Rezension: Wir waren keine Helden | Candy Bukowski

Donnerstag, 29. September 2016 2 Kommentare

"… Der eine, lange, unwiederholbare Moment. Einer von denen, die du dein ganzes Leben lang immer wieder mal vermisst. Der als verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie irgendwo in deiner rechten Herzkammer steckt. Nicht im Portemonnaie wie all der andere, vermeintlich wichtige Kram. Das kleine, riesengroße Sepiaglück, mit den richtigen Menschen im richtigen Moment. Das man nicht halten kann, nur bewahren…"



„Wir waren keine Helden“ ist ein Coming of Age Roman, startend in den 80ern am „Arsch der Welt“, wo für Sugar mit dem Punker Pete, später auch mit Luke und Silver, Beziehungen für ein ganzes Leben beginnen. Eine rasante Reise durch das Reifen, Erwachsenwerden und Erwachsensein in vielen Etappen, oft im Grenzgang, immer auf der Suche nach stimmigen Antworten … [Text & Cover: © edel & electric Verlag]

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Candy Bukowskis autobiografischer Roman und gleichzeitig auch Debüt „Wir waren keine Helden“ nahm mich als Leserin mit auf eine ganz besondere Reise. Eine Reise, die in den 80ern begann und bis heute reicht. Meine Reisebegleiterin ist Candy Bukowskis Alter Ego Sugar, die mir Einblick in ihr Leben gewährt. Ein Leben, dass auf einem unscheinbaren Dorf, quasi mitten in der Pampa, beginnt und dem sie mit sechzehn endlich entfliehen mag. Es sind immerhin die 80er. Die wilde Freiheit ruft, das Leben ruft und es gibt so viel zu entdecken und Heldentaten wollen vollbracht werden.

Von der Jugend auf dem Dorf bis hin zur zu der Sugar, die sie heute ist - eine im Hier & Jetzt angekommene Frau in den Vierzigern - ist es ein weiter Weg. Ein Weg, auf dem so viel passiert und auf dem es so viele Abzweigungen gibt. Sugar hat keinen festen Plan, sie probiert aus, sie testet die Ehe, die jedoch scheitert, befreit sich, reißt sich los und stürmt weiter vorwärts. Raus aus dem Dorfleben, rein in die großen Städte. Sie findet sich immer wieder neu, testet aus, ändert den Kurs, nimmt neue Abzweigungen. Viele Hochs und Tiefs steuern das Leben, sorgen für neue Entscheidungen. Einige davon sind richtig, manche falsch. Aber es sind ihre ganz persönlichen Lebensentscheidungen, die sie Reifen und Erwachsen werden lassen. Aber manchmal muss man einfach auch Fehler machen im Leben um daran zu wachsen und neue Chancen ergreifen zu können. Das ist „Murphys Gesetz“ - oder „Heldenschicksal, wie Sugar sagen würde.
Nebenbei treffen wir natürlich weitere Reisebegleiter. Manche stoßen nur auf kurzen Etappen dazu, andere begleiten uns fast die ganze Zeit und werden Freunde fürs Leben, so wie zum Beispiel Punker Pete.

Mehr Zitate auf https://candybukowski.com


Sprachlich schonungslos, tiefgründig und sehr offen schreibt Candy Bukowski über das Leben und die Liebe, über das Erwachsenwerden und über das Suchen und Finden von Antworten.
Die ausdrucksstarke Sprache begeistert sehr und ich musste feststellen, dass ich wohl noch nie zuvor so viele schöne und vor allem treffende Zitate auf einmal in einem Buch markiert habe wie in diesem. Ich weiß nicht woran es lag, aber ich fühlte mich einfach verstanden. Bei so vielen gelesenen Sätzen musste ich nicken und denken: „ja, das sehe ich auch so“ und „das unterschreibe ich genau so!“.

Das Ganze wird zudem noch geprägt mit dem ganz unverwechselbaren Soundtrack der 80er bis heute. Jedes Kapitel beginnt mit einem Songtitel, der das jeweilige Jahr prägte. Ich habe mir diese Playlist direkt geladen und war begeistert über die Zusammenstellung. Phil Collins, Metallica, The Surviver, Aerosmith, Meat Loaf & Co warteten hier auf mich und während des Lesens habe ich immer wieder in die jeweiligen Songs gehört. Ich konnte selbst so viel Persönliches verbinden, bin ich doch selbst auch mit diesen Songs aufgewachsen. Diese hervorragende Symbiose von Playlist und Story machten das Buch zu einem echten Herzensbuch für mich.
Ich musste immer wieder kurz aufhören zu lesen um einfach mal lautstark mitzusingen und um in eigenen Erinnerungen zu schwelgen!

Persönliches Fazit

Ein hervorragendes Debüt über Selbstbefreiung, über die Suche nach einem selbstbestimmten Leben, über Mut und Freiheit, aber auch über das Scheitern. Ein Roman über unsere vielen kleinen und großen persönlichen (Helden)Taten, die unser aller Leben prägen und die uns zu dem machen, was wir sind. Eine ganz klare Leseempfehlung.

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Wir waren keine Helden | Candy Bukowski | Edel & Electric
2016, 236 Seiten, ISBN 978-3-96029-006-3
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[alexandra]

Kinderbuch-Rezension: Die kleine Hummel Bommel sucht das Glück | Britta Sabbag, Maite Kelly & Joëlle Tourlonias

Dienstag, 27. September 2016 3 Kommentare

Fortsetzung des Bilderbuch-Bestsellers „Die kleine Hummel Bommel“ mit zwei neuen Liedern!


Was passiert, wenn eine mutige kleine Hummel das Fliegen gelernt hat und in die Welt hinaus kann? Sie packt die Karte, den Kompass und die Honigbrote von Mama in ihren Lederranzen und macht sich auf die Suche nach dem großen Glück! 
Ein Bilderbuch mit der zeitlosen Botschaft: Das Glück ist da, wo man zu Hause ist, wo Familie und Freunde sind. [Text & Cover: © arsEdition GmbH]

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Dieses Buch ist die Fortsetzung zum Bilderbuchbestseller "Die kleine Hummel Bommel“ zu dem auch zwei neue Lieder von den Autorinnen geschrieben wurden. Nachdem Bommel im ersten Buch gelernt hat zu fliegen, macht er sich in der Fortsetzung auf die Suche nach dem Glück.

Bommels Freunde finden ein bedrucktes Papier auf welchem ein Gewinnspiel beworben wird. Zu gewinnen ist eine Weltreise. Schon muss Bommel daran denken, was wohl hinter dem Gartenzaun ist. Er beschließt dem nach zu gehen, verabschiedet sich bei seinen Eltern und Freunden und macht sich auf die Suche nach dem Glück. Dabei trifft Bommel viele Tiere, die ihm bei der Suche helfen sollen.



Eine zauberhafte Geschichte mit einer wundervollen und wahren Botschaft. Gern hätte die Geschichte ausführlicher sein können, dadurch ist es an der einen oder anderen Stelle etwas wirr und man meint eine Buchseite zu vermissen. Dem Buch an sich macht dieser Umstand allerdings keinen Abbruch. Wichtig sind die Herzlichkeit und die Botschaft, beides ist wiederum klar und sehr passend beschrieben.

Zum Vorlesen für Kinder ab 4 Jahre, aber auch für die kleineren Zuhörer bestens geeignet. Zwei neue Lieder der Sängerin Maite Kelly stehen auf www.hummelbommel.de zum Download bereit, die man sich dann mit den Kindern anhören und gern auch mitsingen kann.
Hier gibt es auch noch weiteres Zusatzmaterial wie Noten, Ausmalbilder u.v.m. - Vorbeischauen lohnt sich!

Persönliches Fazit

Eine herzlich erzählte Geschichte, geeignet ab ca. 4 Jahren, mit schönen Illustrationen und einer wahren Botschaft: Das Glück ist da, wo Familie und Freunde sind.

© Rezension: 2016, Susa


Die kleine Hummel Bommel sucht das Glück | Britta Sabbag, Maite Kelly & Joëlle Tourlonias | arsEdition
Ab ca. 4 Jahren
2016, Hardcover mit Liedern zum Download, 32 Seiten, ISBN: 978-3-8458-1286-1
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[susa]

FILM VS. BUCH || tschick | Wolfgang Herrndorf

Sonntag, 25. September 2016 1 Kommentar

Jetzt im Kino!


Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine unvergessliche Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz. [© Text und Cover: Rowohlt Verlag, ©Plakat: Studiocanal

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Wolfgang Herrndorfs „tschick" hat mich schon vor Jahren begeistert. Zuletzt konnte ich mich anhand der sehr schönen Ausgabe der Edition Büchergilde nochmals davon überzeugen. Da wollte ich mir den Kinofilm des renommierten Regisseur Fatih Akin natürlich nicht entgehen lassen. 










