Rezension: Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen | Agustín Martínez

Montag, 24. April 2017 5 Kommentare

Thrillerspannung in der Abgeschiedenheit der Pyrenäen

 


Hoch oben unter bedrohlichen Pyrenäen-Gipfeln liegt das Dorf Monteperdido. Hier, wo die Menschen noch eine verschworene Gemeinschaft bilden. Hier, wo vor fünf Jahren die beiden elfjährigen Mädchen Ana und Lucía spurlos verschwunden sind. Da taucht völlig unerwartet die inzwischen sechzehnjährige Ana wieder auf, bewusstlos in einem Wagen, der in eine Schlucht vor Monteperdido gestürzt ist. Kommissarin Sara Campos von der Bundespolizei lässt sofort die Straßen absperren; eine verzweifelte Suche beginnt. Wo ist Lucía? Ist sie noch am Leben? Doch die Berge um Monteperdido schweigen, trügerisch rauschen die Pappelwälder, gefährlich schwillt der reißende Fluss Esera an. Unter den Bewohnern von Monteperdido greifen die Verdächtigungen um sich: War es ein Fremder oder einer von ihnen? [© Text und Cover: S. Fischer Verlage]

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Sie besuchen zusammen die Schule und spielen gemeinsam im Schnee, eine sorglose Kindheit haben die beiden Mädchen in ihrem Dorf. Das ist mit einem Schlag vorbei, als sie spurlos verschwinden. Die Ermittlungen der Polizei bleiben erfolglos. Schon nach wenigen Seiten springen wir fünf Jahre in die Zukunft. Wie sind die Eltern damit umgegangen, dass ihre Kinder nicht mehr zu finden sind? Haben sie sich irgendwann damit abgefunden und ihr Leben weitergelebt? Oder sind sie daran zerbrochen? Ich glaube nicht, dass es möglich ist, das ohne emotionale oder psychische Schäden zu verkraften.




Ich bin beeindruckt, wie intensiv dieser Kampf der Eltern gegen die Ungewissheit und Verzweiflung geschildert wird. Sogar einer der Väter gerät in Verdacht, der Entführer zu sein. Da fängt sogar seine Frau an, an ihm zu zweifeln. Kennt man die Menschen wirklich so gut, wie man glaubt? Das zieht sich letztlich durch das ganze Dorf. Hier kennt ja jeder jeden. Und trotzdem verbergen sich viele Geheimnisse unter den Einwohnern. Damit kann praktisch jeder Schuld auf sich geladen haben. Agustín Martínez baut dieses Szenario sehr gut auf. Die Charakterisierung ist bis zu den Nebenrollen ausgezeichnet.

„Die Bewohner von Monteperdido waren alle auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden. Taufpaten, Schulkameraden, Schwestern oder Freundinnen, die zusammen ihre Kinder erzogen, gemeinsame Feste und die langen lichtlosen Winter, ringsum nur Berge und die Tiere, die dort lebten. Hirsche, Rehe, Wildschweine. Ein paar Füchse, die in den Wäldern am Monte Ármos und am Ixeia lebten. Geliebt und gejagt. Tiere und Menschen, deren Leben eng miteinander verbunden war. Das war Monteperdido." (S. 148)

Oft drängen sich die Ermittler in Krimis oder Thrillern mit ihren großen und kleinen Problemen in den Vordergrund und halten mich von der spannenden Geschichte ab. Zwar hat Sara Campos, die jetzt nachdem Ana gefunden wurde, die Ermittlungen übernimmt, auch eine Vergangenheit, die sie belastet. Aber die Ausführungen dienen eher dazu, ihre Motivation zu ergründen und stört mich nicht. Sie konzentriert sich meist auf die akribische Polizeiarbeit. Ihre Schlussfolgerungen, Erkenntnisse aber auch ihre Fehler sind gut nachvollziehbar. Das macht die Story sehr glaubhaft und spannend.




Ein wichtiger Bestandteil des Buchs ist die Umgebung. Die karge, schroffe und bergige Landschaft in den Pyrenäen hat einen ganz besonderen Reiz. Die Felshänge und tiefen Schluchten sind genauso faszinierend wie einschüchternd. Da kann man sich sehr einsam fühlen, so am Rand der Welt. Damit erzeugt der Autor eine melancholische Atmosphäre, der ich mich nicht entziehen konnte.

Persönliches Fazit

„Monteperdido" besticht durch die Stimmung, die durch die spektakuläre Landschaft verursacht wird, und durch die starke Charakterisierung der Einwohner. Die Kombination mit dem dramatischen Fall und seinen Wendungen erzeugt feinste Thrillerspannung.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen | Agustín Martínez | S. Fischer Verlage
2017, broschiert, 496 Seiten, ISBN: 9783596036585
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen
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[marcus]

Rezension: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten | J.L. Carr

Mittwoch, 19. April 2017 2 Kommentare

Ein Fußballwunder der Englischen Art









Ein Doktor der Philosophie, ein Ex-Profifußballer und ein gescheiterter Theologiestudent: Sie alle hat es nach Sinderby verschlagen, eine Gemeinde in den Hochmooren von Yorkshire. Die Außenseiter haben einen gemeinsamen Traum. Sie wollen dem örtlichen Fußballverein zu Ruhm verhelfen – und entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelingt ihnen dieser Coup. [© Text und Cover: Dumont Verlag]

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Im letzten Jahr hat mich J.L. Carrs bekanntester Roman, „Ein Monat auf dem Land", begeistern können. Klar dass mich auch das zweite erstmals ins Deutsche übersetzte Buch des bereits 1992 gestorbenen Autors interessiert hat – nicht nur weil es da auch noch um Fußball geht!

Erzählt wird die Geschichte vom Schriftführer des Clubs, der ganz nah dran ist an Verein und Mannschaft und so aus erster Hand berichten kann, wie es zu diesem Wunder kam. Wie es ausgeht verrät der Autor ja bereits im Titel, damit nimmt er die Spannung, was das sportliche betrifft, gleich raus. Es sind die Menschen im Mittelpunkt, die an dem unglaublichen Erfolg beteiligt sind. Wie schafft es der Trainer, das scheinbar Unmögliche aus seinen Spielern herauszuholen? Wie können die so unbezwingbar an ihren Erfolg glauben? Bei der heutigen Professionalität des Fußballs ist das wohl eher schwer vorstellbar. Mitte der Siebziger, als der Text geschrieben wurde, war das aber noch eher denkbar. Ob man Carr das Fußballmärchen abnimmt, überlässt er bereits im Vorwort dem Leser selbst.







Mit großer Leidenschaft widmet sich der Autor dem englischen Hinterland und seinen Bewohnern. 
Klug beobachtet er ihre Stärken und Schwächen, lässt ihnen aber immer ihre teils schrulligen Eigenheiten.

