Gedanken zum Jahresende: Vom Vorsatz, sich keine Vorsätze zu machen.

Samstag, 30. Dezember 2017 2 Kommentare





Morgens aufwachen, durchatmen und das wohlige Gefühl genießen, den Tag ganz in Ruhe beginnen zu können. Lesend. Eine kostbare Zeit zwischen den Jahren. Meine Zeit zum Runterfahren, zum Gedanken treiben lassen, zum einfach mal fallen lassen. Das ist meine Zeit, die Batterien für das alles Kommende aufzuladen. Ich stresse mich in diesen Tagen nicht mit (m)einem überlaufenden Emailfach oder meinen Aufgabenlisten oder sonstigen Verpflichtungen. Die Zeit zwischen den Jahren ist mein ganz persönlicher Freiraum im Jahr, da darf alles - aber nichts muss. Da bin ich ganz wunderbar konsequent im Ignorieren von Dringlichkeit. Da dreht sich meine innere Uhr etwas langsamer, alles befindet sich in einer Art Schwebezustand und aller Druck fällt für kurze Zeit ab. Ich liebe es! 

Das Jahresende rückt näher, das neue Jahr schon greifbar nahe. Was mich interessiert: wie handhabt ihr das eigentlich mit diesen berümt-berüchtigten guten Vorsätzen für das neue Jahr? Macht Ihr Euch Vorsätze - und wenn ja, schafft Ihr es dann auch, Euch daran zu halten bzw. diese auch umzusetzen? 

Explizit Vorsätze mache ich mir persönlich grundsätzlich keine (mehr). Ich lasse mittlerweile gerne alles auf mich zukommen weil: meistens kommt es ja doch anders als man sich das vorher ausmalt, das Leben nimmt an einer Kreuzung doch einen anderen Weg, als gedacht. Oder es tut sich eine zusätzliche Gabelung des Weges auf, die einem vorher nicht mal in den wildesten Träumen in den Sinn gekommen wäre. Und wenn ich mir besondere Ziele für mein Leben setze, dann kann das jederzeit erfolgen. Ich merke, ich bin diesbezüglich wirklich sehr viel gelassener und entspannter geworden und das freut mich sehr. 

Aber gerne suche ich mir zum Ende eines jeden Jahres hin einen ruhigen Platz und reflektiere, was war und schaue dem entgegen, was kommt. Ich liebe das Meer, ich liebe Spanien, hier ist mein zweites Zuhause. Ich lausche dem Meeresrauschen und kann den Gedanken freien Lauf lassen, sie ziehen lassen. 

Welchen Wünschen und Bedürfnissen möchte ich mehr Beachtung schenken? Wo möchte ich mir mehr Luft verschaffen? Was belastete mich und was machte mich besonders glücklich? Worauf richte ich mein Augenmerk bewusster und was lasse ich besser los? 
Ich rufe mir bewusst Momente und Augenblicke des zurückliegenden Jahres ins Gedächtnis. Besondere Momente und Augenblicke, die mich emotional berührten. Nachrichten, die tief ins Herz trafen, Bekanntschaften, die zu Freundschaften wurden. Freundschaften, die sich stärkten. Und eine Liebe, die mich täglich mit einem Lächeln aufwachen lässt. Ich geniesse diese Erinnerungen, schöpfe aus ihnen Kraft, Energie und Inspiration für Neues. 

Ich erinnere mich auch an die wundervollen Bücher, die ich in diesem Jahr wieder lesen durfte, dank großartiger Schriftsteller*innen. Bücher, die mich berauschten, mich mal glücklich und mal traurig stimmten, die mich zum nachdenken anregten, mich motivierten, die mich herausforderten und die mich weiterbildeten. Geschichten, die mich mitnahmen auf eine fabelhafte und horizonterweiternde Reise. 

Und ich denke an all den wunderbaren Austausch mit Euch, hier auf dem Blog, auf Facebook, Twitter und ganz besonders auf Instagram. Danke für das Miteinander, für die vielen Kommentare und Nachrichten, für die Stories aus dem/Eurem/unserm Leben, für grandiose Buchtipps, für Inspiration und Kreativität, für Bekanntschaften und ganz besonders für die entstandenen Freundschaften. Instagram entwickelte sich in diesem Jahr zu meiner liebsten Plattform - und das absolut zu recht! 

Ich freue mich auf 2018 - mit Euch und diesen ganzen fabelhaften Büchern, die da auf uns warten! 🥂🍾



[alexandra]

Rezension: Das Floss der Medusa | Franzobel

Freitag, 29. Dezember 2017 0 Kommentare

Was für ein Trip!


18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens? [© Text und Cover: Paul Zsolnay Verlag]

[trennlinie]

Wenn ich das nächste Mal ein Schiff besteige, werde ich zumindest kurz einen kritischen Blick auf die Kapazität der Rettungsboote werden. Denn das, was Franzobel in seinem Roman schildert, will ich ganz sicher nicht erleben. Dabei startet die Reise von Frankreich in Richtung Senegal ganz zuversichtlich. Die Stimmung beim Auslaufen vom Hafen von Rochefort ist wie bei der Jungfernfahrt der Titanic. Alle freuen sich, dass es endlich losgeht.

In den ersten Kapiteln werden uns einige der vierhundert Passagiere und Besatzungsmitglieder der Medusa vorgestellt. Das ist alles andere als langweilig, Franzobel erstellt ein lebendiges Panoptikum der Eitelkeiten. Vom Ausreißer, der als Schiffsjunge anheuert, bis zum Kapitän, der sein Amt nur seiner adeligen Abstammung zu verdanken hat, sind viele soziale Schichten, Rassen und Religionen an Bord vertreten. Das geschieht in der Zeit, als Napoleon im Exil sitzt und die Royalisten wieder die Macht in Frankreich haben. Trotzdem brennen noch viele für die Ideen der Revolution. Jede Menge Zündstoff für Konflikte, die Lunte ist gelegt.


Wie man selbst in einer Extremsituation agiert, ist schwer vorherzusagen. Das, was dein 147 Leuten passiert, die nicht in die wenigen Rettungsboote passen, erinnert an das Schicksal von Flüchtlingen im Mittelmeer. Zusammengepfercht auf einem manövrierunfähigen Gefährt, der Sonne ausgesetzt und mit Hunger und Durst konfrontiert, können sie nur auf Hilfe warten. Diese Ohnmacht ist eine brutale Prüfung für den Verstand, die kaum zu bestehen ist. Das was die Überlebenden auf dem Floß sich gegenseitig antun, ist aus der Distanz nicht nachvollziehbar, einfach undenkbar. Franzobel führt die Ereignisse aber so, dass klar wird, dass selbst die stärksten Moralisten an ihren Überzeugungen nicht mehr festhalten können. Gebannt habe ich verfolgt, wie sie sich dagegen wehren und sich doch so verändern, dass sie sich selbst nicht wiedererkennen können.

„Wer hätte gedacht, dass fünfzig Stunden reichen würden, um Menschen in Kannibalen zu verwandeln? Kolonisten, die den Wilden die europäischen Werte vermitteln sollten, hatten sich in Menschenfresser verwandelt. Hatte dieses Grauen irgendeinen Sinn?" (S. 471)

Im Gegensatz zu den meisten historischen Romanen erzählt der Autor die Geschichte der Medusa aus dem Hier und Jetzt. Für mich hat das sehr gut funktioniert, denn zum einen kommt der Text dadurch frisch und modern daher, zum anderen drängen sich Parallelen auf, die nicht so leicht von der Hand zu weisen sind. Egal ob politische oder religiöse Konflikte, Gewalt ist auch heute noch eine Methode, zu der noch oft gegriffen wird. Wenn ich die Nachrichten verfolge frage ich mich oft, wie das ein Mensch einem anderen antun kann.

„Nichts für frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis. Gut, die Sache liegt mittlerweile mehr als zweihundert Jahre zurück. Wir können es uns also bequem machen und uns versichern, wir sind anders, bei uns kommt sowas nicht vor. Doch ist das wirklich so?" (S. 15)
   


Mich beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit Franzobel seine Figuren durch den Roman führt. Die Ironie und sein feinsinniger Humor lassen mich immer wieder Schmunzeln. Und trotzdem verursachen die dramatischen Ereignisse eine Gänsehaut bei mir. Denn so wie bei den Protagonisten gehen die nicht spurlos an mir vorüber.

