Rezension: Der Turm der Welt | Benjamin Monferat

Freitag, 26. August 2016 2 Kommentare

Spannender Spionagethriller in historischem Gewand


Oktober 1889: Die Pariser Weltausstellung geht dem Ende zu. Millionen von Menschen strömen in die Lichterstadt, um Zeuge des Spektakels zu werden. Die brisante internationale Lage scheint für einen Augenblick vergessen. Und doch würde gerade hier, im bunten Gewimmel der Nationen und Interessen, ein Funke genügen, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Ausgerechnet da werden zwei Ermittler des französischen Geheimdienstes tot aufgefunden - sie waren einer Verschwörung auf der Spur.
Was niemand weiß: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger Besucher der Ausstellung eng verknüpft: Eine französische Adelige - Königin der Pariser Salons - fürchtet um ihr Geheimnis: dessen Enttarnung würde weit mehr als nur einen gesellschaftlichen Skandal bedeuten. Ein deutscher Offizier, unterwegs in einer sehr persönlichen Agenda, wird zum Spielball der Großmächte. Ein junger Fotograf schließt einen folgenschweren Pakt, um das Herz seiner großen Liebe zu gewinnen. Ist die bildschöne Kurtisane in Wahrheit eine Spionin?
Schließlich versammelt sich alles, was Rang und Namen hat, an der Spitze des Eiffelturms, um das Abschlussfeuerwerk zu bestaunen. Wann wäre der Zeitpunkt für einen Anschlag besser gewählt, um die Welt im Chaos versinken zu lassen? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: zu Lande, zu Wasser – und in der Luft ... [© Text und Cover: Rowohlt Verlag]

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Nachdem ich von „Welt in Flammen" sehr begeistert war, war ich schon gespannt auf das neue Werk von Benjamin Monferat alias Stephan M. Rother. Diesmal entführt er uns also auf die Weltausstellung nach Paris in eine Zeit, als die meisten Häuser noch nicht einmal elektrischen Strom hatten. Die Technologie fasziniert die Menschen, Erfinder und Ingenieure wie Edison oder Daimler feiern große Erfolge. Das Highlight im doppelten Sinne ist natürlich der Eiffelturm, mit 300 Metern damals der höchste Turm der Welt. Es ist spürbar, wie die Menschen über diese fast unvorstellbaren Dinge staunen. Paris ist mit seiner Ausstellung der Nabel der Welt.

Spannend sind auch die politischen Verhältnisse in Europa. Deutschland hat sich mit vielen anderen Ländern verbündet. Bis auf eine Allianz mit den Briten steht Frankreich ziemlich isoliert da. Man spekuliert darüber, dass ein Krieg kurz bevor stehen würde, es fehlt nur noch der Funke, der die Lunte entzündet. Die französische Republik steht dazu momentan auch noch auf wackeligen Beinen. Verschiedene Gruppen wie beispielsweise die Monarchisten würden die Regierung gerne ersetzen und die Staatsform in ihrem Sinne ändern.

In diesem Umfeld strickt Monferat eine komplexe Spionagegeschichte. Deutsche, Briten und natürlich Franzosen verfolgen ihre gegenläufigen Interessen. Immer wieder kreuzen die verschiedenen Handlungsstränge, und wie ein großes Puzzle fügen sich Stück für Stück die Teile und Fragmente zusammen. Es gibt des Öfteren Wendungen, bis zum Ende bleibt es deshalb rätselhaft, wer den Anschlag am letzten Tag der Ausstellung plant. Dass etwas passieren wird, ist von Anfang an klar, denn jedes Kapitel ist mit dem aktuellen Count Down überschrieben. Ein gutes Spannungselement, die gesamten Ereignisse finden somit innerhalb von nur 60 Stunden statt.



Das brisante Umfeld ist aber nur ein Element für den Roman. Es sind die interessanten Figuren, die mich über die 700 Seiten fesseln. Von der prominenten Adeligen, die für ihre Tochter die beste Partie sucht, bis zum abgehalfterten Agenten, der dem Absinth erlegen ist, geht die Bandbreite. Da ist viel Platz für Emotionen und Leidenschaften. Die Protagonisten sind hervorragend in den historischen Kontext eingebunden, das macht die Geschichte glaubhaft und lebendig. Dazu trägt auch die Sprache bei, die sich in das historische Umfeld gut einfügt.