„Die Mehrzahl der Fans waren biedere, brave Männer, dick gegen die Kälte eingemummelt in selbstgestrickte Westen mit großen Lederknöpfen; ein phlegmatischer, mit den Füßen scharrender, stampfender Haufen, graue Männer, die zwanzig Pence bezahlt hatten, um dicht an dicht mit anderen grauen Männern herumzustehen, unter einem grauen Himmel in einer grauen Landschaft auf ihrem grauen Lebensweg, der in Richtung städtischer Friedhof führte." (s. 98)

Gleichzeitig spart er aber auch nicht mit Kritik an der Gesellschaft. An Leuten, die ihr Leben nicht selbst bestimmen, die anderen, wie eben beispielsweise Fußballern, nacheifern oder die sich von anderen steuern lassen. Aber auch die Medien bekommen ihr Fett weg. Nur weil der Provinzverein jetzt ihm nationalen Interesse steht, verbiegen sich die Dorfbewohner nicht und lassen auch renommierte Fernsehjournalisten auflaufen.

Joseph Lloyd Carr ist wahrlich ein Meister der Erzählkunst. Seine Schreibweise ist sehr charmant und humorvoll. Da verzeihe ich ihm gerne, dass er immer wieder mal abschweift, wenn er beispielsweise die altbackene Einrichtung des Hauses des Vereinsvorsitzenden beschreibt. Es gibt sehr viele Momente, die mich zum Schmunzeln bringen.

Persönliches Fazit

Nach „Ein Monat auf dem Land" hat mich auch das zweite Buch von J.L. Carr begeistern können. Seine herrliche humorvolle Erzählweise habe ich wieder sehr genossen. Schön, dass seine Texte jetzt auf Deutsch erhältlich sind.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten | J.L. Carr | Dumont Verlag
2017, gebunden, 192 Seiten, ISBN: 9783832198541
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
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[marcus]





Schöne Ostern | Gedankensammelsurium #1

Sonntag, 16. April 2017 4 Kommentare

Wir wünschen euch und euren Liebsten wundervolle und vor allem entspannte  & ruhige Osterfeiertage. 


Geniesst die Zeit, entflieht ein wenig dem Alltagsstress und verbringt die Ostertage genau so, wie ihr es euch wünscht. Erlegt euch nicht zu viele Pflichten und zu viel Programm auf für die Tage, nutzt die Ruhe, um bewusst abzuschalten. Und vor allem: Respektiert einander, gläubig oder nicht gläubig. Der Glaube ist ein freier Wille. Man kann, muss aber nicht - es steht jedem frei. 
Schenkt jemandem ein Lächeln, umarmt jemanden ganz spontan, macht jemanden glücklich oder sagt jemandem ein paar nette/liebe/aufmunternde Worte. Damit tut man so viel Gutes, das tut der Seele gut.

Ah ja, das war doch noch etwas: Ich bin gerade etwas Internetmüde. Und jetzt? 


Aktuell habt ihr vielleicht bemerkt, dass es etwas ruhiger auf unseren Social Media Kanälen ist. Das ist nicht von Dauer, aber aktuell gönnen wir uns auch ein wenig Ruhe und Abstand, um im stressigen Alltag wieder etwas mehr Zeit und vor allem Muse zum ruhigen und entspannten Lesen zu finden. Ich reflektiere gerade auch Vieles und wäge ab, was wirklich wichtig ist und zählt.
Ich habe in letzter Zeit gemerkt, dass es mir zunehmend schwerfällt, bewusst und ohne Ablenkung zu lesen. Zu viel Hektik, zu viel Programm - da fällt es abends natürlich sehr leicht und ist unglaublich bequem, einfach das Handy oder das Tablet in die Hand zu nehmen und im Internet zu stöbern und sich berieseln zu lassen. Wenn ich mich dann hinsetze und ein Buch zur Hand nehme, merke ich wie meine Gedanken wegdriften und ich denke: "ich muss dies und jenes eben mal noch schnell googeln.", "ich wollte doch den Blogbeitrag noch lesen, die Bestellung aufgeben, nach einem Rezept für das Mittagessen stöbern, mal schnell Facebook, Twitter und Co. checken" et cetera pp.

Kennt ihr das? Sicher, oder? Erst heute früh habe ich bei der lieben Lena vom Blog mybookblog.de einen ganz passenden Beitrag dazu gefunden, den ich euch auch gerade verlinke: Lena betreibt aktuell ein "Digital Detox" - aus eben oben genannten Gründen.

Auszeiten inspirieren den Geist und fördern Ruhe und Ausgeglichenheit


Etwas muss sich ändern, das weiss ich. Aktuell bin ich auf einem meiner Meinung nach sehr gutem Weg, wieder mehr zur inneren Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden. Ich hatte mich in den vergangenen Tagen größtenteils etwas zurückgezogen und das Handy zur Seite gelegt, das Laptop zugeklappt gelassen und die Freizeit bewusst genutzt, um auszumisten, meine Papierstapel zu sortieren, meinen Kopf freizubekommen und um einfach mal durchzuatmen. Der Frühling weckt in mir immer Energie für Neues und  ich spüre den Tatendrang, will nach draussen und de Natur beim Aufwachen zusehen. Ich habe das Mountainbiken gerade wieder für mich entdeckt und verbringe gerade dadurch viel Zeit draussen und im Wald. So ist auch heute der Plan, sollte es das Wetter am Nachmittag zulassen. Es ist einfach toll und ich möchte das jetzt dauerhaft beibehalten.
Ich habe dabei tatsächlich gemerkt, dass es dabei einige Tage gab, an denen ich das Handy wirklich nur allzu gerne ignoriert habe und so festgestellt, dass ich wohl mit der Zeit etwas Internetmüde geworden war.


Also war das alles richtig, was ich gemacht habe. Ich werde das noch eine Weile beibehalten und einfach einen neuen Rhythmus finden. Weniger Zeit online, aber dafür wieder mehr Ruhe für meine Bücher, die hier alle sehnlichst auf mich warten. Natürlich werden wir hier und auch auf unseren Kanälen posten und uns mit euch austauschen (was wir ja auch immer sehr gerne tun!) - aber mein privates Stöbern und googeln etc. - das werde ich ganz bewusst einschränken. Dieses Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben, weil ich nicht alle Beiträge auf meiner Merkliste gelesen habe oder weil ich nicht "Twitter-up-to-date" bin oder schon eine Weile nichts Neues auf Instagram gepostet habe - das habe ich gerade mit Erfolg abgelegt. Und darüber bin ich glücklich. 

Ich muss nicht alles wissen, was gerade so passiert im Netz. Nicht jeden Status mitbekommen, nicht jeden heissen Scheiss sofort umgesetzt haben. 


Ich möchte und könnte natürlich auch für den Blog gefühlte drölfmillionen Dinge schöner/besser/toller/schneller/effizienter/reichweitenstärkeroderwasauchimmer machen, wenn ich mich durch all die vielen hilfreichen Tipps, Tricks und Tools lese, die mir fast täglich durch die Timeline wabern, das ist klar. Vieles inspiriert mich, möchte ich natürlich gerne umsetzen. Ich speichere auch ganz viele dieser Beiträge ab, um sie zu lesen, wenn "ich mal Zeit habe." Aber ich habe diese Zeit einfach nicht, so ist das nun mal, das muss ich akzeptieren. Daher habe ich aktuell diesen Speicher einfach mal komplett geleert und in den letzten Tagen auch nichts Neues gespeichert. Das tut gut. Ehrlich. Das ist wie ausmisten im Kleiderschrank. Ein ehrlich befreiendes Gefühl.