[©Cover: Edition Büchergilde, ©Plakat: Studiocanal]

Buchverfilmungen haben es ja meist schwer, wenn sie den Bildern, die im Kopf des Lesers entstehen, nicht entsprechen, oder wenn zuviel verändert oder gekürzt wird. Tatsächlich ging es mir bei „tschick" nur selten so. Sicher, die Gesichter der Schauspieler waren deutlich anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Aber sie passen trotzdem sehr gut zur Vorlage, für mich waren sie nach einer kurzen Gewöhnungsphase äußerst überzeugend. Dass die eine oder andere Nebenrolle im Vergleich zum Buch etwas zu kurz kommt und dadurch für die Story nicht so relevant wirkt, ist vernachlässigbar. Insgesamt besteht der Film für mich den Vergleich um Buch überraschend gut. 

Eine entscheidende Frage im Vorfeld war für mich, wie das wesentlichste Element des Buchs, nämlich die jugendliche Sprache, in den Film transportiert wird. Das gelingt recht simpel: wir folgen Maiks Gedanken, die eben genauso wie in der Textvorlage seiner besonderen jugendlichen Logik folgen. Da sind Schmunzler garantiert! 

Dem Film gelingt es insgesamt, diese jugendliche Welt einzufangen und sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Trotz des ernsten Hintergrunds von Maiks schwierigem Elternhaus wird er von einer angenehmen Leichtigkeit getragen. Da fühlt man sich doch gleich wieder wie ein Vierzehnjähriger – mit allen Vor- und Nachteilen! 

Aufgefallen ist mir auch der tolle Soundtrack. Auch wenn Richard Clayderman etwas zu oft ran muss, der Rest ist sehr cool und trifft den Zeitgeist. 

Persönliches Fazit

Ausnahmsweise kann ich den Film gerade denen empfehlen, die das Buch kennen. Ich hatte jede Menge Spaß dabei, und trotzdem hallen auch die ernsten Töne nach. Aber auch meine Begleitung, die den Roman nicht kannte, war begeistert. Wirklich eine gelungene Umsetzung.

© 2016, Marcus Kufner

[marcus]


Website
www.tschick-film.de
www.studiocanal.de
Facebook
www.facebook.com/tschick.Film
www.facebook.com/STUDIOCANAL.GERMANY
Regie:
Fatih Akin
Darsteller:
Tristan Göbel als Maik Klingenberg
Anand Batbileg als Andrej 'tschick' Tschichatschow
Nicole Mercedes Müller als Isa



Rezension: Nexus | Ramez Naam

Samstag, 24. September 2016 3 Kommentare


Die Nano-Droge ermöglicht es einem, sich mental mit anderen Menschen und mit den Datenströmen des Internets zu verbinden. Der US-Behörde ERD ist Nexus jedoch ein Dorn im Auge. Sie zwingen den jungen Programmierer Kaden Lane, einen der Miterfinder von Nexus, sich bei einer skrupellosen chinesischen Wissenschaftlerin einzuschleusen. Sie plant, die gesamte Menschheit zu unterwerfen. Doch auch die Behörden gehen für Nexus über Leichen. [Text & Cover: © Ronin-Hörverlag]  

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Ramez Naam, geboren in Kairo, emigrierte im Alter von drei Jahren in die USA und war 13 Jahre lang bei Microsoft in leitender Funktion tätig. Er war beteiligt an der Entwicklung von Produkten wie Microsoft Outlook, dem Internet Explorer und der Suchmaschine Bing. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Bevor er mit "Nexus" den Auftatk zu einer Science-Fiction-Trilogie setzte, publizierte er zwei Sachbücher zu eben diesen Themen.

Nicht jeder kompetente Sachbuchautor ist zugleich auch ein begnadeter Erzähler, gelten doch gänzlich unterschliedliche Anforderungen an den Stil der jeweiligen Gattung. Ramez Naam gehört zu jenen Geistern, die in beiden Fächern reüssieren: Ihm ist es gelungen, ein spannendes Forschungsgebiet in einen mindestens ebenso spannenden Roman zu verpacken. Aus seiner fachlichen Kompetenz macht er dabei keinen Hehl, nur allzu gerne verliert er sich in technischen Details. Bei dem titelgebenden "Nexus" handelt es sich um zweierlei. Zum einen ist es ein Betriebssystem, das als Hardware den menschlichen Körper benutzt und zur Steuerung von dessen Funktionen Schnittstellen für Programme bereitstellt. Zum anderen ist Nexus eine oral einzunehmende Droge, die den Körper empfänglich für die Befehle des Betriebssystems macht. Der Autor stellt dabei detaillierte Überlegungen zum Design und den Eigenschaften dieses Betriebssystems an, sodaß eine Vorbildung des Hörers auf dem Gebiet der Computerwissenschaften sicher von Vorteil ist, um die jeweiligen Passagen nicht als zu theoretisch zu empfinden. In eben jenen Passagen setzt sich der Autor dabei der Gefahr aus, jenen Teil seiner Leser zu verlieren, die über entsprechende Grundkenntnisse nicht verfügen. Umgekehrt verleiht gerade die Kompetenz des Autors und die Reife seiner Überlegungen der Geschichte einen Grad an Authentizität, der die Grenze zwischen Fakt und Fiktion auf beunruhigende Weise verschwimmen läßt.

(Recht kurios in sachlicher Hinsicht ist übrigens der Umstand, daß die Geschichte zwar im Jahr 2040 spielt, wo hochkomplexe Problemstellungen aus dem Bereich der Bioinformatik (natural computation) bereits gelöst sind, das Nexus-Betriebssystem aber immer noch die von Microsoft bekannte auf Verzeichnissen und sequentiellen Dateien beruhende Filesystem-Struktur nutzt. Hier dürfte die berufliche Karriere den Autor stark beeinflußt haben.)

Neben den technologischen Aspekten einer solchen Revolution auf dem Gebiet der Computerwissenschaften sind Ramez Naam ganz offensichtlich die ethischen ein bedeutendes Anliegen. Wiederholt fragt er nach den Grenzen der Wissenschaft. Gibt es so etwas wie moralische rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen, oder hat der Mensch die Verpflichtung, alles umzusetzen, was realisierbar ist? Ist die Wissenschaft per se wertfrei, oder kann sie unter gewissen Umständen auch gut oder böse sein? Wenn es Maßstäbe gibt, anhand derer eine solche Wertung vorgenommen wird, wer besitzt dann die Autorität diese festzulegen und ihre Einhaltung zu überprüfen? Und nicht zuletzt: Wie weit reicht die Verantwortung eines Forschers für die Konsequenzen seiner Entdeckungen? Der Autor legt sich hier deutlich fest:

"Ein Wissenschafter ist für die Konsequenzen seiner Forschung verantwortlich"

ist jenes Mantra, das die Hauptfigur Kaden Lane immer wieder für sich wiederholt. Sakrosankt wird dieser Leitsatz außerdem dadurch, daß es sich dabei um das moralische Vermächtnis seines Vaters handelt.

Wie schwer eine qualitative Bewertung vorgenommen kann, läßt Ramez Naam den Leser auch gleich selbst nachvollziehen. Kaden Lane, Entwickler des Nexus-Betriebssystems wird nämlich von einer amerikanischen Behörde zur Kontrolle revolutionärer Technologien dazu gebracht, eine brilliante chinesische Wissenschafterin auszuspionieren, deren Arbeit - so wird ihm weisgemacht - verheerenden Schaden in der internationalen Politik verursacht. Der Chinesin gelingt es schließlich, Kaden ihre persönliche Sicht zu vermitteln, die sich natürlich fundamental von jener der USA unterscheidet, für den Leser aber mindestens ebenso nachvollziehbar ist. Schließlich verschwimmen die zunächst noch klar definierten Grenzen zwischen Gut und Böse in einen diffusen Graubereich. Der Leser wird geradezu herausgefordert, Ziele und Mittel gegeneinader abzuwägen und Position zu beziehen. Letztendlich steht nichts Geringeres als die Weiterentwicklung des Menschen durch einen künstlich herbeigeführten Schritt in der Evolution im Zentrum aller Konflikte und damit verbunden auch die Frage, wie sich der Homo Sapiens Sapiens angesichts einer überlegenen Spezies verhält. Dieses Thema teilt der Roman auch mit dem 2011 im Original (und 2015 auf dem deutschen Buchmarkt) erschienenen "Extinction" von Kazuaki Takano. Ein bemerkenswertes Detail am Rande: Ramez Naam vermeidet konsequent die ideologisch konnotierte Bezeichnung "Übermensch" und verwendet stattdessen "Transhumaner".

Ambivalent präsentiert sich der Stil des Romans. Während der Autor immer wieder, oft im Übermaß, in Phraseologismen zur Beschreibung von Emotionen verfällt, die in der englischen Sprache häufiger als in der deutschen verwendet werden ("Stirn runzeln", "Brauen heben"), überrascht er den Leser mit einer bunten Vielfalt an Metaphern bei der Beschreibung synästhetischer Sinneswahrnehmungen in den Rauszuständen der Protagonisten

Besonders gelungen und offensichtlich mit großem Aufwand produziert ist die Hörbuch-Fassung des Romans durch den Ronin-Hörverlag. Mit Uve Teschner konnte ein hochkarätiger Sprecher gewonnen werden, der immer wieder lustvoll das Spiel mit verschiedenen Akzenten (hier etwa des chinesischen) betreibt. Zur mentalen Kommunikation der Figuren durch die Nexus-Droge wird außerdem ein Echo-Effekt eingesetzt, der die entsprechenden Dialoge zusätzlich akzentuiert und dem Hörer regelrecht unter die Haut kriecht.

