IN DER ERSTEN REIHE SIEHT MAN MEER | VOLKER KLÜPFEL & MICHAEL KOBR

Mittwoch, 9. März 2016 0 Kommentare

Teutonengrill trifft Dolce Vita


Mensch, war das schön: 
Im Morgengrauen ging's los, eingepfercht auf der Rückbank der vollbeladenen Familienkutsche. Zehn Stunden Fahrt an die Adria, ohne Klimaanlage und Navi, dafür mit Modern Talking aus dem Kassettenradio. Am Strand ein Duftgemisch aus Tiroler Nussöl und Kläranlage, und statt Cappuccino gab's warme Limo. Willkommen zurück im Urlaubsparadies der 80er Jahre.
Darin findet sich Familienvater Alexander Klein wieder, als er über einem Fotoalbum einnickt und als pickliger Fünfzehnjähriger erwacht – dazu verdammt, die Italien-Premiere seiner Jugend noch einmal zu erleben. Und zwischen Kohlrouladen und Coccobellomann die beste Zeit seines Lebens hat. [© Text und Bild: Droemer Knaur Verlag]

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[mk] Lange ist's her als unser Fiat Mirafiori vollgeladen wurde und wir zwar nicht bis zur Adria aber immerhin zum Gardasee gefahren sind. Wir Kinder haben es und auf der Rückbank gemütlich eingerichtet (Gurte gab es da noch nicht hinten) und uns unendlich gelangweilt auf der langen Fahrt ins „exotische" Italien. Kein Wunder, dass mich der Roman von Volker Klüpfel und Michael Kobr, deren bekannter Kommissar Kluftinger hier nicht mit von der Partie ist, angesprochen hat.

Was mir gleich ins Auge sticht ist der toll designte Schutzumschlag. Die Aufmachung als Fotoalbum wirkt sehr hochwertig. Vor jedem Kapitel ist ein Urlaubsfoto aus den Achtzigern abgebildet. Einige der schwarzweißen Schnappschüsse sind aber zu klein, um die Motive gut erkennen zu können. 

Alexander Klein wird unfreiwillig als Mittvierziger in seine Jugend zurückkatapultiert. Das eröffnet eine interessante Perspektive, denn damit erleben wir die Reise mit seiner Familie aus heutiger Sicht. Oft will er zu seinem Smartphone greifen, sei es wenn es um die Route geht oder um mögliche Aktivitäten vor Ort, aber es nicht da, es ist noch nicht erfunden. Das ist nur ein Beispiel von vielen für das, was sich in den letzten dreißig Jahren verändert hat. So schnell wird man alt!



Als Beamter des Ordnungsamts ist es für Alexanders Vater eine Herausforderung, sich auf die Lebensweise der Italiener einzulassen. Eigentlich will er wie die meisten deutschen Urlauber davon nichts wissen, wie damals sehen auch heute noch manche Strandhotelbesucher die Einheimischen höchstens als Bedienstete an. Es ist Alexander, der auf die Italiener zugeht und damit eine Brücke zur Völkerverständigung herstellt. Dieser Aspekt ist sehr gut gelungen.

Wo der Roman hinter meinen Erwartungen zurückbleibt, ist beim Humor. Ich hatte ihn mir witziger vorgestellt, mehr überzeichnet. Da halten sich die Autoren eher an die damalige Realität, was zwar immer wieder zum Fremdschämen oder Kopfschütteln veranlasst, bei mir aber selten Lacher verursachte. 

PERSÖNLICHES FAZIT


Ein Nostalgietrip in die Achtziger. Wer beim Lesen Musik hört sollte zu diesem Buch unbedingt seine LPs oder Kassetten aus dieser Zeit auf- bzw. einlegen (na gut, mp3 geht auch). Der Roman ist zwar ziemlich authentisch und der Beitrag zur Völkerverständigung gefällt mir gut, allerdings hatte ich von „In der ersten Reihe sieht man Meer" mehr Witz erwartet. 

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


In der ersten Reihe sieht man Meer | Volker Klüpfel & Michael Kobr | Droemer Knaur Verlag*

9. März 2016, gebunden, 320 Seiten, ISBN: 9783426199404

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