Rezension: Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen | Agustín Martínez

Montag, 24. April 2017 1 Kommentar

Thrillerspannung in der Abgeschiedenheit der Pyrenäen

 


Hoch oben unter bedrohlichen Pyrenäen-Gipfeln liegt das Dorf Monteperdido. Hier, wo die Menschen noch eine verschworene Gemeinschaft bilden. Hier, wo vor fünf Jahren die beiden elfjährigen Mädchen Ana und Lucía spurlos verschwunden sind. Da taucht völlig unerwartet die inzwischen sechzehnjährige Ana wieder auf, bewusstlos in einem Wagen, der in eine Schlucht vor Monteperdido gestürzt ist. Kommissarin Sara Campos von der Bundespolizei lässt sofort die Straßen absperren; eine verzweifelte Suche beginnt. Wo ist Lucía? Ist sie noch am Leben? Doch die Berge um Monteperdido schweigen, trügerisch rauschen die Pappelwälder, gefährlich schwillt der reißende Fluss Esera an. Unter den Bewohnern von Monteperdido greifen die Verdächtigungen um sich: War es ein Fremder oder einer von ihnen? [© Text und Cover: S. Fischer Verlage]

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Sie besuchen zusammen die Schule und spielen gemeinsam im Schnee, eine sorglose Kindheit haben die beiden Mädchen in ihrem Dorf. Das ist mit einem Schlag vorbei, als sie spurlos verschwinden. Die Ermittlungen der Polizei bleiben erfolglos. Schon nach wenigen Seiten springen wir fünf Jahre in die Zukunft. Wie sind die Eltern damit umgegangen, dass ihre Kinder nicht mehr zu finden sind? Haben sie sich irgendwann damit abgefunden und ihr Leben weitergelebt? Oder sind sie daran zerbrochen? Ich glaube nicht, dass es möglich ist, das ohne emotionale oder psychische Schäden zu verkraften.




Ich bin beeindruckt, wie intensiv dieser Kampf der Eltern gegen die Ungewissheit und Verzweiflung geschildert wird. Sogar einer der Väter gerät in Verdacht, der Entführer zu sein. Da fängt sogar seine Frau an, an ihm zu zweifeln. Kennt man die Menschen wirklich so gut, wie man glaubt? Das zieht sich letztlich durch das ganze Dorf. Hier kennt ja jeder jeden. Und trotzdem verbergen sich viele Geheimnisse unter den Einwohnern. Damit kann praktisch jeder Schuld auf sich geladen haben. Agustín Martínez baut dieses Szenario sehr gut auf. Die Charakterisierung ist bis zu den Nebenrollen ausgezeichnet.

„Die Bewohner von Monteperdido waren alle auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden. Taufpaten, Schulkameraden, Schwestern oder Freundinnen, die zusammen ihre Kinder erzogen, gemeinsame Feste und die langen lichtlosen Winter, ringsum nur Berge und die Tiere, die dort lebten. Hirsche, Rehe, Wildschweine. Ein paar Füchse, die in den Wäldern am Monte Ármos und am Ixeia lebten. Geliebt und gejagt. Tiere und Menschen, deren Leben eng miteinander verbunden war. Das war Monteperdido." (S. 148)

Oft drängen sich die Ermittler in Krimis oder Thrillern mit ihren großen und kleinen Problemen in den Vordergrund und halten mich von der spannenden Geschichte ab. Zwar hat Sara Campos, die jetzt nachdem Ana gefunden wurde, die Ermittlungen übernimmt, auch eine Vergangenheit, die sie belastet. Aber die Ausführungen dienen eher dazu, ihre Motivation zu ergründen und stört mich nicht. Sie konzentriert sich meist auf die akribische Polizeiarbeit. Ihre Schlussfolgerungen, Erkenntnisse aber auch ihre Fehler sind gut nachvollziehbar. Das macht die Story sehr glaubhaft und spannend.