Persönliches Fazit

Nicht jedem gelingt es, ein hochkomplexes wissenschaftliches Thema in einem spannenden Roman verständlich zu verpacken - Ramez Naam ist einer der wenigen Begabten. Die Hörbuchfassung veredelt diesen durch dezent eingesetzte akustische Effekte und einen Sprecher, der zu den besten seines Fachs zählt.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Nexus | Ramez Naam | Ronin Hörverlag
Aus dem Englischen von Bernhard Kempen
2013, Ungekürztes Hörbuch, 15 Stunden 9 Minuten, ISBN: 978-3-453-31560-0
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[wolfgang]  

Rezension: Weltenriss – Die Karten der verlorenen Zeit | S.E. Grove

Donnerstag, 22. September 2016 2 Kommentare

Ein Abenteuerroman in einer faszinierenden Welt.



Vor hundert Jahren hat "Die Große Disruption" die Kontinente der Erde in verschiedene Zeiten katapultiert – jetzt hat jeder Ort seine eigene Zeit.
Sophia Tims Onkel Shadrack ist ein berühmter Kartograph, der diese „Neue Welt" bereist und neu vermisst. Doch er wurde von einer geheimnisvollen verschleierten Frau entführt, die ihn zwingen will, die Carta Mayor für sie zu finden, die Karte in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft festgehalten sind. Sophia muss ihren Onkel unbedingt retten. Sie begibt sich gemeinsam mit ihrem Freund Theo auf eine gefährliche Reise, durch die Zeiten der Welt. [© Text und Cover: Fischer Verlag]

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Wir schreiben das Jahr 1891: die dreizehnjährige Sophia lebt bei ihrem Onkel Shadrack, seit ihre Eltern vor vielen Jahren von einer Forschungsreise nicht mehr zurück kamen. Jetzt ist sie endlich alt genug, um mit ihm gemeinsam nach ihnen zu suchen. Doch dazu kommt es nicht: als sie eines Tages nach Hause kommt, ist ihr Onkel verschwunden und das Haus verwüstet. Er konnte ihr nur eine kurze Nachricht hinterlassen. Diesem Hinweis geht sie mit dem mysteriösen Theo nach und macht sich von ihrer Heimatstadt Boston auf die Reise, um Shadrack zu finden.

Schon bald merken sie, dass sie verfolgt werden. Wer sind diese Männer, und was wollen sie von ihr? Sind das die Entführer von Shadrack? Sophia braucht all ihr Talent und die Hilfe von Theo, um sich deren Zugriff zu entziehen. Und so gerät sie in ein Abenteuer in fremden Ländern, lernt neue Freunde kennen und sieht sich vielen Gefahren gegenüber. Die Protagonisten fand ich sehr überzeugend, gut dass die Autorin für deren Charakterisierung ausreichend Platz einräumt. Nicht nur die Hauptfiguren sondern auch die Nebendarsteller sind sehr griffig beschrieben. 

Das herausstechende Merkmal des Buchs sind die Zeitverschiebungen. Das als „Die Disruption" bezeichnete Ereignis hundert Jahre zuvor wird zunächst nicht weiter erläutert. Die Erde wurde damals auf einen Schlag neu sortiert, neue Staaten wurden gegründet, aber viele Landstriche gelten seither als kaum erforschte und gefährliche Wildnis. Einige sehr schön gestaltete Karten veranschaulichen vorne im Buch die neue Weltordnung. 

Dass sich verschiedene Orte in anderen Zeitzonen, mal in der Zukunft, mal in der Vergangenheit, befinden, macht den Roman durchaus komplex. Aber auch wenn mir das vierdimensionale Denken nicht so liegt, fühlte ich mich nicht überfordert damit. Für mich ist diese Welt durchaus stimmig. Es steht der Geschichte nicht im Weg, hat aber auch noch das Potenzial, mehr Einfluss auf die Handlung zu nehmen. Da dieses Buch der erste Teil einer Trilogie ist, dürfen wir uns auf weitere Abenteuer mit Sophia in dieser spannenden Welt freuen.

Persönliches Fazit

„Weltenriss" weckt bei mir mit seiner außergewöhnlichen aber stimmigen Welt die Entdeckerlust. Ein wundervoller Roman für alle Abenteurer ab dreizehn Jahren, in den ich mich richtig fallen lassen konnte. Ich freue mich auf die Fortsetzung!

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Weltenriss – Die Karten der verlorenen Zeit | S.E. Grove | Fischer Verlag
Aus dem Amerikanischen von Christian Dreller
Ab 13 Jahren
2016, gebunden, 576 Seiten, ISBN: 9783841422217
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[marcus]

Rezension: Interview mit einem Mörder | Bernhard Aichner

Dienstag, 20. September 2016 2 Kommentare

Der vierte Max Broll Krimi:
Max Brolls bester Freund im Visier eines Mörders


Dramatische Szenen bei der Eröffnung des neuen Würstelstandes von Ex-Fußballstar Johann Baroni: Mitten in dem fröhlichen Geschehen fällt ein Schuss - und Baroni sinkt zu Boden. Totengräber Max Broll ist verzweifelt: Sein bester Freund darf nicht sterben!
Als er wieder zur Besinnung kommt, erinnert sich Max: Er hat den Schützen gesehen. Doch der vermeintliche Täter entpuppt sich als harmloser Tourist. Es gibt kein Motiv, keine Tatwaffe, keine weiteren Zeugen - niemand schenkt Max Glauben. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich an die Fersen des Mannes zu heften.
Und tatsächlich sitzt er dem Mörder bald Auge in Auge gegenüber - doch der ist klug, nichts kann seine Schuld beweisen. Max folgt ihm in einer atemlos spannenden Verfolgungsjagd, die ihn bis auf ein Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer bringt. Er ist überzeugt: Nur er kann den Verrückten zur Strecke bringen, um weitere Gräueltaten zu verhindern … [Text & Cover: © Haymon Verlag]

[trennlinie]

Mittlerweile ist mit "Interview mit einem Mörder" schon der vierte Teil um den etwas schrullig und auch eigenbrödlerisch daherkommenden Totengräber Max Broll erschienen. Viele sehr gute Kritiken haben mich auf diese Reihe aufmerksam gemacht und ich wollte mir nun, neugierig wie ich bin, ein eigenes Bild davon machen, ob der Kultstatus, den Broll schon genießt, berechtigt ist.


Ich habe auch direkt mit dem neuesten Band angefangen und kann gleich vorab sagen: das ist auch überhaupt kein Problem. Die Krimis sind so gestaltet, dass man auch ohne die Vorkenntnisse aus den ersten Bänden jederzeit einsteigen kann, denn kleine Rückblicke sorgen schnell für Klärung. Ich war also schnell im Geschehen vertieft und hatte nicht bewusst das Gefühl, etwas zu vermissen. Allerdings sollte man bedenken, dass der Charakter Max Broll sich natürlich über die Reihe hinweg weiter entwickelt, wie es eben auch bei jeder Ermittler-Reihe der Fall ist. Wer also den Totengräber facettenreicher kennenlernen möchte, der sollte doch lieber erst einmal zum ersten Band greifen.

Was mich direkt überraschte, war das immense Tempo, dass Bernhard Aichner durch seinen, für mich zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftigen (aber durchaus interessanten), Schreibstil vorlegt.
Kurze, zum Teil abgehackt wirkende Sätze reihen sich aneinander, und vermitteln dieses Gefühl der Atemlosigkeit.
Schnell passiert alles - wie eben auch der Schuss auf seinen besten Freund Johann Baroni. Temporeich geht es weiter - wie auch Max Brolls Jagd nach dem (vermeintlichen?!?) Mörder.
Luft holen kann man auch später, lesen, lesen, schneller LESEN! ... achso ... Luftholen.
Ja genau so fühlte ich mich wirklich eine Weile lang, bis ich mich an das vorgelegte Tempo gewöhnt hatte. Bis ich merkte, dass es genau so sein muss und doch so hervorragend passt.

Auch die Dialoge sind "nicht von der Stange". Diese können bisweilen über zwei Seiten am Stück hinaus gehen und sie sind einfach brillant geführt. Ich habe daraufhin recherchiert und festgestellt, dass Bernhard Aichner auch Theaterstücke schreibt, was sicher großen Einfluss darauf hat.
Die Dialoge sind nicht mit Anführungszeichen versehen sondern sind mit Bildestrichen gekennzeichnet. Auch daran mag man sich vielleicht erst einmal gewöhnen müssen, aber es tut den immer wieder toll gestaltenden "Wort-Duellen" sicher keinen Abbruch. Im Gegenteil: im Nachhinein denke ich, dass man dafür noch bewusster sein Augenmerk auf diese Dialoge legt.

