Rezension: Alanna 01. Böses Kind | Martin Krist

Montag, 20. November 2017 1 Kommentar

JEDE LÜGE HAT IHREN PREIS. DIESE WIRD DICH TÖTEN.
Der erste Fall für Kommissar Henry Frei


Ein Mord mitten in der Hauptstadt. Das Opfer wurde erschlagen und gekreuzigt. Kriminalkommissar Henry Frei und sein Team ermitteln.
Suse, heillos mit ihren Kindern überfordert, seit ihr Mann sie verlassen hat, ist in Panik: Ihre Tochter Jacqueline ist verschwunden. Die alarmierte Polizei glaubt der Mutter kein Wort.
Wo ist Jacqueline? Wer zieht seine blutige Spur durch Berlin? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt!
[Text & Cover: © Martin Krist]

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Berlin: Hauptkommissar Henry Frey und seine Kollegin Louisa ermitteln in einem Mordfall und treffen im Laufe eben dieser Ermittlungen auf Suse, die ihre vierzehnjährige Tochter als vermisst gemeldet hat. Es gibt Hinweise, dass der Täter auch gleichzeitig der Entführer von der vermissten Jaqueline sein könnte und eine fieberhafte Suche beginnt. Suse ist nach einer schmerzlichen Trennung alleinerziehend, hat einen Halbtagsjob, der nie genügend Geld einbringt und sie fühlt sich ausgelaugt. Ihr Verhältnis zur Teenie-Tochter ist angespannt und in ihrem Verschwinden sieht sie erst wieder eine Trotzreaktion, kommt es schließlich nicht zum ersten mal vor. Aber als die Polizei sie eindringlich befragt und Andeutungen macht, wird sie rasend vor Sorge um ihr Kind. 

Krist versteht es, seine Leser auf falsche Fährten zu lenken und die Spannung steigert sich zudem durch immer wiederkehrende Perspektivenwechsel. Dadurch entwickeln sich auch mehrere Handlungsstränge, sie sich gekonnt verweben und nach und nach ein erkennbares Muster bilden. Kurze Kapitel mit offenem Ende halten bei der Stange, sorgen dafür, das man das Buch einfach nicht zur Seite legen kann.

Natürlich kommen auch in Böses Kind grausame Taten vor - es gehört einfach dazu bei einem guten Thriller - aber hier setzt Krist ganz gekonnt mehr auf die Phantasie des Lesers (bei der jeder selbst weiss, was er/sie sich zutrauen kann) anstatt alles bis ins kleinste Detail darzulegen. Es passieren Morde und wir bekommen diese Szenenhaft vor Augen geführt. Man kann sich das wie eine Art Spotlight im dunklen Raum vorstellen: das Licht geht an, wir erhaschen einen Blick auf die Grausamkeit, das Licht geht aus… 
Es ist eine Kunst, die Martin Krist sehr gut beherrscht und von der sich so manch ein Thrillerautor eine Scheibe abschneiden kann, ist es doch leider oft so, dass die umfassende Brutalität der Morde penetrant im Vordergrund steht. Krist hingegen legt das Augenmerk auf die Erstellung eines komplexen Psychogramms seiner Protagonisten. 

Ein weiteres, für den Autor typisches Stilmittel ist die Musik, das besonders in Kapiteln zum Einsatz kommt, in denen wir Hauptkommissar Henry Frei im Auto begleiten. Die Musik spiegelt seine Stimmung, seine Emotionen wider. Ich ertappte mich dabei, wie ich die Titel nebenbei in meinem Musikstream suchte, um sie neben dem Lesen her anhören zu können. 


go straight to the place, where you first lost your balance,
and find your feet with the people that love you. 

Elbow

Die Ausarbeitung der Charaktere ist sehr gelungen, sie entwickeln alle ein realistisches Eigenleben, werden nicht überspitzt dargestellt. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, aber keiner ist mit massiven Problemen überfrachtet, dankenswerterweise auch der Hauptkommissar nicht. Kein stereotyper Kettenraucher mit alkoholunterlaufenen Augen, der nach Dienstschluss an der Bar seine Sorgen wegspült - das ist sehr erfrischend! Statt dessen muss sich jeder - sei es Suse, Henry Frey, seine Partnerin Louisa und seine Kollegen - mit typischen und auch gesellschaftlichen Problemen des Lebens auseinander setzen und dennoch ihren Alltag bewältigt bekommen. Auch erhaschen wir hier und da schon einige Einblicke, was es mit Alanna auf sich hat, denn Hauptkommissar Henry Frey  pflegt Kontakt zu seinem früheren Partner und Kollegen, der mit einem schweren Verlust zu kämpfen hat - aber nicht aufgibt! Hier heisst es wohl, am Ball bleiben. 