Meine Devise: Eins nach dem anderen. Alles mit Ruhe und Zeit. Nichts rennt weg. 


Und das ist nicht immer leicht für mich. Ich gehöre schon auch zu den Menschen, die etwas sehen bzw. lesen und es dann jetzt und sofort umsetzen wollen - auch wenn es die ganze Nacht dauert, bis es läuft. Ich muss mich da selbst sehr disziplinieren und ich will das auch. Nur so nehme ich mir selbst den Druck und konzentriere mich zwar auf weniger Dinge gleichzeitig, dafür aber mit mehr Konzentration. Ich schaue immer in zu viele Richtungen gleichzeitig und lenke mich dadurch nur selbst ab, weil ich nicht mehr erkennen kann, welche Dinge denn nun wirklich wesentlich sind. Diesen wirren Wollknäuel an neuen Informationen entwirre ich gerade und lerne, mir nur noch wirklich Wichtiges herauszupicken.

Back to the roots - meine Bücher / Kochbücher warten auf mich. Und ich freue mich auf bewussten und intensiven Austausch mit euch zu diesen Büchern. <3

Wie seht ihr das so mit dem Internet? Macht ihr auch immer mal wieder Pausen oder könnt ihr das ganz gut handeln?





Bildquelle: Kaboompics.com
[alexandra]

Rezension: Gott ist nicht schüchtern | Olga Grjasnowa

Samstag, 15. April 2017 0 Kommentare



Als die syrische Revolution ausbricht, feiert Amal ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und träumt von kommendem Ruhm. Zwei Jahre später wird sie im Ozean treiben, weil das Frachtschiff, auf dem sie nach Europa geschmuggelt werden sollte, untergegangen ist. Sie wird ein Baby retten, das sie fortan ihr Eigen nennen wird.
Hammoudi hat gerade sein Medizinstudium beendet und eine Stelle im besten Krankenhaus von Paris bekommen. Er fährt nach Damaskus, um die letzten Formalitäten zu erledigen. Noch weiß er nicht, dass er seine Verlobte Claire niemals wiedersehen wird. Dass er mit hundert Wildfremden auf einem winzigen Schlauchboot hocken und darauf hoffen wird, lebend auf Lesbos anzukommen. In Berlin werden sich Amal und Hammoudi wiederbegegnen: zwei Menschen, die alles verloren haben und nun von vorn anfangen müssen. [© Text und Cover: Aufbau Verlag]

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Zum Thema Flüchtlinge sind in letzter Zeit sehr viele Publikationen erschienen. Aber trotz dieser Schwemme ist es wichtig, sich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen, das unsere Gesellschaft zu spalten scheint und die Europäische Gemeinschaft auf eine harte Probe stellt. Im Gegensatz zu den nackten Zahlen und anonym wirkenden Fakten der Nachrichtensendungen sind es Biografien oder Romane wie „Gott ist nicht schüchtern", die einen Blick auf die Einzelschicksale und auf die Hintergründe gewähren.

Hammoudi kehrt nach seinem Medizinstudium in Frankreich mit einem Arbeitsvertrag einer der besten Pariser Kliniken im Jahr 2011 in seine Heimat Syrien zurück, um seinen Pass verlängern zu lassen. Diese Formalität verbindet er mit einem Wiedersehen mit Familie und Freunden. Er geht davon aus, dass er in Kürze wieder zurückfliegen wird in sein gewohntes Leben und zu seiner Freundin. Das lässt die Willkür der syrischen Behörden allerdings nicht zu, seine Ausreisegenehmigung wird kurzerhand und ohne Begründung gestrichen. Als in Tunesien und Ägypten der sogenannte „Arabische Frühling" seinen Anfang nimmt, kommt es auch in Syrien zu Demonstrationen. Hammoudi gerät inmitten der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Protestierenden und dem Militär. Als Arzt sieht er sich verpflichtet, zu helfen. Da es verboten ist, die Demonstranten medizinisch zu versorgen, begibt er sich unter ständiger Lebensgefahr in den Untergrund.

„Vor Hammoudi steht ein kleiner Junge mit einer dunklen Lockenmähne und blauen Augen. Der Junge starrt ihn an und fragt ihn schließlich: »Werden wir sterben?« Hammoudi muss schlucken, dann versucht er, Zuversicht in seine Stimme zu legen und antwortet: »Nein« »Kannst du etwas tun?« Hammoudi schüttelt den Kopf. »Weißt du, es ist nicht schlimm, wenn wir sterben, ich will nur nicht zurück«, sagt der Junge." (S. 260)

Auch Amal nimmt an den Demonstrationen gegen das Regime teil. Wie so viele andere hat sie genug von der Willkür und Ungerechtigkeit des Assad-Clans. Der Überwachungsapparat ist allerdings massiv. Amal gerät ins Visier der Fahnder. Nur knapp und mit viel Bestechungsgeld kann sie dem Gefängnis entkommen.

„In der Minute, die sie brauchen, um die schmale Treppe ihres Hauses hochzukommen, malt Amal sich aus, was sie heute verlieren könnte: ihre Wohnung, Geld, Schmuck, Zähne, ihre Würde, ihre Freiheit, ihr Leben. Sie beschließt, überhaupt nicht mehr zu denken oder zu fühlen. Sie ist nicht traurig. Sie ist nicht ängstlich. Sie ist nicht wütend. In ihr sind keine Gefühle mehr." (S. 118)

Olga Grjasnowa verknüpft die Wege der beiden Hauptfiguren locker miteinander. Dadurch sind es zwei Schicksale, die wir in ihrem Roman verfolgen können. Hautnah erleben wir mit, wie schnell es vorbei sein kann mit der gewohnten Existenz. Plötzlich hängt das Leben an einem seidenen Faden. Um die Macht zu behalten gehen die Regierenden skrupellos gegen die eigene Bevölkerung vor. Es gibt immer wieder Stellen im Buch, die nur schwer zu ertragen sind. Die Autorin benutzt dabei einen nüchternen und unsentimentalen Schreibstil. Gerade das wirkt auf mich sehr eindringlich und aufwühlend.



Ich kann mir durch „Gott ist nicht schüchtern" annähernd ein Bild davon machen, wie es ist, wenn man seine Heimat verlassen muss - sich auf einen Weg ohne konkretes Ziel zu begeben, sich nirgends willkommen zu fühlen und sprachliche Barrieren überwinden zu müssen. Und dazu ständig diese unsägliche Angst vor Übergriffen, Gewalt und Gefängnis. Damit sollten sich die Zyniker beschäftigen, die diesen Menschen pauschal jede Hilfe verweigern wollen.

