Rezension: Tenebris (2) – Die Rückkehr der dunklen Prinzessin | Dave Rudden

Montag, 31. Juli 2017 0 Kommentare

Zurück in der Welt der Schattenjäger 


Seit ewigen Zeiten herrscht Krieg zwischen einem Geheimbund der Menschen und den Dämonen aus der Parallelwelt Tenebris – und niemand weiß davon. Auch Denizen ahnte nichts von der Existenz der Schattenjäger, bis er selbst einer von ihnen wurde.
Denizens erste Schlacht gegen die Schattendämonen aus Tenebris ist geschlagen. Er allein hat die Tochter des dunklen Königs gerettet, und zum ersten Mal scheint der Frieden zwischen den Dämonen und der Allianz der Schattenjäger möglich. Doch nicht alle Parteien spielen mit offenen Karten. Wem soll Denizen vertrauen? Dem Anführer seiner Freunde und Verbündeten? Oder der dunklen Prinzessin, die doch eigentlich zu den Feinden gehört, und die Denizen trotzdem nicht vergessen kann? [© Text und Cover: Fischer Sauerländer]

[trennlinie]

Endlich geht es zurück nach Irland zu Denizen, dem frischgebackenen Schattenjäger. Über ein Jahr ist es jetzt her, dass mit „Die Allianz der Schattenjäger" der erste Band der Tenebris-Trilogie erschienen ist. In diesem langen Zeitraum habe ich doch das eine oder andere Detail vergessen, auf das sich die neue Geschichte bezieht. Es gibt zwar ein paar Schwenks in die Vergangenheit, ich habe trotzdem eine Weile gebraucht, um wieder reinzukommen in die Welt von Tenebris und den Schattenjägern. Der dritte Teil ist für 2018 angekündigt. Hoffentlich wird es nicht Herbst, bis er erscheint.

Denizen ist seit sechs Monaten im Training in der irischen Zentrale für Schattenjäger, als die Nachricht aus dem Schattenreich kommt, dass die Prinzessin sich mit ihnen treffen will. Was steckt da dahinter? Planen die Erzfeinde von Denizen und seinen Freunden eine Falle? Oder sollte es tatsächlich möglich sein, mit ihnen über Frieden zu verhandeln? Der Hass ist auf beiden Seiten so tief, dass das kaum denkbar ist. Denizen hofft aber, dass es so ist. Denn nachdem er im ersten Band Prinzessin Venia helfen konnte, spürt er eine Bindung zu ihr. Deshalb fiebert er diesem Wiedersehen entgegen, auch wenn das seine Freunde und seine Mutter nicht nachvollziehen können. Denn sie hat ja nichts Menschliches an sich, sie ist ein Wesen aus dem Schattenreich, da gibt es doch nur Monster! Kann er gegen diese Vorurteile etwas ausrichten?

„…du kämpfst diesen Krieg erst ein halbes Jahr. Hass und Angst setzen sich wie Rost an, und die Schicht wird immer dicker, Denizen, diese Gefühle verschwinden nicht einfach so. Man hat uns geliebte Menschen genommen. Das ist eine Schuld, die sich nicht so einfach begleichen lässt." (S. 256)

In einem separaten Handlungsstrang wird von den Zwillingen Uriel und Ambrel Croit erzählt. Sie und ihre Familie halten sich für Auserwählte, die eine Art Göttin anbeten. Für meinen Geschmack bleibt es zu lange unklar, was es mit ihnen auf sich hat. Am Ende des Buchs ist das aber alles schlüssig. Wie bereits im ersten Teil bleiben keine Fragen der Geschichte offen, es gibt keinen fiesen Cliffhanger. Gut so.





In „Tenebris" fällt mir das düstere Setting positiv auf. Ich fand es spannend, mehr von dem mysteriösen Schattenreich zu erfahren. Auch wenn manche Namen der Schattenwesen wie „Vom-Ehemann-Verhöhnt" dabei etwas seltsam wirken. Der Plot ist sehr stimmig, es geht um Treue, Lügen und Verrat, und natürlich um Leben und Tod. Dass dabei die Gut-gegen-Böse-Formel aufgebrochen wird, bringt eine gewisse Komplexität mit sich. Allerdings hätte ich mir etwas mehr Action gewünscht, da gab es im ersten Teil mehr von.

Persönliches Fazit

Auch wenn der erste Teil von „Tenebris" eine rundere Sache war, bin ich von der Fortsetzung am Ende nicht enttäuscht. Das düstere Fantasy-Setting konnte mich wieder in seinen Bann ziehen und die Komplexität der Geschichte finde ich sehr ansprechend. Wem der erste Teil der Trilogie gefallen hat, dem kann ich „Die Rückkehr der dunklen Prinzessin" jedenfalls empfehlen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Tenebris – Die Rückkehr der dunklen Prinzessin | Dave Rudden | Fischer Sauerländer
2017, gebunden, 400 Seiten, ISBN: 9783737352185
Aus dem Englischen von Claudia Max
Ab 12 Jahren
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Into The Water | Paula Hawkins

Freitag, 28. Juli 2017 7 Kommentare

Girl on the water ?


"Julia, ich bin?s. Du musst mich anrufen. Bitte, Julia. Es ist wichtig ..." In den letzten Tagen vor ihrem Tod rief Nel Abbott ihre Schwester an. Julia nahm nicht ab, ignorierte den Hilferuf. Jetzt ist Nel tot. Sie sei gesprungen, heißt es. Julia kehrt nach Beckford zurück, um sich um ihre Nichte zu kümmern. Doch sie hat Angst. Angst vor diesem Ort, an den sie niemals zurückkehren wollte. Vor lang begrabenen Erinnerungen, vor dem alten Haus am Fluss, vor der Gewissheit, dass Nel niemals gesprungen wäre. Und am meisten fürchtet Julia das Wasser und den Ort, den sie Drowning Pool nennen ... [Text & Cover: © Random House Audio

[trennlinie] 
Mit ->Girl on the Train ist der britischen Autorin Paula Hawkins ein sentationeller Debüterfolg mit zahlreichen Übersetzungen und einer Verfilmung gelungen, wie ihn sich im Literaturbetrieb wohl nicht wenige erträumen. Geschickt hat sie dabei das verbreitete Faible für unzuverlässige Erzählerinnen mit dem diffusen Gefühl urban bedingter gegenseitiger Entfremdung kombiniert. 

Wie aber komponiert man nach einem solchen Einstieg in die schrifstellerische Karriere seinen zweiten Roman, ohne als Eintagsfliege rasch wieder vergessen zu werden? 


Paula Hawkins nimmt dabei am Setting von Girl on a Train mehrere Veränderungen vor. Zunächst ist Into The Water nicht mehr in der Gartenzaun-Vorortidylle einer Metropole, sondern in einem kleinen Dorf angesiedelt, in dem aufmerksame Zeitgenossen oft besser über den Tagesablauf ihrer Mitmenschen bescheid wissen, als den Beobachteten lieb ist. Angesichts des Orts ist die Erzählung nicht mehr nur auf wenige zentrale Persönlichkeiten fokussiert, sondern wartet mit einer Vielzahl von verschiedenen Figuren auf. Mit diesem Strukturmerkmal wird der Leser auch als erstes konfrontiert: Ausgehend von einem bestimmenden Ereignis, dem vermeintlichen Selbstmord einer jungen Frau, wird die weitere Entwicklung in kurzen Kapiteln jeweils in personaler Perspektive aus der Sicht eines einzelnen Charakters erzählt. Folglich dient der erste Abschnitt des Romans vorerst dazu, die betreffenden Figuren einzuführen, sie bei ihren angestammten, alltäglichen Aktivitäten darzustellen, die eigentliche Handlung bestenfalls andeutungsweise, in kleinen Schritten voranzutreiben. Gerade dieser Einstieg gestaltet sich für den Leser als sperrig, da er die vielen, innerhalb kurzer Erzählzeit eingeführten Namen im Gedächtnis behalten muß und noch nicht erahnen kann, wem eine Haupt- und wem eine Nebenrolle zufällt. 

