Rezension || Schaurige Weihnacht überall | Friederike Schmöe

Sonntag, 21. Dezember 2014 0 Kommentare




Eiskalter Mord  Ein eiskalter dritter Advent. Die resolute Drummerin Ilsa hat ihren Mann verlassen und ist auf dem Weg in ihr Ferienhaus. An einer Tankstelle liest sie die völlig verstörte Moni auf. Kurzerhand nimmt Ilsa sie mit in die Fränkische Schweiz. Monis Gedächtnis ist wie ausgelöscht. Sie wiederholt ein ums andere Mal, dass sich ein Wagen überschlagen hat und jemand ums Leben kam. Doch wer? Und worauf ist der Typ aus, der einige Tage vor Weihnachten plötzlich beim Ferienhaus auftaucht? Bevor Ilsa die Zusammenhänge begreift, eskaliert die Lage.

Friederike Schmöe
Geboren und aufgewachsen in Coburg, wurde Friederike Schmöe früh zur Büchernärrin - eine Leidenschaft, der die Universitätsdozentin heute beruflich frönt. In ihrer Schreibwerkstatt in der Weltkulturerbestadt Bamberg verfasst sie seit 2000 Kriminalromane und Kurzgeschichten; sie gibt Kreativitätskurse für Kinder und Erwachsene und veranstaltet Literaturevents, auf denen sie in Begleitung von Musikern aus ihren Werken liest. Ihr literarisches Universum umfasst u.a. die Krimireihe um die Bamberger Privatdetektivin Katinka Palfy und eine Krimiserie mit der Münchner Ghostwriterin Kea Laverde als Hauptfigur. Der 2009 erschienene erste Band wurde von Brigitte unter den »besten Taschenbüchern für den Urlaub« empfohlen. 

 


Der Roman ist in 42 Kapitel gegliedert, in denen zwischen mehreren Handlungssträngen gewechselt wird. Die Ich-Perspektive markiert dabei die Hauptfigur Ilsa, während die Ereignisse um Moni, ihren Freund Gerolf und einem zunächst unbekannten Beobachter auktorial geschildert sind. Dabei versteht es die Autorin, gewohnt souverän die lange parallel verlaufenden Fäden schließlich zu einem stimmigen Showdown zu verknüpfen, der keine Fragen unbeantwortet läßt.
Aus rein sprachlicher Sicht müßte der Roman jedoch mit dem Etikett "Regionalkrimi" versehen werden: Begriffe und Redewendungen, die nicht im gesamten deutschen Sprachraum geläufig sind, treten nämlich in einer Häufigkeit auf, die nahelegt, daß auf diese Weise Lokalkolorit vermittelt werden soll. Beispielsweise erschließt sich die Bedeutung von "volle Lotte" oder "Mach hinne!" nur aus dem Kontext, für "Hänfling", "Tanke" und "Troyer" wäre ein bei spezifisch österreichischen Unterhaltungsromanen übliches Glossar hilfreich gewesen.

Die Nächte um Weihnachten und Neujahr sind lang und kalt, alle Geräusche gedämpft, alles Geschehen verlangsamt. Die Zeit ist vom Glauben geprägt, von Tradition durchsetzt. Etwas Altes findet seinen Abschluß, etwas Neues beginnt. Es ist dies eine Zeit es Innehaltens, des Zurückblickens, der stillen Freude und des hoffnungsvollens Vorausschauens. In dieser Stimmung ist auch Friederike Schmöes mittlerweile vierter Weihnachtskrimi angesiedelt, der im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern nicht auf die bewährte Serienheldin Katinka Palfy setzt. Hauptfigur Ilsa, Drummerin einer mittlerweile aufgelösten Punkband namens Skunky Pie sieht sich an einem Wendepunkt: Soeben hat sie ihre Spielsucht überwunden, da wird sie von ihrem Mann betrogen. Die Distanz zu den Scherben ihrer Beziehung sucht sie in erster Linie physisch: In den letzten Tagen des Jahres begibt sie sich auf eine Reise, orientierungslos, emotional ungeschützt, den Elementen ausgesetzt auf die Suche nach Herberge. Im Stil eines Roadmovies vermeint man die Szene von Chris Reas "Driving Home for Christmas" untermalt, wenn Ilsa in der Einsamkeit ihreres Autos die verschneite Landschaft vorüberziehen und die musikalisch-rebellischen Zeiten Revue passieren läßt.
Gekonnt thematisiert Friederike Schmöe die Erinnerung als Richtschnur im Leben, als jenen Teil des Weges, der hinter uns liegt, die Frage nach dem Woher beantwortet. Ebenso, wie Ilsa sich über ihre Punk-Vergangenheit definiert, ist der unter Gedächtnisverlust leidenden Moni diese Definitionskraft abhanden gekommen. Wo Ilsa ihre Zukunft anhand der Vergangenheit planen kann, muß Moni erst ihre eigene Gegenwart finden. Dabei streift die Autorin auch die Frage, ob das Gedächtnis eine Schutzfunktion durch sein Aussetzen übernehmen kann. Wenn uns das, was aus dem Spiegel entgegenblickt, in Schaudern versetzt, wäre es dann nicht besser, heilsamer, sich gänzlich neu zu erfinden? Ist ein Mensch ohne Vergangenheit tatsächlich frei im Entwurf seiner Zukunft?

Ein facettenreiches psychologisches Verwirrspiel zu erwarten, wäre jedoch unangebracht, diesen Anspruch will der Roman auch gar nicht erfüllen. Stattdessen verzichtet er zugunsten leichter, feiertagsadäquater Unterhaltung bewußt auf zu große Komplexität. Anhand von Symbolen wie dem in weihnachtlicher Beleuchtung erstrahlenden Dorf, Schokoladenikoläusen und Schneegestöber erfolgt immer wieder die zeitliche Einordnung, und auch mit der Hütte in den Bergen, deren Abgeschiedenheit das Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit noch verstärkt, wird zudem auf ein bekanntes Topos gesetzt. Begegnungen mit der eigenen Kindheit in diesem einstigen Zufluchtsort erfüllen zudem Hauptfigur und Leser mit wehmütiger Nostalgie. "Die Handschrift eines Menschen, den du geliebt hast, kann dich wahnsinnig machen. Die Buchstaben sind noch da, ihr Urheber ist Asche", wird Ilsa nachdenklich, nachdem sie handgeschriebene Rezepte ihrer verstorbenen Mutter gefunden hat. 




Mit ihrem vierten Weihnachtskrimi legt uns Friederike Schmöe spannende Krimiunterhaltung mit einem actionreichen Finale unter dem Christbaum. 

© Rezension: 2014, Wolfgang Brandner   


Friederike Schmöe - Schaurige Weihnacht überall - GmeinerVerlag

Paperback / Oktober 2013

ISBN 978-3-8392-1436-7
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