Persönliches Fazit

Franzobel zeigt anhand einer historischen Tragödie, wie weit auch zivilisierte Menschen gehen, wenn sie einer extremen Situation ausgesetzt werden. Trotz der Dramatik hat er einen leichten, oft humorvollen Ton gefunden. Für mich war „Das Floss der Medusa" ein großes Leseerlebnis.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Das Floss der Medusa | Franzobel | Paul Zsolnay Verlag
2017, gebunden, 592 Seiten, ISBN: 9783552058163

[marcus]




Hörbuch-Rezension: Oxen - Das erste Opfer | Jens Henrik Jensen

Donnerstag, 28. Dezember 2017 0 Kommentare

Dänischer Rambo im diplomatischen Porzellanladen


Niels Oxen, ein hochdekorierter, aber schwer traumatisierter Elitesoldat, lebt fernab der Zivilisation zurückgezogen im Wald. In der Einsamkeit hofft er, seinen inneren Dämonen zu entfliehen. Das Gegenteil passiert, als er nach einem nächtlichen Besuch des nahegelegenen Schlosses Nørlund Slot zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall wird: Ein Ex-Botschafter und Gründer eines einflussreichen Think Tanks wurde dort zu Tode gefoltert. Als sich auch noch der dänische Geheimdienst einschaltet, bleibt Oxen nichts anderes übrig, als selbst zu ermitteln, um seinen Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen. Ein Kampf David gegen Goliath beginnt. [Text & Cover: © Der Audio Verlag]

[trennlinie]

Nach zwei brutalen Morden gleich zu Beginn des Romans, obligat, um die Handlung anzustoßen und das Interesse zu wecken, taucht die Hauptfigur vor dem geistigen Auge des Lesers auf. Oder vielmehr: Sie wankt ins Bild. Niels Oxen, hochdekorierter Elitesoldat, mittlerweile nur mehr ein Abglanz der einstigen Heldenfigur, durchstreift das Land mit seinem Hund. Er ist verwahrlost, dreckig, im Umgang mit anderen Menschen aus der Übung geraten. Seine größte Leistung besteht mittlerweile darin, seine Aggressionen zu unterdrücken, die militärisch antrainierte Disziplin reicht gerade noch dafür aus, im richtigen Moment die Zivilisation nicht mit dem Schlachtfeld zu verwechseln. Seine Seele ist gezeichnet von Traumata, die ihn immer wieder heimsuchen, immer wieder als Flashbacks über ihn hereinbrechen.

Dieser Mann wird nun damit beauftragt, den Mord an einem hochrangigen dänischen Diplomaten aufzuklären ... auf den ersten Blick wohl nicht die günstigste Wahl. Im Verlauf des Romans durchläuft er eine äußerliche wie charakterliche Wandlung, die mit der Veränderung seines Erscheinungsbildes beginnt und ihn schließlich sogar wieder Vertrauen zur ihm zugeteilten Partnerin, Margarethe Franck, fassen, ihn sich in ganzen Sätzen artikulieren läßt. Diese charakterliche Entwickung stellt einerseits implizit einen Teil der Handlung dar. Andererseits ist die Bewährung, die Heilung einer verwundeten Seele ein bekanntes Erzählmotiv, das im konkreten Fall dazu dienen soll, die Distanz zwischen Leser und Figur zu verringern. Jedoch wird dieses Ziel nur bedingt erreicht, zu weit bleibt der unberechenbare ehemalige Soldat von einer sympathischen Identifikationsfigur entfernt. Bis zuletzt bleibt Oxen ein Actionheld, den man wie in einem Film gerne dabei beobachtet, wie er gegen seine Widersacher vorgeht, dem man jedoch nicht persönlich begegnen möchte.

Mit dieser kontroversiellen Figur, einem dänischen Rambo, weist der Autor auf Kriegsheimkehrer hin, die nach unvorstellbaren Erlebnissen unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Wie geht eine Gesellschaft mit jenen Mitgliedern um, die im Dienst eben dieser stehen und deren Aufgaben leicht verdrängt werden? Welcher Platz ist für sie vorgesehen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, eine zivile Beschäftigung zu verrichten? Auf der Flucht vor den Geistern seiner Vergangenheit, sieben Menschen, die im Krieg brutal hingerichtet wurden, durchstreift Niels Oxen ziellos die Wälder, um resignierend festzustellen, daß sie längst mit seiner Persönlichkeit verwachsen sind.

Der ihm zugewiesene Auftrag, der rote Faden der Geschichte, bietet Oxen schließlich die Möglichkeit einer rudimentären Rehabilitation. Die Morde an hochrangigen Mitgliedern der dänischen Gesellschaft führen von delikaten Affären zu brutalen Verbrechen mit Verbindungen in höchste politische Kreise und somit beträchtlicher Sprengkraft. Die Erzählung selbst erfolgt geradlinig, immer wieder lockern schnell geschnittene Actionszenen die Ermittlungen auf. Überraschende Wendungen bleiben aus, stattdessen legt der Autor für den Leser deutlich sichtbare Spuren aus und bereitet ihm somit das Vergnügen, den Fall selbst zu lösen. Die sukzessive Entwicklung der Geschichte von einer Mordserie, die zu einem politischen Ränkespiel konspirativen Ausmaßes führt, in der anfangs Verbrecher aus persönlichem Rachedurst schließlich von professionellen Geheimdienstagenten abgelöst werden, treibt dabei die Spannung auf die Spitze. Diese Methode ist nicht originell, aber höchst unterhaltsam und bewährt. Schließlich beläßt der Autor entscheidende Fragen unbeantwortet, um die Neugier auf die bereits angekündigten Folgebände zu wecken.

Dietmar Wunder als Sprecher des Hörbuches unterstreicht den Charakter des Romans als spannende Verschwörungsgeschichte. Die dänischen Eigennamen in überschaubarer Zahl bilden dabei keine rhetorischen Fremdkörper und können leicht memoriert werden. In neutraler Erzählstimme führt Wunder durch die Handlung, akzentuiert jedoch routiniert emotionale Szenen. Beim Tod von Oxens Hund zeichnet er weich und immer langsamer den Weg des Soldaten in ein Delirium aus Alkohol und Trauer. Ein spontaner Wutausbruch der Hauptfigur hingegen läßt den Hörer ob der plötzlichen geballten Aggressivität erschauern.

Persönliches Fazit:

"Oxen - Das erste Opfer" ist ein nach bewährten Mustern rasant geschnittener Verschwörungsthriller mit einer problematischen Hauptfigur und dem Wiedererkennungswert eines Samstagabend-Actionfilms.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Jens Henrik Jensen | Oxen - Das erste Opfer | Der Audio Verlag
Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger
2017, Ungekürzte Fassung, 2 MP3-CDs, 13h 25 min, ISBN: 978-3-7424-0204-2

[wolfgang]  

Rezension: Die Kinder | Wulf Dorn

Mittwoch, 27. Dezember 2017 0 Kommentare

Gebt den Kindern das Kommando



Auf einer abgelegenen Bergstraße wird die völlig verstörte Laura Schrader aus den Trümmern eines Wagens geborgen. Im Kofferraum entdecken die Retter eine grausam entstellte Leiche. Als die Polizei den Psychologen Robert Winter hinzuzieht, wird dieser mit dem rätselhaftesten Fall seiner Karriere konfrontiert: Die Geschichte, die Laura Schrader ihm erzählt, klingt unglaublich. Doch irgendwo innerhalb dieses Wahnkonstrukts muss die Wahrheit verborgen sein. Je weiter Robert vordringt, desto mehr muss er erkennen, dass die Gefahr, vor der Laura Schrader warnt, weitaus erschreckender ist als jeder Wahn. [Text & Cover: © Heyne Verlag]

[trennlinie]

ACHUNG: DIESE REZENSION ENTHÄLT SPOILER


Regen. 
Zwielicht.
Eine verlassene Bergstraße.
Und ein verunfalltes Auto mit einer Schwerverletzten und einer Leiche im Kofferraum.

Bereits mit dem Auftakt seines neuen Thrillers gibt Wulf Dorn klar zu verstehen, daß er im Kampf um die Aufmerksamkeit des Lesers keine Konkurrenz duldet. Die Vernehmung der überlebenden Marketingagentin Laura Schrader durch einen Gerichtspsychologen bildet dabei den Rahmen, in den stückweisen Rückblicken entrollt sich die Handlung: Allerorts stehen plötzlich Kinder auf unerklärliche Weise in Kontakt zueinander, verhalten sich abweisend, geradezu aggressiv gegenüber Erwachsenen. Als diese Veränderung sich schließlich auch in Bluttaten zu manifestieren beginnt, drängt sich spontant der Verdacht auf, der Autor habe Sebastian Fitzek, seines Zeichens Routinier im Fach Psychothriller, übertreffen wollen. In dessen Roman "Das Kind" offenbart sich ein Zehnjähriger als Mörder - die Steigerung findet sich also nicht nur im Titel, sondern auch in der Handlung. 