Auch die Erzählperspektive trägt nicht dazu bei, den Einstieg in den Roman zu erleichtern. Die Passagen der meisten Figuren werden in der ersten Person erzählt, sodaß dem Leser unmittelbaren Einblick in ihre Gefühle und Gedanken gewährt wird. Für andere hingegen wir die dritte Person verwendet, was naturgemäß Distanz schafft. Offensichtlich sollte durch eben diese Wahl der Perspektive die Figuren in zwei Gruppen geteilt werden, tatsächlich wird dadurch mehr Verwirrung gestiftet als beseitigt. Einzig Julia Abbot tritt immer wieder in der zweiten Person in einen Dialog mit ihrer verstorbenen Schwester Nel, was ihr die Rolle einer neutralen Instanz, eines Bezugspunktes für den Leser verleiht. 

Ein weiterer Unterschied zu Girl on the Train besteht darin, daß diesmal bewußt keine unzuverlässige Erzählinstanz genutzt wird. Die Autorin verzichtet damit mutig genau auf jenes Stilmittel, das wesentlich zur Popularität des Erstlings beitrug und derzeit im Thrillergenre bevorzugt eingesetzt wird. Daß der Leser dennoch im Ungewissen über die tatsächlichen Vorgänge belassen wird, liegt an der Unvollständigkeit der individuellen Sichtweisen, jeder Erzähler kann immer nur einen Teil des Gesamtbildes liefern. 

Während Paula Hawkins also die Chronologie der Ereignisse, die zum Tod von Nel Abbott führten, langsam aufrollt, portraitiert sie mit scharfem Blick und spitzer Feder die Lebensbedingungen in einem kleinen Dorf, wo eine überschaubare Anzahl von Menschen auf begrenztem Raum einander tagtäglich begegnen. Dem distanzierten Desinteresse am anderen, mit dem in der Stadt unsichtbare Mauern errichtet werden, stellt sie die kaum verhohlene Neugier kleinerer Ortschaften gegenüber. 

Into the Water ist ein Beispiel dafür, daß ein mit hohen Erwartungen beladener Roman, eingesprochen von hochkarätigen Sprechern, nicht notwendigerweise zu einem außergewöhnlichen Hörbuch führt. Besonders in der vorgelesenen Version ist es eine Herausforderung, zu Beginn den Überblick über die zahlreichen Figuren und deren Beziehungen zueinander zu bewahren. Daher empfiehlt es sich, für die ersten beiden Stunden Papier und Bleistift bereitzuhalten ... was zwar dem Verständnis der Geschichte, nicht jedoch dem entspannten Genuß eines Romans zuträglich ist. Die Aufteilung der Sprecherrollen erfolgt nach dem einfachsten denkbaren Schema: Britta Steffenhagen leiht den weiblichen Figuren ihre Stimme, Simon Jäger den männlichen. Diese Gruppierung zieht zusätzlich eine künstliche Linie und wirft Fragen auf, die der Roman nicht beantworten kann. Fragmente einer Chronik über die ertrunkenen Frauen von Beckford, für die Nel Abbott recherchiert hat, werden außerdem durch eine dritte Sprecherin, Marie Bierstedt, hervorgehoben. Im Interesse der Konsistenz des Hörbuchs wäre es wahrscheinlich günstiger gewesen, lediglich diese Unterscheidung zwischen Chronik und Handlung zu akzentuieren. Des weiteren ist Britta Steffenhagen mit ihrer kratzigen, sich in den Höhen überschlagenden Stimme nicht für alle Figuren gleichermaßen geeignet. Jugendliche oder aufmüpfige Charaktere wie Lena Abbott oder die verschrobene Nici Sage treten durch Steffenhagen wahrlich aus dem Roman hervor, erwachsenere, nüchterne wie Erin Morgan wirken dagegen in ihrem Wesen verfälscht.

Persönliches Fazit

Ohne Girl on the Train wäre Into the Water eine Studie über dörfliche Borniertheit anhand eines mysteriösen Todesfalls. So aber ist es der gefürchtete zweite Roman, dem die Erwartungshaltung der Leserschaft zu hoch hängt. 

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Into The Water | Paula Hawkins | Random House Audio
Aus dem Englischen von Christoph Göhler
2017, Hörbuch MP3-CD (gekürzt), 2 CDDs, Laufzeit ca 627 Minuten, ISBN: 978-3-8371-3749-1
Buch bestellen bei Amazon.de [Affiliate Link]

[wolfgang]

Rezension: Mischling | Affinity Konar

Donnerstag, 27. Juli 2017 3 Kommentare



Eine Seele in zwei Körpern – Perle und Stasia sind zwölf und unzertrennlich, als sie 1944 deportiert werden. Doktor Mengele sucht eineiige Zwillinge für seinen "Zoo". Um zu überleben, flüchten sich die Geschwister in magische Welten, schmeicheln sich sogar beim Arzt ein. Doch eines Tages, kurz vor der Befreiung, verschwindet Perle und ein unheilbarer Riss geht durch Stasia. Zusammen mit Feliks, einem weiteren Opfer Mengeles, reist sie durch die verwüsteten Landschaften Polens auf der Suche nach ihrer Schwester. In der eindringlichen Sprache eines Märchens behauptet Affinity Konars „Mischling" noch im Abgrund des Grauens die Kraft der Fantasie, des Widerstands und der Hoffnung. [© Text und Cover: Hanser Verlag]

[trennlinie]

Von den unmenschlichen Machenschaften der Nationalsozialisten zur Vernichtung von Juden und weiterer Gruppen stechen die grausamen Experimente, die Josef Mengele „im Zeichen der Wissenschaft" vorgenommen hat, noch hervor. Für mich ist es unvorstellbar, dass man Männern, Frauen und Kindern die menschliche Würde einfach abspricht, was diesem „Arzt" Foltermethoden ohne jede Ethik oder Moral ermöglicht hat. Wie viele andere Mehrlinge finden sich auch Stasia und Perle, getrennt von ihrer Familie, in seinen Fängen wieder und müssen nicht nur einen Weg finden, sich mit den Entbehrungen des Konzentrationslagers und der ständigen Konfrontation mit dem Tod zu arrangieren, sondern auch noch irgendwie die Stärke aufbringen, um die medizinischen Versuche zu überstehen.

„»Du bist sehr bleich. Wie fühlst du dich?«
Schuldig, wollte ich sagen. Als ob alles, das gut und lebenswert war, von mir abgefallen und ich dem Tod entkommen wäre, indem ich dem Leben den Rücken zugewandt hatte. Alle Zellen in meinem Körper schrien auf, und ich wusste, dass sie nicht meinetwegen schrien, sondern um derer willen, die schon verloren, und derer, die todgeweiht waren, und hier war ich, die in der Welt des Arztes nicht existieren sollte, und doch..." (S. 75)

Sicher wäre es naiv anzunehmen, dass am Tag der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische Armee alle Gefangenen jubelnd nach Hause fahren würden. Was das tatsächlich bedeutet hat, wird mir durch Stasias und Perles Schicksal näher gebracht. Lebt noch jemand aus der Familie? Ist es überhaupt möglich, dass die Zwillingsschwester die „Behandlungen" Mengeles überstanden hat? Eine quälende Ungewissheit. Und was fängt man jetzt an mit dieser Freiheit in diesem zerstörten Polen? Wie sollen die Kinder an etwas zu essen kommen? Äußerst eindringlich werden mir diese Fragen vor Augen geführt. Trotz der sehr schwierigen Umstände und den erlebten Grausamkeiten, trotz all der Verzweiflung, haben die Zwillinge aber immer noch die Hoffnung, ein Stück davon wiederzubekommen, was sie durch die Nazis verloren haben.





Um sich mit dieser dunkeln Vergangenheit auseinanderzusetzen, wird in Büchern oft ein sachlicher und direkter Schreibstil verwendet. Affinity Konar macht das anders. Sie erzählt abwechselnd aus den Perspektiven von Stasia und Perle. Das erlaubt manchmal eine beinahe poetische Sicht auf den tobenden Kampf zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Sie stellt nicht die Fakten in den Vordergrund, sondern wie die beiden mit dem Grauen, das sie erdulden müssen, umgehen. Trotzdem oder gerade deswegen wird mir das Ausmaß davon bedrückend bewusst. Was mir besonders positiv aufgefallen ist, dass hier nicht die Täter sondern die Opfer im Mittelpunkt stehen. „Mischling" wird dadurch zu einem sehr gehaltvollen Buch, das meine ganze Aufmerksamkeit erfordert hat und noch lange nachklingen wird. 