Mein Fazit

Böses Kind ist ein spannender und vor allem temporeicher Auftakt zu einer neuen Reihe um den Hauptkommissar Henry Frey. Raffiniert führt Martin Krist uns Leser auf falsche Fährten, und hält den Spannungsbogen durch ständige Perspektivenwechsel hoch. Mitdenken muss man bei der komplexen Geschichte, denn hier wird nicht alles vorgekaut - man wird quasi selbst ein Teil des Ermittlungsteams.  Eine ganz klare Leseempfehlung für Thrillerfans. 
… Allerdings muss man Cliffhanger sehr mögen, denn genau mit einem solchen endet der erste Band und lässt uns Leser quasi in den Seilen hängend zurück. Denn nun heisst es warten bis zum Frühjahr! 

© Rezension: 2017, Alexandra Stiller


Alanna 01. Böses Kind | Martin Krist
2017, verfügbar als eBook/Taschenbuch/Hörbuch
Mehr Informationen auf www.martin-krist.de


[alexandra]

Rezension: Winterschwimmer | Alexander Osang

Freitag, 17. November 2017 0 Kommentare

Weihnachtsgeschichten in urbaner Vielfalt


In Alexander Osangs Weihnachtsgeschichten haben die Protagonisten ihre besten Jahre hinter sich, wenn sie überhaupt je beste Jahre hatten. Da ist der Immobilienmakler, der am Weihnachtsabend seine eigene Wohnung vermittelt. Oder die bekannte Fernsehmoderatorin, die sich beim Saunieren ausschließt und, nur mit einer Mülltüte bekleidet, hofft, dass ihr jemand die Tür öffnet. Und da ist ein Geschäftsführer, der verzweifelt versucht, sein Jackett aus dem Altkleidercontainer zu fischen, denn die Kette, das Weihnachtsgeschenk für seine Frau, steckt noch in der Tasche. Mit seinen Geschichten fängt Alexander Osang Fallende und Gefallene ein. Weihnachten zeichnet er nie als pompöses oder grundgutes Fest. Er versteht es als eine Zeit der Inventur, da man überprüft, was eigentlich noch im Regal des Lebens steht. Oft steht, ganz hinten, etwas Bemerkenswertes. [© Text und Cover: Aufbau Verlag]

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Jedes Jahr schreibt Alexander Osang eine Weihnachtsgeschichte, vierzehn davon sind in diesem Band enthalten. Was mich neugierig gemacht hat war, dass es sich nicht um rührselige Erzählungen handelt, wie sie gerne passend zur Adventszeit veröffentlicht werden. Die Darsteller sind Leute, die nicht besonders auffallen. Die Einblicke in ihr Leben lassen erkennen, dass die meisten von ihnen recht einsam sind, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint. Sie kämpfen um ihre Existenz, auch wenn sie längst auf dem absteigenden Ast sind. Oder sie müssen sich damit abfinden, dass ihre Beziehung vorbei ist. Das erzeugt oft einen melancholischen Grundton, dem ein tapferes, stilles Weitermachen mit einer dezenten Hoffnung gegenübersteht.



Osangs Geschichten sind in und um Berlin angesiedelt, dem Zentrum deutsch-deutscher Geschichte. Das tangiert einige der Protagonisten. Mal ist es eine Managerin aus dem Westen, der der Sinn des Karrierestrebens und des Kapitalismus verloren geht, mal ein Ostdeutscher, der sich noch immer nicht an die neuen Gegebenheiten gewöhnt hat. Aber auch aktuelle Themen spielen eine Rolle wie beispielsweise der Terroranschlag vom Breitscheidplatz.