Wie Fitzek reüssierte auch Wulf Dorn mit raffiniert komponierten Handlungen, die sich drehen, den Wirklichkeitsbegriff sowohl der Figuren als auch der Leser mehrfach infrage stellen, die sich Schicht für Schicht wie eine Zwiebel häuten. Und wie Fitzek (der mit "Noah" vor allem seine Leser überraschte), scheint auch Dorn nicht bereit, sich auf diese Form der Erzählung festzulegen, sondern stellt sich mit seinem aktuellen Titel nach seinen Jugendromanen dem erwachsenen Publikum neu vor. Im Vergleich etwa zu "Trigger", "Kalte Stille" und "Dunkler Wahn" ist "Die Kinder" linear und chronologisch geordnet erzählt. Was der Leser mit immer mulmigerem Gefühl zu erahnen beginnt, entpuppt sich tatsächlich als Kern des Romans, die große Überraschung besteht darin, daß große Überraschungen ausbleiben. 

"85 Tote bei Bombenanschlag"
"Babyleiche in Mülltonne entdeckt"
"Erneut Raketentests in Nordkorea"
"Syrisches Krankenhaus bombardiert" 
(S. 68)

Mit erschreckend aktuellen Schlagzeilen will der Autor seine Leser jenen Schluß zielen lassen, der den Antrieb des Romans bildet: Die Gesellschaft ist dekadent, von innen heraus verrottet, Erwachsene sind nicht in der Lage, ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten. Die Sozialkritik verbleibt jedoch im Ansatz, wird zu wenig eindringlich vorgetragen, um den Leser an jenen Punkt zu treiben, an dem die gewaltsame Lösung des Generationenkonflikts als einzige Lösung der Situation akzeptiert wird. Obwohl die Illusion des kurzfristigen Konsumglücks mit dem Elend von Kindern in vielen Teilen der Welt kontrastiert wird, scheint das Fundament des Romans zu wenig tragfähig für eine derart radikale Folgerung. Zudem verbleiben zu viele offene Fragen, wenn eine Welt ohne Erwachsene als Idealzustand skizziert wird: Wo wird die Altersgrenze gezogen, ab der ein Kind als erwachsen gilt? Warum soll der Zustand der Gewaltlosigkeit gerade durch Gewalt erreicht werden? Und wie sollen die Annehmlichkeiten komplexer zivilisatorischer Errungenschaften aufrechterhalten werden, wenn doch dafür umfangreiches Wissen und Kompetenzen erforderlich sind?

Unklar bleibt auch das auslösende Moment für den kollektiven Aufstand der Kinder und die Wahl des Zeitpunktes für die verschärften Kontrollen an der Altersgrenze. Der Ansatz einer rationalen Erklärung auf den letzten Seitens wirkt daher wie der Versuch einer Vollbremsung vor der Logikmauer. 

Ist man bereit, die Voraussetzungen des Romans zu akzeptieren, erlebt man Wulf Dorn als brillianten Erzähler, der das Spiel mit Vorausdeutungen und offenen Kapitelenden souverän beherrscht und beinahe genüßlich den Leser vor spielenden Kindern auf einer Schmetterlingswiese das Fürchten lehrt. 

Persönliches Fazit 

Wäre zwischen den Buchdeckeln kein hochspannender Roman, sondern eine Musik-CD zu finden, würde Herbert Grönemeyers "Kinder an die Macht" zur Melodie von "Bad Moon Rising" aus den Lautsprechern hallen.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Die Kinder | Wulf Dorn | Heyne
2017, Klappbroschur, 320 Seiten, ISBN: 978-3-453-27094-7

[wolfgang]

Rezension: Das Leben meines besten Freundes | Judith Gridl

Samstag, 23. Dezember 2017 0 Kommentare

Der Wert der Freundschaft


Samir und Jacob sehen sich zum Verwechseln ähnlich – stammen aber aus ganz unterschiedlichen Welten. In Samirs rauem Umfeld zählt allein das Faustrecht, während Jacob überbehütet aufwächst. Als Jacob auf ein Elite-Internat geschickt werden soll, aber viel lieber bei seiner ersten Liebe Fine bleiben will, bietet sich für beide die Gelegenheit, ihre Welten zu tauschen. Während Samir vom Internat aus seinen von einem arabischen Clan verschleppten Vater sucht, nimmt Jacob endlich sein Leben in die Hand und kommt auch selbst der Lösung des Falls näher. [© Text und Cover: Knesebeck Verlag]
[trennlinie]

Was für ein Schock für Jacob: seine Eltern haben ihn bei einem Internat im tiefsten Brandenburger Land angemeldet. Berlin verlassen, gerade jetzt, wo es doch etwas werden könnte mit ihm und Fine? Seinen besten Freund zurück lassen? Das kommt nicht in Frage. Aber seine Eltern meinen es offensichtlich ernst, es gelingt ihm einfach nicht, sie umzustimmen.

Bei Samir ist die Lage noch dramatischer. Sein Vater ist seit einer Weile spurlos verschwunden. Seine Mutter schafft es ohne dessen Einkommen kaum, die drei Kinder zu versorgen. Mit seinen fünfzehn Jahren ist Samir der Älteste und fühlt sich für seine Geschwister verantwortlich. Seiner Ansicht nach macht die Polizei keinen Finger krumm, um seinen Vater zu finden. Deshalb sucht er selber in Wedding, seinem Kiez, nach Spuren. Die Gegend wird von einem libanesischen Clan beherrscht, denen Samirs Nachforschungen gar nicht passen. Die Lage wird für Samir schnell gefährlich, es ist besser für ihn, für eine Weile unterzutauchen. Eigentlich ist es ja ein absurder Vorschlag von Jacob, ihre Rollen zu tauschen. Aber angesichts der Lage hilft es vielleicht beiden.




Judith Gridl schneidet Themen an, die typisch sind für Teenager wie die Annäherung der Jungs an das weibliche Geschlecht oder das Entfremden gegenüber den Eltern. Jacob fühlt sich besonders von seinem Vater, der ihn nur noch über seine Schulnoten zu definieren scheint, unverstanden und allein gelassen.

„Warum war alles so verfahren? Warum konnte er mit seinen Eltern nicht mehr reden? Woher kam die Sprachlosigkeit?" (S. 44)

Aber auch die enorme soziale Diskrepanz spielt eine Rolle. Als Sohn syrischer Einwanderer aus dem Multikulti-Viertel Berlin-Wedding fühlt sich Samir in dem Edelinternat unter der reichen Kids gar nicht wohl. Er merkt aber dann doch irgendwann, dass nicht alle dort so versnobt sind, wie es scheint. 

Das Wichtigste ist aber die Freundschaft zwischen Samir und Jacob. Sie sind füreinander da, wenn sie sich allein und verlassen fühlen. Die Idee mit dem Rollentausch funktioniert größtenteils gut, ich konnte nur manchmal nicht nachvollziehen, wieso manche Leute nichts merkten, andere dagegen war klar, dass Jacob nicht Samir ist. In der Geschichte steckt aber einiges an Spannung, sie wird flott erzählt und kommt den Figuren sehr nahe. Besonders gut haben mir die Passagen mit SMS-Nachrichten zwischen Jacob und Samir oder seiner Cousine gefallen, die lockern das Buch nochmal auf. 

Persönliches Fazit

„Das Leben meines besten Freundes" bietet spannende Unterhaltung für Leser ab 12 Jahren. Die Idee mit dem Rollentausch funktioniert gut und trägt die kurzweilige Geschichte. Ich habe mit den beiden sympathischen Jungs bis zum packenden Finale mitgefiebert.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Das Leben meines besten Freundes | Judith Gridl | Knesebeck Verlag
2017, gebunden, 242 Seiten, ISBN: 9783957280633
ab 12 Jahren

[marcus]

Entschleunigt durch die Feiertage mit Charles Dickens "Eine Weihnachtsgeschichte"

Freitag, 22. Dezember 2017 1 Kommentar



Weihnachten steht vor der Türe und wieder einmal kam diese ach so besinnliche Zeit für viele so plötzlich, schlich sich ganz unerwartet ums Eck. 
Und wieder ist es bei vielen weit her mit dem guten Vorsatz, die Adventszeit tatsächlich einmal mit Ruhe  und ohne Stress anzugehen. Statt dessen jagt ein Termin den nächsten, die Weihnachtsfeiern überschneiden sich (leider kann man immer noch nicht auf allen Partys gleichzeitig tanzen), Geschenke wollen besorgt werden und ganz traditionell hat man sich auch wieder auf den Weihnachtsmärkten der Umgebung mit Freunden verabredet. Kreative Adventskalender aus dem Ärmel schütteln, Plätzchen backen, Weihnachtsmenüs planen, Deko basteln/kaufen und Lichternetze auswerfen, Weihnachtspost schreiben, den Weihnachtsbaum schlechthin finden und schmücken und nicht zuletzt den Großputz in Angriff nehmen, damit der Besuch auch nichts zu Beanstanden findet. Die Kids müssen zu den Generalproben für Chor und/oder wahlweise Krippenspiel und eine Kuchenspende für den Adventsmarkt hatte man ja auch versprochen. Ach so, arbeiten muss man auch noch im Dezember, da war ja was... aber welch ein Glück, die Läden haben ja auch länger (gefühlt eigentlich ständig) geöffnet während der Adventszeit ... und zur Not bringt der Postbote - der scheinbar irgend eine Möglichkeit gefunden haben muss, sich vierzuteilen - alles Fehlende bis vor die Türe. 