Persönliches Fazit

Mich hat „Mischling" sehr beeindruckt. Die Erzählperspektive aus Sicht der Zwillinge konnte mich sehr fesseln und bringt die ins Gedächtnis, die die Aufmerksamkeit auch verdienen: die Opfer der unsäglichen Machenschaften der Nationalsozialisten. Affinity Konars wundervoller Schreibstil macht das Buch letztlich zu einem nachhaltigen und außergewöhnlichen Leseerlebnis.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Mischling | Affinity Konar | Hanser Verlag
2017, gebunden, 368 Seiten, ISBN: 9783446256460
Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Ready Player One | Ernest Cline

Mittwoch, 26. Juli 2017 3 Kommentare

DER Science-Fiction-Roman zur Virtual-Reality-Revolution und Vorlage für den großen Kinoblockbuster von Steven Spielberg.


Im Jahr 2044 ist die Welt ein hässlicher Ort: Die Erdölvorräte sind aufgebraucht, ein Großteil der Bevölkerung lebt in Armut. Einziger Lichtblick ist die OASIS, eine virtuelle Ersatzwelt, in der man leben, arbeiten, zur Schule gehen und spielen kann. Die OASIS ist ein ganzes Universum, es gibt Tausende von Welten, von denen jede ebenso einzigartig wie phantasievoll ist. Und sie hat ein Geheimnis.
Der exzentrische Schöpfer der OASIS hat tief im virtuellen Code einen Schatz vergraben, und wer ihn findet, wird seinen gesamten Besitz erben - zweihundertvierzig Milliarden Dollar. Eine Reihe von Rätseln weist den Weg, doch der Haken ist: Niemand weiß, wo die Fährte beginnt. Bis Wade Watts, ein ganz normaler Junge, der am Stadtrand von Oklahoma City in einem Wohnwagen lebt, den ersten wirklich brauchbaren Hinweis findet. Die Jagd ist eröffnet ...  [Text & Cover: © Fischer TOR Verlag]

[trennlinie] 
Gleich vorweg: Wer nicht in den 1980er-Jahren seine Jugend oder zumindest seine Kindheit verbracht hat, wird sich mit "Ready Player One" langweilen und den Roman wohl als unterhaltsam aber belanglos einstufen. Denn "Ready Player One" ist in erster Linie eines: eine Hommage an die Populärkultur der genannten Dekade.

Wie um alle Leser, die sich ob des Klappentextes hochtechnisierte Science-Fiction oder eine gesellschaftskritische Dystopie erwarten, vorzuwarnen, sind die ersten Kapitel prall gefüllt mit Namen von Filmen, Konsolenspielen und Artefakten aus der (verklärten) Erinnerung. Star Wars ist ebenso prominent vertreten wie "Dungeons & Dragons", "Pac Man", die "Goonies" und der gute alte VHS-Recorder. Die zentralen Figuren fachsimpeln äußerst emotional über die "Highlander"-Filme, die Ewoks und längst vergessene Pen & Paper-Rollenspiele. 

Eine Hommage an die Populärkultur der 1980er-Jahre.

Wie aber motiviert man die Bevölkerung einer in Trümmern liegenden Welt des Jahres 2044 - die gewiß von drängenderen Problemen geplagt wird - dazu, sich bis hin zur Selbstaufgabe mit einem vergangenen Jahrzehnt zu beschäftigen? Dazu bedient sich der Autor, 1972 geboren und somit selbst ein Kind dieser Zeit, einer interessanten Wendung. Die Online-Welt OASIS stellt für jene, die sich in ihr bewegen, einen vollständigen Ersatz der realen dar. Wie in "Second Life" (zur Entstehungszeit des Romans 2011 noch populärer als heute) kreiert der Benutzer seine Spielfigur, den Avatar, und kann sich zwischen Planeten, Städten, Landschaften frei bewegen, kann dort die Schule besuchen, Geschäfte abschließen, sich verlieben oder mit anderen Spielern gegen Monster kämpfen. Der Name OASIS gewinnt somit eine zweite Bedeutung: Wo die reale Welt durch ökologische und ökonomische Katastrophen in Trümmern liegt, flüchten die Menschen sich in eine Oase. Deren Schöpfer, der verstorbene James Halliday, hat nun in seinem Testament verfügt, daß jener Spieler, der eine Serie von Aufgaben löst und einen versteckten Schatz (ein sogenanntes Easter Egg) findet, sein gesamtes, unvorstellbar großes Vermögen erben wird. Der betreffende Betrag würde es dem Gewinner erlauben, auch in der realen Welt fundamentale gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen, weshalb sich nicht nur zahlreiche Einzelpersonen, sondern auch eine nach Allmacht strebende Firma namens Innovative Online Industries auf die Suche begeben. Da nun Halliday besessen von den 1980er-Jahren war, gehört umfangreiches Wissen darüber ebenso zur Grundausstattung der suchenden Jäger wie hochgerüstete Spielfiguren. 

In einer Dramaturgie, die bestimmt nicht zufällig an alte Geschichten erinnert, treten somit unerschrockene Helden gegen einen mit schier unerschöpflichen Ressourcen ausgestatteten Konzern an, der auch vor Mord in der realen Welt nicht zurückschreckt. Auf dem Spiel steht zwar nicht die Weltherrschaft, aber etwas, das ihr sehr nahe kommt. Auch in der Figurenzeichnung orientiert sich der Autor an den betreffenden Jahren. Hauptfigur Wade (dessen Spielfigur übrigens den Namen Parzival trägt) und seine Freunde weisen in etwa so viel Tiefgang und charakterliche Entwicklung wie ihre digitalen Abbilder auf. Doch ebenso wie in den Geschichten, die zuhauf referenziert werden wie Ghostbusters, War Games oder Indiana Jones liegt das erzählerische Hauptaugenmerk deutlich erkennbar nicht auf komplexen, ineinander verwobenen Handlungssträngen, sondern auf klaren Strukturen, die keine Aufmerksamkeit von der knallbunten Achterbahnfahrt durch die Erinnerung ablenken. Ernest Cline will in erster Linie unterhalten und führt seine Leser dazu in ein typisches Kinderzimmer mit Postern, Taschenbüchern, Comics und einem Home-Computer. Zuweilen leidet darunter auch die innere Logik. Die Hauptfigur Wade verfügt beispielsweise über ein enzyklopädisches Wissen und meisterhafte Fertigkeiten in nahezu allen Automatenspielen, die sich anzueignen in seinem jugendlichen Alter von 18 Jahren nur schwer vorstellbar sind. Auch die Kosten, die durch die aufwendige Suche nach dem gralsartigen Osterei für die abgrundtief böse Organisation IOI anfallen, dürften wohl durch den zu erwartenden Gewinn nur schwer zu decken sein. (Zum Leidwesen des Rezensenten wird außerdem eine persönliche Lieblingsfigur aus dieser Zeit, MacGyver, kein einziges Mal erwähnt). 

Letztendlich sind es aber die zahlreichen kleinen Anspielungen im Roman, die nicht gesondert erklärt werden, die dem Leser jedes Mal ein kleines Glücksgefühl bescheren, wenn er sie erkennt und die über genannte Ungereimtheiten hinwegsehen lassen. Wade fürchtet etwa, den Kobayashi Maru-Test absolvieren zu müssen. Als Computerinterface für seinen vollautomatisierten Haushalt stünde die Stimme von Majel Barrett zur Verfügung. Zur Wahl in den OASIS-Nutzerrat stellen sich Spieler mit den Namen Wil Wheaton und Cory Doctorow. Aech, Wades bester Freund imitiert die Grammatik von Jar Jar Binks oder artikuliert seine Bewunderung, indem er ihm "Eier aus purem Adamantium" zuerkennt. Die Passage, in der Wade die Hierarchie von IOI mit dem Decknamen Harry Tuttle unterwandert, liest sich wie eine modernisierte Version von "Das Geheimnis meines Erfolges". Letztendlich ist Rache ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. 

