Rezension: Faber. Der Zerstörer | Tristan Garcia

Samstag, 16. Dezember 2017 0 Kommentare

Die Geschichte einer fatalen Freundschaft




Der junge Faber war cool, schlau, ein bisschen gefährlich und ziemlich unnahbar. Das Idol der ganzen Schule und ihre erste große Liebe. Doch als Madeleine ihn in seiner armseligen Hütte in den Pyrenäen wiederfindet, erkennt sie ihn kaum wieder. Er ist verwahrlost und offenbar verrückt. Etwas größenwahnsinnig war er schon als Jugendlicher, ein verführerischer Rebell, mitunter buchstäblich besessen. Mit Basile bildeten sie damals ein unzertrennliches Trio, träumten von Gerechtigkeit und Glück und kämpften einen gefährlichen Kampf. Das alles ist fünfzehn Jahre her. Madeleine nimmt Faber also mit zurück an den Ort ihrer Jugend, wo sie noch immer lebt, versucht gemeinsam mit Basile, ihn zu retten – doch in Wahrheit geht es um Rache. Bald schon um Leben und Tod. Was haben die drei einander angetan? [© Text und Cover: Wagenbach Verlag]
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Einst war Faber ihr charismatischer Anführer, einer dem seine Freunde Madeleine und Basile voller Eifer folgten, ihn liebten. Am Anfang des Buchs sucht Madeleine ihn in den Bergen. Völlig verwahrlost haust er in einer halb zerfallenen Hütte. Was ist passiert, dass es so kam? Diese Frage zieht gleich meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Roman geht zurück in ihre Schulzeit, um die Antwort darauf zu ergründen.

Faber ist überdurchschnittlich intelligent und den anderen überlegen. Er freundet sich mit den Außenseitern Madeleine und Basile an, die ihm dankbar folgen. Es scheint so, dass er sie bewusst ausgewählt hat, um sie an sich zu binden. Er ist für die beiden ein Rettungsanker, der sie vor den täglichen Demütigungen bewahrt. Ein frühreifer Junge, der sogar die Lehrer manipulieren kann. 



Die drei verbringen ihre Schulzeit in den achtziger und neunziger Jahren in einer fiktiven mittelgroßen Stadt in Zentralfrankreich. Sie kämpfen wie ihre ganze Generation gegen die Bedeutungslosigkeit. Ihre Eltern sind als Vorbilder aus ihrer Sicht wenig brauchbar, so kleinbürgerlich und durchschnittlich wollen sie nicht enden. Alle erwarten von Faber, dass er ihnen eine Perspektive und einen größeren Sinn aufzeigt. Dass er algerischer Abstammung ist, scheint den Druck noch zu erhöhen. Integrieren sollen sich Leute seiner Herkunft möglichst konform, aber dazu gehören werden sie nicht.

„Wir sind völlig uninteressante Menschen. Mornay ist eine Stadt, die in der heutigen Welt überhaupt keine Rolle spielt. Frankreich ist ein Land, das nicht zählt. Wir werden nichts erreichen. Man wird uns schon vergessen haben, bevor wir unser Leben zu Ende gelebt haben." (S. 236)



Der Anfang des Buchs ist noch nicht das Ende: der heruntergekommene Faber kommt mit zurück nach Mornay. Die drei Freunde erzählen abwechselnd aus der Ich-Perspektive, wie es weiter geht. Das Beziehung der drei bildet den roten Faden durch den Roman und bringt tiefe Einblicke in ihre Psyche. Tristan Garcia beschreibt das sehr kraftvoll, er konfrontiert seine Figuren gnadenlos mit ihren Schwächen und Fehlern. Ein leicht fatalistischer Grundton lässt dabei nicht viel Raum für Hoffnung auf Besserung. 

Persönliches Fazit

„Faber. Der Zerstörer" ist ein starker, gut konstruierter Roman über eine Generation auf der Suche nach dem Sinn und einer Perspektive. Eine beeindruckende und sehr lesenswerte Geschichte einer fatalen Freundschaft. 