Persönliches Fazit

Bei „Der Turm der Welt" passt alles: interessante Figuren, eingebettet in eine spannende und wendungsreiche Spionagegeschichte, die in einer aufregenden Zeit spielt. Paris mit der Weltausstellung ist ein stimmungsvoller Schauplatz. Nach „Welt in Flammen" waren meine Erwartungen hoch, wurden aber voll erfüllt.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner

>> Rezension zu "Welt in Flammen"
>> Interview mit Benjamin Monferat



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[marcus]

Rezension: Totenlied | Tess Gerritsen

Mittwoch, 24. August 2016 0 Kommentare

Eine verstörende Melodie, ein tragisches Schicksal, ein tödliches Geheimnis ...


Von einer Italienreise bringt die Violinistin Julia Ansdell als Souvenir ein altes Notenbuch mit nach Hause. Es enthält eine handgeschriebene, bislang völlig unbekannte Walzerkomposition. Julia ist fasziniert von dem schwierigen Stück, doch jedes Mal, wenn sie die aufwühlende Melodie spielt, geschehen merkwürdige Dinge. Etwas Bösartiges geht von dem Walzer aus, etwas, was das Wesen von Julias dreijähriger Tochter auf beunruhigende Weise zu verändern scheint. Weil niemand ihr Glauben schenkt, reist Julia heimlich nach Italien, um nach der Herkunft der mysteriösen Komposition zu forschen ... [Text + Cover: © Limes Verlag]

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[SPOILERWARNUNG]

Zugegeben, die Inhaltsangabe ist irreführend: Angesichts der Beschreibung würde man sich eine Geschichte erwarten, die harmlos, unschuldig, subtil mit einem verschollenen Musikstück beginnt und dann wie auf einer schiefen Ebene langsam aber unausweichlich auf die Katastrophe zusteuert. Die ersten Kapitel bestätigen diesen Eindruck ja noch. Als die Violinistin Julia die Melodie zum ersten Mal spielt, verfällt sie selbst in eine Art Trance, ihre vierjährige Tochter hingegen ersticht auf brutale Weise die Hauskatze. Eine diabolische Komposition also, die eine Persönlichkeitsveränderung bewirkt und Menschen in mörderische Bestien verwandelt, wo das Grauen sich erst hinterhältig einschmeichelt, bevor es sich als solches zu erkennen gibt ... eine solche Geschichte würden wir am ehesten von Stephen King oder Marc Raabe erwarten. Wenn eine Mutter plötzlich nicht mehr weiß, ob sie ihrer Tochter noch trauen kann - eine solche Situation erinnert auch an das schaurige Debüt von S. K. Tremayne, "Eisige Schwestern".

Doch als man sich bereits mitten im Rätseln findet, ob nun Julia ihren Verstand oder ihre Tochter die kindliche Unschuld verliert, ändert die Autorin schlagartig den Kurs. Der Leser findet sich im Venedig des frühen zwanzigsten Jahrhundert. Lorenzo, Sohn eines Geigenbauers, entpuppt sich als ein musikalisches Wunderkind, das über die seltene Gabe des Absoluten Gehörs verfügen dürfte. Im Zuge der Vorbereitungen auf einen Wettbewerb verliebt er sich in seine Partnerin, die Tochter eines befreundeten Professors. Tess Gerritsen zelebriert ihre Hingabe an die Musik, setzt geschickt Harmonien und Akkorde als Metaphern für jugendliche Leidenschaft ein. Die universelle Sprache artikuliert sich über zwei Saiteninstrumente im Gleichklang, und jede verbale Kommunikation wird redundant.
Doch nicht nur der nahende Wettbewerb markiert ein fixes Ablaufdatum der regelmäßigen nachmittäglichen Probespiele. Immerhin schreiben wir das Jahr 1938, und Lorenzos jüdische Herkunft stößt immer öfter auf Argwohn unter seinen Zeitgenossen. Die Anzeichen, daß der jungen Liebe ein furchtbares Ende beschieden sein wird, mehren sich, die schwere Melancholie erinnert an den Film "Casablanca". Schließlich erreicht der Krieg auch Italien, und die ersten Deportationen beginnen. Menschen werden wie Tiere zusammengepfercht, ein Gerangel um die letzten verbliebenen Nahrungsreste setzt ein:

"... weil Brot wie Luft war, etwas, was man als selbstverständlich hinnahm. Und dabei war es doch der Grundstock jeder Mahlzeit."