Bernhard Aichner schafft es, in ein Buch mit relativ wenig Seiten einen komplexen Krimi zu packen, der spannend und mitreißend ist. Ich schreibe deshalb "relativ wenig Seiten" weil das Buch zwar 287 Seiten hat aber mit sehr vielen Leerseiten durchzogen ist. Im Ganzen sage und schreibe 98 Seiten, wenn ich mich nicht verzählt habe. Das ist schon enorm. Und ich habe auch nicht ganz verstanden, warum das sein muss. Für mich sind es dann letztlich einfach immer die Seiten zum Luftholen gewesen :)

Persönliches Fazit

Klar strukturiert, gut durchdacht und ohne große Abweichungen vom Hauptthema kommt der vierte Teil der Max-Broll-Reihe daher - und das mit ganz enormen Tempo. Erfrischend anders und sehr spannend - und auch sehr schnell gelesen!

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Interview mit einem Mörder | Bernhard Aichner | Haymon Verlag
Der vierte Teil der Max Broll Reihe
2016, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-7099-7133-8
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[alexandra]

Rezension: Halbe Helden | Erin Jade Lange

Montag, 19. September 2016 0 Kommentare

Eine ungewöhnliche Freundschaft.



So ganz kann Dane sich nicht erklären, wie er da hineingeraten ist: Gerade ging er noch (überwiegend) friedlich und unbescholten zur Schule, jetzt hat er einen Aufpasserjob. Dumm nur, dass Billy D., ein neuer Schüler mit Downsyndrom, nicht will, dass man auf ihn aufpasst – viel lieber ist ihm, wenn Dane ihm beibringt, wie man sich prügelt, oder wenn er ihm hilft, seinen Dad zu finden. Der hat Billy nämlich einen Atlas mit geheimnisvollen Hinweisen hinterlassen, und Billy ist überzeugt, dass sie ihn am Ende zu seinem Vater bringen werden. Dane kann den Ärger förmlich riechen, der ihm blüht, wenn er Billy einmal quer durchs Land kutschiert, aber dessen Enthusiasmus hat er wenig entgegenzusetzen. Wo ihr Weg sie schließlich hinführt, hat keiner von ihnen geahnt … [© Text und Cover: Magellan Verlag]

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Dane, der Ich-Erzähler dieser Geschichte, ist ein klassischer Schlägertyp. Prügeleien haben ihm den Respekt seiner Mitschüler und jede Menge Schwierigkeiten mit dem Disziplinarrat der Schule eingebracht. Für ihn ist Gewalt eine Lösung. Als Billy in seine Nachbarschaft zieht, hängt der sich an Danes Fersen. Schlau wie Billy ist, weiß er, dass ihm niemand etwas antut, wenn Dane dabei ist. Der ist wenig begeistert von dieser Idee, gegen Billys Sturheit kommt er aber nicht an, denn „solche wie Billy" schlägt er nicht.

Da man Billy das Downsyndrom nun mal ansieht, wird er von vielen angeglotzt oder sogar offen schikaniert. Das löst bei Dane mit der Zeit einen Beschützerinstinkt aus. Und obwohl er erst durch einige Konflikte lernen muss, wie er mit Billy umgehen muss, freunden sie sich an. Nicht zuletzt, weil der Disziplinarrat es gerne sieht, dass Dane sich sozial engagiert und ein drohender Schulverweis dadurch verhindert werden kann.

Eins haben Dane und Billy gemeinsam: sie wachsen ohne Vater auf. Und beiden ist der Grund dafür nicht klar. Billy ist davon besessen, seinen Vater zu finden und nimmt Dane das Versprechen ab, ihm dabei zu helfen. Mit Unterstützung von Seely, einer coolen Skateboardfahrerin, von der gleich beide Jungs begeistert sind, versuchen sie das Rätsel zu lösen, das Billys Vater in seinem Atlas hinterlassen hat. Dass es gute Gründe dafür gibt, dass Billys Mutter ihn von ihm fernhalten will, wissen sie noch nicht…

Eigentlich muss man Danes gewalttätiges Verhalten kritisieren, Gewalt sollte niemals eine Lösung sein. Trotzdem ist er mir nicht unsympathisch, dafür sorgt seine ehrliche und jugendlich-frische Erzählweise. Wie Billy, dem er sich doch eigentlich überlegen fühlt, ihn immer wieder auflaufen lässt, ist sehr amüsant.

Persönliches Fazit

Hinter dem cool designten Cover im Kartonlook steckt ein gelungener Jugendroman mit Tiefgang für Leser ab 14 Jahren. Die Charaktere sind mir sehr sympathisch, ihre Konflikte mal dramatisch, mal amüsant. Die Autorin behandelt die Themen Gewalt und Ausgrenzung in „Halbe Helden" so, dass ich zum Nachdenken angeregt und trotzdem gut unterhalten werde.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Halbe Helden | Erin Jade Lange | Magellan Verlag
Ab 14 Jahren
Aus dem Englischen von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
2015, gebunden, 336 Seiten, ISBN: 9783734850103
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[marcus]

Rezension: Evolution. Die Stadt der Überlebenden | Thomas Thiemeyer

Donnerstag, 15. September 2016 1 Kommentar

Spannende Abenteuer in einer fremden Welt



Ahnungslos reisen Lucie und Jem mit einer Austauschgruppe in die USA. Doch als ihr Flugzeug am Denver Airport notlandet, wird ihnen schnell klar: Die Welt, wie sie sie kennen, gibt es nicht mehr. Die Flugbahn überwuchert, das Terminal menschenverlassen, lauern überall Gefahren. Sogar die Tiere scheinen sich gegen sie verschworen zu haben: Wölfe, Bären, Vögel greifen die Jugendlichen immer wieder in großen Schwärmen an. Was ist bloß geschehen? Während ihrer gefahrvollen Reise durch die neue Welt erfahren sie von einem Kometeneinschlag. Und von ein paar letzten Überlebenden in einer verschollenen Stadt. Aber wie sollen sie die erreichen, wenn die ganze Erde sich gegen sie verschworen hat? [© Text und Cover: rubikon audioverlag]

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Ist das nicht eine unangenehme Vorstellung? Man landet auf dem Flughafen einer Millionenmetropole, und kein Mensch ist da. Statt dem üblichen geschäftigen Gewusel finden die Reisenden einen heruntergekommenen und verlassenen Flugplatz vor. Das ist die Ausgangssituation für unsere Helden, die sich natürlich fragen, was hier passiert ist und wo denn nur die Bewohner stecken.

Eine Gruppe macht sich auf, um die so befremdliche Welt zu erforschen und um nach Antworten zu suchen. Ich finde das sehr spannend, was es hier zu entdecken gibt. In jedem Gebäude, nach jeder Biegung gibt es Neues, Faszinierendes aber auch Bedrohliches. Diese Atmosphäre ist für mich die größte Stärke des Buchs, da kann ich mit der Truppe wunderbar mitfiebern. Allerdings hätte ich mir ein höheres Erzähltempo gewünscht. Es gibt ein paar Längen und Wiederholungen, die die Geschichte etwas ausbremsen. Trotzdem hoffe ich bald auf die Fortsetzung, denn dass es eine geben muss ist am Ende des Buchs klar.

Gelungen ist auch die Zusammensetzung der Austauschgruppe, die sich aus sehr unterschiedlichen Charakteren zusammensetzt. Das hat Konfliktpotenzial. Andererseits sind sie gezwungen, zusammen zu arbeiten, denn nur mit der Konzentration ihrer jeweiligen Stärken können sie in dieser feindlichen Welt bestehen. Im Fokus stehen Lucie und Jem, die sich auf dieser Reise erst kennengelernt haben. Sie verstehen sich aber hervorragend und bald schon knistert es zwischen den beiden.

Die Vertonung von Mark Bremer ist sehr gut gelungen. Er spricht auch die weiblichen Rollen, allerdings so, dass man sie erkennt, ohne dass es albern klingt. Besonders gut zur Atmosphäre tragen Lautsprecherdurchsagen beispielsweise im Flugzeug bei. 

Persönliches Fazit

„Evolution" bietet ein faszinierendes Setting, in dem die Natur die Welt regiert. Dazu die Gruppe der jungen Austauschschüler, mit denen ich sehr gut mitfiebern kann. Trotz ein paar Längen ergibt das einen spannenden Abenteuerroman für alle ab zwölf Jahren. Ich hoffe, dass die Fortsetzung nicht lange auf sich warten lässt!

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Evolution. Die Stadt der Überlebenden | Thomas Thiemeyer | rubikon audioverlag
Gelesen von Mark Bremer
Ab 12 Jahren
2016, Hörbuch, ca. 400 Minuten, ISBN: 9783945986370
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[marcus]

Rezension: Eine Woche voller Montage | Jessica Brody

Dienstag, 13. September 2016 8 Kommentare

... Und täglich grüßt das Murmeltier.


