Rezension || Als Gott schlief | Jennifer B. Wind

Mittwoch, 17. Dezember 2014 0 Kommentare

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München und Wien: Eine Serie brutaler Morde an katholischen Geistlichen schockiert die Öffentlichkeit. Die Opfer werden auf grausame Weise gefoltert und getötet. Am Tatort werden mysteriöse Hinweise gefunden, die jedoch niemand entschlüsseln kann. Kriminalbeamtin Jutta Stern und ihr Partner Thomas Neumann stehen vor einem Rätsel. Was hat die Opfer verbunden? Was treibt den Mörder an? Bei ihren Ermittlungen stößt Jutta auf eine Mauer aus Angst und Schweigen - doch dann entdeckt sie eine Spur, die weit in die Vergangenheit zurück reicht ...
Jennifer B. Wind
Die gebürtige Leobnerin, die in der Nähe von Wien wohnt, ist vielseitig engagiert in der Welt der Literatur. So betreibt die ehemalige Flugbegleiterin für die Zeitschrift "Woman" einen Blog mit Interviews, ist in der Jury eines Schreibwettbewerbs zu finden und als Mitglied eines Vereins deutschsprachiger Krimiautorinnen zu finden, um nur einige ihrer Beschäftigungen zu nennen. (Cover + Text: Gmeiner Verlag)
Der Roman gliedert sich in vier Abschnitte, die mit Begriffspaaren ("Angst und Tod", "Gott und Dämonen", "Kinder und Engel", "Freiheit und Liebe") betitelt und in 63 Kapitel untergliedert sind. In auktorialer Perspektive wird das Geschehen aus Sicht der Ermittler geschildert, wobei die Kommissarin Jutta Stern und der Profiler Thomas Neumann, genannt Tom, als Hauptfiguren fungieren. Mit dem zweiten Abschnitt reichern in erster Person erzählte Tagebuchauszüge eines in den 1970er Jahren gepeinigten Heimkindes namens Rebecca den Text an. Die Satzstruktur ist einfach gehalten, was ein hohes Lesetempo forciert. Besonderes Gespür beweist die Autorin in der Unterscheidung jener Dialoge, die ausführlich und in direkter Rede und jener, die als geraffte Zusammenfassung wiedergegeben werden müssen, um die Balance zwischen Dramatik und Informationsvermittlung zu bewahren.

Ganz offensichtlich hegt die Autorin ein Faible für die amerikanische TV-Serie "Criminal Minds", in der ein eingespieltes Team von Profilern episodenweise Serientäter zur Strecke bringt. Zum einen erinnert eine polizeiinterne Besprechung an die Dramaturgie der obligaten Briefings der Serie, zum anderen wird sie sogar explizit erwähnt, als Tom Neumann mit einer der Figuren verglichen wird. Auf den ersten Blick wirkt er wie eine Kopie des überdurchschnittlich intelligenten Spencer Reid, der sich in jugendlichem Alter bereits mehrere Doktortitel erarbeitet hat und über die Fähigkeit verfügt, den Inhalt eines Buches innerhalb kürzester Zeit zu memorieren. Tom spricht sechs Sprachen, verfügt selbstverstädnlich ebenfalls über einen akademischen Abschluß, spielt Klavier, unterhält einen perfekt organisierten Haushalt, hat große Teile der Welt bereist und weist kleinere soziale Defizite auf, wie sie stark intellektuellen Figuren quasi als Nebenwirkung zu eigen sind. Als Draufgabe durfte Tom noch ein Praktikum in der FBI-Zentrale in Quantico absolvieren, um in der österreichischen Polizei die Aufgabe eines Profilers zu erfüllen. Tatsächlich bildet Tom ein kreativ entworfenes Konglomerat aus Aspekten von Persönlichkeiten aus der Umgebung der Autorin und repräsentiert - insbesondere in seiner Leidenschaft für Bücherschätze - zu einem guten Teil sogar diese selbst.
Ebenso wie Tom als Superhirn sich in die Handlung fügt, erfüllt auch Jutta artig und ganz ohne Aufbegehren die ihr zugedachte Rolle als sexuell unterversorgte Ermittlerin, die meint, in einem von Männern dominierten Beruf besondere Zähheit beweisen zu müssen. Durch den Verlust ihres Mannes seelisch versehrt, tablettensüchtig und unter Schlafmangel leidend, erfüllt sie genau jene Kriterien, die sie als Pendant zu schwedischen Kommissaren vom Schlage Wallanders qualifizieren. Seit es als Zeichen besonderen Realismus' gilt, deren Ehe ebenso stark zu strapazieren wie deren Leber, zählt ein schwerer Sorgenrucksack ja als obligat für verbrecherjagende Protagonisten. 

Zudem erinnert die Verteilung der klassischen Aufgaben Muscle/Brain auf eine straßen- und lebenserprobte Polizistin und einen etwas verhaltensauffälligen Profiler an den Roman "Todesfrist" des österreichischen Autors Andreas Gruber. Dessen Verhaltensexperte Maarten S. Sneijder agiert jedoch dermaßen überzeichnet exzentrisch, daß er als Figur den Roman entscheidend mitprägt, während für Tom der Vergleich mit genannter TV-Figur sogar hinderlich sein kann, indem er die Rezeption in bekannte zu kurz greifende Schemata leitet.

