Rezension: Tage zwischen Ebbe und Flut | Carin Müller

Dienstag, 31. Januar 2017 1 Kommentar


Felix ist 70 Jahre alt. Er spricht aus, was niemand zu sagen wagt, und tut, was sonst niemand tun würde. Seine Erinnerungen sind wie Wellen in seinem Kopf, wogend, nicht festzuhalten. Denn Felix hat Alzheimer. 
Um ihm einen Herzenswunsch zu erfüllen, machen seine Ehefrau Ellen, seine Tochter Judith und seine Enkelin Fabienne mit ihm eine Kreuzfahrt. Doch während Felix die Reise als wunderbares Abenteuer erlebt, wird für die drei Frauen die Seereise zu einer Seelenreise durch schwere Gewässer, aber mit Kurs auf sonnige Gefilde. [© Text und Cover: Knaur Verlag]


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Eine Familie mit drei Generationen auf einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer, das kommt mir vor wie eine Traumschiffepisode. Dieser Eindruck wird durch die Leichtigkeit der Schreibart der Autorin noch verstärkt. Und doch ist das Buch mehr als ein seichter Unterhaltungsroman, denn wir werden mit Felix' Alzheimererkrankung konfrontiert. Einer heimtückischen Krankheit und ein Thema, dem man doch lieber aus dem Weg gehen würde. Ein Buch, das das als roten Faden hat, kann einen doch nur herunterziehen, oder? - Nein, muss es nicht. Carin Müller schafft es, das Dilemma von Felix und seiner Familie in einen leichten Ton zu packen, ohne dabei die Belastung für die Betroffenen herunterzuspielen.

„Wie schrecklich muss das sein, wenn der geliebte Partner Stück für Stück verschwindet und nur noch eine leere Hülle bleibt? … Im Grunde ist das alles Trauer am lebenden Objekt, denn meinen Vater gibt's schon lange nicht mehr." (S. 127)

Dass da das Nervenkostüm darunter leidet, merkt man Felix' Frau Ellen an. Häufig ist sie im Buch „schmallippig" und damit sehr gereizt. Dazu kommt, dass sie und ihre Tochter Judith kein gutes Verhältnis haben. Die beiden zanken sich so oft, dass ich den beiden zurufen möchte, sie sollen sich zum Wohl aller doch bitte mal zusammenreißen. Aber das schaffen sie einfach nicht, damit gehen sie mir mit der Zeit auch auf die Nerven.



Sehr gut kann ich mich nach der Lektüre in Felix' Lage hineinversetzen. Die Auswirkungen der Krankheit schwanken, und in den guten Momenten merkt er sehr wohl, dass er nicht mehr der Mann ist, der er war. Das tut ihm vor allem für seine Frau leid, für die seine unberechenbaren Verhaltensweisen unglaublich anstrengend und in der Öffentlichkeit sehr peinlich sind. Es gelingt ihm nur noch selten, Gedanken festzuhalten und so zu formulieren, wie er es gewohnt war. Und doch überrascht er immer wieder die anderen, wenn ihm eine klare, logische Aussage gelingt. 


Persönliches Fazit

Carin Müller gelingt es, mir Alzheimer und die Auswirkungen dieser Krankheit für die Betroffenen auf leichte und unterhaltsame, aber trotzdem nachhaltige Art näher zu bringen. Eine sehr empfehlenswerte emotionale Kreuzfahrt.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner 

Tage zwischen Ebbe und Flut | Carin Müller | Knaur Verlag
2016, Taschenbuch, 288 Seiten, ISBN: 9783426519738
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[marcus]

Rezension: Gestorben wird immer | Alexandra Fröhlich

Sonntag, 29. Januar 2017 0 Kommentare

Die Lebensgeschichte einer sehr mutigen und vor allem charakterstarken Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, egal, wie hart und unerbittlich das Leben ihr mitspielt.




Der Tod war Agnes’ Geschäft. Über Jahrzehnte hinweg führte sie den Steinmetzbetrieb Weisgut & Söhne in Hamburg und lenkte gebieterisch die Geschicke der Familie. Mit 91 Jahren nun hat Agnes von allem und jedem genug, sie will reinen Tisch machen und endlich das Geheimnis lüften, das sie viel zu lange schon mit sich herumträgt. Da ihre Tochter das Weite gesucht hat, beauftragt sie ihre Enkelin Birte, die Einzige, die aus demselben harten Holz geschnitzt ist wie sie, den ganzen Clan zusammenzutrommeln – kein einfaches Unterfangen, denn alle sind sich spinnefeind. Es ist Zeit für die Wahrheit. [Text & Cover: © Penguin Verlag]

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Wild und voller Tatendrang ist die junge Agnes, sie hat Pläne und Ideen, möchte etwas erreichen im Leben. Doch dann kommt alles anders: Sie, die das trubelig-bunte Leben zusammen mit ihren Freundinnen so liebt, soll nun mit ihren Eltern aufs Land ziehen, abgeschieden von allem! Aber es kommt noch schlimmer, denn eine Ehe mit dem Nationalsozialisten Wilhelm Weisgut, den sie gar nicht liebt, wird arrangiert und sie muss sich dem Willen der Eltern fügen. Erst später erfährt die die wahren Gründe für Umzug und Ehe und sie fügt sich ihrem Schicksal um ihre Familie zu schützen. Dafür nimmt sie viel in Kauf, auch den Hass der Schwiegermutter, der ihr unerbittlich entgegenschlägt. Der Krieg breitet sich aus und auch Wilhelm muss an die Front. Agnes bleibt mit den Kindern und der Schwiegermutter zurück und nimmt langsam, aber beständig die Zügel im heimatlichen Steinmetzbetrieb in die Hand. Sie hat viel geopfert, aber ihre Energie und ihren Stolz hat sie innerlich bewahrt. Sie ist klug, stark und sie weiss sich zu helfen, sie kann sich auf ihren Instinkt verlassen. Als der Krieg auch vor dem kleinen abgeschiedenen Dorf in Ostpreußen keinen Halt macht, muss sie Entscheidungen treffen und flüchten. Entbehrungsreiche, harte Zeiten brechen an, Verlust, Hunger und harte Arbeit prägen ihr Leben - aber sie hält durch. Das Leben geht weiter. immer. irgendwie.



Und gestorben wird auch immer. Als der Krieg endlich zu Ende ist, handelt Agnes umgehend und eröffnet in Hamburg unter widrigsten Umständen einen neuen Steinmetzbetrieb. Böse Überraschungen machen auch hier keinen Halt, doch ihr Willen ist weiterhin stark und mit eiserner Hand führt sie den Betrieb beständig zum Erfolg. Doch damit das gelingen kann und ihre Kinder nicht länger leiden müssen, bedarf es wieder einer harten Entscheidung, die Agnes treffen muss. Diese Entscheidung wird in die Tat umgesetzt und von Agnes behütet ihr Geheimnis all die Jahre. Doch so geheim, wie sie dachte, ist es nicht - es prägte die Familie sehr. 