Ellie erlebt den schrecklichsten Montag ihres Lebens: Eine Katastrophe jagt die nächste, und als wären alle Peinlichkeiten nicht schon schlimm genug, macht ihr Freund Tristan aus heiterem Himmel mit ihr Schluss! Ellie wünscht sich nur eines: Sie möchte bitte, bitte eine zweite Chance. 
Die kriegt sie – am nächsten Morgen wacht sie auf und stellt fest: Es ist wieder Montag! Ellie setzt alles daran, die Fehler von gestern/heute zu vermeiden und für ihr eigenes Happy End zu sorgen. Doch wer hätte gedacht, dass ein Montag so hartnäckig sein kann?  [Text & Cover: © Magellan Verlag

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"Und täglich grüßt das Murmeltier" - einer meiner liebsten Kultfilme, den ich schon sehr oft angeschaut habe und der dennoch nie langweilig wird. 
Als ich die Inhaltsangabe zu "Eine Woche voller Montage" gelesen habe, dachte ich natürlich sofort an diesen Film und wurde neugierig auf dieses Jugendbuch. Ich war gespannt, ob mich diese Art von Geschichte auch so begeistern kann wie der Film. 

Wie auch schon beim Anschauen des Film fragte ich mich auch hier immer wieder: was würde ich machen, wenn sich ein bestimmter Tag tatsächlich immer und immer wieder wiederholen würde? 
Wie würde ich mich wohl fühlen, wenn ich das gerade herausfinden würde? 

Da die Geschehnisse aus Sicht der Protagonistin Ellison Sparks - auch Ellie genannt - erzählt werden, bekommt man einen guten Einblick, was ihr selbst für Gedanken durch den Kopf gehen und was sie beschäftigt. Nach einem fürchterlichen Montag voller kleiner und großer Katastrophen macht zu guter letzt auch noch Tristan mit ihr Schluss und sie kann und will das nicht verstehen. Ihr bester Freund Owen schenkt ihr, wie jede Woche, einen Glückskeks und Ellie wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sie nochmal eine Chance bekommt, alles besser zu machen, was an diesem fürchterlichen Tag schief gelaufen ist und vor allem, dass sie ihre Beziehung retten kann. Irgend etwas muss sie ja schließlich falsch gemacht haben ... 

Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung. Ellie bekommt ihre Chance tatsächlich, denn am nächsten Morgen ist eben schon wieder ... Montag! Und am übernächsten. Und am überübernächsten Tag auch und am ... ach ihr wisst selbst, wie es weitergeht. 
Nach der Ratlosigkeit kommt die Erkenntnis und Ellie arbeitet an ihren (vermeintlichen) Fehlern. Was hat sie nur falsch gemacht? Oder hat sie womöglich irgend etwas Wichtiges übersehen??? 

"Heute wird dir alles zuteil, was du im Innersten begehrst"

Der Schreibstil ist sehr angenehm und leicht zu lesen, was für die Zielgruppe des Buches spricht, denn Roman ist für junge Leser ab dreizehn Jahren geeignet. Die Kapitel sind kurz und die Sprache ist jugendlich-frisch und modern gehalten. Auch am Humor mangelt es nicht und so sorgen manche Passagen für kräftige Schmunzler. 

Die Geschichte selbst ist sehr vorausschauend, doch letztlich fiebert man doch mit Ellie mit, mag sie wachrütteln und man wartet sehnlich darauf, bis sie endlich erkennt, was sie tun muss. 
Es wurde zum Teil die Naivität der Protagonistin als Kritikpunkt geäußert, was ich persönlich nicht so sehe. Natürlich ist Ellie in gewissem Grad sehr naiv, das ist schon richtig. Aber gerade das macht es auch wieder authentisch, denn sie ist einfach noch sehr jung und trägt die rosarote Brille der ersten Verliebtheit. 

Oh. I believe in yesterday.

Die Songtitel als Kapitelüberschriften finde ich auch sehr gelungen. Hier bleibt nur fraglich, ob diese gewählten Songs auch bei der Alterszielgruppe noch richtig bekannt sind bzw. als solche erkannt werden. 

Verliebtheit, Schulsorgen, Rivalitäten, Leistungsdruck, Familienstress, Freundschaft - Jessica Brody greift viele Themen auf und trotz anfänglicher Bedenken kann sie diese auch gut unter einen Hut bringen. Allerdings kann sie sich nicht jedem Thema so ausführlich widmen, wie es angebracht gewesen wäre. Lieber etwas weniger Themen und dafür ausführlicher bzw. sich intensiver damit beschäftigen. 

Persönliches Fazit 

Ein sehr kurzweiliger, aber doch sehr angenehm zu lesender, moderner Unterhaltungsroman, der nicht nur junge Teenager anspricht, sondern durchaus auch von junggebliebenen Erwachsenen gelesen werden kann, die zwischendurch gerne einmal ein erfrischendes Jugendbuch zur Hand nehmen. Ich musste oft schmunzeln und habe das Buch tatsächlich in einem Stück gelesen. 

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Eine Woche voller Montage | Jessica Brody | Magellan Verlag
Aus dem Englischen von Lara Tunnat
Ab ca. 13 Jahren
2016 | gebunden mit Schutzumschlag | ISBN 978-3-7348-5022-6
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[alexandra]

Lesetipps zum Sonntag #34 | Neue und alte Buchperlen für euch entdeckt!

Sonntag, 11. September 2016 7 Kommentare


Immer wieder Sonntags möchten wir euch Bücher vorstellen bzw. empfehlen, die wir sehr gerne gelesen haben und die für uns zu kleinen (oder auch großen!) Buchperlen wurden. Kurz und knapp erfahrt ihr zu einer kleinen Auswahl an Büchern, eBooks oder Hörbüchern unseren Eindruck bzw. unser persönliches Fazit. Das können Neuheiten auf dem Buchmarkt sein, aber auch immer wieder Bücher, die schon etwas älter sind, uns aber sehr begeistern konnten. Wir möchten dies nutzen, um auch Büchern abseits der Bestsellerlisten wieder ins Gespräch zu bringen. Außerdem gibt doch noch so viel Tolles in den Backlists zu entdecken. Vielleicht werdet auch ihr fündig?! 

Einen Lesetipp verpasst? Kein Problem! 

>> HIER könnt ihr alle LESETIPPS der vergangenen Wochen nachlesen. Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken. 


DIE KÜCHE IST ZUM TANZEN DA | MARIE-SABINE ROGER


 Cover: Die Küche ist zum Tanzen da KLAPPENTEXT

Berührende und poetische Geschichten über die Wunderlichkeiten des Lebens, in dem immer alles anders kommt, als man denkt: Eine Rollstuhlfahrerin begegnet zwei ziemlich bodenständigen Engeln und lernt mit ihrer Hilfe fliegen. Eine alte Dame wird abgöttisch von ihrem Papagei geliebt, der misstrauisch ihre Sorge um die undankbaren erwachsenen Kinder beobachtet. Eine schüchterne Sekretärin adoptiert ein Kätzchen, ohne zu ahnen, dass sich dadurch alles ändern wird. 

MEIN FAZIT – KURZ UND KNAPP 

Marie-Sabine Roger konnte mich schon immer begeistern und auch diese Kurzgeschichtensammlung berührte mich sehr. Still, unaufgeregt, mal humorvoll, mal traurig und doch mit so viel Herz und Verstand erzählen die Geschichten von der Suche nach dem Glück, von Träumen und Wünschen, die auch mal in Erfüllung gehen, von Sehnsüchten, vom Älterwerden ... erzählen schlicht und einfach vom Leben. Sehr schön! 



MEINEN HASS BEKOMMT IHR NICHT | ANTONIE LEIRIS 


 Cover: Meinen Hass bekommt ihr nicht KLAPPENTEXT 

„Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht." 
Am 13. November 2015 sah Antoine Leiris seine Frau Hélène zum letzten Mal – sie wurde an diesem Tag mit neunundachtzig weiteren Personen im Konzertsaal Le Bataclan Opfer der Terroranschläge in Paris. Während die Welt geschockt und in tiefer Trauer versuchte, eine Erklärung für das Unfassbare zu finden, postete der Journalist auf Facebook einen offenen Brief. In bewegenden Worten wandte er sich darin an die Attentäter und verweigerte „den toten Seelen" seinen Hass – und den seines damals siebzehn Monate alten Sohnes Melvil. Die Botschaft ging um die Welt. Er, der an jenem Tag die Liebe seines Lebens verlor, hatte nur eine Waffe: seine Worte. Das Grauen, der Verlust und die Trauer haben Antoine Leiris' Leben erschüttert. Ehrlich und ergreifend schildert er Momente aus einem zerstörten und doch so zärtlichen Alltag zwischen Vater und Sohn – und sagt damals wie heute, dass das Leben trotzdem weitergehen soll. Antoine Leiris trotzt dem Terror und der Gewalt mit einer bewegenden und hoffnungsvollen Botschaft: „Meinen Hass bekommt ihr nicht". 