Persönliches Fazit

Olga Grjasnowa wirft mit ihrer klaren und unsentimentalen Sprache einen schonungslosen Blick hinter die Flüchtlingszahlen der Nachrichtensendungen. Mich hat sie damit sehr beeindruckt und auch aufgewühlt, ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. „Gott ist nicht schüchtern" ist ein herausragendes Buch zum Flüchtlingsthema.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner

Gott ist nicht schüchtern | Olga Grjasnowa | Aufbau Verlag
2017, gebunden, 309 Seiten, ISBN: 9783351036652
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[marcus]

Rezension: Das Gesicht meines Mörders | Sophie Kendrick

Freitag, 14. April 2017 4 Kommentare

Selbsfindung mit stilistischen Anlaufschwierigkeiten


Sie muss sich erinnern, um zu überleben.

Als Clara aus dem Koma erwacht, ist ihr bisheriges Leben wie ausgelöscht. Sie erinnert sich weder ihren eigenen Namen noch an ihren Ehemann, den Schriftsteller Roland Winter. Auch nicht an den Einbrecher, der sie niedergeschlagen haben soll. Freunde scheint sie keine zu haben - Roland ist ihre einzige Verbindung zur Vergangenheit. Mit seiner Hilfe wagt Clara einen Neuanfang. Bis jemand versucht, sie umzubringen. Und die junge Frau begreift, dass sie sich erinnern muss, um zu überleben. Schritt für Schritt rekonstruiert Clara ihr Leben und stößt auf eine geheimnisvolle Frau, mit der sie am Tag des Unglücks verabredet war. Und die seither spurlos verschwunden ist. [Text & Cover: © Rowohlt]
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Vielleicht ist es selektive Wahrnehmung, vielleicht auch dem eigenen Geschmack geschuldet, doch es scheint, als seien Autoren und Verlage seit dem Erfolg von "Girl on a Train" auf den Geschmack gekommen. Unzuverlässige Erzähler oder - noch besser - unzuverlässige Erzählerinnen üben derzeit eine besondere Faszination auf das lesende Publikum aus. Die Geschichte wird eng an der Hauptfigur entweder in der ersten Person oder aus personaler Perspektive erzählt. Dabei weiß der Leser entweder von Anfang an oder ab einem bestimmten Punkt im Roman, daß die auf diese Weise vermittelten Informationen nicht hundertprozentig zutreffend oder zumindest verzerrt sind.

"Das Gesicht meines Mörders" gesellt sich in eine Gruppe von Romanen, die aktuell mit dem Thema Amnesie kokettieren. In "Das Paket" von Sebastian Fitzek, "Fremdes Leben" von Petra Hammesfahr oder "Black Memory" von Janet Clark ist der Protgagonistin jener Teil der persönlichen Erinnerung abhanden gekommen, der mit einem traumatischen Ereignis verknüpft ist. Dieses Ereignis steht im Zentrum der Handlung, seine Aufklärung ist das vordringliche Ziel, weil die von ihm ausgehende Gefahr noch nicht gebannt ist.

Die Ausgangssituation gestaltet sich analog zum Roman von Petra Hammesfahr: In einem Krankenhaus erwacht die Protagonisting aus ihrem Koma, momentan von den zahllosen Sinneseindrücken überfordert. Während bei Hammesfahr jedoch die Bewußtseinsbildung wesentlich mehr Zeit beansprucht, scheint es Kendrick eiliger zu haben, in ihre Geschichte einzutauchen. Die Vergegenwärtigung des Unfalls, die damit einhergehende physische Deformation, das Hadern mit dem eigenen Schicksal, das Ausprobieren des eigenen Namens wie ein lange nicht getragenes Kleidungsstück, all diese Aspekte nutzt Hammesfahr, den Charakter ihrer Figur langsam zu formen. Ungeduldigeren Lesern kommt Kendricks Ansatz hier entgegen, dem Realismus hingegen ist es nicht zuträglich, wenn Clara nach knapp dreißig Seiten aus dem Krankenhaus entlassen wird.

Tatsächlich läßt der Stil der Autorin an Komplexität vermissen:

"Ich ruhe mich ständig aus, denn ich bin noch immer schrecklich müde." (S. 44)

Einfache Sätze wie diese prägen die Erzählung, die Dialoge wirken holprig, wenig nuanciert, auf die Vermittlung von Sachinformation beschränkt. Mag zunächst die defensive Führung der Hauptfigur, die akribische, kaum wertende Beschreibung von Eindrücken noch dem gesundheitlichen Zustand zuzuschreiben sein, so scheint sich die Autorin über dieses Stadium nicht hinauszuwagen. Eillipsen, die durch geringe Erzählzeit die rasche Abfolge von Wahrnehmung repräsentieren sollen, wirken in ihrer Häufigkeit unbeholfen. Figuren, Orte, Situationen werden oft nur durch Andeutungen charakterisiert, der Selbstmordversuch der Hauptfigur wird so beiläufig erzählt, als würde sie sich eine Tasse Tee kochen.

"Ich saß noch eine Weile bei ihm, dann bin ich wieder nach oben gegangen." (S. 63)

Offensichtliche grammatikalische Schwächen ziehen die Aufmerksamkeit des Lesers vom Inhalt auf die Form. Auch umgangssprachliche Ausdrücke wie "wegsaufen", "runter" oder die Überfahrt mit einem Boot, die "wie im Vollrausch" erlebt wird, wirken befremdlich. Die Autorin erweckt den Eindruck, als wäre sie noch auf der Suche nach ihrem persönlichen Stil, als ringe sie noch darum, die Sprache zu bändigen. Erst etwa ab der Hälfte des Romans gelingt es ihr, das Werkzeug mit den Fingern anstatt mit der Faust zu führen.

Die Geschichte selbst ist überlegt konstruiert: Durch einen Brand ist das Haus von Clara und mit ihm alle Erinnerungsstücke zerstört. Ihr Mann Roland verfügt über das Informationsmonopol, sie ist zur Wiederfindung ihrer Identität vollständig auf ihn angewiesen. Daß der Protagonistin nicht hunderprozentig zu trauen ist, wird dem Leser ebenfalls an mehreren Stellen vermittelt. Ihre Wahnvorstellungen und eine unbegründete Anzeige wegen Stalkings sind leuchtend blinkende Warnsignale. Der Themenkomplex Erinnerung und Identitätsfindung wird deutlich erkennbar symbolisch als roter Faden durch das Buch gesponnen. Das niedergebrannte Haus repräsentiert ebenso wie ein verfallenes ehemaliges Kinderheim die verlorene Kindheit. Zudem findet Clara heraus, daß ihr Vater Archäologe war, das Graben in der Vergangenheit also familiär bedingt ist.

Persönliches Fazit

Zwei Frauen begeben sich auf die Suche, die Hauptfigur des Romans nach ihrer Identität, die Autorin nach ihrem Stil. 

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Das Gesicht meines Mörders | Sophie Kendrick | Rowohlt Verlag
2016, Taschenbuch, 320 Seiten, ISBN:  978-3-499-27273-8
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[wolfgang]  

Rezension: Infernale – Rhapsodie in schwarz | Sophie Jordan

Dienstag, 11. April 2017 3 Kommentare

Der zweite und finale Teil der Dystopie.