Mit 91 Jahren nun möchte die Patriarchin Agnes nun reinen Tisch machen und lässt von ihrer Enkelin Birte die zerstreute, zum teil tief zerstrittene und nicht sehr glücklich erscheinende Familie zusammentrommeln. Alles kommt auf den Tisch, auch das bisher unausgesprochene Geheimnis, dass doch so sehr die Generationen der Familie beeinflusste. Doch nur, wenn man auch das Geheimnis kennt, dann versteht man und kann vergeben… 

Wie sehr die damaligen Ereignisse tatsächlich das Familienleben prägten, erfährt man durch die unterschiedlichen Erzählebenen. Denn nicht nur Agnes Geschichte wird erzählt sondern auch Birtes zum Teil sehr schwere Kindheit in den 80er Jahren, in der die Mutter heimlich verschwindet, der Vater unausstehlich wird und dem Alkohol verfällt und auch den Sohn auf diese schiefe Bahn mitreisst. Und die dritte Erzählebene spielt dann in der Gegenwart, in der eben diese Birte, die vom Charakter her Agnes sehr ähnelt, die Familie zusammenbringen muss. Diese abwechselnde Erzählweise sorgt für einen facettenreichen Einblick und das Familienleben und lässt all die Fäden zusammenkommen und die Zusammenhänge werden klar. 

Persönliches Fazit

Eine sehr tiefgründige und ansprechend erzählte Familiengeschichte, die einen tief berührt und gefangen nimmt. 
Wem „Altes Land“ von Dörte Hansen gut gefallen hat, der sollte auch zu diesem Buch greifen. Eine klare Leseempfehlung. 

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas

Gestorben wird immer | Alexandra Fröhlich | Penguin Verlag
2016, Paperback, Klappenbroschur, 336 Seiten, ISBN 978-3—328-10001-0
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[alexandra]

Rezension: Helix. Sie werden uns ersetzen | Marc Elsberg

Donnerstag, 26. Januar 2017 2 Kommentare

Haben Sie die Gene zum Überleben?


Der US-Außenminister stirbt bei einem Staatsbesuch in München. Während der Obduktion wird auf seinem Herzen ein seltsames Zeichen gefunden - von Bakterien verursacht? In Brasilien, Tansania und Indien entdecken Mitarbeiter eines internationalen Chemiekonzerns Nutzpflanzen und -tiere, die es eigentlich nicht geben kann. Zur gleichen Zeit wenden sich Helen und Greg, ein Paar Ende dreißig, die auf natürlichem Weg keine Kinder zeugen können, an eine Kinderwunschklinik in Kalifornien. Der Arzt macht ihnen Hoffnung, erklärt sogar, er könne die genetischen Anlagen ihres Kindes deutlich verbessern. Er erzählt ihnen von einem - noch inoffiziellen - privaten Forschungsprogramm, das bereits an die hundert solcher »sonderbegabter« Kinder hervorgebracht hat, und natürlich wollen Helen und Greg ihrem Kind die besten Voraussetzungen mitgeben, oder? Doch dann verschwindet eines dieser Kinder, und alles deutet auf einen Zusammenhang mit sonderbaren Ereignissen hin - nicht nur in München, sondern überall auf der Welt ... [Text & Cover: © Blanvalet]  

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Immer, wenn Marc Elsberg sich eines Themas annimmt, wird es beunruhigend.

Bereits, als von intelligenten Stromzählern noch keine Rede war, entwarf er ein Katastrophenszenario, das mittlerweile als durchaus möglich erscheint. Noch bevor die Sinne der Öffentlichkeit geschärft waren, warnte er vor allzu freizügigem Umgang mit persönlichen Daten in den Sozialen Netzwerken.
Und diesmal? Nichts Geringeres als die Weiterentwicklung der Menschheit, genauer, die Veränderung von genetischem Erbgut, steht im Zentrum von "Helix". Wie bereits zuvor in "Blackout" und "Zero" widmet sich der Autor auch diesmal wieder einem komplexen, gesellschaftlich brisanten Thema. Den Auftakt dabei bildet ein ebenso spektakuläres, wie im Verlauf der Handlung wenig logisches Attentat, dessen einziger Zweck offensichtlich darin besteht, dem Leser klarzumachen, wie er seine nächsten Stunden verbringen wird. Bereits der erste Satz nagelt den Blick an die Zeilen:

"Dann stand nur mehr das Rednerpult auf der Bühne des voll besetzten Hotelsaals, und der US-Außenminister lag reglos daneben." (S.11)

Dabei wirkt nicht nur der Satz als ganzes wie ein reißender Strom, von dem der Leser mitgerissen wird, schon das erste Wort, "Dann", stellt einen noch unbekannten Kontext her. Es signalisiert, daß es keinen Anfang und kein Ende gibt, nichts in sich Abgeschlossenes. Es gibt ein Davor und ein Danach, der Text ist keine harmlose zwischen zwei Buchdeckel gebannte Fiktion, sondern er quillt darüber hinaus. Der Gegenstand ist zu groß, er betrifft - obgleich als Erzählung aufbereitet - in absehbarer Zukunft unseren Alltag.

Im Stil folgt der Autor bewährten Mustern: Der Themenkomplex wird aus unterschiedlichen Perspektiven in rascher Kapitelabfolge beleuchtet. Die einzelnen Erzählstränge verweben sich dabei nach und nach zu einem Gesamtbild. Wissenschaftliche Zusammenhänge werden in leicht faßbaren Dialogen aufbereitet, wobei sich das Gespür des Autors erweist, seine Leser weder zu über-, noch zu unterfordern. Anhand einer actiongeladenen Geschichte, die in ein hollywoodreifes Finale mündet, entwickelt der Leser ein erstes Gespür für die weitreichenden Konsequenzen der Gentechnologie.

Geschickt sind auch jene Fragestellungen eingewoben, die starkes Unbehagen auslösen. Ist der Fortschritt, jener Begriff, unter dem in Entwicklung begriffene Technolgien zusammengefaßt sind, unaufhaltsam? Verhält er sich wie eine Naturgewalt, die über den Menschen hereinbricht? Oder kann er gezähmt, vielleicht sogar kontrolliert werden? Wenn er sich ethischen Regeln unterwerfen muß, wie lauten diese, und von wem werden sie definiert? Der Roman handelt von sogenannten "modernen Kindern", Menschen, deren Genom mit Eigenschaften wie gesteigerter Intelligenz oder Körperkraft ausgestattet ist. Dabei wird der Mensch zu einer Ware, werdende Eltern können sich aus einem Katalog mit einem Baukastensystem ihr Wunschkind entwerfen und bestellen. Wie aber kommt der Preis zustande, wie wird der Wert menschlichen Lebens bemessen? Errechnet sich der Preis bloß aus der Summe der Einzelkosten der genetischen Legosteine? An der Qual der Wahl eines Paares läßt der Autor den Leser teilhaben:

"Helen überflog die Liste. Geschlecht, Haarfarbe, Augenfarbe, Athletik, Ausdauer, Schlafdauer, Reaktionsschnelligkeit ..." (S. 223)

In welcher Weise werden derartige Wunschkinder die Gesellschaft beeinflussen? Wird es zu einem genetischen Wettrüsten kommen, aus dem nur jene als Sieger hervorgehen können, deren Eltern sich die besten Upgrades für ihren Nachwuchs leisten können? Wird die Konsequenz etwa eine noch stärkere Abschottung einer zahlenmäßig kleinen Gruppe von materiell begüteten Entscheidungsträgern sein?

"Helen wechselte ihr Smartphone alle zwei bis drei Jahre. Was machte man mit veralteten Menschenmodellen? Nach drei Jahren?" (S. 492)

Scheinbar offensichtliche Überlegungen wie diese werden nicht etwa von Wissenschaftern oder den hochintelligenten Kindern, sondern bewußt von Figuren ohne spezielle Ausbildung formuliert. Der Untertitel des Romans "Sie werden uns ersetzen" bezieht sich genau auf diese Urangst: Was, wenn das Geschöpf seine Fesseln abwirft und sich über den Schöpfer erhebt? Wie wird der Mensch damit umgehen, wenn er sich plötzlich nicht mehr an der Spitze der Evolution findet? Das Spiel mit diesem Szenario ist ein beliebter Topos in der Unterhaltungsliteratur. In "Nur dein Leben" (Originaltitel "Perfect People") beschäftigte sich der britische Autor Peter James bereits 2011 mit einer Klinik, die Kinderwünsche auf Bestellung realisiert. In "Extinction" des Japaners Kazuaki Takano ist der Sprung in der menschlichen Evolution noch Folge natürlicher Mutation und nicht von Experimenten im Labor, und in "Nexus" von Ramez Naam [Link zur Rezension] verschmelzen Mensch und Maschine miteinander.

