Rezension: Allein unter Amerikanern | Tuvia Tenenbom

Mittwoch, 23. November 2016 0 Kommentare


Eine Reise durch das Land der (un)begrenzten Möglichkeiten...




Seit über drei Jahrzehnten lebt Tuvia Tenenbom in New York. Als er sich 2015 für seine neue Großreportage erstmals auf eine Reise quer durch die USA begab, ahnte er nicht, was ihn erwarten würde: »Ich hätte nie gedacht, dass die Vereinigten Staaten so völlig anders sind, als ich immer angenommen hatte. Lange Jahre war ich überzeugt, dass ich sie ziemlich gut kennen würde. Aber ich bin mir da nicht mehr so sicher. Erst jetzt entdecke ich so nach und nach das wahre Amerika, Stück für Stück, Mensch für Mensch, Staat für Staat.« 
Tenenbom reiste von Florida bis nach Alaska, von Alabama bis nach Hawaii, vom Deep South und Bible Belt bis an die Großen Seen und die Westküste, sprach mit Politikern und Predigern, mit Evangelikalen, Mormonen und Quäkern, mit Rednecks und Waffennarren, Kriminellen und Gefängnisinsassen, mit Indianern und Countrymusikern, Antisemiten und Zionisten, mit Obdachlosen und Superreichen und vielen, vielen mehr. 
Die USA rühmen sich, »das Land der Freien und die Heimat der Tapferen« zu sein. Das wahre Amerika jedoch, so Tenenboms bestürzende Erkenntnis, ist weder frei noch tapfer, sondern ängstlich darauf bedacht, alle Freiheiten einzuschränken. Es ist in sich zutiefst gespalten, rassistisch und hasserfüllt. »Kann sich die Menschheit auf die USA verlassen? Ich würde es nicht tun.« [© Text und Cover: Suhrkamp Verlag]

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Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten, wie konnte das nur passieren? Wie ticken die Amis nur? Wie kommen sie zu der Ansicht, dass sie anderen moralisch überlegen sind und sich als Weltpolizei gebaren? Antworten auf diese und viele weitere Fragen nähert sich Tuvia Tenenbom mit seinem Buch an. Seine Idee, quer durch die USA zu fahren um mit den Menschen vor Ort zu sprechen, finde ich äußerst interessant und funktioniert gut. Das bringt mir mal andere Ansichten von Land und Leuten als das, was ich meistens im Fernsehen sehe.

Er schafft es zwar nicht, alle Bundesstaaten der USA zu besuchen, aber gut die Hälfte erreicht er auf seinem Trip. Das ergibt einen spannenden Querschnitt – nicht nur wegen der Bewohner sondern auch landschaftlich. Ob die unbewohnten Weiten Montanas oder Nationalparks in Utah, er ist begeistert von der Szenerie, die sich ihm unterwegs darbietet. 

Das beschreibt er aber nur am Rande, im Fokus des Buchs stehen andere Themen. Es geht hauptsächlich um Politik, Religion, Rassismus, Armut und Gewalt, um den Klimawandel und um den Israel-Palästina-Konflikt. Tenenbom stellt die Fragen, auch wenn sie seinem Gegenüber unangenehm sind und eine Antwort zunächst oft verweigert wird. Er legt gnadenlos den Finger in die Wunde, auch wenn das mehr als einmal bei seinem Gesprächspartner Empörung auslöst. Selbst von Drohungen lässt er sich nicht abschrecken. Er entlarvt damit einige abstruse Ansichten. Die albernsten lässt er für sich stehen, andere kommentiert er mit einem lässigen, trockenen Humor. 

„Ich stupse die Leute nun mal gerne an. Ich wurde so geboren." (S. 335)

Tenenbom hat den Mut, dort hin zu fahren, wohin sich Touristen nicht verirren sollten. Wenn ihm ein Busfahrer oder Polizist dringend abrät, ein bestimmtes Viertel zu besuchen, macht er es erst recht. Dass dort rivalisierende, bewaffnete Gangs leben und regelmäßig Morde geschehen, hält ihn nicht auf. Das bringt Meinungen von ungewöhnlichen Seiten.

Auch wenn das Buch auf rund 450 Seiten kommt, hatte ich anfangs den Eindruck, dass manche Aussagen nur angerissen werden und sich das Gespräch nur oberflächlich in den Zeilen wiederfindet. Das ist sicherlich der immensen Zahl von Eindrücken, die der Autor auf der Reise gewinnt, geschuldet. Es war bestimmt nicht einfach zu entscheiden, was verwendet wird und was nicht. Allerdings bildet sich am Ende aus den vielen Puzzleteilen einzelner Gespräche ein sehr weitreichendes Gesamtbild des gesellschaftlichen Zustands der USA. Und das ist, was ich mir von dem Buch versprochen hatte.

Persönliches Fazit

Wer sich einen Eindruck über die politische und gesellschaftliche Situation in den Vereinigten Staaten machen will, ist mit „Allein unter Amerikanern" gut versorgt. Mit journalistischer Schärfe und einer Prise trockenem Humor befragt Tuvia Tenenbom viele Menschen unterschiedlichster ethnischer, religiöser, politischer und sozialer Angehörigkeit. Auch wenn ich mir manche Abschnitte ausführlicher gewünscht hätte, war die Lektüre für mich sehr erkenntnisreich.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Allein unter Amerikanern | Tuvia Tenenbom | Suhrkamp Verlag
Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Adrian
2016, broschiert, 464 Seiten, ISBN: 9783518467343
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[marcus]





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