Und schon ist er da, der heilige Abend. Eigentlich würde man jetzt gerne einmal durchatmen nach dem 24-tägigen Marathon, aber jetzt heisst es zusammenreissen und mit gut gelaunter Miene die Gans füllen und in den Ofen schieben. Also Weihnachtsplaylist an und weiter gehts mit der fri-fra-fröhlichen Weihnachtszeit. "Halleluja! das ist ein Ding"!  (Na, wer hat jetzt auch Chevy Chease in "Eine schöne Bescherung" im Kopf? ;) ) 

So oder so ähnlich läuft er doch in vielen Familien ab, der Dezember - #thesameprocedurethaneveryyear. 
Findet auch Ihr Euch in einem oder mehreren dieser Punkte wieder? Mein persönliches Gefühl ist, dass es in jedem Jahr ein bisschen mehr / ein bisschen stressiger wird. Oder bilde ich es mir vielleicht nur ein? Ist es nicht an der Zeit, wieder etwas zurückzuschrauben? Ich selbst habe vieles reduziert bzw. eingestellt, die Feiertage verbringe ich mittlerweile um größten Teil lesend. Über die Weihnachtstage verschmelze ich quasi mit dem Sofa, tauche ein in die Geschichten und unterbreche gelegentlich für Spaziergänge, Essen, Kaffee und Lebkuchen. 

Findet ihr an Weihnachten Zeit zum Lesen? Entschleunigt Euch, gönnt Euch Ruhe und Auszeit. Nehmt euch einfach diese Zeit. Lest gemeinsam, lest Euch gegenseitig vor - gerade jetzt ist das eine wunderbare Idee und verbindet sehr. Kerzen an, Handys aus und gemeinsam in die Geschichte eintauchen. Ich habe dafür einen schönen Buchtipp: 

Lesend durch die Weihnachtstage mit Charles Dickens 




Ich möchte Euch gerne ein Buch für die Feiertage nahelegen, dass mich gerade völlig verzückt hat. 

Die Geschichte ist natürlich nicht neu, aber die Aufmachung dieser Ausgabe ist grandios. Es handelt sich um den beliebten Klassiker "Eine Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens - eine berührende und augenöffnende Geschichte um den geizigen und griesgrämigen Warenhausbesitzer Ebenezer Scrooge, der in der heiligen Nacht von drei Geistern aufgesucht wird. Der Misanthrop Scrooge hasst Weihnachten, hält es für geld- und zeitverschwenderischen Humbug und will den Heiligen Abend ohne Gesellschaft verbringen, sich um seine Arbeit kümmern. Für bedürftige Menschen hat er nur Geringschätzung übrig, seinen unterbezahlten Angestellten droht er regelmäßig mit Kündigung. Da erscheinen ihm nachts erst sein verstorbener Freund und Geschäftspartner  Marley, der ihn warnen möchte - und dann die Geister der vergangenen, der diesjährigen und der zukünftigen Weihnacht. Sie nehmen Scrooge mit auf eine Reise durch seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und führen ihm vor Augen, wie Geiz und Habgier sein Leben zerstört haben.  Er ist schockiert, bricht zusammen und beschliesst, dass er sein Leben ändern muss. Er entdeckt seine menschliche Seite wieder und kehrt geläutert in die reale Welt zurück. 

Dieser zeitlose und berührende Weihnachtssklassiker ist in diesem Jahr in einer neuen Hardcover Ausgabe im Knesebeck Verlag erschienen. Ganz besonders sind hier die herausragenden Illustrationen von Robert Ingpen, die den Geist der Zeit ganz hervorragend einfangen. Robert Ingpen hat über 100 Erzähl- und Sachtexte illustriert und geschrieben. 1986 erhielt er die Hans-Christian-Andersen-Medaille für seine Verdienste um das Kinderbuch.
Im Buch enthalten ist übrigens auch die zauberhafte Erzählung "Ein Weihnachtsbaum".




[alexandra]

SEBASTIANS LITERARISCHER JAHRESRÜCKBLICK 2017 INKLUSIVE GEWINNSPIEL

Dienstag, 19. Dezember 2017 58 Kommentare

Ihr habt wieder die Chance, euer Wunschbuch aus diesem Rückblick zu gewinnen! 



Liebe Leser und liebe Leserinnen,

wie auch in den Jahren zuvor möchte ich Euch eine kleine Auswahl an Büchern ans Herz legen, die mir besonders gut gefielen, die mich begeistert haben, auf ihre Art fesselten, nachdenklich machten, deren Thematik mich interessierte und die mir schlichtweg positiv in Erinnerung geblieben sind – kurzum die Crème de la Crème der von mir in diesem Jahr gelesenen Titel.

Wie immer, kurz und kompakt, meine zwanzig Buchperlen des Jahres 2017 in alphabetischer Reihenfolge. 

Und auch dieses Jahr könnt Ihr eines der Bücher gewinnen, dazu mehr am Ende des Beitrags. Doch zunächst einmal meine Höhepunkte des Jahres. Viel Spaß beim Lesen!


Isabelle Autissier – Herz auf Eis

Ein junges Paar strandet auf einer einsamen Insel und kämpft ums nackte Überleben, nachdem sich die anfängliche Hoffnung auf Rettung zerschlagen hat. Kann ihre Beziehung diese Extremerfahrung überstehen? Wie weit geht man, um sich und den Partner zu retten? Und wie groß ist eigentlich die Liebe zum Partner, wenn es letztendlich ums eigene Überleben geht?

Majgull Axelsson – Ich heiße nicht Miriam

Zu ihrem 85. Geburtstag bekommt die jüdische Holocaust-Überlebende Miriam einen Armreif geschenkt, in den ihr Name eingraviert ist. Daraufhin sagt sie die Worte, die sie nie wieder sagen wollte, nämlich „Ich heiße nicht Miriam“ und beginnt ihre Geschichte zu erzählen. Miriam heißt eigentlich Malika und ist eine Roma, die während der Deportation die Identität der Jüdin Miriam angenommen hat, was ihr ironischerweise das Leben rettete. 

Sehr eindringlich schildert Axelsson Miriams Leidensweg. Harter Tobak, der unter die Haut geht und sich ins Gedächtnis einbrennt. Einige Passagen haben mir Tränen in die Augen getrieben und Gänsehaut erzeugt.

John Boyne – Der Junge auf dem Berg

Nach dem Tod seiner Eltern kommt Pierrot zu seiner deutschen Tante, die als Haushälterin in Hitlers Sommerresidenz auf dem Berghof arbeitet. Dort wird er mit dem NS-Gedankengut konfrontiert und Stück für Stück indoktriniert. Als er einem Geheimnis seiner Tante auf die Spur kommt, trifft er eine Entscheidung, die fatale Folgen hat und mit deren Konsequenzen er leben muss. 

Nach „Der Junge im gestreiften Pyjama“ widmet sich Boyne erneut der Thematik des Zweiten Weltkriegs und stellt den Leser vor dir Frage: Wie hätte ich in dieser Situation wohl gehandelt?

Paolo Cognetti – Acht Berge

Eines der schönsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Die Freundschaftsgeschichte zwischen Pietro und Bruno; der eine kommt jeden Sommer in die Berge, verbringt dort ein paar Monate, bevor es ihn wieder in die Welt hinauszieht; der andere ist in den Bergen aufgewachsen und hat nie das Bedürfnis verspürt sie zu verlassen. So unterschiedlich sie sind, bleiben die beiden ein Leben lang befreundet. 

Eine Hommage an die Männerfreundschaft und an die Bergwelt mit ihrer faszinierenden Natur.