Nun entfaltet die Geschichte ihre wahre Tragik. Im Interview mit dem Büchermagazin (Ausgabe 5/2016) verweist die Autorin auf eine Gedenktafel für 246 getötete Juden in Venedig, denen sie mit ihrem Roman ein weiteres Denkmal setzen wollte. Der Name Tudesco erregte ihre Aufmerksamkeit, er wurde zum sympathischen Protagonisten. So vollzieht sie das Schicksal dieser Menschen nach, verleiht den Namen Gesichter, ihren Stimmen Gehör.

"Wie schnell man doch aus einem Menschen ein jämmerliches Häufchen Elend machen kann", entlädt sich die Ungewißheit in einem Seufzen ...

Natürlich kann die Geschichte um Lorenzo, den venezianischen Virtuosen nur tragisch enden, alles andere würde der Ernsthaftigkeit des Themas nicht gerecht werden. Und natürlich muß diese aus der Distanz der Gegenwart - in Julias Part - aufgelöst werden. Die Weise jedoch, in der sie dazu motiviert wird, die Herkunft des Moll-Walzers zu erkunden, verwässert die Gesamtkomposition, indem sie einer Geschichte, die ihre intensivste Wirkung entfaltet, wenn sie wohl geerdet ist, eine unnötige metaphysische Komponente verleiht. Die kleinen Anleihen im Genre Psychothriller wirkt, als würde der titelgebende Moll-Walzer durch eingeflochtene Polka-Variationen aufgelockert, um ihm an Schwere zu nehmen. Somit dient lediglich dieses Musikstück als verbindendes Element. Was über weite Strecken fehlt, ist die schlüssige Erklärung, die zwingende Notwendigkeit, warum genau diese beiden Teilgeschichten - und keine anderen - zusammengehören. Erst, als man Julia in Venedig nach dem Leben trachtet, weil sie durch ihren Fund unfreiwillig zur Schlüsselfigur einer politischen Verschwörung geworden ist, scheinen die beiden Erzählstränge so etwas wie eine gemeinsame Tonart gefunden zu haben. Erst ab diesem Zeitpunkt wirken sie nicht mehr so, als würden sie der Autorin als Füllstoff für den jeweils anderen dienen. Erst ab diesem Zeitpunkt sind die gedanklichen Hindernisse beiseite geräumt, ist der Weg frei für eine Auflösung, für die man der Autorin für alle Zweifel Abbitte leistet.

Mechthild Großmann, die Sprecherin der Hörbuchfassung, klingt, als würde sie ihre rauchige Erzählstimme täglich mit einem Übermaß an Zigarettenkonsum kultivieren. Dem resultierenden Vortrag möchte man stundenlang lauschen ... wenn er als Erzählinstanz die Ereignisse aus der Vogelperspektive schildert oder bedächtige Männerstimmen intoniert. Höhere Tonlagen wie Frauen- und Kinderstimmen hingegen klingen spröde und brüchig, und auch der Akzent italienischer Figuren läßt eher an sibirische Auftragsmörder als an heißblütige Südländer denken. Großmann mag in ihrer Rolle als Stammsprecherin von Tess Gerritsen engagiert worden sein, für diese spezielle Geschichte hingegen scheint sie nicht die optimale Wahl darzustellen.

Ein ganz besonderes Zuckerl hat die Hörbuchversion gegenüber der gedruckten ganz bestimmt zu bieten: Das zentrale Musikstück ist nämlich keine bloße Fiktion, sondern wurde von der Autorin selbst komponiert. Wenn also auf den tief bewegenden Epilog melancholische Walzer folgt, erlebt der Roman einen letzten, aufwühlenden Höhepunkt, der ihn zu einem synästhetischen Gesamterlebnis abrundet.

