Rezension || Der Prophet des Todes | Vincent Kliesch

Freitag, 20. März 2015 2 Kommentare


Eine geheimnisvolle Vorhersage kündigt zwei rätselhafte Todesfälle in Berlin an. Wer steckt hinter der seltsamen Botschaft? Hauptkommissar Julius Kern beginnt zu ermitteln - und erhält kurz darauf selbst eine Todesprophezeiung. Er wird von dem Fall abgezogen, doch inoffiziell ermittelt er weiter. Denn der Prophet des Todes hat keinen Zweifel daran gelassen, dass nur eine Begegnung mit Kerns Erzrivalen Tassilo Michaelis das Rätsel lösen und die Familie des Kommissars retten kann ... (Cover und Text: Blanvalet Verlag)



"... keiner kann leben, während der andere überlebt ..."

So lautet der zentrale Wortlaut der Prophezeihung im fünften Teil der Harry Potter-Reihe, die den jungen Zauberlehrling und seinen dunklen Widersacher in ihren Schicksalen aneinanderkettet.
"In drei Tagen wirst Du Tassilo getötet oder Deine Familie verloren haben."
So lautet jene Weissagung der titelgebenden Figur in Vincent Klieschs drittem Teil seiner Serie um den brillanten Ermittler Julius Kern und seinen serienmordenden Erzfeind Tassilo Michaelis. Ganz bewußt setzt der Autor hier auf metaphysische Elemente, um einerseits die Verbindung der beiden Figuren zueinander zu verdeutlichen und andererseits, um diese Verbindung zusätzlich zu glorifizieren. Indem er nämlich eine Überschneidung mit dem Fantasy-Genre vollführt, entzieht er sich einer ausschließlich thrillerbasierten Deutung.

Wie bereits in den beiden Vorgängerbänden wird ein eigener Handlungskosmos umrissen, innerhalb dem Figuren und Situationen ins Comicartige überzeichnet werden können. Ebenso wie beispielsweise die fiktive Stadt Metropolis eine an die Realität der Leser angelehnte Welt darstellt, in der Superman und Lex Luthor ihre immerwährende Feindschaft austragen, erzeugt auch Kliesch mit dem Berlin seiner Romane einen Ausschnitt der Wirklichkeit, der ihm als Bühne dient. Als Eckpfeiler fungieren dabei etwa die Imbißbude "Bärbels Gourmettempel" oder die Zeitschrift "Fadenkreuz", die in den Romanen die Aufgabe der medialen Berichterstattung übernimmt. Dieser eigene Kosmos ermöglicht die Zuspitzung der Figurenkonstellation auf die strahlenden Heldengestalt und seinen abgrundtief bösen Gegenspieler, die Betonung des Außergewöhnlichen und somit die Ausblendung aller nicht handlungsrelevanten alltäglichen Situationen. Hier können die Verbrecher auch mit Spitznamen wie "Putzteufel", "Schläfenmörder" oder "Nostradamus" etikettiert werden, eine Praxis, die wiederum aus Comics und Superheldengeschichten bekannt ist. Dazu bedient sich der Autor freimütig an hinlänglich bekannten Situationsmotiven wie dem Schüler, der seinen Lehrer herausfordert oder den beiden Freunden, die einander durch eine folgenschwere Entscheidung im späteren Verlauf als Rivalen gegenüberstehen. Ebenfalls etwas der Wirklicheit entrückt: Der Autor muß eine Möglichkeit finden - wie bei Harry Potter - seine beiden zentralen Figuren, das Kapital seiner Geschichten, in glaubhafter Weise am Leben zu erhalten. Über die jeweils benannten Übeltäter werden daher je Roman Stellvertreterkämpfe ausgetragen, anhand derer Julius und Tassilo einander in Fernduellen begegnen.