Seit Davy positiv auf das Mördergen (HTS) getestet wurde, hat sie alles verloren: ihre Familie, ihre Freunde, ihre Zukunft – und was am schlimmsten ist, sich selbst. Denn obwohl sie verzweifelt dagegen angekämpft hat, ist sie doch zu dem geworden, was sie nie sein wollte: eine Mörderin. 
Eine Widerstandsgruppe und ihr Anführer Caden geben ihr ein neues Ziel. Und Caden weckt Gefühle in ihr, zu denen sie glaubte, nie mehr fähig zu sein. Aber die Schuldgefühle lassen Davy einfach nicht los ... [© Text und Cover: Loewe Verlag]

[trennlinie]

Nach dem dramatischen ersten Buch geht es jetzt endlich weiter mit dem finalen Teil der auf zwei Bände ausgelegten Dystopie. Ich fand es sehr spannend, welche Auswirkungen das Mördergen auf die Gesellschaft und besonders auf Davy hatte und war neugierig darauf, wie sich das weiterentwickelt.

Nachdem Davy am Ende des ersten Teils von der Behörde zur Killerin trainiert werden sollte und zum Töten gezwungen wurde, flieht sie mit ihren Freunden in Richtung Mexiko. Sie hoffen, dort der Verfolgung zu entgehen und in einem Flüchtlingslager aufgenommen zu werden. Das klappt leider nicht, Davy wird von ihren Freunden getrennt und von einer Rebellengruppe aufgenommen. Eigentlich ist sie dort genau richtig, hat sie doch schon bewiesen, dass aus dem verhätschelten Vorstadtmädchen eine Kämpferin werden kann, wenn es nötig ist. Leider sieht sie das nicht so. Sie will so schnell wie möglich zu den anderen stoßen. Und das, obwohl Caden, einer der Anführer der Rebellen, ein ganz toller Typ ist. Davy kann sich seiner Ausstrahlung nicht entziehen, will sich aber auf keinen Fall auf Emotionen einlassen. Jede freundschaftliche Annäherung tötet sie im Keim ab. Von Schuld und vom Ausgestoßensein gepeinigt hält sie sich dessen nicht für würdig.



Dass ein Hauptcharakter mal an sich zweifelt und Schwäche zeigt, ist durchaus legitim. Das macht ihn menschlich. Davy nervt aber irgendwann mit ihrer selbstzerstörerischen Denkweise. Sie kriegt einfach nicht die Kurve. Sie fühlt sich alleingelassen und kann kein Vertrauen zu anderen aufbauen. Das ist verständlich, ich hätte mir aber gewünscht, dass sie das alsbald überwindet. Dass attraktive Jungs eine Rolle im Buch spielen, war ja schon im ersten Teil so. Da hat aber das Gleichgewicht zwischen Drama und Romantik gestimmt. Hier im zweiten Buch nimmt die Schwärmerei für meinen Geschmack zu viel Platz ein. Die krassen Auswirkungen der Jagd auf die Genträger auf die Gesellschaft nehmen nur noch ganz wenig Raum in Form von Nachrichten oder Emails ein. Und auch die Geschichte ist ziemlich ereignislos. Beinahe das ganze Buch über befinden wir uns im Versteck der Rebellen. Als Davy endlich mal rauskommt und ich denke, dass es jetzt richtig losgeht, ist sie auch schon wieder zurück. Das war mir zu eintönig.

Persönliches Fazit

Der zweite Teil von „Infernale" ist ein klarer Fall von vertaner Chance. Der erste Band hat ja bewiesen, dass man aus dem Thema des Mördergens etwas Packendes machen kann. Zu viel Herzschmerz, zu wenig Story und zu wenig Abwechslung lassen mich bei der Fortsetzung aber enttäuscht zurück.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Infernale – Rhapsodie in schwarz | Sophie Jordan | Loewe Verlag
2017, gebunden, 384 Seiten, ISBN: 9783785583692
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ulrike Brauns
Ab 14 Jahren
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[marcus]

Rezension: Der Knochensammler – Die Ernte | Fiona Cummins

Freitag, 7. April 2017 2 Kommentare




In London macht der Knochensammler Jagd auf den kleinen Jackey, der am Münchmeyer-Syndrom leidet, einer Krankheit, die seinen Körper langsam verknöchern lässt. Und ihn einschließt in ein Knochengefängnis. Der Knochensammler ist gut vorbereitet. Er hat bereits ein Kind entführt. Er kommt Jackey jeden Tag ein Stückchen näher, unbemerkt, unerkannt. Und dann schlägt er zu. Jackey ist verschwunden, und der Wettlauf um sein Leben beginnt ... [© Text und Cover: S. Fischer Verlage]

[trennlinie]

Gibt es etwas fieseres als Kinder zu entführen? Bei „Der Knochensammler" haben wir es gleich mit zwei Fällen zu tun. Erst holt sich der Täter die sechsjährige Sarah und danach plant er das Kidnapping des fünfjährigen Jackey. Das schürt bei mir gleich Emotionen. Wie kann der Kerl das den Kindern und deren Familien nur antun?

Die Antwort darauf kann man ja schon im Titel lesen. Der Entführer ist fasziniert von jedem menschlichen Körper, der nicht der Norm entspricht. Besonders eher seltene Knochenkrankheiten, wie die, unter der Jackey leidet, wecken seinen Sammlertrieb. Ein solches „Objekt" will er unbedingt in eine Vitrine stellen. Dabei begnügt er sich nicht damit, Leichen aus Krankenhäuser zu stehlen. Er hat überhaupt keine Skrupel, seine Sammlerstücke lebend einzufangen. Das Töten scheint für ihn kein Problem darzustellen. Für ihn sind die Opfer nur Raritäten, Dinge, die in sein privates Museum gehören. Dieses Ziel verfolgt er mit größtem Eifer.

„Sein Vater fand, dass es lehrreich für ihn wäre, beim Präparieren eines Exponats dabei zu sein und ihm dabei zuzusehen, wie er den Leichnam mit dem Y-Schnitt öffnete und die unterschiedlichen Organgruppen entnahm: die aus der Brusthöhle, die aus der Bauchhöhle und die Harn- und Geschlechtsorgane. Er war damals zehn Jahre alt." (S. 238)

Von dem Knochenthema geht eine morbide Atmosphäre aus. Wer schon mal die Körperwelten besucht hat, kann das vielleicht nachfühlen. Als medizinischer Laie finde ich das einerseits faszinierend, wie extrem sich ein Körper oder Teile davon entwickeln können. Andererseits ist da aber auch ein gewisses Unbehagen beim Betrachten solcher Objekte, schließlich sind die ja alle echt.