Persönliches Fazit 

"Totenlied" ist eine hoch einfühlsam erzählte Geschichte der amerikanischen Erfolgsautorin, die ausnahmsweise nicht von der burschikosen Bostoner Polizistin und ihrer perfektionistische Kollegin aus der Pathologie handelt. Gerade weil sie ihre berührendsten Momente in jenen Passagen offenbart, die am stärksten auf historischen Begebenheiten beruhen, wirken die anderen, die stärker von erzählerischer Freiheit geprägt sind, oft nicht gänzlich stimmig.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Totenlied | Tess Gerritsen | Random House AudioAus dem Amerikanischen von Andreas Jäger
2016, Hörbuch MP3-CD (gekürzt), ISBN: 978-3-8371-3562-6
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[wolfgang]

Buchvorstellung: Quietsche-Entchen häkeln | Carola Behn

Montag, 22. August 2016 0 Kommentare

Ente gut – alles gut



Wer kennt sie nicht? Die süßen gelben Entchen, die schon beim Anschauen gute Laune verbreiten? Nun gibt es die kleinen Racker mit dem Kuschelfaktor! Ruckzuck sind sie mit der Häkelnadel gezaubert und sind als witzige Geschenke oder süße Deko immer für einen Lacher gut.
Mit der einfachen Grundente haben Sie schnell den Bogen raus und können aus ihr kinderleicht jede Version zaubern, die Ihnen gefällt. [Vorwort der Autorin | Cover: @TOPP Verlag]

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Schon als ich das Buch zum ersten mal gesehen habe, habe ich mich regelrecht in die süßen Entchen verliebt, deshalb wollte ich es mir unbedingt einmal anschauen. Und siehe da - es wurde noch besser als vermutet! Die kleinen Kerlchen sind mit ganz viel Liebe zum Detail entworfen. Mich hat es gleich in den Fingern gejuckt und ich habe sofort zur Häkelnadel gegriffen. Einmal angefangen, konnte ich kaum noch aufhören - wie ihr an den Bildern unten gut sehen könnt :) 

Angefangen habe ich aber erst einmal mit dem Grundmodell (quietschegelber Klassiker).

Nach dieser Anleitung werden dann alle anderen Entchen auch gehäkelt. Die verschiedenen Charaktere entstehen nur durch entsprechende Farbwechsel und das jeweilige Zubehör.

Es gibt insgesamt 23 verschiedene Entchen zu häkeln (z.B. Franzoden-Ente, Gärtner-Ente, Fußballer-Ente, Hochzeitspaar usw.).
Da beim Häkeln nur feste Maschen benötigt werden und die Anleitung ganz ausführlich und leicht verständlich ist, können sich durchaus auch Häkelanfänger ran wagen. Sollte es dennoch einmal ein kleines Problem geben, findet man auf den Umschlagklappen eine kleine Häkelschule.
Desweiteren werden hier auch die je nach Teil benötigten Stickstiche ausführlich beschrieben. Das Ausarbeiten der Teile ist durch die ganzseitigen Fotos dann auch kein Problem mehr.

Die Entchen haben noch einen positiven Nebeneffekt:

Jeder, der die kleinen Kerlchen gesehen hat, hatte sofort ein Lächeln auf dem Gesicht, egal, wie griesgrämig er vorher auch dreingeschaut hat. Das will doch mal was heißen.
Das Häkeln der Entchen hat mir so viel Spaß gemacht, daß ich erst aufgehört habe, als mir tatsächlich die gelbe Wolle ausgegangen ist. Schaut euch meine „Entenparade doch auf den Fotos an!





Persönliches Fazit


Ein total gelungenes Häkelbuch, dass mir große Handarbeits-Freude bereitet hat. Die kleinen Racker sind wirklich leicht anzufertigen und ein geniales Mitbringsel und Jung und Alt. Aber Vorsicht – es besteht Suchtgefahr, was ich mittlerweile aus eigener Erfahrung weiß.
Von meiner Seite aus geht hiermit ein ganz dickes Dankeschön an die Autorin für viele wundervolle Häkelstunden!

© Buchvorstellung: 2016, Gitta Handarbeitsfee


Quietsche-Entchen häkeln | Carola Behn | frechverlag – Topp-kreativ
2016, Softcover mit 48 Seiten, ISBN 978-3-7724-6974-9
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[gitta]