Buchtipps-To-Go #3 | Der schnelle Weg, Buchperlen zu entdecken

Montag, 23. April 2018 0 Kommentare


Immer wieder möchten wir euch, kurz und prägnant zusammengefasst, Bücher vorstellen bzw. empfehlen, die wir sehr gerne gelesen haben und die für uns zu Buchperlen wurden. Unter dem Motto #Buchtipps-to-go erfahrt ihr zu einer kleinen Auswahl an Büchern, eBooks oder Hörbüchern unseren Eindruck bzw. unser persönliches Fazit. Das können Neuheiten auf dem Buchmarkt sein, aber auch immer wieder ältere Bücher, die wir vor einiger Zeit gelesen haben. Wir möchten dies nutzen, um auch Büchern abseits der Bestsellerlisten wieder ins Gespräch zu bringen. Außerdem gibt doch noch so viel Schätze in den Backlists zu entdecken. Vielleicht werdet auch ihr fündig?!

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~ „Herz bedeutet Drama“ ~ So beginnt diese Gesellschaftssatire über die unkonventionelle Cécilie, die einen äußert delikaten Brief in einem Taxi verliert. Die Dinge geraten recht schnell außer Kontrolle, als Paul, der nicht ganz unattraktive Finder des Briefes, sie in eine recht brenzlige Situation bringt. Er sucht Sie zuhause auf und erbittet sich eine Einladung zum Abendessen, sozusagen als Finderlohn. Cécilia erfindet ihrem Mann gegenüber kuriose Ausflüchte und das Chaos nimmt auf recht komische seinen Lauf.
Alles begann so vielversprechend und doch konnte ich Roman damals nicht fertig lesen. Die Luft war ganz plötzlich raus.

Vor ein paar Tagen dann fiel mir das Buch wieder in die Hände und ich habe es ganz spontan erneut gelesen - und plötzlich passte es einfach ganz wunderbar! Ich freue mich sehr, diese kleine Buchperle noch einmal neu für mich entdeckt zu haben. Sprachlich ein Genuss, amüsant, immer wieder eine bisschen ironisch und zugleich auch tiefgründig. Ein Stück feinste Unterhaltungsliteratur über die Konventionen der Liebe.

Louise De Vilmorin | Der Brief im Taxi | Verlag: Dörlemann 

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„Sicher war ich nicht so bezaubernd wie Scheherazade, aber wir beide besaßen das, was für Frauen, die in der Falle sitzen, am kostbarsten ist: Sprachfertigkeit. Eine, die ausspricht, Ärger erregt, schwatzt, neckt, leckt, erzählt, schmeichelt, bettelt, übertreibt, beschönigt, zu weit geht und sich wieder zurück nimmt, erneut zu weit geht, nun ohne sich zurückzunehmen.“

Die junge Bilqiss wartet täglich auf ihr Urteil: Die Steinigung.
Warum? Die Liste der Verstöße, die ihr angelastet werden, ist lang. So besitzt sie zum Beispiel Makeup, einen Lyrikband, Zeitungen, Stöckelschuhe, eine parfümierte Kerze, eine Kassette mit Lidern, Parfum, eine Pinzette u.v.m. … alles vermeintlich Dinge, die einen Mann in Versuchung führen könnten. Aber ihr schlimmstes „Verbrechen“: sie ist, anstelle des sehr betrunkenen Muezzin, aufs Minarett gestiegen, um zum Morgengebet aufzurufen. Frevel in den Augen der meisten Dorfbewohner! Aber Bilqiss ist eine mutige und unbeugsame Frau, bietet dem Richter die Stirn, lässt sich nicht den Mund verbieten. Um Gnade zu flehen, das fällt ihr nicht ein. Sie gewinnt immer mehr die Sympathie des Richters, er fühlt sich von ihr hingezogen und die Urteilssprechung verzögert sich von Tag zu Tag …

Saphia Azzeddine, die u.a. auch „Mein Vater ist Putzfrau“ schrieb, überzeichnet gewollt und widmet sich mit feinzüngiger Ironie dem religiösen Fanatismus - und doch ist vieles auch bittere Realität. Das Land wird nicht genannt, es könnte ein jedes sein, in dem Frauen eine Burka tragen, wenig bis gar keine Rechte haben, die Religion regiert. Sie lässt ihre Protagonisten aufeinanderprallen, liefert einen gelungenen Schlagabtausch mit mal spöttischem, mal ernstem und doch auch immer wieder sehr humorvollem Ton. Provokativ und sehr lesenswert!

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Ein ganz schmales Band mit gerade mal 96 Seiten - aber jede einzelne davon ein Genuss, gefüllt mit italienischem Flair, berauschenden und heißen Sonnentagen am Meer, an denen der Sand zwischen den Zehen und Salz auf den Lippen zurück bleibt. #ErnestvanderKwast schreibt mit einer Leichtigkeit über die erste Liebe, die Unabhängigkeit, den Schmerz. Er schweift ab, für ein bis zwei Seiten in andere Geschichten, findet wider zurück, springt in der Zeit hin und her und präsentiert so ganz „flatterhaft“ die Lebensgeschichte von Giovanna und Enzo, die sich im heißen Sommer 1945 verlieben - aber die Liebe erst über sechzig Jahre später auflebt.

