REZENSION: ANNA UND DER SCHWALBENMANN | GAVRIEL SAVIT

Donnerstag, 2. Juni 2016 0 Kommentare


Krakau, 1939. Anna ist noch ein Kind, als die Deutschen ihren Vater mitnehmen, einen jüdischen Intellektuellen. Sie versteht nicht, warum. Sie versteht nur, dass sie allein zurückbleibt. Und dann trifft Anna den Schwalbenmann. Geheimnisvoll ist er, charismatisch und klug, und ebenso wie ihr Vater kann er faszinierend viele Sprachen sprechen. Er kann Vogellaute imitieren und eine Schwalbe für sie anlocken. Und er kann überleben – in einer Welt, in der plötzlich alles voller tödlicher Feindseligkeit zu sein scheint. Anna schließt sich dem Schwalbenmann an, lernt von ihm, wie man jenseits der Städte wandert, sich im Wald ernährt und verbirgt. Wie man dem Tod entkommt, um das Leben zu bewahren. Aber in einer Welt, die am Abgrund steht, kann alles gefährlich werden. Auch der Schwalbenmann.[© Text und Cover: cbt Verlag]

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[mk] Gerade einmal sieben Jahre ist Anna an dem Tag alt, als ihr Vater nicht mehr nach Hause kommt. Sie wartet bei einem befreundeten Apotheker auf ihn, der sie zwar in der kommenden Nacht in seinem Laden übernachten lässt, sie am nächsten Morgen allerdings auf die Straße setzt, sich mit einem Judenmädchen abzugeben ist ihm zu gefährlich. Glücklicherweise trifft sie auf den Schwalbenmann, der das aufgeweckte und clevere Mädchen nicht ignoriert.
Seinen Namen verrät er ihr nicht, denn Namen können in diesen Zeiten gefährlich sein. Gemeinsam verlassen sie die Stadt und ziehen durch die Wälder Polens, um möglichst nicht entdeckt zu werden.

Das Buch ist zwar nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben, trotzdem erzählt es aus Annas Sicht. Die Wahrnehmung eines jungen Mädchens ist eine ganz andere als die eines erwachsenen Beobachters. Viele Geschehnisse kann sie zwar beschreiben, oft versteht sie die Zusammenhänge aber nicht, oder sie kennt die Gründe dafür nicht. Entweder erklärt sie sich die Dinge auf ihre eigene Art oder sie akzeptiert sie so, wie sie sind. Das verschafft dem Thema einen besonderen Blickwinkel.

Der Roman wird nicht von Brutalität oder Verzweiflung bestimmt, er ist in einem angenehmen, ruhigen Ton gehalten. Vieles wird nur angedeutet oder ist zwischen den Zeilen zu lesen. Das löst eine melancholische Traurigkeit aus, die aber trotz Hunger, Kälte, Angst und Einsamkeit Platz lässt für das Wichtigste: Hoffnung.

Besonders im Fokus stehen die beiden Hauptcharaktere: wenn man über eine lange Zeit zusammen unterwegs ist, sollte man sich vertrauen können. Aber wer ist dieser schweigsame Mann, der so korrekt und distanziert ist und sich doch auf seine Art um Anna kümmert? Welches Geheimnis behütet er so sorgfältig? Anna ist gut erzogen, sie geht ihm nicht mit Neugierde auf die Nerven. Sie ist wissbegierig und lernt viel von ihm, nicht zuletzt zu überleben.



Die schöne Aufmachung mit den Illustrationen vor jedem Kapitel unterstreicht die Stimmung des Buchs ausgezeichnet. Sie passt gut zu der Poesie, die sich immer wieder auch im Text wiederfinden lässt.

„Es war ein ewiges Rätsel, wie mitten im größten Grauen das Wetter so ungerührt warm, hell und heiter sein konnte. Grauen gab es auch an diesem Tag viel, und es war nicht weit entfernt von der Stelle, an der Anna saß. Doch die Sonne schien zum Glück nichts davon mitzubekommen."(S. 116)

PERSÖNLICHES FAZIT


ANNA UND DER SCHWALBENMANN ist ein ruhiges und stimmungsvolles Buch, das trotz der trostlosen, harten Zeit die Menschlichkeit nicht untergehen lässt. Die schöne Aufmachung unterstreicht den gelungenen poetischen Grundton des Textes. Eine Leseempfehlung nicht nur für Jugendliche, die Bücher mit Tiefgang mögen.


© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Aus dem Englischen von Sophie Zeitz / Illustrationen von Laura Carlin
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
29.02.2016, gebunden, 288 Seiten, ISBN: 9783570164044

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