Persönliches Fazit

Ready Player One ist eine Freifahrt im DeLorean zurück an den Sehnsuchtsort der Kindheit, zu "Trio mit vier Fäusten" und Pacman, "Knight Rider" und sogar Falco.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Ready Player One | Ernest Cline | Fischer TOR
Aus dem Amerikanischen von Sara & Hannes Riffel
2017, Taschenbuch, 544 Seiten, ISBN: 978-3596296590
Buch bestellen bei Amazon.de [Affiliate Link]
[wolfgang]

Rezension: Sommer in Villefranche | Birgit Hasselbusch

Dienstag, 25. Juli 2017 0 Kommentare

Eine erfrischender Ausflug an die Côte d'Azur.

Plötzlich Französin! Insa Nicolaisen (40) befindet sich gerade in einer Phase im Leben, in der man sich für a) durchhalten oder b) die Flucht nach vorn entscheiden kann. Insa entscheidet sich für Variante b), nimmt die Flucht wörtlich und wandert aus. Und zwar genau dorthin, wo sie die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hat: Südfrankreich. Was malerisch klingt, ist es auch – bis einige unvorhergesehene Dinge geschehen... [Text + Cover: dtv Velag]
[trennlinie]

Eine herrliche lange Reise, jawohl – ich komme gerade von einer Reise zurück. Ich war in Frankreich, bin leicht gebräunt und wundervoll entspannt. 
Nein, aber im Ernst - dieser Roman las sich so wunderbar fließend und die bildhaften Beschreibungen der handelnden Orte waren so greifbar nah - wie eine wirkliche Reise. Ich las dieses Buch unter anderem einmal im Wartezimmer meines Arztes und schlug es direkt dort auf um weiterzuschwelgen. Eine ältere Dame meinte: „Das muss ja spannend sein, dass sie sofort und so schnell weiterlesen.“ Meine Antwort: „Ich bin gerade in Frankreich.“ Wir grinsten uns an. 

Bereits nach nur wenigen Zeilen hat mich die Geschichte um Insa und ihre Lieben gepackt. Auch wenn ich der französischen Sprache nicht mächtig bin und mir ehrlicherweise das eine oder andere Wort übersetzt habe, bzw. die Aussprache, fand ich mich gut in die Geschichte.
Insa erzählt und führt uns durch diesen Roman. Sie blickt hinter die Kulissen der Franzosen, in ihre Denkweisen und Charaktere. Sie blickt auf eine Zeit voller Glück vor sechzehn Jahren zurück und grübelt, was wär wenn gewesen. Sie war schwer verliebt und hat sich dennoch gegen diese Liebe und für eine andere entschieden. Ob Fehler oder nicht, verrate ich an dieser Stelle nicht. Nur so viel, wer an der Liebe zweifelt und nach seinem persönlichen Sinn und Sein sucht, dem wird dieses Buch vielleicht sogar die Augen öffnen. Erschreckender- oder erstaunlicherweise finde ich mich in diesem Buch wieder. Ich hab schwer gegrübelt und glaube, dass jeder Mensch sein Happy End – seinen Weg finden kann. Dies glaubte ich bisher natürlich auch schon, dieses Buch unterstreicht dieses aber auf eine wunderbare Weise.

Nach einer Kurve kamen wir an einem kleinen Hafen vorbei. Kurz darauf hatte man einen sensationellen Blick auf das blaueste Blau der Côte d` Azur. Auf Jetskifahrer, auf Kreuzfahrtschiffe, auf kleine Buchten. „Ich hatte vergessen, wie blau das Wasser hier ist“, murmelte ich. [Seite 28]

Insa lässt ihr Liebesleben also zurück in Hamburg und bricht auf in ein Abenteuer, nach Frankreich. Sie begibt sich an den Ort, den sie vor sechzehn Jahren Hals über Kopf verlassen hatte. In Villefranche und dem Haus, welches sie verwalten soll, angekommen trifft sie auf die Hausherrin, die eigentlich nicht mehr vor Ort sein sollte. Nach einigen Reibereien und Wortgefechten kommen sich die Frauen näher und schmieden Pläne. 

Insa glaubt, dass ihre Schwester ein wunderbares Leben mit ihrem Mann Markus und ihrer Tochter Mia führt. Doch nicht alles was nach außen hin harmonisch wirkt, ist auch so.  Jana nimmt sich eine Auszeit und folgt Insa nach Frankreich. Nach und nach kommen sich die Schwestern näher. Auch entstehen wundervolle Freundschaften und beruflich tut sich einiges.
Und dann ist da ja auch noch die große Liebe von vor sechzehn Jahren. Insa und Matthieu, Matthieu und Insa. Fast nach jedem Kapitel ist ein Facebook-Eintrag abgedruckt. Matthieu denkt also genauso stark an Insa, wie sie an ihn. Jedoch sieht sie diese Einträge nicht, die einiges vereinfacht hätten.

Matthieu Dupont
2. August 2006 | Nizza | Frankreich
Ich bin ja der Typ, der nicht mal mehr weiß, was er gestern zum Abendbrot hatte. Aber an einen Tag hier erinnere ich mich ganz genau. An das schöne, an das Hässliche. Ich hätte dich einfach festhalten sollen.
Aber du warst schon immer schneller, lapine!
Gefällt mir | Kommentieren | Teilen

Die handelnden Orte, Figuren und Geschehnisse sind so wirklich – als wäre man mittendrinn. So muss ein Buch geschrieben sein. Egal ob man das Buch auf dem Sofa, im Garten, in einem Wartezimmer oder sogar am Strand liest - so oder so ist man voll dabei, in Frankreich an der Côte d` Azur.

Mein persönliches Fazit

Zeitweise lustig und spannend verfolgte ich die Geschehnisse. Dieses Buch macht wirklich Spaß. Es ist spannend, erfrischend, sehr herzlich und humorvoll. Ich hatte sogar Gänsehaut. Ihr müsst es einfach lesen. Hatten wir nicht alle schon einmal eine große Liebe und grübeln, was wäre wenn. Was wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte …

© Rezension: 2017, Susa


Sommer in Villefranche  |  Birgit Hasselbusch  |  dtv Verlagsgesellschaft
10. März 2017 / Roman / 288 Seiten / ISBN 13: 978-3423261227
Buch bestellen bei amazon.de [Affiliate Link]

[susa]

Rezension: The Hate U Give | Angie Thomas

Montag, 24. Juli 2017 4 Kommentare

Eine starke Stimme gegen Rassismus




Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen... [© Text und Cover: cbt Verlag]

[trennlinie]

Eigentlich ist Starr vollauf mit den Dingen beschäftigt, die die meisten von uns als Teenager beschäftigt haben: sie plagt sich mehr oder weniger mit ihren Eltern und Geschwistern rum, versucht, es ihren Freundinnen recht zu machen und überlegt, wie weit sie mit ihrem Freund Chris gehen kann. Sie wohnt im „Ghetto", wie sie ihr Viertel selber nennt, in dem Drogenhandel und Bandenkriminalität an der Tagesordnung sind. Ihre Eltern können es sich leisten, dass Starr auf eine Schule außerhalb geht. Die meisten ihrer Mitschüler sind weiß und ziemlich reich. Dieser Kontrast zur ihrem Zuhause nötigt sie dazu, eine Art Doppelleben zu führen. So wie in Garden Heights kann und will sie sich in der elitären Schule nicht verhalten.