Obwohl Marc Elsberg für seine akribischen Recherchen bekannt ist, wirkt das Thema diesmal abstrakter, weniger greifbar als in den beiden Vorgängerromanen. Dies mag einerseits an der deutlicheren Präsenz der Stromversorgung und Sozialen Netzwerke im Alltag liegen, andererseits an der Heftigkeit, mit der die Geschichte an unserem Selbstverständnis als Mensch rüttelt. Wird die Qualität eines Romans auch daran gemessen, wie lange er den Leser beschäftigt, nachdem im Epilog noch sämtliche Zweifel neu aufgeheizt wurden, so zählt "Helix" gewiß zu den wichtigsten Titeln des Jahres.

Persönliches Fazit

Die Chancen und Risiken genetischer Manipulation anhand einer spannenden Geschichte ... möglicherweise ist Marc Elsberg hier eine aktualisierte Version von "Brave New World" gelungen.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Helix | Marc Elsberg | Blanvalet
2016, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 648 Seiten, ISBN: 978-3-7645-0564-6
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[wolfgang]

Eine Buchperle: „Regeln für einen Ritter“ von Ethan Hawke

Dienstag, 24. Januar 2017 2 Kommentare













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Mich schrecken Ratgeber, die mir mit erhobenem Zeigefinger ihre Lebensweisheiten vermitteln wollen, eher ab. Dieses kleine Büchlein von Hollywoodschauspieler Ethan Hawke hat mich aber gleich angesprochen. Allein die Aufmachung ist schon sehr hochwertig. Mit dem Leineneinband, dem goldenen Schriftzug und den enthaltenen Illustrationen ist es ein richtiges Kleinod, das sich im Regal ganz vorne sehr gut macht.








In zwanzig Kapiteln hat Hawke gesammelte und eigene Weisheiten vereint. Dem Anhang kann man entnehmen, dass er schlaue Aussagen von beispielsweise Muhammad Ali, William Shakespeare oder Mutter Teresa übernommen hat. Eine spannende Kombination.



Bei dem Text handelt es sich um einen Brief des Ritters Sir Thomas Lemuel Hawke aus dem Jahr 1483. Er ergänzt seine Lebensansichten mit passenden Episoden aus seinem Ritterleben. Die Ausdrucksweise ist, um dem Alter Rechnung zu tragen, dezent veraltet, aber gut verständlich. 

„Ihr habt weder die Berge noch die Meere noch die Sonne noch den Regen geschaffen. Ihr habt nicht einmal euch selbst geschaffen. Also könnt ihr loslassen; die Verantwortung für die Welt ruht nicht auf euren Schultern." (S. 121)




Er schreibt vor einer entscheidenden Schlacht seinen Kindern mit der Vorahnung, dass er sie nicht wiedersehen wird. Er will ihnen damit eine Anleitung mitgeben, wie ein wahrer Ritter oder eine wahre Dame sich verhält. Da geht es um Themen wie Stolz, Gerechtigkeit oder Liebe. Hawke transferiert seine gesammelten Weisheiten in der Zeit zurück, damit ich sie von dort wieder bergen kann, denn die Erkenntnisse sind durchaus auch heute zu gebrauchen. Ich werde das Buch auf jeden Fall in Griffweite behalten, denn für eine kurze Besinnung auf Wesentliches, so originell verpackt, ist immer etwas Zeit.

© 2017, Marcus Kufner









Regeln für einen Ritter | Ethan Hawke | Verlag Kiepenheuer und Witsch
Deutsch von Kristian Lutze
Illustrationen von Ryan Hawke
2016, Leinen, 192 Seiten, ISBN: 9783462049336
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[marcus]

Rezension: Geheimnis in Weiss | Joseph Jefferson Farjeon

Montag, 23. Januar 2017 0 Kommentare

»Vier Morde an einem halben Tag! So verdient man sich seine Weihnachtsgans.«


An Heiligabend bleibt ein Zug im Schneetreiben in der Nähe des Dorfes Hemmersby stecken. Mehrere Passagiere suchen Zuflucht in einem verlassenen Landhaus. Die Tür ist offen, der Kamin brennt und der Tisch ist zum Tee gedeckt, doch niemand scheint da zu sein. Aufeinander angewiesen, versuchen die Reisenden das Geheimnis des leeren Hauses zu lüften – als ein Mord passiert.
[Text & Cover: © Klett Cotta]

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»Geheimnis in Weiß« ist ein von der British Library wiederentdeckter Kriminal-Klassiker, der schon 1937 unter dem Originaltitel „Mystery in White – a Christmas Crime Story« erschien, aber erst 2016 erstmalig in deutscher Übersetzung vorliegt. Der bekannte Schriftsteller Joseph Jefferson Farjeon (1883–1955) verfasste mehr als sechzig Krimis und Thriller im Goldenen Zeitalter der britischen Kriminalliteratur. Er schrieb u.a. auch das Bühnenstück Nummer siebzehn , dass später von Alfred Hitchcock verfilmt wurde. [Quelle: Wikipedia]



Ich habe schon immer ein Faible für klassische Krimis gehegt, Agatha Christie zum Beispiel konnte mich in Form von Buch und Film begeistern. Ich mag dieses Rätselraten, dieses kleine psychologische Spiel der (Hobby)Detektive, die der Polizei meist einen Schritt voraus sind mit ihrem feinen Spürsinn, das Verknüpfen der vielen Fäden. Wer ist der Mörder? Je verzwickter es ist, je mehr Personen infrage kommen könnten - desto mehr macht es Spaß und ich überlege selbst während des Lesens fieberhaft mit. Da braucht es keine Action, da braucht es schlichtweg ein sehr gutes Setting und eine Person, die die Fäden ein wenig in der Hand hat wie zum Beispiel die gute Miss Marple oder Hercule Poirot. 

Auch in „Geheimnis in Weiss“ gibt es eine solche Person: Dr. Edward Maltby, 60, Mit­glied der König­lich-Para­psycho­logischen Gesell­schaft. Er ist einer der im Zug gestrandeten Personen, der sich nach einiger Zeit des Wartens als Erster aufmacht und den Zug verlässt, der mitten im tief verschneiten Wald für unbestimmte Zeit zum Halten kam.  Schon gleich zu Beginn hatte ich das Gefühl, dass er wohl derjenige sein wird, der die Zügel der Geschichte in die Hand nimmt. 

Doch er ist nicht der einzige Passagier, der den gestrandeten Zug verlässt. Ihm folgen nach einiger Zeit die Geschwister David und Lydia Carrington,  die junge Revue­tänzerin Jessie Noyes und der schüchterne Buchhalter Robert Thomson. Alle hatten sie ihre Pläne für den Weihnachtsabend, das anhaltende Winterwetter machte ihnen jedoch einen Strich durch die Rechnung.



Nach einer Weile treffen Sie auf ein Landhaus mitten im Wald. Die Türe lässt sich öffnen, jedoch scheint keiner zuhause zu sein. Das erscheint sehr verwunderlich, denn das Kaminfeuer brennt, der Vorratsraum ist gut gefüllt, der Tisch ist gedeckt und sogar das Teewasser im Kessel ist heiss. Wo sind die Bewohner des Hauses bei diesem fürchterlichen Wetter geblieben? Sie können noch nicht lange weg sein. Ein Küchenmesser liegt auf dem Küchenboden und vom Dachboden erklang kurz ein komisches Geräusch … Was ist hier passiert? 