Eine kurze aber wunderschöne Liebesgeschichte ist das, mit einem Hauch Melancholie und einem sehr schönen Ton. Geht direkt ins Herz!

Ernest van der Kwast | Fünf Viertelstunden bis zum Meer | Verlag: mare



[alexandra]

Rezension: Kleine Feuer überall | Celeste Ng

Freitag, 20. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Es brennt! In jedem der Schlafzimmer hat jemand Feuer gelegt. Fassungslos steht Elena Richardson im Bademantel und den Tennisschuhen ihres Sohnes draußen auf dem Rasen und starrt in die Flammen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Erfahrung gemacht, »dass Leidenschaft so gefährlich ist wie Feuer«. Deshalb passte sie so gut nach Shaker Heights, den wohlhabenden Vorort von Cleveland, Ohio, in dem der Außenanstrich der Häuser ebenso geregelt ist wie das Alltagsleben seiner Bewohner. Ihr Mann ist Partner einer Anwaltskanzlei, sie selbst schreibt Kolumnen für die Lokalzeitung, die vier halbwüchsigen Kinder sind bis auf das jüngste, Isabel, wohlgeraten. Doch es brennt. Elenas scheinbar unanfechtbares Idyll – alles Asche und Rauch? [© Text und Cover: dtv Verlag][klappentext ende] 

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Mit „Was ich euch nicht erzählte" hat Celeste Ng ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt. Die Familiengeschichte mit dem dramatischen Ende hat mich überzeugen können. Jetzt ist mit „Kleine Feuer überall" ihr zweiter Roman erschienen. Klar, dass ich den nicht verpassen wollte.
  

Das neue Buch ist ähnlich strukturiert wie das erste: es beginnt mit dem Brand des Hauses der Richardsons recht dramatisch und geht dann in der Zeit zurück, um zu erklären, wie es dazu kam. Wir lernen die Richardsons und ihre vier Kinder kennen, ihre Vorlieben, ihre Wünsche und Hoffnungen, aber auch ihre Macken und Schwächen. Sie führen ein Leben, das man wohlsituiert nennen kann: angenehme Nachbarn, die besten Schulen, ein großes Haus und ein ansehnliches Einkommen. Das ist genau das Leben, das Mrs Richardson immer für sich vorgestellt hat. Ein Leben mit einer großen Familie in Shaker Heights, einem Retortenvorort von Cleveland, in dem man sich nicht mit den Problemen, wie sie in anderen Stadtteilen bestehen, rumärgern muss. Eine wunderbare Vorlage für soziale Konflikte! 

„Wer das Glück hatte, in Shaker zu wohnen, durfte sich in der schönsten Gemeinde Amerikas wähnen. Wenn man dort, wie ein Bewohner einmal sagte, beim Schneeschaufeln in der Einfahrt seinen wertvollen Diamant-Hochzeitsring verlor, kam im nächsten Moment ein Service und brachte die gesamte Schneewehe in eine städtische Autowerkstatt, wo sie zur Bergung des Schatzes unter Wärmelampen geschmolzen wurde." (S. 181)

Elena Richardson gehört ein weiteres kleines Haus am Rand von Shaker Heights. Und weil sie sich selbst als guten Menschen sieht, vermietet sie es gerne an mehr oder weniger Bedürftige. Man hilft ja, wo man kann! Ihre neuesten Mieter sind Mia Warren und ihre Tochter Pearl. Die schüchterne Pearl freundet sich mit dem gleichaltrigen Moodie Richardson an. Damit beginnt eine Verbindung zwischen den beiden Familien, die mit der Zeit immer stärker wird und alle vier Kinder der Richardsons einbindet. Dabei prallen zwei Lebenskonzepte aufeinander: Elena Richardsons perfektes Vorortleben und Mia Warrens unstetes Nomadendasein. Lieber arm und frei als reich und gebunden? Als Elena den Grund für Mias fluchtartigen Lebensstil herausfinden will, tritt sie Ungeahntes los. 
  



  
Celeste Ng stellt auch bei ihrem zweiten Roman ihre Stärken unter Beweis: die Charakterisierung ihrer Protagonisten ist sehr lebensnah und deren Entscheidungen absolut nachvollziehbar. Das bringt mich sehr nah an sie heran und dementsprechend verfolge ich gebannt ihre Lebenswege. Sie nimmt sie ernst, auch bei dummen Entscheidungen, und wird nie besserwisserisch. Außerdem verwebt sie die Geschichten der Familien klug miteinander und packt einiges hinein wie soziale Differenzen, verschiedene Lebenskonzepte oder Fragen nach Fehlern und Schuld. Ihre Erzählweise ist dabei sehr kurzweilig. 