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Faber. Der Zerstörer | Tristan Garcia | Wagenbach Verlag
Aus dem Französischen von Birgit Leib
2017, gebunden, 432 Seiten, ISBN: 9783803132888

[marcus]

Rezension: Die Rache der Mercedes Lima | Arnoldo Gálvez Suárez

Dienstag, 12. Dezember 2017 1 Kommentar



Guatemala-Stadt, Ende der 1980er Jahre: Der Geschichtsprofessor Daniel Rodríguez Mena wird auf offener Straße erschossen. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne. Es herrscht Bürgerkrieg, täglich verschwinden oder sterben Menschen. Wie unzählige andere bleibt auch dieser Mord ungeklärt. Etwa 25 Jahre später bemerkt sein Sohn Alberto im Supermarkt eine Frau, die er sofort wiedererkennt: Mercedes Lima, eine ehemalige Studentin seines Vaters. Schlagartig kehrt die Erinnerung an dessen gewaltsamen Tod zurück und er beschließt, ihr zu folgen – ist sie doch die Einzige, die die Hintergründe kennen könnte. Nie hat Alberto erfahren, ob sein Vater von der Junta exekutiert oder Opfer eines Eifersuchtsdramas wurde, in das auch eine junge Frau mit „sehr langem, schwarzem und glänzendem Haar" verwickelt war. [© Text und Cover: Edition Büchergilde]

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Eines der wichtigsten Dinge beim Lesen ist für mich die Möglichkeit, im Geiste in ferne Welten oder Länder zu reisen. Mit Arnoldo Gálvez Suárez' Roman geht es nach Guatemala, ein Land, von dem ich eigentlich kaum etwas weiß. Umso gespannter war ich darauf, etwas über die Verhältnisse dort und über die Mentalität der Menschen zu erfahren.

Der Ausgangspunkt des Buchs ist der Mord an Daniel. Was waren die Gründe für dieses eiskalte Verbrechen? Sein älterer Sohn Alberto war damals neun Jahre alt. Über die Tat hat seine Mutter nie mit ihm gesprochen. Das wird wohl einer der Gründe sein, wieso er damit nicht abgeschlossen hat. Als er dann viele Jahre später zufällig Mercedes wiedererkennt, hofft er, durch sie die Wahrheit zu erfahren.



Es sind zwei Handlungsstränge, die sich durch das Buch ziehen. Zum einen wird über Daniel erzählt, als er noch am Leben war. Zum anderen von Alberto heute, wie er die tatsächlichen Vorgänge von damals aufzudecken versucht. Dabei greift der Autor zu einem cleveren Trick: Daniels Kapitel werden in der dritten Person erzählt, während Alberto aus der Ich-Perspektive berichtet. Da weiß ich als Leser gleich, mit wem ich es gerade zu tun habe. Trotz der zeitlichen Differenz verbinden sich die Erzählstränge gekonnt miteinander.

Guatemala war in den Achtzigern offensichtlich ein recht instabiles Land. Das Militär, die Politiker, linke Revolutionäre und kriminelle Organisationen verfolgten ihre Interessen auch mit Gewalt. Eine oppositionäre Meinung war da schon lebensgefährlich. Über einen erschossenen Professor wunderte sich da niemand. Aber auch heute sind die sozialen Verhältnisse nicht die besten. Alberto ist bedrückt, wenn er auf die Armenviertel blickt oder bettelnde Kinder beobachtet.

„Kaputte Kinder, die zitternd auf den erstbesten Fahrer warten, der wegen Benzin oder Zigaretten oder einem Kaffee anhält, und von ihm ein paar Münzen erbetteln, für die ihnen eine andere schmutzige Hand mit langen Fingernägeln, von Messernarben und schwarzer Tinte gezeichnet, ein Tütchen mit ausreichend Klebstoff gibt, um den ganzen Tag ohne Hunger zu überstehen." (S. 34)



Wir Mitteleuropäer halten die Mittel- und Südamerikaner ja typischerweise für heißblütiger als unsere oft eher nüchterne, rationale Art. Das bestätigt sich in diesem Buch, wenn die Protagonisten ihr Handeln selbst nicht erklären können. Mal herrscht eine Atmosphäre von Angst, Scham und Trauer vor, oft werden sie aber von ihrer Leidenschaft geleitet. Getragen wird das von Arnoldo Gálvez Suárez' wunderbarem Schreibstil. Dass sein Roman mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde, wundert mich nicht. Die Balance von persönlicher Ebene, dem Einfluss der Umstände und der Schreibart ist außerordentlich gut gelungen.