„Er dachte an den Angstforscher, der im Radio erzählt hatte, dass er jetzt auf den Weihnachtsmarkt gehen würde, obwohl er Weihnachtsmärkte nicht mochte. Mussten wir mit dem Luftgewehr auf Papierblumen schießen, kandierte Äpfel essen und Kettenkarussell fahren, bis uns schlecht wurde? Als Zeichen gegen Terrorismus? Durfte man schon lachen, oder musste man bereits lachen?" (S. 114)

In der Adventszeit wünschen wir uns doch alle Zufriedenheit und eine Wohlfühlatmosphäre. Dass das in Wahrheit oft anders aussieht, zeigt uns Alexander Osang auf. Seine Geschichten spielen alle zur Weihnachtszeit, in der Wünsche und Sehnsucht noch deutlicher zu Tage treten als sonst. Er beschreibt das sachlich und unemotional und ist dabei ein feinsinniger Beobachter. Wer in jeder einzelnen Geschichte eine große moralische Erkenntnis erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die drängt sich keineswegs auf. Bei der einen oder anderen Erzählung habe ich mich schon gefragt, was mir der Autor sagen will, da ist bei mir nichts hängengeblieben. Dass jede der vierzehn Geschichten für mich die Büchse der Pandora öffnet, wäre auch etwas zu viel erwartet.

Persönliches Fazit

Alexander Osang beweist sich als feinsinniger Beobachter seiner Berliner Protagonisten. Zwar konnte mich nicht jede seiner Geschichten fesseln, wer aber in der Adventszeit etwas lesen mag, das nicht auf die Tränendrüsen drückt und klug geschrieben ist, sollte einen Blick in „Winterschwimmer" werfen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Winterschwimmer | Alexander Osang | Aufbau Verlag
2017, gebunden, 240 Seiten, ISBN: 9783351036881

[marcus]

Rezension: Teufelskälte (Ein Fall für Tommy Bergmann 2) | Gard Sveen

Mittwoch, 15. November 2017 0 Kommentare

Vor dem Lesen auftauen.


Oslo, 1988. Der eiskalte Winter hat die Stadt fest im Griff, als der junge Kommissar Tommy Bergmann einen grausigen Fund macht: Im Wald liegt, halb unter Schnee begraben, die brutal verstümmelte Leiche einer jungen Frau. Sie ist die erste in einer langen Reihe von Morden. Die Spur führt Tommy Bergmann in den einsamen Norden Norwegens. Jahrzehnte später, Tommy Bergmann ist inzwischen dafür bekannt, selbst die schwierigsten Fälle zu lösen. Doch sein erster Mordfall bereitet ihm bis heute Alpträume. Auch wenn er den Mörder eigentlich sicher verwahrt hinter Gittern weiß. Ein neuer Leichenfund lässt seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden: Wieder ist eine junge Frau gestorben, und alles sieht aus wie damals. Ein Nachahmer? Oder hat er den Falschen verhaftet und dafür gesorgt, dass ein bestialischer Mörder seit Jahren frei herumläuft?
[Text & Cover: Ullstein Buchverlage]

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Der Titel sagt es bereits: Es ist kalt. Die Welt des Romans von Gard Sveen ist ein düsterer, unwirtlicher Ort, an dem jede jede menschliche Geste, jedes seltene Lächeln wie ein einsames Lagerfeuer in einer eisigen Wüste wirkt, kaum in der Lage, jene zu wärmen, die sich darum kauern. Anhaltender Schneefall erzeugt eine bizarre, monochromatische Landschaft, deckt Worte, Geräusche, Gefühle zu.

"Tommy Bergmann dachte für einen Moment, dass es tief im Wald keine Farben gab und die Sonne nicht einmal im Sommer bis hierher vordringen würde (...)." (S. 11)

Dabei prägen nicht nur die niedrigen Umgebungstemperaturen eine unwirtliche Landschaft, besonders grausam ist die menschliche Kälte, die sich in grausamen Morden, wie jenen an der jungen Kristiane, sechzehn Jahre vor der eigentlichen Handlung des Romans, manifestiert. Doch wenn jede Tat, mit der Kommissar Bergmann konfrontiert wird, die Raumtemperatur senkt, gibt es keine Cold Cases. Gard Sveen schreibt seine Geschichte mit der Tinte tiefer Trostlosigkeit:

"Die Welt war so schlecht, so armselig und so wenig zu verstehen, dass ihre Existenz in sich schon ein Beweis dafür war, dass es keinen Gott gab." (S. 176)

Auch auf formaler Ebene gestattet es der Autor in seinem zweiten Roman seinen Lesern nicht, rasch mit seiner Geschichte warm zu werden. Eine Vielzahl norwegischer Namen gilt es vorerst im Gedächntnis zu halten, ehe sich die Hauptfiguren als solche zu erkennen geben. Einer internationalen Leserschaft sind Namen wie Halgeir Sorvaag oder Arne Furuberget gewiß weniger geläufig als dem Autor selbst. Die Perspektiven wechseln außerdem von Kapitel zu Kapitel, wobei jeweils erst nach einigen Sätzen erkennbar wird, aus wessen Sicht die aktuellen Ereignisse geschildert werden. Dadurch muß sich der Leser jedes Mal die gedankliche Orientierung neu erarbeiten, als müßte man auf einer ohnehin beschwerlichen Wanderung im winterlichen Halbdunkel an jeder Gabeldung denn Wegweiser von seiner weißen Last befreien. Gerade der Beginn des Romans gleicht damit eher dem Haltsuchen auf einer eisigen Felswand als einer rasanten Schlittenfahrt ins Tal.