Die euphorische Freude über das in der Not entdeckte Haus wird von einem leichten Grusel abgelöst und Ratlosigkeit macht ich breit, was man denn nun unternehmen solle. Mr. Maltby übernimmt ein wenig das Ruder und die zusammengewürfelte Gruppe beschliesst, im Haus zu bleiben, bis der Schneefall aufhört. 

Allerdings sind sie nicht die einzigen Gäste. Ihre Gruppe wächst um einen grob­schläch­tigen Fremden namens Smith mit breitem Cockney-Dialekt, der aus dem Nirgendwo aufzutauchen schien und ein weiterer Passagier des Zuges, Mr Hopkins. Beide tragen mit ihrer unsympathischen Art nicht sehr zu einer besseren Stimmung bei und man behält sich gegenseitig im Auge. 

Joseph Jefferson Farjeon hat hier ein hervorragendes Setting für seinen Krimi geschaffen. Eine Gruppe von Personen unterschiedlichster Charaktere, die sich vorher noch nie begegneten, ein einsames und sehr mysteriöses Haus im Wald, durch starken Schneefall vollkommen abgeschnitten von der Aussenwelt - die Gruppe muss sich zwangsläufig mit der Situation auseinandersetzen, zumal einige Geschehnisse und Entdeckungen dafür sorgen. Denn dass hier mindestens ein Mord geschehen ist, dass ist mittlerweile allen klar. Aber WER ist der Mörder und vor allem: WO ist er nun? 

Persönliches Fazit

Ein atmosphärischer, mit feinem britischen Humor durchzogener klassischer Krimi, der auf subtiler psychologischer Spannung aufbaut. Eine hervorragende Lektüre für die kalte Winterzeit, wenn es draussen so richtig kalt und frostig ist. Da das Buch im Original schon 1937 erschien, liegt über diesem Krimi heute zudem noch ein sehr passender nostalgischer Charme. Eine klare Empfehlung für alle Freunde des gepflegten Krimis. 

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Geheimnis in Weiss | Joseph Jefferson Farjeon | Klett Cotta
Übersetzung aus dem Englischen von Eike Schönfeld
2016, 282 Seiten, gebunden, bedruckter Leinenband, Lesebändchen ISBN 978-3-608-96102-7
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[alexandra]

10x3 Dinge über ... Damaris vom Blog Damaris liest.

Samstag, 21. Januar 2017 11 Kommentare

Wir möchten euch gerne tolle Blogs aus den verschiedensten Bereichen vorstellen und haben dabei unser Augenmerk besonders auf die Personen hinter diesen schönen Blogseiten gelegt. WER schreibt denn da eigentlich, wessen Beiträge begeistern uns da immer wieder? Wir blicken hinter die Kulissen - kurz und prägnant. Wir freuen uns sehr, dass sich Damaris vom Blog Damaris liest. der Herausforderung gestellt und unsere > 10x3 Dinge über... < beantwortet hat.

© Damaris vom Blog Damaris liest.


Ihr Blog "Damaris liest." besteht seit Anfang 2011 und sie beschäftigt sich in erster Linie mit All Age- und Jugendbüchern (zeitgenössische Literatur/Contemporary, Young Adult, Fantasy, Jugendthriller). Neben Neuvorstellungen und Rezensionen schreibt sie u.a. die "High Fives" (Buchvorstellungen in 5 Punkten und 5 Adjektiven) und die beliebte monatliche Mitmachaktion "Dieses Buch bleibt im Regal". Seit 2014 bietet sie zudem auf ihrem Zweitblog "Damaris liest mini." (www.damarisliest-mini.de) echte Kinder- und Bilderbuchtipps für die kleinen Leseratten. Beide Blogs werden mit viel Herzblut und Liebe geführt und ein Besuch lohnt sich sehr! 

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3 Eigenschaften, die dich besonders gut beschreiben

Detailverliebt, überlegt und realistisch

3 Romane, die dir zuletzt gut gefallen haben

➝  „Zorn und Morgenröte" von Renée Ahdieh
➝  "Vierzehn" von Tamara Bach
➝  "Eine Woche voller Montage" von Jessica Brody

3 Sach-/Fach-/Hobbybücher, die dich überzeugten und großen Mehrwert für dich hatten

➝ "111 Orte am Bodensee, die man gesehen haben muss" von Dietlind Castor
➝ "Die fünf Sprachen der Liebe" von Gary Chapman
➝ "Komm, wir machen was mit Wald" von Herr Pfeffer

3 Filme/Serien, die du gerne geschaut hast/gerne schaust

➝  Film: "The Dark Knight"-Trilogie
➝  Film: "Dirty Dancing"
➝  Film: "Der Marsianer"

3 Songs von deiner Lieblingsplaylist

➝  Bruno Mars – "24K Magic"
➝  Silversun Pickups – "Catch & Release"
➝  Kings Of Leon – "I Want You"

3 Blogs, deren Posts dich besonders inspirieren

➝  Inspirationen, Design und DIY-Projekte: www.bildschoenesdesin.de 
➝  Bücher: z.B. www.nightingale-blog-net ... und viele, viele deutsche Buchblogs 
➝  Home, Interior, Dekoration: www.britta-bloggt.blogspot.de

3 Insta-/Pinterest-Accounts, denen du mit Begeisterung folgst

➝  @wasfuermich 

3 Länder, die du gerne bereisen möchtest

Schweden, Irland und Kanada

3 Dinge, die du unbedingt einmal ausprobieren/tun möchtest

➝  Heli-Bodyflying
➝  Alle ungelesenen Bücher lesen, d.h. meinen SuB komplett abbauen.
➝  Einen Monat ohne mein Smartphone leben.

3 Fotos aus deinem (Blogger)Leben...








© Alle Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Copyright von Damaris M. / Damaris liest.
[alexandra] 


Rezension: Hool | Philipp Winkler

Mittwoch, 18. Januar 2017 3 Kommentare

Von der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016:









Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet. HOOL ist die Geschichte von Heiko Kolbe und seinen Blutsbrüdern, den Hooligans. Philipp Winkler erzählt vom großen Herzen eines harten Jungen, von einem, der sich durchboxt, um das zu schützen, was ihm heilig ist: Seine Jungs, die besten Jahre, ihr Vermächtnis. Winkler hat einen Sound, der unter die Haut geht. Mit HOOL stellt er sich in eine große Literaturtradition: Denen eine Sprache zu geben, die keine haben. [© Text und Cover: Aufbau Verlag]

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Warum zum Henker verabredet man sich denn nur, um sich gegenseitig zu verprügeln? Was für mich gar keinen Sinn ergibt, ist für Heiko das Größte. Da treffen sich Gruppen, fünfzehn gegen fünfzehn, und wer am Schluss noch steht, gewinnt. Das hat mit einem Fußballspiel nicht viel zu tun, das gucken sie meistens gar nicht an. Aber man vertritt seinen Verein und seine Heimatstadt, da gibt man doch alles! Und es schweißt die Gruppe zusammen, seine Freunde sind für Heiko das Wichtigste.