MEIN FAZIT – KURZ UND KNAPP 

Ein zutiefst trauriges, aber auch sehr wichtiges Buch, bei dem ich mehrmals schwer schlucken musste und mit den Tränen kämpfte. Sehr emotional und ergreifend, schildert Leiris tagebuchartig die zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau. Eine ganz klare Leseempfehlung! 



WIR KOMMEN | RONJA VON RÖNNE 


 Cover: Wir kommen
KLAPPENTEXT 

In Noras Heimatdorf gehört es sich, den Nachbarn zu grüßen, den Rasen zu mähen und am Ende des Lebens zu sterben. Dass sich plötzlich ausgerechnet Maja, Noras beste Freundin aus Kindheitstagen, an diese althergebrachten Regeln hält und einfach stirbt, kann Nora nicht glauben. Für eine Beerdigung hat Nora ohnehin keine Zeit: Nachts wecken sie Panikattacken, sie muss sich um eine Schildkröte kümmern und ihre einst so progressive Beziehung zu viert droht auseinanderzubrechen. Und dann fährt auch noch ihr Therapeut in Urlaub. Bis zu seiner Rückkehr soll Nora ihre Tage in einem Tagebuch dokumentieren. Also berichtet sie, wie sie sich mit Karl, Leonie, Jonas und einem schweigenden Kind ans Meer flüchtet, um das Verschworene zwischen ihnen zu retten. Doch statt hoffnungsvoller Zukunft drängt sich immer mehr Noras Vergangenheit in den Vordergrund. Es muss doch etwas geben, denken die vier, das sie wieder zusammenzuschweißen vermag, ein großes Fest etwa. Oder ein Mord. 

MEIN FAZIT – KURZ UND KNAPP 

Ronja von Rönne bietet die ganze Bandbreite der Jugend auf: frech, vorlaut, über die Maßen selbstbewusst und dann doch wieder tief verzweifelt. Ihre Sprache passt genau dazu. Nett und anständig ist nicht die Maxime. Ich habe mich mit der gekürzten Hörbuchfassung beschäftigt, die von der Autorin selbst gelesen wird. Bei der Betonung würde ich mir eine größere Bandbreite wünschen, aber ihre Stimme verkörpert ihre Protagonistin sehr gut. 



MAGNOLIA STEEL: HEXENDÄMMERUNG | SABINE STÄNDIG 


KLAPPENTEXT 

Mit 13 eine Hexe sein? Für Teenagerin Magnolia steht die Welt plötzlich Kopf: Während ihre Mutter für ein Jahr in New York arbeitet, soll sie bei ihrer Tante Linette in einem abgelegenen Dorf leben. Für das Mädchen ein wahrer Albtraum. Ihr neues Zuhause ist ein windschiefes Haus am Waldrand und die Tante wirkt irgendwie rätselhaft. Doch bald wird Magnolia in ein großes Familiengeheimnis eingeweiht: Linette ist eine Hexe und auch ihre Nichte wurde als solche geboren. Das Kind kann also nicht nur Kobolde, Zwerge, Elfen und Baumgeister sehen, sondern darf auch zaubern lernen. Und Magnolias magische Kraft wird dringend gebraucht: Graf Raptus, ein dunkler Magier, bedroht das Dorf und seine Bewohner. 

MEIN FAZIT – KURZ UND KNAPP 

Magnolias Geschichte ist zauberhaft, witzig und spannend geschrieben. In der heutigen Zeit möchte man sich nur allzu gerne vorstellen, dass Magie und fabelhafte Wesen gegenwärtig währen. Aber nur die Guten versteht sich. Die Geschichte ist in der Erzählform geschrieben, mit Dialogen der Protagonisten und nicht nur den guten Wesen der magischen Welt. 
Ich ertappe mich häufig dabei, dass ich mir bei Kinderbüchern die gruseligen und spannenden Szenen immer als Zeichentrick vorstelle. Und auch hier in dieser Geschichte ist es der Autorin gut gelungen das sich meine Fantasie verselbstständigt hat. Eine Mischung aus realer und Zeichentrickwelt die ich mir gut als Verfilmung vorstellen kann. 



Wir freuen uns, wenn auch IHR uns auch erzählt, welche Bücher EUCH zuletzt so richtig begeisterten. Schreibt uns im Kommentar, wir sind gespannt! 



Bildquelle: kaboompics.com
Links: Afilliate Links

Rezension: Prey | James Carol

Freitag, 9. September 2016 0 Kommentare

Wenn du mir folgst, werde ich dich töten

»Wir lügen alle. Und am meisten belügen wir uns selbst.«


Jefferson Winter, der Profiler mit dem unheimlichen Gespür dafür, wie Serienkiller ticken, hat gerade einen Job in New York zu Ende gebracht. Vor der Abreise nach Paris zu seinem nächsten Fall geht er in einem Diner etwas essen. Es ist zwei Uhr nachts, der einzige andere Gast ist eine platinblonde Frau mit Lederjacke. Als Winters Essen serviert wird, steht sie auf - und ersticht vor seinen Augen den Koch. Dann geht sie seelenruhig davon ... Eine Provokation, die Winter nicht ignorieren kann: Paris muss warten. Das Spiel ist eröffnet. [Text & Cover: © dtv Verlag]

[trennlinie]

ACHTUNG: Die folgende Rezension beinhaltet SPOILER


Jefferson Winter ist ein aus den beiden Vorgängerbänden "Broken Dolls" und "Watch Me" bekannter ehamliger FBI-Profiler mit starker erblicher Vorbelastung: Sein Vater wurde nämlich als verurteilter Serienmörder hingerichtet, was der junge Jefferson mit ansehen mußte. Keine Frage, daß dies sowohl seine Persönlichkeit als auch seinen Werdegang prägt. Mit überdurchschnittlicher Intelligenz ausgestattet, präsentiert er sich außerdem als Hedonist, der ausgewählte Whiskeys und die Musik Mozarts über alles schätzt. Als freiberuflicher Berater wird er von den offiziellen Behörden engagiert, wenn es darum geht, raffinierte Serienmörder zur Strecke zu bringen. Winter ist arrogant, besserwisserisch, dabei jedoch stets brilliant in seinen Schlußfolgerungen, quasi ein Dr. House der Psychopathologie, eine ähnlich originelle Figur wie Andreas Grubers Maarten S. Sneijder. Nach zwei mit seinen unkonventionellen Methoden gelösten Fällen steht nun sein Autor vor der Herausforderung, ihm einen ebenbürtigen Gegner zu schaffen, einen Dr. Moriarty für seinen Sherlock Holmes.

Wie aber muß nun jenes kriminelle Mastermind beschaffen sein, das Jefferson Winter zur titelgebenden Jagdbeute werden läßt?

Dazu konzipiert Carol die Figur der Amelia Price, die sich aus einer interessanten Sammlung an Persönlichkeitsaspekten konstiuiert, die in manchen Fällen jene Winters spiegeln, in anderen die seinen umkehren:

* Beide haben mit einer übermächtigen Vaterfigur zu kämpfen. Während Winter sein ganzes Leben die erbliche Last auf seinen Schultern fühlt, scheint Amelia auf ihre Weise eine Entscheidung erzwungen zu haben.
* Winter gibt sich nach außen unnahbar, legt Wert darauf, sich von seinen Mitmenschen durch seinen Intellekt zu unterscheiden. Amelia im Gegensatz ist ein menschliches Chamäleon. Ihr Wesen ist dezent, die Kleidung unauffällig, sie verschwindet problemlos in der Masse.
* Beide Persönlichkeiten sind hochgradig in ihrem Handlen von ihren Mitmenschen bestimmt. Während Winter passiv bleibt, andere bis ins letzte Detail analysieren, sie verstehen will, wird Amelia aktiv: Ihr Ziel ist es, andere Menschen zu beeinflussen, sie zu manipulieren.
* Sowohl Winter als auch Amelia unterdrücken ihre Emotionen und betonen den rationalen Aspekt ihres Wesens. Sie planen so weit wie möglich im voraus und bemühen sich, alle denkbaren Ausgänge einer Situation zu berücksichtigen.
* Der Einfluß des Vaters ist in ihrer beider Lebensaufgaben zu erkennen. Beide ziehen die Konsequenzen aus seinem Vorbild, die daraus resultierenden selbstgesetzten Ziele unterscheiden sich jedoch voneinander: Winter will den Vater immer wieder besiegen, indem er Serienmörder zur Strecke bringt, Amelia hingegen flieht vor sich selbst, indem sie wie in einem Prozeß der Häutung permanent die Idenität anderer Menschen annimmt.

Um nun einen Schurken so furchteinflößend wie möglich zu gestalten, ist es nicht unbedingt erforderlich, ihn möglichst viele Menschen ermorden zu lassen. Das Ausmaß des Schreckens, den er verbreitet, ist nicht proportional zur Länge der Blutspur, die er hinter sich zieht. Im Gegenteil, oft sind es die subtilen Gestalten, die sich darauf beschränken, ihren Schreckenstaten bloß anzudrohen, die am furchteinflößendsten sind. Diesem Gedanken folgend, begeht Amelia Price auch genau ein Gewaltverbrechen zu Beginn des Romans, indem sie den Koch eines Diners ersticht. Dies ist notwendig, um einerseits Winters Aufmerksamkeit zu erregen, andererseits, um ihre Kaltblütigkeit zu demonstrieren. Im weiteren Verlauf der Handlung kommt ihre Bösartigkeit allein durch die Angriffe aus der Entfernung zur Geltung ...