„Ich hoffe, dass mich keiner nach meinen Ferien fragt. Die anderen waren in Taipeh, auf den Bahamas, in der Harry Potter World. Ich bin in meinem Viertel geblieben und habe mitangesehen, wie ein Cop meinen Freund erschoss." (S. 92)





Der Moment, als Starr und Khalil von einem Polizisten kontrolliert werden, ändert für sie alles. Sie ist dabei, als Khalil erschossen wird und auf der Straße stirbt. Wenn ein weißer Cop einen schwarzen Junger erschießt, sorgt das für Proteste bei der schwarzen Bevölkerung. Für die Medien ist Khalil allerdings schnell verurteilt, schließlich war ein Drogendealer. Starr ist mit ihm seit ihrer Kindheit befreundet, für sie ist er damit viel mehr als das. Als einzige Zeugin stellt sie sich die Frage, ob sie die Stimme für Khalil erheben soll. Kann sie bewirken, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt und sein sinnloser Tod gesühnt wird? Soll sie sich ins Rampenlicht der Medien begeben auch auf die Gefahr hin, dass ihr Hass und Häme entgegenschlagen könnten? Für so stark hält Starr sich selber nicht, aber sie findet sich in einer Rolle wieder, die sie sich nicht aussuchen konnte.

„Wozu hat man eigentlich eine Stimme, wenn man in den entscheidenden Momenten schweigt?" (S. 288)



Angie Thomas bringt uns mit ihrem Teenager-Drama ganz nah ran an das, was es bedeutet, mit Rassismus und Vorurteilen konfrontiert zu werden. Sie erschafft dabei einige emotionale Momente, ohne explizit auf die Tränendrüse zu drücken. Trotz der Dramatik gibt es aber auch einige Stellen, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. Die junge Sprache, die kurz und prägnant gefasst ist, vermittelt Starrs Gedanken und Gefühle unsentimental und authentisch. All das macht „The Hate U Give" zu einem äußerst empfehlenswerten Buch, nicht nur für Jugendliche.

Persönliches Fazit

Angie Thomas' Debütroman hat mich mit seiner Intensität restlos überzeugt. An der Seite ihrer Protagonistin erleben wir hautnah, was Rassismus bedeutet. Die jugendliche Sprache macht „The Hate U Give" sehr authentisch. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle ab 14 Jahren.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


The Hate U Give | Angie Thomas | cbt Verlag
2017, gebunden, 512 Seiten, ISBN: 9783570164822
Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner
Ab 14 Jahren
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)


[marcus]

10x3 Dinge … über Inga vom Blog schonhalbelf

Sonntag, 23. Juli 2017 4 Kommentare

Wir möchten euch gerne tolle Blogs aus den verschiedensten Bereichen vorstellen und haben dabei unser Augenmerk besonders auf die Personen hinter diesen schönen Blogseiten gelegt. WER schreibt denn da eigentlich, wessen Beiträge begeistern uns da immer wieder? Wir blicken hinter die Kulissen - kurz und prägnant. Wir freuen uns sehr, dass sich Inga vom Blog schonhalbelf der Herausforderung gestellt und unsere > 10x3 Dinge über... < beantwortet hat.



Ingas größte Leidenschaft neben dem Lesen gilt dem Schreiben, weshalb sie den liebevoll geführten Blog schonhalbelf ins Leben rief. Das Blog existiert in dieser Form seit Januar 2016 und soll ein Ort sein für alle, die gerne lesen, selbst schreiben und sich auch sonst für die schönen Dinge des Lebens begeistern können.
Ihr Schwerpunkt liegt bei der Zeitgenössischen Literatur, aber sie widmet sich auch mit Vorliebe weiteren Themen wie Filme & Serien und hegt eine Leidenschaft für Lifestyle, Beauty & Einrichtung, worüber sie auch in Zukunft bloggen möchte. Ausflüge in andere Gebiete abseits von Literatur sind und bleiben ein fester Bestandteil ihres Blogs. Ein bunter und sehr schön zusammenpassender Mix, wie ich finde. Schaut euch mal ausführlich auf schonhalbelf um, ihr werdet sicher ebenso begeistert sein.

Social MediaFacebook | Instagram | Pinterest



http://schonhalbelf.de/schonhalbelf-buchblog-home/


3 Eigenschaften, die dich besonders gut beschreiben

→ Neugierig
→ Wählerisch
→ Stur

Romane, die dir in diesem Jahr gut gefallen haben.

→ „Der Club” von Takis Würger
→ „Das Nest” von Cynthia D’Aprix Sweeney
→ „Alles bleibt in der Familie” von Lynne Sharon Schwartz

3 Sach-/Fach-/Hobbybücher, die dich überzeugten und großen Mehrwert für dich hatten.

→ „Das Leben und das Schreiben” von Stephen King
Für alle Freunde des Schreibens. Um dieses Buch zu lesen, muss man übrigens keinerlei Bezug zu Stephen King oder seinen Romanen haben, es steht für sich und ist sehr inspirierend.
→ „Whatever You Think, Think The Opposite” von Paul Arden.
Ein ganz großartiges Buch, das einen mit Leichtigkeit zu kreativem, andersartigem Denken animiert.
→ „Das Kleiderschrank Projekt” von Anuschka Rees
Das Buch hat mir geholfen, mehr Struktur in meinen Kleiderschrank zu bringen.

3 Filme/Serien, die du gerne geschaut hast/gerne schaust.

→ Serie: Eine meiner Lieblingsserien ist "Dexter". Ich freue mich darauf, wenn ich so viel davon vergessen habe, dass ich sie noch einmal sehen kann.
→ Film: "Keine Sorge, mir geht’s gut"
→ Film: "Die fabelhafte Welt der Amélie"

3 Songs von deiner Lieblings-Playlist.

→ The Mixed Tape von Jack’s Mannequin
→ Midnight City von M83
→ Believe von The Bravery

3 Blogs, deren Posts dich besonders inspirieren.

Convoy
My Scandinavian Home
RemainSimple

3 Insta-/Pinterest-Accounts, denen du mit Begeisterung folgst.

→ Instagram @chocolatelaboftheday 
→ Instagram @helloemilie 
→ Instagram @diepetzi

3 Länder, die du gerne bereisen möchtest.

→ Island zu Pferde
→ USA (konkret: Kalifornien)
→ Südafrika (konkret: Kapstadt)

3 Dinge, die du unbedingt einmal ausprobieren/tun möchtest.

Ich habe nachgedacht und das ist direkt in Lebensziele ausgeufert. Die möchte ich aber nicht verraten, weil sie dann vielleicht nicht in Erfüllung gehen. Bei sowas bin ich dann doch ein wenig abergläubisch.

3 Fotos aus deinem (Blogger)Leben.






© Alle Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Copyright von Inga / schonhalbelf
  [alexandra]

Eine Buchperle: Gehen, um zu bleiben | Anika Landsteiner

Freitag, 21. Juli 2017 8 Kommentare

Wie ich in die Welt zog, um bei mir anzukommen 


Wie weit müssen wir fahren, um irgendwann einmal anzukommen? Die Antwort auf diese Frage muss jeder selbst herausfinden, doch das Wichtigste ist erst einmal das Losfahren. Denn wer nicht wegfährt, kann auch nicht heimkommen. Für Anika Landsteiner ist Reisen eine Herzensangelegenheit, die sie bereits um die ganze Welt geführt hat. Nur wenn man das warme Nest zu Hause verlässt, kann man sich für die Welt öffnen und das entdecken, was man liebt – auch wenn es manchmal mit Strapazen verbunden ist. Mit ihren Beobachtungen und Gedanken zeichnet sie manchmal das große Bild, manchmal spürt sie Zwischentöne auf – ob auf Dschungelpfaden in Kolumbien oder einem staubigen kalifornischen Highway. Der richtige Zeitpunkt zum Losfahren? Immer genau jetzt! [Text & Cover: © Goldmann Verlag]

[trennlinie]

Wer mich schon ein bisschen kennt, dem ist sicher schon aufgefallen, dass ich gerne Bücher über die Themen Reisen und Lebenserfahrungen lese. Sehr gerne auch in Verbindung miteinander. Ich verfolge natürlich auch einige Blogs, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Ganz besonders angetan hat es mir der Blog Ani denkt. - geführt von Anika Landsteiner. Ani lebt in München und absolvierte eine Ausbildung zur Schauspielerin, schlug dann die journalistische Laufbahn ein und führt zudem eben diesen ganz wunderbar inspirierenden Reiseblog. Schon seit einer Weile lese ich ihre sehr authentischen und lebensnahen Beiträge mit Begeisterung und freute mich sehr, dass nun auch ein Buch erschienen ist, in dem sie uns nun auch offline mit auf Reisen nimmt. 