Jackeys Eltern möchten ihm trotz seiner körperlichen Einschränkungen soweit es geht eine normale Kindheit ermöglichen. Allerdings ist ihr Beschützerinstinkt stark ausgeprägt. Jede Verletzung kann für Jackey schwere Folgen haben. Seine heimtückische Krankheit belastet die beiden seit seiner Geburt schwer. Ihre Beziehung hat seither nie wieder die selbstverständliche Leichtigkeit wie zu der Zeit davor erlangt. Und trotzdem lieben sie ihren Sohn sehr. Fiona Cummins legt den Fokus des Buchs gerade auf diese Zerrissenheit und auf das psychologische Profil der beiden betroffenen Familien. Auch mit Sarahs Eltern hoffen und leiden wir mit, da kommen auch unterschwellige Konflikte ans Licht. Nicht zu Letzt hat auch die Ermittlerin Etta Fitzroy eine Vorgeschichte, die ihren leidenschaftlichen Kampf für die entführten Kinder begründet.

Dieses bemerkenswerte Einfühlungsvermögen ist eine Stärke des Thrillers und trägt die Spannung durch das Buch. Die Story selber macht das weniger, die ist ziemlich linear und bietet kaum Raffinessen. Von den wenigen Wendungen wirkt manche doch etwas erzwungen. Auch die Ermittlungsarbeit besticht nicht durch höchste Herausforderungen und hätte einfallsreicher ausfallen können.

Persönliches Fazit

Der Plot von „Der Knochensammler" hätte mit etwas mehr Einfallsreichtum und mehr Wendungen spannender ausfallen können. Die psychologische Ausarbeitung der Folgen für die Familien der entführten Kinder und das Einfühlungsvermögen erzeugen aber eine hohe emotionale Dichte, die den Thriller verbunden mit seiner morbiden Atmosphäre trotzdem lesenswert macht.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Der Knochensammler – Die Ernte | Fiona Cummins | S. Fischer Verlage
2017, broschiert, 480 Seiten, ISBN: 9783651024991
Aus dem Englischen von Birgit Schmitz
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[marcus]

[Gastkolumne] Aufgelesen #32 | LBM2017: Leipzig lauschte

Dienstag, 4. April 2017 2 Kommentare

Buchmessekater überwunden, 
Zeit für einen schönen Rückblick auf die LBM17 mit „Leipzig lauscht“.



Blick in die Glashalle © Clemens Patzwald

So, das war sie, die Leipziger Buchmesse 2017. Der Rausch der vier Tage ist verkraftet, die Eindrücke, Impulse und Ideen sortiert. Bei „Leipzig lauscht“ hängen wir immer noch ein wenig länger in der Messeschleife, weil die Berichte von den letzten Lesungen am Sonntag auch erst geschrieben und redigiert werden müssen. Und so pulsiert die Messe noch mindestens bis zum Mittwoch danach in unseren Köpfen. Und was soll ich sagen? Eine Messe mit vielen guten Büchern und großartigen Autoren war das.

Buchdöner © Claudia Glawe
Ich fange mit einem Blick in die Messehallen an: Auf meinem Messerundgang nehme ich immer die Präsentationen der Design- und Gestaltungshochschulen mit. Ich habe fleißig gestempelt bei der Hochschule Anhalt, hatte aber leider kein Glück beim Malomat der HAW Hamburg. Entweder war dieser Passbildautomat der besonderen Art – mit handgezeichneten Porträts nämlich – gerade geschlossen oder die Schlage davor war wirklich zu lang. Ich meine, dort in Halle 5 bin ich auch dem Buchdöner begegnet, ein echter Hingucker. Vor einiger Zeit habe ich mich mal intensiver mit uneigentlicher Buchnutzung beschäftigt. Und der Buchdönerspieß war ein wunderbares, spaßiges Beispiel dafür, was man mit Büchern sonst noch so anstellen kann, außer sie zu lesen.

Weil „Leipzig lauschtein Projekt der Uni Leipzig ist, habe ich viel Zeit am Stand „Studium rund ums Buch“ in Halle 5 verbracht. Dort hatte die Leipziger Buchwissenschaft gemeinsam mit den befreundeten Instituten ein unterhaltsames und informatives Programm zusammengestellt, von der Verlagsgeschichte bis zum Bücherquiz.

Beuteleindruck
© Leipziger Buchwissenschaft
Gleich um die Ecke befand sich auch in diesem Jahr wieder die Bloggerlounge, wo man sich immer gut auf einen Plausch mit Blogger-KollegInnen ausruhen konnte, zum Beispiel: Tipps für die Abendgestaltung vom Leselurch bekommen, Carobloggt aus der Lieblingsnachbarstadt getroffen und leckere Kekse probiert. Es ist wirklich eine gute Idee, nicht nur über Bücher zu bloggen, sondern auch über Rezepte. Für mich hatte das den unmittelbaren und schmackhaften Mehrwert, Astrids Lakritzkekse  zu essen.

Unsere LauscherInnen aus Leipzig waren bei diversen Bloggertreffen dabei. Bei Loewe ergab sich die Gelegenheit, mit Mechthild Gläser zu sprechen, bei Rowohlt mit dem Schauspieler Steffen Schroeder. Alle gaben sich viel Mühe, das aktuelle Programm zu präsentieren. Klett-Cotta hatte sich in das Café bau bau eingemietet. Dort stellte Arno Frank sein Debut „So, und jetzt kommst du“ vor, das unsere Rezensentin nur empfehlen kann. Alles passte an diesem Abend gut zusammen, der Autor, der Hochstapler-Stoff, das Publikum und die Location. Dabei ist ein Café doch ein absolut konventioneller Ort für eine Lesung.

Denn wie in jedem Jahr wartete das Lesefest Leipzig liest nicht nur mit einer ungeheuren Veranstaltungsfülle, sondern auch mit ausgefallenen Leseorten auf. Die „Leipzig-Lauscht“-Rezensentin Karla saß in einer Fabrikhalle, um Lyrik der Neuseeländerin Alice Miller zu hören. Maximilian war dabei, als Tommy Schmidt seine Utopie über angenehmes Sterben namens „Heaven’s Gate“ in einem Friseursalon präsentierte. Chantal besuchte die Krimilesung des ehemaligen Arztes Christoph Spielberg  in einer Apotheke. Simon erfuhr durch den Umweltkrimi „Ausgerottet“ im Palmensaal des Leipziger Zoos mit exklusiver Nachtführung von den bedrohten Schuppentieren. Und Sebastian ging in ein Bestattungsunternehmen, wo Susann Pásztor ihren Sterbebegleiter-Roman „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“  vorstellte.



Caro von „Leipzig lauscht“ schreibt im Messegetümmel. © Dana-Jane Kruse

Aber ob in der Stadt oder auf der Messe: Nirgends entkam man der massiven Werbekampagne für „You Are Wanted“. Unser Rezensent Janick besuchte die Präsentation dieser neuen Streaming-Serie bzw. des dazugehörigen Buches am Stand von Amazon Publishing. Er empfiehlt – leicht beeindruckt vom Synchronsprecher Dietmar Wunder – die Hörfassung des Ganzen.

Beeindruckt war auch unsere Rezensentin Agnes, die zum Großen Leipzig-liest-Abend in die Kongresshalle am Zoo ging. Letztes Jahr, als das Lesefest seinen 25. Geburtstag feierte, fand diese Art der Veranstaltung zum ersten Mal statt. Alles stieß auf so viel Resonanz, dass die Messe ihn gleich in diesem Jahr neu auflegte. Agnes jedenfalls hatte es der „Elefant“ von Martin Suter an diesem Abend besonders angetan.