Nach dem Klappentext und den ersten Kapiteln vermeint sich der Leser zunächst in einer  Verschwörungsgeschichte religiöser Prägung nach dem Strickmuster von Dan Brown zu finden, müssen doch kirchliche Würdenträger auf grausame, rituell anmutende Weise ihr Leben lassen. Zeitlich sind die Morde zudem in der symbolisch aufgeladenen Karwoche angesiedelt, was ebenfalls die Erwartungshaltung des Lesers auf bekannte Muster richtet. Anstelle jedoch wie bei Richard Montanaris "Crucifix" daraus einen atemlosen Countdown mit dem Ostersonntag als Finale zu schaffen, nimmt die Autorin jedoch in ihrer Erzählung eine scharfe Kurve und biegt in Richtung eines brav konstruierten Regionalkrimis ab. Vorerst. Denn kaum hat sich der Leser damit abgefunden, keinen konspirativen Kirchenkritiker zu jagen, der wie beispielsweise im Film "Sieben" seine Morde nach den sieben Todsünden inszeniert, lauert die nächste Wendung: Regionalkimiuntypisch rückt ein ehemaliges Internat ins Zentrum der Ermittlungen, in dem systematisch Minderjährige gequält wurden. Assoziationen zu einem ganz anderen Film, nämlich "Sleepers", in dem anhand eines Mordes   in der Gegenwart Verbrechen der Vergangenheit enthüllt werden, drängen sich auf, wenn die Rollenverteilung zwischen Opfer und Täter plötzlich nicht mehr eindeutig ist.
 
Für das Serienmörder-Thriller-Genre bietet der Roman nun kaum innovative Ansätze oder bahnbrechende Überraschungen, die ihn von vergleichbaren Titeln abheben. Traumatisierte Ermittler, die ungewöhnliche Teams bilden, Mörder, die der Meinung sind, unsägliches Leid nur auf eine einzige Weise sühnen zu können, selbst bis ins grausamste Detail geschilderte Folterszenen sind zuhauf zwischen zwei Buchdeckeln zu finden. Wodurch sich die Autorin jedoch sehr wohl von ihren Kollegen unterscheidet, ist ihre Motivation. Wie sie im Nachwort schildert, wurde sie durch ihre Recherchen zu den "Houses of Horror", konfessionellen irischen Internaten, nachhaltig erschüttert. Ein unfaßbares System aus Mißbrauch, Kinderarbeit und sogar Versuchen mit Medikamenten, das erst mühsam aufgearbeitet werden muß und in ähnlicher Form auch in anderen Ländern zu finden ist, bildet die reale Grundlage für ihren Roman. Szenen von explizitem sexuellem Mißbrauch oder Zöglingen, die dazu gezwungen werden, ihr eigenes Erbrochenes zu essen, mögen auf den ersten Blick als Stilmittel scheinen, um die Bösartigkeit der Peiniger zu veranschaulichen. Was sie jedoch bewirken - und wessen sich der Leser nicht entziehen kann - ist, den in Medien veröffentlichten abstrakten Zahlen konkrete kindliche Gesichter zu verleihen.

Die Schilderungen der auf realen Ereignissen basierenden Mißbrauchsfälle dringen tief ein, berühren, rütteln auf. Die Seelen der Opfer sind zerstört, als Erwachsene leiden sie unter psychischen Krankheiten wie Persönlichkeitsstörungen und schwersten Depressionen, die es ihnen verunmöglichen, jemals ein zufriedenes Leben zu führen. "Ich weiß, diese Passagen sind teilweise hart zu lesen und gehen beiahe bis an die Grenze des Erträglichen", ist sich die Autorin in ihrem Nachwort sehr wohl bewußt. Verstärkt wird diese Härte durch die zwischen den Seiten hervortriefende Hoffnungslosigkeit, die an Marquis de Sades "Justine" erinnert. Andere Autoren nutzen Gewalt als Teil ihrer Dramaturgie, Jennifer Wind verbindet damit jedoch ein aufrichtiges Anliegen. Nicht jeder Autor bringt den Mut auf, diesem mit einem adäquaten Maß an Pietät gerecht zu werden, nicht jedem gelingt es wie Jennifer Wind, eine Geschichte zu errichten, das wie ein Mahnmal in einer Wohnstraße wirkt.
Überraschende Wendungen oder originelle Persönlichkeiten sind in "Als Gott schlief" wohl nicht zu finden. Vielmehr wird anhand bekannter Muster eines Stadt-Land-Krimis die Aufdeckung eines Falles systematisch praktizierter Gewalt an Kindern erzählt, die durch den realen Hintergrund und die detaillierten Schilderungen umso realistischer, aufrüttelnder wirkt.

© Rezension: 2014, Wolfgang Brandner 
 


373 Sseiten, Klappenbroschur
Erscheinungstermin: Dezember 2014
ISBN 978-3-8392-1717-7
Kaufen: eBook | Print

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