Schon ihr Blog ist so erfrischend anders. Ani denkt ist ein sehr literarischer Reiseblog, voll von Emotionen und Gedanken über das Erlebte, über die Menschen, die Kultur, über das was sich hinter den Kulissen abspielt. Und genau das spiegelt sich in ihrem Buch „Gehen, um zu bleiben“ wider. In 15 Episoden lässt sie uns teilhaben an 15 ganz besondere Reiseerfahrungen, die sie nachhaltig prägten. Nachhaltigkeit ist ein Stichwort, denn das liegt ihr besonders am Herzen - und das spürt man beim Lesen ihrer Texte. Weniger Konsum, weniger Gepäck, weniger Ballast - mehr das Auge auf das wirklich Wesentliche richten. Das gilt für ihr Leben im Alltag genauso wie auf ihren Reisen. Ihre Taschen sind leicht, Ani reist minimalistisch und fühlt sich dadurch freier. Und genau so ist es. Wie oft schleppt man viel zu viel Dinge mit sich herum? Die Koffer sind schwer, schon bei der Abreise. Dabei reichen so wenig Sachen, man sollte es einfach mal wagen und den Ballast über Bord werfen. Sich von dem unnötigen Konsum trennen. Letztlich wird man nicht wirklich viel (eventuell auch gar nichts?) vermissen. 

Reisen in Zeiten wie diesen? Immer wieder hört man vor der Angst zu Reisen, weil „doch gerade so viel passiert“ auf dieser Welt. Aber ist das der richtige Weg? Ist das überhaupt so? Ani macht sich Gedanken dazu in ihrem Buch und einen Absatz habe ich fett markiert, denn er ist so wahr: 

„Die Welt ist nicht zu einem gefährlicheren Ort geworden - wir bekommen tragische Ereignisse in Zeiten von Social Media nur heftiger, schneller und hautnah mit.
Statt zu Hause zu bleiben, sollten wir genau das Gegenteil tun: Wir sollten noch viel mehr rausgehen. Internationale Freundschaften knüpfen und kulturelle Unterschiede nicht nur verstehen lernen, sondern zwischen ihnen Brücken bauen.“ (Seite 11) 


Wer mit Ani durch ihre Texte reist, den erwartet ganz sicher kein typischer Pauschaltourismus, der wird keine ultimativen Tips über die „besten Plätze ever“ oder Berichte über den gerade ganz angesagten „heissen Scheiss“ im Urlaub finden. Wer sich auf ihre Geschichten einlässt, der bricht mir ihr auf zu einem Roadtrip von LA nach San Francisco, überwindet dabei gebrochene Herzen, macht sich Gedanken über das Alleinreisen, erlebt Höhen und Tiefen auf dem Jakobsweg, lernt das gegensätzliche und bunte Leben in Indien kennen, erfährt deren grenzenlose Freundlichkeit und Hilfsbreitschaft, erfährt etwas über die Vielfalt und Schönheit Kolumbiens, über China, Griechenland, Malawi, Sansibar u.v.m. 
Wer mit Ani reist, der macht sich mit ihr Gedanken, der taucht mit ihr tief ein in die Geschehnisse und lernt ihren Weitblick und ihre Offenheit schätzen. Nicht immer läuft alles so, wie man es sich wünscht. Offen berichtet sie auch über die Schattenseiten, über Vorurteile, über Rassismus und Schubladendenken. 



Sehr berührend ist auch der letzte Text „Heimat oder warum wir gehen“. Was bewegt uns dazu, zu gehen? Warum haben wir so Fernweh, wenn wir zuhause sind. Warum bekommen wir Heimweh, wenn wir unterwegs sind. Was bringt uns das Reisen? Die Antwort muss in der Tat jeder für sich selbst finden. Aber das Reisen kann einem helfen, genau diese Antwort zu finden. Reisen prägt und formt unseren Charakter, macht uns mutig und neugierig. Auf Reisen lernen wir uns selbst am besten kennen. 

„Wer nicht wegfährt, kann auch nicht heimkommen“ 

Ani schafft es ganz wunderbar, das Fernweh zu wecken. Unaufgeregt sind ihre Texte, frisch und wunderbar zu lesen. Persönlich und ehrlich. Aufzeigend, ohne mit dem erhobenen Finger belehrend zu wirken, vermittelt sie, was bewusstes und nachhaltiges Reisen bedeuten kann, wie es uns beeinflussen kann. Einfach mal einen Blick über den Tellerrand wagen, Neues ausprobieren, sich von unnötigem Ballast trennen und losziehen, mit offenen Augen seine Umwelt und seine Mitmenschen wahrnehmen und kennenlernen ….und einfach glücklich sein.

„Glücklich sei bedeutet mutig sein, bedeutet authentisch sein, bedeutet Gefühle zulassen, bedeutet glücklich sein.“ 

Ich hatte Zuhause auf dem Sofa begonnen, das Buch zu lesen. Stoppte dann aber ganz bewusst und beschloss, es mit auf eine Reise zu nehmen. Gesagt - getan. Und so habe ich nun die letzten Seiten am Meer sitzend genossen. Nach der letzten Seite habe ich das Buch zugeschlagen, über die schier endlose Weite des Meeres geblickt und war … einfach glücklich. 
Bücher wie diese bewegen etwas in mir, bringen ein weiteres Steinchen ins rollen, wirken und verändern mich. Nachhaltig. Und darüber bin ich glücklich. 

"Die meisten Menschen sind gut. Wollen mit alldem nichts zu tun haben. Sind friedlich wie jeder andere auch, wollen glücklich sein und sicher leben. Die Welt und ihre Menschen sind gut." (Seite 87) 


© Text und Fotografien: 2017, Alexandra Stiller

2017, TB, 288 Seiten, ISBN 978-3-442-17672-4














[alexandra]

Rezension: Der Spion des Dogen | Stefan Maiwald

Donnerstag, 20. Juli 2017 0 Kommentare

Intrigen am Markusplatz


Venedig, 1570. Eine Intrige bringt Davide Venier, einen angesehenen Geschäftsmann, über Nacht um sein Vermögen und für zehn Jahre in die berüchtigten Bleikammern, das Staatsgefängnis der Serenissima. Dort lernt er den Osmanen Hasan kennen, der nicht nur sein Schachpartner wird, sondern ihm auch die Kunst der Selbstverteidigung und wertvolle Tricks für den rauen Alltag im Kerker beibringt. Davide erweist sich als gelehriger Schüler, woraufhin er ein unerwartetes Angebot erhält: Straferlass gegen Spionagedienste für den Dogen. Davide willigt ein, doch seine Mission könnte brisanter kaum sein: Das Osmanische Reich rüstet sich für einen Krieg gegen Venedig. Und: Ein gefährlicher Killer ist in der Stadt eingetroffen... [© Text und Cover: dtv Verlag]

[trennlinie]

Der Plot klingt nicht nur spannend, er ist es auch. Die üble Intrige, gegen die der arme Davide sich überhaupt nicht wehren kann, beendet auf einen Schlag sein bisher so kommodes Leben in den besseren Kreisen. Selbst seine Beziehungen zu einigen der Mächtigen der Stadt helfen ihm nicht. Als der Kanzler ihm nach rund einem Jahr im Gefängnis die Spionagedienste anbietet, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als zuzusagen. Daraus entwickeln sich zwei Handlungsstränge: zum einen bekommt er wichtige Aufgaben übertragen, die durchaus Einfluss auf das Schicksal seiner Stadt nehmen können. Zum anderen nutzt er seine wiedergewonnene Freiheit, um die Hintergründe der Machenschaften gegen ihn persönlich aufzudecken. Eine sehr gelungene Konstellation.





Davides Schicksal ist sehr gut in das historische Umfeld eingebettet. Die politische Situation rund um das Mittelmeer, aber auch die komplexen Machtverhältnisse in Venedig selber bilden den passenden Hintergrund, werden aber nie zu langatmig ausgeführt. Auch Davides enge Freundschaft zum Schriftsteller Cervantes, der seinen Don Quijote zum Zeitpunkt dieser Geschichte noch nicht geschrieben hatte, trägt dazu bei. Nur das Treffen mit dem sechsjährigen Shakespeare wirkt auf mich erzwungen, das hat schließlich auch keinerlei Einfluss auf die Handlung.