Ein wichtiger Bestandteil des Buchs ist die Umgebung. Die karge, schroffe und bergige Landschaft in den Pyrenäen hat einen ganz besonderen Reiz. Die Felshänge und tiefen Schluchten sind genauso faszinierend wie einschüchternd. Da kann man sich sehr einsam fühlen, so am Rand der Welt. Damit erzeugt der Autor eine melancholische Atmosphäre, der ich mich nicht entziehen konnte.

Persönliches Fazit

„Monteperdido" besticht durch die Stimmung, die durch die spektakuläre Landschaft verursacht wird, und durch die starke Charakterisierung der Einwohner. Die Kombination mit dem dramatischen Fall und seinen Wendungen erzeugt feinste Thrillerspannung.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen | Agustín Martínez | S. Fischer Verlage
2017, broschiert, 496 Seiten, ISBN: 9783596036585
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen
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[marcus]

Rezension: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten | J.L. Carr

Mittwoch, 19. April 2017 2 Kommentare

Ein Fußballwunder der Englischen Art









Ein Doktor der Philosophie, ein Ex-Profifußballer und ein gescheiterter Theologiestudent: Sie alle hat es nach Sinderby verschlagen, eine Gemeinde in den Hochmooren von Yorkshire. Die Außenseiter haben einen gemeinsamen Traum. Sie wollen dem örtlichen Fußballverein zu Ruhm verhelfen – und entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelingt ihnen dieser Coup. [© Text und Cover: Dumont Verlag]

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Im letzten Jahr hat mich J.L. Carrs bekanntester Roman, „Ein Monat auf dem Land", begeistern können. Klar dass mich auch das zweite erstmals ins Deutsche übersetzte Buch des bereits 1992 gestorbenen Autors interessiert hat – nicht nur weil es da auch noch um Fußball geht!

Erzählt wird die Geschichte vom Schriftführer des Clubs, der ganz nah dran ist an Verein und Mannschaft und so aus erster Hand berichten kann, wie es zu diesem Wunder kam. Wie es ausgeht verrät der Autor ja bereits im Titel, damit nimmt er die Spannung, was das sportliche betrifft, gleich raus. Es sind die Menschen im Mittelpunkt, die an dem unglaublichen Erfolg beteiligt sind. Wie schafft es der Trainer, das scheinbar Unmögliche aus seinen Spielern herauszuholen? Wie können die so unbezwingbar an ihren Erfolg glauben? Bei der heutigen Professionalität des Fußballs ist das wohl eher schwer vorstellbar. Mitte der Siebziger, als der Text geschrieben wurde, war das aber noch eher denkbar. Ob man Carr das Fußballmärchen abnimmt, überlässt er bereits im Vorwort dem Leser selbst.







Mit großer Leidenschaft widmet sich der Autor dem englischen Hinterland und seinen Bewohnern. 
Klug beobachtet er ihre Stärken und Schwächen, lässt ihnen aber immer ihre teils schrulligen Eigenheiten.

„Die Mehrzahl der Fans waren biedere, brave Männer, dick gegen die Kälte eingemummelt in selbstgestrickte Westen mit großen Lederknöpfen; ein phlegmatischer, mit den Füßen scharrender, stampfender Haufen, graue Männer, die zwanzig Pence bezahlt hatten, um dicht an dicht mit anderen grauen Männern herumzustehen, unter einem grauen Himmel in einer grauen Landschaft auf ihrem grauen Lebensweg, der in Richtung städtischer Friedhof führte." (s. 98)

Gleichzeitig spart er aber auch nicht mit Kritik an der Gesellschaft. An Leuten, die ihr Leben nicht selbst bestimmen, die anderen, wie eben beispielsweise Fußballern, nacheifern oder die sich von anderen steuern lassen. Aber auch die Medien bekommen ihr Fett weg. Nur weil der Provinzverein jetzt ihm nationalen Interesse steht, verbiegen sich die Dorfbewohner nicht und lassen auch renommierte Fernsehjournalisten auflaufen.