Johannes Finkbeiner – Monokultur. Alternative für Andi

Andi ist ein schlecht bezahlter Übersetzer, Junggeselle und politisch wenig interessiert. Als er für seine Nachbarin, die eine rechtspopulistische Partei gegründet hat, einen gut bezahlten Auftrag übernimmt, gerät sein Name in Verbindung mit der Partei. Dies kümmert ihn jedoch nicht weiter, schließlich winken weitere lukrative Aufträge und ein schneller Aufstieg auf der Karriereleiter, und so wird er seiner Apathie erst bewusst, als es bereits zu spät ist und eine Katastrophe passiert.

Thematisch ein wichtiges Buch in der heutigen Zeit.



Castle Freeman – Auf die sanfte Tour

Die amerikanische Provinz. Ein an einen Baum gefesselter nackter Russe. Ein Einbruch in die Villa eines russischen Millionärs. Ein gestohlener Safe. Ein Sheriff, der sich in Geduld übt und seine eigenen Ermittlungsmethoden hat. Ein hitzköpfiger Deputy, der die Vorgehensweise des Sheriffs in Frage stellt und beschließt bei der nächsten Wahl gegen ihn anzutreten. 

Mit subtilem Humor und treffend gezeichneten Charakteren ist Freeman ein Roman über einen coolen Kleinstadtsheriff gelungen.

Jennifer Haigh – Licht und Glut

In einer Kleinstadt in Pennsylvania werden Erdgasvorkommen vermutet und erste Frackingbohrungen durchgeführt. Aus der Sicht diverser davon betroffener Personen, von Biobauern über Bohrpersonal und Konzernmitarbeiter bis hin zu Umweltschützern und besorgten Nachbarn, erzählt Haigh, wie Geldgier, Hysterie, Aktivismus und Paranoia das Leben der Bewohner aus den Fugen bringt – und gibt dem Leser damit einen Einblick in die ländliche Situation in den USA.

William Joyce – Die Abenteuer des Ollie Glockenherz

In dieser Freundschafts- und Abenteuergeschichte geht es um Billy und sein liebstes Spielzeug, den Hasenbären Ollie Glockenherz. Als dieser von dem bösen Harlekin Zozo in die Unterwelt entführt wird, um dort in Vergessenheit zu geraten, bricht Billy auf, um seinen besten Freund zu retten.

Ein wunderschönes Kinderbuch, das neben der Geschichte vor allem auch durch die Zeichnungen besticht.

Einar Kárason – Die Sturlungen

Kárason erzählt den Aufstieg, die Zeit der blutigen Kämpfen, die Friedenszeit und den Niedergang des Familienclans der Sturlungen und setzt der isländischen Wikingerzeit damit ein Denkmal. Alle Islandbegeisterten sollten sich diese Lektüre nicht entgehen lassen. Zum ersten Mal sind alle vier Bücher der Saga in einem Band erhältlich, zwei der Bücher sind überhaupt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden.

Daniel Kehlmann – Du hättest gehen sollen

Eine dreiköpfige Familie mietet sich zur Winterzeit in ein einsam gelegenes Ferienhaus ein. Der Vater möchte dort in Ruhe an seinem zweiten Roman arbeiten, doch irgendetwas scheint mit dem Haus und dem im Tal gelegenen Dorf nicht zu stimmen. Der Vater nimmt seltsame Begebenheiten wahr und während die Mutter vorzeitig abreist, bleiben Vater und Kind zurück und die Ereignisse nehmen einen immer gefährlicheren Verlauf.

Auf knapp neunzig Seiten entwirft Kehlmann eine leichte Horrorvision, die mit der Wahrnehmung von Raum und Zeit spielt.

Hannah Kent – Wo drei Flüsse sich kreuzen

Irland Mitte des 19. Jahrhunderts. Nora kümmert sich mit Hilfe der jungen Magd Mary um ihren kranken Enkelsohn. Als sie erfährt, dass er einem alten Volksglauben nach vermutlich von einem Wechselbalg besessen ist, sucht sie die Kräuterfrau Nance auf, die diesen Wechselbalg austreiben soll. In ihren Bemühungen das Kind zu heilen, gehen die drei Frauen bis zum Äußersten.

Kents zweiter Roman beruht wieder auf wahren Begebenheiten. In einer absolut grandiosen Sprache geschrieben, überlässt Kent es dem Leser selbst, ob er die Frauen verurteilt oder Mitgefühl mit ihnen zeigt, und beweist damit ganz großes literarisches Können.

Rosemarie Marschner – Das Mädchen am Klavier

In dieser Romanbiografie schildert Marschner die Jugendjahre von Clara Wieck, uns allen wohl besser bekannt als Clara Schumann. Von den harten Erziehungsmethoden, mit denen ihr Vater sie schon in jüngsten Jahren zu einem Wunderkind trainiert, über ihre ersten Erfolge in Leipzig, Konzerte im Ausland, Begegnungen mit anderen Klaviervirtuosen ihrer Zeit bis hin zum Treffen mit Robert Schumann und ihrem endgültigen Aufstieg zu Deutschlands erfolgreichster Pianistin, entführt Marschner den Leser mit Clara auf ihre Reise von einem gehorsamen Kind zu einer selbstständigen Frau.

Jochen Missfeldt – Solsbüll

Angesiedelt im hohen Norden, in der Provinz Schleswig-Holsteins, erzählt Missfeldt die Geschichte von Gustav Hasse, der dritte seines Namens. Sein Großvater fiel im ersten Weltkrieg, sein Vater im zweiten Weltkrieg, er selber erlebt die letzten Jahre des Nationalsozialismus und wächst im Nachkriegsdeutschland in einem Hebammenhaushalt bei seiner Großmutter und bei seiner Ziehmutter auf. 

Mit lebensecht gezeichneten Charakteren und einer ausdrucksstarken Sprache erlebt der Leser deutsche Geschichte hautnah.

Edna O'Brien – Die kleinen roten Stühle

In einem Dorf in Irland taucht eines Tages ein Fremder auf, der vorgebliche Sexualtherapeut Vladimir. Schnell wickelt er mit seiner charismatischen Art die Bewohner um den Finger und nimmt sie für sich ein. Auch die kinderlose und unglücklich verheiratete Fidelma verfällt seinem Charme und beschließt, dass er der Vater ihres Kindes werden soll. Doch was keiner der Bewohner weiß – Vladimir ist ein gesuchter Kriegsverbrecher. Und Fidelma wird für ihre Affäre mit ihm bitter bezahlen müssen. 

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert und während der erste Teil sich in düsterer Stimmung dem Auftauchen Vladimirs bis hin zu seiner Enttarnung widmet und mit einer der brutalsten Passagen endet, die ich in diesem Jahr gelesen habe, beschäftigt sich der zweite Teil mit den Konsequenzen, die Fidelma erleidet. 

Emanuelle Pirotte – Heute leben wir

Der deutscher Soldat Matthias rettet ein jüdisches Mädchen vor der Erschießung und versteckt sich mit ihr auf einem belgischen Bauernhof. Als amerikanischer Soldat getarnt, will er dort mit ihr das bevorstehende Kriegsende abwarten und die Beziehung der beiden entwickelt sich nach und nach zu mehr als einer Zweckgemeinschaft. Doch die Situation spitzt sich zu, als weitere Soldaten der Alliierten auftauchen, das Misstrauen der Bauern wecken und Matthias' Identität aufzufliegen droht.



Brunhilde Pomsel / Thore Hansen – Ein deutsches Leben

Das Buch basiert auf dem gleichnamigen Dokumentarfilm, einem Interview mit Goebbels Sekretärin im Propagandaministerium, Brunhilde Pomsel. Sie berichtet von ihrer damaligen Situation, dem Geldmangel, der Freude über eine Arbeit, ihrer politischen Unwissenheit und ihrem Desinteresse an den Ereignissen. Es liest sich gleichzeitig faszinierend und schockierend. In einem Zusatzkapitel legt der Politikwissenschaftler Hansen dar, dass die heutigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zwar nicht eins zu eins übertragbar sind, aber die Voraussetzungen für diese geschichtliche Entwicklung wieder gegeben seien.

Jennifer Ryan – Der Frauenchor von Chilbury

1940 in Großbritannien. Da die Männer größtenteils zum Kriegsdienst angetreten sind, wird der Chor von Chilbury aufgelöst, denn ohne Männer gibt es auch keinen Chor. Das lassen eine Handvoll Frauen aber nicht auf sich sitzen und gründen einen reinen Frauenchor, beginnen fortan ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und schweißen sich zu einer Gemeinschaft zusammen.