... oder besser gesagt: sollte zur Geltung kommen. Die Parallelen und Gegensätze in den beiden einander gegenüberstehenden Persönlichkeiten werden zu wenig scharf herausgearbeitet, um im einen das Gegenstück des jeweils anderen erkennen zu können. Über weite Strecken wird Amelias Vergangenheit erkundet, ihre Persönlichkeit entschlüsselt, während sie selbst aktiv zu wenige Akzente setzt. Sowohl ihre Winkelzüge aus der Ferne, als auch ihre persönlichen Auftritte bleiben zu selten, um als permanente Bedrohung wahrgenommen zu werden. In den Begegnungen mit Winter ist zwar stets sichergestellt, daß sie die Situation und damit auch sein Leben kontrolliert. Zugleich ist aber auch gewiß, daß sie auf ihn angewiesen ist und ihn weder ermorden, noch schwer verletzen wird. Amelia bleibt hier zu wenig unberechenbar. Auch ist im Duell, das sich zwischen den beiden entwickelt - entwickeln sollte - kein Einsatz vorgegeben: Die Konsequenzen einer etwaigen Niederlage Winters sind nicht bekannt, weder wird eine ihm nahestehende Person bedroht, noch gilt es beispielsweise eine klar umrissene Katastrophe zu verhindern. Letztendlich wird auch die entscheidende Frage - warum gerade Winter als Beute Amelias ausgewählt wurde - zwar beantwortet aber die zwingende Logik dahinter nicht erschlossen.

Insgesamt bleibt die Bedrohung also zu wenig konkret, um ein Höchstmaß an Spannung, wie es nach den beiden Vorgängerbänden zu erwarten gewesen wäre, aufzubauen. Das Potential für intellektuelle Duelle, für eine psychologisch aufreibende Schachpartie mit weit vorausgeplanten Zügen, kann nicht ausgenutzt werden. Ein Bild mag symbolisch für diese Symptomatik stehen: Währnend Jefferson Winter noch im ersten Teil der Serie, "Broken Dolls" seinen persönlichen Ruhepol in Mozarts Jupitersymphonie findet, endet er am Ende des aktuellen Romans mit einem verschwitzten T-Shirt, auf dem der Komponist abgebildet ist.

Persönliches Fazit

Das ersehnte Wiedersehen mit einer brilliant-unkonventionellen Ermittlerfigur verbleibt weniger spannend, als es sein könnte. Die an sich paßgenau auf ihn abgestimmte Gegenspielerin kann zu keinem Zeitpunkt das volle Ausmaß ihrer Bedrohlichkeit entfalten.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Prey | James Carol | dtv Verlag
Übersetzt von Franka Reinhart
2016, 400 Seiten, ISBN: 978-3423216418
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[wolfgang]

Rezension: Steirernacht | Claudia Rossbacher

Donnerstag, 8. September 2016 0 Kommentare


Familientragödie 
Mitten in der Nacht werden die LKA-Ermittler Sandra Mohr und Sascha Bergmann ins oststeirische Pöllau gerufen. Ein Ehepaar und dessen elfjähriger Sohn wurden in ihrem Haus erschossen aufgefunden. Was zunächst nach erweitertem Suizid aussieht, entpuppt sich schon bald als rätselhafter Mordfall, in dem die einzige hinterbliebene 13-jährige Tochter zur wichtigen Tatzeugin wird. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, den Täter zu fassen. Auch ihr Privatleben droht Sandra Mohr an ihre Grenzen zu bringen ... [@Text & Cover: Gmeiner Verlag]

[trennlinie]

Inzwischen wird landauf, landab zwischen zwei Buchdeckeln gemordet, sodaß es für eine Region beinahe schon zum guten Ton gehört, sich einen erdachten skrupellosen Serienmörder, kauzigen Kommissar oder einen kriminalistischen Koch zu halten. Die Bandbreite der kreativen und literarischen Qualität wird dabei voll ausgenutzt, die größte Gefahr, der ein Autor sich und seine Geschichten aussetzen kann, ist jene der Beliebigkeit. Gelingt es also, die eigenen Figuren nachhaltig im Kopf des Lesers zu verankern, so ist wohl ein Platz im Spitzenfeld des qualitativen Spektrums gesichert. Auch die Steiermark ist inzwischen für das erdachte Verbrechen erschlossen, als die prominentesten Namen haben sich Claudia Rossbacher und Robert Preis etabliert. Was dabei die Revieraufteilung betrifft, scheint ein impliziter Gebietsschutz zu gelten: Während Preis die Gegend um die Landeshauptstadt erkundet, faßt díe gebürtige Wienerin ihren kreativen Aktionsradius durchaus weiter.

Spätestens seit der Verfilmung von "Steirerblut" sind Sandra Mohr und Sascha Bergmann zu unverzichtbaren Charakteren der österreichischen Kriminalliteratur geworden. Die Besetzung wurde dabei so sorgfältig ausgewählt, daß auch beim Lesen die Schauspieler Miriam Stein und Hary Prinz für die Hauptrollen im Kopfkino besetzt werden.

Ein essentieller Bestandteil des Genres Regionalkrimi ist stets auch die Erzeugung lokaltypischer Atmosphäre. Claudia Rossbacher setzt dabei hauptsächlich auf das bewährte Stilmittel der Sprache. wobei die Balance zwischen Hochsprache und Dialekt entscheidend ist. Einerseits soll dem ortsunkundigen Leser das lokale Idiom zu Gehör gebracht werden, andererseits soll er nicht in jeder Zeile das Bedürfnis nach den handlichen gelben Nachschlagewerken mit dem großen "L" verspüren. Um dieses Ziel zu erreichen, betreiben die Figuren Arbeitsteilung. Die in der Gegend der Handlung beheimateten sprechen jeweils das mit örtlichen Ausdrücken durchsetzte Idiom, während die Ermittler - auch, um Überregionalität zu signalisieren - die Hochsprache pflegen. Im Falle von Sandra Mohr wird dieser Umstand plausibel erklärt: "Wenngleich sie selbst ihren Grogga-Dialekt ganz bewusst abgelegt hatte, als sie damals nach Graz gezogen war. Nicht zuletzt, um mit ihrer Vergangenheit abzuschließen" (S. 58) Was auf Figurenebene mit akzeptablen Unschärfen gelingt, kann jedoch für die Erzählerinstanz nicht ganz durchgehalten werden. So wirkt es zwar recht sympathisch, ansatzweise jedoch inkonsequent, wenn es heißt: "Weder hatte diese Gitschen Umgangsformen ..." (S. 174)

Die Geschichte selbst ist wieder klar in der Gegenwart des Lesers verortet, das Wahrscheinliche wird dem Wahren so weit wie möglich angenähert, um ein Maximum an Authentizität zu erreichen. Dazu nutzt die Autorin Eckpfeiler des Zeitgeschehens wie die Nachrichtensendung "Steiermark heute", in der sie sich auf einen tatsächlich ausgestrahlten Bericht bezieht oder einen Artikel in der regional auflagenstarken "Kleinen Zeitung". Kurze kritische, niemals jedoch ausufernde oder stark wertende Gedanken der Hauptfigur zu aktuellen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens verleihen zusätzlich an Würze. So bedauert Sandra Mohr das drohende Aussterben von Dialekten durch ein medial überpräsentes Standarddeutsch, und auch das notorich angespannte innersteirische Verhältnis zwischen der Stadt Graz und allem außerhalb davon sollte einem Besucher bewußt sein.

Persönliches Fazit

"Steirernacht" versteht sich als routinierter Lokalkrimi als Teil einer erfolgreichen Serie, auf deren Vorgängerbände immer wieder referenziert wird. Ein Indiz für den Erfolg dieser Serie ist es sicher zu verstehen, wenn ob des Wiedersehens mit liebgewonnenen Figuren der aufzuklärende Fall zuweilen in den Hintergrund tritt und der Abschluß des letzten Kapitels unmittelbar in die Vorfreude auf den folgenden Teil mündet.