Weniger prominent, aber mit unglaublich viel Begeisterung und Herzblut öffnete wieder die Lyrikbuchhandlung im Leipziger Westen ihre Pforten unter Federführung des hochroth Verlags. In den letzten sechs Jahren hat sich diese Pop-up-Einrichtung als überaus beliebter Anziehungspunkt für Freunde der Verse entwickelt, und unser Rezensent Kilian hat sie für sich entdeckt.




Frühlingsbuchmesse © Leipziger Buchwissenschaft.

Was nach der Messe bleibt, ist dieses Hochgefühl, so mitten im Bücherfrühling zu sein, nah dran an den Autoren und Verlagen, mit langen Tagen und kurzen Nächten. Tausend hochinteressante Themen und Menschen entdeckt, tolle Übersetzungen, wunderbar gestaltete Bücher und eine gaaanz lange Leseliste im Kopf, zum Beispiel darauf: „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin, frisch gekürt mit dem Preis der Leipziger Buchmesse.

Übrigens: „Leipzig lauscht“ pausiert nicht bis zur nächsten Buchmesse, sondern bleibt „on air“ und hält weiterhin nach interessanten Büchern und Buchmenschen Ausschau. 

Merci dem BücherKaffee für die beiden Gastkolumnen und auf bald in Leipzig!
(Hier könnt ihr nochmals unsere Erste Gastkolumne nachlesen - ein Blick im Vorfeld auf die Leipziger Buchmesse) 

Patricia und die LauscherInnen aus Leipzig
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© Leoni Brach


Rezension: Das Herz der verlorenen Dinge | Tad Williams

Montag, 3. April 2017 4 Kommentare


Zurück ins Fantasyreich von Osten Ard!


Osten Ard steht erneut am Scheideweg. König Simons und Herzog Isgrimnurs Kriegern ist es gelungen, das Elbenvolk zurück in ihre Hochburg in den Bergen zu drängen. Der Krieg scheint vorbei, aber das Töten dauert an. Die Sterblichen begnügen sich nicht mit ihrem Sieg, sie trachten danach, das Volk der Nornen gänzlich auszulöschen. Da verbreitet sich die Kunde, dass die uralte Nornenkönigin Utuk'ku gar nicht tot ist, sondern nur in einem todesähnlichen Schlaf liegt, von dem sie zurückkehren wird ... [© Text und Cover: Klett-Cotta Verlag]

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Nach der epischen Romanfolge „Das Geheimnis der Großen Schwerter" kehren wir nun zurück in Tad Williams Fantasyreich Osten Ard. „Das Herz der verlorenen Dinge" ist quasi das Bindeglied zwischen den alten Büchern und der neuen Trilogie mit dem Titel „Der letzte König von Osten Ard", deren erster Band im September erscheinen wird. 

Vom Volk der Nornen hatte man in den bisherigen Büchern nicht allzu viel erfahren. Man kennt sie als die bösen, dunklen Elben, die die Menschheit auslöschen wollten. Mysteriös, mächtig und gnadenlos wirkten sie bei dem Versuch, die Vorherrschaft in Osten Ard zurückzuerlangen. Jetzt lernen wir mehr von ihnen kennen: ihre familiären und gesellschaftlichen Strukturen, ihre Motivation, ihr Leben und einige Persönlichkeiten. Da ändert sich das Bild, das ich von ihnen hatte. Sie sind nämlich keineswegs so seelenlose Geschöpfe, wie es bisher gewirkt hatte. Auch sie haben Verantwortung für ihre Familien, ihr Volk und ihre Heimat. Und dafür sind sie bereit zu kämpfen – wenn nötig bis zum Letzten.



Die Reste der Krieger der Nornen, ein paar Hundert von ihnen, befinden sich auf dem Rückzug nach Norden. Sie werden verfolgt von einer Übermacht menschlicher Kämpfer, die die Feinde endgültig vernichten wollen. Unerbittlich scheinen die Fronten, nach dem vielen Töten ist an eine Versöhnung nicht zu denken. Eine fatale Situation, wie ich finde. Gibt es nicht schon genug zu betrauern auf beiden Seiten? Der Schmerz und der Drang nach Rache machen es wohl unmöglich, dass die Völker friedlich koexistieren können. 

Im Gegensatz zu der Komplexität der bisherigen Osten Ard-Bücher gibt es bei „Das Herz der verlorenen Dinge" nur einen Handlungsstrang. Das tut der Spannung aber keinen Abbruch. Ich habe mich auch gleich wieder heimisch gefühlt. Dafür sorgt Tad Williams mit seinem tollen Schreibstil, aber natürlich auch der eine oder andere Protagonist, den ich aus den alten Teilen schon kenne. Für Neueinsteiger taugt das Buch durchaus auch. Aber es fällt mir sicherlich leichter, mich in die Story reinzufinden, da ich mich bereits auskenne in Osten Ard. Außerdem wäre es schade, „Das Geheimnis der Großen Schwerter" zu verpassen.


Die Romanreihe „Das Geheimnis der Großen Schwerter" im Überblick:
1. Der Drachenbeinthron
2. Der Abschiedsstein
3. Die Nornenkönigin
4. Der Engelsturm





Persönliches Fazit

Tad Williams zieht mich mit seiner großartigen Erzählweise wieder in seinen Bann. Die gute Ausarbeitung der Charaktere, die ungewöhnlichen Einfälle und die dramatische Action machen „Das Herz der verlorenen Dinge" zu mehr als nur einen Appetizer für die kommende Trilogie. Ich bin gerne wieder in diese Welt abgetaucht und freue mich sehr auf „Der letzte König von Osten Ard".

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Das Herz der verlorenen Dinge | Tad Williams | Klett-Cotta Verlag
2017, gebunden, 380 Seiten, ISBN: 9783608961447
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
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[marcus]

Rezension: Bist du glücklich? | Kai Hensel

Sonntag, 2. April 2017 0 Kommentare

WartenaufdenErlöser zweipunktnull


Welchen Preis zahlen Menschen für ihr Glück?
Welchen Preis zahlen sie für ihr Leben?

Berlin. Laura und Patrick unterwegs auf einer Cabrio-Fahrt ins Wochenende. Sie sind jung, sehen gut aus und sind auf dem Sprung zum großen Geld, denn Patricks App-Spiel "Bist du glücklich?" erobert die Welt. Weil der Spieler sein eigenes Leben neu sieht: Er muss ausbrechen, Mauern einreißen, Grenzen überschreiten. Eine Stalkerin lässt sich nicht abschütteln. Sie scheint etwas über Patrick zu wissen, das Laura nicht weiß. Ist sie wirklich Krankenschwester? Warum hat sie im Wagen einen Koffer voller Medikamente?
Ihr Ziel: ein einsames, verfallenes Schloss in Brandenburg. Laura und Patrick planen die Restaurierung. Doch im Dachgeschoss findet Laura Blutspuren, in Patricks Sporttasche eine Axt. Ein Kampf um die Wahrheit beginnt. Und um diesen Kampf zu gewinnen, um diese Nacht zu überleben, muss Laura Mauern einreißen, Grenzen überschreiten - in den eigenen Abgrund blicken. [Text & Cover: © Hoffmann und Campe]

Fünf Personen.
Siebzehn Stunden.
Eine Frage, die über Leben und Tod entscheidet.