Rein in Briefform und Tagebucheinträgen erzählt, sorgt Jennifer Ryan in ihrem Debüt mit viel Frauenpower für unterhaltsame Lesestunden.

Garth Stein – Im Licht des Augenblicks

Zusammen mit seinem Vater besucht der vierzehnjährige Trevor das große Familienanwesen im Nordwesten der USA. Einst ein imposanter, mehrstöckiger Herrschaftssitz, ist es mittlerweile heruntergekommen und nur noch von Trevors Tante und seinem Großvater bewohnt. Das Grundstück soll verkauft werden, doch der Großvater weigert sich. Während Trevors Vater und seine Tante den Großvater zu überreden versuchen, kommt Trevor nach und nach einem alten Familiengeheimnis auf die Spur.

Sehr atmosphärisch, mit ein bisschen Spuk und einem Hauch Mystik entwirft Stein die Geschichte von Trevors Vorfahren und zieht den Leser Seite um Seite tiefer in deren Bann. 

Anna Stothard – Museum der Erinnerung

Cathy kam in ihrer Jugend mit Daniel, dem älteren Bruder ihres besten Freundes zusammen. Als Daniel immer eifersüchtiger, besitzergreifender und brutaler wurde, floh Cathy von England nach Amerika. Sie fühlte sich eine Zeit lang sicher, doch als sie dort Post von Daniel erhielt, floh sie wieder.

Cathy ist heute dreißig und arbeitet in einem Museum in Berlin. Sie hat sich ein neues Leben aufgebaut und soll bei einer Gala des Museums für ihre Forschung einen Preis erhalten. Doch Cathy erhält an diesem Tag nach Jahren wieder Post von Daniel. Er ist in Berlin und taucht als Gast auf der Gala auf, um mit Cathy abzurechnen.

Absolut fesselnd jagt Stothard den Leser durch Cathys Vergangenheit und die beiden Protagonisten in einem Katz-und Maus-Spiel durch das Museum.

Martin Suter – Elefant

Der Obdachlose Schoch entdeckt in seinem Unterschlupf einen kleinen rosa leuchtenden Elefanten. Als dieser erkrankt, bringt er ihn zu der Tierärztin Valerie, der schnell bewusst wird, dass der Elefant das Ergebnis eines Experiments ist. Sie versteckt ihn und Schoch in dem leerstehenden Haus ihrer Eltern. Gleichzeitig tauchen in der Stadt unabhängig voneinander sowohl ein Inder als auch ein Chinese auf, die beide auf der Suche nach dem kleinen rosa Elefanten sind. Während Schoch und Valerie der Wahrheit um den Elefanten Stück für Stück näherkommen, geraten sie in immer größere Gefahr und tun alles, um den Elefanten zu beschützen.

Suter nimmt sich in diesem Buch dem Thema der Forschung an fluoreszierenden Tieren an und prangert deren Unsinnigkeit und Nutzlosigkeit an. Dennoch ist der kleine rosa Elefant einer der sympathischsten Protagonisten in diesem Jahr.

[trennlinie] 

GEWINNSPIEL 


So, liebe Leser, das waren meine Höhepunkte in diesem Lesejahr. Ich hoffe, dass das ein oder andere Buch vielleicht für Euch interessant ist und den Weg auf Eure Leseliste finden wird.


Ihr habt nun die Chance Euer Wunschbuch aus meinen TOP 20 zu gewinnen! Kommentiert einfach, welches Buch Euch besonders anspricht oder interessiert und wieso dem so ist, und Euer Name wandert in den Lostopf. 🎉

Wir werden unter allen Kommentaren via Random.org eine/n Gewinner/in ziehen, die/der dann das im Kommentar erwähnte Buch bekommen wird. Teilnehmen könnt ihr bis einschließlich Samstag, den 23.12.2017, das Gewinnspiel endet um 23.59. Ausgelost wird dann am 24.12.2017 - passend an Weihnachten!  Viel Glück Euch und vielen Dank fürs Lesen. 

Ich wünsche Euch allen eine schöne Adventszeit!

**********************

EDIT:  DAS GEWINNSPIEL IST BEENDET

Wir danken euch allen für die rege Teilnahme und wir haben nun mithilfe von Random.org ausgelost. 

Gewonnen hat ... MIA!


Herzlichen Glückwunsch! 

Schreibe uns bitte eine Mail mit deiner Adresse an buecherkaffee@yahoo.de und dein Wunschbuch wird dir dann direkt von der Buchhandlung Passepartout zugesendet. 






Teilnahmebedingungen: 

  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen; wir machen das, weil wir Spaß daran haben, nicht um jemanden zu verärgern oder um uns mit ihm zu streiten. Vor allem nicht vor Gericht.
  • Eine Person nimmt am Gewinnspiel teil, indem sie die innerhalb des Gewinnspiels genannten Bedingungen erfüllt. Der Teilnehmer ist für die Richtigkeit seiner Daten selbst verantwortlich
  • Jeder Kommentar nimmt automatisch an der Auslosung teil. Mehrfache Kommentare derselben Person werden als nur eine Teilnahme gezählt und erhöhen nicht die Gewinnchance.
  • Teilnahmeberechtigt an diesem Gewinnspiel sind ausschließlich Teilnehmer mit einem Mindestalter von 16 Jahren .
  • ausgelost wird via Random.org.
  • Gewinnen kann nur, wen wir nach der Aktion auch erreichen können. Die Gewinnerin / der Gewinner wird unter dem jeweiligen Gewinnspiel-Post bekannt gegeben. Wir schreiben nicht extra an. Bitte prüft selbstständig, wenn ihr am Gewinnspiel teilgenommen habt, ob ihr auch gewonnen habt.
  • Sendet uns im Falle des Gewinns eure Adresse vie PN oder eMail innerhalb von 7 Tagen an buecherkaffee@yahoo.de. Sollte nach 7 Tagen keine Adresse eingegangen sein, behalten wir uns das Recht vor, erneut auszulosen.
  • Keine Barauszahlung oder Kompensation möglich.
  • Der Anspruch auf den Gewinn oder Gewinnersatz kann nicht abgetreten werden
  • Der Gewinn wird nur innerhalb der EU versendet.
  • Der Gewinn wird von der Buchhandlung Passepartout / Bad Rappenau direkt versendet. Die Adresse wird der Buchhandlung rein für den Versand des Buches übermittelt, aber nicht gespeichert.
  • Wir behalten uns das Recht vor, das Gewinnspiel ganz oder zeitweise auszusetzen, wenn Schwierigkeiten auftreten, die die Integrität des Gewinnspiels gefährden.
  • Das BücherKaffee haftet nicht für technische oder sonstige Probleme, die außerhalb des Einflussbereichs stehen. Verlorene Post wird nicht ersetzt.
  • Durch die Teilnahme an der Aktion akzeptiert der Teilnehmer diese Teilnahmebedingungen.


[sebastian]

Rezension: Todesreigen | Andreas Gruber

Montag, 18. Dezember 2017 2 Kommentare



Nachdem eine Reihe von Kollegen auf brutale Art Selbstmord begangen haben, wird Sabine Nemez – Kommissarin und Ausbilderin beim BKA – misstrauisch. Vieles weist auf eine jahrzehntealte Verschwörung und deren von Rache getriebenes Opfer hin. Sabine bittet ihren ehemaligen Kollegen, den vom Dienst suspendierten Profiler Maarten S. Sneijder, um Hilfe. Doch der verweigert die Zusammenarbeit, mit der dringenden Warnung, die Finger von dem Fall zu lassen. Dann verschwindet Sabine spurlos, und Sneijder greift selbst ein. Womit er nicht nur einem hasserfüllten Mörder in die Quere kommt, sondern auch seinen einstigen Freunden und Kollegen, die alles tun würden, um die Sünden ihrer Vergangenheit endgültig auzulöschen ... [Text & Cover: © Goldmann Verlag]

ACHTUNG: DIESE REZENSION ENTHÄLT SPOILER

[trennlinie] 

Erinnern wir uns: Der Vorgängerband "Todesmärchen" endete mit einem nicht im Affekt durchgeführten Mord von Maarten S. Sneijder. Eine der drängendsten Motivationen, den neuen Roman von Andreas Gruber dem Buchhändler seines Vertrauens also geradezu aus den Händen zu reißen, ist also die Neugier um das weitere Schicksal des exzentrischen Profilers. Sollte dies nicht der Fall sein, wird dies womöglich daran liegen, daß die Figur dem Leser noch nicht bekannt ist - die Lektüre der ersten drei Bände ist also dringend zu empfehlen. 