Joseph Lloyd Carr ist wahrlich ein Meister der Erzählkunst. Seine Schreibweise ist sehr charmant und humorvoll. Da verzeihe ich ihm gerne, dass er immer wieder mal abschweift, wenn er beispielsweise die altbackene Einrichtung des Hauses des Vereinsvorsitzenden beschreibt. Es gibt sehr viele Momente, die mich zum Schmunzeln bringen.

Persönliches Fazit

Nach „Ein Monat auf dem Land" hat mich auch das zweite Buch von J.L. Carr begeistern können. Seine herrliche humorvolle Erzählweise habe ich wieder sehr genossen. Schön, dass seine Texte jetzt auf Deutsch erhältlich sind.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten | J.L. Carr | Dumont Verlag
2017, gebunden, 192 Seiten, ISBN: 9783832198541
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
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[marcus]





Schöne Ostern! ... und dann war da ja noch was.

Sonntag, 16. April 2017 4 Kommentare

Wir wünschen euch und euren Liebsten wundervolle und vor allem entspannte  & ruhige Osterfeiertage. 


Geniesst die Zeit, entflieht ein wenig dem Alltagsstress und verbringt die Ostertage genau so, wie ihr es euch wünscht. Erlegt euch nicht zu viele Pflichten und zu viel Programm auf für die Tage, nutzt die Ruhe, um bewusst abzuschalten. Und vor allem: Respektiert einander, gläubig oder nicht gläubig. Der Glaube ist ein freier Wille. Man kann, muss aber nicht - es steht jedem frei. 
Schenkt jemandem ein Lächeln, umarmt jemanden ganz spontan, macht jemanden glücklich oder sagt jemandem ein paar nette/liebe/aufmunternde Worte. Damit tut man so viel Gutes, das tut der Seele gut.

Ah ja, das war doch noch etwas: Ich bin gerade etwas Internetmüde. Und jetzt? 


Aktuell habt ihr vielleicht bemerkt, dass es etwas ruhiger auf unseren Social Media Kanälen ist. Das ist nicht von Dauer, aber aktuell gönnen wir uns auch ein wenig Ruhe und Abstand, um im stressigen Alltag wieder etwas mehr Zeit und vor allem Muse zum ruhigen und entspannten Lesen zu finden. Ich reflektiere gerade auch Vieles und wäge ab, was wirklich wichtig ist und zählt.
Ich habe in letzter Zeit gemerkt, dass es mir zunehmend schwerfällt, bewusst und ohne Ablenkung zu lesen. Zu viel Hektik, zu viel Programm - da fällt es abends natürlich sehr leicht und ist unglaublich bequem, einfach das Handy oder das Tablet in die Hand zu nehmen und im Internet zu stöbern und sich berieseln zu lassen. Wenn ich mich dann hinsetze und ein Buch zur Hand nehme, merke ich wie meine Gedanken wegdriften und ich denke: "ich muss dies und jenes eben mal noch schnell googeln.", "ich wollte doch den Blogbeitrag noch lesen, die Bestellung aufgeben, nach einem Rezept für das Mittagessen stöbern, mal schnell Facebook, Twitter und Co. checken" et cetera pp.

Kennt ihr das? Sicher, oder? Erst heute früh habe ich bei der lieben Lena vom Blog mybookblog.de einen ganz passenden Beitrag dazu gefunden, den ich euch auch gerade verlinke: Lena betreibt aktuell ein "Digital Detox" - aus eben oben genannten Gründen.

