Rezension: Das geheime Evangelium | Ian Caldwell

Montag, 15. August 2016 0 Kommentare



Der griechisch-orthodoxe Priester Simon will sich in den Gärten von Castel Gandolfo heimlich mit dem Kurator einer Ausstellung treffen, die die Geschichte der Kirche verändern soll. Doch vor Ort findet er dessen Leiche. Schnell stellt sich heraus: Es war Mord - und Simon wird verdächtigt. Gleichzeitig wird in die Wohnung seines Bruders Alex eingebrochen. Alex versucht, einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen herzustellen. Ist das geheime Evangelium, das ausgestellt werden sollte, der Grund? Alex ahnt, dass er der Wahrheit immer näherkommt, denn plötzlich wird er selbst gejagt. [Text + Cover: Rütten & Loening]

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Der Autor Ian Caldwell, so erfährt man in der kurzen Vita, kann stolz auf ein abgeschlossenes Geschichtsstudium der angesehenen Universität von Princeton verweisen. Und sein neuer Roman erweckt den Eindruck, als würde er keinen Hehl daraus machen.

Was zunächst ins Auge fällt, ist die gewählte Perspektive der ersten Person, die bereits sehr viel über die erzählende Hauptfigur verrät. Der Priester Alex ist ein hochgebildeter, ebenso scharfsinniger wie aufmerksamer Beobachter, dem kein Detail entgeht. Insofern gibt es in den geschilderten Situationen und Lokalitäten keinerlei Unschärfen, die Bilder, die auf den Leser eindringen, wirken, als wären sie in ihren Konturen noch nachträglich betont worden. Somit entsteht vielfach der Eindruck eines Stillebens, von Kulissen, die erst errichtet werden, bevor die Figuren vor ihnen ihr Spiel bestreiten. Die Dialoge werden häufig in indirekter Rede wiedergegeben, was außerdem wenig zur Dynamik beiträgt. Insgesamt wirkt die Erzählweise somit sehr dokumentarisch und nüchtern, eher der Textsorte eines Zeitungsartikels als eines narrativen Stückes entsprechend. 

Mit einem Geistlichen als Hauptfigur wird ein ungewöhnlicher Weg beschritten. Alex lebt als allein erziehender Vater und gleichzeitig griechisch-orthodoxer Priester innerhalb der Mauern des Vatikans. Selbst aufgewachsen als Sohn eines griechischen Priesters, ist er von Kind auf geprägt von Altruismus und tief empfundenem Glauben. Sein Beruf ist ihm Berufung, Respekt vor der Schöpfung, vor anderen Menschen und dem unermesslich reichen Wissensschatz, der in allen Winkeln seines Wohnortes zu finden ist, prägen seine Wahrnehmung und sein Handeln. Jeden Gegenstand assoziiert er mit einer Anekdote, jede Begegnung mit einer anderen Person weckt Erinnerungen. Der Entwurf einer solchen Figur wirkt angesichts eines stark ausgeprägten Säkularismus wie ein Gegengewicht zum Zeitgeist und trotz - oder vielleicht gerade wegen - ihres ungewöhnlich strengen Wertekanons und der stark ausgeprägten Prinzipientreue erfrischend andersartig und als ein verlässlicher Begleiter durch die Geschichte.

Die erwähnten gedanklichen Brücken, die Alex von Personen und Objekten zu ihren Geschichten schlägt, nutzt der Autor immer wieder als Anknüpfungspunkte für Rückblenden. Leider sind diese oft nicht unmittelbar als solche gekennzeichnet, sodass einzelne Passagen wiederholt werden müssen. 

Der ganz alltägliche Alltag der Kurie im Vatikan, die architektonische Ausrichtung des Castel Gandolfo, Sommersitz des Papstes ... in Aspekten wie diesen stellt der Autor nun sein umfangreiches Wissen unter Beweis. Die Funktionsweise der Radiocarbondatierung, mit der das tatsächliche Alter des Turiner Grabtuchs festgestellt wurde, erläutert er im Detail und wählt sich diesen Vorgang als Ausgangspunkt für seinen Roman. Mit der Annahme eines Irrtums in der Datierung bietet er seinen Protagonisten weiten Raum für Spekulationen und Recherchen, die sie zunächst in eine unterirdische Bibliothek, die intellektuellen Eingeweide des Kirchenstaates, führen. In der Beschreibung des Ausmaßes der religiösen Verehrung von Reliquien, das Innenleben der Säulen im Petersdom oder die Kanonisierung der Evangelien droht der Autor oft ins Dozieren zu verfallen und den Kontakt zum Leser zu verlieren. Wer allerdings seinen Ausführungen interessiert folgt, dem eröffnet sich kein Thriller mit Sachbuchelementen - wie wohl ursprünglich beabsichtigt - sondern eher ein Sachbuch mit belletristischen Stilmitteln. 

Persönliches Fazit

Die geschickte Wahl der Hauptfigur ermöglicht selten intime Einblicke in den Vatikan. Leider erstickt jedoch die akademische Begeisterung des Autors die Spannung, sodass der Roman letztlich ein wenig wie Dan Brown in Zeitlupe wirkt. 

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Das geheime Evangelium | Ian Caldwell | Rütten & Loening
Übersetzt von Wolfgang Thon
2016, Klappenbroschur, 560 Seiten, ISBN: 978-3-352-00666-1
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[wolfgang]

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