Ganz klischeehaft ließe sich erklären, wieso Heiko so eine niedrige Hemmschwelle zur Gewalt hat und sich nur schwer in die Gesellschaft integriert. Ob die zerrüttete Familie oder das Umfeld mit Bikern, Gangs, Drogen und Waffen, da gibt es viele Ansätze. Philipp Winkler sucht in seinem Roman jedoch gar nicht nach Gründen für sein Verhalten. Er schreibt aus Heikos Perspektive, weshalb er nie den erhobenen Zeigefinger herausholt oder gar von oben herab besserwisserisch kommentiert. Das macht den Roman äußerst glaubwürdig und authentisch.



Außer dass wir Heiko eine Weile begleiten, gibt es immer wieder Kapitel, die auf wichtige Ereignisse in seinem Leben zurückblicken. Meist sind das Dinge, die in der Familie passieren. An seiner Reaktion merke ich, dass er durchaus sein Herz am rechten Fleck hat. Gerade dass er oft sprachlos ist (was ihn wirklich böse zum Fluchen bringt) oder überfordert scheint, macht ihn mir sympathisch. Und dass für ihn die Neonazis ein absolutes No-Go sind, gibt nochmal einen dicken Extrapunkt!

„Ich nickte. Also, glaube ich. Weiß noch, dass es sich aber irgendwie mehr so anfühlte, als würde ich den Kopf einziehen und dann vorstrecken. So als ob ich versuchen müsste, eine ganze Bratwurst mit einem Mal herunterzuschlucken." (S. 184)

Was mich schwer begeistert, ist Heikos Sprache. Er ist nun mal kein Linguist, seine Sätze fallen eher kurz aus. Und trotzdem sind seine Ausdrucksweise und Vergleiche sehr einfallsreich. Manchmal wird er vulgär, was sicher nicht jedem Leser liegt, mich aber sehr amüsiert hat. Manchmal ist er aber auch geradezu poetisch.

„Ihr Lachen klingt wie so ein Windspiel, oder wie die Dinger heißen. Wie ein Sommerregen, der auf mein entblößtes Hirn rieselt, mich beruhigt und mir das Gefühl gibt, das ganze Drecksleben wär doch irgendwie erträglich." (S. 119)

Sehr beachtlich, dass es Philipp Winkler mit seinem Debütroman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 geschafft hat. Ich kann es nachvollziehen.

Persönliches Fazit

Mich hat „Hool" begeistert mit seinem authentischen Helden, dem spannenden Umfeld und vor allem mit seiner unkomplizierten und doch so ausdrucksstarken Sprache. Ein unkonventioneller und sehr stimmiger Roman, den ich gar nicht mehr aus der Hand legen wollte.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner 


Hool | Philipp Winkler | Aufbau Verlag
2016, gebunden, 310 Seiten, ISBN: 9783351036454
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[marcus] 


Aufgelesen #28: Zurückgehört [1/2]

Dienstag, 17. Januar 2017 3 Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser, vielen Zeitgenossen hat das Feuerwerk in den ersten Sekunden des Jahres einen Stoßseufzer entlockt: 2016 ist überstanden. Ich nutze nun die Gelegenheit für einen ganz und gar subjektiven Rückblick. Analog zu Kollege Sebastians Rückblick werde ich mich mit den in archaischer Form übermittelten Geschichten widmen, den Hörbüchern

© kaboompics.com







In dieser Hinsicht hielt das abgelaufene Jahr so viele Kostbarkeiten bereit, dass ich eine Einschränkung auf fünf Titel wie beim letzten Mal nicht mehr verantworten kann. Und auch, wenn Ranglisten oft sensationslüstern als künstlicher Wettbewerb inszeniert werden, wage ich doch diese Form. Sie motiviert nämlich dazu, sich noch einmal in einer Weise mit den einzelnen Titeln auseinanderzusetzen, dass sie gegeneinander abgegrenzt, miteinander verglichen werden können. Anders ausgedrückt: Ich lade euch ein, die besten Geschichten noch einmal mit mir im Schnelldurchlauf zu erleben:

10. Owen Sheers: I Saw A Man


Ein Hörbuch, dessen Handlung sich in zwei Sätzen zusammenfassen lässt (lest dazu gerne meine Rezension) und dennoch begeistert, das muss etwas Besonderes sein.
Wobei ... begeistern ist der falsche Begriff, der Autor verströmt keine Euphorie, er weckt Interesse an den unterschiedlichen Lebensgeschichten, die einander in diesem kurzen Moment begegnen, als das Mädchen das Gleichgewicht verliert und die Treppe hinunterstürzt. Und mit ihm geraten auch die Pläne, Wünsche, Ordnungen anderer Menschen aus ihrer Balance. Eine in angemessen nüchternem Tonfall vorgetragene Parabel auf das verästelte Netz aus Kontakten und Schicksalen, aus dem unsere Welt gesponnen ist.




9. Ramez Naam: Nexus


Wenn man an einem heißen Sommertag im Gebirge unterwegs ist, kein Blatt sich bewegt, man schon mit neugierigem Rotwild rechnen könnte ... und dann erschrocken zusammenzuckt, weil aus den Kopfhörern Uve Teschners schneidende Stimme peitscht ... dann ist das ein starkes Argument für das Hörbuch. Teschner reißt seine Hörer aus dem Alltag, wirft sie in das von einem KI-Experten entworfene Szenario einer möglichen Zukunft, geprägt von Regierungen, die sich nicht mehr mit den natürlichen Grenzen des Menschen zufriedengeben. Das Genre des Wissenschafts- und Technikthrillers lebt von fundierten Sachinformationen, verständlich aufbereitet und zu einer spannenden Geschichte verarbeitet. "Nexus" erkundigt sich außerdem bei Protagonisten und Hörern nach den ethischen Grenzen der Forschung und einem offensichtlich exakt auf das Thema vorbereiteten Sprecher. Authentisch genug, um mich letzten Sommer am steinigen Boden unter den Sohlen zweifeln zu lassen. 
Meine vollständige Rezension zu diesem Hörbuch findet ihr HIER.


8. Noah Hawley: Vor dem Fall


Ich bin mir nicht sicher, was ich mir erwartet habe, vermutlich wohl eine spannende Geschichte über einen Flugzeugabsturz und dessen Aufklärung, vielleicht eine Verschwörungstheorie eingestreut, vielleicht Geplänkel unter Geheimdiensten. Das Buch hat meine Erwartungen letzlich nicht erfüllt. Stattdessen wurde vor meinem inneren Auge ein Mosaik aus unterschiedlichen Lebensgeschichten gelegt, die sich nach und nach zu einem Gesamtbild vervollständigen. Die Lebenslinien unterschiedlicher Persönlichkeiten, eines Künstlers, eines Medientycoons, einer Stewardess, eines Piloten und seines Copiloten überschneiden sich in einer Katastrophe, die nur zwei von ihnen überleben. Das Ereignis wird medial ausgeschlachtet, die Pesonen zu willenlosen Puppen degradiert, die beiseite geworfen werden, wenn man ihrer überdrüssig ist. Noah Hawley erzählt zugleich feinsinnig und zynisch von Träumen, Hoffnungen, großen Plänen, zeichnet seine Figuren so differenziert, daß schlußendlich die Aufklärung des Unglücks nur mehr marginal interessant ist. 

7. Monster 1983


Bereits meiner Kolumne zum Jahresausklang habe ich von diesem Hörspiel geschwärmt, das die Tage meiner Kindheit wieder aufleben lässt. Die Besetzung liest sich wie eine Shortlist für die Nominierung zum besten Sprecher, neben David Nathan in der Hauptrolle, Ekkehardt Belle oder Luise Helm löst vor allem die befehlsgewohnte Stimme von Norbert Langer - bekannt als Synchronsprecher von Tom Selleck und Burt Reynolds - Erinnerungen aus. Das ausschließlich aus Filmen und Fernsehserien bekannte Amerika dieser Zeit bestand aus endlosen Highways, gemütlichen Diners und einem Sheriff als Verkörperung der Gerechtigkeit in jeder Stadt. Monster 1983 strapaziert ganz bewusst all diese Klischees, vernachlässigt dabei Realismus und Political Correctness und wirkt somit wie die x-te Wiederholung von MacGyver, The Goonies oder den Bud Spencer-Filmen. 