(c) Rezension, 2016, Wolfgang Brandner


Steiernacht. Sandra Mohrs sechster Fall | Claudia Rossbacher | Gmeiner
Juni 2016 | 277 S. | Klappenbroschur | ISBN 978-3-8392-1926-3
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[wolfgang]

Aus der Kinder-Leseecke | Moritz Moppelpo braucht keinen Schnuller mehr

Mittwoch, 7. September 2016 4 Kommentare

Ein Spielbuch mit vielen Klappen

„Ohne Schnuller geht es nicht", sagt der kleine Hase Moritz Moppelpo. Doch dann sieht er, dass alle seine Freunde keinen Schnuller mehr brauchen. Schnuller sind was für Babys. Und Moritz ist doch schon groß. Da will er es auch ohne Schnuller probieren und merkt, dass das gar nicht so schwer ist.
Ein witzig erzähltes Spielbuch mit vielen Klappen zum Thema „Schnuller abgewöhnen".
[Text & Cover: © arsEdition GmbH]
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Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Natürlich möchte ich auch unsere Jüngste – unserem Krümelchen – mit meiner Leseleidenschaft anstecken.
Angefangen bei kleinen Pappbüchern klappt es bisher auch recht gut. Sie ist nun mittlerweile 17 Monate jung und blättert sehr gerne in ihrer eigenen kleinen Sammlung an Büchern.
Voller Neugier und Eifer öffnete unser Krümelchen also auch dieses Buch und schien sofort begeistert. Ehrlich gesagt, hatte ich Bedenken das die Klappen wohl nicht sehr lange halten werden. Aber das Buch ist hochwertig verarbeitet - die Klappen halten und sind stabil und so wird unser Krümelchen ganz sicher lange ihre Freude an diesem Buch haben.

Die Geschichte vom kleinen Moritz Moppelpo ist bezaubernd erzählt und die fröhlich-bunten Illustrationen sind mit einfachen Farben sehr schön gestaltet.
Durch die vielen Klappen hat man als Vorleser auch viel Spaß und kann ganz leicht zusätzliche kleine Geschichten erfinden und seiner Fantasie freien Lauf lassen.
Ein Buch, welches dadurch nie langweilig wird.




Vielleicht regt dieses Buch wirklich dazu an, dem Schnuller abzuschwören. Ob dies aber wirklich funktioniert kann ich euch nicht sagen. Zum einen wäre unser Krümelchen dafür noch zu jung und zum anderen, sie mag aktuell keinen Schnuller. Aber sicher ist es eine gute Unterstützung, schon aufgrund den bezaubernden Bildern und der liebevoll erzählen Geschichte. Definitiv ein Versuch wert!

Im Verlag ist eine Moppelpo-Reihe erschienen und ich denke, dass eine oder andere Bilderbuch von Moritz Moppelpo wird bei uns noch einziehen. Weitere Themen sind zum Beispiel das Abgewöhnen einer Windel, Bitte und Danke sagen, und das Zähneputzen. Wir haben mittlerweile auch "Moritz Moppelpo schläft alleine ein" gelesen. 

Persönliches Fazit

Eine liebevoll erzählte Geschichte in einem hochwertig gestalteten Bilderbuch. Für unsere Kleine und mich ein gelungenes Buch, denn mit den zahlreichen Klappen wird es nie langweilig.

© Rezension: 2016, Susa


Moritz Moppelpo braucht keinen Schnuller mehr | Hermien Stellmacher | arsEdition
Ab 24 Monate
2016, Pappebuch mit Klappen, 14 Seiten, ISBN: 978-3-7607-6441-2
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[susa]

Aus der Kinder-Leseecke | Moritz Moppelpo schläft alleine ein

0 Kommentare

Ein Spielbuch mit vielen Klappen

Mama soll dableiben! Das will der kleine Hase Moritz, wenn er schlafen soll. Doch dann schaut er, wie es seine Freunde machen, und schafft es auch: Er schläft zufrieden ein – ganz alleine! Ein witzig erzähltes Spielbuch mit vielen Klappen zum Thema „alleine einschlafen“. [Text & Cover: © arsEdition GmbH]  

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Ein tierisch schönes Buch mit geheimnisvollen Klappen für kleine neugierige Lesemäuse ab ca. 18 Monaten.
Ich hatte ja im ersten Moment wirklich Bedenken, ob die Klappen wohl halten werden, aber bisher  ist alles gut. Sie sind recht stabil und halten etwas aus und unser Krümelchen wird ganz sicher lange ihre Freude an diesem Buch haben.
Die Geschichte vom kleinen Moritz Moppelpo ist bezaubernd erzählt und die Illustrationen sind mit einfachen Farben sehr schön gestaltet. Der kleine Hase Moritz hat es schwer alleine einzuschlafen und seine Freundin Lene zeigt ihm in diesem Buch auf, wie all ihr Freunde abends zu Bett gehen und ganz alleine einschlafen.

Die vielen Klappen regen auch die Fantasie des Vorlesers an und es ergibt sich dadurch schnell noch die eine oder andere kleine Geschichte. Es wird also nie langweilig und das Buch kann immer wieder neu erzählt bzw. vorgelesen werden.




Bei arsEdition ist eine umfangreiche Moppelpo-Reihe erschienen und ich denke, dass eine oder andere Buch von Moritz Moppelpo wird bei uns noch einziehen. Weitere Themen sind zum Beispiel das Abgewöhnen einer Windel, Bitte und Danke sagen, und das Zähneputzen. Wir haben und kürzlich auch schon mit dem Büchlein "Moritz Moppelpo braucht keinen Schnuller mehr" befasst. Schaut mal HIER

Persönliches Fazit

Eine liebevoll erzählte Geschichte in einem schön gestalteten, stabilen Buch. Für uns ein gelungenes Buch, dass uns viel Freude bereitet.

© Rezension: 2016, Susa




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[susa]

Rezension: Die kleinsten, stillsten Dinge | Sara Baume

Montag, 5. September 2016 2 Kommentare

Der alte Mann und … der Hund





Ein einsamer Mann Mitte fünfzig kommt ins Tierheim. Ray braucht einen Hund, wegen der Ratten in seinem Haus, und sucht sich den traurigsten Köter von allen aus: Im Kampf mit einem Dachs hat Einauge den Kürzeren gezogen; er ist sehr schreckhaft, immer hungrig, und wenn andere Hunde in der Nähe sind, wird er aggressiv. Ray, der die von den Eltern ererbte Bruchbude am Meer bisher kaum verlassen hat, findet in dem Hund einen Gefährten. Frühmorgens unternehmen die beiden lange Spaziergänge am Strand – bis eines Tages eine Frau mit Hund ihren Weg kreuzt. Einauge fällt den Rivalen an, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Am nächsten Tag steht eine Polizistin vor der Tür. Ray wimmelt sie ab und flieht mit Einauge in seinem klapprigen Auto. So fahren die beiden, Menschen meidend, die irische Atlantikküste hinab, während es draußen immer kälter und das Geld immer weniger wird. Am Ende, beide essen längst nur noch Trockenfutter, müssen sie umdrehen. Und der Leser erfährt bei Rays Heimkehr dessen ganze traurige Lebensgeschichte, von der er sich nur durch die Verbindung mit seinem Hund hat befreien können. [© Text und Cover: Rowohlt Verlag]

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Sara Baume gelingt mit ihrem Debütroman etwas, das nicht vielen gelingt: ihr Sprachstil zieht mich sofort in seinen Bann und fasziniert mich schon auf den ersten Seiten. Trotz ihrer eigentlich schnörkellosen Ausdrucksweise ist er immer wieder poetisch und ein wenig melancholisch. Der ganze Roman ist von seiner Form her so gestaltet, dass Ray mit seinem Hund spricht. Das ist außergewöhnlich, funktioniert aber einwandfrei. Es macht den Text zu etwas Intimem.

„Du knurrst, als der Wärter dich am Genick packt und dir das Halsband anlegt, aber du schnappst nicht nach ihm. Und dein Gang, deine Bewegungen zeugen nicht von Aggressivität oder Bosheit." (S. 14)

Ray ist einer der Menschen, die kaum jemand beachtet. Er geht nur selten aus dem Haus und beschränkt sich dann auf das absolut Notwendige an Kommunikation. Ein Eigenbrödler, in dem die Nachbarn einen Spinner sehen, dem sie lieber aus dem Weg gehen. Klingt nach einem totalen Langweiler. Als Leser verfolgen wir seine Gedanken, und die sind durchaus interessant, gerade deshalb, weil er seiner eigenen Logik folgt. Immer wieder erinnert er sich an seine Kindheit. Irgendetwas muss da vorgefallen sein, was ihn so anders gemacht hat gemäß dem Prinzip Ursache und Wirkung. Und diese Wirkung ist durchaus fatal…





Rays Gedanken kreisen auch um Philosophisches. Was bedeutet es, Mensch zu sein? Was ist der Sinn einer Gemeinschaft? Er hat dazu seine eigene Meinung und stellt sich dabei immer selbst in Frage.

„Es war falsch, dir etwas von meiner Menschlichkeit überstülpen zu wollen – schließlich hat es mir nie viel gebracht, ein Mensch zu sein." (S. 46)

Persönliches Fazit

„Die kleinsten, stillsten Dinge" ist eine bemerkenswerte Außenseitergeschichte mit Tiefgang. Ich war von Anfang an begeistert von Sara Baumes schlichtem und doch poetischem Sprachstil. Ein großartiger Debütroman.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Die kleinsten, stillsten Dinge | Sara Baume | Rowohlt Verlag
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
2016, gebunden, 288 Seiten, ISBN: 9783498058111
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