Ähnliches gilt für den Aufbau der Spannung: Der Autor läßt sich Zeit, seine Bühne aufwendig auszugestalten, bevor diese bespielt werden kann. Der Leser lernt die schauderhaften Einzelheiten des Falles und die teils furchteinflößenden, teils gebrochenen Persönlichkeiten kennen, die daran beteiligt gruppiert sind. Sind jedoch erst die Ausgangssituationen definiert, die Beziehungen der handelnden Personen zueinander abgesteckt, entwickelt sich die Geschichte wie eine Kettenreaktion dem Finale entgegen. Das Buch scheint somit tiefgefroren beim Leser einzutreffen, taut langsam auf und versengt schließlich die Finger beim Blättern, wenn die erzeugten Konflikte sich entladen.

Als entscheidender Brandbeschleuniger dieser Kettenreaktion wirkt dabei Kommissar Tommy Bergmann. Er ist wegen häuslicher Gewalt in psychologischer Behandlung und somit alles andere als eine bequeme Identifikationsfigur. Er ist kein schlitzohriger Playboy, sondern schlicht jemand, der seine Aggressionen nicht unter Kontrolle hat. Er ist zielstrebig und effizient in seinen polizeilichen Ermittlungen, die Redewendung vom "Herz am rechten Fleck" kann jedoch auf ihn nicht angewendet werden.
Ihm gegenüber ist Anders Rask als Antagonist plaziert, ein ehemaliger Lehrer, der aufgrund der Morde in der Vergangenheit verurteilt wurde und seine Strafe in der Sicherheitsabteilung einer psychiatrischen Klinik verbüßt. Er ist ein hochintelligenter, narzißtischer Psychopath, der von einer Aura permanenter Bedrohung umgeben wird. Er liebt nichts mehr, als sein Gegenüber mit taxierendem Blick aus dem Gleichgewicht zu bringen, diesem das Gefühl zu vermitteln, jederzeit tödliche Gewalt anwenden zu können. In einer Art heimlichem Höhepunkt des Romans kommt es schließlich zur unvermeidlichen Konfrontation der beiden Persönlichkeiten, die an "Das Schweigen der Lämmer" erinnert. Bei dem waffenlos ausgetragenen Duell kämpft Rask in der sterilen Welt der Klinik auf vertrautem Boden, dominiert die Situation, ehe schließlich ...

Die dritte exponierte Persönlichkeit schließlich ist Elisabeth Thorstenson, Mutter des ersten Mordopfers aus 1998, Kristiane. In ihr manifestiert sich die zu eisigem Wahnsinn gefrorene Verzweiflung. Der Verlust des geliebten Menschen hat tiefe Wunden geschlagen, die keine Zeit mehr heilen kann. Ihrem Schicksal kann sich der Leser am allerwenigsten entziehen, wenn sie seitenlang alle Nuancen ihrer Depression durchlebt, wenn ihr Sehnen nach Seelenfrieden zu einem dauerhaften Schmerz wird. Nur ein Beispiel dazu:

"Elisabeth Thorstensen setzte sich inmitten des Zeitungschaos auf den Boden und begann mit den Fingern durch die Seiten zu wühlen, als glaubte sie, Kristiane darunter finden zu können." (S. 177)

Persönliches Fazit

"Teufelskälte" von Gard Sveen hält treu seinem Titel wenig Licht und wenig Wärme für den Leser bereit, Winterkleidung oder Wolldecke werden also zum Lesen empfohlen. Der spannungsgeladene Aufstieg zum Gipfel des Wahnsinns ist beschwerlich, doch oben angekommen, erwartet der Ausblick auf ein explosives Finale.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Teufelskälte (Ein Fall für Tommy Bergmann 2) | Gard Sveen | Ullstein Buchverlage
Aus dem Norwegischen übersetzt von Günther Frauenlob.
2017, Hardcover Klappbroschur, 416 Seiten, ISBN: 9783471351499

[wolfgang]