6. Tess Gerritsen: Totenlied


Die amerikanische Autorin verläßt das vertraute Terrain des Bostoner Police Departments, um einfühlsam eine Geschichte zu erzählen, die ihr - wie sie angibt - persönlich am Herzen liegt. Und dabei handelt es sich nicht um ein vom Verlag neu aufgelegtes Frühwerk, das vom Erfolg der Rizzoli-Isles-Serie profitieren möchte. Wie bereits in meiner ausführlichen Rezension festgestellt, ist die Beschreibung irreführend: Es ist kein Thriller über ein mordendes Kind oder eine verfluchte Partitur, sondern eine musikalische Reise in tieftraurigem Moll in das Venedig zur Zeit des Nationalsozialismus. Wenn auch Mechthild Großmann den Figuren diesmal nicht vollständig gerecht wird, fesselt doch die bewegende Handlung. Und ein von der Autorin selbst komponierter Walzer als akustischer Anhang, das wissen auch die wenigsten Hörbücher zu bieten. 



Die Nummerierung von zehn bis sechs lässt es bereits erahnen: The best is yet to come. Oder zumindest meine subjektive Auswahl der vertonten Titel aus dem Jahr 2016.
Jene fünf Hörbücher, die mich innerhalb der vergangenen zwölf Monate am stärksten beeindruckt, überrascht, mir nachhaltig in Erinnerung geblieben sind, findet ihr in zwei Wochen an dieser Stelle in der Kolumne "Aufgelesen". 
Möget ihr bis dahin stets von einem ansprechenden Buch begleitet werden.

Kommentierfrage: Welche Hörbücher begeisterten euch im vergangenen Jahr besonders - und warum? 

© Wolfgang Brandner
[wolfgang]

Rezension: Das Geheimnis der Großen Schwerter 2: Der Abschiedsstein | Tad Williams

Samstag, 14. Januar 2017 0 Kommentare

Weiter geht's mit dem zweiten Teil der Fantasy-Saga.



Der untote Elbenprinz Ineluki ist zurück und will sich für vergangenes Unrecht an den Menschen rächen. Für seine grausamen Ziele hat er sich mit Elias verbündet, der die Herrschaft auf dem Hochhorst übernommen hat. Josua, Elias Bruder und Konkurrent um die Thronfolge, ist nur knapp einem Anschlag entkommen. [© Text und Cover: Klett-Cotta Verlag]

[trennlinie] 

Es geht zurück nach Osten Ard mit dem zweiten Band des Geheimnisses der Großen Schwerter. Nach dem beeindruckenden ersten Teil mit dem Titel „Der Drachenbeinthron" bin ich sehr gespannt darauf, was Simon und die anderen in ihrer faszinierenden Welt noch erleben. Und das ist so einiges, denn dieses Buch bringt es immerhin auch auf knapp 900 Seiten. Damit und durch die kleine Schrift ist es ein Fantasywälzer im besten Sinne. Einer, der einen lange beschäftigt und in den man herrlich abtauchen kann. Am Anfang findet sich eine kurze Zusammenfassung des ersten Teils, das hilft beim wieder Reinfinden. Das ersetzt die Lektüre allerdings nicht, wer in das Geheimnis der Großen Schwerter einsteigen will, sollte unbedingt mit dem Drachenbeinthron beginnen. 

Nachdem das Reich des verstorbenen Königs Johan im ersten Teil beginnt, auseinander zu fallen, nimmt jetzt die Bedrohung aus dem Norden weiter zu. Die Macht der Nornen wächst und drängt die Verbliebenen der „guten Seite" zur Flucht und in Verstecke. Es ist kaum vorstellbar, dass Prinz Josua mit seiner kleinen Schar Überlebender noch etwas dagegen ausrichten kann. Und ausgerechnet Simon, dem Küchenjungen soll es gelingen, die drei legendären Schwerter zusammen zu tragen, die vermutlich den Vormarsch der mystischen Feinde stoppen können? Da ist wohl nur noch der berühmte letzte Strohhalm übrig, der den Helden Zuversicht gibt.






Im Vergleich zum Vorband nimmt die Komplexität zu, es sind jetzt fünf bis sechs Handlungsstränge zu verfolgen. Das erfordert mehr Aufmerksamkeit, überfordert fühlte ich mich damit aber nicht. Durch die Wechsel werden mir sehr unterschiedliche Teile von Osten Ard näher gebracht. Von den eisigen Bergen des Nordens über geheimnisvolle Wälder bis zu den Häfen und Sümpfen des Südens lerne ich beeindruckende Schauplätze kennen. Und auch verschiedenste Völker und Wesen wie Riesen oder Trolle, die auf Widdern reiten. Das und auch die gut ausgearbeiteten Charaktere, die bis in die Nebenrollen stimmig sind, ziehen mich in die epische Geschichte hinein.

„Simon schüttelte den Kopf und pustete auf seine eiskalten Hände. Seine Ideen gingen ihm durch und hüpften herum wie Mäuse in einer unversperrten Speisekammer." (S. 222)

Bemerkenswert ist auch Tad Williams' Schreibstil. Besonders durch die Sprache der Protagonisten kommt ein gewisses Mittelalterflair auf. Das fördert die Atmosphäre von Mythen und Legenden. Williams lässt seine Helden gelegentlich sogar über das Leben, den Tod oder Gott philosophieren. Ein großartiger Erzähler! Der zweite Band ist zwar auch nicht wirklich actionreich, ich bin dennoch von der Dramaturgie und der stimmigen Fantasywelt gefesselt.


Persönliches Fazit 

Nach dem faszinierenden ersten Teil zieht mich auch der zweite in seinen Bann. Mehr Komplexität und mehr von den Ländern der Welt von Osten Ard, mehr Völker und mystische Wesen tragen zu einem ruhigen aber stimmungsvollen und wunderbar erzählten Fantasy-Leseerlebnis bei.


© Rezension: 2016, Marcus Kufner 


Das Geheimnis der Großen Schwerter 2: Der Abschiedsstein | Tad Williams | Klett-Cotta Verlag
Aus dem Amerikanischen von Verena C. Harksen
2013, gebunden, 891 Seiten, ISBN: 9783608938678
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[marcus]

Rezension: Die Wahrheit | Melanie Raabe

Freitag, 13. Januar 2017 0 Kommentare

Vor sieben Jahren ist der reiche und zurückgezogen lebende Geschäftsmann Philipp Petersen während einer Südamerikareise spurlos verschwunden. Seither zieht seine Frau Sarah (37) den gemeinsamen Sohn alleine groß. Doch dann erhält Sarah wie aus heiterem Himmel die Nachricht, dass Philipp am Leben ist. Die Rückkehr des vermeintlichen Entführungsopfers löst ein gewaltiges Medieninteresse aus. Sarah hat zwiespältige Gefühle, nach all der Zeit verständlich. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Gerade war sie dabei, sich von der Vergangenheit zu lösen. Ihr Ehemann taucht, wenn man so will, zur Unzeit auf. Was wird werden? Gibt es eine gemeinsame Zukunft? Sie ist auf alles vorbereitet, nur auf das eine nicht: Der Mann, der aus dem Flugzeug steigt, ist nicht der, als der er sich ausgibt. Es ist nicht ihr Ehemann. Es ist ein Fremder - und er droht Sarah: Wenn sie ihn jetzt bloßstelle, werde sie alles verlieren: ihren Mann, ihr Kind, ihr ganzes scheinbar so perfektes Leben ... [Text & Cover: © btb Verlag]

[trennlinie]

Ein Mann kommt nach Hause, und seine Frau erkennt ihn nicht mehr. Umgekehrt ist die panische Reaktion verständlich, denn der Fremde, der sich der Protagonistin vertraulich nähert, ist nicht jener, den sie geheiratet hat. Was ist hier los?