Bis zum aktuellen Band, der als abschließender Teil der Trilogie als großes Finale inszeniert ist. Die Geschichte um den von den Ermittlern Nostradamus genannten Verbrecher, der seine Opfer mit selbsterfüllenden Prophezeihungen zu Bluttaten treibt, hat hier bestenfalls noch Alibicharakter. Die Rafinesse des Mordes, der den Stein ins Rollen bringt, dient nur mehr dazu, Julius Kern ins Geschehen zu holen, alles übrige ist nur mehr Vorbereitung für den Showndown.
Schade eigentlich. 
Gerade die leicht mystisch angehauchte Ausgangssituation und das Rätsel, ob sich die Weissagungen auch ohne Zutun der Opfer erfüllen würden, hätte viel Potential geboten und eine tiefere Ausarbeitung verdient. So hingegen widmet sich der Roman beinahe ausschließlich der Beziehung der beiden Gegenspieler zueinander, die sich als eine viel tiefere herausstellt und dem unausweichlichen Schluß in bester High Noon-Manier. Im Zuge dessen scheint die Figur des Tassilo dem Autor kurzzeitig die Initiative zu entreißen und darf sich als ein Mörder mit Moral und Manieren, einem bizarren Ehrenkodex darstellen, was ob der knallbunten Zeichnung wie eine unpassende Grauschattierung wirkt. Wenn der Autor sich am Ende schließlich nicht von seinen Figuren trennen kann und die letzte Seite hinauszögert, kann der Leser dies gut nachvollziehen: Bestens mit augenzwinkernder Unterhaltung versorgt, die trotz der blutigen Thematik nicht ganz ernstgenommen werden darf, fällt es nicht leicht, sich von Julius Kern und seinem dämonischen Widerpart zu verabschieden.


Im bewährten comicartigen Kliesch-Stil kommt es endlich zum erwarteten Finale zwischen Julius Kern und Tassilo Michaelis. Kenntnis der beiden Vorgängerbände ist zwar nicht zwingend erforderlich, ehöht jedoch das Lesevergnügen ungemein.

© Rezension, 2015 Wolfgang Brandner


Vincent Kliesch - Der Prophet des Todes - Blanvalet Verlag

Taschenbuch, Klappenbroschur, 384 Seiten,
ISBN: 978-3-442-37797-8
Erscheinungstermin: 17. April 2012
kaufen: Print / eBook


Kennt ihr das Buch schon?
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Wolltet ihr Vincent Kliesch schon immer mal etwas fragen? 
Zögert nicht, eure Fragen in den Kommentaren zu stellen - der Autor wird sie euch sehr, sehr gerne hier im BücherKaffee beantworten. 



Morgen erfahrt ihr mehr zur neuen Reihe des Autors -
Kommissar Boesherz ermittelt in seinem ersten Fall.

Kommentare:

  1. Mir ist doch glatt wirklich noch eine Frage eingefallen *gg*
    Mich würde interessieren, ob es schwer war/ist, sich von Julius Kern zu lösen und einen ganz neuen Charakter zu ersinnen, ohne dass da Parallelen auftauchen. Ich kenne den Anfang der neuen Reihe -leider- noch nicht, von daher kann ich nicht sagen, ob ein bisschen Julius im neuen Ermittler steckt ;-)

    Und dann würde ich mir immer noch wünschen, dass Julius wiederkommt ;-)

    Liebe Grüße
    Bine

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  2. Die Frage zum Wechsel der Hauptfigur beantworte ich ziemlich ausführlich in dem Interview, das morgen veröffentlicht wird. So viel aber jetzt schon mal: Severin Boesherz ist ganz bewusst das genaue Gegenteil von Julius Kern. Alleinstehend, ein leicht versnobter Bonvivant, brillanter Logiker, aber oft wenig einfühlsam ... Ob Julius wiederkommt habe ich selbst noch nicht entschieden. Ich sage aber mal ganz vorsichtig: Könnte sein. ;-)

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