Ich habe Stefan Maiwalds ersten Roman sehr gerne gelesen. Das liegt hauptsächlich an seinem guten sprachlichen Timing, das Buch liest sich äußerst flüssig. Obwohl seine Begeisterung für Venedig spürbar ist, verfängt er sich nicht in endlosen Beschreibungen örtlicher Details. Und trotzdem werde ich, wie ich es von einem historischen Roman erwarte, in die Zeit und an den Ort des Geschehens versetzt. Nur mit der Auflösung am Schluss (keine Sorge, ich verrate nichts) bin ich nicht ganz glücklich. Man könnte sie als einfallsreich bezeichnen, auf mich wirkte sie eher aufgesetzt. Vielleicht dient sie aber auch als Vorlage für weitere Abenteuer, denn Davide Venier wird als Held in einem weiteren Roman wiederkommen.


Persönliches Fazit

„Der Spion des Dogen" überzeugt mich mit einer stimmigen Atmosphäre, einem fähigen Helden und vor allem mit einem ausgezeichneten Lesefluss. Auch wenn der Schluss auf mich etwas erzwungen wirkte: wer gerne flotte historische Romane liest, ist hier gut aufgehoben.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Der Spion des Dogen | Stefan Maiwald | dtv Verlag
2016, broschiert, 412 Seiten, ISBN: 9783423261241
Buch bestellen bei Amazon.de  (Affiliate Link)

[marcus]

10x3 Dinge über ... Steffi vom Blog "Nur Lesen ist schöner“

Sonntag, 16. Juli 2017 0 Kommentare

Wir möchten euch gerne tolle Blogs aus den verschiedensten Bereichen vorstellen und haben dabei unser Augenmerk besonders auf die Personen hinter diesen schönen Blogseiten gelegt. WER schreibt denn da eigentlich, wessen Beiträge begeistern uns da immer wieder? Wir blicken hinter die Kulissen - kurz und prägnant. Wir freuen uns sehr, dass sich Steffi vom Blog Nur Lesen ist schöner der Herausforderung gestellt und unsere > 10x3 Dinge über... < beantwortet hat.




Steffi möchte auf ihrem sehr authentisch geführtem Blog "Nur Lesen ist schöner", den sie schon seit 2011 mit viel Herzblut betreibt, Menschen fürs Lesen begeistern. 
Ihr Bestreben ist, den lokalen Buchhandel unterstützen und mit diesem zusammen arbeiten. Steffi gewährt uns einen Blick in ihren Alltag als Bibliophile - besucht private Lesungen, Events, Messen u.v.m. und berichtet ausführlich darüber. Ihr Lesegeschmack ist vielfältig, sie liest Kinderbücher genauso gerne wie Jugend- und Erwachsenenromane. 
Ihre Herzensprojekte: #Kinderfreuden - Kinderbücher aus der Sicht von großen und kleinen Augen vorstellen, die Lust aufs Lesen bereits im Kindesalter entflammen. Und natürlich die Travel-Guides „How to explore xxx as a booklover“ – literarische Entdeckungsreisen durch die Welt (bisher Beiträge aus England, Irland, Belgien). Schaut vorbei und macht euch selbst ein Bild - es lohnt sich wirklich sehr!

Social MediaFacebook | Twitter | Instagram 






3 Eigenschaften, die dich besonders gut beschreiben

→ Perfektionistisch
→ Tollpatschig
→ Humorvoll

Romane, die dir in diesem Jahr gut gefallen haben.

→ Das Licht und die Geräusche – Jan Schomburg
→ Elefant – Martin Suter
→ Das Labyrinth der Lichter – Carlos Ruiz Zafón

3 Sach-/Fach-/Hobbybücher, die dich überzeugten und großen Mehrwert für dich hatten.

→ Tiere essen – Jonathan Safran Foer
→ Das Buch vom Meer – Morten A. Strøksnes
→ Irisches Tagebuch – Heinrich Böll

3 Filme/Serien, die du gerne geschaut hast/gerne schaust.

→ Sieben Minuten nach Mitternacht / A Monster Calls
→ Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger
→ Five people you meet in heaven

3 Songs von deiner Lieblings-Playlist.

→ How to save a life – The Fray
→ Bohemian Rhapsody – Queen
→ Sex on Fire – Kings of Leon

3 Blogs, deren Posts dich besonders inspirieren.

Kaffeehaussitzer
→ Die Liebe zu den Büchern
Brösels Bücherregal

3 Insta-/Pinterest-Accounts, denen du mit Begeisterung folgst.

→ @schonhalbelf 
→ @missgoldblatt
→ @pixelnische

3 Länder, die du gerne bereisen möchtest.

→ Neuseeland
→ Norwegen
→ Schottland

3 Dinge, die du unbedingt einmal ausprobieren/tun möchtest.

→ Mich am Handlettering versuchen
→ Die Alpen überqueren
→ Paragliden

3 Fotos aus deinem (Blogger)Leben.





© Alle Bilder dieses Beitrags unterliegen dem Copyright von Steffi / Nur Lesen ist schöner
  [alexandra]

Rezension: Corruption | Don Winslow

Samstag, 15. Juli 2017 2 Kommentare

Ganz großes Kino







In den Straßenschluchten von New York lässt der internationale Star-Autor Don Winslow ein alptraumhaft realistisches Szenario von Drogen, Menschenhandel, Mord entstehen. Er zeichnet die todbringende Allianz von staatlichen Stellen und organisiertem Verbrechen: Sie sehen sich als Elitetruppe der Polizei, eine verschworene Einheit, ausgestattet mit weitreichenden technischen und rechtlichen Möglichkeiten. Gemeinsam sollen sie für Ruhe und Ordnung in ihrem Revier sorgen, dem nördlichen Manhattan. Und genau das tun sie. Hier gelten ihre Spielregeln, hier geschieht nichts ohne ihr Wissen. Doch die Truppe ist extremem Stress ebenso ausgesetzt wie extremen Risiken ... und extremen Verlockungen ... [© Text und Cover: Droemer Verlag]

[trennlinie]

Eigentlich ist Detective Dennis Malone keine wirklich große Nummer im New Yorker Polizeiapparat. Aber nach achtzehn Jahren Dienst und als Mitglied der Special Taskforce sieht er sich als König von Nordmanhattan. Er hat sein Refugium im Griff, er weiß, mit wem er zusammenarbeiten und wie er mit den Einwohnern umgehen muss. Sie respektieren ihn, manche fürchten ihn und sein Team. Dabei ist es oft ein Tanz auf der Rasierklinge, das Gleichgewicht zu halten zwischen den ethnischen Gruppen, den Vorgesetzten, den Richtern und Staatsanwälten, den Drogen- und Mafiabossen und auch den Ansprüchen seiner Familie. Er ist davon überzeugt, dass er das entscheidende Element ist, das alles zusammenhält. Das macht er mit einiger Härte, denn als weißer Cop in Harlem kann er sich nur Respekt verschaffen, wenn er keine Schwäche zeigt.


„»O mein Gott!«
»Gott ist nicht da«, sagt Malone. »Aber ich bin da. Der Unterschied zwischen Gott und mir ist, dass du von mir keine Gnade erwarten kannst.«" (S. 241)




Es ist wenig überraschend, dass Malone und seine Truppe keine reine Weste haben. Mir scheint es geradezu unmöglich, in diesem Moloch sauber zu bleiben. Geht es ihnen aber tatsächlich nur um das Wohl des Viertels und seiner Bewohner? Es schadet doch niemandem, wenn sie etwas von dem beschlagnahmten Drogengeld behalten. Man muss ja auch an die Zukunft der eigenen Kinder denken. Das kann sich Malone zwar einreden, er gerät dabei aber immer tiefer in den Sumpf der Korruption. Don Winslow bietet hier keine klare Grenze an zwischen Gut und Böse. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, es sind die Grautöne, in denen sich Malone bewegt. Es ist erschreckend, wie groß die Dimensionen der Vorteilsnahme sind. Ob Dienstaufsicht, Staatsanwalt, Richter oder Bürgermeister, jeder hat seine eigenen Interessen und geht jeden möglichen Weg, um sie durchzusetzen.


