Rezension: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten | J.L. Carr

Mittwoch, 19. April 2017 2 Kommentare

Ein Fußballwunder der Englischen Art









Ein Doktor der Philosophie, ein Ex-Profifußballer und ein gescheiterter Theologiestudent: Sie alle hat es nach Sinderby verschlagen, eine Gemeinde in den Hochmooren von Yorkshire. Die Außenseiter haben einen gemeinsamen Traum. Sie wollen dem örtlichen Fußballverein zu Ruhm verhelfen – und entgegen aller Wahrscheinlichkeit gelingt ihnen dieser Coup. [© Text und Cover: Dumont Verlag]

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Im letzten Jahr hat mich J.L. Carrs bekanntester Roman, „Ein Monat auf dem Land", begeistern können. Klar dass mich auch das zweite erstmals ins Deutsche übersetzte Buch des bereits 1992 gestorbenen Autors interessiert hat – nicht nur weil es da auch noch um Fußball geht!

Erzählt wird die Geschichte vom Schriftführer des Clubs, der ganz nah dran ist an Verein und Mannschaft und so aus erster Hand berichten kann, wie es zu diesem Wunder kam. Wie es ausgeht verrät der Autor ja bereits im Titel, damit nimmt er die Spannung, was das sportliche betrifft, gleich raus. Es sind die Menschen im Mittelpunkt, die an dem unglaublichen Erfolg beteiligt sind. Wie schafft es der Trainer, das scheinbar Unmögliche aus seinen Spielern herauszuholen? Wie können die so unbezwingbar an ihren Erfolg glauben? Bei der heutigen Professionalität des Fußballs ist das wohl eher schwer vorstellbar. Mitte der Siebziger, als der Text geschrieben wurde, war das aber noch eher denkbar. Ob man Carr das Fußballmärchen abnimmt, überlässt er bereits im Vorwort dem Leser selbst.







Mit großer Leidenschaft widmet sich der Autor dem englischen Hinterland und seinen Bewohnern. 
Klug beobachtet er ihre Stärken und Schwächen, lässt ihnen aber immer ihre teils schrulligen Eigenheiten.

„Die Mehrzahl der Fans waren biedere, brave Männer, dick gegen die Kälte eingemummelt in selbstgestrickte Westen mit großen Lederknöpfen; ein phlegmatischer, mit den Füßen scharrender, stampfender Haufen, graue Männer, die zwanzig Pence bezahlt hatten, um dicht an dicht mit anderen grauen Männern herumzustehen, unter einem grauen Himmel in einer grauen Landschaft auf ihrem grauen Lebensweg, der in Richtung städtischer Friedhof führte." (s. 98)

Gleichzeitig spart er aber auch nicht mit Kritik an der Gesellschaft. An Leuten, die ihr Leben nicht selbst bestimmen, die anderen, wie eben beispielsweise Fußballern, nacheifern oder die sich von anderen steuern lassen. Aber auch die Medien bekommen ihr Fett weg. Nur weil der Provinzverein jetzt ihm nationalen Interesse steht, verbiegen sich die Dorfbewohner nicht und lassen auch renommierte Fernsehjournalisten auflaufen.

Joseph Lloyd Carr ist wahrlich ein Meister der Erzählkunst. Seine Schreibweise ist sehr charmant und humorvoll. Da verzeihe ich ihm gerne, dass er immer wieder mal abschweift, wenn er beispielsweise die altbackene Einrichtung des Hauses des Vereinsvorsitzenden beschreibt. Es gibt sehr viele Momente, die mich zum Schmunzeln bringen.

Persönliches Fazit

Nach „Ein Monat auf dem Land" hat mich auch das zweite Buch von J.L. Carr begeistern können. Seine herrliche humorvolle Erzählweise habe ich wieder sehr genossen. Schön, dass seine Texte jetzt auf Deutsch erhältlich sind.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten | J.L. Carr | Dumont Verlag
2017, gebunden, 192 Seiten, ISBN: 9783832198541
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
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[marcus]





Kommentare:

  1. Ich habe das Hörbuch bei mir auf dem SUB liegen und nach deiner Rezension freue ich mich nun noch ein bisschen mehr darauf.

    Gute Sportromane sind ja leider eher selten und Außenseiterstorys finde ich eigentlich immer spannend – besonders wenn diese auf realen Ereignissen beruhen (was ja hier leider nicht der Fall ist).

    Ich bin jedenfalls nun sehr gespannt auf meinen Ausflug aufs englische Land und dieses Fußballmärchen :)

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    1. Außenseitergeschichte? Sportroman? Da hat mich "Hool" von Philipp Winkler sehr beeindruckt (ok, der Sport steht da nicht ganz im Mittelpunkt). Kennst du das Buch? Vom Stil her ist das allerdings völlig gegensätzlich. Den Charme von Carr hat das nicht, die raue Art hat aber auch seinen Reiz.

      Viele Grüße,
      Marcus

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