In seinem Nachwort bezeichnet der Autor den vorliegenden Roman als "Auftakt einer neuen Trilogie". Unter diesem Gesichtspunkt ist er wohl auch zu verstehen, wenn er sich in einem entscheidenden Punkt von seinen drei Vorgängern abhebt. Um ein weiteres Mal das Gedächtnis der Leser von Andreas Gruber zu strapazieren, sowohl in "Todesfrist", als auch in "Todesurteil" und "Todesmärchen" stellte der jeweilige Serienmörder seine Taten unter ein verbindendes Motto, ein brachialpädagogisches Kinderbuch, Szenen aus einem italienischen Werk der Weltliteratur, eine Märchensammlung. In jedem dieser Romane sind die Ermittler mit einer Form diabolischer Kreativität konfrontiert, die dem Täter an Persönlichkeit verleihen, ihn berechenbar scheinen läßt. 

Auch in Grubers neuem Thriller liegt den gewaltsamen Todesfällen ein - zunächst klarerweise verborgenes - verbindendes Element zugrunde, gibt es einen Plan, der penibel abgearbeitet wird. An die Stelle der Kreativität tritt jedoch diesmal die Effizienz: Der Täter will nicht Gleiches mit (symbolisch) Gleichem vergelten, keine Geschichte erzählen, an der Leser und Ermittler teilnehmen, sondern schlicht und einfach erlittenes Unrecht vergelten. Der Roman bedient sich des dankbaren Themas der "Sünden der Vergangenheit", der Gegenspieler von Sabine Nemez und Maarten S. Sneijder wirkt auf den ersten Blick wie eine moderne Variante des Grafs von Monte Christo. Das Augenmerk des Täters liegt weniger auf der Inszenierung der einzelnen Morde und mehr auf dem Ergebnis. Als Konsequenz bieten sich für den Leser weniger Momente fasziniert-angewiderten Staunens wie etwa ein Mordopfer mit Litern von Schreibtinte im Körper oder eine Nachstellung des Märchens von der Prinzessin auf der Erbse. 

Andreas Gruber versteht es jedoch, seine Leser routiniert - ohne auch nur Spuren von Amtsmüdigkeit erkennen zu lassen - in einen bis zur letzten Seite anhaltenden Zustand des Tunnelblicks zu versetzen. Sein Markenzeichen ist dabei der immer weiter verfeinerte Instinkt für Informationsdosierung, also welcher Teil des Gesamtbildes zu welchem Zeitpunkt preisgegegeben wird, so daß dieses angespannt zu erahnen, niemals jedoch gänzlich zu erkennen ist. 

Ein weiterer Aspekt, der "Todesreigen" von seinen drei Vorgängern abhebt (und seine Rolle als erster Teil einer neuen Serie unterstreicht) ist die Hauptfigur Sabine Nemez, deren lange Lehrjahre unter der strengen Ägide von Maarten S. Sneijder nun abgeschlossen sind. Endgültig hat sie sich als seine Partnerin auf Augenhöhe etabliert, in Sneijders Worten: "Sie sind nicht mehr das kleine Eichkätzchen von früher. Sie sind eine Wildkatze geworden, die Krallen zeigt." (S. 265) 
Auch dem Leser gegenüber scheint der unnahbare Fallanalytiker immer weiter seine selbstgewählte Deckung zu verlassen, seine ursprünglich verletzenden Kanten sind abgeschliffen. Gleichzeitig bemühen sich die ihn flankierenden Figuren, weiter zu seiner Legendenbildung beizutragen, indem sie mit niederländischem Akzent seine Lehrsätze oder seine irritierende Angewohnheit, dem Gesprächspartner exakt drei Sätze zuzugestehen, parodieren. 

Wenn Maarten S. Sneijder auch zu einer sympathischen Karikatur seiner selbst überzeichnet wird, rechtzeitig zum Showdown verstummen die Witze auf seine Kosten wieder. Mit einem aufgelassenen, verfallenen Hallenbad wählt der Autor für die letzten Szenen einen Ort, an dem das ursprünglich laut hallende Vergnügen in schaurige Stille verkehrt wurde, an dem jeder Schatten schaudern läßt.

Persönliches Fazit 

Weniger originell als die übrigen Teile der Reihe, aber bewährt nervenzerreißend spannend mit konsequent weiterentwickelten Hauptfiguren, so verfliegen die Seiten im neuen Roman des österreichischen Autors. 

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Todesreigen | Andreas Gruber | Goldmann Verlag 
2017, Taschenbuch, Klappbroschur, 576 Seiten, ISBN: 978-3-442-48313-6

[wolfgang]

Rezension: Faber. Der Zerstörer | Tristan Garcia

Samstag, 16. Dezember 2017 1 Kommentar

Die Geschichte einer fatalen Freundschaft




Der junge Faber war cool, schlau, ein bisschen gefährlich und ziemlich unnahbar. Das Idol der ganzen Schule und ihre erste große Liebe. Doch als Madeleine ihn in seiner armseligen Hütte in den Pyrenäen wiederfindet, erkennt sie ihn kaum wieder. Er ist verwahrlost und offenbar verrückt. Etwas größenwahnsinnig war er schon als Jugendlicher, ein verführerischer Rebell, mitunter buchstäblich besessen. Mit Basile bildeten sie damals ein unzertrennliches Trio, träumten von Gerechtigkeit und Glück und kämpften einen gefährlichen Kampf. Das alles ist fünfzehn Jahre her. Madeleine nimmt Faber also mit zurück an den Ort ihrer Jugend, wo sie noch immer lebt, versucht gemeinsam mit Basile, ihn zu retten – doch in Wahrheit geht es um Rache. Bald schon um Leben und Tod. Was haben die drei einander angetan? [© Text und Cover: Wagenbach Verlag]
[trennlinie]

Einst war Faber ihr charismatischer Anführer, einer dem seine Freunde Madeleine und Basile voller Eifer folgten, ihn liebten. Am Anfang des Buchs sucht Madeleine ihn in den Bergen. Völlig verwahrlost haust er in einer halb zerfallenen Hütte. Was ist passiert, dass es so kam? Diese Frage zieht gleich meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Roman geht zurück in ihre Schulzeit, um die Antwort darauf zu ergründen.

Faber ist überdurchschnittlich intelligent und den anderen überlegen. Er freundet sich mit den Außenseitern Madeleine und Basile an, die ihm dankbar folgen. Es scheint so, dass er sie bewusst ausgewählt hat, um sie an sich zu binden. Er ist für die beiden ein Rettungsanker, der sie vor den täglichen Demütigungen bewahrt. Ein frühreifer Junge, der sogar die Lehrer manipulieren kann. 



Die drei verbringen ihre Schulzeit in den achtziger und neunziger Jahren in einer fiktiven mittelgroßen Stadt in Zentralfrankreich. Sie kämpfen wie ihre ganze Generation gegen die Bedeutungslosigkeit. Ihre Eltern sind als Vorbilder aus ihrer Sicht wenig brauchbar, so kleinbürgerlich und durchschnittlich wollen sie nicht enden. Alle erwarten von Faber, dass er ihnen eine Perspektive und einen größeren Sinn aufzeigt. Dass er algerischer Abstammung ist, scheint den Druck noch zu erhöhen. Integrieren sollen sich Leute seiner Herkunft möglichst konform, aber dazu gehören werden sie nicht.

„Wir sind völlig uninteressante Menschen. Mornay ist eine Stadt, die in der heutigen Welt überhaupt keine Rolle spielt. Frankreich ist ein Land, das nicht zählt. Wir werden nichts erreichen. Man wird uns schon vergessen haben, bevor wir unser Leben zu Ende gelebt haben." (S. 236)



Der Anfang des Buchs ist noch nicht das Ende: der heruntergekommene Faber kommt mit zurück nach Mornay. Die drei Freunde erzählen abwechselnd aus der Ich-Perspektive, wie es weiter geht. Das Beziehung der drei bildet den roten Faden durch den Roman und bringt tiefe Einblicke in ihre Psyche. Tristan Garcia beschreibt das sehr kraftvoll, er konfrontiert seine Figuren gnadenlos mit ihren Schwächen und Fehlern. Ein leicht fatalistischer Grundton lässt dabei nicht viel Raum für Hoffnung auf Besserung. 

Persönliches Fazit

„Faber. Der Zerstörer" ist ein starker, gut konstruierter Roman über eine Generation auf der Suche nach dem Sinn und einer Perspektive. Eine beeindruckende und sehr lesenswerte Geschichte einer fatalen Freundschaft. 