Diese Ausgangssituation haben Poznanski und Strobel jüngst zu einem Thriller mit dem Titel "Fremd" verarbeitet. Die kritischeren Rezensenten sind sich weitgehend einig: Die Ausarbeitung wird dem Potential des Stoffes nicht gerecht, zu naiv agiert die weibliche Hauptfigur, zu ratlos wirkt die Entwicklung des Plots, zu sehr an den Haaren herbeigezogen wirkt die Auflösung.
Melanie Raabes zweiter Roman wirkt nun, als hätte sie sich diese Kritik zu Herzen genommen und die Geschichte von Grund auf neu entworfen. Sie verzichtet auf seltsame Verschwörungstheorien und leinwandtaugliche Actionszenen, die beim deutsch-österreichischen Autorenduo den Eindruck erwecken,  damit sollte Ratlosigkeit überbrückt werden. Raabe nutzt ihre Geschichte vielmehr wie ein Gelenk, mit dem sie den Bewegungsspielraum in alle Richtungen auslotet, ohne es unnatürlich zu verdrehen. Mit einer einer neuen Information ändert auch die Grundannahme, auf der die Geschichte fußt, schlägt die Handlung eine neue Richtung ein. Raabe achtet dabei auf die Schmerzsignale ihres narrativen Gelenks, um den Rahmen des Glaubwürdigen nicht zu verlassen. Als bewährtes Stilmittel dazu dient ihr das Spiel mit unzuverlässigen Erzählinstanzen. Sorgfältig wird die Glaubwürdigkeit einer jeden Figur infrage gestellt, die Elemente der Geschichte neu arrangiert, sodass am Ende aus den anfangs bekannten Mosaiksteinen ein gänzlich neues Bild entstanden ist.



Anstatt wie in "Fremd" die Größenordnung und damit beinahe auch das Genre zu wechseln, konzentriert sich "Die Wahrheit" ganz auf das Gefühlsleben der Hauptfigur Sarah, erfasst jede Nuance ihrer Stimmungen um so ein authentisches Bild ihres Charakters zu erzeugen, der die Parameter für ihre Handlungen definiert. Was den Roman zudem auszeichnet ist Raabes feines stilistisches Sensorium. Zu Beginn markiert ein neuer Haarschnitt die Zäsur im Leben der Hauptfigur, ein Symbol, das bereits auf dem Cover angedeutet ist.

Dazu heißt es: "Ich beweine meine Haare mit drei großen, stummen Tränen, die zu Boden fallen wie der erste Schnee des Winters." (S. 13)

Die Wahrnehmung der Protagonistin nimmt breiten Raum ein, findet sich doch das Innere im Äußeren gespiegelt. Eine Zäsur, ein Stimmungsumschwung wird etwa folgendermaßen eingeleitet:

"Alles blendet mich. Die Welt sieht anders aus als zuvor. Jemand hat einen Filter über sie gelegt, der alles verändert. Der Himmel ist blauer als zuvor, kobaltblau. Die Blätter an den Bäumen sind neongrün, das Sonnenlicht so hell, daß es mir in den Augen schmerzt (...)." (S. 54)

Und die Dissonanz, die sich mit dem Auftauchen jenes Mannes einstellt, der ihr so fremd erscheint, manifestiert sich folgendermaßen:

"Seine Präsenz hat von meinem Zuhause Besitz ergriffen, es ist wie ein tiefer Ton, den man mehr mit dem Bauch wahrnimmt als mit den Ohren und der macht, daß sich einem alle Körperhärchen aufstellen." (S. 253)

Persönliches Fazit

Melanie Raabes zweiter Roman ist ein feinfühliges Psychogramm einer Zweifelnden, das Wendungen bietet, die den Leser über den Rahmen der Geschichte hinauskatapultieren, aber sicher wieder landen lassen. Letztendlich ist es jedoch die Freude der Autorin am Spiel mit der Sprache, die ansteckt, die den Geist entflammt.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner

Die Wahrheit | Melanie Raabe | btb Verlag
2016, Klappbroschur, 448 Seiten, ISBN: 978-3-442-75492-2
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[wolfgang] 

Rezension: Meine geniale Freundin | Elena Ferrante

Mittwoch, 11. Januar 2017 1 Kommentar

Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und frühe Jugend)


Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.
Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie auf, in einem armen, überbordenden, volkstümlichen Viertel, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Schustertochter Lila und die schüchterne, beflissene Elena, Tochter eines Pförtners, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater seine noch junge Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, eine Gelegenheit zu nutzen, die eigentlich ihrer Freundin zugestanden hätte.
[Text & Cover: © Suhrkamp Verlag]

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Elena Ferrantes erster Band der großen neapolitanischen Saga - Meine geniale Freundin - wurde zu einem wahrlich großen Erfolg. Unter dem Hashtag #ferrantefever kann man im Internet den weltweiten Erfolg samt den unendlich vielen positiven Kritiken und Eindrücken zu ihrer Saga verfolgen. Vier Bände wird die Saga im gesamten umfassen und jetzt ist auch zu Beginn des neuen Jahres schon der zweite Band - Die Geschichte eines neuen Namens - im Handel erschienen. Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes werden auch noch in diesem Jahr erhältlich sein. Das empfinde ich als sehr positiv, möchte man doch unbedingt und schnellstmöglich wissen, wie die Saga weitergeht.



„Ist der Hype denn wirklich berechtigt“, mag sich da sicher der ein oder andere fragen. Ich aus meiner ganz persönlichen Sicht kann nur sagen: JA, ist er! Ich tue mir wirklich schwer, gehypte Bücher sofort zu lesen. Meist überfordert es mich und ich verliere das Interesse, bis sich der allgemeine Sturm gelegt hat. Diesmal war das anders. Die Leseprobe hatte mich schon dermaßen überzeugt und ich schwamm freiwillig auf der großen Welle mit. Und es lohnte sich so sehr, denn dieses Buch entwickelte sich zu meiner persönlichen Buchperle 2016. 

Die Schriftstellerin schreibt unter Pseudonym und solch eine Entscheidung ist meiner Meinung nach immer voll und ganz zu respektieren, da es ihr persönlicher Wunsch war. Im vergangenen Oktober erschien in der FAZ ein Bericht des Journalisten Claudio Gatti, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Identität hinter dem Pseudonym Elena Ferrante zu lüften. „Warum denn nur“ war da mein erster in der Tat sehr erschrockener Gedanke und ich beschloss, diese Berichte und den ganzen Medienrummel darum vollkommen zu ignorieren. für mich persönlich ist es nicht wichtig, zu wissen, wer sich tatsächlich hinter dem Namen verbirgt. Ganz im Gegenteil: Es entstand sogar eher ein gewisser „Zauber“ des vollkommen unbekannten, den ich gar nicht recht in Worten beschreiben kann. Ich machte mir meine ganz eigenen Gedanken zu Elena Ferrante und überlegte, ob es eventuell auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte sein könnte und so entspann sich dann daraus (m)eine ganz eigene Geschichte zur Person hinter dem Buch. Dies wollte ich gerne auch für die folgenden Bände der Saga beibehalten und habe daher bis heute noch kein Bericht oder Statement zur Enthüllung des Pseudonyms „Ferrante“ gelesen.



