicht die Energie, sich gegen die Pleite und damit auch gegen den Rauswurf aus der Mietwohnung zu wehren.

„Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, erst war es wie in Zeitlupe, dann legte der Absturz an Tempo zu. Aber Vernon hat weder die Gleichgültigkeit noch die Eleganz aufgegeben." (S. 7)



Wenigstens hat er durch seinen Laden jede Menge Bekannte und Freunde, auf die er sich jetzt besinnt. Die meisten sind gerne bereit, ihm für ein paar Tage eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten. Es ist tatsächlich eine ziemlich große Zahl von Leuten, die wir auf diesem Weg kennen lernen. Mit ihnen erhalten wir quasi einen Querschnitt durch die französische Gesellschaft. Wir treffen rechte Schläger, ein Mädchen, das zum Islam konvertiert ist, ehemalige Pornodarstellerinnen, Obdachlose, einen stinkreichen Wertpapierhändler, Filmemacher und viele mehr. Das spannende daran ist, dass die Autorin uns mitnimmt in die Gedankenwelt dieser Protagonisten, und das auf schonungslose Weise. Da gibt es so einiges, was die Grenzen der Political Correctness deutlich hinter sich lässt. Sozusagen „dem Volk auf Maul geschaut". Das ist schon schmerzhaft, wenn es beispielsweise rassistisch wird, verdeutlicht aber ausgezeichnet, was tatsächlich in den Köpfen mancher Zeitgenossen vor sich geht. Dass Virginie Despentes die Charaktere dabei nicht überzeichnet, macht sie enorm authentisch.

„Sie sagen, integriert euch, und zu denen, die es versuchen, sagen sie, ihr seht doch, dass ihr nicht zu uns gehört." (S. 258)





Zu dem Roman könnte man eine wunderbare Playlist kreieren, denn die Personen werden meistens über ihren Musikgeschmack definiert. Ich hätte die Bandnamen mitschreiben sollen, die Atmosphäre wäre bestimmt noch intensiver, wenn die passende Musik nebenher läuft. Es ist außerdem spürbar, dass wir uns in Paris befinden. Eine solche Vielfalt verschiedener Menschen findet sich nicht an vielen Orten. Auch wenn das Buch die französische Gesellschaft im Blick hat, gibt es so einiges, was auch bei uns aktuell ist, wie das Erstarken der Rechten oder die Integration von Flüchtlingen. Es gibt aber auch viele Emotionen zwischen den Protagonisten, Leidenschaften und Enttäuschungen, Erfolg und Unglück, einfach alles, was das Leben ausmacht. Virginie Despentes erzählt das mit einer hohen sprachlichen Präzision, scharfsinnig, entlarvend und ohne Schnörkel. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Da ist es für mich eine gute Nachricht, dass Vernon Subutex' Geschichte mit einem zweiten Buch weiter gehen wird.

Persönliches Fazit

Virginie Despentes hält uns ungeschminkt den Spiegel vor, ohne dabei den Zeigefinger zu heben. Ihren erfrischend frechen und schonungslosen Schreibstil fand ich sehr ansprechend. „Das Leben des Vernon Subutex" ist eine scharfsinnige und sehr lesenswerte Reflexion der französischen Gesellschaft.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Das Leben des Vernon Subutex | Virginie Despentes | Verlag Kiepenheuer & Witsch
2017, gebunden, 400 Seiten, ISBN: 9783462048827
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
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[marcus]