Rezension: Die Stunde des Schmetterlings | Pieter Webeling

Sonntag, 23. Oktober 2016 0 Kommentare















 
Im Juli 1915 steht Julius Reinhardt in den Trümmern einer Kirche und setzt sich die Pistole an die Kehle. Ein alter Mann tritt von hinten an ihn heran und sagt, dass der Tod nie eine Lösung sei. Es ist der Pfarrer, einer der wenigen Überlebenden des fast vollständig zerstörten Dorfes. Er führt Julius ins Pfarrhaus und zeigt ihm seine Schmetterlingssammlung. Diese Tiere, die ihre Schönheit in einem sehr kurzen Leben und vergeblichen Überlebenskampf verschwenden, und nicht die Menschen, die Kriege anzetteln, sind für ihn die Krone der Schöpfung.

Julius fasst Vertrauen und erzählt dem Pfarrer von seiner Seelennot. Sein Kamerad, sein bester Freund, ist ausgerechnet in einer Feuerpause, als Franzosen und Deutsche Fußball spielten statt aufeinander zu schießen, mit einem Bajonett im Rücken tot aufgefunden worden. Julius fühlt sich dafür verantwortlich. Nach und nach gibt er sich seinen Erinnerungen hin: an vier unzertrennliche Freunde, die arglos in einem Dorf aufwuchsen, an eine große Liebe und an eine Enttäuschung, die übermächtig war ... [© Text und Cover: Blessing Verlag]

[trennlinie]

Wie anders war doch das Leben noch vor rund einhundert Jahren: die meisten Menschen waren noch mit Pferdekutschen unterwegs, es gab noch einen Krämer im Dorf und eine Ziegelei war in der ländlichen Gegend der Gipfel der Industrialisierung. Julius und seine drei Freunde sind siebzehn. Sie verbringen viel Zeit miteinander und haben, wie es sich für dieses Alter gehört, hauptsächlich Mädchen im Kopf. Pieter Webeling schildert aber auch die harten Seiten der Jugend jener Zeit. Wenn der Sprössling nicht macht, was von ihm erwartet wird oder gar widerspricht kann ein Vater auch gewalttätig werden. 

Als die Nachricht der Mobilmachung zum Krieg gegen Frankreich das Dorf erreicht, sind die meisten Bewohner erfreut. Endlich wird den Franzosen ihre Arroganz heimgezahlt, meinen sie. 

„Dieser Krieg schien uns unvermeidlich. Ein grandioses Ereignis, über das mit Sicherheit noch viel gesprochen würde. Und wir durften dabei sein. Welch ein Privileg" (S. 91)

Julius und seine Freunde lassen sich wie die viele andere rekrutieren. Für sie ist es die Gelegenheit, der Enge des Dorfs und des Elternhauses zu entfliehen und sich zu beweisen. In diesem Alter hält man sich ja vermeintlich für unsterblich. Dass die Idealisierung des Krieges und die markanten Sprüche der Anwerber nichts mit der Realität gemein haben, lernt Julius im Gemetzel auf den Schlachtfeldern schnell. Bald schon wünscht er sich, er wäre zu Hause geblieben.

Pieter Webeling findet einen wunderbaren Erzählton. Seine Geschichte, die Julius als Ich-Erzähler dem Priester schildert, wirkt damit sehr bildhaft und lässt die damalige Zeit atmosphärisch dicht wieder aufleben. Dabei wird weder etwas beschönigt noch frisiert. Die Grausamkeiten des Krieges, die Julius erlebt, beschreibt er eher nüchtern. Gerade dadurch wird mir die Trostlosigkeit seiner Situation bewusst, die sich tatsächlich überhaupt nicht heldenhaft anfühlt. Keine Ideologie rechtfertigt diese Unmenschlichkeit.

„Ich hatte die Grenze zwischen Leben und Tod bereits überschritten, war über Angst, Erschöpfung und Schuld hinaus gewesen. Halt an, liebe Welt, ich will aussteigen!" (S. 101)

Dass es aber auch in Kriegszeiten noch Hoffnung gibt, zeigt die bekannte Szene, als die französischen und deutschen Soldaten am Weihnachtstag ihre Stellungen verlassen, um gemeinsam zu feiern. Hier bin ich mit Julius hautnah dabei. Das ist wahrlich eine besondere Art der Völkerverständigung und zeigt, dass es nur etwas Mut und Willen braucht, um aufeinander zu zu gehen.

Persönliches Fazit

Gekonnt verstrickt Pieter Webeling das Schicksal von vier Freunden mit dem Irrsinn der Schlachten des Ersten Weltkriegs. Mit seinem bemerkenswerten Erzählton erschafft er sympathische und authentische Charaktere und eine dichte Atmosphäre. Ein Pageturner, der mich beeindruckt und gefesselt hat.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Die Stunde des Schmetterlings | Pieter Webeling | Blessing Verlag
Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt
2016, gebunden, 304 Seiten, ISBN: 9783896675682
Buch bestellen bei Amazon.de*
Buch bestellen bei Buchhandel.de


*Affiliate Link


[marcus]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wir freuen uns, wenn ihr unsere Beiträge kommentiert, denn dadurch wird dieser Blog lebendig! Bitte habt Verständnis, dass Beiträge vorab geprüft werden, um Spam zu verhindern. Daher kann es einen Moment dauern, bis Kommentare sichtbar werden. Lieben Dank.