Wer auch immer dieses Buch geschrieben hat, es ist einfach ein unglaublich einnehmendes und so ehrliches, intensives Werk geworden, dass mich wirklich sehr berührte. Ich fühlte mich schon nach wenigen Seiten ins Neapel der 50er Jahre versetzt - speziell in das ärmliche Viertel Rione - denn die Autorin versteht es wunderbar, ihre Leser auf diese besondere Reise abzuholen. Detaillierte, aber niemals langatmige Beschreibungen sorgen dafür, dass man einen sehr guten Einblick in die Gesellschaft dieser Zeit bekommt. Das Leben in dem kleinen neapolitanischen Dorf, in dem die zwei begabten Mädchen „Lila“ Raffaella und „Elena“, meist Lennucia oder Lenù genannt, aufwachsen, ist den Zeiten entsprechend rau und hart. Aber doch verbirgt sich hinter den oftmals brüsk erscheinenden, vom Leben geprägten Fassaden der Dorfbewohner immer wieder ein weicher, verletzlicher Kern. Die Zeiten sind noch sehr Männerdominierend und die Hierarchien innerhalb einer Familie daher klar und strikt. Auf die Bildung der Mädchen wird meist von oben herabgesehen oder sie wird erst gar nicht geduldet. 

Familie und Familienwerte, Freundschaft, Zusammenhalt - das sind große, aber auch sehr facettenreiche Themen. Wie entsteht eigentlich Freundschaft und was beeinflusst sie? Was bedeutet eigentlich „eine Bindung fürs Leben?“ Kann Konkurrenzdenken Freundschaft zerstören? Schaffen es die Mädchen, ihre Träume zu realisieren und dem Milieu zu entfliehen? Ferrante ist es gelungen, ein großartigen Porträt einer Mädchenfreundschaft mit all seinen zum Teil auch gesellschaftlich
aufgezwungenen Höhen und Tiefen zu erstellen. MEINE GENIALE FREUNDIN befasst sich mit der Kindheit und anfänglichen Jugend von Lila und Elena. Im nächsten Teil DIE GESCHICHTE EINES NEUEN NAMENS erleben wir die komplette Jugendzeit der beiden Freundinnen und ich bin sehr gespannt, wie es den beiden weiter ergehen wird.

Persönliches Fazit

Ein gradlinig, lebensnah geschriebenes Werk, dass durch seine atmosphärische Dichte vollkommen überzeugt und begeistert. Ich bin dem Ferrantefieber tatsächlich verfallen und kann nur jedem raten, sich diesem Sog einfach selbst hinzugeben. Es ist sehr lohnenswert! 

© Rezension: 2016, Alexandra Zylenas


Meine geniale Freundin - Band 1 der Neapolitanischen Saga | Elena Ferrante | Suhrkamp VerlagIm Original erschienen unter dem Titel L'amica genial
Übersetzung: aus dem Italienischen von Karin Krieger
2016, HC, 422 Seiten, ISBN 978-3-518-42553-4
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[alexandra]

Rezension: NOW – Du bestimmst, wer überlebt. | Stephan R. Meier

Montag, 9. Januar 2017 0 Kommentare


Eine clevere und beängstigende Dystopie.


Ein Mann streunt durch dichte Wälder, immer auf der Flucht vor herannahenden Drohnen, die seinen Tod bedeuten können. Sein Name ist Spark. Noch vor Kurzem wurde sein Leben von dem intelligenten Algorithmus NOW geregelt, und Spark hatte alles: Gesundheit, Sex, Nahrung. Doch dann entdeckte er, was hinter dem Tod seines Vaters steckt. Wie gefährlich die Allmacht NOWs ist. Und dass die Frau, die er liebt, verstoßen wurde – dorthin, wo jeden Tag das nackte Überleben auf dem Spiel steht. Damit beginnt Sparks Kampf. Für die Zukunft der Welt. Für die Liebe seines Lebens. [© Text und Cover: Penguin Verlag]

[trennlinie] 

Eigentlich ist uns allen doch schon längst klar, dass es nicht mehr allzu lange gutgehen kann, wie wir Menschen mit unserem Planeten umgehen. Überbevölkerung, schwindende Ressourcen und Umweltverschmutzung werden früher oder später unsere Lebensgrundlagen wie Wasser, Nahrungsmittel oder Treibstoff erheblich einschränken. Es wird ganz einfach nicht mehr für alle reichen. Das ist die Grundlage für Stephan R. Meiers Thriller. Nach seiner Vorhersage ist es bereits in zehn Jahren soweit.

„Alles, was mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung ausmachte und modern-komfortabel leben wollte, lebte auf Kosten von anderen, die die Rechnung bezahlten, oft – wie NOW es darstellte – auf Kosten von Generationen, die erst in fünfzig Jahren geboren werden würden.
'Das weiß der Mensch von heute doch, warum tut niemand etwas?'" (S. 255)

Als Antwort auf diese Gefährdung entwickeln Wissenschaftler im Auftrag der US-amerikanischen Behörden schon seit längerem „NOW". Eine künstliche Intelligenz, die auf Basis des gesamten Wissens der Menschheit sowie des sozialen Verhaltens, das durch Social Media auswertbar ist, die rationalste Art des Lebens berechnet. Durch die Analyse der Talente und Bedürfnisse der Menschen wird ein ideales Umfeld erschaffen. Die Ressourcen werden nicht mehr vernichtet, die Ernährung wird gesünder, die Menschen leben länger und glücklicher. Leider ist das nur für ein Prozent der Bevölkerung möglich. 

„Es gab keine Kriminalität, keine Angst und keinen Neid. Ein Paradies, wie nur ein Gott es sich vorstellen konnte." (S. 25)

Die von „NOW" als Potentaten eingestuften werden abgeschottet und der Rest mit rationaler Logik sich selbst überlassen. Das führt bei den verbleibenden 99 Prozent zu Chaos und Anarchie.

Bei einem Hightech-Thriller besteht die Gefahr, dass er sich in zu ausführlichen Beschreibungen der technischen Details verfängt. Bei „NOW" hält sich das in Grenzen. Es sind eher die politischen und gesellschaftlichen Eckpfeiler, die den Inhalt dominieren. Die Folgen der Inbetriebnahme der künstlichen Intelligenz sind extrem und machen die Spannung des Buches aus. Das ist clever und gut recherchiert, was das Szenario glaubwürdig und nachvollziehbar macht. Durch eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern aus Los Angeles erleben wir hautnah, wie radikal sich das Leben derer ändert, die nicht zu den Auserwählten zählen. 

Die Geschichte über den Tod von Sparks Vater und Miterfinder von „NOW" spielt nur eine untergeordnete Rolle und trägt den Plot auch nicht. Dass dieses futuristische Szenario, so science-fiction-mäßig es sich eigentlich liest, doch schon heute Realität sein könnte, fand ich sehr packend. 

Persönliches Fazit 

„NOW" ist ein Thriller, der seine Spannung aus seinem Szenario zieht. Die paradiesische neue Welt für einen Bruchteil der Menschheit gegenüber dem Kampf ums Überleben für den Rest ist faszinierend und erschreckend gleichermaßen. Da kommt man ins Grübeln, denn so wie wir Menschen mit der Erde umgehen, ist das keineswegs nur Stoff für eine Dystopie!


© Rezension: 2017, Marcus Kufner 


NOW – Du bestimmst, wer überlebt. | Stephan R. Meier | Penguin Verlag
2017, Paperback, 432 Seiten, ISBN: 9783328100492
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