„Nimmt ein Cop ein Schinkensandwich an, damit er mal kurz wegguckt, ist er seinen Job los. Lässt sich der Kongressabgeordnete Mr. Asshole von einem Waffenproduzenten schmieren, damit er für laschere Waffengesetze votiert, ist er ein Patriot." (S. 129)


Das Thema „Dirty Cop", wie Malone sich selbst bezeichnet, ist nicht neu. Die Intensität von Don Winslows Roman zieht mich aber total in seinen Bann. Die komplexen Zusammenhänge zwischen den Behörden, den Kriminellen und den Cops sind äußerst glaubhaft geschildert. Ich kann mir das auch gerade in New York City so vorstellen. Diese besondere Stadt mit ihrer kulturellen Vielfalt ist der perfekte Schauplatz für den Roman. Don Winslow weiß, wie die Bewohner ticken. Ob Rassismus, Bandenkriminalität oder die Nachwirkungen von 9/11, es sind viele Dinge, die Auswirkungen auf sie haben und dieses Pulverfass brodeln lassen.


Persönliches Fazit

Mit „Corruption" hat Don Winslow einen Thriller geschrieben, der mich durch seine Intensität sehr gefesselt hat. Seine Charaktere sind so authentisch und ihr Verhalten wirkt so echt, dass ich mir die Realität gar nicht anders vorstellen kann. Einfach großes Kino!

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Corruption | Don Winslow | Droemer Verlag
2017, gebunden, 544 Seiten, ISBN: 9783426281680
Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte
Buch bestellen bei Amazon.de (Affiliate Link)

[marcus]

Rezension: Schwesterherz | Kristina Ohlsson

Dienstag, 11. Juli 2017 1 Kommentar

Wie ein Detektivfilm in Farbe


Staatsanwalt Martin Benner will Bobby Tell eigentlich schnellstmöglich wieder loswerden: Dieser ungepflegte, nach Zigaretten stinkende Kerl wirkt erst mal wenig vertrauenswürdig. Sein Anliegen ist nicht weniger prekär: Tells Schwester Sara - eine geständige fünffache Mörderin, die sich noch vor der Verfahrenseröffnung das Leben nahm - soll unschuldig gewesen sein, und Benner soll nun posthum einen Freispruch erwirken. Vor Gericht hätte die Beweislage damals nicht mal ausgereicht, um Sara zu verurteilen, doch unbegreiflicherweise legte sie ein umfassendes Geständnis ab und konnte sogar die Verstecke der Tatwaffen präzise benennen. Benners Neugier ist geweckt, und er nimmt das Mandat an ... [Text & Cover: © Limes Verlag]

[trennlinie] 

Ein verwahrlost wirkender Mann betritt das Büro eine Detektivs, der den Anschein einer bürgerlichen Existenz mit einem gefüllten Auftragsbuch zu wahren sucht, und bittet diesen, einen delikaten Fall zu übernehmen. 

Üblicherweise beginnt auf diese Weise ein Schwarzweißfilm aus dem Genre Hardboiled, und der Detektiv wird von Humphrey Bogart verkörpert. Tatsächlich wehrt sich die Autorin nicht gegegen diese Assoziation, so beginnt das erste Kapitel gleich mit "Bobby brachte das schlechte Wetter mit." (S. 9) und weiter:

"Ich erkenne ein Problem, sobald ich es vor Augen habe. Und in dem Augenblick, als ich Bobby zum ersten Mal vor Augen hatte, wittere ich auf der Stelle Unrat." (S. 9)

Gut, im Fall von Kristina Ohlssons Roman "Schwesterherz" liegt das Büro in Stockholm, und sein Eigentümer ist ein wohlsituierter Anwalt namens Martin Benner. Die Figur erinnert jedoch in ihren Grundzügen an Privatdetektive aus der Feder von Raymond Chandler, nur eben in Farbe. Als Erzähler in der ersten Person pflegt er eine straßentaugliche Sprache mit Formulierungen wie "Schotter auf der hohen Kante" haben und führt mit einem befreundeten Polizisten schlüpfrige Gespräche im gedämpften Licht eines Nachtclubs. Er fährt einen Porsche und verführt junge Frauen, an deren Vornamen er sich am Morgen nach der Eroberung nur mehr schwer erinnern kann. Kurz: Martin Benner ist als Identifikationsfigur ähnlich reizvoll wie James Bond, jedoch mit erheblich reduziertem Berufsrisiko. 

Gleichzeitig hat er aber noch eine andere Seite aufzuweisen: Als Adoptivvater eines vierjährigen Mädchens ist er auch tagtäglich mit elterlichen Sorgen wie der kindgerechten Gestaltung eines Samstagnachmittags oder der angemessenen Reaktion auf eine plötzliche Erkrankung.konfrontiert. Parallel zur geographischen Reise über einen Ozean begibt sich Benner auch auf eine innerliche, der spannungsgeladene Höhepunkt der Geschichte stellt auch für seine Persönlichkeit einen Wendepunkt dar. Als Belle, seine Tochter, bedroht wird, sind alle amourösen Abteneuer nebensächlich, die sich abzeichnende charakterliche Wandlung ist endgültig vollzogen. Jedoch handelt es sich dabei jedoch nicht um eine fundamentale Veränderung der Persönlichkeit, keine plakative Läuterung vom Saulus zum Paulus, wie sie aus viele Geschichten bekannt ist. Vielmehr läßt die Autorin eine Neugewichtung bereits vorhandener Mermale beobachten und verzichtet damit angenehmerweise auf schwer verdaulichen Zuckerguß. 

Zusätzlich zum behutsamen Umgang mit ihren Figuren, trägt auch das gewählte Erzähltempo zur Glaubwürdigkeit bei: Obwohl es eine logische Notwendigkeit der Geschichte ist, daß Benner sich des Falles der verurteilten Mörderin annimmt, fällt ihm seine Entscheidung nicht leicht. Seitenlang wägt er Für und Wider ab, recherchiert heimlich und wird erst dann aktiv, als er durch eine persönliche Verstrickung regelrecht in den Fall gezwungen wird. Von ungeduldigen Lesern wird die Autorin wohl kein Lob ernten, mit diesem langsamen Spannungsaufbau errichtet sie jedoch ein Fundament, das auch das Gewicht einer komplexen Geschichte mit ihren zahlreichen Wendungen trägt. 

Wie die Akte eines Theaterstücks strukturieren Interviews von Martin Benner mit einem Journalisten, die zeitlich nach der Handlung angesiedelt sind, den Roman. Durch diese erzwungenen Pausen wird einerseits jedesmal ein neuer Kontext geschaffen, andererseits ergibt sich eine interessante Ambivalenz im Informationsstand der Hauptfigur: Während er als Ich-Erzähler jeweils nur über situatives Wissen verfügt, darf er die Ereignisse im Interview rückblickend aus einer breiteren Perspektive betrachten. Dies ermöglicht sowohl emotionale Bewertungen wie auch Vorausdeutungen, die den Leser zusätzlich auf die Folter spannen. Dem finalen Abschnitt ist beispielsweise folgender Kommentar vorangestellt: 

"Sie haben gefragt, was dann passierte, und ich habe geantwortet: Das Schlimmste. Das Allerschlimmste überhaupt." (S. 334)

Persönliches Fazit

Kristina Ohlsson schreibt, daß man ihr die Biographie eines Don Winslow andichten möchte. In "Schwesterherz" baut sie Spannung hollywoodeffektfrei, ohne Abkürzungen und eindringlich auf, bis sie sich ... dann doch nicht entlädt, sondern mit Ungeduld auf den zweiten Teil der Reihe warten läßt.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner

Schwesterherz | Krstina Ohlsson | Limes VerlagAus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
2017, Paperback, 480 Seiten, ISBN: 978-3-8090-2663-1


[wolfgang]