Rezension: Walter Nowak bleibt liegen | Julia Wolf

Mittwoch, 28. Juni 2017 1 Kommentar






Jeden Tag schwimmt Walter Nowak seine Bahnen im Freibad. Eines Morgens bringt eine Begegnung ihn aus der Fassung, mit fatalen Folgen: Der Länge nach ausgestreckt findet er sich wenig später auf dem Boden seines Badezimmers wieder, bewegungsunfähig und auf sich allein gestellt. »Von nun an geht es abwärts, immer abwärts«, schießt es ihm durch den Kopf. Zunehmend verliert er die Kontrolle, Gedankenfetzen, Bilder aus der Vergangenheit stürzen auf ihn ein: das Weihnachtsfest mit seiner ersten Frau Gisela, ihr Schweinebraten, ihre Tränen; der Blick seines Sohnes Felix, als er von der Trennung erfährt; Erinnerungen an seine eigene Kindheit als unehelicher Sohn eines GIs; und, vor kurzem, eine Diagnose seiner Ärztin. Während nach und nach alles vor seinen Augen verschwimmt, ziehen seine Gedanken immer engere Kreise, nähern sich einem verborgenen Zentrum, dem Anfang, dem Ende ... [© Text und Cover: Frankfurter Verlagsanstalt]

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Walter Nowak erscheint mir wie ein typisches Exemplar eines deutschen Rentners: zufrieden kann er auf sein Berufsleben zurückblicken, er genießt seine freie Zeit, er ist mit sich im Reinen. Und der Achtundsechszigjährige ist stolz auf seine Fitness, denn jeden Tag steht er pünktlich zur Öffnungszeit am Freibadtor, um seine eintausend Meter im Schwimmbecken zu absolvieren. Er folgt seinem täglichen Trott und macht sich nicht zu viele Gedanken. 



Das ändert sich allerdings, als er unverhofft zuhause auf dem Boden zum Liegen kommt, unfähig aufzustehen. Hier beginnt Julia Wolfs Roman, wir tauchen ein in Walters Gedankenwelt, die sich mehr und mehr seiner Kontrolle entzieht. Verschiedene Fragmente aus seinem Leben drängen sich ihm ins Bewusstsein. Wie kam es damals so weit, dass er sich von seiner ersten Frau getrennt hat? Dass er mit ihr auch seinen Sohn verlassen hat? Und noch weiter zurück geht die Reise, als er in seiner Kindheit von seinen Mitschülern als Bastard beschimpft wurde. Das hat er doch damals weggesteckt, oder? Da war man doch nicht so empfindlich wie heute. Ihm war nicht klar, welche Spuren solche Vorgänge bei ihm hinterlassen haben.






Aber auch die letzten Tage lässt die Autorin nochmal Revue passieren. Walters zweite Frau Yvonne reist zu einem Kongress, nicht ohne einen Essensplan für ihn da zu lassen. Walter hat aber so gar keine Lust auf Graupenrisotto, da war doch noch ein Wildschwein in der Tiefkühltruhe. Das kann er doch mal kurz auftauen und irgendwie essbar machen. Es hat schon komische Züge, wie ihm eine Idee nach der anderen misslingt. Da fallen mir so einige Kandidaten ein, die ohne ihre Frau ebenso überfordert wären.

„Mein Glück ist mir wichtiger als ihr beide, denn ihr beide, ihr seid nicht mein Glück, auch wenn ich das lange gedacht habe. Mein Glück zerrt in mir und reißt, das gibt keine Ruhe, das verstummt nicht, egal, wie lange ich warte, stillhalte, weitermache." (S. 12)

So fragmentiert wie Walters Gedanken ist auch die Schreibweise von Julia Wolf. Wer denkt denn auch in ganzen Sätzen? Die sprachliche Raffinesse, die sie auffährt, wirft oft nur Andeutungen auf, die ich selber in den Kontext bringen muss. Knappe Gedanken umgesetzt in knappe Sätze. Das erzeugt ein Konzentrat, mit dem die Autorin fast ein ganzes Leben auf 160 Seiten bringt. Ich fand das sehr stimulierend, beinahe ansteckend. Sicherlich ist dieser Stil nicht jedermanns Sache, ich habe mir auch erst mal eine Leseprobe angesehen, um festzustellen, ob ich damit zurecht komme.

Persönliches Fazit

Julia Wolf gelingt es durch ihre außergewöhnliche Schreibweise, ein ganz normales deutsches Leben zu einer literarischen Besonderheit zu machen. Ich habe mich in Walter Nowaks Gedankenwelt sehr wohl gefühlt.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Walter Nowak bleibt liegen | Julia Wolf | Frankfurter Verlagsanstalt
2017, gebunden, 160 Seiten, ISBN: 9783805250856
Buch bestellen bei Amazon.de (Affiliate Link) 


09.08.2017 - Ergänzender Nachtrag:

Julia Wolf erhält den Nicolas-Born-Debütpreis 2017

Wir gratulieren der Autorin Julia Wolf zum diesjährigen Nicolas-Born-Debütpreis! Dieser renommierte Förderpreis, vergeben vom Land Niedersachsen auf Empfehlung der Nicolas-Born-Jury, zeichnet ein »herausragendes Werk eines Autors/einer Autorin aus, der/die noch am Anfang einer literarischen Karriere steht«. Der Preis ist mit 10.000 € dotiert, die Verleihung findet am 14. September im Sprengel Museum in Hannover statt.

Begründung der Jury:

In dem Roman »Walter Nowak bleibt liegen«, dem zweiten Teil ihrer Amerika-Trilogie, gibt die 1980 in Groß-Gerau geborene Schriftstellerin einem Rentner aus der hessischen Provinz eine unverwechselbare Stimme. Dem inneren Monolog des verletzt in seinem Badezimmer liegenden Walter Nowak gewinnt sie wortgewaltige und zarte, komische und unversöhnliche Töne ab. Die literarischen Kraulzüge dieser Geschichte, die ihren Anfang im Schwimmbad nimmt, zeugen von Julia Wolfs großem sprachlichen Talent. Ihr Roman kreist um eine verzockte Wende und die Konsequenzen eines Lebens unter falschen Vorzeichen. Dabei gelingt es ihr meisterhaft, aus der höchst eigenwilligen, schrulligen Binnenperspektive ein bundesrepublikanisches Sittenstück zu entwerfen. >> Link zur Pressemitteilung

Julia Wolf erhielt für ihr Debüt »Alles ist jetzt« (FVA 2015) den Kunstpreis Literatur 2015 der Brandenburg Lotto GmbH sowie zahlreiche Stipendien. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen 2016 verlieh ihr die Jury für einen Auszug aus »Walter Nowak bleibt liegen« den 3sat-Preis, im Frühjahr 2018 wird sie das Spreewald-Literatur-Stipendium antreten.

[marcus]

1 Kommentar:

  1. Noch nie etwas von gehört. Danke für die Tolle Rezension.

    Neri
    www.lese-launen.blogspot.com

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