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Faber. Der Zerstörer | Tristan Garcia | Wagenbach Verlag
Aus dem Französischen von Birgit Leib
2017, gebunden, 432 Seiten, ISBN: 9783803132888

[marcus]

Rezension: Die Rache der Mercedes Lima | Arnoldo Gálvez Suárez

Dienstag, 12. Dezember 2017 1 Kommentar



Guatemala-Stadt, Ende der 1980er Jahre: Der Geschichtsprofessor Daniel Rodríguez Mena wird auf offener Straße erschossen. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne. Es herrscht Bürgerkrieg, täglich verschwinden oder sterben Menschen. Wie unzählige andere bleibt auch dieser Mord ungeklärt. Etwa 25 Jahre später bemerkt sein Sohn Alberto im Supermarkt eine Frau, die er sofort wiedererkennt: Mercedes Lima, eine ehemalige Studentin seines Vaters. Schlagartig kehrt die Erinnerung an dessen gewaltsamen Tod zurück und er beschließt, ihr zu folgen – ist sie doch die Einzige, die die Hintergründe kennen könnte. Nie hat Alberto erfahren, ob sein Vater von der Junta exekutiert oder Opfer eines Eifersuchtsdramas wurde, in das auch eine junge Frau mit „sehr langem, schwarzem und glänzendem Haar" verwickelt war. [© Text und Cover: Edition Büchergilde]

[trennlinie]

Eines der wichtigsten Dinge beim Lesen ist für mich die Möglichkeit, im Geiste in ferne Welten oder Länder zu reisen. Mit Arnoldo Gálvez Suárez' Roman geht es nach Guatemala, ein Land, von dem ich eigentlich kaum etwas weiß. Umso gespannter war ich darauf, etwas über die Verhältnisse dort und über die Mentalität der Menschen zu erfahren.

Der Ausgangspunkt des Buchs ist der Mord an Daniel. Was waren die Gründe für dieses eiskalte Verbrechen? Sein älterer Sohn Alberto war damals neun Jahre alt. Über die Tat hat seine Mutter nie mit ihm gesprochen. Das wird wohl einer der Gründe sein, wieso er damit nicht abgeschlossen hat. Als er dann viele Jahre später zufällig Mercedes wiedererkennt, hofft er, durch sie die Wahrheit zu erfahren.



Es sind zwei Handlungsstränge, die sich durch das Buch ziehen. Zum einen wird über Daniel erzählt, als er noch am Leben war. Zum anderen von Alberto heute, wie er die tatsächlichen Vorgänge von damals aufzudecken versucht. Dabei greift der Autor zu einem cleveren Trick: Daniels Kapitel werden in der dritten Person erzählt, während Alberto aus der Ich-Perspektive berichtet. Da weiß ich als Leser gleich, mit wem ich es gerade zu tun habe. Trotz der zeitlichen Differenz verbinden sich die Erzählstränge gekonnt miteinander.

Guatemala war in den Achtzigern offensichtlich ein recht instabiles Land. Das Militär, die Politiker, linke Revolutionäre und kriminelle Organisationen verfolgten ihre Interessen auch mit Gewalt. Eine oppositionäre Meinung war da schon lebensgefährlich. Über einen erschossenen Professor wunderte sich da niemand. Aber auch heute sind die sozialen Verhältnisse nicht die besten. Alberto ist bedrückt, wenn er auf die Armenviertel blickt oder bettelnde Kinder beobachtet.

„Kaputte Kinder, die zitternd auf den erstbesten Fahrer warten, der wegen Benzin oder Zigaretten oder einem Kaffee anhält, und von ihm ein paar Münzen erbetteln, für die ihnen eine andere schmutzige Hand mit langen Fingernägeln, von Messernarben und schwarzer Tinte gezeichnet, ein Tütchen mit ausreichend Klebstoff gibt, um den ganzen Tag ohne Hunger zu überstehen." (S. 34)



Wir Mitteleuropäer halten die Mittel- und Südamerikaner ja typischerweise für heißblütiger als unsere oft eher nüchterne, rationale Art. Das bestätigt sich in diesem Buch, wenn die Protagonisten ihr Handeln selbst nicht erklären können. Mal herrscht eine Atmosphäre von Angst, Scham und Trauer vor, oft werden sie aber von ihrer Leidenschaft geleitet. Getragen wird das von Arnoldo Gálvez Suárez' wunderbarem Schreibstil. Dass sein Roman mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde, wundert mich nicht. Die Balance von persönlicher Ebene, dem Einfluss der Umstände und der Schreibart ist außerordentlich gut gelungen.

Persönliches Fazit

Arnoldo Gálvez Suárez blickt tief in die Herzen und Seelen seiner Protagonisten. Die Verbindung ihrer Leidenschaften mit den Gegebenheiten und einem gut eingefädelten Plot hat mich sehr gefesselt. „Die Rache der Mercedes Lima" ist ein starkes Stück lateinamerikanischer Literatur.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Die Rache der Mercedes Lima | Arnoldo Gálvez Suárez | Edition Büchergilde
Aus dem guatemaltekischen Spanisch von Lutz Kliche
2017, gebunden, 336 Seiten, ISBN: 9783864060854

[marcus]

Jólabókaflóð – Der Katalog zur weihnachtlichen Bücherflut 2017

Montag, 11. Dezember 2017 1 Kommentar




Die wahrscheinlich schönste Weihnachtstradition der Welt, die isländische Bücherflut, kommt in diesem Jahr erstmals nach Deutschland - dank dem wunderbaren Torsten Woywod (Around the World in 100 Bookshops)!

In Anlehnung an den Bókatíðindi, der in Island zur Weihnachtszeit kostenlos an alle Haushalte des Landes verteilt wird und sämtliche Neuerscheinungen des Jahres verzeichnet, hat Torsten nun in Zusammenarbeit mit Sarah Abts (Kataloggestaltung) auch einen Bücherkatalog erstellt. – Großartig! 
Neben dem isländischen Botschafter, Martin Eyjólfsson, sowie der isländischen Bestsellerautorin Yrsa Sigurðardóttir, haben insgesamt 48 großartige Autorinnen und Autoren, VerlegerInnen und Verlagsmitarbeiter sowie zahlreiche – ebenso großartige – BuchhändlerInnen und BloggerInnen aus dem deutschsprachigen Raum persönliche Buchtipps ausgesprochen, die vielfältige Anregungen für das Schenken und Wünschen liefern. 

"DIE SCHÖNSTE ALLERWEIHNACHTSTRADITIONEN KOMMT ZWEIFELLOS AUS ISLAND, WO SEIT GUT 75 JAHREN (FAST) NUR ZWEI DINGE AM WEIHNACHTSABEND VERSCHENKT WERDEN: BÜCHER UND SCHOKOLADE , SO DASS DIE ERSTE WEIHNACHTSNACHT LESEND ZUGEBRACHT WIRD.“


Wir freuen uns sehr, dass - neben so wunderbaren Büchermenschen wie zum Beispiel Maria-Christina Piwowarski (Buchhändlerin bei ocelot, not just another bookstore Berlin), Karla Paul (Literaturlobbyistin), Mareike Fallwickl (Texterin und Autorin), Uwe Kalkowski (Literaturblog Kaffeehaussitzer), Wibke Ladwig (Social Web Ranger und Bloggerin @sinnundverstand), Florian Valerius (Buchhändler & Bookstagrammer @ literarischernerd), Malu Schrader (Bloggerin @Buchbuechse & Buchhändlerin) Sarah Reul (Bloggerin @Pinkfisch und Buchhändlerin) und viele, viele mehr - auch das BücherKaffee in dem großartigen Katalog vertreten ist. Alexandra empfiehlt Euch sehr ihre diesjährige Buchperle Die Farbe von Milch von Nell Leyshon! Ihr findet den Beitrag auf Seite 86.

[trennlinie]

Torsten hat nun einen großen Wunsch an Euch: 

Bitte teilt sowohl den Katalog als auch die zugehörige Facebook-Veranstaltung weiterhin fleißig, damit möglichst viele Bücherfreunde erreicht werden und von der Idee des Jólabókaflóð begeistern können.



Die Facebook-Veranstaltung:http://www.facebook.com/events/839119372935234

Natürlich gibt es auch etwas zu gewinnen: Unter allen, die bis 26.12.2017 in der Facebook-Veranstaltung unter dem Katalog-Beitrag ihren Buchfavoriten aus dem Katalog per Kommentar nennen, verlost Torsten 1x das entsprechende Buch! Und: Unter allen Teilnehmern der o.g. Veranstaltung verlost er zudem 1x ein persönliches Bücherabo für das Jahr 2018! Fantastisch, oder?





[alexandra]