[trennlinie]

Verpackt in einem Cover, das nach unschuldiger Jugend-Dystopie aussieht, präsentiert sich der Roman als Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus und Social Media, die ihre Kritik in kleinen Stichen austeilt:

Laura ist jener Typ Mensch, der manchmal abschätzig, manchmal selbstironisch als "Bobo" bezeichnet wird, eine Kombination aus bourgeois und bohémien, ein urbanes Mitglied der Oberschicht, das durch nonkonformistischen Lebensstil eine salonfähige Form der Rebellion pflegt.
"Sie achtete auf Sport, gesunde Ernährung, sie wählte Grün und unterschrieb Proteste gegen Genitalverstümmelung" (S. 58)
In gutbürgerlichen Verhältnissen in einer Großstadt aufgewachsen, verfügt sie über umfangreiches lexikalisches Wissen beispielsweise über Zecken, fühlt sich aber ohne Wirkstoffpflaster und Pumpsprays der Gefahr aus dem Gebüsch hilflos ausgeliefert. Als eine Art Lifestyle- und Gesundheitscoach beschäftigt sie sich mit der Kulturgeschichte der Ernährung und ist mit der Recherche zu einem Buch über Entgiftung ("Detox" genannt) beschäftigt ... und stellt somit für den Autor die ideale Figur dar, den Kontrast zwischen anonymem Stadt- und ursprünglichem Landleben im Roman zu symbolisieren. Laura bereitet das Abendessen an einem Gasherd zu und überprüft gleichzeitig die Facebook-Likes zu ihrem Artikel über jüdische Speisegesetze. Laura personifiziert jenen Teil der Gesellschaft, für den die Grenze zwischen der sogenannten virtuellen und realen Welt verschwimmt, der eher den Wetterdienst im Internet konsultiert, als einen Blick durch das Fenster zu wagen.



Social Networks dienen als Abstraktion des Lebens, als ein Ausschnitt der Wirklichkeit, der für das eigene Leben relevant ist. Als Art artifizieller Natürlichkeit wird die Komplexität der Welt gezähmt. Das Posten von Photos und Nachrichten dient als eigene, die Resonanz darauf als fremde Wahrnehmung. Lebenszeichen einer Person stehen für deren Leben, nach Descartes könnte man die Devise "Ich poste, also bin ich." formulieren. Ebenso wie das Sozialleben virtualisiert ist, gilt dies auch für Gefühle.
"Wer etwas ersteigern wollte, klickte auf Ebay. Wer Sex suchte, blätterte auf Tinder." (S. 78)
Mit dem Konsum wird die nagende Frage nach dem Sinn betäubt, das resultierende Gefühl der Befriedigung ist kurzfristig und hinterläßt Orientierungslosigkeit. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Patentrezept für Lebensglück, ein Algorithmus zur Seligkeit so etwas wie ein Stein der Weisen der Social Networks.

Mit seiner Smartphone-App "Bist du glücklich?" scheint Patrick, Lauras Lebensgefährte, diesem alchemistischen Ziel bereits sehr nahe gekommen zu sein. Die einzelnen Levels repräsentieren dabei unterschiedliche Lebenssituationen, die spielerisch bewältigt werden. Durch die Konzeption als Parabel auf das Leben löst es  Suchtverhalten aus, das die Spieler beeinflußt, sie Veränderungen in ihrem realen Leben vornehmen läßt. (Die Möglichkeit, gezielt eine große Anzahl von Menschen durch Soziale Netzwerke zu beeinflussen, wird bereits in Marc Elsbergs "Zero" warnend verarbeitet.) Paradoxerweise entsteht durch das Gefühl der Befreiung, das mit jedem gelösten Abschnitt im Spiel einhergeht, eine neue Art der Gefangenschaft, eine immer engere Bindung an das Spiel.



Der Autor ist in der Beschreibung von "Bist du glücklich?" bewußt vage, die Gestaltung der einzelnen Teile des Programms wird kaum erklärt, sodaß ein ausreichend großer Interpretationsspielraum verbleibt. In diesem Graubereich erfolgt auch der Übergang von nüchterner Technik zu metaphysischer Symbolik. Als wahrer Urheber der Software entpuppt sich nämlich ein verwahrloster Jugendlicher, der der Überzeugung ist, im Auftrag Gottes zu handeln und seine kreative Energie aus dem Blut anderer Menschen bezieht. Im übertragenen Sinne wandelt diese Figur also die Lebenskraft anderer in die Magie des Spiels um, die sich jeder Erklärung entzieht. In vampirischer Weise werden exemplarisch ukrainische Erntearbeiter ausgesaugt, die jene repräsentieren, die Hilfsrarbeiten verrichten und nicht in der Lage sind, sich zu artikulieren. Der Autor aktualisiert somit den Kontext einer längst zum Gemeinplatz gewordenen Kapitalismuskritik mit überdeutlicher Bildsprache. Zu dieser gehören auch überzeichnete Figuren wie eine füllige Krankenschwester, die mit einem Defibrillator jeden Widerspruch aus der Welt mordet und ein Bademeister, der mit Taucherbrille bekleidet, nachts auf der Straße vergebens auf seine Verabredung wartet. Charaktere wie diese könnten genausogut von Loriot ersonnen sein, werden jedoch durch die Handlung auf eine Weise pervertiert, die jedes Lachen erstickt.

Der Hauptzeitraum der Handlung erstreckt sich über eine Nacht, in der die bürgerliche Fassade genüßlich eingerissen wird und die Situation mehrmals eskaliert. Am Morgen sollte eigentlich ein amerikanischer Investor erscheinen und den ersehnten (Geld-)Segen bringen. Die Bezeichnung "Business Angel" verklärt ihn zum religiös konnotierten Erlöser, der sich mehrmals telephonisch meldet und vor überschäumendem Optimismus triefende Heilsversprechen verbreitet. Tatsächlich tritt er jedoch niemals persönlich in Erscheinung, all die Vorbereitungen auf sein Kommen bleiben vergebens. Der Roman könnte somit auch als Variation von Samuel Beckettts "Warten auf Godot" gelesen werden.

Persönliches Fazit

Der Titel des Romans, "Bist du glücklich?", wird provokant unmittelbar an den Rezipienten weitergereicht. Unscheinbar ansetzend, entpuppt sich der Roman als Kritik an Kapitalismus und Social Media, dessen überzeichnete Symbolik auch abgestumpfte Geister wieder hellhörig macht.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Bist du glücklich? | Kai Hensel | Hoffman und Campe
2016, Gebundene Ausgabe, 336 Seiten, ISBN: 978-3-455-40588-0
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[wolfgang]