Auszeiten inspirieren den Geist und fördern Ruhe und Ausgeglichenheit


Etwas muss sich ändern, das weiss ich. Aktuell bin ich auf einem meiner Meinung nach sehr gutem Weg, wieder mehr zur inneren Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden. Ich hatte mich in den vergangenen Tagen größtenteils etwas zurückgezogen und das Handy zur Seite gelegt, das Laptop zugeklappt gelassen und die Freizeit bewusst genutzt, um auszumisten, meine Papierstapel zu sortieren, meinen Kopf freizubekommen und um einfach mal durchzuatmen. Der Frühling weckt in mir immer Energie für Neues und  ich spüre den Tatendrang, will nach draussen und de Natur beim Aufwachen zusehen. Ich habe das Mountainbiken gerade wieder für mich entdeckt und verbringe gerade dadurch viel Zeit draussen und im Wald. So ist auch heute der Plan, sollte es das Wetter am Nachmittag zulassen. Es ist einfach toll und ich möchte das jetzt dauerhaft beibehalten.
Ich habe dabei tatsächlich gemerkt, dass es dabei einige Tage gab, an denen ich das Handy wirklich nur allzu gerne ignoriert habe und so festgestellt, dass ich wohl mit der Zeit etwas Internetmüde geworden war.


Also war das alles richtig, was ich gemacht habe. Ich werde das noch eine Weile beibehalten und einfach einen neuen Rhythmus finden. Weniger Zeit online, aber dafür wieder mehr Ruhe für meine Bücher, die hier alle sehnlichst auf mich warten. Natürlich werden wir hier und auch auf unseren Kanälen posten und uns mit euch austauschen (was wir ja auch immer sehr gerne tun!) - aber mein privates Stöbern und googeln etc. - das werde ich ganz bewusst einschränken. Dieses Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben, weil ich nicht alle Beiträge auf meiner Merkliste gelesen habe oder weil ich nicht "Twitter-up-to-date" bin oder schon eine Weile nichts Neues auf Instagram gepostet habe - das habe ich gerade mit Erfolg abgelegt. Und darüber bin ich glücklich. 

Ich muss nicht alles wissen, was gerade so passiert im Netz. Nicht jeden Status mitbekommen, nicht jeden heissen Scheiss sofort umgesetzt haben. 


Ich möchte und könnte natürlich auch für den Blog gefühlte drölfmillionen Dinge schöner/besser/toller/schneller/effizienter/reichweitenstärkeroderwasauchimmer machen, wenn ich mich durch all die vielen hilfreichen Tipps, Tricks und Tools lese, die mir fast täglich durch die Timeline wabern, das ist klar. Vieles inspiriert mich, möchte ich natürlich gerne umsetzen. Ich speichere auch ganz viele dieser Beiträge ab, um sie zu lesen, wenn "ich mal Zeit habe." Aber ich habe diese Zeit einfach nicht, so ist das nun mal, das muss ich akzeptieren. Daher habe ich aktuell diesen Speicher einfach mal komplett geleert und in den letzten Tagen auch nichts Neues gespeichert. Das tut gut. Ehrlich. Das ist wie ausmisten im Kleiderschrank. Ein ehrlich befreiendes Gefühl.

Meine Devise: Eins nach dem anderen. Alles mit Ruhe und Zeit. Nichts rennt weg. 


Und das ist nicht immer leicht für mich. Ich gehöre schon auch zu den Menschen, die etwas sehen bzw. lesen und es dann jetzt und sofort umsetzen wollen - auch wenn es die ganze Nacht dauert, bis es läuft. Ich muss mich da selbst sehr disziplinieren und ich will das auch. Nur so nehme ich mir selbst den Druck und konzentriere mich zwar auf weniger Dinge gleichzeitig, dafür aber mit mehr Konzentration. Ich schaue immer in zu viele Richtungen gleichzeitig und lenke mich dadurch nur selbst ab, weil ich nicht mehr erkennen kann, welche Dinge denn nun wirklich wesentlich sind. Diesen wirren Wollknäuel an neuen Informationen entwirre ich gerade und lerne, mir nur noch wirklich Wichtiges herauszupicken.

Back to the roots - meine Bücher / Kochbücher warten auf mich. Und ich freue mich auf bewussten und intensiven Austausch mit euch zu diesen Büchern. <3

Wie seht ihr das so mit dem Internet? Macht ihr auch immer mal wieder Pausen oder könnt ihr das ganz gut handeln?





Bildquelle: Kaboompics.com
[alexandra]