Persönliches Fazit

Arnoldo Gálvez Suárez blickt tief in die Herzen und Seelen seiner Protagonisten. Die Verbindung ihrer Leidenschaften mit den Gegebenheiten und einem gut eingefädelten Plot hat mich sehr gefesselt. „Die Rache der Mercedes Lima" ist ein starkes Stück lateinamerikanischer Literatur.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Die Rache der Mercedes Lima | Arnoldo Gálvez Suárez | Edition Büchergilde
Aus dem guatemaltekischen Spanisch von Lutz Kliche
2017, gebunden, 336 Seiten, ISBN: 9783864060854

[marcus]

Jólabókaflóð – Der Katalog zur weihnachtlichen Bücherflut 2017

Montag, 11. Dezember 2017 1 Kommentar




Die wahrscheinlich schönste Weihnachtstradition der Welt, die isländische Bücherflut, kommt in diesem Jahr erstmals nach Deutschland - dank dem wunderbaren Torsten Woywod (Around the World in 100 Bookshops)!

In Anlehnung an den Bókatíðindi, der in Island zur Weihnachtszeit kostenlos an alle Haushalte des Landes verteilt wird und sämtliche Neuerscheinungen des Jahres verzeichnet, hat Torsten nun in Zusammenarbeit mit Sarah Abts (Kataloggestaltung) auch einen Bücherkatalog erstellt. – Großartig! 
Neben dem isländischen Botschafter, Martin Eyjólfsson, sowie der isländischen Bestsellerautorin Yrsa Sigurðardóttir, haben insgesamt 48 großartige Autorinnen und Autoren, VerlegerInnen und Verlagsmitarbeiter sowie zahlreiche – ebenso großartige – BuchhändlerInnen und BloggerInnen aus dem deutschsprachigen Raum persönliche Buchtipps ausgesprochen, die vielfältige Anregungen für das Schenken und Wünschen liefern. 

"DIE SCHÖNSTE ALLERWEIHNACHTSTRADITIONEN KOMMT ZWEIFELLOS AUS ISLAND, WO SEIT GUT 75 JAHREN (FAST) NUR ZWEI DINGE AM WEIHNACHTSABEND VERSCHENKT WERDEN: BÜCHER UND SCHOKOLADE , SO DASS DIE ERSTE WEIHNACHTSNACHT LESEND ZUGEBRACHT WIRD.“


Wir freuen uns sehr, dass - neben so wunderbaren Büchermenschen wie zum Beispiel Maria-Christina Piwowarski (Buchhändlerin bei ocelot, not just another bookstore Berlin), Karla Paul (Literaturlobbyistin), Mareike Fallwickl (Texterin und Autorin), Uwe Kalkowski (Literaturblog Kaffeehaussitzer), Wibke Ladwig (Social Web Ranger und Bloggerin @sinnundverstand), Florian Valerius (Buchhändler & Bookstagrammer @ literarischernerd), Malu Schrader (Bloggerin @Buchbuechse & Buchhändlerin) Sarah Reul (Bloggerin @Pinkfisch und Buchhändlerin) und viele, viele mehr - auch das BücherKaffee in dem großartigen Katalog vertreten ist. Alexandra empfiehlt Euch sehr ihre diesjährige Buchperle Die Farbe von Milch von Nell Leyshon! Ihr findet den Beitrag auf Seite 86.

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Torsten hat nun einen großen Wunsch an Euch: 

Bitte teilt sowohl den Katalog als auch die zugehörige Facebook-Veranstaltung weiterhin fleißig, damit möglichst viele Bücherfreunde erreicht werden und von der Idee des Jólabókaflóð begeistern können.



Die Facebook-Veranstaltung:http://www.facebook.com/events/839119372935234

Natürlich gibt es auch etwas zu gewinnen: Unter allen, die bis 26.12.2017 in der Facebook-Veranstaltung unter dem Katalog-Beitrag ihren Buchfavoriten aus dem Katalog per Kommentar nennen, verlost Torsten 1x das entsprechende Buch! Und: Unter allen Teilnehmern der o.g. Veranstaltung verlost er zudem 1x ein persönliches Bücherabo für das Jahr 2018! Fantastisch, oder?





[alexandra]