Persönliches Fazit 

Celeste Ng beweist sich wieder als gute und feinfühlige Beobachterin. Bei der ausgezeichneten Charakterisierung erkenne ich bei ihrem zweiten Buch ihre Handschrift wieder. Das in Verbindung mit einem gut gewobenen Plot macht „Kleine Feuer überall" zu einer fesselnden Lektüre. 

© Rezension: 2018, Marcus Kufner 


Kleine Feuer überall | Celeste Ng | dtv Verlag 
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
2018, gebunden, 368 Seiten, ISBN: 9783423281560 
[marcus]

Rezension: Borne | Jeff VanderMeer

Dienstag, 17. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Ein riesiger Bär, der eine zerstörte Stadt terrorisiert. Eine junge Frau, die in den Ruinen nach biotechnologischem Abfall sucht. Ein Drogendealer, der daraus psychoaktive Drogen herstellt. Ein undefinierbares Wesen, das diese Welt für immer verändern wird … Borne sprengt alle Genregrenzen und zeigt, wie fantastisch Literatur heute sein kann. [© Text und Cover: Verlag Antje Kunstmann][klappentext ende] 

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Mit seinem Roman „Auslöschung", der kürzlich auch verfilmt wurde, konnte mich Jeff VanderMeer sehr fesseln. Seine visionäre Darstellung einer bedrohlichen Zukunft hat mich in ihren Bann gezogen. Da wollte ich mir seinen aktuellen Roman nicht entgehen lassen. 

Auch in „Borne" ist die Atmosphäre beklemmend. Rachel haust mir ihrem Freund Wick abgeschottet in einem verlassenen und teilweise zerstörten Wohnkomplex in einer größtenteils verwüsteten Stadt. Ihre Ausflüge nach draußen zur Beschaffung von Lebensmitteln und anderen brauchbaren Materialien sind sehr gefährlich. Marodierenden Banden oder herumstreunenden Tieren sollte sie lieber aus dem Weg gehen. Aber Rachel ist keine Anfängerin: sie traut sich sogar an „Mord" heran, einen riesigen, biologisch modifizierten Bären, in dessen Umfeld es meist Brauchbares einzusammeln gibt. Dass Rachel dabei auf Messers Schneider agiert, ist ihr bewusst. 

Bei Mord findet sie auch dieses schwer zu definierende Wesen, dem sie den Namen „Borne" gibt. Vor der Apokalypse wurde viel an Biotechnologie geforscht und experimentiert. Daher ist Rachel nicht verwundert, eine unbekannte Form zu finden. Sie nimmt Borne mit in ihre Unterkunft. Davon ist Wick gar nicht begeistert, denn eine zentrale Frage ist: wer oder was ist Borne? Wick sieht in ihm eine mögliche Bedrohung, Rachel dagegen will Borne helfen und ihn großziehen. Borne wächst und lernt tatsächlich schnell. Aus der Kreatur, die einer Kreuzung zwischen Seeanemone und Tintenfisch gleicht, wird ein Gestaltwandler, der sogar sprechen kann. 

„»Weißt du, warum es dich gibt?« Bornes neu ausgebildete Augenstiele, die ständig hervorschossen und sich dann wieder zurückzogen, sahen mich fragend an. »Der Grund«, sagte ich. »Du weißt schon – warum man überhaupt am Leben ist. Bist du zu einem bestimmten Zweck gemacht worden?« »Muss alles einen Zweck haben, Rachel?«" (S. 78) 

Dass Machtbestreben und Gier die Menschheit an den Rand der Existenz bringen würde, ist sicherlich nicht weit hergeholt. Hier scheint bei der Entwicklung von Biotechnologie etwas schief gegangen zu sein. VanderMeer nutzt das, um Wesen zu erschaffen, die über Fähigkeiten verfügen, die weit über menschliche Beschränkungen hinausgehen. Damit erschafft er eine gleichzeitig beklemmende wie faszinierende Welt. Eine Welt, die nicht mehr von Menschen beherrscht wird. Wie hält man es in diesen Verhältnissen überhaupt aus? Zählt da nur noch das nackte Überleben oder braucht man nicht doch noch eine zumindest wage Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit? 



   
Rachel in dieser postapokalyptischen Welt zu begleiten hat mich sehr in den Bann gezogen. Dazu trägt auch VanderMeers besondere Schreibweise bei, die durchaus Aufmerksamkeit erfordert, dafür aber auch intensive Bilder im Kopf entstehen lässt. 

Persönliches Fazit

Mit „Borne" erschafft Jeff VanderMeer eine ebenso bedrohliche wie faszinierende postapokalyptische Welt mit Wesen, deren Fähigkeiten das, was wir kennen, weit hinter sich lassen. Ein beklemmender, packender Roman, ein geradezu cineastisches Leseerlebnis! 

© Rezension: 2018, Marcus Kufner 


Borne | Jeff VanderMeer | Verlag Antje Kunstmann
Aus dem Englischen von Michael Kellner
2017, gebunden, 367 Seiten, ISBN: 9783956141973


[marcus]